Tschingelspitze und Tschingelgrat

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Vom Gspaltenhorn weg zieht sich in schwach nordöstlicher Richtung, als Fortsetzung und Endstück der mächtigen, vorgeschobenen Kette Dol-denhorn-Gspaltenhorn, ein felsiger, hoher Gebirgsgrat gegen das Lauterbrunnenthal hinab, dessen höchste Gipfel Tschingel'spitze ( 3318 m ) und Tschingelgrat ( 3140 mauf der Nordseite einen steilen und trotzdem verhältnismäßig bedeutenden, weit ins Land hinaus leuchtenden Gletscher tragen. Der Grat senkt sich hierauf rasch auf das unbenannte und unzugängliche Felsenhorn ( 2826 m ) und über den Ellstab zum 2214 m hohen Spitzhorn hinab, um weiter unten, bei Stechelberg, im Thalgrund von Lauterbrunnen, zu verlaufen. Das oberste Gratstück, Tschingelspitze-Tschingelgrat ( laut G. Stnder früher Lauterbrunnen-Eiger genannt ), fällt südwärts in äußerst steilen, 300 — 500 m hohen Felswänden gegen den Tschingelgletscher und die obersten Weiden der oberen Steinbergalp ab — nordwärts ist der Absturz ein noch viel gewaltigerer, wenn die durchschnittliche Neigung auch vielleicht eine etwas geringere ist; denn wer auf einem jener zwei Gipfel steht, schaut ohne Vermittlung in eine Tiefe von 900—1100 m an den Fuß der Wände und in das vielleicht noch 600 m tiefer liegende Sefinenthal hinunter.

Über die Ersteigungsgeschichte der verschiedenen Gipfel dieses Gebiets kennt man folgendes: Das Spitzhorn 2214 m, ein im Panorama von Mürren eine charakteristische Stelle einnehmender, schwarzer Felsenzahn, wird außer etwa von Hirten der umliegenden Bussen- und Stein -bergalpen kaum je besucht, denn es ist wenig bekannt und wird wenig beachtet.

Und doch giebt es kaum einen Punkt, von dem man den klassisch schönen Hintergrund des Lauterbrunnenthaies mit seiner herrlichen Gletscher-scenerie besser überblicken könnte. Möge kein irgendwie geübter Berggänger, der sich im kleinen Hotel der oberen Steinbergalp aufhält und einige Stunden ( etwa 3, hin und zurück ) entbehren kann, sich die kleine Mühe verdrießen lassen, diesen Gipfel, der nur in seinem letzten Teil einige Schwierigkeit bietet, zu besuchenDer nächste, noch ungetaufte Gipfel 2826 m * ), ein kahles, in senkrechten Wänden abfallendes Felsengerüst von abschreckender Wildheit, ist nie bestiegen oder versucht worden, während von den davor liegenden originellen und schwer zugänglichen Berggestalten des Ghudelhorns 2427 m, Schafhorns und Ebenhorns ( die letzteren zwei sind auf der Karte nicht benannt ) die ersteren zwei im Jahre 1889 von Herrn Adolph Beck zum erstenmal erklommen wurden. Es folgen nun der Tschingelgrat 3140 m und die Tschingelspitze 3318 m, von denen ersterer anno 1888 vom Referenten und dessen Bruder Charles, letzterer anno 1868 von Chr. und Peter Michel, den Führern des Herrn Ed. von Fellenberg, zum erstenmal bestiegen wurde. Es herrscht bezüglich dieser beiden Gipfel in der einschlägigen Litteratur einige Konfusion, die ich richtig stellen möchte. In früherer Zeit wurde der ganze Grat vom Gspaltenhorn weg Tschingelgrat genannt und erst mit dem Erscheinen des topogr. Atlas dieser Name auf den östlichen Teil desselben und dessen höchste Erhebung 3140 m beschränkt, währenddem der westliche, dem Gspaltenhorn beinahe ebenbürtige, schöne Gipfel 3318 m den Namen Tschingelspitze erhielt. Die in diesem engern Gebiete unternommenen Expeditionen sind folgende:

1. Anno 1868: Herr Edmund von Fellenberg mit den Führern Chr. und Peter Michel ( nicht Chr. Michel und P. Bernet, wie G. Studer in „ Über Eis und Schnee " I, p. 258 angiebt ): Versuch der Erklimmung des Gspaltenhorns vom Tschingelgletscher aus, wobei die beiden Führer durch ein steiles Couloir emporstiegen und auf einen dem Gspaltenhorn zunächst liegenden Gipfel gelangten. Sie errichteten einen Steinmann und brachten die Überzeugung zurück, daß das Gspaltenhorn von dieser Seite nicht zu ersteigen sei.

