Tour Sallière-Ostgrat, Aiguille Devant-NO-Grat

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Mit zwei Bildern ( 164, 165Von Franz Altherr

( Obfelden ZH ) Nun scheint es endlich doch Sommer werden zu wollen. Robert Coquoz und ich wandern von Salvan im wilden Trienttal oberhalb Martigny nach Salanfe hinauf. Es riecht nach Harz und Ferien! Gegen Abend kommen wir im kleinen, gemütlichen Gasthaus am Salanfe-stausee an. Auch heute ist es wieder nicht ohne ein kleines Nachmittagsgewitter abgegangen. Die letzten abziehenden Wolken geben uns vor Einbruch der Nacht noch den Blick auf den Ostgrat der Tour Sallière frei: langgestreckt und kühn schwingt er sich vom Col d' Emaney in drei mächtigen Aufschwüngen zum Gipfel des ersten Gratabschnittes auf. Dann sinkt er etwas ab und erreicht in einem letzten Sprung den Gipfel der Tour Sallière ( 3218 m ). Gut 750 m Höhenunterschied vom Col zum Gipfel.

Ein wolkenloser Morgen! Um 04.40 Uhr brechen wir auf. Über die Krone der Staumauer und über gefrorene Schneefelder erreichen wir in anderthalb Stunden den Col d' Emaney. Die Spitzen der Dent du Midi beginnen zu glühen, sie spiegeln sich im rahigen, grünen See. Kein Mensch, kein Laut weit und breit. Nur ein erschrecktes Schneehuhn flattert davon. Wir sind am Fuss des Grates und sehen den ersten Aufschwung vor uns. Gewaltig und abweisend sieht er aus, aber ich weiss, dass er grimmiger scheint, als er ist. Wir packen ihn an und sind wirklich bald oben. Es ist nicht besonders schwierig. Aufpassen muss man allerdings wegen des lockeren Gesteins. Wenn man sich hinaufziehen will, kommen einem die Blöcke wie Schubladen entgegen. Man darf sich eigentlich nur sachte hinaufstützen und muss dabei die Griffe in die Wand hineindrücken, dann geht es gut. Herrlich der Blick ins Tal hinab und ins Land hinaus! Zu unsern Fussen liegt der kleine Stausee, klargrün wie ein Smaragd. Alle die Grate und Spitzen um Saas und Zermatt grüssen zu uns herüber.Weniger gut gefallen uns die Hakenzirren, die plötzlich und mit unheimlicher Geschwindigkeit von Westen her über den blauen Himmel ziehen. Und noch weniger gefällt uns der eiskalte, böige Wind. Vater Lugon, der Patron des wohnlichen Gasthäuschens von Emosson, sagte uns am selben Abend: « Si le matin le vent ferme les volets à Emosson, on est sûr que le soir on aura la flotte. » Er sollte Recht behaltenVorläufig klettern wir noch in der Sonne weiter. Das Gratstück zwischen dem ersten und zweiten Aufschwung ist leicht. Auch das zweite Hindernis ist nicht sonderlich bösartig. Der Grat bis zum Fuss des dritten Aufschwunges ist verwächtet infolge der ungeheuren, geradezu vorfrühlingshaften Schneemenge, die jetzt, im Juli, überall noch liegt. Fast könnte man meinen, über 4000 m zu sein.Nun sehen wir das dritte Hindernis; es ist das schwierigste. Ein riesiger Kamin von etwa 60 m Höhe zerreisst die vordere Kante des Aufschwunges. Er soll schwer zu überwinden sein, hauptsächlich auch darum, weil der Ausgang zum Grat durch einen Überhang blockiert ist. Wir weichen etwas in die Südflanke der Mauer aus. Das quergeschichtete, würflige Gestein erinnert in seinem Aufbau an einen antiken Festungswall. Durch einen kleineren, nicht einfachen Kamin erreichen wir nach einigen Manövern die Gratkante und bald darauf den Gipfel des ersten Gratabschnittes. Wir steigen in eine kleine Depression ab, wo die normale Aufstiegsroute von Barberine her den Grat erreicht. Es wird immer dunkler. Die Grattürme hinter uns sehen in den Nebelschwaden unheimlich gespensterhaft aus. Wie Ruinen irgendeines mittelalterlichen Schlosses. Nach einem kurzen Halt klettern wir schnell den letzten, leichten Gratabschnitt zum Hauptgipfel hinauf. Es ist 12 Uhr mittags, dunkel und kalt.

