Vom Zürichsee zum Hohen Ron

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Vom Zürichsee zum Hohen Ro

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Von Walter Höhn-Ochsner ( Zürich ).

Mit 2 Skizzen.

Bei der Sternenschanze betreten wir gleichzeitig noch einen Boden, der kulturgeschichtlich von grossem Interesse ist, nämlich das Gebiet der Allmend-genossenschaft Richterswil. Der ursprünglich als « Erlenallmend » bezeichnete Landkomplex war in frühesten Zeiten gemeinsames Besitztum gewisser Geschlechter der Hofleute von Wollerau und der Dorfleute von Richterswil. Infolge fortwährender Streitigkeiten wurde dann 1632 die Teilung der Allmend vollzogen, nach längeren Verhandlungen zwischen den Regierungen von Zürich und Schwyz. Das Privilegium der Allmendnutzung durch bestimmte Geschlechter hat sich in Richterswil bis auf die Gegenwart erhalten. Schon der älteste noch erhaltene Allmendrodel von 1564 unterscheidet zwei Gruppen von Allmendgenossen, solche, welche das Allmendrecht von ihren Ahnen ererbt, und solche, die es später erkauft. Zu den erstem und zugleich ältesten Geschlechtern der Gemeinde gehören die Bachmann, Eschmann, Hänsler, Hiestand, Hotz, Leemann, Lüthi, Schneider, Strickler ( vom Gehöft « am Strick » ), zu den letztern u.a. die Blattmann, Goldschmid, Heusser, Müller, Ringger, Rusterholz, Trinkler ( jetzt Treichler ), Wethli, Widmer. Jahrhundertelang befand sich dieses Allmendgebiet infolge von massloser Übernutzung durch Weidgang, Streuegewinnung, planloses Torfstechen in einem traurigen Zustand der Verwilderung und Verödung. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts trat eine Besserung ein. Heute wird ein Teil der Allmend als Wiesland, grosse Flächen als Acker- und Gemüseland bebaut und nur noch der Die Alpen — 1942 — Les Alpes.19 VOM ZÜRICHSEE ZUM HOHEN RON.

geringere Teil als Streueland genutzt. Torf ist nur noch selten gestochen worden.

Mit der Zeit entstanden auch neue Siedelungen mitten im Allmendgebiet drin, so vor allem Samstagern, das auf der Zürcherkarte des Johannes Gyger von 1667 noch gar nicht figuriert. Seit dem Bau der Südostbahn hat es sich stark entwickelt und ist heute zu einem ausgesprochenen Strassendorf angewachsen. Diese Entwicklung ist nur dem Umstände zu verdanken, dass die AUmendgenossenschaft von ihrer frühern Praxis abwich und von ihrem Areal Teilstücke an nicht allmendgenössige Private käuflich abtrat.

Von Samstagern südwärts wandernd, erreichen wir in wenigen Minuten die Bellenschanze, von der aus wir in südwestlicher Richtung durchs Geäst der Birnbaumbestände eine Wasserfläche aufblitzen sehen, den Hüttner See, in alten Urkunden auch Bibetsee genannt. Dieses Gewässer stellt seiner Entstehung nach einen typischen Moränenstausee der letzten Eiszeit dar. Gegen Westen liegt er in einen hufeisenförmigen Moränenzirkus eingebettet, der ostwärts durch eine Quermoräne, den Seerain, abgeriegelt wird. Dieser ganze Hügel ist jetzt im Abbau, eine riesige Kiesgrube gähnt uns entgegen. Wir haben hier gute Gelegenheit, gewissermassen einen Blick in die Eingeweide einer Moräne zu gewinnen. Zunächst lernen wir als charakteristische Leitgesteine des Linthgletschers neben den schon früher genannten den gefleckten Taveyannaz-Sandstein, Quartenschiefer, Schiltkalke und tertiäre Speernagelfluh kennen, teils kantig, teils schön poliert und geschrammt, je nach der Art des Transportes auf oder im Gletschereis. Je nach der Stärke der Wasserführung der Gletscherbäche wechseln Schichten von Geröll mit ausgewaschenen Sandbänken oder Lehmlinsen, die durch kleine lokale Wasserstauungen erzeugt wurden. In die weichen Sandschichten haben zahlreiche Uferschwalben ihre meterlangen Niströhren gegraben. Die sandigen Lehm-bänder werden von Erd- und Gürtelbienen für ihre Brut bevorzugt, deren Entwicklung sie mit eingesammelten Blütenpollen sichern. In den Miniatur-schutthalden älterer Kieswände hausen die Larven des räuberischen Sand-laufkäfers in fast senkrechten Röhren, die zugleich als Fanggruben für Beutetiere aus dem Insektenreich dienen. In verlassenen Kriesgrubenteilen lernen wir die Gesetzmässigkeiten kennen, welche die Vegetation bei der Wieder-besiedelung von Neuland befolgt.

