Streifzüge im Schatten des Weisshorns

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Mit 2 Bildern ( 208, 209Rud. Baumgartner

( Ariesheim ) In den langen, nun endlich verflossenen Kriegsjahren hatte sich über unser Land und besonders über unsere Alpentäler ein Schleier gelegt. Die fehlenden Siegfriedkarten waren nicht zu ergänzen, und eine in unserem Bewusstsein sich allmählich verschärfende Ortskunde konnte das fehlende Hilfsmittel auch nicht ganz ersetzen. Um so freudiger wurde mit Kriegsschluss zu den neuen schönen Karten der Landestopographie gegriffen, auf denen man noch vor Ferien die ersten Schritte in unsere « Wildnis » unternehmen konnte und für die wir heute doppelt dankbar sind.

Ein zweites Mal wollte ich mit Frau und Kindern das Turtmanntal aufsuchen, diesmal nicht nur im Lichte unserer letztjährigen verschleierten Entdeckungsreisen, auf denen man in Hörweite des fernen Schlachtenlärms sich nie ganz von einem gewissen Bedrücktsein frei fühlte, sondern im Bewusstsein der tiefen Ruhe, die sich wieder über unsere Berge ausbreitet, und in der Klarheit, die eine neue Karte nun auch über die geringsten Wellen unseres Bodens gibt.

Allerdings, wir wussten es schon, und es drängte sich uns erneut in mancher Weise auf: das Turtmanntal kann nie ins Rampenlicht der öffentlichen Gunst rücken; es ist kein « Zentrum », es muss stets errungen, ent- deckt und in besonderer Weise geschätzt werden. Man kann nicht hinfahren; von der Station zum Hotel sind es gut vier, zur Klubhütte sieben Stunden für den Schritt, den Menschen wie wir aus den Niederungen haben. Das Turtmanntal ist gewissermassen ein « Grenzfall », schon im Baedeker muss man auf zwei Karten seine Teile zusammensuchen. Und als ich erwartungsvoll zur neuen Karte griff, sah ich, dass das Turtmanntal gevierteilt war! Von den vier Blättern erhielt man diesen Sommer vorläufig zwei. Natürlich muss die Landestopographie irgendwo die Aufnahme zerschneiden, aber dass es gerade das Turtmanntal trifft, scheint etwas mit Schicksal zu tun zu haben. Die geschlossene und abgerundete Vorstellung vom Bergtal, das für Ferien gewählt wird, nimmt hier nicht leicht Gestalt an. Die Namen seiner Berge sind oft Bezeichnungen, wie sie von den benachbarten, das ganze Jahr hindurch bewohnten Talschaften gebraucht werden, Ausdruck dessen, was die Nachbarn sehen, nicht was man im Turtmanntal sieht, dessen Alpen überhaupt nur im Sommer bewohnt sind. Die Alp mit Post und Kapelle, Meiden-Gruben, auf der das Hotel steht, erfreut sich nur deshalb einer gegenüber den anderen Alpen des Tales ein wenig gehobenen Stellung, weil es der Schnittpunkt der Meidenpass- und Augstbordpasswege ist, also Durchgangsort für Passanten, die eigentlich nicht ins Turtmanntal, sondern ins Eifisch- oder Mattertal wollen. Diese Alp liegt mit ihren 1817 Metern über Meer schon etwas hoch. Der Länge nach, sagen Touristen, sei das Turtmanntal ein « Sack » — für Alpinisten zwar nicht gerade eine brauchbare Definition. Sagt man seinen Bekannten, man gehe ins Turtmanntal, so erhält man etwa nach einigem Zögern die Antwort: « Ach ja, das ist dort hinter dem Weisshorn. » Es soll nun aber auch nicht verschwiegen werden, dass das Turtmanntal doch gelegentlich seine grossen Freunde hatte, denen es das Jahr hindurch, wie das Auffinden einer seltenen, schönen Alpenblume, im Gedächtnis haftete. Ich denke da in erster Linie an Dr. L. Meyer, der im Jahrbuch des S.A.C. 1923 seine kulturgeschichtliche Studie über das ganze Tal veröffentlicht hat. Dem unermüdlichen Sammler der Sagen und Märchen aus dem Oberwallis, J. Jegerlehner z.B., hat kein Walliser Tal eine so reiche und schöne Ernte beschert, wie das Turtmanntal; ein wohl nicht leicht zu befriedigender Kenner der Alpenflora wie der Genfer Correvon hat sich mit Recht über seinen Blumenhort gefreut, in dem sich beinahe die ganze von Schroeter zusammengestellte Alpenflora finden und sehen lässt, und auch den « Goldsuchern », die seinen kostbaren Kobalt auszuheben gedachten, mag das Turtmanntal einst ein leuchtender Stern gewesen sein.

