Vitoscha und Musalla, zwei Aussichtsberge in Bulgarien

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Von Paul Vosseier

( Basel ).

Der Musalla ist mit 2935 m der höchste Gipfel der südosteuropäischen Halbinsel. Von der Vitoscha aus erscheint er als kleine Pyramide, die im Osten dem flach emporgewölbten Rilagebirge aufsitzt. Seinen Fuss erreicht man längs der tief eingesenkten Schlucht des Isker. Seine scharfen Schlingen legen das Gestein des Untergrundes bloss, auf dessen schwer zugänglichen Spornen die Ruine einer alten Burg und ein mauerumgürtetes Kloster die Sperr- und Schutzlage ausnützten. Schotterterrassen engen den untern Schluchtteil ein; dann treten sie bei Gross Pasarel zurück und begleiten einen breiten Talboden, den der mächtige Schuttfächer des dem Hochgebirge entspringenden Isker in zahlreichen, verwilderten Armen durchfliesst. Kahle Hänge aus hellgrauem, tief verwittertem Urgestein sind durch zahlreiche Racheln in ein fein zerschnittenes « Badland« aufgelöst, ein Gebiet, wo noch zur Türkenzeit in kleinen Becken, die durch Schleusen abgetrennt waren, der angeschwemmte Verwitterungsgrus gesammelt und das schwere Magneteisen ausgewaschen wurde. Es gab den Rohstoff für zahlreiche Hochöfen und Schmieden des durch sein Eisen berühmten Samokov, bis nach der modernen Verkehrsentwicklung die Betriebe eingingen, die sich auf die nicht sehr reichen Seifen gründeten. Noch heute ist dieser städtische Mittelpunkt des westöstlich streichenden Beckens eine tätige Kleinstadt, wenn auch die Eisenschmelzen ausgeblasen, Posamenterie- und Seidengewerbe eingegangen und die einst blühende Pferde- und Schafzucht der Umgebung zurückgegangen sind. Dafür wurde Samokov zum Mittelpunkt einer Sommerfrischengegend, und an den Kern der Altstadt mit seinen niedern Türkenhäusern und den eingebauten Moscheen reiht sich ein Viertel von Hotels und Ferienhäusern. Es ist der Schlüssel zu dem erst seit wenigen Jahren dem Tourismus erschlossenen Rilagebirge, dessen Fuss prächtige Wälder von Buchen und Fichten umhüllen, dessen Höhen alpine Matten kleiden. In sie eingebettet sind felsige Karnischen mit einer reichen Auswahl lieblicher Seen, und Wege führen hinüber zu dem in tiefem Waldesdunkel versteckten, glänzenden Rilakloster, einem Wallfahrtsziel der bulgarischen Nation.

Zwei Stunden von dem in 900 m gelegenen Samokov entfernt liegt in 1200—1300 m Höhe, mitten in Föhren- und Fichtenwald, die Kursiedlung Tscham-Korija. An der wasserreichen Bistriza reihen sich Sägemühlen; ein Elektrizitätswerk nutzt die Kraft des 400 m höher gefassten Bergbaches. Aber diese technischen Betriebe treten gegenüber den Schlössern und Jagdhäusern, den Villen und Ferienhäuschen, die in neuster Zeit an noch nicht fertig erstellten Waldstrassen gebaut wurden, zurück. Im Zentrum dieser « Waldhaus»-Siedlung scharen sich Kioske und Kaffeehäuser um einen kleinen Parkweiher.

