Zur Erinnerung an Edward Whymper

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( 1840—1911 )

Dr. Heinrich Dübi ( Sektion Bern ).

Von Illustration nach Aufnahmen von E. Whymper und Ph. C. Visser.

Mit dem am 16. September 1911 im Hotel Couttet in Chamonix im Alter von 7 1⅓ Jahren an einem Hirnschlage verstorbenen englischen Bergsteiger Edward Whymper ist wieder einer, einer der letzten und größten der zweiten Generation der Pioniere dahingegangen, welche seit den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts die von ihren Vorgängern, den Spescha, Meyer, Hugi, Zumstein, Vincent, Gnifetti, Gebhard, Thurwieser, Erzherzog Johann, v. Ruthner, Studer, Ulrich, Escher von der Linth, Forbes, Walker, Desor usw. von 1800—1850 wirksam, aber etwas sporadisch betriebene Erschließung und Eroberung der Alpen so energisch und in so großem Umfange ins Werk setzten, daß nach drei Dezennien die Hauptaufgabe in den Alpen als gelöst betrachtet werden konnte und die bergsteigerische Tätigkeit sich, zum Teil schon vorher, mit Wucht andern europäischen und besonders außereuropäischen Gebirgen zuwendete.

Der Unterschied in dem Wirken der beiden Generationen für den Alpinismus des 19. Jahrhunderts liegt hauptsächlich darin, daß die führenden Männer von dessen zweiter Hälfte die sportliche Seite der Aufgabe mehr hervortreten ließen, als dies ihre Vorgänger getan hatten; mit andern Worten, daß sie das Bergsteigen um seiner selbst willen pflegten. Nicht daß ihnen wissenschaftliche Interessen fern gelegen hätten — die Namen Ball, Tyndall, v. Fellenberg, um nur einige zu nennen, bürgen für das Gegenteil —, aber ihr Hauptaugenmerk war doch auf die Erreichung des Hochgipfels, auf die Überschreitung des Gletscherpasses, auf die dem Kletterer in unbekannten Eis- und Firnregionen und an unbetretenen Felswänden und -graten gestellten Aufgaben gerichtet. Und mehr als dies bei den älteren Pionieren der Fall gewesen war, wurde von den jüngeren Gewicht auf die künstlerische Darstellung des neu erschlossenen Hochgebirges in Wort und Schrift gelegt, wogegen die naturwissenschaftliche und geographische Betrachtungsweise, die von Saussure und den Meyer, Hugi, Desor usw. gepflegt worden war, etwas in den Hintergrund trat. An Stelle der Karten, Veduten und Panoramen, welche die monographischen Publikationen der älteren Schule schmückten und im allgemeinen Sinne erläuterten, kommt nun die Illustration der einzelnen Szenen und Abenteuer einer Bergreise oder Besteigung auf, und man findet es der Mühe wert, vereinzelte Facta bergsteigerischer Tätigkeit, wenn sie Neues boten, mit schriftstellerischer und zeichnerischer Kunst hervorzuheben und durch den Druck ans Licht zu bringen. Während früher bergsteigende Gelehrte ihre sonst schon gepflegte Schriftstellern auf das alpine Gebiet übertrugen, lernten jetzt gebildete Bergsteiger von den Eindrücken, welche sie auf ihren Gebirgstouren empfangen hatten, die Kunst, diese Dinge nach der Rückkunft daheim mit der Feder in der Hand zu schildern. Einige begannen, ihre an andern Dingen geübte zeichnerische Fertigkeit auf dieses sportliche Gebiet zu übertragen, oder ließen sich von befreundeten Künstlern die rasch hingeworfenen Skizzen des Reisetagebuchs zu Kunstblättern ausarbeiten, wie dies M1!e d' Angeville schon unter der älteren Generation getan hatte. So erwuchs, zunächst aus Dilettantenkreisen, neben der alpinen Schriftstellern die alpine Illustration. Und zwar trat die letztere, abweichend von den Gepflogenheiten des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts, direkt in den Dienst des Bergsteigens und rechtfertigte auf eine neue Art ihren Namen und ihre Existenz. Wir besitzen aus den Jahren 1850—1860 eine Reihe reizender Bücher, vornehmlich in englischer Sprache, von Albert Smith, Wills, Hinchliff, Mrs. Henry Freshfield u.a., welche diese neue Kombination von Bergsteigen und Bergzeichnen aufweisen, für welche man später Titel wie: „ Mit Bergstock und Skizzenbuch in den Alpen " oder „ 2%e Oberland explored and illustrateci with iceaxe and camerau erfunden hat. Bei diesen Kombinationen stammten in der Regel Text und Bilder von verschiedenen Autoren, die etwa durch Freundschaft oder Verwandtschaft verbunden waren, und wenn es unter den Bergsteigern aus Neigung nur wenige Zeichner gab, so war unter den Zeichnern von Profession kaum ein Bergsteiger.

Diese Lücke ausgefüllt und durch Vereinigung von Zeichnen, Bergsteigen und Schriftstellern einen neuen eigenartigen Berufstypus hervorgebracht zu haben, ist das ganz eigenartige Verdienst Edward Whympers. Die folgende Schilderung bezweckt also nicht, eine Biographie dieses seltenen Mannes zu schreiben, wozu ich mich nicht befähigt fühle, sondern nur diesen drei Seiten seines Wesens in ihrer Zusammengehörigkeit gerecht zu werden. Die Personalien Whympers werde ich nur kurz behandeln und nur soweit sie seine Reisen, seine Abenteuer und seine Schriften angehen.

Whymper war geboren den 27. April 1840 zu London. Er scheint keine Universitätsstudien gemacht zu haben, obwohl seine Befähigung für wissenschaftliche Forschungen nicht gering war, wie seine Publikationen beweisen. Seine künstlerische Ausbildung im Zeichnen und Holzschneiden empfing er von seinem Vater Josiah W. Whymper, welcher ein vorteilhaft bekanntes Atelier für Buchillustration betrieb 1 ).

Schon früh scheint er dieses seinem Sohne abgetreten zu haben, welcher das Atelier erst in Lambeth Road, dann in Ludgate Hill bis 1900 fortführte, wo er sich von den Geschäften zurückzog. Er hatte den Niedergang des gesamten xylographischen Gewerbes in künstlerischer und namentlich in finanzieller Hinsicht miterlebt, aber solange er selbst darin tätig war, hat er durch seine Leistungen sich bemüht, diesen Niedergang zurückzuhalten, und ist auf seinem Spezialgebiete, der Illustration alpiner Werke, nie von der einmal erreichten Höhe herabgestiegen. Und diese Höhe hat er verhältnismäßig rasch erreicht.

Offenbar schon als Zeichner vorteilhaft bekannt, erhielt er im Jahre 1860 von William Longman, dem späteren Präsidenten des Alpine Club und Teilhaber der bekannten Londoner Buchhändlerfirma, den Auftrag, für die zweite Serie von „ Peaks, Passes and Glaciers " Zeichnungen der damals noch wenig bekannten Hochgipfel des Dauphiné anzufertigen. Namentlich genannt war der als unerstiegen und als der höchste Berg der Gruppe geltende Mont Pelvoux, zu dessen Ersteigung sich drei seiner Landsleute, MM. Bonney, Hawkshaw und Mathews, eben anschickten. Whymper begrüßte diesen Auftrag, in die Alpen zu reisen, wie er selbst sagt 1 ), als ersten Schritt zur Ausbildung als arktischer Forscher, wofür er eine jugendliche Neigung hegte, und da er im Zeichnen alpiner Szenerien und Vorgänge ebensowenig Erfahrung hatte, wie in dem dazu fast unerläßlichen Bergsteigen, so benutzte er seine Heise nach Val Louise, wohin er in erster Linie geschickt wurde, dazu, um sich auf einem weiten Umwege durch die Schweizer Alpen in beidem zu üben.

Er verließ England am 23. Juli 18602 ). Bei der Ausfahrt aus Newhaven in den Kanal wurde er durch den Anblick der Kalkriffe von Beachy Head daran erinnert, daß er einst hier mit seinem Bruder Frederick — dem späteren Autor von „ Travels in Alaska " —, als beide noch Schulbuben waren, Kletterversuche gemacht hatte, bei welchen sie mehr Gefahr liefen, ihre Hälse zu brechen, als je nachher in ihrem doch gewiß abenteuerlichen Leben.

Das durch eigene Wahl erweiterte Itinerar seiner ersten Alpenreise führte ihn nach Lauterbrunnen, über die Wengernalp nach Grindelwald, ins Kandertal, zum Öschinensee und bis hinauf zu der Zunge des Kandergletschers, den Whymper fälschlich Tschingelgletscher nennt, was vielleicht darauf hinweist, daß ihm die Möglichkeit des Übergangs nach Lauterbrunnen — der Tschingelpabekannt war. Hier bestand er seine ersten Gletscherabenteuer. Als er bis an den Fuß der Felsen des Hundschüpfens ( Punkt 1875 Siegfr. ) vordrang, neben dessen Seiten vorbei damals noch die beiden Arme des Gletschersturzes hinabbrandeten, um sich unten zur Eiszunge zu vereinigen, wurde er durch unvermutet über die Felsen herabfallende Eisblöcke beinahe erreicht und bei seiner eiligen Flucht kam er auf dem mit Schutt bedeckten Eis der Endmoräne zu Fall. Über die Gemmi stieg er dann nach dem Wallis hinunter, stieg das Rhonetal hinauf, drang in die Vispertäler ein, genoß von den Abhängen des Weißmies, 5000—6000 Fuß oberhalb Saas-Grund, den Anblick des gegenüberliegenden dreigipfeligen Mischabels, stieg dann wieder nach Stalden hinunter und das Nicolaital hinauf nach Zermatt, wo er mehrere Tage zubrachte. Er machte von hier Ausflüge in verschiedenen Richtungen, trotz schlechten Wetters, zeichnete in der Gegend des Hörnli, machte allein einen abenteuerlichen Abstieg auf den Gornergletscher hinunter, querte diesen zum Riffelhaus und stieg, da dieses überfüllt war, im Dunkeln und meist pfadlos nach Zermatt hinunter, wo er gegen Mitternacht eintraf. Beim Talauswandern machte er noch einen Abstecher von Randa auf die Abhänge des Dom, um das gegenüberliegende Weißhorn mit dem Biesgletscher zu zeichnen. Von Visp stieg er wieder das Rhonetal hinauf nach Fiesch, machte einen Abstecher zum Eggishorn und überschritt die Grimsel nach Brienz, Interlaken und Bern. Von hier ging es über Freiburg, Murten, Neuchâtel und Lausanne nach Martigny und auf den Großen St. Bernhard. Vom Hospiz aus ging er, mit einem schweren Rucksack beladen, nicht direkt nach Aosta hinunter, sondern wich seitwärts aus nach Val Pelline, um Blicke auf die Dent d' Hérens zu gewinnen. Mit einem Führer, den er in Bionaz angeworben hatte, überstieg er von Prarayé aus den Col de Val Cournera nach Breuil im Val Tournanche. Das Anfertigen von Skizzen daselbst war erschwert durch das Fehlen der Zeichnungsmaterialien, mit denen im Rucksack der treulose Träger von der Paßhöhe nach Bionaz entwichen war. Der Paß mußte also rückwärts noch einmal gekreuzt werden, um in den Besitz des Verlorenen zu kommen, und dann ging Whymper nach Courmayeur und über den Col Ferrex nach Orsières und über die Tête-Noire nach Chamonix. Trotzdem wegen des Besuchs des Kaisers Napoleon III. ( 1. 4. September ) die Mer de Glace für Touristen gesperrt war, gelang es Whymper doch, längs dem Plan des Aiguilles schleichend, die Wachen zu täuschen und den Montanvert zu erreichen. Aber sein Versuch, am selben Nachmittage den „ Jardin " zu erreichen, mißlang, und er brach beinahe ein Bein, da er auf der Moräne des Gletschers Blöcke zum Gleiten brachte.Von Chamonix ging er nach Genf und über den Mont Cenis nach Turin und in die Waldensertäler. Von Paesana passierte er an den kleinen Seen vorbei, aus denen der Po entspringt, und überschritt aus Unkenntnis des rechten Weges und im Nebel den Col del Colour del Porco 1 ) von Crissolo nach Abries. Von hier ging er die Schlucht des Guil hinunter nach Mont Dauphin und La Bessée am Vereinigungspunkt des Val Louise mit dem Tal der Durance und im Angesicht des Pelvoux. Hier traf er zufällig mit einem artigen Franzosen Jean Reynauä zusammen, welcher kurz zuvor mit Michel Croz an dem durch schlechtes Wetter vereitelten Versuch der drei oben genannten Engländer auf den Mont Pelvoux teilgenommen hatte. Reynaud meinte, die Jahreszeit sei dafür schon zu spät gewesen, und bot sich zu einer Wiederholung des Versuchs im nächsten Juli an, worauf Whymper einging. Für jetzt aber kehrte er über Briançon, den Col de Lautaret. La Grave, Bourg d' Oisans und Grenoble nach England zurück.