Wie verhält es sich aber mit den Bergtouren? Darüber möchte ich hier besonders einige Mitteilungen machen, nachdem ich in zwei kurzen Sommerferien fast den ganzen Bergkranz vom Schwarzhorn bis zur Bella Tola besucht habe, mit wenigen Ausnahmen in Begleitung meiner Frau. Die Lücken, die infolge ungünstiger Wetterverhältnisse noch offen geblieben sind, befinden sich zwischen dem Col Visivi und dem Borterpass auf der Westseite und zwischen den Barrhörnern und Rothörnern auf der Ostseite des Tales. Wirklich wertvolle Wegangaben stammen von dem in Turtmann wohnenden Y«Bergführer Karl Jäger; ich erhielt die Auskunft über diese « Jäger-Routen » von ihm direkt oder unter Bezugnahme auf ihn. Diese Passagen sind nicht nur touristisch interessanter als die gewöhnlichen; man kann mit ihnen auch mehrere Wegstunden ersparen, und gelegentlich sind sie überdies gefahrloser. Da ich in meinen Plänen nur eine der drei « Jäger-Routen » zu benützen Anlass hatte, werde ich die anderen nur kurz erwähnen und verweise im übrigen die Interessenten auf Karl Jäger oder auf die jungen Bergführer Artur Lochmatter und Felix Fux aus St. Nikiaus, die sich neuerdings erfreulicherweise dem Turtmanntal zu widmen beginnen.

Ein Wort noch zur Literatur. Die Berge des Turtmanntales haben in dieser Hinsicht kaum eine « Geschichte ». Bei aller Dankbarkeit gegenüber den grossen Pionieren in den Alpen — man stösst auch hier auf einige bekannte Namen wie Almer, Benecke, Conway, Coolidge, Pollinger, Studer u.a. kann man sich heute an den Schilderungen, wie sie z.B. Gröbli im letzten Jahrhundert gemacht hat und in denen die Bewertung oder Überbewertung von « Erstbesteigungen » eine allzu grosse Rolle spielt, nicht mehr erwärmen. Näher fühle ich mich da innerlich jenen « eingeborenen » Mitbürgern, die den Lorbeer der « Erstbesteigung », gewiss oft mit Recht, am Grabe eines unbekannten Hirten und Jägers niederlegen, der einzig vergessen hatte, einen Steinmann aufzurichten. Damit sei das Verdienst der anderen, die uns über ihre Fahrt auch eine Nachricht hinterlassen haben, nicht geschmälert. Und hat man sich einmal von der « würzigen Kürze » und den gelegentlichen Lücken des gedruckten Klubführers überzeugt, so ist man endlich bereit, an Ort und Stelle sein eigenes Urteil und Können ins Spiel zu setzen. Einem geübten Auge drängen sich dann oft die am besten in Frage kommenden Anstiegsrouten von selbst auf.

Vom Col des Arpettes bis zur Bella Tola auf der westlichen und von den Rothörnern bis zum Schwarzhorn auf der östlichen Talseite ist Gruben selbst ein geeigneter Ausgangspunkt; für die anschliessende Gruppe der Barrhörner und die Gipfel des Turtmanngletschergebietes wird man vorteilhaft sein Nachtlager in der Turtmannhütte und in der Tracuithütte suchen.

