Victor Surbek

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Von Hugo Marti.

Am Berner Zeitglockenturm, der wie ein aufgerecktes Wahrzeichen im Achsenschnittpunkt der alten Stadt steht, liest der aufmerksam verweilende Mann der Gasse nicht nur die Stunde vom Zifferblatt, sondern mit dem gleichen Blick auch das uralte Sinn- und Mahnbild von der Vertreibung aus dem zeitlosen Paradies in die zeitgeteilte Welt des Werdens und Vergehens, in den Zeitzwang von Leben und Tod. Das Dröhnen der zugeworfenen Paradies-pforte war der erste Stundenschlag der Menschheitsgeschichte. Und so hat der Maler, der das grosse Zifferfeld mit den vier Gestalten eindrucksvoll belebte, die Schicksalswende auch gesehen: Adam und Eva stehen, vom jähen Schrecken überwältigt, zwischen dem schwertbewehrten Lichtengel und dem sensenschwingenden Todesboten, zwischen der Verkündigung des Lebens und dem Zugriff der Vernichtung. Ganz im Stil alter Besinnlichkeit, die ja um solche Zeitglockentürme webt und wittert, ist auch diese neue, vor zwei Jahren erst angebrachte Bemalung gehalten, leicht verständlich für jedermann, doch unerschöpflich an mitschwingenden Tiefsinnigkeiten für den beschaulichen Grübler. Der Maler, der solcherart im belebtesten Stadt-winkel Berns seine Kunst vor die Augen der Mitbürger und der vielen Sommer-fremden bringen durfte, auf Jahrzehnte hinaus — oder gar Jahrhunderteist Victor Surbek.

Es wäre durchaus verfehlt, aus diesem einen Werk, das allerdings kraft seines Standortes das Interesse in besonderem Mass auf sich gezogen hat, auf eine überragende Bedeutung der Freskomalerei im Gesamtwerk des Malers Surbek zu schliessen. Gewiss trägt auch er die Sehnsucht nach der blanken Mauer in sich, wie jeder kräftige Gestalter gelegentlich, wie jeder Künstler überhaupt, der sein Werk nicht in tausend Splittern durch die Welt hin zerflattert, sondern einmal wenigstens in einer bedeutsamen und dauernden Verbundenheit mit einem Bau festgehalten und einer grösseren Gemeinschaft wirkend eingeordnet sehen möchte. So hat auch Surbek, nachdem er früher schon Schule, Spital und Volkshaus mit Wandmalereien geschmückt hatte, den grossen Freskenauftrag für das neue Gymnasium mit Freude und schönem Gelingen ausgeführt. Zum Vorwurf wählte er dabei einen Stoff, der um seiner dichterischen Vorgestaltung willen nur eine malerische Form, die grosse nämlich, erträgt: Szenen aus der Odyssee. Gewiss waren es weniger Rücksichten auf den humanistischen Charakter der Lehranstalt als vielmehr tiefste innerliche Verbundenheit mit den Visionen des abenteuerlichen Epos vom Vielumhergetriebenen, die ihm diese Wahl gebot. In den fünf Feldern werden Geschichten erzählt, deren allgemein menschliche Gültigkeit in der malerischen Darstellung nicht weniger stark zum Ausdruck kommt, als sie es im Worte des Dichters von jeher tat. Die trockene Glut der Farbe hebt die Gestalten, deren jede Raum, Luft, Atmosphäre um sich besitzt, von einem Hintergrund ab, der sich in die Unermesslichkeit und Un-VIII16 ergründlichkeit des Märchens verliert; die Gestalten selber aber sind irdisch, selbst die rotbäckige Athene mit dem Ölzweig ist es, und menschlich sogar noch im Schattenreich der Unterwelt. Und dieses schöne Bekenntnis zu Macht und Recht des Irdischen, der Erde schlechthin, das ist echtester Surbek.

Dieser Maler liebt die Erde. Sein Auge liebt ihre Erscheinungen, das Grosse und das Kleine, und es liebt sie mehr als jede Deutung derselben. Darum sieht im symbolhaften Zeitglockenfresko der Engel eigentlich eher wie ein wohlequipierter Ritter aus dem höchsten, dem himmlischen Gardekorps aus und Telemach auf den Odyssee-Fresken wie ein Diskuswerfer aus dem Stadion. Surbek verliert sich nie auf gedankliche Abwege, sie mögen noch so hochstrebend oder tiefdringend angelegt sein. Ihn dünkt wohl, die Erde habe der Mannigfalt und Vielgestalt genug, um sich darin zu verlieren. Sein ganzes Werk ist Zeugnis dafür.