Wenden wir uns jetzt noch dem idyllisch gelegenen Hüttner See zu, indem wir denselben von der noch erhaltenen Kuppe des Seerains aus betrachten. Er stellt heute nur noch einen Rest seines ursprünglichen Areals dar, das er kurz nach dem Rückzuge der Gletscher eingenommen hat. Die westliche Hälfte ist im Laufe der letzten Jahrtausende vollständig verlandet. An Stelle der einstigen Wasserfläche dehnen sich heute horizontale Riedflächen, ausgesprochene Verlandungsmoore, deren Untergrund aus Torf und in der Tiefe aus Seekreide und Seeton besteht und Tausende von Einschlüssen der einstigen mikroskopischen Lebewelt enthält. Rund um den See liegen versunkene Fichtenstämme, mit den Wipfeln radial gegen die Seemitte geordnet. Besonders gut lassen sie sich in kalten Wintern durch das Klareis bis in grössere Tiefe verfolgen. Diese Erscheinung hat natürlich schon seit alter Zeit die Phantasie der Umwohner mächtig beschäftigt. Eine uralte Sage erzählt, an Stelle des Sees habe hier einst ein Wald gelegen, der in einer einzigen Nacht versunken sei. Der dunkle Moorgrund des westlichen Seeteils führte zur Legende von der unergründlichen Tiefe dieses Gewässers — in Wirklichkeit 15 m — und einem unterirdischen Auslauf bei Wädenswil in den Zürichsee.

Doch kehren wir zur lieblichen Wirklichkeit zurück. Noch ist der See von den Auswüchsen des modernen Wasserkultus verschont geblieben. Ringsum von seinen Ufern strahlt uns ein reicher Kranz von Seerosen entgegen. Am schwer zugänglichen Westufer blüht am Rande des Binsen-, Schilf- und Rohrkolbenwaldes das seltene gelbe Seeröslein Nuphar pumilum zwischen Laichkräutern und Wasserhahnenfüssen, an denen Tellerschnecken weiden und zarte Eintagsfliegenlarven die Algenbeläge sich schmecken lassen. Smaragdgrün schillernde Libellen schiessen pfeilschnell an den Purpur-sträussen der Blutweideriche vorüber, die neben den Dolden des Haarstranges und den Goldblüten des Zungenhahnenfusses die steifen Seggenbüsche überragen. In den zwischen Binsenruten und Schilfhalmen ausgespannten Rad-netzen der Quadrat-, Hörn- und Streckfußspinnen zappeln und baumeln gefangene Sumpfheuschrecken und punktflügelige Riedfliegen. Im Spätherbst, nach der Streuernte, dehnt sich am Westufer eine höchst eigenartige Moor-hügellandschaft aus. Es sind die aufragenden Horste der steifen Segge, Carex elata, die durch tiefe Mulden voneinander getrennt sind. Die umwohnenden Bauern bezeichnen diese Hügel als « Pöschen », welcher Ausdruck zu dem hier gleichlautenden Flurnamen geführt hat.

Die den See umrahmenden Riedflächen tragen eine Flachmoorvegetation von wechselnder Vergesellschaftung feuchtigkeitsliebender Pflanzen. Bald führen Sumpfspierstauden in Begleitung von Engelwurz, Gilberich, Klapper-topf, Sumpfdisteln die Vorherrschaft in ausgedehnten Beständen. Klein-binsengesellschaften fallen schon von weitem durch ihre schnittlauchgrüne Farbe auf. Das grösste Areal wird jedoch von der Riedbesenstreue ( Besen-ried = Molinia coerulea ) bedeckt, einem hohen Gras, dessen gefärbte Rispen im Herbst den Riedtern jenen eigenartigen violetten Schimmer verleihen. Gehängesümpfe, die meist von stark kalkhaltigem Wasser überrieselt werden, weisen in der Regel kurzrasige Kleinseggenbestände auf ( Carex Davalliana, C. Hostiana ). Die übrigen Moore des Zimmerberg- und Menzinger Plateaus, die immer in den Mulden zwischen den Moränenwällen auf undurchlässiger Grundmoräne eingebettet liegen, tragen die gleiche Vegetation, wie sie soeben beschrieben wurde.