Es war dies die erste Ersteigung der Tschingelspitze 3318 m.

2. 14. Juli 1886: Herren R. Hurst, C. und P. Montandon: Versuch der Ersteigung ebengenannter Spitze, unternommen im Glauben, sie sei noch unbetreten. Das erwähnte Couloir, welches vom Tschingelfirn gegen die tiefste Einsattlung zwischen Gspaltenhorn und Tschingelspitze führt, mußte nach kurzer Zeit wegen Steinfall verlassen werden und die Felsen waren in den unteren Partieen nicht praktikabel. Infolgedessen stand die Gesellschaft in halber Höhe der Wand von ihrem Vorhaben ab.

3. Erste Ersteigung des Tschingelgrates 3140 m am 15. Juli 1888 durch die Letztgenannten ( ohne Herrn Hurst und ohne Führer ), vide Jahrbuch des S.A.C., Band XXIV, p. 81 ff. Von der Spitze aus, auf der sich kein Zeichen einer früheren Besteigung vorfand, ist nur ein Teil des Gspaltenhorns sichtbar. Es lässt sich auf dem Tschingelgat kein Urteil bilden, ob das Gspaltenhorn über den Ostgrat ersteigbar sei und die Führer des Herrn v. Fellenberg können daher nicht auf dieser Spitze gewesen sein.

4. 8. August 1892. II. Besteigung .der Tschingelspitze 3318 m durch Herrn A. Gaßmann, Cand. med. mit Führer H. von Allmen. Auch bei dieser Besteigung wurde das erwähnte Couloir, diesmal bis fast zum Grat, benutzt; oben wurde der Steinmann der ersten Besteiger vorgefunden und es konnten auf einer Steinplatte deren eingegrabene Initialen zum Teil entziffert werden.

Ich habe geglaubt, es sei nicht ganz unnütz, diese Thatsachen festzustellen, weil in G. Studers „ Über Eis und Schnee " Band I, Ed. v. Fellenbergs „ Iti n erari um von 1882—83—84 " und dem „ Nachtrag " im Jahrbuch des S.A.C., Band XVIII, sowohl bezüglich Namen der Gipfel, als Höhenquoten ohne Schuld der betreffenden Autoren Verwechslungen stattgefunden haben, mit deren Aufführung ich den Leser nicht ermüden will, und auch die Namen der Führer nicht überall richtig angegeben sind. Da die erste Besteigung der Tschingelspitze durch die Führer Chr. und Peter Michel nirgends beschrieben worden ist, so möge hier eine Schilderung der zweiten, durch Herrn Cand. med. A. Gaßmann ausgeführten folgen, welehe mir derselbe gütigst zur Verfügung gestellt hat.

P. Montandon ( Sektion Bern ).

Die zweite Besteigung der Tschingelspitze ( 3318 m ).

