Wandern im Schwarzwald

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Emil Schimpf, Winterthur

Bilder 8 und g Wahrscheinlich kennen etliche Schweizer den Schwarzwald mehr oder weniger nur dem Namen nach, jedenfalls solche, die im Mittelland, in der Süd- oder in der Westschweiz wohnen. Sie haben vielleicht in der Schule gelernt, dass es sich um ein Gebiet handelt, das östlich bis nördlich der Schweiz bzw. des Rheins liegt. Vielleicht wissen sie auch, dass der südliche Teil dieses süddeutschen Mittelgebirges aus Urgestein ( Gneis und Granit ) besteht und sich damit vom Kalk des benachbarten Jura wesentlich unterscheidet. Da das Gebiet als Schwarzwald bezeichnet wird, stellen sie es sich auch als von schwarzen Tannenwäldern bewachsene Gegend vor.

Touristen, die auf Wanderungen in der Schweiz nicht nur die nähere Umgebung beachten, sondern ihre Blicke auch nach Norden und Osten schweifen lassen, haben sicherlich schon öfters den höchsten Berg des Schwarzwaldes, den Feldberg, sozusagen über dem Nebel schwebend, gesehen. Denn in den Jahreszeiten, während welchen bei uns im Mittelland und entlang unserer Nordostgrenze über dem Rhein Nebel liegt, kann man vom Jura aus, von den Bergen des Zürcher Oberlandes, vom Säntis, aus den innerschweizerischen Voralpen, ja sogar bei ganz günstigen Verhältnissen aus dem Alpengebiet den langen Rücken des Feldberges im Hochschwarzwald in der Ferne « sichten ».

Für die Basler war der Schwarzwald immer ein begehrtes Ziel für Skitouren, ja der Feldberg war -vor allem vor der Zeit des « tausendjährigen Reiches » - sozusagen das Mekka der Skifahrer. Gerne werden von der Nordwestecke der Schweiz aus auch die heimeligen Weindörfer unterhalb des Rheinknies besucht, wo man den ausgezeichneten Markgräfler, direkt vom Fass kredenzt, erhält.

Der Schwarzwald bekommt, wie schon sein Name dokumentiert, sein besonderes Gepräge durch die ausgedehnten prächtigen Nadelwälder ( vorwiegend Fichten und Tannen ). Öfters trifft man aber auch grössere baumfreie Hochebenen und sogar Hochmoore an. Im Sommer ziert überdies eine einzigartige Flora die Gegenden ( u.a. Ginster, roter Fingerhut, Lupinen, gelber Enzianverbreitet findet man auch Pilze und die verschiedensten Arten von Farn, welche grosse Flächen bedecken. Bekannt sind ausserdem die Schwarzwälder Heidelbeeren, die in meiner Kindheit noch von Schwarzwälder Frauen in malerischen Trachten in Basel auf dem Markt oder in den Strassen verkauft wurden.

Der Schwarzwald ist für den Wanderer sehr gut erschlossen. Bekannt ist weit herum der Wanderweg Pforzheim—Basel ( den mein Vater schon anfangs des Jahrhunderts zu Fuss beging ) mit seinen zahlreichen Zugängen aus allen Richtungen. Die Wege sind meist ausgezeichnet markiert ( die Hauptwege durchwegs mit roten Rauten, die Zugänge dazu und die Nebenwege mit andern gut sichtbaren Zeichen ). Dem Schwarzwaldverein fällt das Verdienst zu, die Erschliessung in vorbildlicher Art lange vor dem heutigen « Wander-trend » vorgenommen zu haben. Ergänzt werden diese gut gekennzeichneten Wege durch die Karten des besagten Vereins. Sie sind im Massstab 1150ooo gehalten und bilden vor allem eine wertvolle Hilfe, wenn man eine längere Wanderung plant, denn das Kartenwerk erstreckt sich von Karlsruhe/Pforzheim bis in die Gegend von Schaffhausen.

Vom Winter abgesehen, ist die schönste Zeit für Touren im Schwarzwald ohne Zweifel der Frühsommer oder der Sommer ( Flora !). Das wissen allerdings sämtliche Liebhaber des Gebietes, was zu einer Übervölkerung von Weg und Steg führt. Der Wanderer, der die Ruhe liebt, wird daher das Spätfrühjahr oder den Herbst vorziehen. Wir jedenfalls bevorzugen den Mai, obwohl das Wetter einem dann hie und da bös mitspielen kann.

