Westgrat der Grossen Windgälle

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Mit 1 Bild ( 38Von Alfred Huber

( Schaffhausen ) Oh, dieses Ungewisse Rätseln unter offenen Haustüren, wenn draussen Nebelschwaden ziehen, Regenschauer sprühen und dann wieder blauer Himmel aus Wolkenlücken lacht! Hin und her geht das Raten und Erwägen — denn man sollte wohl gutes Wetter mitbringen, wenn es im Klubführer heisst: Für die Gratpartie benötigte die erste Seilschaft im Abstieg 13 Stunden...

Doch da dringt Sonnenschein aus dem Gewölk! Hell leuchten die Wälder am jenseitigen Talhang auf. Los! Und schon radeln wir gemächlich durch das blühende Land hinein nach Amsteg, schieben wir Sack und Stahlross durch die kühle Schlucht hinauf auf die freigelegene Schulter von Bristen.

Herrlich ist die Wanderung ins Maderanertal, längs dem rauschenden Bach, durch lichte Erlenwälder, über denen gross und hoch die Berge stehen! Dann windet sich der Weg durch dichtes Gebüsch, über Stock und Stein steil aufwärts zur Golzerenalp. Doch sieh: mehr und mehr bedeckt sich der Himmel. Unversehens pusten stossweise Nebelschwaden auf uns ein — und mit einem Male umhüllen uns Regenschauer! In der Dämmerung verschwimmen die Umrisse der Berge; alles zerfliesst in Grau. Trostlos scheint die Gegend; trostlos scheint auch die Wetteraussicht für morgen. So bleiben wir lange in Golzeren, kochen, spielen, scherzen und singen bei Freunden und schreiben in Gedanken die Windgälle ins dunkle Kamin...

Gegen Mitternacht guckt einer durch das schmale Fenster mit den Butzenscheiben: sternklare Nacht! Das wirkt wie Alarm — rasch verschwinden Käse und Brot in den Säcken, holen wir die Windjacken, die über dem Herdfeuer noch tropfen. Und dann verabschieden wir uns, Hans und ich, von den erstaunten Gastgebern, die solche Eile gar nicht verstehen wollen. Beim flackernden Schein einer Kerzenlaterne steigen wir durch die prächtige, totenstille Nacht hinauf zur Windgällenhütte. Eine traumhafte Stunde! Wohl rinnt der Schweiss über das Gesicht; doch über uns funkeln die Sterne, geheimnisvoll erheben sich am Weg dunkle Fichten-schatten, und von den Bergen fällt ein frischer Wind.

Müde kehren wir in der Hütte ein, essen mit Riesenhunger und legen uns dann für kurzen Schlaf in die Decken.

Spät, zu spät erwachen wir. Draussen strahlt ein herrlicher Tag. Die ersten Sonnenstrahlen gehen über den makellos reinen Himmel und entfachen das Licht auf den schimmernden Firnen zu leuchtender Glut. Hans aber blickt erstaunt zu mir, und ich nicht minder überrascht hinüber zu ihm: Warum hat uns der Hüttenwart nicht, wie doch abgemacht, am frühen Morgen geweckt? Hatte er in der Nacht etwa wachend geschlafen? Traute er dem Wetter oder vielleicht gar uns nicht?

Mit einem duftenden, unvergleichlichen Kaffee besänftigt der besorgte Mann unsere Gemüter. Wir beschliessen, den Tag nach Möglichkeit auszunützen und wenigstens ein gut Stück des Weges hinaufzuklettern, um für eine spätere Gelegenheit Kundschaft zu leisten.

Über Rasen windet sich der Weg aufwärts. Tiefblaue, taubereifte Enziane leuchten aus frischem Grün. Hoch und abweisend türmt sich im Hintergrund die dunkle Südwand der Windgälle aus den Trümmerfeldern und Firnbändern. Ihre Gesimse und Absätze schimmern wie mit Zucker überstäubt: gestern ist Schnee gefallen!