Es scheint nicht, daß von den zeichnerischen Ergebnissen dieser Reise zunächst etwas anderes publiziert worden sei als die zwei Holzschnitte in John Tyndalls „ Mountaineering in 1861 ", welche „ Vacation Tour " 1862 erschien. Und auch mit diesen hat es eine eigene Bewandtnis. Das kleine Büchlein hat ein mit „ Whymper del. et sc ." signiertes Titelbild, das im Verzeichnis angegeben wird mit „ View of the Weißhorn from the Riffel, from a drawing by Elijah Walton, belonging to Mister W. Mathews jun. ", und gegenüber Seite 82 ein ganzseitiges Bild ohne Signatur und bezeichnet als „ View of the Matterhorn, from a Sketch by E. W. Cooke, A. R. A. ". In der Vorrede dankt Tyndall ausdrücklich Mr. Mathews und Mr. Cooke für die Überlassung dieser Bilder. Dennoch werden wir annehmen müssen, daß auch das Matterhorn, so gut wie das Weißhorn, von Whymper wenn nicht gezeichnet, doch jedenfalls geschnitten wurde.Von den Valpelline- und Dauphinébildern haben einige in der 1862 erschienenen zweiten Serie von „ Peaks, Passes and Glaciers ( vol. I und II ) Aufnahme gefunden1 ), aber es ist zweifelhaft, ob diese 1860 oder erst 1861 gezeichnet worden sind, wo Whymper wiederum und für längere Zeit in der Gegend von Val Louise war. Zur Illustration von Rev. T. G. Bonneys 1865 erschienener Schrift „ Outline Sketches in the Heigh Alps of Dauphiné " sind Whympers Skizzen nicht verwendet worden. Sie werden meist im Eigentum des Künstlers geblieben sein, der sie dann 1871 für seine „ Scrambles " ausgiebig benutzte.

Das Jahr 1861 brachte dem Bergsteiger Whymper die ersten großen Erfolge 2 ). Mit seinem Freunde Macdonald gelang ihm, nach einem durch die Unwissenheit des Lokalführers Siméond verunglückten Anlauf, am 6. August in Begleitung des nämlichen und Jean Reynaud die Besteigung des Mont Pelvoux vom Vallon de Celsenière aus. Dann machte er, nachdem Macdonald abgereist war, von Abries aus mit zwei Männern aus dem Tale einen Versuch am Monte Viso, der ihn aber nur bis auf die Höhe des 1860 überschrittenen Schmugglerpasses ( Col de Colour del Porco der sardinischen Karte ) brachte.

Nachher überschritt er von Ville Vieille aus den Col d'lzouard nach Brian(;on, ging wieder über den Mont Cenis von Lanslebourg nach Susa und wandte sich dann den zwei Zielen zu, die seinem bergsteigerischen Ehrgeiz vorschwebten, dem Weißhorn und dem Matterhorn. Bei seiner Ankunft in Châtillon erfuhr er, daß das erstere eben, 18. August 1861, den Angriffen von Prof. Tyndall erlegen war, und daß dieser Rivale sich in Breuil befände mit Absichten auf das Matterhorn. Als Whymper selber am 28. August dort ankam, war Tyndall unverrichteter Sache wieder verreist, aber Whymper selber war bei seinem ersten, mit einem ganz unzulänglichen Oberländer Führer unternommenen Versuch nicht glücklicher. Obschon er in einem Zelte auf dem Col du Lion biwakierte, gelangte er am 30. August nicht höher als bis zum oberen Ausgange des „ Kamins ". Entschlossen, das nächste Jahr wiederzukehren, verließ er Breuil über den Col du St. Théodule nach Zermatt und kehrte nach England zurück.

Im Jahre 1862 widmete Whymper seine ganze Ferienzeit und Aufmerksamkeit dem Matterhorn3 ). Im Anfange des Juli erschien er mit seinem Begleiter am Pelvoux, Reginald J.S. Macdonald, in Zermatt. Sie engagierten dort Johann zum Taugwald und Johann Kronig und überschritten am 5. Juli den Col du St. Théodule nach Breuil. Hier verstärkt durch den buckligen Luc Meynet als Träger, schlugen sie am 7. Juli ihr Zelt ( Whympers Modell ) wiederum auf dem Col du Lion auf. Sturm- 1 ) Head of the Valpelline, vol. I, pag. 317: Mont Pelvoux, from above la Bessée, vol. II. pag. 223; Cascade near La Grave, vol. II, pag. 232; Mont Pelvoux, from the vallon d'Alfred, vol. II, pag. 236; Outline Sketch to show Authors'route, vol. II, pag. 247; A. Buttress of Mont Pelvoux, vol. II, pag. 249.

2 ) Siehe „ Scrambles ", chapter II—IV, pag. 27—95 der Nelson Edition.

3 ) Siehe „ Scrambles ", chapter V, pag. 96—126.

wind trieb sie am 8. Juli wieder nach Breuil hinunter, aber schon am 9. schlugen Whymper und Macdonald mit Jean-Antoine, Carrel und Pession das Zelt etwas unterhalb des „ Kamins " auf. Am nämlichen Tage gelangten sie rekognoszierend bis an den Fuß des „ Großen Turms ", aber am nächsten Tage mußten sie wegen des Versagens von Pession schon auf der Höhe des „ Kamins " und definitiv umkehren. Macdonald ging nach London zurück, Whymper auf der Suche nach Leuten über den Theodul nach Zermatt hinüber, wo er während einer Schlechtwetterperiode wenigstens den Monte Rosa besteigen konnte. Nach Breuil zurückgekehrt, machte Whymper am 18./19. Juli allein einen Versuch, wobei er bis zur „ Oravate " gelangte, aber im Abstiege unterhalb des Col du Lion zu Fall kam und sich Verletzungen zuzog, welche indessen rasch heilten. Schon am 23. stieg er mit J.A. und Ccesar Carrel und Meynet wieder zu seinem Zeltplatz empor, gelangte am 24. bis auf die Höhe der „ Crête du Coq ", mußte aber wiederum dem schlechten Wetter und dem geringen Eifer der Carrel weichen und nach Breuil zurückkehren. Mit Meynet allein machte er am 25./26. noch einen Versuch bis zur „ Cravate ". Nachdem auch Prof. Tyndalls Versuch, 27./28. Juli, nur bis zur „ Schulter " von Erfolg gekrönt worden war, verließ Whymper entmutigt Val Tournanche, machte noch eine Reise ( um zu zeichnen ?) ins Dauphiné und kehrte dann nach London zurück.

Am 31. Juli 1863 1 ) erschien Whymper, mit zwei Leitern und anderen Apparaten zur Belagerung des Matterhorns versehen, wieder in Breuil. Aber da das Wetter ganz ungünstig war, machte er vorläufig mit J.A. Carrel und L. Meynet Ausflüge in die Umgebung. Sie bestiegen die Cîmes Blanches, überschritten am 3. August das Breuiljoch nach Zermatt, besuchten den Boden- und den Findelengletscher, gingen am 4. von Zermatt über den Col de Valpelline, mit einem Abstecher gegen den Mont Brulé zur Rekognoszierung der Dent d' Hérens, nach Prarayé und versuchten, von den obersten Hütten des Tals aus, am 6. August die Dent d' Hérens über deren Westgrat zu ersteigen. Sie kamen dem Gipfel sehr nahe, mußten aber wegen dem sehr brüchigen Gestein vor Erreichung des Zieles den Rückzug antreten. Am 7. überschritten sie den Col di Val Cournera in das Val da Chignana und den Col de Fenêtre nach Breuil. Am 8. erstieg er mit J.A. Carrel allein den Grand Tournalin und war abends nach sechstägiger Abwesenheit in Breuil zurück. Mit J.A. und Ccesar Carrel, Meynet und zwei Ungenannten machte er dann am 10./11. August einen sechsten Versuch auf das Matterhorn, wobei sie bis auf die Crête du Coq kamen, aber durch einen Schneesturm wieder zurückgetrieben wurden. Geschlagen, aber nicht entmutigt kehrte Whymper nach London zurück.

Das Jahr 18642 ) brachte für Whymper eine Vermehrung seiner bergsteigerischen Lorbeeren, wie er sie noch nicht erfahren hatte, aber es führte ihn wiederum nicht auf das Matterhorn. In einem beispiellosen Siegeszuge durchstreiften er und seine Freunde A. W. Moore und H. Walker mit den Führern Michel Croz und Christian Almer im Juni die Hochalpen des Dauphiné. Von St. Michel an der Mont-Cenis-Route aus überschritten sie am 20. Juni den Col des Valloires nach dem Dorfe gleichen Namens. Am 21. gelang ihnen die erste touristische Überschreitung des Col des Aiguilles d' Arves, am 22. die erste Ersteigung der nördlichen Aiguille de la Saussaz, am 23. die erste Überschreitung der Brèche de la Meije, am 25. die erste Ersteigung ( und Traversierung ) der Pointe des Ecrins. am 27. die erste Überschreitung des Col de la Pilatte. Nachdem sich die Freunde auf dem Col de Lautaret getrennt hatten, überschritt Whymper mit Croz am 29. den Col du Galibier " nach St. Michel, am 30. den Col des Encombres nach Moutiers, am 1. Juli den Col du Bonhomme nach Contamines, und ging am 2. Juli über den Pavillon de Bellevue nach Chamonix, wo er sich mit Mr. Adams-Reilly zur Ausführung neuer Pläne verbündete. Mit den Führern M. Croz, II. Gharlet und M. Payot machten sie am 7. Juli die erste Überschreitung des Col de Triolet, am 9. die erste Ersteigung des Mont Dolent, am 12. die der Aiguille de Trèlatête, worauf sie über den Col de la Seigne nach Les Mottets gingen und am 13. über die Cols du Mont Tondu und de Voza nach Chamonix zurückkehrten. Am 15. gelang ihnen die erste Ersteigung der Aiguille d' Argentière, von welcher sie bei einem Versuch vom Col du Chardonnet aus am ti. Juli abgeschlagen worden waren. Darauf trennten sich die Beiden; Whymper ging am 10. Juli mit Croz über den Col de Banne und die Forclaz nach Martigny und weiter nach Siders. Von hier aus vereinigten sie sich mit Moore und Almer in Zinal und überschritten mit diesen am 18. Juli zum ersten Male den Col de Moming nach Zermatt. Verhängnisvolle Briefe aus der Heimat, welche Whymper hier empfing, nötigten ihn, den Plan mit Mr. Adams-Reilly, das Matterhorn neuerdings anzugreifen, für welchen alles vorbereitet war, aufzugeben und eiligst nach Hause zu reisen.

Das Jahr 18651 ) brachte ihm wiederum eine Reihe der schönsten Erfolge, bevor es ihm mit der Erfüllung seines höchsten Wunsches, der Ersteigung des Matterhorns, zugleich auch einen bitteren Leidenskelch in der Katastrophe vom 14. Juli reichte. In der Absicht, sich für diese Unternehmung an anderen ihm noch unbekannten Bergen einzuüben, brachte Whymper den 13. Juni mit Rev. W. II. Hawker und den Führern Christian und Ulrich Lauener im Lauterbrunnentale zu, überschritt am 14. mit Christian Almer und Johann Tännler den Petersgrat nach Turtmann im Wallis, wo Tännler abgelohnt wurde und Croz und Franz Biener zu ihm stießen. Die so gebildete Gesellschaft stieg am 15. von Turtmann nach Z'meiden hinauf und ging von da über die Forcletta nach Zinal. Am 16. erstiegen sie, als die ersten, den Grand Cornier und überschritten den Col du Grand Cornier ( Col de la Dent Blanche Siegfr. ) von Zinal nach Bricolla. Am 17. erstiegen sie von hier die Dent Blanche. Am 19. überschritten sie, nachdem sie sich in den Nachmittagsstunden des 18. auf dem Glacier de Ferpècle so gründlich verirrt hatten, daß sie zu ihrem miserablen Nachtquartier zurückkehren mußten, den Col d' Hérens nach Zermatt. Am 20. überschritten sie den Col de St-Théodule und erstiegen im Vorbeigehen das Theodulhorn, um von dort aus die Ostflanke des Matterhorns auf ihre Ersteigbarkeit anzusehen. Am 21. machte die durch Luc Meynet verstärkte Gesellschaft einen Versuch, vom Glacier du Mont Cervin das gegen den Südostgrat hinaufziehende große Couloir zu ersteigen, um auf dessen oberem Ausgange den Grat auf die Ostflanke zu queren und über diese und den Nordgrat die Besteigung zu vollenden, wurde aber durch Steinfall von dieser Route abgeschreckt und mußte, nachdem auch der Abstieg vom Furggjoch nach der Zermatterseite durch das Zurückgehen des Firns ob dem Furggengletscher sich als untunlich erwiesen hatte, nach Breuil zurück- kehren. Whymper wandte sich zunächst den anderen Aufgaben seines Programms zu. Am 24. Juni erstieg er als erster, von einem Zeltlager am Fuße des Mont Saxe aus, mit den genannten drei Führern den niedrigeren Westgipfel der Grandes Jorasses und überschritt gleichfalls als erster am 26. den Col du Mont Dolent von Courmayeur nach Chamonix. Mit Almer und Biener — Croz hatte ihn wegen eines anderweitigen Engagements verlassen müssen — machte Whymper am 29. Juni die erste Ersteigung der Aiguille Verte, am 3. Juli die erste Überschreitung des Col de Talèfre von Chamonix nach Courmayeur. Am 5. Juli überschritten sie den Col de Fenêtre nach Chermontane und Chanrion, erstiegen, als erste, am G. die Ruinette, überschritten den Col des Portons und den Col d' Oren nach Prarayé und kamen am 7. über den Col de Val Cournera nach Breuil zurück.

