Von japanischen Bergen

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Von Albert Gubler.

Man weiss, dass die Japaner ein sehr naturliebendes Volk sind, das seine Berge tief verehrt. Wenn man an die japanischen Berge denkt, führt der nächste Gedanke gleich zum edlen Fuji, dem beinahe 4000 Meter hohen ausgestorbenenVulkan, der sich direkt aus dem Pazifischen Ozean heraus in einer Linie, die sein grösstes Geheimnis bildet, emporschwingt. Von den Bergen des übrigen Japan aber weiss man im Ausland herzlich wenig. Und doch steht heute bei den japanischen Alpinisten der Zunft gerade der Fuji sehr selten mehr auf dem Turenprogramm. Aus einer ganz richtigen Erwägung heraus übrigens: Fujiyama ist ein Berg für das Auge. Ein Heer von Künstlern hat im Lauf von Jahrhunderten vom Fuji Inspiration empfangen. Man wird nie müde werden, ihn zu sehen; es gibt Dutzende von Ansichten, von denen jede die anderen zu übertreffen scheint. Aber ein Bergsteigerberg ist der Fuji nicht, höchstens ein Pilgerberg. Pilger ziehen jedes Jahr zu Tausenden die beiden heiligen Strassen hinauf, um bei dem unscheinbaren Tempelchen auf dem Kraterrande die « höchste » Andacht ihres Lebens zu verrichten. Kein Wunder, dass der Fuji dem Japaner innerlich so nahe steht: er hat des alten Japaners tiefstes Lebensproblem in grösster Klarheit gelöst: Seine Form zeigt die vollendete Harmonie mit der Umgebung, er hat die einzig mögliche Linie höchsten Adels gefunden, die dem Menschen den Weg nach oben weist. Und einen solchen Berg muss man von unten ansehen und anbeten, um an ihm zu wachsen.

Miniatur-Fujis gibt es nun eine ganze Anzahl über das Reich zerstreut, denn der erloschenen und tätigen Vulkane sind mehr als genug. Aber es gibt keinen, der eine zweite Lösung des Geheimnisses des Fuji bringt, eben gerade, weil nur eine einzige möglich ist.

Dann aber hat Japan viele andere Berge, es ist ein richtiges Gebirgsland, das seinem Charakter nie untreu wird, von den rauchenden Säulen der Kurilen im Norden bis hinunter zu den Viertausendern Formosas. Die paar Ebenen, wo die Menschen wohnen können, hat sich der Japaner an den Fingern aufgezählt. Aber diese Bergherrlichkeit war nun jahrhundertelang « Tabu ». Undurchdringliches, manchmal meterhohes Bambusgras bedeckt die Hänge, und weiter oben stösst man auf einen ebenso undurchdringlichen Panzer von Legföhren. Wer einmal nur zwei Stunden in dieser fürchterlichen Wildnis nach Luft gearbeitet hat, weiss, dass es da kein Bergsteigen gibt. Wohl findet sich ab und zu ein Bachbett, manchmal sogar ein sorgfältig herausgehauener Pfad, dem man folgen kann, aber auch nur diesem einzigen! Nun kam die grosse Lösung: der Sommerski! Die Berge sind in Mittel- und Nordjapan je nach der Höhe und geographischen Breite fünf bis acht Monate lang mit Schnee bedeckt. Ski und Steigeisen machen Wanderungen auf dem harten Schnee zu einem wirklichen Vergnügen. Die Studenten bemächtigen sich der neuen Hilfsmittel mit Enthusiasmus und entdecken damit eine für sie ganz neue Welt. Freilich gibt es erst wenig Hütten, die für Winter und Frühjahrsturen in Betracht kommen, und sie stehen nicht immer am richtigen Ort. Wer wirklich auf Entdeckerfahrt ausgehen will, muss seine Renn-tierhaut und das Zdarskyzelt mitbringen, muss sich im Schnee eingraben können, muss auch eine gute Nase für Orientierung haben, denn die japanischen Schneestürme spassen nicht, sie können eine recht ernste Teemusik sein. So ist die Zahl derer, die hinauf können, immer noch sehr beschränkt, aber mit um so mehr heiligem Eifer sind die jungen Leute bei der Sache. Ihnen steckt die Liebe zu den Bergen im Blut — sie träumen von der fernen Schweiz und ihren Herrlichkeiten wie von einem Märchenland, das nur wenig Auserwählte betreten können. Schon mancher hat mich mit seiner topographischen Kenntnis des Berneroberlandes beschämt — 18jährige Leute, die freilich die deutsche Grammatik weniger genau ansehen als die paar Siegfriedkarten, die sie von Hand zu Hand gehen lassen. Die Zeit der eigentlichen Entdeckung der japanischen Berge wird nun erst kommen.