Am Anfang dieser Abhandlung habe ich hervorgehoben, dass wir uns hier in einem Übergangsgebiet zwischen Alpen und Mittelland befinden. Dies kommt besonders schön zum Ausdruck in der floristischen Zusammensetzung der Moorvegetation. Wir begegnen nämlich einer ganzen Reihe von Arten, deren Hauptverbreitungsgebiet in den Voralpen liegt, so der Germer, im Volksmund « Gerbele » genannt, der blaue Eisenhut, der Schlangenknöterich, der Sumpfenzian ( Swertia perennis ). Im Frühjahr erfreuen uns auf den noch braunen, kahlen Riedböden die feurigen Mehlprimeln und tiefblaue Frühlingsenziane.

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Vom Ostufer des Hüttner Sees folgen wir der stark ansteigenden Landstrasse, die über den Steilhang des Schafrains nach dem Dörfchen Hütten, einem früher weitbekannten Luft- und Molkenkurort, führt. Beim Gehöft « Bergli » erreichen wir den höchsten Moränenwall der Zimmerbergkette. Der Linthgletscher hat denselben hier an die Nordflanke des Hohen Ron geklebt, als seine Eiszunge in der Gegend der Stadt Zürich lag. Von dort weg können wir diese Seitenmoräne von unserm Standpunkt aus verfolgen über die Höhen von Kilchberg, Oberrieden, Horgerberg, Spitzen-Hirzel, Schönenberg, Hütten bis Schindellegi. Beim letztgenannten Ort wurde der Sihl der Ausweg ins Zürichseetal versperrt. Zunächst kam es zur Bildung eines mehrarmigen Eisstausees, der sich von Schindellegi südostwärts in die Schluchttäler der Sihl und Alp erstreckte. Die Sihl musste sich einen neuen Weg suchen zwischen dem Nordhang des Hohen Ron und dem an ihn angepressten Moränenwall. So haben wir denn hier den geologisch einzigartigen Fall, dass hoch oben am Hange eines ursprünglichen Flusstales ein neues Tal epigenetisch gebildet wird, nahezu 400 m über der ursprünglichen Talsohle. Der Uneingeweihte ist daher immer sehr überrascht, hinter diesem Moränenwall plötzlich einen Fluss dahinrauschen zu hören. Dass dieses schluchtenartige Sihltal zwischen Schindellegi und Sihlbrugg, geologisch gesprochen, noch kein hohes Alter besitzt, beweist ausser der Steilheit des Gehänges und den häufigen Gelände-rutschungen bei Hochwasser die erstaunlich geringe Höhendifferenz zwischen Flussbett und Moränenkuppe. Bei Schindellegi würde ein Quergraben von ca. 14 m Tiefe durch den Moränenwall genügen, um die Sihl ins Zürichseetal abzuleiten. Wir müssen annehmen, dass dieses in der Quartärgeologie als Zürichstadium bezeichnete stationäre Verharren des Linthgletschers so lange dauerte, bis sich die Sihl durch das Moränenmaterial hindurch auch noch in den darunterliegenden Fels eingefressen hatte.

Die Strasse von Hütten nach Schindellegi darf als einer der schönsten Höhenwege in der Nordostschweiz angesprochen werden. Kein Geringerer als Goethe, der auf seiner Schweizerreise 1797 auf dem alten Saumweg hier durchwanderte, hat seinem Entzücken über das liebliche Landschaftsbild Ausdruck verliehen, das sich hier vor ihm aufrollte. Nach Westen schweift der Blick über das Menzinger Moränenplateau bis zum Lindenberg und Jura, am Albis vorbei über das Zürcher Seebecken und die Lägern zum Schwarzwald, nach Norden und Osten über Pfannenstiel, Glattal zum Zürcher Oberland, und über Hürden und Rapperswil nach dem Säntis und Speer. Vom blauen Seegestade grüssen all die schmucken Dörfer herauf. Zu unsern Füssen liegt die weite Moränenhochfläche ausgebreitet, aus welcher der Hüttner See und einige andere Kleingewässer wie lachende Augen heraufblinken. Unvergleichlich ist der Anblick, wenn wir in einer klaren Nacht hier oben stehen und das Gefunkel der Sterne mit dem Flimmern all der tausend Lichter aus dem Heimattal herauf wetteifert.

Der Blick von der Höhe herab zeigt uns die feinem Züge im Antlitz der Landschaft. Über die ganze Hochfläche schart sich ein System von mehr oder weniger parallel angeordneten Moränenzügen. Sie zeugen von einem etappenweise erfolgten Flankeneinzug des Linthgletschers, während dessen Zunge noch in der Gegend von Zürich stationär blieb. Durch diesen regelmässigen Wechsel von Moränenwällen mit Mulden von Grundmoränen erweckt unsere Landschaft an manchen Stellen den Eindruck, als ob die sanft gerundeten Wogen eines bewegten Meeres plötzlich erstarrt wären.