Auf die Versprechungen J.A. Carrels bauend, und weil Almer sich von einem neuen Angriff auf das Matterhorn nichts versprach, entließ Whymper, ungern genug, diesen und Biener und fand sich so, als ihn die Carrel, welche heimlich von dem Ingenieur F. Giordano zu einem neuen Versuch über den Südwestgrat engagiert waren, das gegebene Wort nicht hielten und, nach einer Schlechtwetterperiode von 4 Tagen, sich Dienstags den 11. Juli morgens früh, bevor Whymper erwacht war, mit einer ganzen Karawane auf den Weg machten, ohne Führer für den von ihm beabsichtigten Angriff von der Ostseite, ja selbst ohne die notwendigen Träger, um das schwere Gepäck — es enthielt außer dem Zelt, den Decken und der persönlichen Habe Whympers ungefähr 600 Fuß Seile — nach dem Hörnli zu schaffen, in dessen Nähe er für das Unternehmen zu biwakieren gedachte. In dieser Not kam ihm der zufällige Umstand zu Hülfe, daß am 11. Juli um Mittag der junge Lord Francis Douglas, welcher mit Peter Taugwalder, Vater, am 7. Juli das Ober Gabelhorn von Zinal nach Zermatt überschritten hatte, über den Theodul nach Breuil kam und nicht nur sich und seinen Führer, den jungen Taugwalder, zur Beförderung des Gepäcks zur Verfügung stellte, sondern sich auch geneigt, ja begierig zeigte, die Expedition gegen das Matterhorn von der Ostseite, welcher der alte Peter Taugwalder ein gutes Prognostikon stellte, mitzumachen. In dieser Absicht, und durch einen Träger aus Favres Wirtshaus in Giomein verstärkt, überschritten sie, alle vier schwer beladen, am 12. Juli den Theodul. schwenkten um den Fuß des Ober Theodul -gletschers herum, querten den Furggengletscher, legten ihr Gepäck, Zelt, Decken, Seile u. dgl. in der Kapelle beim Schwarzsee nieder und stiegen dann nach Zermatt hinunter. Da Almer verreist war, engagierten sie den alten Peter Taugwalder, mit der Erlaubnis, sich nach einem zweiten Mann umzusehen. Vor dem Hotel Monte Rosa stießen sie unvermutet auf Michel Cros, welcher, nachdem sein früheres Engagement sich zerschlagen hatte, im Dienste von Rev. Charles Hudson stand und mit diesem und einem Mr. D. Hadow von Chamonix hergekommen war, um das Matterhorn zu ersteigen. Es ist verständlich, daß die beiden Parteien sich einigten, das Unternehmen gemeinsam auszuführen und es tunlichst zu beschleunigen, um den hinterlistigen Italienern zuvorzukommen. Croz und Vater Taugwalder verlangten, über ihre Meinung befragt, keinen dritten Führer; nur wurden, da man für mehrere Tage Proviant mitzunehmen gedachte, Taugwalders zwei junge Söhne als Träger bis zum Schlafplatze engagiert. Bevor Mr. Hadow, welcher nicht, wie die drei andern, Mitglied des Alpine Club war, zur Teilnahme zugelassen wurde, fand über ihn eine Verhandlung zwischen Whymper und Hudson statt. Es wurde dabei kon- statiert, daß Hadow zum mindesten ein schneller Gänger war; er hatte kurz vorher von den Grands Mulets zum Gipfel des Mont Blanc weniger als 4½ Stunden gebraucht und war vom Gipfel nach Chamonix in 5 Stunden abgestiegen1 ). Hudson, welcher selber für den besten „ Amateur " in der Bergsteigergilde galt und schon 1855 eine führerlose Traversierung des Mont Blanc, über die Aiguille du Goûter hinauf und über die Grands Mulets hinunter organisiert und durchgeführt hatte, glaubte für Hadows Qualifikation bürgen zu dürfen.

Dies ist nach Whympers eigener und frühester Darstellung die Vorgeschichte der ersten Besteigung des Matterhorns und der Matterhornkatastophe vom 14. Juli 1865, auf welche wir jetzt einzugehen haben 2 ).

Die aus acht Personen bestehende Kolonne verließ Zermatt am 13. Juli, um 5½ Uhr morgens, nahm um 8 Uhr 20 Min. ihr Gepäck in der Kapelle am Schwarzsee auf, war um 11 ½ Uhr da, wo der Hörnlirücken in das Matterhornmassiv übergeht, und fand vor 12 Uhr einen für das Zelt geeigneten Platz, in gleicher Höhe wie der Furggengrat, zirka 3350 m über Meer. Während die übrigen den Platz herrichteten, gingen Croz und der junge Peter Taugwalder auf eine Rekognoszierung aus, von welcher sie um 3 Uhr mit den zuversichtlichsten Berichten zurückkamen. Nach einer gut verbrachten Nacht brachen sie bei Tagesanbruch zur Besteigung auf, vier Herren und drei Führer, während der jüngste Taugwalder nach Zermatt zurückkehrte. Indem bald Whymper, bald Hudson führte, ohne Schwierigkeiten zu treffen, ohne Gebrauch des Seils, stiegen sie meist in der Flanke, gelegentlich über den Nordostgrat hinan, machten um 6 Uhr 20 Min. in einer Höhe von 3900 m einen Halt von einer halben Stunde, und um 9 Uhr 55 Min. in einer Höhe von 4260 m einen solchen von 50 Minuten. Bevor sie auf die Nordseite übergingen, änderten sie die Reihenfolge: Croz ging, nunmehr am Seil, voran, ihm folgten Whymper und Hudson, Lord Douglas und der jüngere Taugwalder, zuletzt Hadow und der alte Taugwalder. Hadow brauchte bei diesem Teile der Besteigung, wobei man sich stark rechts ( westlich ) von der seitdem durch Seile praktikabel gemachten Route hielt, beständig Hülfe. An dem mit Schnee bedeckten Dache des Gipfels angelangt, seilten sich Croz und Whymper ab, rannten voran und betraten um 1 Uhr 40 Min. den Gipfel, erst den schweizerischen, dann den italienischen. Von diesem sahen sie die Italiener, im Rückzuge begriffen, auf dem Südwestgrat nahe der Cravate und machten ihnen durch Rufen und Steinerollen3 ) begreiflich, daß sie in dem Wettlaufe besiegt seien.

Die andern kamen unterdessen ( 1 Uhr 50 Min. ) auch auf dem Schweizergipfel an, und nachdem auf diesem ein Flaggensignal improvisiert, auf dem italienischen ein Steinmann errichtet worden war, wurde um 2 Uhr 40 Min. der Abstieg in folgender zwischen Hudson und Whymper abgeredeten Reihenfolge angetreten: Croz, Hadow, Hudson, Lord Douglas und Peter Taugwalder senior. Whymper, welcher die Eintragungen in die Gipfelflasche besorgt hatte, folgte mit dem jüngeren Taugwalder gesondert, band sich dann aber, auf Wunsch von Lord Douglas, kurz vor 3 Uhr nachmittags und zu Beginn der schwierigsten Stelle hinter dem älteren Taugwalder an. Wenige Minuten später war das Unglück geschehen, welches die vier ersten der Kolonne in den Tod stürzte und die drei übrigen durch das Reißen des Seils zwischen Lord Douglas uud dem Vater Taugwalder verschonte.

Die Nachricht von der Ersteigung des Matterhorns verbreitete sich durch telegraphische Berichterstattung an Zeitungen, bevor Whymper und die beiden Taugwalder nach Zermatt zurückkehrten, was Samstag den 15. Juli zwischen 10 und 11 Uhr vormittags geschah, und die erste Nachricht von der Katastrophe brachten. So lesen wir im „ Bund ", Nr. 194, von Sonntag den 16. Juli, unter der Marke Alpenclub: „ Am 14. d. wurde von einem Anonymus die höchste Spitze des Matterhorns bestiegen ", und das „ Journal de Genève ", Nr. 167: Dimanche le 16 juillet, gab eine Depesche, reçu, hier de Zermatt, de l' Hôtel du Mont Rose, wieder, welche die Redaktion als einen Sieg Tyndalls ansehen zu dürfen glaubte und welche lautete: „ L' expédition, partie le 13 juillet, est arrivée le 14 au sommet du mont Cervinu. Beide Zeitungen, und ihnen folgend viele andere, hatten aber kurz darauf von der Katastrophe zu berichten und natürlich auch von den Ursachen, denen die Überlebenden, die Korrespondenten der Zeitungen und bald auch das bloße Gerücht diese zuschrieb. Wegen des oben, S. 191, Anmerkung 2, angegebenen Grundes ist es nötig, auf diese Berichterstattungen und Diskussionen einzugehen und ihnen das Tatsächliche, soweit es überhaupt eruiert werden kann, entgegenzustellen. Wir sind dies dem Andenken Whympers schuldig, dessen Namen nunmehr der Geschichte des Alpinismus angehört1 ).

Den ersten Bericht brachte meines Wissens das „ Journal de Genève ", Nr. 168, vom 18. Juli 1865 mit einer Korrespondenz, datiert Banda, du 15 juillet. Wir entnehmen demselben als bisher von uns nicht erwähnte Tatsachen, daß Hudson von London Drahtseile mitgebracht hatte, welche ihm die Besteigung erleichtern sollten und die er dann im Hotel zurücklieferner, daß man gegen 2 Uhr nachmittags die Reisenden mit Fernrohren auf dem Gipfel beobachtete. Die Reihenfolge des Abstiegs wird falsch und als Ausgleitender Lord Douglas angegeben, der schon am Vorabend sehr ermüdet gewesen sein soll und nun die ganze Gesellschaft mit sich riß. Dann heißt es weiter: „ Zum Taugwald, père, le dernier de la cimine, ne perdit pas cependant sa présence d' esprit; il eut le bonheur de pouvoir passer sa corde, sur la crête d' un rocher, et crut un moment avoir arrêté cette épouvantable chûte; mais la corde se rompit entre MM. Whymper et Hudson et les quatre infortunés bondirent de roc en roc d' une hauteur d' environ 4000 pieds. "

Der Korrespondent des „ Bund ", dessen Zermatt vom 15. Juli datierter Brief am Mittwoch den 19. Juli erschien, verspricht „ eine kurze, aber sachgetreue Darstellung, wodurch vielleicht mancher Entstellung vorgebeugt wird. Er hat die Reisenden selbst gesehen und die Katastrophe aus ihrem Munde vernommen ". Er ist auch wirklich gut unterrichtet und gibt die Reihenfolge richtig an. Nach ihm wäre der Ungeübteste ( der Name wird nicht angegeben ) ausgeglitten und hätte den zweiten und dieser den dritten Engländer nachgerissen, worauf sich auch Croz nicht mehr zu halten vermochte. „ Vater Taugwalder vermag sich an einem Felsen festzuklammern, und bevor ihn noch die Kräfte gänzlich verlassen, reißt unter ihm das Seil " usw.