Meine Frau legte mir einst im Frühjahr nachstehende Zeilen neben den Teller am Mittagstisch:

« Wir möchten wieder wandern Von einem Ort zum andern Im hellen Sonnenschein, Durch kühle Wälder gehen Und so viel Schönes sehen, Von Herzen fröhlich sein.

Die Bächlein hören rauschen, Den vielen Vöglein lauschen, Die singen in dem Wald, Und schau'n die schönen Pflanzen, Die Mücken, wie sie tanzen In mancherlei Gestalt... » Das war das Zeichen dafür, uns wieder einmal auf eine längere Wanderung zu begeben, um die erwähnte abwechslungsreiche Gegend zu erleben.

Wir starteten Mitte Mai im Jahre 1966 in Waldshut am Rhein ( 340 m ) im Verlaufe des Vormittages und wählten als Route den « Mittelweg », und zwar dessen westliche Variante. Der Ausgang aus dem Städtchen war leicht zu finden. Auf dem Wegweiser sahen wir, dass bis zu unserm Tagesziel « Höchenschwand » 22 Kilometer zurückzulegen seien. ( Diese Formulierung wähle ich. weil die Distanz- und Zeitangaben auf den Wegweisern zuweilen zu Missverständnissen führten, auf die wir am ersten Tage noch nicht gefasst waren. ) Von der Rheinebene aus gewannen wir rasch an Höhe und befanden uns nach einer typischen Waldpartie bald auf der Hochebene von « Hungar-berg » ( etwa 650 m ). Hier erlebten wir insofern eine unliebsame Überraschung, als wir während längerer Zeit einer Hauptstrasse zu folgen hatten, auf die - es ging gegen Mittag - eine für diese Jahreszeit fast unerträglich heisse Sonne herabstach.

Bei Indlekofen glaubten wir dann irrtümlicherweise, in dieser Hinsicht das Ärgste überstanden zu haben. Auf einem lauschigen Waldweg, vorbei an einem Wasserfall, gelangten wir auf einem Ab-und Wiederaufstieg nach Rohr. Hier ging es aber auf einem Hochplateau wieder auf Asphalt und zudem bei noch zunehmender Hitze weiter. Von einer schön gelegenen Kapelle aus, die von schattigen Linden umgeben ist, sieht man in nicht zu weiter Entfernung das Dorf « Nöggenschwil ». Wir waren bereits etwa drei Stunden unterwegs, als wir kurz vor der Siedlung einen gemütlichen Bauern antrafen, der uns nach dem Woher und dem Wohin fragte. Er empfahl uns, in der nahen Wirtschaft, die sehr « anmächelig » aussah, bei einem kühlen Trunk etwas zu essen. Diesem — wie wir später feststellten - ausgezeichneten Rate folgten wir leider nicht; wir hatten ja schliesslich reichlich Proviant dabei. Zudem waren wir froh, nun aller Voraussicht nach den schöneren Teil unserer Tageswanderung vor uns zu haben. Wir stiegen entlang dem « W'olfbächle » hinunter in das Tobel bei der Fohrenbachmühle, bis wohin wir vom Dorf aus keine Halbstunde benötigten. Offenbar hatten wir aber den Zeitpunkt überschritten, an welchem wir uns aus dem Rucksack hätten verpflegen sollen. Unsere Kehlen waren von dem Strassentippel und trotz des heissen Tees aus der Thermosflasche zu ausgetrocknet. So genossen wir einfach die wunderbare Waldesluft, die uns herrlich kühlte, und ruhten unsere etwas untrainierten Gehwerkzeuge aus, um nach einer guten Stunde Rast den Weg wieder unter die Füsse zu nehmen. Damit befanden wir uns nun auf einer Route, die all unsere Erwartungen erfüllte. Ein schmales Weglein führt durch dichten Wald, der hier hauptsächlich aus Föhren besteht. Zuweilen glaubt man sich in einer beinahe unberührten Wildnis. Auf einer kleinen Lichtung kochten wir uns an einer munter sprudelnden Quelle auf dem « Borde » einen herrlichen Kaffee. Unvermutet stand ein offenbar einheimischer Wanderer bei uns. Auch er fragte uns nach Herkunft und Ziel. « HöchenschwandJa, da habe se aber schon noch gute zweieinhalb Stunden vor sich !» - Es war 14.30 Uhr. Er bestätigte mir, dass wir dort waren, wo wir nach meiner Meinung gemäss Karte auch sein sollten. So nahm ich an, dass er unsere Marschtüchtigkeit etwas unterschätzt haben müsse mit seiner Zeitangabe.Voller Gwunder marschierten wir -jetzt in einem prächtigen Tannenwald - weiter. In der Folge ging mir ein Licht auf, dass wir von unsern Schweizer Karten verwöhnt sind, denn in Wirklichkeit mussten wir viel mehr auf- und absteigen, als ich aus der Karte ersehen zu haben glaubte. Irgendwo hiess es später an einem Wegweiser « Höchenschwand 4 km ». Nach einer Stunde kamen wir am « Felsenweg » an einen interessanten Aussichtspunkt mit Blick ins tiefe Tal der « Schwarza ». Da es ja nun nicht mehr allzu weit bis ans Ziel sein konnte, erfreuten wir uns während längerer Zeit an einem schönen Plätzchen dieser Aussicht. Ein paar Schritte nach unserm neuerlichen Aufbruch kündigte ein Wegweiser an « Höchenschwand r Std. »! Und genau so lange hatten wir noch auszuhalten, bis wir unser Tagesziel - zuletzt über eine offene Hochfläche - erreichten. Hier stand ein Wegweiser, der für die Route nach Waldshut 28 Kilometer angab.

