Zu der Rundsicht von der Roten Fluh

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Der Bau einer neuen Clubhütte brachte es mit sich, daß ich im Jahre 1907 öfters das Rottal besuchte. Es war denn auch ganz natürlich, daß ich gerne mal eine andere Route zum Abstieg wählte, war mir doch solche nicht bloß durch die Beschreibung von Pfarrer Stauffer im Jahrbuch XXIX, pag. 284, bekannt, sondern auch von den Talbewohnern, insbesondere von Peter von Allmen, Wirt in Stechelberg, als hochinteressant geschildert worden. Dieser erzählte mir oft, wie er die Rote Fluh, jene Felsbastion, die südwestlich neben dem Rottalgletscher den Talgrund fast unmittelbar beherrscht, mit einem mächtigen Steinmann geschmückt hätte.

Als ich an einem prächtigen Sommertag, nach 8/i stündiger, leichter Gletscherwanderung, von der Rottalhütte aus diesen Punkt 2691 des topographischen Atlas betrat, war ich von der Rundsicht so entzückt, daß ich darüber mit meinem Freund, Kunstmaler Jörgensen in Interlaken, sprach. Von einem ersten Augenschein kam auch er hochbefriedigt zurück und ließ sich in der Folge einen mehrmaligen Aufstieg ins Rottal nicht verdrießen, um das Material zu einem großen Aquarell zu sammeln. Herr Dr. Dübi fand die Rundsicht als Beilage zum Jahrbnch geeignet, und ist es ihm zu danken, daß wieder einmal ein größeres, farbiges Kunstblatt erscheint, denn ein solches repräsentiert sie, und nicht ein trockenes Register der sichtbaren Gipfel und Orte einer Gegend, die ja an sich hinlänglich bekannt ist.

Was das Bild so malerisch gestaltet, rührt von dem gewählten Standpunkt her, dessen Lage ungefähr die Mitte zwischen den Zinnen der Hochgipfel und dem Talgrunde hält, so daß die Töne auf engem Räume vom saftigen Grün der Tiefen in das Schwarzrote der Felsen, in das Weiß der Firnen und das Blau des Himmels übergehen, ein buntes Farbenspiel, das uns eine Photographie vorenthalten würde. Trotz geringer Entfernung von deren Fuß zeigt sich die Jungfrau von der Roten Fluh aus in richtiger Perspektive; auch der Einblick in den Kessel des Rottals ist vollständig und deshalb so imposant. Bildet schon im Panorama vom Murren der Gebirgswall vom Gletscherhorn bis zum Breithorn einen Glanzpunkt, so ist dies in erhöhtem Maße hier der Fall, wo die blauen Gletschermassen einem sozusagen zu Häuptern hängen und der Blick gegen Westen auch über den mächtigen Tschingelgletscher mit seinen Trabanten schweift. Unmittelbar zu Füßen, anderthalbtausend Meter tiefer, liegt der grüne Talgrund von Trachsellauenen und Stechelberg; die gewaltige Felswand, welche das Plateau von Murren trägt, und in der Nähe so hohen Respekt einflößt, verliert von hier aus gesehen ihre Schrecken. Ich erwähne noch, daß, mit Ausnahme eines kurzen Stückes der Mürrenbahn, in der ganzen Rundsicht keine brutalen Eingriffe von Menschenhand bemerkbar sind; das ganze Gebiet ist noch unverdorben, doch wie lange noch, möchte ich fragen?

Ein einflußreicher Bewohner des Tales erklärt mir denn auch stets aufs neue, man sollte aus dem Hintergrund des Lauterbrunnentales eine landschaftliche „ Reservation " machen, um dadurch für alle Zeiten seine Reize zu erhalten. Sollte dieser gewiß seltene Wunsch eines Oberländers in Erfüllung gehen, so ließe sich eben hier einmal aus der Natur kein Kapital schlagen. Wie undankbar die Beschreibung und Illustrierung einer Gegend ohne Eisenbahn und damit ohne Massenbesuch auch heutzutage ist, davon könnten die Photographen ein Liedlein singen; das haben aber schon vor 130 Jahren andere erfahren. Als eines der kostbarsten Werke von Alpenlandschaften erschien 1776 in Bern ein Buch unter dem Titel: „ Merkwürdige Prospekte aus dem Schweizergebirge und dessen Beschreibung ", das ich hier erwähne, weil dessen Maler, C. Wolff, viele seiner Bilder aus dem hintern Lauterbrunnentale schöpfte und einer der ersten Künstler war, der sich auf kaum begangenen Pfaden hoch hinauf wagte, um das Hochgebirge aus nächster Nähe zu schauen. Wie gut er seine Sache gemacht hat, beweist ein Bild, das im Jahrbuch XXXVI, pag. 224, reproduziert ist. Der Verleger war sich merkwürdigerweise eines Mißerfolges zum voraus bewußt, wie dies aus dem Vorwort hervorgeht. Es war neu, die Alpen durch Maler richtig aufzunehmen. Die Wahl der Aussichtspunkte war damals eine sehr einseitige, recht weit von der Straße entfernte sich der Maler selten, weil das Publikum nicht mit dem Bilde zufrieden gewesen wäre. Aus unserem Gebiet ist auch ein Gemälde des Schmadribachfalles vom Tiroler Joseph Koch vor etwa einem Jahrhundert gemalt, und nun in der Pinakothek in München berühmt geworden; daß aber ein Besucher des Lauterbrunnentales sich die Mühe nimmt, das Schauspiel in Natura zu betrachten, ist eine Seltenheit, die Bergbahnen ziehen ihn anderswohin; daß er sich ein Bild davon kaufe, ist auch nicht nötig, Ansichtskarten tun 's ebensogut. Was nicht von Tausenden gepriesen und Modesache geworden ist, zieht nicht bei der Großzahl der heutigen Reisewelt. Würde unser Kunstblatt, die Rundsicht von der Roten Fluh, im Oberlande selbst bei höchst bescheidenem Preise zum Verkauf ausgelegt, ich wette, der Absatz wäre ein kläglicher.

Fritz Bec*'(Sektion Oberland ).

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