Die Alpen - 1943 - Z-fs Alpes.7 Ein hübscher, gut markierter Weg führt von hier aus auf den Musalla. Er ist längs dem Hang des Bistrizatales zuerst in Urgesteinsschutt eingeschnitten. In 1450-1500 m bilden undeutliche Endmoränen eine Steilstufe und deuten das Ende des eiszeitlichen Gletschers an. Doch erst in ca. 1900 m Höhe weitet sich das Tal zu einem glazialen Trog. Noch steht man mitten im Wald, der deutliche Spuren der Neuaufforstung zeigt. Junge Tannen, Lärchen, Weimutskiefern neben Birken und Eschen setzten diesen jungen Wald zusammen, der sich auf einem breiten, das Tal querenden Endmoränenwall ausdehnt. In schmalen Bändern zieht er sich, nach oben in Legföhrengebüsch übergehend, zwischen den Blockscliutthalden der Talgehänge hinauf. Seine Ränder schmücken grossblättrige Stauden mit gelben Korbblüten, Senecien und Doronicum, neben den Linaria dalmatica mit grossen, hellgelben Löwenmaulblumen. Sie beleben auch die feuchte Umgebung eines kleinen Wasserfalls in 2100 m. Eine neue, trogförmige Erweiterung erfährt das Tal in 2300 m. Wieder bilden Moränenhügel Wellen über dem flachen, von sumpfiger Alpweide bedeckten Boden, der im Schmuck lieblicher Gebirgspflanzen schimmert. Zwischen die blauen Sterne der Gentiane pyrenaica mischen sich die roten Döldchen der Mehlprimel und die purpurnen Blüten-flecke der Primula deorum. Auf den trockenen Stellen leuchten neben den blauen Köpfchen der Jasione bulgarica rote Grasnelken. Doch schon greift von unten her eine weisse Nebelzunge ins Tal hinein, und bald sind wir mitten im brausenden Berggewitter, vor dessen Unbill wir in das gut eingerichtete Touristenhaus, das in 2400 m auf einer den Talboden überquerenden Stadial-moräne gebaut ist, fliehen können. Dort können wir am warmen Ofen unsere Kleider trocknen und nach einem frugalen bulgarischen Mahl die Pritschen aufsuchen.

Am Morgen weckt uns ein strahlender Himmel und verlockt uns zu ungesäumtem Aufbruch. Der Aufstieg zum Musalla führt über Rundhöcker, bei sumpferfüllten Wannen und durch Gletscherschurf und Moränenstauung gebildeten Seelein vorbei, dessen höchstes, der Eissee, noch von einer erst am Rand angeschmolzenen, grünlichen Eisdecke überzogen ist. Firnflecken liegen in sonnengeschützten Nischen und vergrössern sich gegen den Gipfel zu Schneefeldern, als Reste einstiger Firn- und Eismassen. In Blockmassen und Felsspalten blühen Hochgebirgspflanzen, schwefelgelbe Nelkenwurz, Sieversie, blütenreiche Saxifragen und Hornkräuter, Polster der niedlichen Felsnelke Dianthus microlepis; am Rand des Schnees sind die zarten Blüten der Soldanelle und die weissen des Ranunculus crenularis. Der Morgensonnenschein beleuchtet schon den Gipfel und überzieht die weite umliegende Gebirgslandschaft mit goldenem Hauch, als wir beim Observatorium ankommen, das den Gipfel krönt. Seine Thermometer zeigen die respektable tägliche Wärmeschwankung von —3° und + 17°. Und nun breitet sich eine gewaltige Gebirgslandschaft vor uns aus. Im Süden liegt in ca. 2400 m Höhe eine wenig gewellte Hügellandschaft, die Bergrücken der Demir Kapija, des « Eisentores », mit schwachem Neuschneeanflug und die vorn grünlichen Hauch der Bergweiden überzogenen Hochflächen des Nalbant. Hier liegt das oberste Quellgebiet des Beli Isker, des weissen Isker, dessen Wasserfäden den Schnee- flecken einiger Kare entspringen, bevor sie sich im Fluss vereinigen, der auf dem Boden des steilwandigen Trogtales des ca. 1000 m tiefen Einschnittes, der den Musalla vom übrigen Rilagebirge trennt, schlängelt. Aus der Tiefe steigt Fichten- und Legföhrenwald, der durch Lawinenrunsen zerrissen ist. Dahinter treten im Westen die flachen Höhen des Rilagebirges hervor, in dessen Urgestein zahlreiche Kare eingegraben sind, die sich in Stufen hoch über dem Haupttal öffnen. Rings von Schutthalden umgeben, über die sich steile Felshänge erheben, schimmern selten besuchte Seelein. Die massige Form des Gebirges löst sich erst gegen Norden in einzelne Kämme auf, deren Fuss unter ein imposantes Nebelmeer untertaucht. Wie verlorene Inseln treten aus seiner flutenden Oberfläche die obersten Teile des Vitoschaplateaus und die breiten Rücken des Balkangebirges. Auch im Osten setzt sich das flache Hochland fort, über dessen Sockel sich die breiten, stumpfen Gipfelpyramiden des Musalla, des Mandru im Süden und des Tschadir Tepe, des « Zeltgipfels » im Norden erheben. Hier prägt sich die eiszeitliche Formgestaltung besonders schön aus. In drei grossen Stufen ist das Kar der obersten Maritza aufgebaut. Graue Felswände umrahmen die von Firnflecken gesprenkelten Schutthalden, und im grossen Zirkus grüssen drei smaragdgrüne Seen.