Es war 17.30 Uhr, als wir im « Alpenblick » Quartier bezogen. Zuerst badeten wir. Dann wollten wir etwas Kaltes trinken; doch war, wie man uns sagte, nach diesem heissen Tag der gesamte Vorrat an Mineralwasser erschöpft. Hunger hatten wir eigentlich nach unserm siebenstündigen Marsch, aber merkwürdigerweise keinen Appetit. Nicht einmal ein « Viertele » konnte uns den herbeizaubern. Also gingen wir sozusagen « nüchtern » ins Bett. Wahrscheinlich hatte uns die unerwartete Hitze auf der ersten Hälfte unserer Wanderung etwas zugesetzt.

Höchenschwand liegt etwa 1000 Meter hoch; es beherbergt in der Hauptsaison viele Feriengäste und gilt als höchstgelegener heilklimatischer Kurort des Schwarzwaldes. Für uns war es lediglich Übernachtungsort. Nach einem reichlichen Frühstück fühlten wir uns wieder zu jedem Tun ent- flammt. Erst gegen halb neun Uhr nahmen wir den Weg von neuem unter die Füsse. Kaum unterwegs, wurden wir von einer Dame angehalten, die uns fragte, wohin wir wollten. Wir nannten ihr als Fernziel den Feldberg. Sie konnte das nicht verstehen, denn es sei doch hier in der Gegend so schön, es gebe so viele Ausflüge in der Runde. Zu meiner Frau gewendet, erkundigte sie sich, ob sie wirklich mit diesem Rucksack ( wir mussten doch genügend Wäsche zum Wechseln usw. mittragen ) marschieren wolle? Ihre bejahende Antwort quittierte sie nur noch mit dem Ausruf « o Schreck! ». Das hinderte uns allerdings nicht, nun endlich und frischfröhlich « loszuzittern ». Auf bequemen Seitenpfaden gelangten wir zunächst nach « Häusern » ( goo m ), um hierauf, wieder ansteigend, dem Weg Richtung « Biasimala » zu folgen. Nach gut anderthalb Stunden standen wir an einem prächtigen Aussichtspunkt ( i i 14 m ) oberhalb des erwähnten Weilers, wo uns ein Bänklein unter einer Eberesche geradezu zum Absitzen nötigte. Hier war auch die Stelle, wo wir uns entscheiden mussten, welche Richtung wir nun einschlagen wollten. Nach Mcnzenschwand war mit einer Marschzeit von gut drei Stunden zu rechnen, nach Seebrugg am Schluchsee mit etwa anderthalb Stunden. ( Der Schluchsee mit einer Wasseroberfläche von 513 ha war ursprünglich ein tektonischer Graben und wurde von eiszeitlichen Gletschern ausgeschürft. Seine heutige Form bekam er durch den Bau einer Staumauer, die 270 m lang und 30 m hoch ist; sein Wasser dient dem Schluchseewerk als Speicherbecken. ) Es war schwül, und wir waren faul, weshalb unsere Wahl auf den kürzeren Weg fiel. Auf dem Weitermarsch, der einer längeren Rast folgte, brachten wir es diesmal nicht über uns, an einer einladenden Schwarzwaldwirtschaft vorbeizumarschie-ren. Der Proviant war ja haltbarSeebrugg erreichten wir eben in dem Moment, als ein Zug abfuhr, der uns entlang dem Schluchsee nach « Aha » hätte führen sollen, von wo aus auch Men-zenschwand erreichbar ist. Den Aufenthalt von zwei Stunden bis zur Abfahrt des nächsten Kurses benützten wir, um den immer noch aufgestauten Durst vom Vortage endgültiger zu löschen; Kuchen gab es auch noch zum Getränk.