Vor dreissig Jahren erschloss ein englischer Missionar, der offenbar auch in der Schweiz allerlei Türen gemacht hatte, dem Bergsteigen eine neue Landschaft an der Grenze der Provinzen Hida und Shinano, die wir heute unter dem Namen « die japanischen Alpen » kennen. Dieser Mann, Walter Weston, war der Pionier eines im Gegensatz zu den alten Pilgerreisen neuen Bergsteigens in Japan. Die japanischen Alpen sind Berge von etwa 2800 bis 3200 Metern, unter denen uns wegen ihrer wilden Formen besonders die Hodakagruppe mit ihrem halben Dutzend Dreitausendern interessiert. Von Jahr zu Jahr fanden diese Berge eine grössere Gemeinde. Zwar folgen auch heute 90 % der Bergsteiger den « Heerstrassen », die auf und über einzelne Berge gelegt wurden. Das entspricht dem Japaner offenbar mehr als Alleingehen. Bekannt unter diesen Wegen ist z.B. die « Ginza der japanischen Alpen » ( die Ginza ist die « Bahnhofstrasse » von Tokio ), ein an sich genussreicher Pfad, wo man sich aber in der zweiten Hälfte Juli beständig mit den Ellbogen anstösst. Diese Route führt zur Landmark dieses Gebietes, zum Yarigatake ( Speerberg ), den man oft als japanisches Matterhorn bezeichnen hört. Das hat vielleicht eine gewisse Berechtigung, wenn man den Berg in seiner Umgebung betrachtet, nimmt man ihn aber für sich allein heraus, so kommt er einem aber eher vor wie der Glarner Frohnalpstock. Der Yarigatake bietet dem Auge eine Rundsicht, die fast alle Berge des mittleren Japan umfasst. Er hat für jeden etwas; er vermag sich auch das Herz des Kletterers zu sichern, denn er hat von allen Seiten Auf-und Abstiege, die einem Freude machen können. Und dann hat er noch eine besondere Überraschung für « Bevorzugte » in petto in Gestalt des Koyari, d.h. des kleinen Yarigatake.

Der Koyari ist ein rassiger Turm, der Ehrfurcht gebietet und auch zugestanden erhält. Diese Besteigung erfordert ganze Hingabe und bietet auf einem kleinen Stück Weges die schönste Abwechslung; die Kletterei beginnt vom kleinen Sattel auf der Südostseite, wo sich zwei Personen zusammen aufhalten können. Zunächst bewegt man sich leicht und absolut sicher durch einen breiten, tiefen Riss einige Meter hinauf und setzt sich auf einer kleinen Terrasse, um die Augen an dem zu weiden, was kommen soll. Das ist nicht gerade ein leichtes Stück, es gibt nur eine Möglichkeit, und die ist gerade noch zweifelhaft genug. Über uns ragt eine hübsche Ecke in die Luft hinaus — an diesem recht schönen Überhang bleibt der Blick hängen. Die Griffe daran glänzen durch fast komplette Abwesenheit. Hier wäre ein kleines Versuchsfeld für die Tasterfähigkeiten der sämtlichen menschlichen Extremitäten und der Adhäsionsfähigkeit unseres Felles. Inhaber von Kletterschuhen finden hier eine Gelegenheit, dieses Ausrüstungsstück wirklich zu brauchen. Marschschuhe eidgenössischen Kalibers nützen da nichts mehr, die Marke « Bottines Adam » ist einzig noch möglich, und damit behelfen sich auch die meisten Japaner, denn ihre Füsse sind durch die Kultur noch nicht so unbrauchbar geworden wie unsere europäischen, die beständig in eleganten Lederfutteralen gehalten werden. Man kommt langsam genug vorwärts an diesem Felsenbauch und empfindet es absolut nicht als störend, wenn etwa schon einer oben steht und sichert. Dankbar begrüsst man einen soliden Eisenhaken, der bald über der Rundung erscheint. Noch etwa zwei Meter, und wir erreichen einen kleinen Vorsprung, eine der nobelsten Sitzgelegenheiten auf der ganzen Welt. Nun beginnt das dritte Stück: in die Wand hinaus! Einige hübsche, recht solide Risse machen einem da grosse Freude. Man hängt nur so draussen. Es ist eine richtige Bluff passage: von unten haarsträubend anzusehen und — zu photographieren ( was auch mehr als reichlich besorgt wird ), aber in Tat und Wahrheit nur halb so schwer wie sie scheint. Man freut sich aber doch, wenn man auf dem kleinen Felsblock gerade unter dem Gipfel landet, um nun als ein richtiger « Homo sapiens » aufrechten Ganges die letzten paar Meter bis zum Gipfel zurückzulegen. Ein kleiner Steinmann grüsst den Ankommenden wie eine Erinnerung aus der fernen Heimat. Die Rundsicht steht natürlich der des grossen Yari um etwas nach, weil der Koyari um vielleicht hundert Meter niedriger ist und im Schatten des grossen Yari steht. Aber der Blick ist immer noch grossartig genug, um die Mühen des Aufstieges zu lohnen. Der schneebedeckte Tateyama fesselt im Norden, und im Süden kann das Auge bei gutem Wetter wie über Wolken schwimmend den Fuji entdecken. Die nähere Umgebung ist arg zerrissen und zerklüftet und hat mit der Schweiz viel Ähnlichkeit — diese Gegend ist vielleicht die « alpinste » Japans. Nach einer kurzen Rast machen wir uns an den Abstieg in den Sattel, wobei nun das Seil zu seinem vollen Recht kommt. Mit hoher Genugtuung rutscht man am Überhang in der freien Luft vorbei in den sichern Hafen im Sattel. Bald sitzen wir in der gemütlichen Hütte auf der Yarischulter, wo man um diese Jahreszeit ( zweite Hälfte August ) gerade die richtige « Bevölkerungsdichte » antrifft. Der Koyari ist wirklich ein Edelstein der japanischen Berge, hoffentlich versteht es der japanische Alpenklub, ihn als das zu erhalten. Der eine Haken, der jetzt da ist, genügt vollständig; eine weitere Behandlung des Berges mit Dynamit, Drahtseilen usw. würde ihm schaden.