Vor allem sind es die Landschaften, in denen Surbek durch Wiedergabe des Besondern, doch ohne Zwang und Willkür, das Antlitz der Erde in nimmermüdem Bemühn zu bannen sucht. Auf langen Reisen, Wanderungen, Rasten ist ihm ein schöner Teil Europas vertraut geworden. Der 1885 geborene, aus dem Schaffhausischen stammende, aber in Bern aufgewachsene Maler kennt die süddeutschen Kunststätten und Paris aus Studienjahren, kennt aber Deutschland, Frankreich, Italien, besonders auch die Provence und Korsika, ferner den tschechischen Osten aus der Intimität malerischer Arbeit und ist vor allem seiner schweizerischen Heimat einer jener leidenschaftlich-kühlen Liebhaber geworden, die aus Gesteinslagerung und Waldwuchs, aus Scholle und Felsbruch, aus Licht und Luft die letzten Heimlichkeiten zu erlauschen und zu erspähen wissen. Der kühle Rausch grün-weisser Frühlingstage am Rhein ist ihm so vertraut wie die lechzende Erschlaffung spätsommerlicher Abende im Mendrisiotto; die karge Nacktheit der Gletschermoräne rührt ihn nicht weniger als die zutrauliche Gebärde der Juraweiden; winterliche Starre am Brienzersee spricht ihm nicht minder vernehmlich als der gischtende Gletscherbach im abendverhüllten Hochtal von Arolla. Für ihn wie für jeden, der zu schauen und zu horchen begabt ist, lebt dies alles ein tausendfältig wandelbares Leben; doch dass er es in seiner Eigenart, seinem Wandel, seiner Vielgestalt wiederzugeben vermag, unterscheidet ihn, den Künstler, vom bloss hingebungsvollen und bloss geniessenden Liebhaber der Natur.

Als erstürbe die ganze, vom Frost geschlagene Welt zum gläsernen Kristall, so spiegelt sich auf dem Gemälde « Brienzersee im Winter » das grausilberne Gebirge im abgründigen Dunkel des vereisten Wassers. Das Bild trägt etwas von der unerbittlichen Suggestion in sich, die von den Tafeln Caspar David Friedrichs ausgeht. Zu Füssen der eisklirrenden Fluh stösst stumpf und hoffnungslos eine schneebeschwerte Hafenmauer ein Stück in das Wasser vor, einziges Menschenwerk und als solches wie der Mensch verloren in der Fremdheit winterlicher Übermacht. Aber man sei sich bei vertiefter Betrachtung dieses Bildes doch ja dessen bewusst, dass uns dieses Gefühl der Vereinsamung keineswegs von irgendwelchen symbolischen Einsprengseln im Bildganzen lehrhaft doziert wird; ein menschliches Wesen figuriert überhaupt nicht auf dem Gemälde; es spricht die Natur allein ihr erbarmungsloses Wort, aber durch den Mund des Künstlers spricht sie es: das ist das Geheimnis der Wirkung.

Wir erwähnten den sogenannten Romantiker Friedrich; wir hätten andere Einzelgänger aus ähnlichen Kunstbezirken zu nennen wie etwa Joseph Anton Koch, wenn wir Surbeks Stellung zur Natur auf das Vermächtnis geistiger Ahnen zurückführen wollten. Geht nicht wirklich ein Weg von diesen scharfen Betrachtern, die man ganz zu Unrecht etwa Naturschwärmer heisst, mitten hinein in die nüchterne Sachlichkeit, die ja gerade Trägerin und Mittlerin stärkster seelischer Belebung sein kann? Diesen Weg scheint uns Surbek einmal gegangen zu sein, wahrscheinlich unbewusst, nicht nach kunsthistorischen Wegweisern und übrigens lange bevor das hysterische Geschrei um die neue Sachlichkeit einsetzte.

