Val-di-Roda-Kamm

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Mit 1 Bild ( 115Von Herbert Maeder

Wil ( St. G. ) Auf der Malga Sopra Col, einem der zauberhaftesten Plätze der Dolomiten. Das Feuer im Kamin hat aufgehört zu flackern. Rote Glut liegt zwischen den Steinen. Ab und zu huschen blaue Fläminchen um die verkohlten Scheiter. Die frohen Berglieder sind verstummt, jeder ist müde. Zwischen den dicken Balken der rohgefügten Hütte fällt das Mondlicht ein. Es lockt mich, hinauszutreten. Tautropfen glitzern an Blumen und Gräsern, die ich mit blossen Fussen durchstreife. Im Silber des Mondlichtes baden die wilden Berge über dem Wald: die Pala von San Martino, die Türme vom Val di Roda, der Sass Maor, die Cima della Madonna. Der Autolärm im Tal von San Martino di Castrozza ist verstummt. Einzig das Plätschern des nahen Baches und das sachte Rauschen des Windes dringen zum Ohr. Ganz seltsam wird einem in solcher Nacht zumute. Tief fühlt man die unermessliche Schönheit der Natur, man staunt und sinnt und träumt. Der schmale Waldweg mündet in eine Lichtung. Ein kleines Hüttlein ist in den silberhellen Fleck gestreut, ein Wässerlein murmelt neben ihm im Gras. Hohe Tannen recken ihre Köpfe bis zu den Gipfeln empor, die weit oben die flimmernden Sterne zu Gefährten haben. Was für Gipfel das sind! Nie glaube ich schönere gesehen zu haben. Mit mächtigem Schwung steigt eine steile Kante zum ersten Gipfel hinauf, der Pala von San Bartholomäo. Der fällt wieder schroff ab, und ein spitzer Zacken, der Corno Smith, folgt ihm. Die Torre Bettega, seine Nachbarin, reckt sich schon bedeutend höher auf, und die weiteren Gipfel, Campanile Adele, Castrozza und Cima Val di Roda sind Berge, die, selbst wenn sie allein stehen würden, den Bergsteiger durch ihre wilde Schönheit locken müssten. Weil sie aber nicht allein stehen, sondern einer dicht gefolgt vom andern ist, bilden sie zusammen den wildesten, grossartigsten Felsenkamm der Dolomiten. Dieser Felsenkamm nun leuchtet in die helle, blaue Mondnacht hinein, dunkle Tannen rahmen das Bild. Ich stehe in Träume versunken. An einem warmen Sommertag über diese kühnen Türme steigen, hinauf bis zur Cima Val di Roda, den ziehenden Wolken zuschauen, in die festen Felsen der lotrechten Wände greifen, das möchte ich.

Der Traum geht in Erfüllung.Ein Jahr später. Wieder hausen wir auf der Malga Sopra Col, wieder das gleiche Bergvagabundenleben: bärtige Gesichter, Schlafen auf blossem Balkenboden, Kochen im grossen Kessel über prasselndem Feuer, Waschen im nahen Bach.

Um halb 3 Uhr schon kriechen wir eines Morgens aus dem Zeltsack. Ein alter Traum soll in Erfüllung gehen, dem Val-di-Roda-Kamm gilt es.