Als eine der Orientierung dienende Halbtagstour planten wir die Überschreitung des östlichen Kammes Furggwanghorn-Weisse Egg-Steintalhorn ( S. A. Theodulpass ). Aufbruch um 6 Uhr nach der oberen Gigialp. Von dort direkt östlich zwischen den Flühen und Punkt 2803 ansteigend, gewannen wir Einblick in das im Klubführer erwähnte Rote Ritzentäli. Die mit Trümmermassen angefüllte Mulde schien uns aber keineswegs einladend; vielmehr zogen wir vor, an der steiler werdenden Flanke des WNW-Grates anzusteigen und durch ein Couloir den Grat zu erreichen, auf welchem man dann leicht zum Gipfel vordringen kann. Der Übergang über die Weisse Egg ist eine hübsche Höhenwanderung, die zu keinen « technischen Bemerkungen » Anlass gibt. Wenn man aber die Weisse-Egg-Lücke erreicht hat, stellt man sich in einiger Verwirrung die Frage, warum nun die anschliessende Geröllpyramide das « Steintalhorn » des S.A. sein soll, hat man doch den ganzen Steintalgrat vor sich und unterscheidet deutlich das den ganzen Grat und auch die Geröllpyramide ( 3113 m ) überragende östlich des Haupt- kammes gelegene, auf dem alten Siegfried-Atlas nicht kotierte Steintalhorn. Der Klubführer verweist auf die orographische Bedeutung dieses Punktes im Nord-Süd-Hauptkamm; dem Wanderer würde gewiss dazu eine blosse Ziffer besser dienen, da er offensichtlich stets davon das « eigentliche » Steintalhorn unterscheiden muss. Unter diesen Betrachtungen rückte die Mittagsstunde, auf welche wir wieder in Gruben sein wollten, näher, so dass wir auf das Steintalhorn verzichteten und direkt auf den Augstbordpassweg abstiegen.

Eine ähnliche Rekognoszierungsfahrt galt dem südlich der Jungpass-lücke verlaufenden Hauptkamm. Der beste Weg zum Oberstafel der Hungerlialp und zum Jungpass zweigt vom rechtsufrigen Talweg gerade bei den malerischen kleinen Seelein, die etwa eine halbe Stunde vom Hotel entfernt liegen, ab. Er verliert sich auf einer ungefähr in der Mitte zwischen Talboden und Baumgrenze liegenden Waldwiese; seine Fortsetzung findet man am oberen Rand dieser Lichtung bei den zwei Hütten. Als wir etwa noch eine Stunde von der Passhöhe entfernt waren, erblickten wir das sonst nach allen Seiten verborgene Rothorngletscherchen. Um wiederum die vor uns liegende Geröllmulde zum Jungpass zu vermeiden ( an Stelle eines im Klubführer als N-Grat des Rothorns genannten Schneerückens konnten wir nur einen sich steil erhebenden Schuttkamm sehen ), erstiegen wir das Gletscherchen und gelangten in den Sattel am Fusse des vom Rothorn sich herabziehenden Westgrates. Dieser erschien uns als die empfehlenswerteste Route, obwohl sie im Klubführer nicht genannt ist.