Auf die einfachste Formel der Naturelemente gebracht: so könnte man das inhaltliche Rezept der « Gletscherlandschaft bei Arolla » umschreiben. Aber wiederum: nicht weil wir den trägen Lindwurm des Gletschers, der sich zwischen den glattgeschliffenen Felsen herabwälzt, irgendwie mythologisch in Wirksamkeit sehen, sondern mit seiner naturwahren und dennoch mystischen Farbigkeit greift uns das Bild so erschreckend ans Herz, mit diesem kalten Dreiklang aus urweltlichen Farben, der aus dem Nichts brach, ehe die Weltschöpfung bei den idyllischen Kapiteln angelangt war. Von Dohlen umkreischt ist der zernarbte Rumpf des Eisungetüms, aber wir sind sicher, dass Surbek ohne Zaudern auf das stimmungsvolle Kreischen verzichten würde, wenn ihm das schwarze Geflatter nicht malerisch begründet vorkäme. Man kann sich bei ihm ruhig dem Bild hingeben, ohne nach dem Sinn zu forschen: aus jenem saugt das Sinnbild Kraft und Leben, nicht aus diesem.

Es war bisher von Farben die Rede, aber vielleicht stossen wir auf das grundlegende Wesen in Victor Surbeks Kunst erst, wenn wir von der Zeichnung sprechen. Die Mappen dieses fleissigen Arbeiters bersten von Zeichnungen aus allen Gegenden, aus den verschiedensten Bezirken der Umwelt: Menschen, Städte, Früchte, Tiere — und immer wieder die grosse Landschaft. Mit einer Versunkenheit, die man altmeisterlich zu nennen pflegt, arbeitet die strichelnde Hand das Körperhafte, das Aufgebaute, das Gemodelte einer Landschaft mit Berg, Grat, Hang, Mulde, Tal heraus aus der weissen Fläche des Papiers. Gerade die wirrste Fülle, etwa die Zacken des « Piz Uccello » oder das Tälergewimmel um den « Monte Generoso », verlangt zu ihrer ordnenden Bändigung den lose im Handgelenk spielenden Stift. Aus dem scheinbar pedantischen Geflecht der Kleinigkeiten und Einzelheiten ersteht das weiträumige Ganze mit seiner Tiefe und seinem Gewicht, geschlossen und gebunden durch einen künstlerischen Willen, der zusammenzuschauen vermag. Solche Blätter verraten unerbittliche Strenge in den Anforderungen des Zeichners an sich selbst; es ist, als ob die Herbheit der dargestellten Natur seine eigene, menschlich so beglückende Unsentimentalität noch gesteigert hätte. Wo er dann, wie etwa auf dem grossen Blatt « Mont Collon bei Arolla », über das Zeichnerische eine atmende Farbigkeit legt, mehr andeutend als ausgeführt, kommt jenes beschwingte Leben aus Hell und Dunkel, Licht und « Willy, ich weiss den kürzesten Anstieg auf den Palü — durch die Nordwand. » « Gut, gehen wir morgen. » « Morgen muss ich rasten. » « Wenn das Wetter hält halt übermorgen; das ist aber der unwiderruf üch letzte Tag. » Am 14. Mai 1931 lagen wir vor der Hütte und studierten die Palü-Nord. Nach kurzer Zeit wurde uns der Weg bis auf zwei Fragezeichen klar. « Das erste Fragezeichen ist der grosse Eiswulst und das zweite, Otto? » « Wie wir ohne Auskneifen nach links auf den Ostgipfel die Schlusswand kriegen. » « Stimmt, Alter! » « Schluss, Otto! Ich schau nimmer hin. Es wird schon gehen, wenn wir einmal drin stecken. Hinauf oder zurück kommen wir schliesslich, da helfen dann alle Heiligen mit. » Abends vor dem Einschlafen überkam uns die übliche ängstliche Stimmung vor grossen Fahrten. Keiner von uns sprach davon, aber jeder wälzte das Problem schwer herum...

Es kann leicht schief ausgehen; dann verlieren wir doch viel; man soll gar nicht glauben, wie sehr man am Leben hängt, es ist schön, sehr schön. Im Grunde genommen sind diese Türen sinnlos, blödsinnig, irrsinnig! Wofür setzt man alles ein, das Einzige, was man hat, das Leben? Wofür? Ich weiss es wahrhaftig nicht.