Inzwischen sah der Himmel sehr besorgniserregend aus. Wir fuhren daher weiter als vorgesehen und stiegen in « Altglas hatten » aus. Vom Bahnhof aus waren es etwa 15 Minuten bis ins Dorf ( etwa 1000 m ), wo wir kurz vor 17 Uhr ein Quartier fanden. Dann brach mit Blitz und Donner ein Hagelwetter los, wie wir es noch nie erlebt hatten. Gute zehn Zentimeter hoch lagen die grossen Hagelkörner innert weniger Minuten. Offenbar hatten wir dieses Unwetter durch die vorangegangene Schwüle bereits gestern und auch heute gespürt; daher also unsere Faulheit! Unterwegs wäre das Hagelwetter für uns eine böse Überraschung gewesen.

Auch in Altglashütten - Luftkurort und Wintersportplatz - waren wir gut aufgehoben. Am dritten Tag ging 's um acht Uhr weiter. Da wir in Seebrugg den « Mittelweg » verlassen hatten, stiegen wir von hier aus zunächst dem Schwarzenbach entlang auf- bald wiederum durch Tannenwald - gegen « Farnwitte ». Traurig sah es allenthalben aus: Noch jetzt lagen die Hagelschlossen haufenweise umher, und der Boden war bedeckt von abgehackten Zweigen; aber weder der Kuckuck noch die Meisen verstummten darob; ein verängstigtes Häschen machte sogar das Männchen und stellte die Löffel, bevor es davonsprang.

An der Farnwitte ( 1200 m ) kreuzen sich verschiedene Wege. Man hat von hier auch eine schöne Rundsicht, wobei das Herzogenhorn mit seinem eindrücklichen Südhang in die Augen springt. Auch unsern Weiterweg konnten wir auf grössere Distanz überblicken; dabei erklärte ich meiner Frau, wo wir dann — endlich einmal aus dem Rucksack - unser Mittagsmahl einnehmen würden. Nun strebten wir - teilweise querfeldein - durch einen dicht mit Farn überwachsenen Hang dem Weiler « Menzenschwand », ebenfalls einem Luftkurort, zu, der in einem langgezogenen Tal liegt. Bei einem heimeligen und gesprächigen Wirte stärkten wir uns mit einem Kaffee, bevor wir auf einem nicht markierten steilen Waldweg gegen « Ech » ( 1137 m ) aufstiegen, wo wir gerade recht zur Mittagszeit eintrafen, um das versprochene Picknick zu geniessen. Aber, hol 's der Kuckuck: vom Belchen, aus Nordwesten, näherte sich eine bis jetzt für uns nicht sichtbar gewesene Wolkenwand mit unglaublicher Geschwindigkeit. Also, adieu schöner Aussichtspunkt mit dem sprudelnden Brünneli! Im Eiltempo schritten wir dem « Schindelbechle » entlang gen Bernau ( 900 ). Noch waren wir gut zehn Minuten oberhalb des Dorfes, und zwar mitten in einer aufgescheuchten Viehherde, als ein neues Gewitter losbrach. Es gab glücklicherweise keinen Hagel, dafür aber prasselte der Regen dermassen herab, dass wir - ohne bei diesem Sturm unsern Regenschutz anziehen zu können — das Dorf völlig durchnässt erreichten. Ein greller Blitz mit unmittelbar folgendem Donner liess uns zusammenfahren; es hatte, wie sich alsbald herausstellte, in nächster Nähe in die Stromverteileran-lage eingeschlagen! Bei der ersten Wirtschaft, dem « Löwen », schlüpften wir unter Dach, allerdings unter Verzicht auf ein warmes Mittagessen, da eben der Strom ausgefallen war. Aber Schwarzwälderhamme, Bauernbrot und Markgräfler passen auch zusammen - und schmecken vortrefflich!