Als ich im Sommer 1891 mit einem Studienfreund die Büttlassen erstieg und auf ihrem firnbedeckten Felsenkopf die Aussicht genoß, fesselte immer wieder mein Auge die gegenüberliegende Tschingelspitze, jener schöne Eisberg, welcher seinen schlanken Schneenacken ans Gspaltenhorn lehnt und das spitze Naschen so keck in die Lüfte streckt. Und als man mir sagte, daß noch kein Mensch denselben erklommen habe, tauchte in mir der Wunsch auf, dem trotzigen Liebchen des Gspaltenhorns einen Besuch abzustatten. Ich sagte mir jedoch, daß derjenige, der ihm von Norden nahte, wohl nicht die mindeste Aussicht auf Erfolg haben würde, und war daher froh, als ich im Juli 1892 Gelegenheit hatte, meine Angebetete auch von einer andern Seite, nämlich vom Tsehingelgletscher her, kennen zu lernen. Senkrecht und viele hundert Meter hoch fällt hier ihr dunkles Felsgewand herab auf den Gletscher, und nur da, wo sie sich ans Gspaltenhorn schmiegt, legt es sich in leichte, quere Falten. An jener Stelle wollte ich versuchen, hinaufzuklettern. Am 8. August, morgens 3 Uhr, brach ich mit H. v. Allmen, einem starken und verwegenen Sohn der Berge, vom oberen Steinberg im Lauterbrunnenthal in bergmäßiger Ausrüstung auf nach dem Tschingelgletscher. Es war eine herrliche Sternennacht. Geheimnisvoll ragten die dunkeln Umrisse des Jungfraumassivs in das lichtbesäte Himmelsgewölbe und über dem Roththalsattel leuchtete, eine kleine Sonne, der Morgenstern. Unsern Pfad aber, auf dem wir, mit dem Gletscherbeil eifrig tastend, rasch vorwärts schritten, erhellte er nur spärlich: derselbe verlor sich bald in Dunkelheit und Gestein, und wir stolperten nun so von ungefähr über Felsblöcke und Geröll dem Tschingeltritt zu. Immer kühler wehte uns die Gletscherluft entgegen, die Sterne verblaßten, und im Morgengrauen fanden wir am Tschingeltritt auch unser verlorenes Weglein wieder. Mit dem ersten Sonnenstrahl betraten wir den Gletscher und standen um 6 Uhr am Fuß des Gspaltenhorns, in dem Winkel, in welchem sein von Südwesten kommender Grat mit dem westwärts laufenden Tschingelgrat zusammenstößt. Diesen letzern hatten wir nun an irgend einer Stelle zwischen Tschingelspitze und Gspaltenhorn zu erklimmen. Wir ließen unsere Augen an seinem Fuß hinschweifen: Überall erblickten wir lotrecht zum Gletscher abstürzende Wände. Einzig am äußersten Ende gegen das Gspaltenhorn hin senkte sich ein schmaler Schneestreifen in einem von glatten Seitenwänden eingefaßten Einschnitt durch die Felsenmauer zum Gletscher herab. Dort mußten wir hinauf. Das lange und starke Seil wurde umgebunden, wir schoben uns zwischen einigen großen Gletscherschründen durch und gelangten in das Couloir. Dasselbe war ziemlich lang und steil, die glatten Felsen, die dasselbe einfassen, bieten nicht den geringsten Halt. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als unser Körpergewicht dem harten und brüchigen Schnee anzuvertrauen, der seinen Boden auskleidete. Der Führer stieg eine Seillänge hinan, rammte sich mit dem Beil fest, so gut es ging, und ich folgte. Das Schnee- grätlein bröckelte unter den Füßen ab, Hände, Pickel und Kniee mußten sich krampfhaft einhacken, und beständig rieselten Erde, Schnee und Steinchen auf uns nieder. Plötzlich fuhr auch eine gröbere Ladung herunter, und faustgroße Steine sausten in bedenklicher Nähe um unsere Köpfe. „ Na, jetzt wirft der eifersüchtige Gesell von Gspaltenhorn auch noch mit Steinen ", dachte ich, hackte mich fest und ließ den fluchenden Führer wieder steigen, so weit das Seil reichte. Weiter oben artete der Schnee in Eis aus, und das Stufenhacken verursachte peinliche Verzögerung; dann konnten wir aber die gefährliche Rinne verlassen und schlugen uns seitwärts in die Felsen. Dieselben waren schnee- und eisfrei und trotz ihrer Steilheit leicht zu erklettern, viel leichter als z.B. die Roththalfelsen der Jungfrau. Wir wandten uns etwas östlich und erreichten die Schneide des Grats ohne besonderes Abenteuer an der Stelle der tiefsten Einsenkung zwischen Tschingelspitze und Gspaltenhorn. Dann folgte noch eine kurze und angenehme Wanderung ostwärts auf dem Firn des Tschingelgrates über harten, leicht zu begehenden Schnee, und um 9 Uhr erreichten wir den Gipfel.

Mit Wonne setzte ich den Fuß auf das, wie ich glaubte, jungfräuliche Fleckchen Erde, das stolz herniederblickt auf die seinen Fuß umbrandendeu Wogen des menschlichen Lebens und Treibens und seine weiße Stirn nur Wind und Wolken zum Kusse beut. Der Führer aber wünschte sich ein „ Waafen ", um laut ins Thal hinab zu verkünden, daß wieder eines der trotzigen Eishäupter der Stärke des Menschen erlegen. Warm und freundlich schien die Sonne auf uns herab, und kein eisiger Wind durchfuhr unser Gebein, wie es sonst auf den Hochgipfeln der Fall zu sein pflegt. Wir genossen daher mit Muße unsern Mittagsimbiß und freuten uns der schönen Aussicht. Tief unten auf dem Tschingelgletscher krabbelte eine Expedition dem Petersgrat zu, hinter welchem die Walliseralpen emporragten und in ihrer ganzen Schöne unserm Blick sich darboten. Auch drüben auf dem Hochfirn der Jungfrau bemerkten wir eine Anzahl von Pünktchen, die allmählich ihre Lage wechselten — offenbar die Karawane, welche, wie wir wußten, zur Besteigung dieses Bergriesen aufgebrochen war. Nach Westen hin vertrat das Gspaltenhorn uns etwas die Aussicht, dagegen war von unbeschreiblichem Reiz der Blick hinab ins Sefinenthal, das in einer Tiefe von 1600 m zu unsern Füßen lag, hinunter auf die grünen Matten von Mürren mit ihren in der Sonne glitzernden Häuschen und hinaus ins nebelferne Flachland bis zum Jura, den Vogesen und dem Schwarzwald hin.