Die Palü-Nordwand steht seltsam klar mit all ihren Gefahren und Drohungen vor den erregten Sinnen: der Wulst ist sehr fraglich. Im oberen Drittel der Wand liegt viel Pulverschnee; sobald die Sonne kommt, gibt es Lawinen... wenn wir dann noch unter ihm sind, ist 's Schluss... Heute vormittag ging eine Lawine über den Weg, den wir gehen müssen... eine zweite, dritte, vierte ist leicht möglich... Die Brücken über die Randklüfte tragen noch nicht, es ist fliessender Pulverschnee, kein harter Firn... Wir hatten einige Tage sehr heisses Wetter, die Seraks oben müssen fallen... ein einziger stürzender Eisturm genügt vollkommen.

Die Stille verschärft die Zweifel am eigenen Können, der Verstand warnt eindringlicher: Es ist die erste Eistur heuer, wir haben noch kein Training in der Eckensteintechnik, unsere Muskeln sind automatisch auf Ski eingestellt; die Arme sind noch zu schwach zum Stufenschlagen... wir haben nur drei Eishaken mit und nur zwei Karabiner, und immer wieder drückt die bange Hauptfrage: Werden wir das Tempo durchhalten können, den Wettlauf mit der Sonne? Wir müssen ob dem Wulst sein, wenn die Sonne in die Wand kommt. Wir müssen, aber... aber... aber...

Die Route hat sich in das Gedächtnis eingemeisselt, wir sehen hellsichtig klar alle Gefahren, wir sehen sie in allen Möglichkeiten.

Zwei Stunden dauern die Zweifel, zehn Minuten der Umschwung. Siege tauchen auf, schöne Bergsiege, schöne Siege über die gleiche Furcht vorher, merkwürdigerweise nicht grosse Fahrten, sondern kleine Einzelbilder: ein trüber Morgen im Haindlkar vor der ödsteinkante, weil ein Kamerad stürzte, trotzdem... Ein Eishang im Kaunsergrat, der nicht gehen wollte und doch ging. Wir Musketiere der Berge, wir Landsknechte der Alpen. Donnerwetter noch mal, das Glück war immer noch mit uns, das Glück, und unsere alte Frontstimmung kommt wie Sonne aus trüben, grauen Schemenwolken.

Schläft Otto schon? Ich rufe leise hinüber: « Otto, es geht. » « Willy, ich habe mir 's ausgerechnet, wir sind in drei bis vier Stunden durch. » « Wir müssen es auch. Wir werden es auch. » Dann schliefen wir beide traumlos tief.

Wir überhörten zwar wie immer um 1 Uhr nachts den Wecker, standen jedoch ohne böses Knurren auf, als uns ein mitleidiges Kursfräulein um halb 2 Uhr energisch hochbrachte. Die erste, die schwerste Gefahr war damit vorüber; wir hätten sonst die Palü-Nord glatt verschlafen. Wenn nur schlecht Wetter wäre? Nach einem Blick hinaus sagte ich resigniert: « Otto, es ist schön, wir müssen gehen, unser Wandl wartet. » Um halb 3 Uhr trabten wir los, natürlich mit Ski; über den Morteratschgletscher, im Treppenschritt in Dunkelheit über die Isola Pers, den gefürchteten Steilhang der Diavolezza-abfahrt bei glashartem Harsch.

« Mir scheint, Otto, jetzt haben wir das Unangenehmste der janzen Jeschichte. » Viel gemütlicher zogen wir dann im gleichmässigen Trab über den flacheren Persgletscher in der Spur des normalen Palüanstieges.

Es war um halb 4 Uhr noch sehr finster, nur hie und da blinkten ein paar Sternlein, Föhnfische schwammen langsam über den Himmel, die Berge wuchsen schemenhaft in das erste kaum merkbare Dämmern des Tages; über den Biancograt der Bernina schob sich eine grosse Wolke.

