Vom Sinn für die Schönheit der Gebirgslandschaft

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Von Oscar Allgäuer

Der Sinn für die Gebirgslandschaft ist bei den Bücher schreibenden Menschen erst in neueren Zeiten stark geworden und wird mehr und mehr zu einem Allgemeingut. Frühere Jahrhunderte betrachteten, von wenigen erlauchten Geistern abgesehen, die Berge als abscheulich, hässlich und schrecklich; sie lobten die Lieblichkeit der Ebenen Hollands und der Lombardei. Über die Entfaltung des modernen Naturgefühls und die Bewunderung der Alpenwelt ist schon Verschiedenes geschrieben worden, auch in den « Alpen » und andern Bergsteigerblättern. Eine der umfangreichsten und bestdoku-mentierten Arbeiten über dieses Thema aber ist kaum bekannt, da in einem Werke vergraben, wo sie vom Alpinisten nicht gesucht würde.

In des gelehrten Ludwig Friedländer ( 1824-1909, aus Königsberg i. Pr. jetzt heisst diese Stadt Kants Kaliningrad ) « Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit von Augustus bis zum Ausgang der Antonine » betitelt sich ein Kapitel « Die Entwicklung des Gefühls für das Romantische in der Natur im Gegensatz zum antiken Naturgefühl ». Hier finden wir eine reichhaltige Zusammenstellung des literarischen Niederschlages des sich allmählich entwickelnden Sinnes für Bergschönheit vom 13. bis zum 19. Jahrhundert gesammelt und mit einer Unmenge von Zitaten belegt ( Bd. 4, S. 142 bis 178 der von G. Wissowa besorgten 9. und 10. Auflage von 1921 ). Wir lesen da aber auch, dass zum Beispiel der berühmte Verfasser der « Wanderjahre in Italien » und der « Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter », Ferdinand Gregorovius, im Jahre 1863 die Berge am Vierwaldstätter See wüst und formlos fand und wie der Philosoph Hegel 1796 das Berner Oberland ähnlich beurteilte.

Auch heute gibt es Menschen, denen die Berge wenig oder nichts sagen, ja die von denselben sogar abgestossen werden. Daneben stehen noch die Pseudoalpinisten, welche der « Alpinophilie » nur als einer Art Massensuggestion unterliegen oder auch, weil es einmal Mode ist, sich äusserlich so gebärden, « als ob » ihnen die Alpenwelt etwas bedeutete. Ja sogar der leidenschaftliche Freund der Berge ist dies vielleicht nicht zeit seines Lebens, indem das alpine Erlebnis nur einem bestimmten Alter und einer bestimmten Phase seiner inneren und äusseren Entwicklung entspricht.

Wer die Berge liebt, kann es meist nicht verstehen, wie andere von dem nicht ergriffen werden, was ihm geradezu fast oder ganz als das Höchste erscheint. Wenn er dazu nachdenklicher Natur ist, so möchte er wissen, warum diese andern anders fühlen. Wir wollen daher die Gelegenheit benützen, an drei neu veröffentlichten und die Sammlung Friedländers ergänzenden Beispielen Einblick in die äussern und innern Gründe zu erhalten, welche Menschen älterer wie neuerer Zeit dem Bergerlebnis mehr oder weniger ablehnend gegenüberstehen lassen.

Im Oktoberheft 1940 der « Alpen » finden wir die Schilderung eines Alpenüberganges, welche trotz ihrer Modernität ganz « historisch » anmutet. Wir lesen da von hässlicher, unproportionierter, toter Landschaft, von höllischem Schnee, von bald schmerzhafter, bald stumpfer Erschöpfung. Der Verfasser Julian Hall ist ein Engländer, der im Herbste 1943 aus einem Gefangenenlager in Italien über das Felikjoch ( 4068 m ) in die Schweiz flüchtete. Für ihn waren die Berge nur ein schwieriges, gefährliches und strapaziöses Hindernis, das eben auf dem Weg in die Freiheit überwunden werden musste — ähnlich wie einst für die Kaufleute und Pilger, welche untrainiert auf rauhen Pfaden, von unbegriffenen Berggefahren und heimtückischen Räubern bedroht, nach Gewinn oder geweihten Stätten strebten und dem Jupiter Poeninus oder einem Heiligen Gelübde für guten Übergang leisteten. Der einheimische Führer des Flüchtlings ist derselben Auffassung, auch er, der Bergler, nennt die Berge wüst und mühsam ( brutte ).