Eine dritte ähnliche Expedition war die Folge eines des gewitterhaften Wetters wegen erzwungenen Rückzuges vom Bruneggjoch zur Turtmannhütte. Da die Sonne nach unfreundlich pfeifenden Schnee- und Regenschauern alle zwei Stunden wieder für einige Zeit zum Vorschein kam, wollten wir unseren Abstieg ins Tal nicht fortsetzen, um so weniger, als wir uns sozusagen für die Enttäuschung, eine grössere Tour abbrechen zu müssen, durch ein phantastisches Schauspiel entschädigt fühlten. Denn in den frühen Morgenstunden war die grossartige Landschaft des Brunegggletschers, die man offen sehen konnte, in der gewitterhaften Beleuchtung lebendig geworden und die weissen Flächen des Bishorns oder die schwarzen Flanken der Diablons schienen unter den einmal da, einmal dort rasch dahinstreichenden grossen Lichtflächen sich zu bewegen. Wir stiegen also um 10 Uhr in das Tälchen zwischen Lange Egg und Barrhorn nahe den Barrwänden entlang zur Pipilücke hinüber, die wir um die Mittagszeit bei Nebel und Regen erreichten. Zur Hälfte ist auch dieses Tal der Langen Egg entlang mit Trümmern angefüllt. Jenseits gelangt man leicht über den Firn auf die obere Brändjialp hinunter. Wie bei den vorerwähnten Touren würde ich auch hier den Westgrat benützen, um auf den Hauptkamm und das Stellihorn zu kommen. Auf diesen Ausläufern nach Westen gestalten sich die Touren aus dem Turtmanntal auf die Gipfel des östlichen Hauptkammes zu interessanten, schönen Besteigungen, die vielleicht nur deshalb so selten versucht weiden, weil man nicht mit Unrecht davor zurückscheut, sich den Anstieg am Morgen durch stundenlange Geröllhänge versauern zu lassen.

Beim gegenüberliegenden westlichen Hauptkamm liegen die Trümmer-hindernisse weniger auf der Turtmanntalseite als auf der Eifischtalseite. Wir haben die Überschreitung des Hauptkammes vom Col des Arpettes zum Forclettepass, also von Süden nach Norden, durchgeführt, allerdings nicht ohne einige Überraschungen zu erleben. Nachdem wir das Wängerhorn verlassen und in die nächste nördliche Lücke abgestiegen waren, sahen wir uns vor einer langen Reihe von Gendarmen oder Punkten, die alle ungefähr die Höhe des Wängerhornes besitzen und von denen wir uns weder aus unserer alten Karte ( S. A. 1928 ), noch aus den Angaben des Klubführers ein auch nur annähernd zutreffendes Bild hätten machen können. Es sind das stark verwitterte, klotzige Türme, deren Grate von losen, spitzigen Felsblöcken versperrt werden. Wir begnügten uns damit, einen einzigen, etwas zahmer aussehenden zu überklettern. Dann nahmen wir unseren Weg über die Geröllhänge der Westflanke, um den Kamm erst wieder über die Lücke nordwestlich von Punkt 3101 zu betreten, über den man dann leicht über Frilihorn und Omen Roso zum Forclettapass gelangt. Wenn der Klubführer sagt, das Wängerhorn sei über den N-Grat vom Frilijoch in einer Viertelstunde zu erreichen, so schätze ich, dass man für diese, teilweise nicht ungefährliche Passage zwei Stunden rechnen müsste. Wahrscheinlich aber sollte es nach der im Klubführer verwendeten Benennung hier statt « Frilijoch » eher « Wängerjoch » heissen; doch sind diese Angaben verwirrend. Jedermann im Turtmanntal und die Führer, die oft nach Ayer und Zinal hinübergehen müssen, bezeichnen mit « Wängerjoch » den Col des Arpettes des Klubführers. Das ist sein gebräuchlicher deutscher Name, während das « Wängerjoch » des Klubführers, wie die verschiedenen anderen Lücken dieses Kammes bis zum Frilijoch, gar keine Namen haben, da sie praktisch als Übergang nie benutzt werden. Wir begannen allmählich zu verstehen, was die Turtmanntaler meinen, wenn sie im Gespräch gelegentlich lächelnd erklären, dass ihnen viele der Namen, die die willkommenen bergsteigenden Gäste sozusagen fixfertig im Rucksack mit sich bringen, völlig unbekannt seien! Eine letzte Überraschung dieser Tour, diesmal eine angenehme, sei noch erwähnt. Gelangt man schliesslich aus dieser Steinwüste auf den letzten Buckel, den der Führer « Omen Roso » nennt ( der Name soll vom in der Tiefe gegenüberliegenden Grimentz stammen, wo die Sonne zuerst über diesem Berg erscheint ), so findet man sich unversehens mitten unter zahlreichen, im Juli in den schönsten Farben prangenden Mannsschild- und Himmelsherold-polstern. Auch der Weg über die Alp Kaltenberg und die obere Blumatt nach Gruben führt wohl durch das schönste und mannigfaltigste Blumen-revier des ganzen Tales.