Wir schielten auf die Föhnfische, auf die Biancowolke, keiner sagte ein Wort, wir umschlichen fast wie Diebe das erlösende: « Schlechtwetter kommt! » Unterhalb der Palü-Nordwand schnallten wir die Ski ab und spurten bis zu den Knien einsinkend im Bruchharsch zum Einstieg; das wurde ein richtiger Münchner « Schlauch » oder Wiener « Tschoch », der zweite nach der Pers. Freudig legten wir am Lawinenkegel die Eckensteiner an, die schöne Lawine des Vortages segnend, die uns eine so prächtige harte Unterlage schuf. « Alsdann, meine Herren, einsteigen! es kann losgehen; der Wettlauf mit der Sonne begann. Startzeit 530 Uhr. » Nach der ersten anständigen Steilwand verfolgten wir ein Band unter den ersten Eisbrüchen und Seraks nach links, ein Eisüberhang mit schwarzem, hartem Wassereis kostete die ersten wider-willigen Pickelhiebe, einen prächtigen, mit Felstrümmern gespickten Eisturm umgingen wir respektvoll auch nach links und näherten uns allmählich einer breiten Kluft mit weit überhangender Oberlippe. Otto durchschlug sie mit einigen Pickelhieben, zog sich am Pickel hoch und stand ob der Kluft wieder im weichen Pulverschnee. In ziemlicher Steilheit, 50—55 Grad, ging es laufend hoch bis zu einem zirka 6 m hohen Eisüberhang, der uns zur freudigen Überraschung nicht einmal einen kostbaren Haken abverlangte, eine Eisverschneidung mit wundervollen Tropfgriffen ermöglichte genussvolle Eiskletterei. Von hier aus stiegen wir unterhalb von mächtigen Eistürmen schräg rechts dem Beginn der Mittelrinne zu.

Es gab nicht viel zu plaudern, unsere Stimmung war vollkommen ruhig, friedlich und harmonisch; zum erstenmal in unserer langjährigen Bergkameradschaft entstanden nicht die kleinsten technischen « Haklereien », wir arbeiten wie ein Mann, ein Wille.

In der Rinne befanden wir uns senkrecht unter den drohenden, bereits von der Sonne beleuchteten, weit überhangenden Eiswällen, Türmen und Riffen der oberen Wand: der objektiv gefährlichsten Stelle der Tur. Hier war Eile eisernes Gebot. Bei 60 Grad Steilheit sank Otto stellenweise bis zum Bauch in Pulverschnee, ich brach in seiner Spur nochmals tiefer ein. Wir spürten unter dem Schnee das Eis gar nicht mehr. Tempo, Tempo! Der Pulver war gut, Stollenbildung an den Eisen würde hier verhängnisvoll! Wir dürfen keine Stufen schlagen, wo man vorher erst den Schnee schaufelweise wegräumen müsste! Die Rinne darf nicht mehr kosten als eine Stunde! Einige Seillängen ging es so hoch, bis zum grossen Wulst, der Schlüsselstelle, dem ersten Fragezeichen. Unsere Spannung wuchs zum Höhepunkt. Der zirka 30 Meter hohe, scheinbar senkrechte Eiswulst sperrt die Rinne, den Weiterweg. Wir musterten ihn kurz. Schwer, sehr schwer! Schwarzes Wassereis! An den günstigsten Stellen sicherlich 70 Grad.

« Otto, einen Eishaken! » Otto schlug Tritte und Griffe in einer langen Querung nach rechts. Zum erstenmal trat in unser Bewusstsein die Ausgesetztheit dieser Wand. Nach einer Seillänge trieb Otto mit dem Pickel den Eishaken ein. Einen Hammer hatten wir nicht mit. Ich folgte zum Sicherungsstand nach. Otto stieg weiter, noch eine Seillänge, und der Schlüssel hatte gesperrt. Nun konnten wir ohne Pickelhilfe bei langsam abnehmender Neigung ( bis zu 50 Grad ) gerade emporkommen; nach einigen Seillängen erreichten wir die oberen Eiswände und Türme.

Ein scheuer Blick hinauf. So müssen die Eisfjorde Grönlands aussehen, die arktischen Eiswüsten, die schwimmenden Eisberge, das wildeste Land dieser Erde«Palü, tu mir nichts, ich tu dir auch nichts; ich will bloss durch. » Man wird klein, bescheiden und demütig in den wildesten Winkeln der Alpen, man lernt schweigen.

Die Schwierigkeiten lösten sich überraschend, leichter als wir dachten; wir fanden einen normalen Steilhang bis zur Randkluft der Gipfelwand des Hauptgipfels. Es kam nicht einmal der Gedanke, nach links zu schleifen, zum Ostgipfel, obwohl es möglich wäre.

