Wandlung

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Vorsichtig steigen wir die Felsen des Westgrates hinab, welche im Klubführer als « unangenehme Platten » bezeichnet werden — für Vibramsohlen allerdings ein Hochgenuss! Dann folgen endlose Geröllhalden, in denen wir durch Abfahren und Springen rasch an Tiefe gewinnen; im Frühjahr ein ideales Gelände zum Abrutschen. Nur Staubwolken kennzeichnen unseren Weg, bis wir die Alpweiden und bald darauf den Talboden erreichen.

Währenddem wir auf dem Gemmiweg talwärts marschieren, stellt sich auch der obligate Regen wieder ein, welchem wir mit den verschiedenartigsten Tenues zu begegnen wissen.

In Kandersteg treffen wir um 18.30 Uhr unsere Frauen wieder, welche unterdessen durch den Lötschbergtunnel zurückgefahren waren und uns zu einem gemeinsamen Schmaus erwarteten.

Wandlung

9Von Otto BOchi ( Bern ) Kaum dem JO-Alter entwachsen, ging ich mit Bergkameraden den heissen Weg zur Hütte am Horn. Der Körper ermüdete unter der Last des Sackes, die Anstrengungen einer zu Ende gehenden Tourenwoche « rund um Zermatt » machten sich bemerkbar. Der Geist dagegen erfrischte sich an der eindrucksvollen Rundsicht, und fragende Augen forschten immer wieder nach dem morgigen Weiterweg. Aufsteigende Bedenken wichen der jugendlichen Unbekümmertheit, dem Drang nach Kampf mit dem Berg und mit sich selber. Dem müden Körper versprach die Unterkunft auf dem Grat Ruhe und Erholung. Der in der Hütte zu uns stossende Kamerad versetzte unserer Hoffnung auf ausreichenden Schlaf einen gehörigen Dämpfer. Die vergangene Nacht hatte er am Boden vor der Hüttentüre verbracht. Wieder lenkte der Berg die Aufmerksamkeit auf sich. Verspätet vom Gipfel zurückkehrende Partien mit einer erschöpften Bergsteigerin machten unsere Selbstsicherheit wankend. Die Nachtkälte riss uns aus unseren Betrachtungen. Drangvolle Enge empfing uns in der Hütte. Bemooste Häupter mit goldumrandeten Veteranenabzeichen, zum Teil ehrfurchterheischende Silberbärte im Gesicht, lenkten mein Denken auf sich. Ihre Reden liessen erkennen, dass sie mit der Hütte bereits ihr Ziel erreicht hatten und morgen wieder zu Tal steigen wollten. Langsam keimte in mir der Unwille. Hüttenbummler, ohne weiteres Ziel und mit der dem Alter zustehenden Priorität auf Schlafplätze... Dazu noch Klubmitglieder, denen man grösseres Verständnis zutrauen sollte.

Eine vermeintlich lange, wenig schlafbietende Nacht, eingeklemmt in unbequemer Lage zwischen Seilgefährten, nährte die wenig freundlichen Gedanken. Die Tagwache kam als Erlösung. Missmutig zwang ich mich zum Essen, am gleichen Tisch mit den erstaunlicherweise auch aufgestandenen Veteranen. Wie trocken war doch das Brot und wie wenig schmackhaft das heisse Getränk. Meine Unzufriedenheit entlud sich in Gedanken immer mehr auf die Tischgenossen, in welchen ich nur noch Hüttenbummler sah, die den sich zur Besteigung Rüstenden den knappen Platz streitig machten. Auch sie beschäftigten sich schweigsam mit dem Morgenessen, um dann aufmerksam die aufbrechenden Partien zu beobachten.

Als ich als einer der letzten unter die Hüttentüre trat, schon durch das Seil mit meinen Kameraden verbunden, fand einer dieser Veteranen Worte. Er wünschte uns gute Fahrt, während er sich wieder zur Ruhe begeben wolle. Seine und seiner Freunde Kräfte reichten leider nicht mehr zu Gipfeltouren, doch hätten sie wieder einmal die so liebgewonnene Aufbruchstimmung miterlebt und Erinnerungen an eigene Taten aufgefrischt. Beschämt dankte ich für die Wünsche, und oft auf dem Weg zum stolzesten Gipfel unserer Heimat musste ich zurückdenken an die altern Kameraden in der Hütte. Meine nächtlichen, unfreundlichen Gedanken bedauerte ich tief.

Jahre sind seither vergangen und mit ihnen manche unbequeme Hüttennacht. Noch steht für mich das Veteranenalter in weiter Ferne, doch bei jedem Aufbruch ins nächtliche Dunkel schweifen meine Gedanken über den Kreis des Kerzenlichtes hinaus, weit zurück zu diesem Morgen in der Hörnlihütte.

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