Der schwere, aber tiefgründige Boden und dazu die verhältnismässig hohen Niederschläge haben unsere Bauernsame bewogen, seitdem billiges Getreide aus dem Auslande eingeführt werden konnte, sich ganz einer einseitigen Gras- und Milchwirtschaft zu widmen. Neben dem vorherrschenden Wiesengrün mit den lockern Obstbaumwäldern geben unter den Gebäulichkeiten die vielen Sennhütten der Gegend eine besondere Note. Dass Sennerei und Alpwirtschaft schon in frühern Zeiten eine grosse Rolle bei uns spielten, kommt wiederum in zahlreichen Orts- und Flurnamen zum Ausdruck: Senn-rüti, Sennweid, Schweikhof ( von Schweigen = Sennhöfe ), Hütten ( urkundlich schon 1268 « ze dien hütten » ), Sennhaus, Schafrain, Geissverrich ( Weide mit Geissfarn = Dryopteris Oreopteris ). In grosser Zahl sind noch Flurnamen mit « Weid » in unserm Gebiet erhalten als einzige Zeugen der einst weitverbreiteten Weidewirtschaft der vorigen Jahrhunderte. Unser Gebiet besitzt ausgesprochene Einzelhofsiedelungen, Wohnhaus und Scheune bei kleinern Gütern oft zusammengebaut, sonst meist räumlich getrennt. Die Gehöfte liegen vorwiegend auf Moränenkuppen oder am Rande von Wallmoränen, wo Quellen austreten. Die einstigen Sodbrunnen sind heute überall durch gute Wasserversorgungen ersetzt worden. An den Bauernhäusern des Grenzgebietes ist deutlich der Einfluss des Schwyzer Bauernhauses bemerkbar: Lauben auf den Seiten, wo man Buchenlaub für die Bettsäcke zum Trocknen einlagerte, Schutzdächlein auf den Giebelseiten. Für die Scheunen charakteristisch sind die als Einfahrt ( « Ifahr » ) bezeichnete schiefe Ebene, aus Erdwerk und grossen Findlingen errichtet, sowie das unter einem Vordächlein vorspringende « Zigerligestell », wo der zu abgestumpften Kegeln geformte Trester als Brennmaterial zum Trocknen aufgestapelt wird. Die Wände der altern Bauernhäuser sind vielfach aus Riegelfachwerk ausgeführt, das aber meist übertüncht worden ist. Nur die nach Westen schauende Giebelwand ist als « Wetterseite » aus Mauerwerk mit bunten Findlingen ausgeführt und nicht selten über die Südwand als Windfang vorspringend.

Die bäuerliche Bevölkerung der Herrschaft Wädenswil setzte sich bis zum Beginn des Weltkrieges 1914—18 vorwiegend aus alteingesessenen Geschlechtern zusammen, deren Stammlinien sich bis ins 14. und 15. Jahrhundert mühelos verfolgen lassen. Auch heute noch treffen wir z.B. im Wädenswilerberg Bauernhöfe, auf denen Generationen desselben Geschlechtes seit drei, ja sogar seit vier Jahrhunderten sesshaft sind. Ein seltenes Beispiel von Bodenständigkeit. Leider hat sich dieser Zustand namentlich in den Berggemeinden Hütten und Schönenberg in der Nachkriegszeit erheblich geändert. Durch den starken Anstieg des Wertes der Liegenschaften traten sehr viele Handänderungen ein, auch ungesunde Spekulationen und Güter-schlächterei blieben an einzelnen Orten nicht aus. Vielfach wanderten einheimische Familien ab und wurden durch einen Zustrom ersetzt, der VOM ZÜRICHSEE ZUM HOHEN RON.

seinen Ursprung teils in den Urkantonen, teils im Kanton Bern nahm. Es ist überflüssig zu sagen, welch einschneidende gesellschaftliche, religiöse und und auch politische Wandlungen innerhalb unseres Gebietes eintreten müssen oder schon eingetreten sind.