Ganz allein mit den Bergen und dem Himmel streben wir aufwärts. Grobe Blöcke, Moränen, dann Schneeflecke. Eine schmale, firnerfüllte Rinne zieht sich steil hinauf zum Oberen Furkeli, dicht unter den mächtigen Flühen der Südwand. Mühsam ist das letzte Stück der Kehle, denn ein warmer Tag ist im Werden. Heiss brennt die Sonne auf unsere Rücken.

Dann stehen wir in der engen Scharte. Unvermutet öffnet sich der Blick westwärts in den weiten Kessel, dessen Flanken sich von den Türmen und Schuttbändern der Kleinen Windgälle herüberziehen zu den Roten Hörnern, um sich dann jäh emporzuschwingen zu den grauen Pfeilern und Dächern hoch im blauen Himmel — zum Westgrat der Grossen Windgälle!

Wenige Stufen steigen wir von der Scharte westwärts über den hartgefrorenen Schnee ab. Ein Rudel Gemsen flieht in gemächlichen Sätzen über den Firn. Zu unserer Rechten baut sich ein pfeilerförmiger Vorsprung gleich einem Bollwerk vor der etwas zurückliegenden Südwestwand auf. Prächtige Griffe erlauben ein Klettern ohne Seilsicherung. Unerwartet rasch gewinnen wir deshalb an Höhe. Neuschnee liegt auf allen ebenen Stellen und kühlt Hände und Arme empfindlich ab.

Wir mögen uns seit dem Einstieg etwa eine Viertelstunde in der Falllinie emporgearbeitet haben, als der Fels an Ausgesetztheit verliert. Ein ausgeprägtes Band weicheren Gesteins zieht sich von hier fast horizontal durch die ganze, mächtige Südwestwand. Wir verfolgen es, immer vorsichtig auftretend. Denn der Schnee auf dem lockeren Schutt ist trügerisch! Weit geht der Blick hinaus über den Windgällengletscher in der Tiefe, über das tiefgefurchte Maderanertal zu den blinkenden Firnen des Oberalpstockes.

Kurz vor dem Erreichen des Westgrates steigt unser Band steil an und läuft in eine Steinschlagrinne aus, die fast in der Fallirne zum Grat führt. In der prallen Sonne schwitzend überwinden wir das letzte Teilstück mit seinem Querriegel. Und dann stehen wir auf der schmalen Schneide jener gewaltigsten Mauer der Alpen, der Windgällennordwand! Fast atemberaubend steil sinkt sie in mächtigen, ausgebauchten Flühen nordwärts zum Seewlisee hinunter, der als schillernd grüner Flecken in den gebleichten Karrenfeldern der Tiefe liegt. Neuschnee bedeckt die Wand und gibt ihr ein gar nicht mehr europäisches Aussehen.

Es ist bald 9 Uhr, also spät. Der Weiterweg ostwärts über den Grat scheint unmöglich zu sein, denn ein senkrechter, glatter Abbruch türmt sich aus der Scharte auf. Wir sind reichlich pessimistisch. Wolken ziehen herauf, Nebel schlägt sich mehr und mehr um die Berge, und von den Steilwänden des Grates rinnt Schmelzwasser glucksend in die Tiefe...

