Zu zweit auf einen Achttausender: Broad Peak (8048 m)

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auf einen Achttausender:

Broad Peak ( 8048 m )

Yannick Seigneur, Chamonix

Dieses Abenteuer hatte schon 1976 begonnen, just in jenem Jahr, indem ich zusammen mit zwei Kameraden den Broad Peak besteigen wollte. Schlechtes Wetter und Schneestürme hatten uns aber nach vier Wochen gezwungen, unser Vorhaben aufzugeben, und dies kurz vor dem Triumph: Wir hatten schon den Sattel überquert, welcher den Süd- vom Zentralgipfel des Broad Peak trennt, als ein unglaublich heftiger Sturm unserem Vordringen auf 7950 Meter Einhalt gebot, nur ein paar hundert Meter unter dem Gipfel.

Aber schon während des Abstiegs und während des Rückmarsches über das endlose Band des Bal-toro-Gletschers hatte ich mir vorgenommen, hieher zurückzukehren und diesen Achttausender doch noch zu bezwingen...

Im Frühling 1978 bin ich wieder in den Karakorum abgereist, diesmal mit einem neuen, einem ultraleichten Expeditionskonzept. Wir sollten nur zu zweit sein: Georges Bettembourg und ich. Ich 111 messe der Auswahl meiner Begleiter grosse Bedeutung zu, und ich lege grossen Wert darauf, dass wir gute Freunde sind. Ich habe meine Klettertouren immer nur mit Kameraden unternommen, die ich sehr gut gekannt habe, und selbst meine Kunden, denen ich im Sommer als Bergführer diene, sind gute Freunde. Diese Eigenheit hat natürlich zur Folge, dass man immer mit den gleichen Kameraden klettert und sich in gewisser Weise etwas isoliert. Nun ist der Alpinismus aber in ständiger Entwicklung begriffen, und er drängt uns dazu, uns anzupassen, uns selbst, unser Berg-konzept und unsere Kletterart zu ändern.

Anlässlich unserer ersten Expedition zum Broad Peak im Jahr 1976 glich die Verhaltens- 112weise meiner Kameraden Bernard und Jean-Claude genau der meinen. In jenem Jahr mussten wir die Erfahrung machen, dass man in der Baltoro-Region kaum mit mehr als drei aufeinanderfolgenden Schönwettertagen rechnen kann. Wenn wir also am Broad Peak Erfolg haben wollten, mussten wir ihn in weniger als drei Tagen besteigen. Diese Überlegung hat uns veranlasst, unsere Ausrüstung und unser Material vollkommen neu zusammenzustellen und uns auch anders auf dieses Unternehmen vorzubereiten, selbst wenn das Durchklettern einer 3400 Meter hohen Wand in drei Tagen absolut undurchführbar scheint, zumal es sich noch um einen Achttausender handelt.

Georges Bettembourg hat mir mit seiner Jugend ( 27jahre ) und seinen Ideen sehr viel gebracht. Wenn ich ihn aber beschreiben soll, muss ich gestehen, dass er genau das Gegenteil von mir ist. Meine Eltern und Grosseltern waren nie in den Bergen, und während meiner Studienzeit bin ich beinahe zu einem Städter geworden. Georges hingegen hat eine echte Bergvergangenheit: er ist Bergführer in Argentière, Enkel von Georges Charlet, Grossenkel des berühmten Armand Charlet. Einen grossen Teil des Jahres verbringt er in den USA ( vor allem im Yosemite ) oder in Kanada, wo er sich als Bergführer weiterbildet. Vor unserer Abreise in den Karakorum wusste ich praktisch nichts von seiner Existenz, doch schon bei unserm ersten Treffen haben wir uns auf Anhieb ausserordentlich gut verstanden.