Wenn wir unsern Weg in der Richtung nach Schindellegi fortsetzen, erleben wir wenige hundert Schritte jenseits der Zürcher Grenze eine grosse Überraschung. Rechter Hand öffnet sich plötzlich ein schmaler Wegeinschnitt durch den Moränenwall, und unverhofft stehen wir in der wildesten Schluchtlandschaft drin, während wir uns kurz vorher noch in die Betrachtung einer Landschaft mit ruhigen, ausgeglichenen Zügen versenkt hatten. Mit einem Sprung ist man hier sozusagen vom Mittelland in die Voralpen hineingeraten. Hoch schwingt sich in kühnem Bogen aus armiertem Beton die neue Scheerenbrücke über die schäumende Sihl, deren felsiges Bett mit gewaltigen erratischen Blöcken übersät ist. Der Geologe hat hier eine klassische Stelle vor sich. Wunderbar ist der Kontakt zwischen subalpiner Molasse und auf-gelagerter Blockmoräne der Wurm vergletscherung aufgeschlossen; denn jedes Frühjahr, bei jedem Hochwasser, rutscht Geschiebe vom Steilgehänge ab. Während auf dem Nordufer nur die Schichtköpfe der hier entblössten untern Süsswassermolasse ( Aquitan ) unter dem Moränenschutt hervorgucken, bäumt sich am Südufer eine über 15 m mächtige Sandsteinbank mit 40 Grad Neigung gegen den Scheerenspitz am Rossberg empor. Es ist ein Stück des Nordschenkels der ersten grossen Antiklinale der subalpinen Molasse. Wegen der Steilheit des Gehänges ist das felsige Gelände mit einem nur lückenhaften W. Hohn Die Wallmoränenzüge des Zimmerbergplateaus, infolge verschiedener Stadien des Flankeneinzuges der Linth- vergletscherung in fächerförmiger Anordnung. Zwischen Sihl und Lorze die Moränenkuppenlandschaft von Menzingen-Neuheim, die vorwiegend durch Toteismassen erzeugt wurde.

Schluchtwald bestockt. Hier herrschen noch Naturgewalten und spotten der Menschenhände Werk. Umsonst versuchte die Genoßsame Wollerau auf dem Südufer eine Strasse zur Erschliessung ihrer Waldbestände in der Richtung auf Sthindellegi vorzutreiben. Felsstürze und niedergehende Runsen haben stets jede Anlage vernichtet, so dass weitere Versuche aufgegeben wurden.

Auch die Vegetation hat plötzlich gewechselt und trägt stark subalpinen Charakter. An den buntbemoosten Felsen, aus deren feuchten Nischen grellgelbe Flecken der Goldalge Trentepohlia aurea herniederleuchten, blühen der rosettenblättrige, immergrüne Steinbrech ( Saxifraga Aizoon ) in Gesellschaft der feinstengeligen kleinen Glockenblume ( Campanula cochleariifolia ) und dem unscheinbaren Salzburger Augentrost ( Euphrasia Salisburgensis ). Die von rhabarberblättrigen Pestwurzstauden beschatteten, mergeligen Schutthalden tragen als erste Gehölzvegetation Alpenerlengebüsch. Die Sihl selbst verfrachtet jedes Jahr eine Reihe von Alpenpflanzen bei jedem Hochwasser, die dann hie und da hängen bleiben und unter günstigen Umständen sich auch weiter auszubreiten vermögen. So stossen wir in dieser Schlucht unvermutet auf Alpenrosen, Gipskraut, Alpenkresse, ja einmal fand ich in einer geschützten Kiesbucht das farbenprächtige Alpenleinkraut ( Linaria alpina ).

Nach dem Gesagten sind wir nicht erstaunt, auch Vertretern der alpinen Tierwelt zu begegnen. Von der Sihl bis zum Kamm des Hohen Ron treffen wir bei Regenwetter auf den schwarzen Alpensalamander. Der stolze Auerhahn unternimmt im Frühjahr seine Balzflüge bis zur Sihl hinunter. Besonders zahlreich sind jedoch Vertreter der subalpinen Insektenwelt in Gebüsch und auf Fels. Ein Eigenleben ganz besonderer Art spielt sich in dem sauerstoffreichen Wasser der Sihl selbst ab. Wer mit der verborgenen Tierwelt der Sihl bekannt werden will, der braucht sich nur zu bücken und die bei Niederwasser leicht erreichbaren Steine tieferer Stellen umzudrehen. Eine ganze Musterkarte von Insektenlarven aus der Gruppe der Eintagsfliegen, Steinfliegen, Zweiflügler, Köcherfliegen, Wasserkäfer in Gesellschaft von Milben, Strudelwürmern, Egeln liegt da vor unserm erstaunten Auge oder flüchtet blitzschnell nach allen Seiten; denn es sind zum Teil recht lichtscheue Lebewesen.