Auf dem breiten Baron-von-Lesser-Weg, der in zahllosen Kehren, erst durch dunkeln Wald, dann über fels- und geröllbedeckte Abhänge zu einem Tunnel und weiter zum Col dei Bechi, einem grossartigen Felszirkus, führt, steigen wir unsern Bergen zu. Mit einer gewissen Dankbarkeit denken wir an jenen launigen Baron, der diesen herrlichen Weg einst bauen liess, um zu Pferd das steile Hochtal hinanreiten zu können. Das war zu einer Zeit, da die Berge um San Martino bei Bergsteigern aller Länder, vor allem der Engländer und Deutschen, viel galten und die vierzig Führer sich die Kunden auswählen konnten. Seit vielen Jahren aber ist es still geworden um die trutzigen Felsburgen. Der Baronweg zerfällt langsam, die zwei Führer schlürfen ihren Espresso auf der Terrasse bei der « Margherita » und mustern misstrauisch die wenigen jungen Führerlosen. Das mondäne Hotelpublikum ist unfruchtbarer Boden für sie. Dort triumphieren Autos und elegante Gesell-schaftssports über Naturliebe und mühevolle Aufstiege. Gestern machte ich Bekanntschaft mit einem ehemaligen Bergführer. Er bediente den « Seggiovia » und erzählte mit leuchtenden Augen von vergangenen Zeiten. Nicht mehr lange, und auch die letzte dieser sehnigen, braungebrannten Gestalten wird aus den Strassen San Martinos verschwinden. Dafür ist für uns Vagabunden die grosse Vereinsamung dieser wilden Wände, Grate und Türme ein längst ersehnter Zufluchtsort geworden, dem wir uns verschwistert glauben.

Blassgrau ragen die Berge in den neuen Tag hinein. Warm ist die Luft, und dunkle Wolkenfetzen hängen um die Gipfel. Bald fallen auch schon schwere Tropfen. Doch unbeirrt steigen wir dem Fusse des ersten Turmes zu. Unsere Zuversicht wird belohnt. Wie wir uns ans Seil binden, brechen sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Wolken. Steile, schwere, doch herrlich feste, griffige Felsen führen uns in einer schwachen Stunde auf die Pala von San Bartholomäo. Weisse Wolkengischt wogt um die Berge, deren steile Felsprofile auf der Morgenseite blendend hell aufleuchten. Über dem spitzen Corno Smith ragt eine lotrechte Wand, die Nordwand der Torre Bettega. Unmöglich scheint dort ein Durchstieg, doch der Fels ist von der Griffigkeit und Feste der Schleierkante.

Mit jedem Meter, den wir zwingen, wächst unsere Begeisterung. Von Zinne zu Zinne das gleiche Spiel: abgrundtief die Scharte, die vom nächsten Gipfel trennt, kühn darüber gebaut die folgende Wand. Bald ist sie versteckt hinter grauen Nebelschleiern, bald spielen Licht und Schatten um Platten, Risse und Kamine. Wie wir auf dem Campanile Adele längere Rast halten, ist die Mittagstunde vorbei. Noch stehen aber die zwei gewaltigsten Türme vor uns.

Wenn der Wind Löcher in den Nebel reisst, erblicken wir in schwindelnder Tiefe die Malga Val di Roda. Über tausend Meter fallen die gewaltigen Westflanken zu ihr ab. Von weit her durchreisst ein wütendes Mo-torengeheul die Stille unseres Bergsonntags. Die Italiener halten auf der Rollepaßstrasse ein Rennen für Sport- und Rennwagen ab. Kleine Punkte bewegen sich auf dem weissen Strassenband vorwärts, Staubwolken folgen ihnen. Dort unten wird um Sekundenbruchteile gekämpft, dort unten sehen die Menschen nur Maschinen, und Staub sinkt über Gräser, Blumen und Bäume an der Strasse. Seltsam rührt mich in dieser Stunde der Lärm der Motoren, sinnlos wird mir das Treiben im Tal. Wir sind ausgezogen, um in der Bergeinsamkeit dieser Felsenwelt die Natur zu erleben. Über diesen zerrissenen Felsenkamm steigen wir empor, weil uns eine unbändige Sehnsucht ins grosse Abenteuer treibt. Unsere Herzen erleben dort oben für Stunden höchstes Glück. Als heller Stern leuchtet uns dieses Bergglück auch im Staub und Lärm der Städte über allen Wirrnissen des Lebens. Es nährt in uns die Sehnsucht zu neuen Wegen und Erlebnissen.