Bevor wir unsern Berg verließen, wollten wir jedoch ein Denkmal unserer Anwesenheit errichten und stiegen südwärts etwa 20 m hinab zur Felswand, um uns Steine zu holen. Drunten trafen wir aber — welche Enttäuschungeinen „ Steinmann ", der, groß und dick, am Rand des Abgrunds stand und uns höhnisch angrinste. An ihm lehnte eine Steinplatte, auf der mit dem Gletscherbeil undeutlich die Buchstaben C. W. und Beingehauen waren. Also hatte meine Schöne doch schon Besuche empfangen und vor mir andere begünstigt — ich war geprellt! Um meinen Ärger zu besänftigen, schlug ich dem Führer vor, einen J»hrbuch des Schweizer Alpenclub. 28. Jahrg.22 Versuch zur Besteigung des Gspaltenhorns vom Tschingelgrat aus zu machen, was wohl schwierig, aber nicht unmöglich sein dürfte. Derselbe hatte sich aber beim Aufstieg unten im Couloir etwas verletzt und war nicht mehr bei vollen Kräften, und so begannen wir denn auf dem Weg, den wir gekommen, wieder abzusteigen. Unten machten wir noch den Versuch, an einer andern Stelle als durch unsere Rinne schlimmen Angedenkens auf den Gletscher zu gelangen. Vergeblich, wir mußten wieder hinein. Der Schnee war jetzt äußerst weich, wir sanken bis zum Knie darin ein, und die Befürchtung lag nahe, er möchte mit seiner Last eigenmächtig und schneller, als uns lieb gewesen wäre, gletscherwärts fahren. Die Gletscherlöcher drunten, welche ihre Mäuler so weit aufsperrten, schienen wenigstens auf ein solches Ereignis völlig gefaßt zu sein, und waren bereit, uns am Ende der Schlittenpartie in ihr geheimnisvolles Dunkel aufzunehmen. Wir gelangten aber unter Beobachtung gehöriger Vorsicht ohne Unfall ans Ende des Kamins, und ich wollte schon freudig meine Beine auf den Gletscher hinaustragen, als eines derselben plötzlich so tief im Schnee versank, daß es nicht mehr herauszuziehen war und ich warten mußte, bis auch der Führer herabgestiegen kam und es wieder herausgrub. „ Ja, mein Lieber, " meinte derselbe gemütlich, „ da sind Sie in einer Spalte ", brachte sich aber doch möglichst rasch außer den Bereich des Bergschrundes. Ich folgte natürlich seinem Beispiel, so schnell meine Mittel es mir erlaubten. Der ganze Abstieg hatte 1 3,4 Std. gedauert. Ich verabschiedete nun meinen wackern Begleiter, der sich wieder heimwärts gegen den Tschingeltritt wandte, während ich durch den Tschingelgletscher der Gamchilücke zuwatete. Droben begegnete ich einer Gemsherde, die jedoch meine nähere Bekanntschaft nicht zu machen wünschte, sondern sich schleunigst nach der Blümlisalp hin zurückzog. Erst vor 12 Tagen hatte ich den Gamchigletscher und die Lücke passiert und glaubte nun auf dem mir bekannten Weg leicht und schnell ins Gamchi hinab zu kommen. Da täuschte ich mich aber gewaltig. Der Gamchigletscher hatte sich während dieser Zeit in einer Weise verändert, die ich nicht für möglich gehalten hätte. An Stellen, wo wir ebenen Weges über den Gletscher geschritten waren, klafften jetzt tiefe Spalten, breite Sclmeebrücken waren spurlos verschwunden, kurz, der Gletscher war so arg zerschrundet, daß ich nur mit Angst und Not mich durch denselben hindurchwinden konnte. Bei einer Tasse Milch und kurzer Rast erholte ich mich aber drunten in der Gamchialp rasch von dem gehabten Schrecken und schritt fröhlich durch die grünen Matten im Sonnengold hinunter ins schöne Kienthal, aus dessen Thalgrund bereits die Abendschatten herauf gestiegen kamen.

A. Gassmann.

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