Auf Grund der Erfahrungen aus dem Jahr 1976 habe ich diese zweite Expedition sehr sorgfältig vorbereitet. Wir haben uns entschieden, noch einen Arzt ( eine Bedingung für jede Expedition nach Pakistan ) sowie einen Kameramann mitzunehmen, der ein paar Bilddokumente zurückbringen sollte. Er hat denn auch einen sehr guten Film gedreht, der am Filmfestival von Trient mit dem Grand Prix 1979 des Italienischen Alpenclubs ausgezeichnet worden ist. Unser Bergtraining haben wir getrennt durchgeführt: Georges in den USA, ich im Winter in Chamonix. Jeden Tag habe ich im Schnee mit einem 10 bis 12 kgschwe- ren Rucksack innerhalb von ungefähr zweieinhalb Stunden einen Höhenunterschied von qooo bis 2200 Meter bewältigt.

Im April sind wir reisefertig. Auch während der Zeit, in der wir in Rawalpindi oder Islamabad die administrativen Formalitäten erledigen, trainieren wir jeden Morgen an den Hügelflanken der Umgebung weiter.

Der Anmarsch gibt uns keine Probleme auf, und während dieser Zeit lerne ich unsere Träger immer besser kennen und schätzen. Sie leben in einem wilden und rauhen Land, wo Freundschaft und Achtung sich nur sehr langsam entwickeln.

Während des ganzen Anmarsches trainieren wir mit wahren Wahnsinnsläufen weiter; nach den 5 oder 6 Marschstunden jeder Etappe bringen wir noch zusätzlich einen Höhenunterschied von 600 bis 700 Meter hinter uns.

Am 26. Mai erreichen wir das Basislager auf dem Godwin Austen-Gletscher, zwei Marschwo-chen von der letzten menschlichen Siedlung entfernt. Mit zahlreichen Steinen isolieren wir unsere Zelte vom Eis.

Der folgende Morgen bringt schönes Wetter, und wir brechen zum Gipfelsturm auf, ohne uns nur einen einzigen Ruhetag gegönnt zu haben. Am Ende unseres ersten Klettertages, in dessen Verlauf wir 1400 Höhenmeter überwunden haben, errichten wir unser erstes Biwak auf 6120 Meter. Gils, der Kameramann, ist mitgekommen, denn er will uns in möglichst grosser Höhe aufnehmen. Wir befinden uns an jener Stelle, wo unsere Expedition im Jahr 1976 das Lager II und die Japaner im Jahr 1977 ihr Lager III errichtet hatten. Unser rascher Aufstieg ist der sichere Beweis für unsere hervorragende Form. Aber leider schneit es am nächsten Morgen - wir müssen absteigen.

Die zwei folgenden Tage im Basislager verbringen wir mit Ausruhen und dem Einrichten unserer Steinhütte, die wir « Speisesaal » getauft haben.

Am 2.Juni ist das Wetter wieder schön, und wir brechen erneut zum Gipfelsturm auf. Wir führen ein Zelt, ein 35 Meter langes Seil, Klettermate- rial, Schlafsäcke und Lebensmittel mit. Alles in allem nicht mehr Material, als wir für die Major-Route am Mont Blanc mitnehmen würden. Nur dass unsere Major-Route hier über 3400 Meter führt und auf einer Höhe von 8048 Meter endet.

Das erste Biwak auf 6i20 Meter, das zweite auf 7300 Meter. Auch am zweiten Tag sind wir sehr gut vorangekommen, und dies trotz der Felstürme und Schneekuppen, die uns echte Schwierigkeiten bereitet haben. Aber ist das nicht genau das, was wir suchten?

An diesem Abend herrscht die übliche Stimmung vor einem grossen Rennen. Gils ist immer noch bei uns. Er, der vorher niemals über 4800 Meter hinausgekommen war, hat eine aussergewöhnliche Leistung vollbracht. Er wird morgen versuchen, uns noch ein Stück weit zu folgen, und dann wieder absteigen.