Von der Scheerenbrücke — bis zum Jahre 1915 war noch der alte « Zittersteg » erhalten — folgen wir jetzt dem Strässchen, das südlich der Sihl durch den feuchten Schluchtwald zu den etwas abgelegenen Bauernhöfen Sennrüti und Oerischwand führt. Die letztgenannte dieser Siedelungen liegt windgeschützt auf der Sonnenseite einer gewaltigen Moräne, dem Oeribühl. Ihre Kuppe liegt rund 70 m über dem Rücken der Zürcher Moräne und gehört einer Wallmoränenlinie an, die abgelagert wurde, als die Eiszunge des Linthgletschers bei Schlieren längere Zeit stationär war. Stets werden diese an den Nordhang des Hohen Ron angelehnten Moränen durch eine Mulde vom Steilhang getrennt, durch die einst die Flankenentwässerung des Gletschers dahinströmte. Da diese Tälchen ein begünstigtes Lokalklima aufweisen, haben die ersten Besiedler auch ihre Häuser und Ställe hier errichtet. Der VOM ZÜRICHSEE ZUM HOHEN RON.

karge Obstwuchs, der sich auf dieser Höhe von 840 m noch vorfindet, konzentriert sich in diese geschützten Mulden. Unter den altern Gebäuden finden wir hier noch Blockbauten aus Holz, teilweise mit Schindelung.

Auf dem Mistlibühl, in 940 m Meereshöhe, haben wir auf unserm weitern Aufstieg die am höchsten gelegene Wallmoräne des Linthgletschers aus der Würmeiszeit erreicht. Sie entspricht der maximalen Ausdehnung dieser Vereisung, als die Zunge des Linthgletschers die Endmoräne von Killwangen im Limmattal ablagerte. Blicken wir von unserm Standpunkt aus ostwärts, so können wir auf Hinterrossberg die Fortsetzung dieses Walles sehr schön beobachten. Auch hier wieder treten bergseits jene schon erwähnten Flanken-tälchen auf, in denen die höchstgelegenen Obstbäume des Hohe-Ron- Gebietes gedeihen.

Wir finden allerdings noch eine letzte Wallmoräne auf dem Rücken der Rossbergweid bei 1000 m. Dieselbe gehört jedoch einer altern Eiszeit an; denn das Material ist hart verkittet, und viele Gesteine befinden sich in rost-farbiger Zersetzung. Vermutlich handelt es sich um eine Seitenmoräne der grössten Vergletscherung, der Risseiszeit.

Der Ausblick vom Mistlibühl auf den Kanton Zürich und die Nachbargebiete ist noch grossartiger als weiter unten von der Höhenstrasse aus. Die Gemeinde Richterswil hatte einen guten Wurf getan, als sie den Plan verwirklichte, auf diesem herrlichen Fleck Erde für ihre Jugend ein Ferienheim zu errichten. Von hier aus betrachtet, tritt nun auch jener merkwürdigste Teil des Moränenplateaus am deutlichsten in Erscheinung, der zwischen Hirzel und Menzingen gelegen ist. Während im übrigen Gebiet die Ablagerungen der letzten Eiszeit vorwiegend in langgestreckten Wällen mit dazwischenliegenden Grundmoränen angeordnet sind, werden wir hier in eine recht sonderbare grüne Kuppenlandschaft versetzt. Wie Domkuppeln liegen die kegelförmigen Moränenhügel nebeneinander, meist von einer Linde gekrönt. Dazwischen liegen moorige Mulden mit Torfstichen. Schon der Geologe Roman Frey hat auf diese einzigartige Zeugenlandschaft der Würmeiszeit aufmerksam gemacht und den Gedanken geäussert, dass die Entstehung dieser Hügel auf das Vorhandensein von gewaltigen Toteismassen zurückzuführen sei, die hier beim Rückzuge des Linth- und Reussgletschers liegen blieben. Ebenso müssen die zahlreichen Kleingewässer, die einst nach dem gänzlichen Abschmelzen des Eises noch in den Mulden lagen, als abflusslose Toteisseen gedeutet werden. Bis auf einen, den Wilersee oder Finstersee, sind im Laufe der Postglazialzeit alle verlandet. Ein sprechendes Beispiel dafür bildet das Moor Egelsee bei Menzingen, unter dessen gewaltigen Schwingrasen noch das alte Seewasser eingeschlossen liegt.