Bergsteiger sind glückliche Menschen, denn sie kennen den Lockruf der Ferne.

An den rauhen, warmen Fels gelehnt, schaue ich ins Treiben der Wolken. Über dem schattengrünen Tal fahren weisse Nebelstücke schneller und schneller gegen die bleichen Felsenriffe, prallen auf, zerstieben, hüllen uns ein und lösen sich in nichts auf. Dunkle Gewitterwolken wälzen sich über den Cimone della Pala, dumpfes Grollen begleitet sie. Wenn sie nur nicht zu uns kommen! Im Süden jedoch ist der Himmel blau wie die zarten Blümchen, die da und dort in kleinsten Nischen wuchern. Dort lacht die Sonne über dem weiten Land der oberitalienischen Ebene und der Küste des warmen Meeres, das Afrika zur Grenze hat. Wie weit die Gedanken auf solchen Gipfeln fliegen! Alles wird mir zum Gleichnis, der Felsgang, die Wolken, die Blumen, das weite, weite Land. Ich denke, dass es noch viele Berge, noch viele schöne Länder, Blumen und Meere gebe, und dass es das Schönste wäre, sein Leben daraufhin zu richten, der herrlichen, weiten Welt offen zu sein. Nein, in die kleine Welt bürgerlicher Maßstäbe und Eitelkeiten möchte ich mein Leben nicht hineingestellt wissen.

Gemeinsam klettern wir zur tiefen Scharte hinunter. Erneut bäumt sich auf der andern Seite eine Wand von beängstigender Steilheit auf. Zum Zaudern ist keine Zeit. Weit drückt der leicht überhängende Fels den Körper hinaus. Doch spreizend arbeite ich mich an kleinen, reibeisenrauhen Tritten höher, und sooft die sehnigen, braunen Finger in tiefe Löcher oder um schneidend scharfe Kanten greifen, jauchzt es in meinem Innern. Ohne irgendwo aufzuliegen, fällt das Seil zu meinem Freund in die Scharte hinunter, wie ich nach vierzig Metern prickelnder Kletterei meine Selbstsicherung an einem fingerdicken Zäckchen einhänge. Bald kann ich den bescheidenen Standplatz meinem rucksackbeladenen Gefährten überlassen. Weiter geht 's in ausgesetzter, freier Wandkletterei, bis mich ein tiefer Riss nach rechts hinüber lockt. Mit mächtigem Überhang setzt er an. Wie werde ich ihm beikommen? Etwas ratlos stehe ich auf schmaler Leiste, die leider vor dem Riss aufhört. Erst versuche ich mit den Beinen zu spreizen, allein über die Höhe meines Kopfes hinaus komme ich nicht. So taste ich denn mit den Armen weit nach vorn, erreiche einen Griff, und schon pendelt mein Körper in der Leere unter dem Überhang. Ein Klimmzug und im Risse geborgen kann ich mich ausruhen. Mit dieser widerspenstigen Stelle nehmen die Schwierigkeiten ab. Eine Reihe von Rissen führt zum Campanile di Castrozza. Der späte Nachmittag sieht uns in den leichteren Felsen der Cima Val di Roda, auf dem letzten Gipfel. Glücklicherweise stellt der Abstieg keine grossen Probleme. Durch steile Schneerinnen sausen wir gegen den Passo di Bali hinunter. Nochmals zeigt sich der Val-di-Roda-Kamm in wilder Schönheit. Die sinkende Sonne zaubert Lichtspiele in die grauen Nebel, welche hinter den zackigen Türmen einen düstern Vorhang bilden. Einem steilen Jägerpfad folgend, erreichen wir nach kaum einer Stunde unsere Hütte. Wir hatten Glück. Während im russigen Kessel der Risotto brodelt, peitscht der Wind schwere Tropfen zur Türe hinein. Blitze zucken um die Berge, mit vielfältigem Widerhall rollt der Donner durch das Tal.

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