Um ein Uhr früh stehen wir auf. Die Nacht war sehr kalt ( ungefähr -400 ), und wir würden während des ganzen Aufstiegs bis zum Sonnenaufgang unter der bitteren Kälte zu leiden haben. Jeder klettert für sich selber, abgeschieden in der Einsamkeit und im Kampf mit sich. Wir befinden uns noch nicht in der « Todeszone », wie die Tiroler die Höhen über 8000 Meter bezeichnen, aber wir sind umgeben von einer geradezu irrealen Atmosphäre, einem übergeordneten Reich.

Gils ist umgekehrt, und wir sind nur noch zu zweit. Wir klettern einzeln weiter; denn unser Seil ist im Rucksack. Freundschaft und Verstehen binden uns enger aneinander als ein Nylonseil. In meinem Vordringen scheint mich nichts mehr aufhalten zu können. Georges ist weit hinter mir, als ich nach harter Arbeit schliesslich den Sattel erreiche. Ja, ich kenne ihn, diesen Ort, dem bittere Erinnerungen des Misserfolgs vor zwei Jahren anhaften. Aber heute empfinde ich grosse Freude.

Ich warte auf meinen Gefährten genau an jener Stelle, an der ich zwei Jahre zuvor 15 Meter tief abgestürzt bin, weil eine Wächte unter mir eingestürzt war. Heute bin ich sehr vorsichtig. Ich will mein Leben nicht aufs Spiel setzen. Gefahren machen mir Angst, und ich habe immer versucht, sie zu umgehen. Ich gebe gern zu, dass ich hie und da Angst habe. Aber besteht nicht gerade die besondere Eigenschaft des Mutes darin, die Angst zu überwinden? Wer behauptet, nie Angst zu haben, ist ein Unwissender, der die Gefahren nicht erkennen kann.

Georges hat mich eingeholt, und jetzt gehen wir angeseilt über den Grat weiter. Es ist ein langer, endloser Aufstieg gegen den Himmel. Der Berg stellt unsere Geduld auf eine harte Probe, und wir erreichen den Gipfel erst, nachdem wir unzählige Gratbuckel überwunden haben. Wir müssen wieder Atem schöpfen, der uns auf einer Höhe von 8000 Meter ohne Sauerstoff einfach nach jedem Schritt fehlt. Unsere Gedanken schweifen in die Ferne, zur Familie, zu den Freunden, und schon nehmen neue Pläne Gestalt an beim Betrachten der in so grossen Höhen erstaunlichen Welt: Am Horizont zeichnet sich die elegante Silhouette des Masherbrum ab, und hinter uns ragt eindrucksvoll der K 2 empor. Dies sind Augenblicke, für die man ein ganzes Leben hingeben würde, auch wenn man sie gleichzeitig verwünscht, weil sie vom Bergsteiger eine beinahe übermenschliche Anstrengung verlangen.

Und dieser Grat will einfach kein Ende nehmen! Mein Höhenmesser zeigt 8040 Meter an, doch wir sind noch immer nicht auf dem Gipfel. Ein heftiger Wind und beissende Kälte lassen uns von Kopf bis Fuss erstarren. Unser Atem ist kurz, und unsere Muskeln schmerzen vor Anstrengung. Nur der Wille treibt uns noch vorwärts. Ein paar weitere Schritte bringen uns an den Fuss eines vier Meter hohen Felsvorsprungs.

Ich suche links und rechts nach einer Ausweichmöglichkeit, muss aber schliesslich geradeaus weitergehen. Ein Klettern zwischen Traum und Wirklichkeit — nach zwei Biwaknächten ohne Sauerstoff, auf über 8000 Meter. Erschöpft lasse ich mich oben auf dem Fels nieder: Es ist der Gipfel des Broad Peak. Von diesem Augenblick habe ich drei Jahre lang geträumt!

Ein Traum, der ein Ende hat wie die Sonne, die hinter dem Horizont versinkt. Rund um uns herum scheinen die Berge in den länger werdenden Schatten der untergehenden Sonne grösser zu werden. Dort drüben der Nanga Parbat, hier neben uns der K 2, ein stolzer und schöner Berg. Neue Träume, neue Pläne...

Aus dem Französischen übertragen von Dieter W. Portmann

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