Oberhalb Mistlibühl treten wir die letzte und zugleich steilste Rampe unseres Aufstieges zum Hohen Ron an. Wenige Schritte südlich des Ferienheims nimmt uns der geschlossene Bergwald auf, im Volksmund einfach die « Egg » genannt. In der ersten urkundlichen Erwähnung wird 1523 der Hohe Ron « die lange Egg » geheissen, in der Gygerkarte vom Kanton Zürich 1667 « auf den Hohen Bohnen », bei uns in der Mundart der Berggemeinden « de Höran ». Aus diesem Maskulinum haben dann die Topographen des ver- gangenen Jahrhunderts beliebt, ein wunderbares Femininum zu schaffen: « die Hohe Rhone », welcher Irrtum in der Folgezeit in alle Karten Eingang gefunden hat. « En Rone », Mehrzahl « Rone » bezeichnet in unserer Mundart einen faulenden, liegenden Baumstamm, wie man solche z.B. häufig beim Torfstechen findet. Die Eggwaldung, welche sich von der Schwyzer Grenze im Osten bis zur Zuger Grenze im Westen erstreckt, zerfällt in die Richters-wiler und Hüttner Egg und ist Eigentum der betreffenden Bürgergemeinden. Bis in die Revolutionsjahre 1798/99 setzten sich ihre Bestände vorwiegend aus Buchen und Weisstannen und wenig Fichten zusammen. Infolge von Übernutzung während jener Kriegsjahre und waldzerstörenden Weidgangs wurde auf Befehl der damaligen Forstinstanzen durch Streifensaat und Pflanzung ein ausschliesslicher Fichtenwald begünstigt. In jährlichen Kahlschlägen, die in schmalen Streifen vom Kamme bis auf die Moränenzone hinunterreichten, sollte die Waldung mit einer Gesamtumtriebszeit von hundert Jahren genutzt werden können. Bald zeigten sich jedoch die schädlichen Folgen dieser einseitigen Forstwirtschaft. Im Jungwuchs wurden durch zusammenhängende Schneedecken und starke Rauhreifbehänge grosse Lücken in die Bestände gerissen, im katastrophalen Winter 1910 wurden allein 1500 m3 Holz niedergedrückt. Die ungeschützten Kahlschlagseiten wurden durch Windwurf, namentlich Föhnstürme, schwer geschädigt. In der Folge setzten auch Angriffe durch pflanzliche und tierische Parasiten ein, so die Rotfäule, der Borkenkäfer und die Tannenlaus. Durch starke Unwetter, wie z.B. dasjenige vom September 1934, entstehen nicht bloss an Kahlschlag-stellen, sondern mitten im Hochwald Rutschungen. Eine lästige Unkrautflora von lichtraubenden Hochstauden und Alpenerlen ergriff jeweilen sofort Besitz von den Waldschlägen und Schneebruchlücken, wodurch eine Selbst-verjüngung des Waldes sehr erschwert wurde. Kein Wunder, wenn die neuesten Wirtschaftspläne mit der veralteten Kahlschlagmethode und einseitigen Fichtenpflanzung gründlich aufräumten und mit einer Durchforstung begonnen haben, die auf Erzielung eines gesunden Mischwaldes gerichtet ist. Statt Drahtseilriesen und Reischenen werden jetzt Strassen angelegt, die den Wald nach allen Richtungen und Höhenlagen durchziehen.

Hat der Forstmann mit seinem kritischen Auge hier allerlei Mängel aufgedeckt, so erlebt im Gegensatz dazu der unvoreingenommene Naturfreund in diesem Bergwald lauter Freude und Überraschungen. Das feuchtozeanische Lokalklima erzeugt hier im Hochsommer eine erstaunliche Üppigkeit der Vegetation, namentlich einen Artenreichtum an Farnen, Moosen und Flechten, wie man ihn selten auf so engem Räume findet. Von romantischer Schönheit sind vor allem die steilen, runsenähnlichen Bachschluchten mit ihren moos-behangenen Wasserfällen, von denen die an ihrem Fusse mannshoch empor-schiessenden Hochstauden mit einem feinen Sprühregen bestäubt werden. Es sind fast lauter subalpine Kräuter, die sich an solchen Standorten, besonders auch in Schneebruchlücken, zusammenscharen: Mondviolen ( Lunaria rediviva ), Alpen-Milchlattich ( Cicerbita alpina ), Hainmieren ( Stellaria nemorum ), Aronampfer ( Rumex arifolius ), Kreuzkräuter ( Senecio alpinus und Fuchsit ). Die feuchten Felsen bilden eine überreiche Fundgrube von schwel- VOM ZÜRICHSEE ZUM HOHEN RON.

lenden Laubmoospolstern, von zierlichen Lebermoosen, von Felsflechten und Algen aller Art. Und wer sich noch für die Tierwelt dieser Wasserrinnen interessiert, der braucht nur ein paar Steine des Felsbettes umzudrehen. Auch hier begegnen wir hauptsächlich Kleintieren, deren Hauptareal in den Alpen liegt: Larven der Eintagsfliegen ( Epeorus, Ecdyonurus, Baëtis ), des Bachkäfers ( Elmis ). Besonders häufig ist der schwarze Alpenstrudelwurm ( Planaria alpina ), der träge in den Fugen der Steinunterseite dahinkriecht. In der stärksten Strömung der Bachmitte, auf kahlem Felsuntergrund, entdecken wir die mit Saugnäpfen an die Gesteinsunterlage angeheftete Larve der alpinen Mücke ( Liponeura ).