Schon fallen die ersten Flocken. Gerne treten wir den Rückzug an. Über weite Lawinen-schneefelder rutschen wir in Richtung Barberine in nebliges, weisses Nichts hinab. Es regnet, wie wir beim Stausee sind. Eisblöcke schwimmen herum wie in einem norwegischen Fjord. Schweigsam und immer nasser werdend wandern wir durch den Regen über grüne Wiesen nach Emosson. Robert ist ein wenig traurig. Ich glaube, er denkt an unser Programm für morgen und möchte mir doch seine Heimat im schönsten Sonnenschein und nicht in diesem trostlosen Regengrau zeigen. Mir macht es nichts. Ich kann noch nicht an morgen denken, denn die grünen Wiesen, die Soldanellen und die vielen kleinen Frühlingsblumen leuchten mit unerhörter Kraft in der grauen Umgebung. Vor wenigen Stunden noch haben wir von einem stolzen Höhenweg in die helle, weite Welt hinausgeblickt, und nun ist dafür gesorgt, dass wir auch an der bescheidenen, stillen Lieblichkeit zu unseren Füssen nicht achtlos vorbeigehen.

Herrlich haben wir geschlafen bei der gastfreundlichen Familie Lugon in Emosson. Robert macht die Läden auf: Unglaublich! Kein Wölklein weit und breit! Vom Bett aus sehe ich gerade vor mir die Aiguille Devant ( oft auch Aig. du Ven geschrieben ) mit der dunklen, abweisend steilen NW-Wand und mit dem grossartigen NO-Grat, der vom Tal aus in einem einzigen, eleganten Schwung zum Gipfel aufsteigt. Er ist heute unser Ziel. In einer guten Stunde sind wir am Fuss des Grates. Anfänglich ist es eher ein Aufstieg in einer Wand. Wir sind im Schatten. Noch ist der Fels kalt, nass, stellenweise sogar mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Die Kletterei ist mühsam und eher unsympathisch. Wir weichen etwas nach links aus, um möglichst bald in die Sonne und auf trockenen Fels zu kommen. Die kleinen Ritzen und Platten hier im Schatten sind mit schleimigen Lichen ( Flechten ) garniert und damit für unsere Vibram nicht gerade das ideale Terrain. Über eine recht exponierte Verschneidung gelangen wir schliesslich zur Schlüsselstelle, von welcher aus die eigentliche Gratkante über einen Überhang erreicht wird. O diese Überhänge! Hier merke ich immer wieder schmerzlich, dass ich zu wenig Kraft in meinen Armen habe. Ich solle einmal jeden Tag am Reck zwanzig Klimmzüge machen, so lautet von oben herab Roberts weiser Rat. Ich verwünsche ihn samt Überhang in Grund und Boden. Irgendwie geht es dann schliesslich doch. Es bleibt eben einfach nichts anderes übrig als hinaufzukommen. Der Fels ist, im Gegensatz zum Grat der Tour Sallière sehr gut. Solider Granit. Alles hält. Keine Schubladen mehr. Es ist eine Freude! Nun sind wir in der Sonne. Auf einem wieder leichteren Gratstück haben wir Gelegenheit, in aller Ruhe uns umzuschauen: zum Greifen nahe, in unglaublicher Klarheit, liegt die Götterburg des Mont Blanc mit ihren Wächtern, den Aiguilles de Chamonix vor uns. Aus dem W-Grat der majestätischen Aiguille Verte schiessen wie versteinerte Flammen die beiden Dru heraus. Wahrhaftig, der Blick in ein gelobtes Land! Es ist irgendwie unwirklich, traumhaft, besonders dann, wenn im Abstieg alles langsam wieder versinkt. Wir klettern weiter. Von der Gratkante aus werfen wir einen Blick in die 300 m hohe, schauerlich-düstere NW-Wand, die von Blanchet mit seinem Führer Kaspar Moser erstmals erstiegen wurde. Nach Überwindung des letzten Hindernisses, eines einige Meter hohen, mauerartigen, glatten Gratstückes, erreichen wir über leichte Stufen den Gipfel. Robert setzt sich entsprechend meinen Anweisungen geduldig bald auf diesen, bald auf jenen Block. Schuld an seinen Mühsalen ist sein rot kariertes Hemd, welches ich als Vordergrund für meine Aufnahmen dringend brauche.... Lange bleiben wir oben. Wir haben ja nichts mehr vor heute als den leichten Abstieg über die Normalroute und durch Wälder und sommerliche Wiesen, eine friedliche Wanderung ins Tal.

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