In solcher Weise sind wir mit der seitlichen Begrenzung des Turtmanntales vertrauter geworden. Dann aber lockte einmal unwiderstehlich das grosse Gletschergebiet des Turtmanngletschers, aus welchem im Osten die elegante, lichte Pyramide des Brunegghorns, im Westen die etwas düstern Diablons und aus der Mitte der wuchtige Rücken des Bishorns aufragen; als Horn präsentiert sich das Bishorn nicht von der Turtmanntalseite, sondern von St. Niklaus aus. Unsere erste Besteigung des Bishorns erfolgte auf der gewöhnlichen Route bei so strahlendem Wetter, dass selbst der Hüttenwart Vianin auf der Tracuithütte sich nicht an zwei so vollkommen schöne Tage erinnern konnte. Für den Aufstieg zur Tracuithütte benützten wir nun eine der zwei Routen, die uns durch Karl Jäger bekannt geworden sind und die sich nicht nur als die interessanteste, sondern im Sommer 1944 auch als die sicherste und kürzeste erwies. Da damals der Brunegggletscher bis über 3000 m aper war, bedeutete Route 401 des Klubführers, die wir für die Rückkehr benützten, einen um zwei Stunden längeren Umweg. Für die « Route Jäger » ersteigt man durch das bekannte Couloir P. 2641 und erreicht von dort über die Moräne eine ziemlich flache Welle des Brunegggletschers ( auf der neuen Karte heisst er ebenfalls « Turtmanngletscher » ), auf welcher man zum Felskopf zwischen den beiden Gletscherströmen hinübertraversiert. Durch eine Rinne zwischen dem Gletscher und den Felsen gelangt man zur Höhe eines von weitem sichtbaren, den braunen Felskopf durchziehenden weissen Felsbandes, wo ein Weglein auf denselben hinaufführt. So gelangt man zum Gletscherplateau 2786. Von hier stiegen wir anfänglich durch die Mulde in der linksseitigen Hälfte des oberen Abbruches des Turtmanngletschers, traversierten dann durch die offenen Randklüfte zu den Hängen der Diablons und hackten uns über das mit einer dünnen, nassen Schneeschicht bedeckte Eis zum Firnsattel des Tracuit-Passes. Im Jahre 1945 war dieser Zugang wesentlich leichter; man kann vom Gletscherplateau 2786 bis zum Firnschneesattel auch das steinige linke Ufer benützen, wo wir bei unserem Abstieg eigentliche Wegspuren vorfanden. Eine zweite von Karl Jäger benützte Route, die aber exakte Ortskenntnisse voraussetzt, führt gänzlich auf der westlichen Talseite zu den Terrassen, die vom Nordostgrat der Diablons auf P. 2501 hinabfallen, und ist teilweise mit Route Nr. 402 des Klubführers identisch. Die dritte « Jäger-Route » betrifft den direkten Aufstieg von der Turtmannhütte zum Bishorn über die Felsen ( von Jäger « über den Mergasch » bezeichnet ) südöstlich von P. 3596, welcher Durchstieg im Klubführer flüchtig unter dem Notabene zu Nr. 371 erwähnt ist. Wer dieses Gebiet besucht, wird dem Bergführer Karl Jäger für seine mit sicherem Auge erkannten natürlichen Routen stets dankbar sein.

Wohl das Beste, was das Turtmanntal seinen Bergsteigergästen bieten kann, ist die Traverse vom Bruneggjoch zum Wängerjoch über Brunegghorn, Bishorn und Diablons, die man bei gutem Wetter und günstigen Verhältnissen auch an einem Tag ausführen kann. Wir haben aber nicht bedauert, zwei Tage auf diesem « Höhenweg » verweilt zu haben. Die Tour kam erst zustande, nachdem ich vorher mehrfach mit meiner Frau von ihrer Ausführung durch änderndes Wetter, in welchem sonst erlaubte Pläne rasch zu erheblichen Gefahren sich umwandeln, zurückgewiesen wurde. Als sie gelang, war ich als erste « Herrschaft » in Begleitung des jungen Führers Felix Fux aus St. Nikiaus.