Das „ Journal de Genève " brachte in seinem n° 170, du 20 juillet, mehrere Auszüge aus Briefen von Zermatt vom 16. Juli, welche aber das früher Bekannte nicht wesentlich erweiterten. Bei der Darstellung des Unglücksfalls wird angenommen, daß der Chok, welchen der Sturz erst des einen, dann der zwei andern Engländer „ dem ohne Zweifel durch die Reibung am Felsen abgenutzten Seile " gab, dieses zum Reißen gebracht habe. Seltsam ist folgender Zusatz: „ Les autres durent la vie à leur présence d' esprit; ils eurent le temps de rattacher le reste de la corde à une saillie du rocher.u Daß diese Nachrichten auf Angaben der Taugwalder beruhten, beweist auch die Notiz, die sagt: „ continuant leur terrible descente, ils marchèrent jusqu' à 10 heures du soir, puis passèrent la nuit appuyés contre un rocher. M. Whymper ne prononça, dit-on, pas une parole pendant cette affreuse nuit.u Whymper hat uns selbst unterrichtet 1 ), warum er, von einem gewissen Moment an, seine Kameraden keines Wortes mehr würdigte. Ein anderer Korrespondent berichtet dem nämlichen Blatte unter dem gleichen Datum: „ Les deux derniers guides et M. Whymper ont tenu bon, en roulant la corde autour d' une pierre; mais l' élan était donné, la corde a cassé, etc. Les trois suivants ont fini par redescendre en se suspendant successive-vient à des fragments de corde qu'on fixait de distance en distance.u Über die Auffindung von drei Leichen berichtet der nämliche kurz, aber richtig und fügt hinzu: „ Le corps du jeune Lord Fr. Douglas n' a pu être retrouvé. "

Solange die amtliche, von der Regierung des Kantons Wallis angeordnete Untersuchung des Unglücksfalles schwebte — er wurde selbst einem Verhör unterzogen und händigte dem Beamten eine Reihe von Fragen ein, von denen er wünschte, daß sie den beiden Taugwalder ohne sein Beisein zur Beantwortung vorgelegt würden —, legte Whymper sich der Presse gegenüber volle Zurückhaltung auf. Dagegen unternahm es sein Clubgenosse, Rev. J. McCormick, in einem Briefe an die „ Times ", datiert Zermatt, Hôtel du Mont-Rose, 17. Juli, den gröbsten Entstellungen entgegenzutreten.

Im „ Journal de Genève ", n° 176, jeudi 27 juillet, und im „ Bund " vom Samstag 29. Juli lesen wir Übersetzungen dieses Artikels, denen wir einiges Neue entnehmen können. Danach hätte Hudson seit Monaten die Besteigung des Matterhorns beabsichtigt und zu diesem Zwecke eine von ihm erfundene „ Art von Leiter " mitgebracht. Ein Mr. Birkbeck und Rev. J. McCormick selbst seien willens gewesen, die Expedition Hudsons mitzumachen, seien aber im letzten Augenblicke abgehalten worden. Als Zeit des Aufbruchs vom Nachtlager am Hörnligrat wird 3 Uhr 40 Min. morgens angegeben. Beim Abstieg hätten sie unweit des Gipfels eine schwierige und ziemlich gefährliche Stelle zu passieren gehabt, einen Abhang mit einem Gemisch von Schnee und Felsen, wo der Fuß keinen sichern Halt fand. Über die Katastrophe wird gesagt, daß Whymper einen Schrei von Croz hörte und im gleichen Augenblick ihn und Hadow abwärts gleiten sah, ihnen nach die durch den Ruck aus ihren Stellungen gerissenen Hudson und Lord Douglas. Durch den Schrei von Croz 1 ) „ Scrambles ", pag. 392 und Anmerkung 3.

Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 47. Jahrg.

gewarnt, hatten die drei übrigen eine oder zwei Sekunden Zeit, sich festzuklammern und zu versuchen, die andern festzuhalten, aber das Seil riß usw. Die drei Überlebenden, welche sich im Absteigen beständig nach Spuren der Abgestürzten umsahen, kamen Samstag morgens l0 ½ Uhr in Zermatt an und Whymper schickte sogleich Führer zur Aufsuchung der Verunglückten aus usw. McCormick erzählt dann in einer mit den späteren Berichten Whympers übereinstimmenden Weise über den Verlauf der Expedition vom 16. Juli zur Aufsuchung und Bergung der Leichen, an welcher er selbst teilnahm. Hierbei wird gesagt, daß sie von Lord Douglas keine Spur fanden außer einigen Fetzen seiner Kleidung. Es wird die Vermutung ausgesprochen, daß die Leiche entweder oben in den Felsen hangen geblieben sei oder dann tief im Schnee verborgen liege.

Über die Abholung der Leichen von Croz, Hudson und Hadow, die auf Befehl der Walliser Regierung am 21. Juli vorgenommen wurde, unterrichtet uns eine Korrespondenz aus Zermatt vom 24. Juli im „ Journal de Genève " vom 1. August, Nr. 180. Hier lesen wir auch, daß die vom Gesetz in solchen Fällen amtlich vorgeschriebene Untersuchung angeordnet wurde, „ afin qu'un document officiel constatât la cause et les circonstances de ce malheur ". Der Korrespondent weiß, daß Whymper dem Untersuchungsrichter eine Darstellung gegeben hat, welche im allgemeinen die bereits bekannten Einzelheiten bestätigt.

Bevor Whymper nach England zurückkehrte und dort auf Verlangen des Präsidenten des Alpine Club seinen bekannten Brief an die „ Times ", datiert Haslemere 7 août, richtete, welcher allen seinen späteren Publikationen über die Katastrophe zugrunde liegt, hat er, noch in der Schweiz, einen für dieses Land und den Schweizer Alpenclub bestimmten Bericht niedergeschrieben, welcher in der Originalform nicht publiziert wurde 1 ) und den wir deswegen wenigstens in der sinngetreuen Wiedergabe, die ihm der bergkundige Redaktor der „ Sonntagspost " zuteil werden ließ, hier zum Abdruck bringen.

Es wird uns dies zugleich Gelegenheit geben, auf die Gerüchte einzutreten, welche über das Reißen des Seils und über das Verschwinden von Lord Douglas'Leiche bald nach der Katastrophe von gewissenlosen Journalisten in Umlauf gesetzt und von ebensolchen bei Anlaß von Whympers Tod wieder aufgewärmt wurden2 ).

Die von Dr. Abraham Roth, einem der Begründer des S.A.C., redigierte „ Sonntagspost ", die 1865 in ihrem ersten Jahrgange stand, hatte schon in ihrer Nummer vom 30. Juli zu den durch die Katastrophe vom 14. Juli hervorgerufenen Fragen nach der Verantwortlichkeit usw. in einem sehr verständigen und maßvollen Artikel Stellung genommen. Nachdem dann der österreichische Schriftsteller Alfred Meißner in der Wiener „ Neuen Freien Presse " 1 ) seine „ sensationellen Enthüllungen " lanciert hatte, erschien in der „ Sonntagspost " vom 13. August folgender, teils auf diese, teils auf Whympers Eingabe an v. Fellenberg hinweisender Artikel:

„ Über das Unglück am Matterhorn kursiert jetzt eine Lesart, welche man geradezu eine verleumderische heißen muß, obschon der berühmte Dichter Alfred Meißner den Mut hat, mit seiner Autorität dafür einzustehen. Nach dieser Version hätte nämlich Hr. Whymper das Seil zerschnitten, nachdem er gewahrt habe, daß seine Freunde nicht mehr zu retten waren. Glücklicherweise berichtet Hr. Meißner nur vom Hörensagen aus dem Berner Oberlande, also puren Klatsch; seine ganze Darstellung zeigt auch, daß er im Hochgebirge nicht zu Hause ist, und leider hat er sich durch seine Dichterphantasie hinreißen lassen, die abscheulichste Lesart für die glaubwürdigste zu halten, weil sie für die schriftliche Darstellung die pikanteste ist. Unter solchen Umständen müssen wir auch an dieser Stelle unsere journalistischen Kollegen dringend bitten, von der unten folgenden Darstellung ( s. Kantonalbericht aus Wallis ) Notiz zu nehmen. Wir sind berechtigt, sie als vollkommen authentisch und alles, was damit nicht harmoniert, als unrichtig zu bezeichnen. Wer je einmal eine schwierige Bergbesteigung unternommen, findet überdies den dort erzählten Sachverhalt so ungemein natürlich, daß man gottlob nicht zu Schlechtigkeiten greifen muß, um sich den Vorfall zu erklären.

„ Wir sind heute im Falle, über das vielbesprochene Unglück am Matterhorn. das sich am 14. Juli ereignete, die zuverlässigsten Angaben zu machen, und da aus verschiedenen Ungenauigkeiten in früheren Darstellungen irrige Schlußfolgerungen gezogen wurden, so sollen wir unsere schweizerischen Kollegen bitten, im Interesse der Wahrheit überhaupt, wie namentlich der durch das Unglück betroffenen Personen und Familien, von der nachfolgenden Darstellung gefälligst Notiz nehmen zu wollen.

„ Mittwochs den 12. Juli passierte Herr Edward Whymper in Gesellschaft des Lord Francis Douglas den Theodulpaß von Breuil nach Zermatt, in der Absicht, die Ersteigung des Matterhorns von der Nordseite zu versuchen. In Zermatt bestellten die beiden den Führer Peter Taugwalder, es ihm überlassend, welchen zweiten Führer und welche Träger er mitnehmen wollte. Indessen vernahmen sie im Verlaufe des Abends, daß der Rev. Charles Hudson sich mit einem Freunde, Herrn Hadow, im nämlichen Gasthofe befand, und daß diese die Absicht hatten, ungefähr um die gleiche Stunde wie sie selbst mit dem Führer Michel Croz von Chamonix abzureisen. Whymper und Douglas schlugen darauf vor, die Partie gemeinschaftlich zu unternehmen; da sie jedoch Herrn Hadow, welcher nicht Mitglied des englischen Alpenclub war, nicht kannten, so hatten sie die Vorsicht, sich nach den Fahrten, welche dieser bereits in den Alpen unternommen habe, zu erkundigen. Herr Hudson bezeugte, Herr Hadow habe in so kurzer Zeit, wie sie noch selten hierfür gebraucht worden, den Montblanc bestiegen, und er bemerkte in der Beantwortung verschiedener anderer Fragen, er halte ihn vollkommen fähig, sie auf der beabsichtigten Expedition zu begleiten. Darauf wurde das Kapitel der Führer behandelt und die Herren Whymper und Hudson kamen überein, es genüge an Croz und Taugwalder; auch diese erhoben keine Einwendung, nur nahm Taugwalder seine beiden Söhne als Träger mit.

„ Diese Gesellschaft nun brach Donnerstag den 13. Juli, morgens 5 Uhr 35 Min., von Zermatt auf. Sie hatte nicht die Absicht, an diesem Tage sehr hoch zu steigen, sondern an einer Stelle Halt zu machen, wo Herrn Whympers Zelt bequem aufgeschlagen werden konnte. Lebensmittel führten sie reichlich auf 3 Tage mit, für den Fall, daß die Besteigung mehr als die erwartete Zeit in Anspruch nehmen sollte. Um 11 Uhr 50 Min. vormittags erreichten sie einen passenden Lagerplatz; sie hielten dort, etwa auf der Höhe von 11,000 englischen Fuß, an und sandten nur noch Croz und den altern Sohn Taugwalder auf Rekognoszierung, um für den folgenden Tag Zeit zu gewinnen. Die Zurückgebliebenen richteten sich unterdessen zum Nachtquartier ein. Bei ihrer Rückkehr berichteten die Plänkler, sie hätten nur günstige Bedingungen vorgefunden, und versicherten mit triumphierenden Mienen, man würde schon an diesem Tage die Ersteigung des Gipfels haben bewerkstelligen und leicht wieder zum Zelte zurückgelangen können. Erfreut über die gute Nachricht legte sich die Gesellschaft zur Ruhe. Whymper, Douglas und die Taugwalder krochen in das Zelt, die übrigen zogen vor, im Freien zu liegen. Der Schlaf wäre sehr ruhig und erquickend gewesen, hätte ihn nicht das Schnarchen der Familie Taugwalder allzuoft gestört. Man war infolgedessen schon lange vor Tagesanbruch wieder auf den Beinen und nach genossenem Frühstücke zum Weitermarsche bereit.

„ Freitags den 14. Juli, morgens 3 Uhr 50 Min., brach die Kolonne unter Zurücklassung des jüngeren Sohnes Taugwalder auf und kam ohne Mühe vorwärts. Um 6 Uhr 20 Min. war eine Höhe von 12,800 Fuß erreicht, dann wurde nach einem halbstündigen Halte ohne Unterbrechung weiter marschiert bis 9 Uhr 55 Min. und nun 50 Minuten Rast gemacht. Zu dieser Stunde befand sich die Gesellschaft am Fuße derjenigen Abteilung des Berges, welche von Zermatt gesehen senkrecht, ja überhängend erscheint, in Wirklichkeit aber weder das eine noch das andere, nur außerordentlich steil ist. Bis dahin war die Expedition auf der nordöstlichen Seite des Berges gestiegen, ohne die geringste Schwierigkeit anzutreffen; von nun an aber war hier nicht weiter zu kommen und die Gesellschaft lenkte daher nach der nordwestlichen Seite hinüber. Auf 200—300 Fuß weit gestaltete sich die Sache schwierig und erheischte Vorsichtsmaßregeln, dann aber ward die Route wieder leichter, je näher man dem Gipfel kam, zuletzt so leicht, daß Croz und Whymper den übrigen vorausliefen und 10 Minuten früher als diese, um 1 Uhr 40 Min., die Spitze des Berges erreichten.