Über der breiten, tiefen Randkluft, nach 80 bis 100 Meter Blankeiswand, hingen die weit ausladenden Wächten des Verbindungsgrates vom Ostgipfel zum Hauptgipfel. Wir querten rechts hinauf zur schwächsten Stelle der Randkluft, unmittelbar unter dem Gipfel, von dem uns nur mehr die riesige Spalte und seine Schlusswand trennte. Wir sahen erst jetzt, der Tag war schön geworden, die Sonne warm um uns, die Wand schimmerte wie blanker Stahl.

Otto schlug durch die weit überhangende Oberlippe der Kluft eine Nische durch, wühlte sich hinauf, die Schneemassen brachen ein und — Otto landete wieder wohlbehalten und blitzschnell auf der Unterlippe.

Er grinste friedlich: « Wart, du Luderchen, ein paar Hiebe mehr und wir haben dich. » Also geschah es auch.

Das Eis, das blanke, schimmernde Eis! 70 Grad! Wir blicken uns an. Stimmt schon. Keine Stufen, Eckensteiner allein; es geht.

Hocke! Hocke!... Tiefer! Tiefer I Knöchel noch mehr auswärts! Die Eisen greifen! Heiliger Eckenstein, Dank! Endspurt!

Nach 5 Minuten Grat haben wir den Gipfel!

Mit einer uns seltsamen Friedlichkeit, nein, Behaglichkeit, sassen wir vollkommen wunschlos auf dem Gipfel, die Gipfelzigarette schmeckte wie noch nie, und wir genossen mit allen Knochen, Fasern, Nerven und Sinnen die erste Rast ab Bovalhütte.

Zum erstenmal sahen wir die Berninagipfel, die wir in den 6 Wochen erstiegen hatten, zum erstenmal so, wie man sie eigentlich sehen soll, frei, schön, gross; Erfüllung und doch wieder Land, das stets Ferne bleibt.

Dann wateten wir eine Stunde lang über den Ostgipfel und die normale Skiabfahrt in wundervollem Pulverschnee « sturzfrei » zu unserem Skilager.

Mit den Ski ging es über die Isola Pers im Prachtfirn — Gott sei Dank, auch sturzfrei zur Bovalhütte hinab.Wunderbar leicht, trotz der schweren Rucksäcke, schwangen sich die letzten Schwünge dieses Winters talwärts nach Morteratsch, dem ersten Grün entgegen.II. Monte Scerscen-Westwand.

Der Monte Scerscen, 3967 m, ist der schwerste Gipfel des Bernina. Unser Weg führte unmittelbar über die Eisbarrieren in der Fallirne des Gipfels. Wir berührten erst bei der letzten Seillänge Fels. Unsere Zeiten waren: Ab Hütte 3 Uhr, ab Einstieg 630 Uhr, Gipfel 10 Uhr, ab Gipfel 11 Uhr, an Hütte 2 Uhr.

Am 14. August 1931 gingen Otto Feutl und ich um 3 Uhr früh von der Tschiervahütte weg, querten die Moräne, stiegen in der Richtung Piz Umor hoch. Der Weiterweg führte über den Tschiervagletscher zum Güssfeldsattel. Die Nacht war eigenartig schwül, schwere Wolkenbänke schoben sich langsam von Westen heran. Föhn. Wir stolperten über die Eisknollen einer ziemlichen Lawine, die von der steilen Scerscenwand abgegangen war. Diese Stelle war zirka 200 m vor dem Beginn des Güssfeldsattels. « Aha! Da müssen wir hinauf! » Diese Lawine riss eine Bresche durch die überhängende Oberlippe der Randkluft, schuf eine Brücke und erleichterte den Einstieg. Eine VIII16* gleichmässig geneigte steile Firnwand, ungefähr 60 Grad ( steiler als die bekannte Ballavicine am Grossglockner ), leitete ungefähr 300 m hoch zur ersten Eisbarriere. Ständiger feiner Eisschlag, grauer Föhn und Windkälte beschleunigten unser ohnedies nicht langsames Tempo. Die Horescheisen griffen aber zuverlässig in prächtigen Firn, die im gleichmässigen Rhythmus eingehauene Pickelspitze unterstützte das Gehen. Lunge und Herz arbeiteten nach den ersten 100 m gleichmässig ruhig. Als wir den ersten, überhängenden Eiswulst so richtig sahen, wurden wir stutzig. Otto meinte: « Willy, da werden wir kaum durchkommen! » Wie so manches Mal schon löste sich dieses Problem überraschend einfach. Den Wulst begrenzt eine glatte Felswand. Zwischen Wulst und Wand ermöglichte eine schmale Gasse die nicht allzuschwere Überwindung des Wulstes, der, wie wir erst jetzt sehen konnten, aus zwei geteilten Wänden bestand. Die zweite Wand, ungefähr 20 m hoch, mussten wir äusserst schwierig hinauf. Eine steile Schneemulde zwischen Eismauern führte uns zur Schlüsselstelle dieser Fahrt, einen 70 bis 80 Grad steilen, ungefähr 80 m hohen Eisabbruch. Diese Stelle ist wohl äusserst schwierig. Nun ging Otto vor, das Eis dieses Abbruches war gut, aber sehr blättrig. Diese 80 m kosteten uns eine Stunde.