Diese steilen Bachrinnen vermitteln uns zugleich noch einen klaren Einblick in den geologischen Aufbau der obersten Partie des Hohen Ron. Befanden wir uns beim Aufstieg von der Scheerenbrücke weg zunächst auf dem Nordschenkel der ersten grossen Molassefalte, so haben wir hier schon die Schichtköpfe des nach Süden fallenden Schenkels der untern Süsswassermolasse vor uns. Nirgends ist ein Aufschluss von einem Gewölbekern vorhanden. Dagegen zeigen verschiedene Stellen in Bachschluchten südlich der Sihl, dass der Südschenkel der Hohe-Ron-Faltung auf den Nordschenkel überschoben wurde. Während an der Sihl unten nur Mergel und Sandsteine miteinander wechsellagern, treten jetzt immer mehr Nagelfluhbänke auf, je mehr wir uns dem Grat und dem Gebiet des Gottschalkenberges nähern. Es ist eine bunte Nagelfluh, die ausserordentlich viele rote Granite enthält. Bei den in neuester Zeit in der Richterswileregg ausgeführten Wegbauten stiess man wiederholt auf Kohlenschmitzen und Abdrücke tertiärer Pflanzen. Es handelt sich um östliche Ausläufer des ausgedehnten Kohlenflözes am Gottschalkenberg.

In den obersten Lagen umfängt uns der echte, subalpine Bergwald. Aus dem dichten, weichen Moospolster des humusreichen Waldbodens sprossen Tausende von üppigen Farnsträussen, denen an Lichtungen die Hochstauden den Platz streitig machen. Entzückend sind die alten, faulenden Strünke mit ihren zierlichen Moosgärtchen, ihren Becherflechten und Schleimpilz-gebilden. Immer mehr häufen sich die Flechtenrasen an Stämmen und im Geäst der Fichten, auch jüngere Bäume werden infolge des feuchten Klimas nicht verschont. Dem Kamme entlang, den wir jetzt erreichen, zieht stellenweise ein breiter Gürtel von Hochstauden hin. Der Gratweg verschafft ihnen das nötige Licht, die Schneemassen, die hier im Winter meterhoch durch den Wind aufgetürmt werden und mit Staub und Humusteilchen reichlich vermischt sind, führen viel Düngstoffe zu. Infolge der Schneeanhäufungen, die auf der steilen Nordseite in langsamen Fluss geraten, zeigen die meisten Bäume dieser Zone ausgesprochenen Säbelwuchs. Gegen den Gottschalkenberg zu zeigt das massenhafte Auftreten der Heidelbeere eine starke Versauerung des Bodens an, die namentlich durch die ehemaligen Kahlschläge begünstigt worden war.

Dieses Zwergstrauchgestrüpp, das andernorts durch das schwer passierbare Brombeerdickicht abgelöst wird, bildet bis zum Sommer das Lieblings-versteck der Auer- und Birkhühner, die hier auch dem Brutgeschäft obliegen.

Im Geäst der Fichten tummeln sich Alpen-, Tannen- und Blaumeisen. Gegen den Herbst hin treffen regelmässig Ringamsel und Tannenhäher, Erlenzeisige, im Winter auch Fichtenkreuzschnäbel im Gebiet des Hohen Ron ein. Unter den Wasserfällen der Bachschluchten nistet die Wasseramsel, und mit ihr teilen die Gebirgsbachstelze und der Eisvogel die Beute des fliessenden Wassers.

Auf dem Kamme öffnet sich mit einem Male ein neues Panorama. Nach Osten schweift das Auge über den Sihlsee nach den Wäggitaler Bergen, südöstlich über die Schwyzer Berge nach dem Glärnisch und Tödi, nach Süden über die zu Füssen liegenden Moore von Altmatt nach dem Mythen, den Muothataler und Schächentaler Bergen, nach dem Urnerland, gegen Westen zu über den Rossberg und Rigi nach dem Pilatus und den dahinter auftauchenden Berner Alpen.

Für den Abstieg stehen uns zahlreiche Wege zur Verfügung. Gegen Westen gelangen wir zunächst auf den Gottschalkenberg, von dem wir entweder durch das Nettenbachtobel, die Sparenweid nach Hütten und der Station Samstagern gelangen. Oder wir steigen durch das Mühlebachtobel an den ehemaligen Kohlenbergwerken vorbei nach Finstersee und Menzingen ab mit Variante Finsterseebrücke-Hütten. Vom Gottschalkenberg in südlicher Richtung können wir entweder Aegeri erreichen oder die Station Biberbrücke der SOB. Endlich können wir dem Grat des Hohen Ron nach Osten folgen bis zum Dreiländerstein und dann über Rossberg-Scheerenbrücke nach Station Samstagern oder via Rossberg nach Station Schindellegi absteigen.

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