Noch vor der Dämmerung verliessen wir am 3. August die Turtmannhütte. Wir betraten den harten Firn des Brunegggletschers ( neu « Turtmanngletscher » ) auf 3000 m und wanderten in gerader Linie zum Bruneggjoch hinauf, während das erwärmende Licht eines strahlenden Tages langsam die Gipfel zu überfluten begann. Erst auf dem Joch, in welchem uns ein rascher Wind ins Gesicht blies, traten wir selbst ins Sonnenlicht. Hier gleitet der Blick über die weissen Wellen des Abberggletschers, den mein Kamerad « Brunegggletscher » nennt, in die Tiefe des freundlichen Mattertales, während in entgegengesetzter Richtung in einladender Nähe die Nordost- und Südostgrate zum Bishorn und Nord- und Ostgrat zumWeisshorn sich aufschwingen. Stets ist es mir etwas rätselhaft geblieben, wie selten uns in der Morgenfrühe die schroffsten Abbruche und glattesten Wände ein Bangen oder Grauen einflössen können.

Nach einer halbstündigen Rast in den grossen, abwärts geschichteten, im unteren Teil aber nicht zu steilen Platten des vor uns liegenden Grates seilten wir uns an und gelangten in einer knappen Stunde über den Grat und das darüber gelagerte « Dach » zum Gipfel des Brunegghorns. Einzig zwei kurze, etwa 7 bis 10 m hohe Stellen, die in der steileren oberen Hälfte einmal über einen hartkörnigen Schneefirst, das andere Mal exponiert über die Gratkante gingen, zwangen uns abwechselnd, anstatt wie sonst gleichzeitig zu klettern. Eindrucksvoll ist vom Gipfel des Brunegghorns die blendende Nordostflanke des Weisshorns, hinter dessen Ostgrat nun endlich einmal die Spitze des Matterhornes sichtbar wurde, sowie im Osten die wunderbar ausgeglichene Nadelhorn-Lenzspitz-Dom-Täschhorn-Alphubel-Kette. Auch im Bisjoch steht man im Banne dieses südöstlichen Ausblickes.

Die Ersteigung des Bishorns auf der Route Burnaby des Klubführers erschien mir unter den gegebenen Verhältnissen als schönstes Stück der ganzen, an erfreulichen Eindrücken nicht armen Traverse, während Freund Felix der Strecke Tracuitpass-Diablons-Mittelstück den Vorzug gab. Der Fels auf dem allerdings etwas umblasenen Nordostgrat des Bishorns war durchgehend trocken, und der Schneefirst, an dem sich nur unbedeutende Wächten befanden, war in so ausgezeichnetem Zustand, dass Felix Fux für uns beide ohne besondere Mühe eine gute Stufe treten konnte, und nur in den steilsten, in den Fels übergehenden Zungen war der Pickel zu Hilfe zu nehmen. Beinahe eine Stunde versäumten wir im Grat, da Felix Fux meinem vom Wind entführten « unersetzlichen » weissen englischen Hut in der Flanke bis fast zum Bergschrund leider vergeblich nachforschte. Besseres Glück hatte ich auf dem Bishorn in dieser Beziehung im vorhergehenden Jahr, als ich einem Gast der Tracuithütte, der seinen Verlust einer kostbaren Bussole irgendwo auf dem weiten Rücken des Bishorns beklagte, das Gewünschte fand und zusandte, allerdings ohne je eine Empfangsbestätigung zu erhalten.