„ Eine Stunde lang verweilte die Gesellschaft oben, dann wurde für den Rückmarsch folgende Ordnung getroffen: Michel Croz, als der stärkste von allen, eröffnete die Kolonne, und unmittelbar hinter ihm ward, auf gemeinschaftlichen Rat der Herren Whymper und Hudson, Hadow placiert, damit ihm Croz im Notfalle sogleich beistehen könne. Hudson, der so fest wie ein Führer auftrat, war der dritte; hinter ihm kam Lord Douglas und hinter diesem als fünfter Peter Taugwalder. Herr Whymper blieb mit dem Sohne Taugwalder noch eine kleine Weile zurück, um die Dokumente der Ersteigung abzufassen, sie erreichten jedoch die übrige Gesellschaft, bevor sie sehr weit gelangt war, und Whymper schloß sich dann als sechster unmittelbar hinter Taugwalder an die Linie an.

„ An der oben erwähnten schwierigen Stelle wurden die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen; auf einmal durfte da nur ein Mann allein vorrücken, und erst wenn die Füße des Vordermannes festsaßen, war es dem Nachfolgenden gestattet, seinen Schritt zu tun. Die Schwierigkeit der Stelle bestand nicht in einer sonderlichen Steilheit des Abhangs — sie betrug höchstens 35° —, sondern in der Beschaffenheit des Bodens: der Felsen war nämlich mit Schnee, dann und wann auch mit Eis vermischt, und obschon dieser hart war, so konnte man an einigen Punkten doch fast keinen festen Stand gewinnen. Immerhin war es eine Passage, welche jeder gute Bergsteiger sonst mit aller Sicherheit überwindet.

„ Um jedoch Herrn Hadow noch mehr Sicherheit zu verschaffen, wollte Michel Croz diesen nicht allein heruntersteigen lassen, sondern ergriff seine Beine, um sie in die geeigneten Tritte zu lenken. In diesem Augenblicke erfolgte das Unglück; ganz genau aber kann weder Herr Whymper noch Taugwalder sagen, wie es begann, denn im gleichen Momente waren die beiden vordersten der Kolonne ihren Blicken teilweise durch einen dazwischenliegenden Felsblock entzogen. Herr Whymper glaubt, Michel Croz habe auf die bezeichnete Weise Hadows Füße placiert und nun selbst einen oder zwei Schritte machen wollen, als Hadow ausgleitet, auf Croz stürzt und diesen umwirft. Whymper hört nur noch einen Schrei des Croz und sieht gleich darauf ihn und Hadow blitzschnell nach der Tiefe stürzen; Hudson wird durch die Gewalt des Sturzes aus seinem festen Stand gerissen, ihm nach Lord Douglas. Es war alles das Werk eines Augenblicks. Allein sowie Taugwalder und Whymper den Schrei des Croz vernommen, setzten sie sich augenblicklich in so feste Positur, als es nur immer die Beschaffenheit des Terrains gestattete. Das Seil war straff gespannt zwischen ihnen und der Stoß der vier Gestürzten erreichte sie auf einen und denselben Schlag. Sie hielten fest, aber — das Seil zerriß zwischen Lord Douglas und Taugwalder. Man hat behauptet, der Riß sei infolge der Reibung am Felsen erfolgt; dies ist nicht richtig, er machte sich in freier Luft und die Enden zeigen keine vorausgegangene Beschädigung. Eine oder zwei Sekunden noch wurden die Unglücklichen gesehen, wie sie auf dem Rücken den Abhang hinunter glitten und vergebens versuchten, sich mit den Armen festzuhalten. Dann verschwanden sie und stürzten von Abgrund zu Abgrund nach dem Matterhorngletscher hinunter, wohl 4000 Fuß tief.

„ Man mag sich den Eindruck denken, den diese Schreckensszene auf die Zurückgebliebenen machte. Herrn Whymper war es mehr als zwei Stunden lang nachher zumute, als schlage von Minute zu Minute auch sein letztes Stündchen. Die Taugwalder waren außer sich, heulten wie Kinder und zitterten dermaßen an allen Gliedern, daß just dieser Umstand den Überlebenden jeden Augenblick das Schicksal der Verunglückten zu bereiten drohte. Im Weitersteigen spähten sie beständig nach allen Seiten aus, um eine Spur von ihren Kameraden zu entdecken, gewahrten aber nichts als zwei im Schnee steckende Beile. Bei diesem Suchen ging viel Zeit verloren, so daß Herr Whymper und die Taugwalder eine zweite Nacht am Berge, auf einer Höhe von mehr als 13,000 Fuß, zubringen mußten und erst Samstag vormittags 10 Uhr 30 Min. wieder in Zermatt anlangten.

„ Hudson, Hadow und Michel Croz, welcher der beste Chamonixführer war, liegen jetzt im Kirchhofe von Zermatt begraben. Um ihre Leichname aufzufinden und herunterzuholen, mußten neue und sehr gefahrvolle Märsche gemacht werden. Herr Whymper war auch hier dabei und gibt den dabei beschäftigten Männern das Zeugnis, sie hätten sich um die Engländer verdient gemacht. Wo der Leichnam des Lord Douglas liegt, weiß der Himmel; wahrscheinlich blieb er oben in den Felsen stecken.

„ Nach den Erzählungen des Herrn Whymper war ein einziger Fehltritt die Ursache all dieses Unheils. Kein Vorwurf kann die Führer treffen, sie taten ihre Pflicht als beherzte Männer. Allein Herr Whymper glaubt auch, wenn das Seil zwischen den vier vordersten ebenso straff gespannt gewesen wäre, wie zwischen Taugwalder und ihm, so würde das Unglück nicht passiert sein; das Seil, sagt er mit Recht, biete eine große Sicherheit, wenn es richtig angewandt werde, allein eine ganze Kolonne stehe in Gefahr, einerlei ob am Felsen oder auf Schnee und Eis, wenn zwei Mann sich so nahe kommen, daß das Seil zwischen ihnen schlaff herabhängt, denn dann könne der Sturz oder das Ausgleiten eines einzigen die ganze Kette fortreißen, bevor man nur Zeit gefunden, seinen Sturz zu hemmen, während ein solches Unglück bei völlig straff gespanntem Seile nicht möglich sei. "

Nachdem so die „ Sonntagspost " dem Wunsche Whympers nach Aufklärung des schweizerischen Publikums auf Grund seiner eigenen Darstellung — die Redaktion benutzt offensichtlich die durch E. v. Fellenberg erhaltene Übersetzung P. Obers1 ) -entsprochen hatte, setzte sie in ihrer Nummer vom 20. August dieses Bemühen fort, indem sie Auszüge und Besprechung des „ Times"-Artikels brachte, mit besonderer Hervorhebung dessen, was darin neu war. Sehr bemerkenswert sind die Äußerungen des Redaktors über die zu der Katastrophe führenden Kunstfehler und ganz besonders folgende Sätze:

„ An der Darstellung in der „ Times " ist uns ein Punkt unklar geblieben. Nach den Aussagen des Herrn Whymper bediente sich die Expedition dreier ihm gehörigen Seile, und zwar hatten sie 200 Fuß eines von dem englischen Alpenclub konstruierten Seiles, 150 Fuß eines solchen, welches Herr Whymper für noch stärker hielt, und endlich 200 Fuß eines schwächeren, dessen sich dieser bediente, bevor das Clubseil erfunden war. Nach erfolgter Katastrophe erst gewahrte Herr Whymper, daß die überlebenden drei Männer an das schwächste Seil gebunden waren, und bei der Auffindung der Leichen der drei Vordersten traf man sie noch aneinander gebunden, aber zur großen Verwunderung ihrer Genossen an eines der stärkeren Seile, wobei er unbestimmt läßt, ob dies das Clubseil oder das zweitgenannte war, während er sie doch als sein Eigentum sollte voneinander unterscheiden können. Es waren also zwei Seile aneinander geknüpft, und zwar zwischen Lord Douglas und Taugwalder; allein auch dieses Zusammenknüpfen zweier Seile ist unerklärlich, da die 200 Fuß des Clubseils für eine Kolonne von 7 Mann vollkommen ausreichen mußten, selbst wenn von Mann zu Mann wirklich, wie Herr Whymper an einer anderen Stelle sagt, die ungewöhnlich große Distanz von 20 Fuß eingehalten wurde. Etwas anderes wäre es, wenn man die Seile doppelt angespannt hätte, was bei dem förmlichen Überflusse an diesem Stoffe als ein neues Sicherheitsmittel zu empfehlen gewesen wäre; allein von einem solchen doppelten Anspannen erfährt man in der ganzen Darstellung nichts. Herr Whymper sagt selbst, die erhaltenen Aufschlüsse über den Umstand mit den Seilen befriedigten ihn nicht, er habe deshalb dem Untersuchungsrichter in Zermatt eine Liste von Fragen übergeben, die man an Taugwalder stellen sollte, er sei aber bis zur Stunde in Unwissenheit über ihre Beantwortung gelassen worden, obschon man versprochen hatte, ihm davon Mitteilung zu machen.

„ Es ist hier ein unaufgeklärter Punkt, über welchen man notwendig Aufschluß haben sollte, will man nicht neuen giftigen Schwätzereien à la Alfred Meißner in die Hände arbeiten, und den besten Bescheid könnte hier die betreffende Walliser Behörde geben, indem sie die Ergebnisse des mit Herrn Whymper und den beiden Taugwalder vorgenommenen Verhöres veröffentlicht. Angesichts jenes bösartigen Klatsches, welcher die Kunde durch die europäische Presse machte, halten wir eine solche Publikation auch durch die Ehre unseres Landes geboten.

„ Was die gewissenlose Schreiberei Meißners betrifft, so finden wir sie nirgends treffender gekennzeichnet, als im „ Anzeiger von Interlaken ': mit den Worten:

„ Wie wenn er dabei gewesen wäre und alles aufs genaueste mitangesehen hätte, erzählt dieser Romanschreiber, wie hinter dem zum Tode erschöpften Taugwalder hervor, der nicht länger hätte widerstehen können, eine rettende Hand erschienen sei — die Whympers, sagt er — und mit kaltem Stahl und sicherem Schnitt das Seil durchhauen habe, an dem der junge Lord Douglas und die andern Freunde in Todesnot hingen. Durchschnitten — sagt er — habe Whymper das Seil, um dann unmittelbar darauf noch etwas vorzutreten und den Todeskampf der von Fels zu Fels rollenden Gefährten zu beobachten. Wir erklären dies für eine jedes Gefühl auf das tiefste empörende und dazu noch perfide Ausbeutung eines Unglücks, wie nur die rücksichtsloseste Effekthascherei sie sich zuschulden kommen lassen konnte. Ist die Sache richtig, so ist Whymper für sein ganzes Leben ein unglücklicher Mann. Es ist roh, in dem Unglücke eines lebenden Menschen zu wühlen, der in der furchtbarsten Lage, die man sich denken kann, es nicht über sich brachte, mit den Gefährten zu sterben, sondern durch gleichsam eigenhändiges Opfer der ohnehin nicht mehr zu Rettenden sein eigenes Leben fristete. Es gibt ein Unglück, das fühlende Menschen sich ins Ohr raunen, das sie aber nicht an die Glocke der Öffentlichkeit hängen. Doppelt empörend ist aber jene Darstellung, weil sie auf keiner Tatsache fußt, sondern lediglich auf Vermutung. Dieser Meißner weiß kein Wort mehr von dem Vorfall als du oder ich. Ihm entgegen stehen die direktesten, das Gepräge der ungeschminkten Wahrheit tragenden Aussagen der beiden Taugwalder und Whympers selbst. Wir haben auch nicht den entferntesten Grund, an der Richtigkeit dieser Aussagen zu zweifeln. Nun kommt einer, nur um den Gaumen seiner Leser zu kitzeln, und beschuldigt einen Ehrenmann — denn wir kennen Whymper nicht anders — der Lüge und sucht ihn, der schon so bedauernswert genug ist, vor aller Welt in einem Lichte erscheinen zu lassen, das einen alles ver-düsternden Schatten auf sein ganzes künftiges Leben werfen müßte. Wir protestieren dagegen, daß es jedem Novellisten gestattet sein solle, an lebenden Ehrenmännern lügend sich zu vergreifen; mit den erdichteten Helden seiner Romane mag er es halten, wie er will. Wir erwähnen noch kurz eine andere Erbärmlichkeit des gleichen Artikels. Meißner sagt am Schlusse desselben: „ Die schweizerische Presse, die für die Führer einsteht, wird den Schnitt ins Seil leugnen und beim zufälligen Riß stehen bleiben. " Wir erklären hiermit Herrn Meißner, daß die schweizerische Presse zu jeder Zeit nicht für die Führer, sondern für die Wahrheit eingestanden ist und einstehen wird, und daß wir es dagegen seiner eigenen Presse überlassen, für die von ihm nach Bedürfnis zugeschnittenen Geschichten einzustehen. "