Doch nach einer kurzen Rast sehen wir wieder zuversichtlicher vorwärts. Einige Meter gilt es in der Rinne, aus der wir hergekommen sind, abzusteigen. Dort legen sich die abweisenden Kalkbänke leicht zurück, und über eine schräggestellte, ausgesetzte Platte muss sich ein Aufstieg finden lassen. Von ihrem oberen Ende leiten spärliche Griffe nach rechts hinüber zu einem klaffenden Kamin, das in einem, zwei Sätzen hinaufzuführen scheint auf die Höhe des Grates. Hans steigt als erster ein. Ein Haken singt im plattigen Fels. Rinnsale tropfen aus den Überhängen über uns — da ist den Klettersohlen nicht voll zu trauen! Ein Dutzend Meter weiter oben verzögert ein neues Hindernis den Durchgang: ein kleiner, vor Feuchtigkeit glitzernder Überhang im schluchtartigen Kamin lässt sich nicht kampflos erobern. Dann sind die 30 Meter Seil ausgegeben, und ich folge nach. Noch eine Seillänge, dann wechseln wir. Schutt und Geröll führen nach rechts aufwärts zu einer nächsten, tiefen Rinne, die fast in der Fallirne den Fels durchreisst. Ich muss den Sack zurücklassen, sonst wäre da kein Durchschlupf. Mit Schieben und Stossen gelingt es, den glitschigen Fels zu überklettern. Wie herrlich müsste diese Stemmstelle bei trockenem Wetter zu meistern sein! Die Rinne verbreitert sich; der kompakte Fels bleibt zurück, und über brüchiges, lose geschichtetes Gestein erreichen wir den Grat. Nun werden wir ihn so schnell nicht wieder verlassen!

Gute drei Stunden dauert die Turnerei auf dem luftigen Dach, über lose Steine, Schneeflecken, über Gendarmen, durch Scharten und auf Firsten. Wir wechseln häufig im Führen, gehen oft auch gemeinsam. Ungeheure Ausblicke in die tausend Meter tiefe Nordwand, über den Plattensturz der Südwand! Und wir zwei wie Dachdecker allein mit dem Himmel, den Wolken und dem Grat!

Zacken aus ziegelartig nach abwärts geschichtetem Gestein zwingen an einigen Stellen zum Ausweichen auf die Südseite. Etwa auf halbem Weg führt ein schmales, abschüssiges Band leicht abwärts in die gegliederte Südwand. Durch eine steile Rinne, einen mit Schutt und Blöcken bedeckten Absatz und ein schluchtartiges Kamin gewinnen wir erneut die Höhe. Recht kurzweilig ist die Kletterei im dämmrigen Kamin, unter einem grossen, eingeklemmten Block hindurch.

Wir beide freuen uns über die harten Steine, über die Nebelfetzen, die aus der Tiefe emporbrodeln, über die Ausblicke in grüne Täler weit, weit unter uns — und möchten mit keinem König der Erde tauschen!

Noch sind wir aber nicht am Ziel. Wohl grüsst der Westgipfel, dieser trotzige Porphyrkopf, der dem Hochgebirgskalk des Grates wie ein mächtiger Reiter aufgesetzt ist, schon ganz nah. Scharfe Gratzacken drängen uns auf ein schmales Band aus Brocken und Blöcken in der Nordwand. Kurz, aber luftig ist der Schleichweg an der lotrechten Mauer! Wieder hinauf zu einer Kerbe, über diese hinweg — nun ist die Hauptarbeit getan.

Über grobe Blöcke, Zacken und schuttbedeckte Terrassen klettern wir voller Erwartung höher. So oder ähnlich mag man vielleicht Pyramiden ersteigen! Und dann ist da auf einmal nur noch Himmel über uns und vor uns...

Kaum glauben wir unseren Augen, dass er nun doch noch uns gehören soll, dieser dunkle Berg. Uns allein! Ein Aufatmen, ein Händedruck. Staunend blicken wir hinab in das Brauen und Brodeln der Wolken im Tal, zu den blinkenden Wasserfäden und Spielzeughütten am See — dann ist alles weg. Feuchter Nebel fegt über den Gipfel, Schneekörner jagen vorüber.

Mit kühlen Fingern seilen wir uns zur Scharte zwischen den beiden Gipfeln ab und steigen hinüber zum Steinmann. Ohne viel Zeit zu verlieren, verlassen wir ihn, um über die bekannteren Gefilde der Ostflanke den Rückweg anzutreten.

Leiser Regen rinnt. Dichter Nebel hüllt Felsen und Schnee in graue Dämmerung. Lang dünkt uns der Weg durch die aufgeweichten Firnfelder und über den Gletscher, In den Herzen aber brennt heiss die Freude über die prächtige Fahrt, über das grosse Erlebnis des Berges und der Kameradschaft!

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