Als wir am frühen Nachmittag auf die Tracuithütte kamen, veranstalteten wir auf der herrlichen Terrasse dieses ungewöhnlich gelegenen Hauses eine « Tea-Party » ( das Mittagessen hatten wir auf dem Gipfel eingenommen ), der schliesslich unser ganzer Biskuitvorrat zum Opfer fiel. Bevor wir ins Dämmerlicht der Hüttenstube traten, wo Vianin unsere Spaghetti à la Tracuit zubereitete, rekognoszierten wir noch den Einstieg zu der uns beiden gleich neuen Diablonstraverse.

Wenn man seinen Aufbruch in der Tracuithütte auf 4% Uhr oder vielleicht 4 Uhr ansetzt, kann man ohne besondere Hast bei gutem Wetter zum Mittagessen im Hotel in Gruben sein. Zu dieser Tour seien in Ergänzung beziehungsweise Abänderung des gedruckten Führers noch drei Bemerkungen gemacht. Der Südgrat der Diablons bis zur Mitte des Berges ist eine sehr hübsche Kletterei über feste Blöcke, sofern man sich hart auf der Kante hält. In der Mitte des Berges befinden sich dann drei Gendarmen, die immerhin der Erwähnung bedürfen, auch wenn sie nötigenfalls in der Ostflanke umgangen werden können. Ihre Überkletterung ist wohl in der von uns gewählten Süd-Nord-Traverse etwas schwieriger als in der umgekehrten Richtung; der Unterschied ist aber nicht gross. Die nördliche Partie geht durch rutschigeres und viel verwitterteres Gelände und muss vorsichtig durchstiegen werden. Um ins Wängerjoch zu gelangen, sind wir vom Nordgipfel über die lockeren und zum Teil ziemlich steilen Felsen des Grates bis auf etwa 3200 m abgestiegen, von wo wir, nachdem wir an einem steileren Firnhang bereits vorbeigegangen waren, durch eine nach Osten abwärtsführende Schneemulde auf eine massig geneigte, mit Blöcken übersäte Rippe gelangten. Auf der Höhe des unteren Randes des kleinen Hängegletschers, der vom Wängerjoch aus gesehen den direkten Aufstieg zu versperren scheint, traversiert man dann, also von Südosten her, zum Wängerjoch hinüber. Die Strecke vom Wängerjoch nach links bis zu der erwähnten Rippe ist dem Steinschlag etwas ausgesetzt. Einem aufmerksamen und hier eiligeren Touristen ist immerhin die Möglichkeit überall gegeben, den Geschossen, die eher vereinzelt als in Massen kamen, rasch auszuweichen. Beim Eisbuckel bleibt man deshalb auch hoch an dessen unterer Grenze. Ohne Kenntnis des im Klubführer empfohlenen Nordgratstückes oberhalb der Alpe de Lirec bis auf die Höhe des dort erwähnten Schneedomes ziehe ich die Süd-Nord-Traversierung der umgekehrten Richtung deshalb vor, weil man im Aufstieg den schönen Südgrat hat und so mit voller Kraftreserve den etwas ermüdenden und vielleicht auch aufreizenden nördlichen Teil des Berges im Abstieg überwindet. Aus der alten Siegfriedkarte kann man sich besonders über die nördliche Hälfte kein rechtes Bild machen. Im Turtmanntal gilt auch der Nordgipfel als der höhere; der Unterschied erscheint an Ort und Stelle unbedeutend. Um die von uns gewählte Route im umgekehrten Sinne auszuführen, wird man, im Gegensatz zu den Angaben des Klubführers, vom Wängerjoch aus nach links, südöstlich, anstatt nach rechts, westlich, traversieren. Der Hängegletscher kann mit Steigeisen auch direkt bewältigt werden.

Von der Mitte der Diablons aus präsentieren sich besonders die « Zermatter Riesen » in selten schöner Gruppierung. Auch der Ausblick zum Mont Blanc und zu den Berner Alpen ist der zentralen Lage des Berges wegen frei und weit. Dieser etwas zweideutige und heimtückische Berg, dessen elegante und schöne Seite dem Besucher des Turtmanntales auf seinem Weg zwischen Arven und Lärchen der Turtmänne entlang immer wieder vor Augen tritt, wird im Turtmanntal stets eine besondere Anziehungskraft ausüben.

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