Julian Hall und sein Begleiter bestätigen so die alte Erfahrung, das die Alpenwelt erst dann als schön empfunden werden kann, wenn sie nicht mehr als Hindernis auf dem Wege zu einem « höher » geschätzten Ziele entgegentritt, sondern gewissermassen als Selbstzweck betrachtet werden kann, wenn sie zum « Spiele », etwa im Sinne J. Huizingas ( « Homo ludens » ) oder Gustav Ballys ( « Vom Ursprung und von den Grenzen der Freiheit, eine Deutung des Spiels bei Tier und Mensch » ) dient. Das « alpine Spiel » kann ein körperlicher Kampf auf Leben und Tod mit dem Berge sein, als Abwechslung zur Routine und Sekurität des Alltagslebens, es kann aber auch ein rein geistiges Prüfen der ästhetischen Werte der Berglandschaft bedeuten.

Die eine Voraussetzung zur Ausbildung des Sinnes für die Reize der Berglandschaft ist in beiden Fällen die Freiheit: der Mussbergsteiger als solcher leidet genusslos unter selbst geringen Anstrengungen, ja unter den blossen Eindrücken der Alpenwelt. Die andere Voraussetzung liegt in der inneren Anlage des Geistes und Gemütes. Bei voller Wahlfreiheit fühlen, wie eingangs bemerkt, viele Menschen sich weder in ihrem Betätigungsdrang noch in ihrem Schönheitsempfinden zu den Bergen hingezogen, ja lehnen deren Erscheinung bewusst und überlegt ab.

Nennen wir zunächst einen Sohn der norddeutschen Tiefebene, den bekannten und beliebten Humoristen Wilhelm Busch ( 1832-1908 ). Von dessen Lebensanschauung und Charakter schrieb Hermann Nöldeke u.a. folgende Worte: « Berge bestieg er nicht. ,Da sieht man ja nichts. ' Der einzige Berg, den er von Brannenburg aus einmal bestiegen, ist der Wendelstein. Damit hatte er genug vom ,Bergkraxeln '. Auch im Gebirge weilte er nicht gerne. Er liebte die Ebene mit ihrem hohen Himmel, ihren herrlichen Sonnenuntergängen, ihrer duftigen Ferne, ihrer weiten Fläche, auf der alle Gegenstände gross und bedeutungsvoll erscheinen, Kirchtürme, Windmühlen, Ortschaften, Bäume, Menschen und Tiere, während in den gewaltigen Bergen alles andere klein und nichtig wird. Auch darin ein echter Niedersachse. » ( Neues Wilhelm-Busch-Album, S. 464. ) Aber nicht nur ein Mann des Flachlandes steht der Alpenwelt kritisch gegenüber, sondern auch ein grosser Schweizer, nämlich Jacob Burckhardt ( 1818—1897 ), der Verfasser der « Kultur der Renaissance in Italien » und der gerade in heutiger Zeit hochgeschätzten « Weltgeschichtlichen Betrachtungen », ein eifriger Wanderer, welcher in seinen Jugendjahren Rigi und Pilatus bestiegen hatte. Werner Kaegi zitiert im soeben erschienenen I. Band seiner monumentalen Burckhardt-Biographie ( S. 535 ) folgende Stelle aus der Schilderung einer Reise in den untern Tessin im Jahre 1839: « Studierende Jugend der Schweiz, du, der bald kein Berg mehr steil und unwegsam genug ist, und ihr alle, die ihr euch alljährlich an den ungeheuren Dimensionen der Alpen das Augenmass, an ihren düstern Tannen und ihren kahlen Felswänden den Geschmack für sanftere, landschaftliche Schönheiten verderbt, kommt einmal hierher und öffnet euch diese reiche Welt voll neuer Berge, Seen, Dörfer, wie ihr sie nie gesehen habt und euch sie daheim nicht vorstellen könnt. » Als der Alpinismus noch scheel angesehen wurde, haben die Bergsteiger sich selber und der Mitwelt in unzähligen Büchern und Aufsätzen mit psychologischen, psychoanalytischen, ästhetischen, wissenschaftlichen, hygienischen, patriotischen, militärischen und weiss Gott was für Begründungen zu erklären versucht, weshalb wir in die Berge gehen; heute ist der Alpinismus, wenigstens bei uns, so Allgemeingut geworden und wird der Massentourismus so gefördert, dass es sich umgekehrt verlohnte, an den drei dargestellten « Fällen » zu untersuchen, warum nicht alle in diesem Strome mitschwimmen. Ihr Widerspruch zur allgemeinen Meinung soll zur Selbstbesinnung des Bergsteigers helfen; wenn einseitige Gipfelstürmer nicht glauben wollen, dass « die Berge unten anfangen », so freuen sich Alpinisten mit weiterreichenden Interessen, zu dem Mahnruf unseres « Alpen»-Redaktors gewissermassen ein Gegenstück zu finden in den vor 100 Jahren geschriebenen Worten des Basler Humanisten und Kulturhistorikers.

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