Zwei Gestaltungsphasen bestimmen den Formenschatz des Rilagebirges: orogene Bewegungen in Verbindung mit Durchtalung und Abtragung und glaziale Modellierung.

Eine alte Landoberfläche wurde von Bewegungen der Erdkruste ergriffen, im Gebirge aufgewölbt und in Becken eingebogen. Diese Bewegungen reichen bis ins Alttertiär zurück und waren unterbrochen von Stillstandsperioden, in denen die Erosion Täler grub und Konglomerate und Sande in die Senkungsgebiete aufschüttete. Im Rilagebirge hat Louisdiese Entwicklung verfolgt. Alttertiär ist die Region der Hochkämme, deren Abtragungsreste in den höchsten Erhebungen als Restberge, wie im Musalla, ein Niveau überragen, das im Miozän geschaffen wurde und eine Flachlandschaft darstellte, dessen flache Buckel in den Nalbandhochflächen in 2300 bis 2500 m Höhe und in dem breiten Sockel, auf dem jene Höhen aufgesetzt sind, vorhanden ist. Tiefere Niveaus liegen heute in 2100-1900 m und in der Terrasse von Tscham Korija in 1300 m, wo noch Reste obermiozäner Schotter gefunden werden. Jünger ist die ganze, tief ins Gebirge reichende Durchtalung. Während der Eiszeit haben die viel stärker entwickelten Gletscher diese Erosionslandschaft umgestaltet. Diese Modellierung hat, nach Forschungen von Cuijic, mein Begleiter Annaheim 2 ) neulich in einem hübschen Überblick beschrieben. Wie in andern hochgelegenen Mittelgebirgen, in der Iberischen Halbinsel, in Vogesen und Schwarzwald, waren die Hochflächen von einer Firndecke überzogen, die sich aber nur im Norden zu Eis verdichtete und in die Täler überfloss. Aus diesem Grunde sind die Hochflächen noch mit einer alten Verwitterungsrinde überdeckt, und nur die nach Norden exponierten Täler sind in Trogtäler umgewandelt worden. An den Talnischen der Hochkämme setzten sich, hauptsächlich genährt von dem durch Westwinde verwehten Schnee, Firnfelder an, von denen Gletscherzungen in die Täler flössen. Es wurde eine allgemeine Schneegrenzen läge von 2200 m errechnet, die lokal je nach der Exposition tiefer oder höher lag. Um den Musalla liegen die tiefsten Endmoränen im Beli-Iskertal in 1100 m, im Bistriza-tal in 1450-1500 m, allerdings hier in der Bachschlucht nur schwer feststellbar. Diese Vereisung muss der letzten Eiszeit zugeteilt werden, da ältere Moränen bis jetzt nicht festgestellt wurden. Wahrscheinlich erhob sich während der Risseiszeit, deren Moränen in der Schweiz weit über den Jura reichten, das Gebirge noch nicht zur heutigen Höhe, ein Phänomen, wie es in Galizien und Portugal vermutet werden musste. Beim Rückzug liessen die Gletscherzungen einige Stadialmoränen zurück. Heute ist das ganze Gebiet unvergletschert, wenn auch ständig ziemlich grosse Schneemassen in den schattigen Karen liegen und wenn auch mitten im Sommer die Niederschläge in fester Form fallen. Die klimatische Schneegrenze mag in ca. 3000 m liegen.

Schon um 9 Uhr stieg die Oberfläche des Nebelmeers an, und Wolken umhüllten die Gipfel und versperrten die Aussicht auf die noch vor kurzem sonnige Landschaft. Wir mussten deshalb auf eine weitere Wanderung nach Süden gegen das Rilakloster verzichten. Noch spielte beim Abstieg das Sonnenlicht auf den klaren Gletscherseen, doch vor dem Erreichen der Waldgrenze überraschte uns ein Berggewitter ., vor dessen Regenschauern auch die gewaltigen Tannen des wenig veränderten Urwaldes keinen Schutz mehr zu bieten vermochten. Um so dankbarer genoss man den Schutz der Kursiedlung Tscham Korija.

Vitoscha und Musalla sowie einige andere Gipfel des wilden Rilagebirges zählen wohl zu den schönsten und aussichtsreichsten Bergen der Balkanhalbinsel. Erst durch die Verkehrserschliessung Bulgariens sind sie der kultur-armen Wildnis entrückt und zu verhältnismässig leicht erreichbaren Touristengebieten geworden.

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