Abgesehen von der nicht in allen Punkten zutreffenden Kritik von Whympers Angaben über die Verwendung der Seile, die auf teil weisem Mißverständnis des englischen Textes und auf der falschen Voraussetzung beruht, daß die 200 Fuß Manillaseil, die 150 einer ebenso starken Hanfsorte und die mehr als 200 der dünnern Sorte jeweilen in einer Länge vorhanden waren, könnte man jedes Wort Dr. Roths noch heute unterschreiben und ebenso die männliche Zurechtweisung, welche er und der Schreiber der Notiz im „ Interlakner Anzeigerich vermute in diesem den Hotelier Peter Ober, bei welchem Whymper einige Tage gewohnt hatte 1 ) -dem Herrn Meißner angedeihen ließen. Aber mit diesen müssen wir es heute noch bedauern, daß der wallisische Untersuchungsrichter oder seine vorgesetzte Behörde die Notwendigkeit nicht einsahen, durch Publikation der Ergebnisse ihrer Untersuchung den wildesten Gerüchten ein Ende zu machen, wenn nicht im Interesse des fremden Reisenden, so jedenfalls in dem ihres Landsmanns Taugwalder. Um dieses häßliche Kapitel abzutun und weil es neuestens wieder aufgetaucht ist 2 ), wollen wir noch mit einem Worte des tollen Gerüchtes Erwähnung tun, wonach Whymper ein Interesse an dem Verschwinden der Leiche von Lord Douglas gehabt hätte, weil — er diesem eine größere Geldsumme, herrührend aus einem Darleihen, schuldig gewesen sei! Auch dieser frevelhafte Unsinn hätte nicht Verbreitung gefunden, wenn ihm die Behörde energischer entgegengetreten wäre. Besonders zu beachten ist in dem Briefe an die „ Times ", daß Whymper stillschweigend die früheren Angaben widerlegt, wonach Vater Taugwalder Zeit und Geistesgegenwart genug gehabt hätte, das Seil, das ihn mit Lord Douglas verband, um einen Felsblock zu schlingen. Er hat dies erst nach der Katastrophe getan, um seinen herabsteigenden Sohn zu sichern. Großes Gewicht legt Whymper mit Recht auf die Tatsache, daß das Seil in freier Luft zerriß und das von ihm behändigte Ende keine Spur früherer Beschädigung aufwies. Bei dieser Erklärung, welcher auch Taugwalder nie widersprochen hat, muß es als einer übrigens vollkommen genügenden sein Bewenden haben.

Man hätte erwarten sollen, daß Whymper den Alpen und im besondern der Gegend von Zermatt eine Zeitlang fern bleiben würde. Bergsteigende Aufgaben in seinem Sinne, d.h. neue Besteigungen und Übergänge waren zudem hier kaum mehr zu lösen. Aber die wissenschaftliche Tätigkeit, welcher er sich in den letzten Jahren fast unvermerkt zugewendet hatte, und speziell das Studium des Gletscherphänomens, zu welchem ihn Prinzipal J. D. Forbes direkt aufforderte, führten ihn schon 1866 wieder auf diesen Schauplatz 3 ). Er verließ London gegen Ende Juli, ausgerüstet mit einer Spitzhaue und einigen Schaufeln, und engagierte in Zermatt einige Bauern als Arbeiter und Franz Biener als Führer. Am Abend des 2. August kampierten sie in den Felsen des Stockje und stiegen am folgenden Morgen auf die Höhe des Col de Valpelline, wo sogleich damit begonnen wurde, auf einer Fläche von 24 Fuß Länge und 5 Fuß Breite einen Schacht abzuteufen, welcher am 9. August, als die Arbeit wegen allzu schlechten Wetters eingestellt werden mußte, eine Tiefe von 22 Fuß erreicht hatte. Der Hauptzweck, die bänderige Struktur des Gletschereises zu untersuchen, war nicht genügend erreicht; immerhin waren über den Übergang von Firn in Eis Aufschlüsse erlangt worden. Außerdem hatte Whymper mit Biener die Tête de Valpelline ( wahrscheinlich als erster ) erstiegen und den Col de Valpelline zweimal überschritten.

Im folgenden Jahre, 1867, wandte sich Whymper zum ersten Male den arktischen Eisregionen zu 1 ). Zu dem eingestandenen Zwecke, sich für eine eigentliche Polarexpedition vorzubereiten, machte er aus eigener Initiative und auf eigene Kosten eine Entdeckungsreise in West-Grönland, wobei das „ Inlandeis " von mehreren höher gelegenen Punkten der Küste überschaut werden konnte, wenn auch an ein tieferes Eindringen in dasselbe oder gar an ein Überschreiten dieser „ Mer de Glace " von Grönland bei den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu denken war. Dagegen wurden östlich von Claushavn, im Distrikt von Jakobshavn, Nordgrönland, und in der Discobay sehr lehrreiche Beobachtungen über glaciale Ablation und Erosion, Moränenbildung u. dgl. angestellt 2 ). Abgesehen von diesen Forschungen bekümmerte sich Whymper um die Archäologie und Paläontologie der von ihm durchforschten Gegend, und da er auch für diese Dinge ein ungemein scharfes Auge hatte, gelang es ihm, eine wertvolle Sammlung von Artefakten aus dem für Grönland nur um wenige Jahrzehnte zurückliegenden Steinzeitalter und eine Kollektion von 80 Spezies, darunter 36 neue, fossiler Pflanzen aus der Discobay heimzubringen. Die letztere bildete die Grundlage einer wissenschaftlichen Bearbeitung durch unsern Professor Oswald Heer, welche mit Auszügen aus Whympers „ Keport on the Geology of Greenland " in den „ Philosophical Transactions " der Londoner Akademie der Wissenschaften für 1869 ( vol. 159, pag. 445 ) veröffentlicht wurde und Whympers Namen als eines hochachtbaren wissenschaftlichen Forschers der Welt im gleichen Augenblicke bekannt machte, wo er sich mit seinem Erstlingsbuch als Schriftsteller ersten Eangs entpuppte. Whymper selbst hat über seine Beobachtungen einen Vortrag vor der „ British Association " gehalten, welcher in deren „ 39th Report 1869 " erschienen ist.

Seine Grönlandforschungen hat Whymper 1872 fortgesetzt, und wir verdanken ihnen seine amüsanten und belehrenden Artikel 3 ): Some notes on Greenland and the Greenlanders, welche sich besonders auch mit der Psyche der Eskimos befassen und voll guter folkloristischer Beobachtungen sind. Das Ziel seiner Jugendträume, die Fahrt nach dem Nordpol, gab er auf, weil seine persönlichen Mittel zu einer solchen Expedition nicht reichten. Aber die Polarforschung hat ihn bis in seine alten Tage hinein interessiert, und noch 1907 hat er zu dem Werke von W. J. Gordon: Round about the North Pole in Wort und Bild Beiträge geliefert 4 ).

Zwischen die beiden Grönlandreisen fällt die erste selbständige Publikation Whympers, in welcher sich die Erfolge eines bahnbrechenden Bergsteigers mit der Kunst eines klassischen Erzählers und Bildners in einer Weise vereinigten, die vor ihm nicht dagewesen war und schwerlich so bald wiederkehren wird. Ich meine das im Sommer 1871 in erster und im Herbst des nämlichen Jahres in zweiter Auflage erschienene Buch: Scrambles amongst the Alps in the Years 1860—1869. Der Titel ist insofern irreführend, als von Besteigungen Whympers in den Alpen nach 1865 darin überhaupt nicht oder nur ganz sporadisch die Rede ist, während in Appendix C die Besteigunssgeschichte wenigstens des Matterhorns bis 1871 nach- geführt, resp. dargestellt wird. Um das Bibliographische gleich hier abzutun, will ich notieren, daß eine dritte ( verkürzte ) Auflage der „ Scrambles " 1880 publiziert wurde, unter dem Titel: The Ascent of the Matierhorn, daß in der vierten Auflage ( 1893 ) das in der dritten Ausgelassene wieder hergestellt, der Text durchaus revidiert und sowohl im Hauptwerk wie in den Appendices „ up to date " gebracht wurde. Im Jahre 1900 endlich erschien die Nelsonausgabe1 ), nach welcher wir zitieren. Mit Ausnahme von Appendix A, in welchem über den Tod des Führers Bennen am Haut de Cry, 28. Februar 1864, mit den Worten Ph. Gossets berichtet wird, von Appendix B, welcher über Blitzschlag am Gipfel des Matterhorns, am 30. Juli 1869, nach Aussagen von Mr. R. B. Heathcote referiert wird, und von Appendix F, welcher eine „ Courte note sur la Géologie du Matterhorn " aus der Feder des Ingenieurs F. Giordano enthält, ist jedes Wort des Textes der „ Scrambles " und jeder Strich in den zahlreichen Karten und Illustrationen desselben das Werk Whympers. Diese Leistung ist um so bedeutender, weil er als Schriftsteller wenig Vorübung gehabt hatte und in seinem Künstlerberuf, wenn nicht auf Reisen, rastlos und angestrengt zu arbeiten hatte, um den Aufträgen zu genügen. In ersterer Beziehung kennen wir von ihm nur einen längeren Aufsatz in der zweiten Serie von „ Peaks, Passes and Glaciers"2 ), nämlich: The Ascent of Mont Pelvoux und einige kleinere im „ Alpine Journal ", nämlich: Camping out3 ), The fatal accident on the Matterhorn4 ), Ascent of the Pointe des Ecrins 5 ). In illustrativer Hinsicht hatte er Beiträge geliefert zu Rev. S. Mannings Swiss pictures drawn with pen and pencil, von welchem Buch eine erste anonyme Auflage 1866 von der Religious Tract Society herausgegeben wurde 6 ), und zu Rev. T. G. Bonneys The Alpine Regions of Switzerland and their neighbouring countries, welche in Cambridge und London 1868 herauskamen. Von diesen Werken haben wir bestimmte Kunde, aber für viele andere aus seinem Atelier in jenem Dezennium hervorgegangene Holzschnitte fehlen uns die Belege.

Daß es Whymper an Hand seiner publizierten Artikel, seiner Aufzeichnungen und seines trotz des am Matterhorn erlittenen Unfalls treuen Gedächtnisses 7 ) leicht wurde, seine „ Besteigungen " zu lebendiger Darstellung zu bringen, so daß sie heute noch zu den besten Erzeugnissen dieser Literatur gehören, ist nach dem Vorhergesagten nicht erstaunlich, aber ohne Beachtung des Umstandes, daß Whymper von Jugend an jede seiner Reisen durch Studium der vorhandenen Literatur und Karten sorgfältig vorbereitete8 ), würden wir es nicht begreifen, daß er von jeder der zwischen 1860 und 1870 in die Alpen unternommenen Reisen so viel technische und wissenschaftliche Ausbeute heimbrachte. Zu der ersteren gehört die für einen Laien geradezu staunenswürdige Darstellung des Baus der Feilschen Eisenbahn über den Mont Cenis9 ) und des ersten großen Tunnels durch die Alpen, herkömm- lich Mont Cenis-Tunnel genannt, in Kapitel III der „ Scrambles " ( pag. 56—80 ); zu der letzeren, abgesehen von zerstreuten Bemerkungen an verschiedenen Stellen des Buches, seine in Kapitel VI ( pag. 137 — 149 ), XVI ( pag. 306—339 ) und Appendix G ( pag. 449—453 ) niedergelegten Gletschertheorien. Ich bin nicht kompetent, über deren Wert zu urteilen, aber sie haben nach Prof. Bonners Urteil1 ) neben den von Ramsay, Tyndall und den Modernen selbständige und nicht geringe Bedeutung, und es war gewiß nur der Zwang der Berufsbetätigung, welcher Whymper verhinderte, auf den Gebieten der Glaciologie und Geologie den Namen und die Stellung eines Fachmanns zu erwerben.