Von der schönen Speerspitze des Yarigatake verläuft nach Süden ein rassiger Grat, der dem wirklichen Bergsteiger die schönste Wanderung der japanischen Alpen ermöglicht: über die Gipfel des Hodakamassivs, die alle Höhen von etwa 2800 bis 3200 Metern aufweisen, hinunter nach dem Kurörtchen Kamikochi auf etwa 1500 Meter über Meer. Der Grat ist sehr abwechs- lungsreich, manchmal findet man im August oben noch etwas Schnee, was erwünscht genug ist, da man 13 Stunden immer auf dem Grat bleibt und dabei die Bächlein nur weit unten in den Tälern rauschen hört, welche Musik dem Ohr besonders an heissen Sommertagen natürlich ein hoher Genuss ist, aber auch nur dem Ohr! Doch darf man den Durst ruhig in Kauf nehmen, denn das Auge kommt dabei um so mehr auf seine Rechnung. Nach Osten fällt das Massiv 1000 bis 1500 Meter tief ab, und auf der Westseite dürften es auch etwa 700 Meter sein. Der Charakter der Kette ändert sich ständig und wird vom Yari her immer wilder, d.h. « alpiner ». Die Nordwand des Kitahodaka bietet eine wirklich schöne Partie, die stellenweise « nicht ganz ohne » ist, auch was nachher kommt, gegen den Karazawadake hinüber, ist im Anblick beinahe erschreckend; vor vier Jahren war da auch noch eine Stelle, die man ziemlich sanft behandeln musste, heute hangelt man sich an einem Drahtseil drüber hinauf auf den nächsten Markstein in der Kette, den Karazawadake. Im Sattel zwischen diesem und dem hintern Hodaka ist nun eine Hütte, die ordentliche Unterkunft bietet, seit einmal ein kaiserlicher Prinz heraufkam. Hier kann man die Tur unterbrechen und noch einen weitern Tag darauf verwenden; die meisten wandern aber gleich weiter nach dem hintern und vordem Hodaka, um Kamikochi mit seinen säubern Wirtshäusern und angenehmen warmen Bädern noch am gleichen Tag zu erreichen. Die letzten Gipfel bieten keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr, aber um so schönere Ausblicke nach allen Seiten. Mein Schweizerfreund aus Shanghai, der doch auch allerlei Schönes in der alten Heimat gesehen hatte, war so entzückt über die Gratwanderung, dass er mich beinahe beleidigte ( bei mir wie bei manchem andern Auslandsalpinisten hatte sich im Laufe der Zeit so eine Idee herausgebildet, die Schweiz allein habe eigentlich die wahren Berge, alles andere des Hügelvorrates der Mutter Erde sei nur eine mehr oder weniger gelungene Imitation !). Prächtige Alpenblumen findet man oben auf den Hodakagräten, die glücklicherweise noch nicht leicht genug sind, um eine Heerstrasse zu erhalten; man sieht da verschiedene Steinbrech, Anaphalis, grosse, rote und gelbe Rhododendron, Enzianen, nur unser Edelweiss, das doch seine Heimat in Asien hat und auch sonst in Japan auf der Hauptinsel wie auf den Kurilen und in Formosa vorkommt, zeigt sich gerade hier nirgends.Ein recht steiler Abstieg, ein « knieschnappender », bringt uns am Ende der Tur zu dem prachtvoll am Fuss des rauchenden Vulkans Yakedake gelegenen Kamikochi, wo freundliche Aufnahme immer sicher zu erwarten ist.

Die japanischen Berge haben eine reiche Fülle an verborgener Schönheit; die Japaner sind eben daran, das Schönste zu entdecken; ihre Berge im Winterkleid. Sie sind wert, dass man sie liebt, sie werden einst den Japanern so teuer werden wie uns die Schweizerberge — am Ende verschreiben sich jene ihren Bergen auch so stark, dass sie unsere Alpen noch gerade als eine mehr oder weniger gelungene vergrösserte Auflage des Hodakagebietes gelten lassen! Es sei ihnen zum voraus verziehen!

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