Natürlich blieben wir an Ort und Stelle. Bernau war ohnehin unser Ziel, da das Dorf der Geburtsort des berühmten Malers Hans Thoma ist. Hier steht auch zur Erinnerung an diesen Künstler ein Museum, das wir zu besuchen beabsichtigten. Im Verlaufe des Nachmittags — es hatte inzwischen zu regnen aufgehört — bummelten wir in den Dorfteil Oberlehen hinüber, wo diese Gedenkstätte liegt. Unterwegs erhält man einen Überblick über die weit auseinandergezogene Siedlung und das wiesenreiche Hochtal, das von bewaldeten Hängen umgeben ist.

Anderntags sah der Himmel vielversprechender aus. Gerne folgten wir dem Rat unseres liebenswürdigen Wirtes, nicht dem markierten Wege zu folgen, sondern den Hans-Thoma-Weg, einen Lieblingsspaziergang des Malers, zu wählen. Dieser erwies sich wirklich als ganz besonders eindrücklicher Zugang zum zweithöchsten Berg des Hochschwarzwaldes, dem Herzogenhorn ( 1417 m ). Abwechselnd über Weiden und durch lichten Wald wandernd, erhält man einen immer umfassenderen Blick über das Bernautal. Von dem etwas überhöhten Punkt 1295 sieht man fast unvermittelt die steile Südseite des Herzogen-horns. Durch sumpfige Matten, die mit Sumpf-dotterblumen übersät waren, querten wir eine kurze Senke und trafen alsdann auf den markierten « Dreiländerweg ». Hier, auf den Südhängen, waren die Bauern fleissig am Düngen; das Gras spross bereits grün. Aber plötzlich änderte sich das Bild. Beim Erreichen eines Ecks, über welches man das Herzogenhorn umgeht, standen wir auf der Ostseite des Berges unversehens im Schnee. Das überraschte uns zwar, erstaunte uns aber nicht, denn diesen Hang hatten wir früher ( als Basler ) bei unsern Skitouren als besonders schneesichere Abfahrt geschätzt. Als wir bei der « Glok-kenführe » ( etwa 1330 m ) auf den « Westweg » - eine der Hauptrouten — gelangten, stellten wir fest, dass sich der kurze Aufstieg zum Gipfel nicht lohnte; wir würden bei jedem Schritt bis zu den Hüften im Schnee versinken. Wo früher eine gern besuchte BergLeiz gestanden hatte, erstreckte sich nun ein grosses Areal mit verschiedenen Gebäuden; es ist das « Leistungszentrum Herzogenhorn des Deutschen Skiverbandes », das übrigens im Sommer auch von andern Sportverbänden belegt ist. Was würde wohl das Original von einem Wirt sagen, der hier vor mehr als vierzig Jahren hauste und der von sich auf einer Karte mit seinem Konterfei schrieb: « Ich bin der Hirt vom Herzogenhorn, mir kann die Welt von hinten und von vorn!»Auf unserer früheren Abfahrtsroute bummelten wir über Grafenmatt zum « Zjlgli », wo man die Hauptstrasse erreicht, die von Titisee nach Todtnau im Wiesental führt. Es war Mittagszeit geworden, und damit begann es — zur Abwechslung wieder einmal — zu regnen! So kehrten wir rasch in einer Gaststätte ein, um eine damp- fende Suppe zu löffeln. Den Rucksack öffneten wir lediglich, um den Regenschutz auszugraben. Es war sehr kühl geworden, als wir die letzte Wegstrecke in Angriff nahmen. Knapp über der Waldgrenze, die hier bei etwa 1300 Meter liegt, wanderten wir zur « Todtnauerhütte », die wir von früher als gemütlichen Aufenthaltsort kannten und wo wir ein Zimmer bestellt hatten. Bei unserer Ankunft um 14 Uhr im Berggasthaus war die Wirtsstube überraschenderweise überfüllt. ( Zum erstenmal auf dieser Wanderung trafen wir mit mehr als ein paar Personen zusammen; es war Auffahrt. ) Bald leerte sich aber der Aufenthaltsraum, und wir wurden ausgezeichnet bewirtet. Inzwischen hatten die Niederschläge ( zuletzt Regen, mit Schnee gemischt ) nachgelassen, so dass unserem Ausflug auf die höchste Erhebung des Hochschwarzwaldes, den « Feldberg » ( 1493 m ), nichts mehr im Wege stand. Dort oben schwelgten wir in Erinnerungen angesichts des Feldbergturmes und des Observatoriums ( jetzt von einer Radaranlage flankiert ). Noch etwa zwei Kilometer wanderten wir über den Rücken nach Osten, um dann, an einem windgeschützten Plätzchen sitzend, weiter unsere Jugenderlebnisse aufzuwärmen. Wie schön wäre es gewesen, hätten wir die von hier aus so herrliche Alpensicht geniessen können; aber es hat nicht sollen sein!