Dieser Eisabbruch setzt aus einer schmalen Randkluft an. Ich zwängte mich zur Sicherung des hier vorgehenden Otto in diese Kluft, gleichsam wie in einen Kamin, klemmte den Pickel quer bis zur Haue in die Unterlippe ein. « Otto, auf, deck dich gut, du bekommst viel Eis. » — Otto schob sich sachte über die Randkluft und kerbte von Viertelmeter zu Viertelmeter gute, tiefe Griffe, die gleichzeitig auch für die Vorderzacken der Eisen als Tritte dienen mussten. So schob er sich langsam, sachte wie eine Katze Meter um Meter hinauf. Ich verfolgte gespannt sein Weiterkommen. Das Seil musste absolut leicht durch meine Pickelsicherung laufen, denn der geringste Zug bei der Art Gehen bedeutet Sturz des Ersten.

Unablässig trommeln die Eisstücke, die Otto losschlägt, auf meinen Kopf. Nach 15 m brülle ich hinauf: « Schlag einen Eishaken, sicher ist sicher! Kannst du einen Augenblick stillstehen? » — « Ja, aber kurz. » Ich schnalle mir den Rucksack über den Kopf. « Es geht schon wieder. » Das Weiterkommen merkte ich an dem Seil und an dem gleichmässigen Trommeln des Eises auf dem Rucksack. Otto ging in der gleichen Technik das Seil ( 30 m ) aus, man sieht hier nur Füsse und den gewissen Körperteil. « Seil aus! » Ein Trommelfeuer von Eisstücken rasselt nun auf den Rucksack. Otto schlug eine Standnische für beide Füsse und den zweiten Eishaken.

Ich kletterte rasch zum ersten Haken nach, ein paar Pickelschläge, der Eishaken war heraus und klirrte an den Leib. Ich ging nun weiter bis zu Ottos Stand. « Otto, das Wetter wird rasch schlechter, das Kerben dauert furchtbar lang. » « Willy, ich hab 's schon, bei diesem morschen Blättereis können wir 's ohne Kerben riskieren. » Otto nahm das kurze Eisbeil in die rechte Hand, einen langen Eishaken in die linke. Die Steigung war noch immer 75 Grad. Die rechte Hand hielt das Eisbeil fast horizontal zur Wand und drückte die Haue scharf ins Eis —rechter Griff; ist dieser sicher, drückt die linke Hand den Eishaken ein Stück weiter höher als linken Griff hinein, dann und wann, beim Wechsel des Griffes von rechts nach links ein kurzer Schlag mit der Haue auf den Haken. Der Oberkörper wurde auf diese Art wechselnd fast hochgezogen, die Füsse entlastet, auf diese Weise kann man auch bei dieser Neigung auf die Kerben verzichten. Dieses Gehen erfordert allerdings feinsten Gleichgewichtssinn, viel Übung und ist nur bei bestimmten Eisarten möglich. Für jede weitere Seillänge klingen regelmässig zwei Eishaken ins Eis zur Sicherung des Ersten und auch des Zweiten. Nach jeder Seillänge kam wieder eine grosse Standnische zur Rast. Nach drei Seillängen lag diese schwierigste Stelle hinter uns.