Es geschah auch fast ausschließlich für diese technischen und wissenschaftlichen Studien, daß Whymper nach 1866 und vor 1871 in die Alpen reiste. In den Jahren 1860 und 1861 hatte er den im Bau begriffenen Mont Cenis-Tunnel an dessen beiden Enden bei Modane und bei Bardonnèche besucht und die daselbst installierten Bohr-einrichtungen eingehend besichtigt, im Jahre 1869 kam er wiederum nach Modane und beging, zum dritten Male, den Tunnel bis „ vor Ort " des damals dem Durchschlag nahen Stollens2 ). Bei der nämlichen Gelegenheit ( 1869 ) benutzte und studierte er die Feilsche Eisenbahn von St. Michel nach Susa über den Mont Cenis3 ) und machte im obern Durancetal seine klassischen Beobachtungen über die durch Denudation hervorgebrachten Erdtürme bei Sachas zwischen Mont Dauphin und Briançon4 ).

Wo er sich im Jahre 1868 in den Alpen bewegt hat, kann ich nicht sagen.

Um das, was sich von Whympers eigenen Wanderungen in den Alpen nach 1871 in den spätem Auflagen der „ Scrambles " findet, gleich hier abzutun, will ich notieren, daß er vom 20.-22. August 1874 seine Matterhornbesteigung von der Schweizerseite, mit J. A. Carrel, J. B. Bich und J. M. Lochmatter, zu photographischen Zwecken, wiederholte, daß er 1876 und noch 1892 die Stelle wieder aufsuchte, wo er am 13. Juli 1865 sein Zelt aufgeschlagen hatte5 ). Auch zu den erinnerungsreichen Stellen seiner Nachtlager und Abenteuer auf der italienischen Seite ist er später gelegentlich gewallfahrt6 ), aber die Besteigung von dieser Seite hat er gemieden.

Zwischen 1874 und 1879 hat Whymper, soviel ich weiß, keine größeren Reisen, jedenfalls keine ins Hochgebirge, unternommen. Er scheint hauptsächlich seiner Kunst gelebt zu haben, die eben auch sein Broterwerb war. Von alpinen Illustrationen sind uns außer Holzschnitten im „ Alpine Journal ", z.B. V, pag. 289: The Aiguille du Géant from the North-West, aus dieser Zeit bekannt die Holzschnitte zu dem Reisebericht zweier seiner Freunde, F. C. Grove und H. Walker, über ihre Kaukasusexpedition ( u. d. T. F. C. Grove, „ The frosty Caucasus ". An account of a walk through part of the range and of an ascent of Elbrus in the summer of 1874. With illustrations by Ed. Whymper, from photographs by H. Walker, London 1875 ) und eine Illustration zu H. Schütz Wilsons: „ Alpine ascents and adventures " ( London 1878 ). Von literarischer Tätigkeit nach Erscheinen der „ Scrambles " zeugt nur ein Artikel im „ Alpine Journal " 7 ): Professor Tyndalls attempt on the Matterhorn in 1862. Und zwar war dieser Artikel provoziert durch eine Bemerkung Tyndalls in der 2. Auflage seiner „ Hours of exercise in the Alps ". Trotzdem sie durchaus persönlichen Charakter hat und ihren Standpunkt mit einer gewissen Schärfe verficht, wird die Diskussion von Whymper doch durchaus sachlich geführt, und die Art, wie er sich des ihm doch untreu gewordenen Jean-Antoine Carrel gegen Tyndall annimmt, hat etwas Ritterliches, das ihm Ehre macht. Es hat keinen Sinn, heute materiell auf diese Diskussion einzutreten, aber wer sich um die „ dessous " der ersten Versuche am Matterhorn interessiert, wird sie auch heute noch mit Nutzen lesen. Übrigens ersehen wir aus dem Artikel, daß Whymper 1869 in Val Tournanche und in der Gesellschaft von J. A. Carrel war, welchem er eine bestimmte Stelle des Manuskripts der „ Scrambles " vorlas, ein Beweis mehr für die Sorgfalt, womit Whymper diese Publikation vorbereitete.

Dies gilt noch in weit höherem Maße von den Vorbereitungen zu seinem zweiten großen Werke, den „ Travels amongst the Great Andes of the Equator"1 ). Obschon die bergsteigerische Leistung der Kampagne, welche Whymper vom 9. Dezember 1879 bis zum 12. Juli 1880 mit Jean-Antoine und Louis Carrel in den äquatorialen Anden machte, eine enorme war, wie wir sehen werden, war das Sportliche nur Nebensache oder Mittel zum Zweck. Es handelte sich in erster Linie, wie Whymper in der Vorrede auseinandersetzt, um die Lösung einer wissenschaftlichen Aufgabe, der Frage nämlich, „ ob und wie es für Menschen möglich sei, sich in bedeutenden Höhen über Meer längere Zeit aufzuhalten und dabei nutzbare Arbeitsleistung zu vollbringen ", mit andern Worten, den Einfluß der sogenannten Bergkrankheit oder des verminderten Luftdrucks auf den trainierten menschlichen Körper bei längerem Aufenthalt in extremen Höhen zu studieren, speziell die durch Anpassung erreichbare obere Grenze der Widerstandsfähigkeit festzusetzen. Diese Frage hatte Whymper schon auf seinen Alpenreisen beschäftigt, aber es war klar, daß die Durchschnittselevationen in Europa für diese Studien ungenügende waren, und so wandte er seine Aufmerksamkeit außereuropäischen Hochgebirgen zu. In erster Linie hatte er an die Himalajas gedacht, aus welchen interessante Beobachtungen der Gebrüder Schlagintweit vorlagen. Aber gerade in dem Jahre, 1874, wo Whymper alles für eine wissenschaftliche Expedition in das anglo-indische Hochgebirge vorbereitet hatte, traten die politischen Verhältnisse seinem Vorhaben störend in den Weg, so daß er die Ausführung auf eine günstigere Zeit verschieben mußte, und als er statt der Himalayas die höchsten Anden Südamerikas ins Auge faßte, zerschlug sich auch dieses Projekt an den Kriegswirren zwischen Peru, Chile und Bolivia. So blieb als höchstzugängliche Gebirgsgruppe nur die in der Republik Ecuador übrig und dorthin lenkte er nun seine Schritte.

Wir können seine Reise hier nicht Schritt für Schritt verfolgen; es genüge, zu konstatieren, daß, abgesehen von einer Reihe von Übergangspunkten der vorgelagerten Ketten, welche zwischen 12,000 und 14,000 Fuß hoch lagen, folgende Hochgipfel von Whymper erstiegen wurden: Chimborazo ( 6247 m, 4. Januar und 3. Juli 1880 ), Corazon ( 4838 m, 2. Februar ), Cotopaxi ( 5978 m, 19. Februar ), Sincholagua ( 4988 m, 23. Februar ), Antisana ( 5893 m, 10. März ), Pichincha ( 4851 m, 23. März ), Cayambe ( 5848 m, 4. April ), Sara-Urcu ( 4725 m, 17. April ), Cotocachi ( 4968 m, 24. April ), Carihuairazo ( 5034 m, 29. Juni ). Ein Versuch auf den Altar ( 5404 m ) schlug fehl, und der Illiniza ( 5305 m ) wurde nur von den beiden Carrels Anfang Mai 1880 erstiegen, während zwei Versuche Whympers, 9. Februar und 9. Juni, an der Ungunst der Verhältnisse scheiterten.

Wenn also schon das bergsteigerische Ergebnis dieser Reise von 212 Tagen glänzend genannt werden darf, so ist es nicht minder das wissenschaftliche. Der Zweck, um deswillen die Eeise angetreten wurde, war durch eine wohlvorbereitete, zusammenhängende und kontrollierte Eeihe von Beobachtungen wesentlich gefördert worden. Nicht weniger als 36 Nächte waren im Freien in Höhen zwischen 14,000 und 19,600 englischen Fuß über Meer zugebracht worden, darunter 26 Stunden auf oder nahe dem Gipfel des Cotopaxi bei einem Barometertiefstand von 14.750 Zoll. Die Marschleistungen in verschiedenen Höhenlagen waren genau aufgeschrieben und regelmäßige Ablesungen gemacht worden sowohl über Luft- als über Körpertemperaturen, Herzschlag und Pulsfrequenz in der Ruhe und bei der Arbeit usw. Ich kann auf die Resultate und Whympers Schlüsse hier nicht eingehen; sie haben übrigens durch alle seither über die sogenannte „ Bergkrankheit " gemachten Forschungen nur an Anerkennung und Wert gewonnen. Dies dank der exakten Methode, welche sich auf den Gebrauch des Quecksilberbarometers, das J. A. Carrel auf seinem Rücken bis auf den Gipfel des Chimborazo hinauftrug, zur Bestimmung der Höhen, deren Kontrolle durch das gewöhnliche und das Siedethermometer und die Verwendung geprüfter Instrumente für die übrigen Beobachtungen stützt. Neben diesen physikalischen und physiologischen Arbeiten gingen sehr wichtige für andere Wissenschaften einher. Die Geographie wurde gefördert durch kleinere Vermessungen, das Aufsuchen der von den französischen Akademikern 1736 gemessenen Basis und das Festlegen einer auf Theodolitaufnahmen beruhenden Spezialkarte von über 250 Miles und einer Routenkarte mit Eintragung von 70 mit dem Quecksilberbarometer bestimmten Höhen, von Fundorten naturkundlicher und ethnographischer Gegenstände usw., die Glaciologie durch genaue Bestimmung der jetzt vorhandenen oder früher existierenden Eis- und Moränenbildung und des Standes der Schneegrenze, die Geologie durch eine Sammlung von Gipfelgesteinen und Felsbildungen, sowie von vulkanischen Aschen, welche Whymper auf den Hochgipfeln der Anden und speziell am 3. Juli 1880 auf dem Gipfel des Chimborazo gesammelt hatte, wo sie ihm von einem Ausbruch des mehr als 60 Meilen entfernten Cotopaxi zugetrieben wurden. An weiteren naturgeschichtlichen Sammlungen wurden angelegt solche der Tierwelt, besonders der niedrigeren, Insekten, Schalentiere, Reptilien usw., wobei besonderes Augenmerk gerichtet wurde auf deren Verbreitung in verschiedenen Höhenlagen. Endlich untersuchte Whymper, während er sich um die existierenden politischen Verhältnisse möglichst wenig kümmerte, fleißig die alte Kulturgeschichte und Archäologie des Landes und brachte aus beiden Gebieten interessante Proben nach Hause, wo er am 28. August 1880 wieder eintraf.

Das Ordnen und Studieren der mitgebrachten wissenschaftlichen Schätze, die für die Höhenbestimmungen notwendigen Umrechnungen und Nachprüfung der mit den Instrumenten gefundenen Zahlen, die Anfertigung der Zeichnungen ( über 140 ) und der vier Karten beschäftigten Whymper die nächsten Jahre reichlich, so daß wir von Reisen von ihm aus der Zeit von 1881—1891 nichts hören. Zunächst publizierte er auch nichts über seine Andenreise außer einigen Auszügen aus seinen Tagebüchern im „ Alpine Journal " 1 ) 1880—1881, betitelt: „ Expeditionsamongthegreat Andes of Ecuador " und einen historisch-kritischen Artikel über „ eine angebliche Chimborazobesteigung im Jahre 1856 " 2 ), durch welchen er es fast gewiß machte, daß die betreffenden Herren, ein Engländer, namens Brenchley, und ein Franzose, namens Remy, nicht, wie sie meinten, im Nebel auf der Spitze des Chimborazo gestanden hatten, sondern mehrere 1000 Fuß unter demselben geblieben waren. Am 1. Februar 1881 hielt Whymper im Theater der Royal Institution von London, in Gegenwart des Prinzen von Wales, nachmaligen König Eduard VIL, welcher nachher als erster den Dank an den Vortragenden votierte, der Präsidenten der Royal, der Geological, der Zoological Societies und einer großen Versammlung, einen Vortrag, verbunden mit einer Ausstellung von Kartenskizzen, Photographien, Plänen, Inka-antiquitäten und Bergsteigerausrüstung usw., über seine Besteigungen des Chimborazo und des Cotopaxi3 ). Ungefähr um die gleiche Zeit veröffentlichte Whympers Freund, Professor Bonney, in den „ Proceedings of the Royal Society " ( 1884 Nos 229—234 ) einen vorläufigen Bericht über die geologischen und vulkanistischen Resultate der Whymperschen Expedition4 ).