Den Augenblick, wo wir hier oben verweilten, will ich nun aber dazu verwenden, einen Hinweis auf eine später erfolgte Wanderung anzubringen und einen andern Zugang zum Feldberg zu erwähnen, den wir am 4. Mai 1974 benützten. Wir hatten in Hinterzarten ( etwa goo m ), einem grossen Ferienort unweit vom Titisee, übernachtet. Am Tage vor unserer Wegfahrt in Winterthur war der Wetterbericht miserabel gewesen; aber wir hatten uns in den Kopf gesetzt, wieder eine Schwarzwaldtour zu unternehmen und diesmal eine uns unbekannte Route zum Feldberg einzuschlagen, weshalb wir eben hierher fuhren. Während unseres Frühstücks schweiften unsere Blicke gegen die tief herabhängenden Wolken. Wir fragten uns, wann es wohl zu regnen beginnen würde. Aber wetterfest, wie wir immer waren, starteten wir um halb neun Uhr, und zwar sehr gut verpflegt. Der Aufstieg vollzieht sich von Hinterzarten in südwestlicher Richtung; man ist also immer auf der Nordseite der Erhebung. Kein Mensch schien unterwegs zu sein, als wir auf dem Emil-Thoma-Weg - anfangs meist durch offenen Nadelwald - unserm Ziel zustrebten. Nach einem zweistündigen Marsch durch ziemlich ebenes Gelände erreichten wir, nach einer Schwenkung des Wegs in nordwestlicher Richtung, den « Häuslebauern-Hof » auf 1077 Meter. Hier befindet sich nicht nur ein fast schroffer Wendepunkt der Route im rechten Winkel nach Südwest, sondern hier begann es auch, und zwar gleich nahrhaft, zu regnen. Wir waren mit unsern « En-tout-cas » versehen und scheuten das Nass nicht. Der Weg ist prächtig angelegt und sehr gut markiert. Aber eben: wir steckten bald in dichtestem Nebel und trafen zudem ab 1200 Meter immer mehr Schnee an, in dem wir zuweilen knietief einsanken. Die Wegspur verlor sich im tiefen Schnee, und Fussstapfen waren auch keine anzutreffen, da wohl schon lange niemand mehr auf die Idee gekommen war, hier aufzusteigen. Immerhin standen uns Kompass und Höhenmesser zur Verfügung. Ja, welch ein Wunder, zuweilen zeigten sich sogar auf kürzeste Distanz Wegzeichen an Bäumen, was uns bewies, dass wir die Richtung offenbar gut einhielten. Eine Schutzhütte, auf die irgendwo hingewiesen war, konnten wir allerdings nicht aufspüren. Hingegen standen wir unvermittelt vor einer Tafel, auf der geschrieben stand, dass die Steilhänge oberhalb des Feldsces des Steinschlags wegen nicht begangen werden dürften. Hier tranken wir zur Ermunterung eine Tasse heissen Tee, wurden aber bald von einem bellenden Fuchs, der in nächster Nähe zu sein schien, gestört. « Das hat gerade noch gefehlt », sagte ich zu meiner Frau, « der ist ohne Zweifel tollwütig! » Die Stock-schirme hatten wir aufgespannt; also musste ein « Bengel » zur Abwehr her. Aber die vielen Äste, die herumlagen, waren alle im Schnee eingefro- ren, und erst viel Kraftaufwendung brachte mich in den Besitz einer einigermassen einsatzfähigen Waffe. Allerdings wollte ich mich lieber nicht auf einen Kampf einlassen. Deshalb machten wir uns schleunigst, soweit das bei dem tiefen Schnee überhaupt möglich war, an den Weiteranstieg. Glücklicherweise schlug der Wind um; so verlor der Fuchs die Witterung, und wir waren einer gewissen Sorge los. Unversehens standen wir dann an der oberen Waldgrenze ( gemäss Höhenmesser 1350 m ). Der genaue Standort liess sich nicht ermitteln, aber trotzdem konnte uns nun nicht mehr viel passieren: Entweder mussten wir in der « Direttissima » - teilweise über Wächten — aufsteigen, womit wir unfehlbar auf den Grat kommen mussten, über welchen das Zufahrtssträss-chen zur Radarstation führt, das sicherlich gepfadet war, oder wir konnten in leicht südöstlicher Richtung den Hang hinaufsteigen, wo wir sicherlich auch das erwähnte Strässchen treffen mussten. Dies taten wir dann, allerdings ohne die Skihütte zu sehen, an der wir hätten vorbeikommen sollen. Dafür standen wir auf einmal vor einer Stange, an der etwa sechs Wegweiser nach allen Himmelsrichtungen wiesen, die aber allesamt in die gleiche Milchsuppe führten. Doch nach etwa dreissig wagemutigen Schritten nach Süden befanden wir uns auf dem rettenden Strässchen, ungefähr beim « Grübele » und damit unweit des Ortes, den wir für diesen Exkurs in die Zukunft verlassen hatten.