Nun ging es einige Seillängen wesentlich bequemer in einer pulverschnee-erfüllten Steilmulde hoch bis zum dritten Sperriegel, der uns eine Überraschung ganz eigener Art bescherte. Dieser Sperriegel erschien von unten aus gesehen als eine zirka 30 m hohe Eiswand mit einer schönen flachen Terrasse in der Mitte. Wir gingen gleichzeitig ( wie bei allen etwas leichteren Strecken ) mit eingerolltem Seile über die erste Eisstufe, erreichten bald das scheinbare breite Eisband und blickten uns verdutzt an. Das Band war die Unterlippe einer 12 m breiten verschneiten Spalte, die sich nach rechts auf einige Meter verengte, und der Eishang über ihr wieder eine 20 m hohe « Fleissaufgabe ». Wir querten auf der messerscharfen Unterlippe der Spalte im Reitsitz nach rechts, liessen uns dann in die verengte Spalte hinab und bewältigten in gewohnter Technik das Oberstück.

Während wir über ein steileres Firnfeld zügig der Gipfelwand zustrebten, hatten wir zum erstenmal Zeit, das Wetter zu betrachten. Es wurde schon einförmig grau. Wir zogen die Windanzüge rasch an, denn der Wind wurde immer schneidender. Über den Biancograt des Bernina gegenüber spielten die ersten Schneefahnen. Unsere Stimmung wurde etwas nervös.

Bis hieher waren wir gleichmässig und zügig gegangen, ohne Rast seit der Tschiervahütte. Nun begann uns das Wetter zu jagen. In ganz kurzer Zeit standen wir vor der zirka 100 m hohen Gipfelwand, schlechtes Wassereis, im oberen Teil eingesprengte glasierte Felsinseln, war gerade nicht angenehm anzusehen. « Willy, wir könnten links gehen und normal auf den Gipfel kommen. » « Otto, ich weiss, dass dies nur Spass ist. » Otto schlug flott die erste Seillänge. Ich ging sofort nach, besserte ein wenig die Stufen aus. Ein Eishaken — wir wechseln — die nächste Seillänge gehört wieder mir, unterdessen kann sich Otto ausruhen. So wechseln wir einige Male, kommen auch beim Stufenschlagen auf die rascheste Weise hoch, erst die letzten 10 m unmittelbar zum Gipfel waren vereister Fels.

Um 10 Uhr vormittags, nach 3% Stunden harter Arbeit, hatten wir die 700 m hohe « moderne » Eiswand hinter uns und unsere erste Rast ehrlich verdient.

Vom Gipfel des Bernina jauchzte man uns zu, wir gaben freudig Antwort. Vor dem immer stärker einsetzenden Winde deckten wir uns einigermassen in der Südseite des Gipfels; eine fröhliche Gipfelstimmung, noch weniger Siegesfreude, kam nicht recht auf. Wir wussten, dass am Fusse des Monte Scerscen zwei junge Schweizer Bergsteiger begraben liegen, die hier oben der Blitz erschlug.

Graue Nebel lagerten um die Gipfel der sonst so sonnigen, silbernen Berninawelt. Die Ferne war vollkommen zugeschlossen, die nahen Gipfel drückten in düsterer Wucht, der Wind jagte durch die Klippen. Nirgends ein Licht. Die Gletscher waren fahl, schwer und fremd.

« Heute gehören diese Berge diesen zwei Toten hier, gehen wir! » Wir schlichen fast wie Diebe vom Gipfel. Über den leichten Schneerücken geht es im Lauftempo bis zur Eisnase.Vor dieser zerriss Schneesturm die drückende Seelenstimmung. Das Präludium war zu Ende, die Ouvertüre der Berge und massvollen Lebens setzte rauschend ein.

Die Eisnase ist eine 80 m hohe Eiskante mit einem regelrechten Eisüberhang. Abseilen. 8 m! Eine Seillänge kerben! Die nächste Seillänge Eisen allein! Die letzte mit eingerolltem Seil! Dann guter Felsgrat. Nach einer halben Stunde war die Nase vorbei. Sturm, jetzt kannst du orgeln, fetzen, brüllen und tosen, soviel du willst, jetzt sind wir aus deinen Fängen.

HorchEislawine? Dumpfes Donnern, Krachen, Eisstaub kroch über unseren Anstiegweg des Monte Scerscen, vermischte sich mit den wirbelnden dünnen Schneeflocken.

Technisches Können ist für solche Fahrten selbstverständlich, schärfstes Tempo halten eine Notwendigkeit, jedoch Glück ist alles!

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