Ich hielt es für zweckmässig, diese Episode als Einlage zu schildern. Sie zeigt, dass es immer vorteilhaft ist, gut ausgerüstet auf eine Wanderung zu gehen, selbst wenn man sich in « gut erschlossenem Gebiet » und unterhalb der Zweitausendergrenze befindet.

Gerade dieser Aufstieg muss bei normalen Verhältnissen, vor allem aber im Sommer seine ganz besonderen Reize haben. Man wandert vorwiegend in lichten bis sehr dichten Nadelwäldern ( Mischwald zwischen Fichten und Tannen ), bevor man die Waldgrenze erreicht. Besonders interessant ist dabei ein Besuch des Feldsees, zu wel- chem wir einmal von oben her einen Abstecher gemacht hatten. Dieser kraterähnliche See mit einem Durchmesser von vielleicht 300 Metern liegt im Kar des Feldberges; er soll seine Entstehung den Eiszeitgletschern verdanken.

Das ganze Feldberggebiet - wie auch viele andere kleinere und grössere Zonen des Schwarzwaldes - ist dem Naturschutz unterstellt ( allerdings nicht im gleich strengen Sinn wie die Reservate in der Schweiz ).

Kehren wir nun aber zurück an unsern Sitzplatz, an welchem wir umsonst auf das Alpenpanorama warteten. Unser Verharren hatte sich nicht gelohnt, weshalb wir querfeldein wieder zum Hotel zurückkehrten. Und da waren wir nun auf einmal die einzigenGäste und verlebten, zusammen mit dem Wirte-Ehepaar und einigen Angestellten, einen gemütlichen Abend.

Während der Nacht bekamen die Dachtraufen allerhand zu schlucken. So standen wir am Morgen nicht allzufrüh auf. Man riet uns sogar, bei diesem Wetter nicht weiter zu gehen. Aber kurz vor neun Uhr hielt uns nichts mehr zurück; von der ganzen Belegschaft mit den besten Wünschen bis zur Tür geleitet, brachen wir zur nächsten Etappe auf, dem Wiedener Eck. Dem « Dreiländerweg » folgend, marschierten wir über die offenen, dem Regenwind stark ausgesetzten Höhen des Stübenwasens, nach einer guten Stunde die Waldgrenze erreichend, wo es - teilweise noch im Schnee - fast genau in westlicher Richtung zum « Notschrei » ( 1121 m ) ging. Hier überschreitet man die Verbindungsstrasse zwischen Freiburg i. Br. und Todtnau im Wiesental. Obwohl es bereits gegen die Mittagszeit ging, liessen wir das Waldhotel « Notschrei » links liegen, auch wenn uns die Gastfreundlichkeit drinnen noch so sehr lockte. Wir hatten nämlich den Eindruck, schönerem Wetter entgegenzuwandern; am hochmoor-artigen Flecken mit den blühenden « Bachbum-meln » ging 's ohne Halt vorbei, und der Proviant blieb immer noch im Rucksack verstaut. Vom « Notschrei » an wird die Route übrigens mit « Westweg » bezeichnet; dieser Weg führt bis nach Basel, unserm Endziel. Nach dreiviertel Stunden wendet sich der Pfad westlich des « Trubelsmattkop-fes » ziemlich genau nach Norden. Jetzt begannen sich die Wolken zu lichten, was wir sogar im Wald bemerkten, und es hörte auf zu regnen, als wir « Auf den Böden » ins Freie traten. Landschaftlich bietet sich hier ein ganz anderes Bild als bisher; es wäre zum Verweilen gewesen auf dieser Höhe ( 1200 maber alles war tropfnass, von Kopf bis Fuss. So marschierten wir eben weiter und steuerten mit Volldampf dem « Wiedener Eck » ( 1037 ) entgegen. Es liegt an der Passhöhe zwischen Wie-sen- und Münstertal, welch letzteres sich gegen die Rheinebene mit dem bekannten Bad Krozin-gen erstreckt. Um vierzehn Uhr betraten wir die Gaststube, gerade noch zur Zeit, dass man uns ein warmes Mittagessen bereitete.

Den Nachmittag verbrachten wir im Bett, allerdings ohne zu schlafen, sondern um Pläne für die nächste Wanderung zu schmieden. Nebenbei freuten wir uns auf das Nachtessen, für das wir uns « snobistisch » eine Spezialität aussuchten, zu der ein Markgräfler ausgezeichnet mundete. Meine Frau hatte diese Belohnung für ihr wackeres Verhalten verdient, und ich leistete ihr gar nicht ungern Gesellschaft.

Bei grau verhangenem Himmel, aber ohne Regen, ging es am sechsten Wandertag einer weiteren markanten Höhe entgegen. Meist durch Wald führt der Weg durch teilweise sehr steile Hänge über tiefen Tälern zuerst in westlicher, dann in südlicher Richtung zum « Belchen » ( 1414 m ). Dieser unbewaldete Bergkegel, den man von sehr weit her sehen kann, zeigt einen fast alpinen Charakter, ist er doch Wind und Wetter stark ausgesetzt. Da wir inzwischen wieder im Nebel steckten, blieb uns leider auch hier die Aussicht vorenthalten. Unvermittelt standen wir aber nach elf Uhr vor einer grauen Masse: Es war das « Beichenhaus », und angeschrieben stand gut leserlich: « Heute Wirtesonntag »! Jetzt war es auf einmal schlagartig vorbei mit unserer Begeisterung. War wohl auf dem « Blauen », wo wir nach weitern gut drei Stunden Marsch ankommen würden, ein ähnliches Schild angebracht? Überhaupt, hatte es wirklich einen Sinn, dass wir uns so wetterfest benahmen und dabei Regen- und Nebeltreten übten? Basel würden wir erst morgen im Verlaufe des Nachmittags erreichen. « Nein! » entschieden wir, ohne uns gegenseitig überreden zu müssen, « jetzt wird abgebrochen!»- Der Abstieg ins Wiesental über offene Weiden erhellte unsere Gemüter allmählich wieder, und auf einmal merkten wir, dass der Sommer nicht mehr allzu lange würde auf sich warten lassen. Blumenüber-säte Wiesen liessen uns unser Wetterungemach vergessen; geradezu übermütig erreichten wir um vierzehn Uhr Schönau im Wiesental. In einem einladenden Wirtschäftchen nahmen wir unsere Henkersmahlzeit dieser Wanderung ein; dann « gondelten » wir wohlgemut, den Dauerproviant immer unberührt im Rucksack verstaut, über Schopßieim und Basel unsern heimatlichen Gefilden zu, wo wir, zwar nicht sonnverbrannt, aber wohlbehalten ankamen.

Abschliessend möchte ich doch bemerken, dass solch wetterbedingte Unannehmlichkeiten ja auch anderswo auftreten können. Im Schwarzwald ist man zudem von dem Umstand begünstigt, dass sozusagen auf der « ganzen Strecke » gute Unterkunft zu finden ist. Übrigens hat der Verkehrsverein Hochschwarzwald jetzt eine gute Idee verwirklicht: Man kann von Ort zu Ort wandern und sich das Gepäck mit Wäsche usw. gratis nachtransportieren lassen. Allerdings ist man dabei an bestimmte Routen und an vorgeschriebene Gasthäuser gebunden. Die Routenwahl steht einem aber frei, denn es handelt sich nicht um eine Führung. Und es klappt sogar; wir probierten es auf der oben erwähnten Wanderung im Mai 1974 aus!

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