Während der Zwischenzeit der Vorbereitung seines zweiten großen Reisewerks gab Whymper, wie wir oben pag. 202 gesagt haben, eine dritte Auflage seiner „ Scrambles " unter besonderem Titel heraus und arbeitete angestrengt in seinem Berufe.Von alpinen Illustrationen aus dieser Zeit sind uns nur bekannt die Beiträge zu S. H. Nichols Monte Uosa. The Epic of an Alp. ( New York 1886 5 ). Als reife Frucht nach dem Horazischen Rezept des „ noimm prematur in annumu erschien dann 1891 —18926 ) in zwei gleich aufeinanderfolgenden Auflagen das bis heute im wesentlichen nicht übertroffene7 ) Reisewerk über die äquatorialen Anden und der Supplementband mit einer orientierenden Vorrede von Whymper, einer Einleitung von H. W. Bates und Beiträgen von verschiedenen Gelehrten über die Insekten, Schalentiere, Reptilien, eine von Humboldt entdeckte silurische Fischart usw. aus den obern Teilen der andinen Vegetationszone und einer Zusammenstellung der oben angeführten Artikel von Professor Bonney über die andinen Felsarten. Dazu 14 Vollbilder und 43 Textillustrationen, alle von Whymper nach Umzeichnungen verschiedener Künstler in Holz geschnitten. Auf Grund seiner wissenschaftlichen Verdienste bei dieser Reise und Publikation wurde Whymper zum Fellow der Royal geographical Society ernannt und erhielt 1892 deren goldene Medaille8 ), wie er auch von anderen gelehrten Gesellschaften und alpinen Vereinigungen in Europa und Amerika eine Reihe hoher Auszeichnungen und vom König von Italien den Orden des heiligen Mauritius und heiligen Lazarus erhielt.

Ebenfalls eine reife Frucht seiner andinen Forschungen und noch heute beachtenswert ist die kleine Schrift Whympers: How to use the Aneroid Barometer, welche 1891, ebenfalls im Verlag von John Murray, erschienen ist. Veranlaßt durch die eigentümlichen Abweichungen, welche die acht von ihm mitgenommenen Instrumente dieser Gattung in ihren Lesungen unter sich und von den drei Quecksilberbarometern zeigten, von denen zwei, die „ babies ", auf dem Rücken Jean-Antoine Carrels die Andenreise ohne wesentliche Beschädigung mitmachten, während ein drittes unter der Aufsicht des britischen Konsuls in Guyaquil zurückblieb und dort vom 13. Dezember 1879 bis 12. Juli 1880 zweimal täglich abgelesen und notiert wurde, machte Whymper es sich zur Pflicht, die Ursachen dieser Abweichungen und das Maß der Zuverlässigkeit von Aneroidhöhenbestimmungen bei stark reduziertem Luftdruck ausführlicher zu erörtern, als dies in seinem Andenbuch, pag. 405—416, geschehen konnte. Seine Untersuchung ist für einen Laien ungemein scharfsinnig, und so unangenehm seine Schlüsse sind, so sind sie doch durch die seitherigen Erfahrungen anderer Forscher in den Anden und den Himalayas lediglich bestätigt worden, und man wird gut daran tun, bei Diskussionen über the highest mountains on record und deren Besteigung Aneroidablesungen, die nicht durch trigonometrische Winkelmessungen gestützt oder durch Quecksilberbarometer kontrolliert sind, mit der äußersten Skepsis aufzunehmen. Das nämliche gilt von den Höhebestimmungen durch Siedethermometer, deren Whymper 10 auf seiner Andenreise beobachtet und auf 17 verschiedenen Stationen unter sich und mit den andern barometrischen Beobachtungen verglichen hat 1 ).

Nachdem diese Dinge abgetan waren, wendete Whymper seine Aufmerksamkeit wieder den Alpen und im besonderen den Schauplätzen seiner Triumphe von 1864 und 18G5, Zermatt und dem Montblanc-Massiv, zu. Offenbar bereits in der Absicht, das Material für die zwei über diese Gegenden beabsichtigten „ Führer " zu ergänzen, machte er vom 5. Juli bis 9. August 1893, nachdem er bereits 1892 in der Gegend von Zermatt gewesen war, eine zusammenhängende Kampagne von Randa im Nikolai-(Visper-)Tal bis Chamonix über Berg und Tal, welcher er in der einzigen darüber erschienenen Publikation den Titel: „ The Alps revisitedu gegeben hat2 ). Er verließ Randa, wo er mit der Eisenbahn von Visp her am 5. Juli angekommen war, zwei Tage später mit den Führern Louis, Daniel und Antoine Maquignaz und schwerem Gepäck, darunter eines seiner Zelte, biwakierte in diesem den ersten Abend an der Moräne des Mellichengletschers, erstieg am 9. Juli das Rimpfischhorn bis nahe dem Gipfel, und erreichte nach 14 ½tstündiger Abwesenheit das Zelt wieder in strömendem Regen, passierte am 11. den von ihm Langenfluhpass genannten Col zwischen Rimpfischhorn und Ober-Rothorn vom Langenfluh- zum Findelengletscher, und brachte, weil das Wetter wieder schlecht war, die Nacht in dem kleinen Hotel auf der Fluhalp zu. Am folgenden Tag bezog die Gesellschaft, um zwei von Zermatt geholte Träger verstärkt, ein Zeltlager nahe dem Findelengletscher, genau nördlich des Stockhorns, überschritt am 13. Juli den Stockhornpass, 3415 m Siegfr., ging den Gornergletscher hinunter und den untern Theodulgletscher hinauf und schlug das Zelt etwas oberhalb der untern Theodulhütte auf. Schnee und Regen trieb sie zum Hôtel du Lac Noir und hielt sie dort 10 Tage lang fest. Nur kleinere Ausflüge zum Findelengletscher, über den Theodulpass und zu der Stelle, wo sein alter Andenftthrer J. A. Carrel am 26. August 1890 ein heroisches Ende gefunden hatte1 ), und Ähnliches war möglich. Am 23. Juli, bei wieder aufheiterndem Wetter, stiegen sie vom Schwarzsee zur Staffelalp hinab, bezogen ein erstes Zeltlager am obern Ende des Zmuttals, am 24. ein zweites bei den Trümmern der Clubhütte am Stockje, überschritten am 25. den Col de Valpelline, am 26. den Col du Mont Brûlé und kampierten am Arollagletscher. Ein neuer Wettersturz nötigte sie am 28., über den Col du Collon nach Prarayé zu gehen. Von dort gingen sie nach Valpelline, Aosta und Courmayeur. Hier wurde mit zum Teil neuer Mannschaft, ein gewisser Julien statt Daniel Maquignaz und 4 Träger, am Mont Blanc angesetzt. Sie bezogen am 3. August ein erstes Nachtquartier in der Cabane du Dôme, gingen am 4. August auf bekanntem Wege über den Dôme du Goûter zum Refuge Vallot, mußten aber, da die Führer bei dem angetretenen Unwetter von einem Biwakieren auf dem Mont Blanc-Gipfel, was Whymper vorhatte, nichts wissen wollten, am 5. August morgens nach Chamonix absteigen. Mit Hülfe seines alten Freundes Frédéric Payot, der sich ihm schon 1865 zur Verfügung gestellt hatte, als den Zermatterführern untersagt wurde, vor besuchter Messe am Sonntagmorgen zur Aufsuchung der Leichen der vier am 14. Juli Abgestürzten mitzuwirken, gelang das Vorhaben am 7. bis 9. August doch. Es wurde ein erstes Mal auf den Grands Mulets genächtigt, dann zur Cabane des Rochers Rouges aufgestiegen und die Nacht vom 8. auf den 9. August im Zelt neben der provisorischen Janssenhütte auf der Calotte des Mont Blanc zugebracht. Nach Beobachtung des Sonnenaufgangs und Photographierung des Schattens, welchen der Mont Blanc dabei warf, wurde der Abstieg auf demselben Wege ( Corridor ) angetreten und Chamonix im Laufe des Nachmittags erreicht.

Bevor er seinen Reisebericht im „ Graphic " veröffentlichte ( siehe oben pag. 207, Anmerkung 2 ), hielt Whymper am 30. April 1894 in St. Martins Town Hall, London, vor vielen Tausenden von Zuhörern einen öffentlichen Vortrag, der in dem ankündigenden Programm als „ Twenty thousand feet above the sea " bezeichnet wurde. Nach dem Referat in den „ Times " vom 2. Mai 1894 gab der Vortragende im ersten Teil eine rasche Übersicht über die Geschichte des Bergsteigens von der ersten Besteigung des Mont Blanc bis auf die Gegenwart, wobei auf diesen Gipfel und seine Besteigungsgeschichte, besonders Rücksicht genommen wurde. Alte und neue Methoden und Hülfsmittel des Bergsteigens wurden besprochen, verglichen und in Laternbildern vorgeführt. Dann folgte die Geschichte der Matterhornbesteigung ( eigene und fremde Versuche, die erste Besteigung, die Ursache der Katastrophe und Lehren ). Den Schluß bildete die Schilderung seiner Besteigungen des Chimborazo und Cotopaxi mit Bemerkungen über Bergkrankheit und die Möglichkeit der Besteigung selbst eines Mount Everest in einer nicht allzufernen Zukunft. Der Vortrag war illustriert mit über !)90 Projektionsbildern nach Photographien und Skizzen des Verfassers. Diese sind zum Teil im „ Graphic " und in den zu besprechenden „ Führern " wiedergegeben; der Text als solcher ist nie veröffentlicht worden, was gewiß schade ist. Aus dem Reisebericht von 1893 im „ Graphic " möchten wir für einen unserer Zwecke noch herausheben, was Whymper dort, und wahrscheinlich schon in St. Martins Town Hall, bisher von ihm nicht Betontes über die Matterhornkatastrophe und Verwandtes sagt. Es ist mehrfach. Erstens eine starke Hervorhebung des Umstandes, daß Croz seinen Beilstock beiseite gestellt hatte und deswegen hülflos war, daß die Enden des in freier Luft gerissenen Seiles aufflatterten ( „ the ends flew up and recoiled " ), daß im Augenblick der Katastrophe mehr als 400 Fuß1 ) Seil in verschiedenen Stücken unverwendet vorhanden waren, während die Absicht gewesen war, solche zur Sicherung bei so schwierigen Stellen, wie diese war, an festem Fels zu fixieren, und daß Whymper den Grund, warum das nicht angeordnet worden sei, in dem Mangel an einheitlicher Leitung sah. Ferner erfahren wir jetzt zum ersten Male, daß die Verleumdung, Vater Taugwalder habe das Seil zerschnitten, sofort nach der Zurückkunft der Überlebenden ausgesprochen worden sei und daß der Unglückliche zum Gegenbeweis dem von der Leichenbergung am 16. zurückkehrenden Mr. Robertson ( der Whymper diese Geschichte erzählte ) seine bei dem Ruck, der ihn beinahe von seinem Griff am Felsen losriß, bös geschundenen Finger vorgewiesen habe.

Den Alpen widmete Whymper auch in den darauffolgenden Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts den besten Teil seiner Kräfte und seiner literarischen und künstlerischen Arbeit. Im Jahre 1896 erschien, nachdem Whymper 1894 wiederum in Chamonix und am 26. Juli auf dem Mont Blanc gewesen war, zum ersten Male sein " Guide to Chamonix and the range of Mont Blanc, with illustrations and maps ". ( London, John Murray. ) Sein Erscheinen habe ich den Lesern dieses Jahrbuchs mit folgenden Worten angezeigt:2 ) „ Der berühmte englische Reisende und Bergsteiger hat in seinem Mont Blanc-Führer ein Mittelding geliefert zwischen einem der modernen Climbers'Guides und Hochgebirgsführer und den alten Reisehandbüchern. Das Buch enthält eine Geschichte des Priorats und Tales von Chamonix, eine Geschichte der hauptsächlichsten Besteigungen des Mont Blanc seit Saussure, eine Aufzählung und Analyse der am Mont Blanc vorgekommenen Unglücksfälle, eine Schilderung der Zufahrten und Zugänge von Chamonix, Angaben über Stationen, Straßen, Gasthöfe, Aussichtspunkte u. dgl. Beigegeben sind Höhentabelle und Führertarife. Das Büchlein von 192 Seiten ist also belehrend, unterhaltend und gruselig zu lesen. Die Kompetenz Whympers, auch über dies Gebiet zu schreiben, ist bekannt, und sein lebendiger Stil ist gewürzt durch eine Fülle amüsanter Geschichten und witziger Bemerkungen. " Dieses Urteil könnte ich, nachdem das Buch seitdem 16 Auflagen erlebt hat3 ), noch heute unterschreiben. Meine Bemerkung dagegen, die Holzschnitte seien zum Teil recht alt und ausgeleiert, halte ich nicht mehr aufrecht, seit ich die Vorlagen im „ Graphic ", die größtenteils nicht älter sind als 1894, gesehen habe.

Im Jahre 1897 erschien der „ Guide to the Valley of Zermatt and the Matterhorn, with illustrations and maps ". ( London, John Murray. ) An meiner erstmaligen Besprechung1 ) will ich hier nur das wiederholen, was für unsere heutigen Zwecke von Bedeutung ist: „ Aufgefallen ist mir, daß in der Darstellung der Katastrophe von 1865 hier, so wenig wie in den andern gedruckten Relationen, der Satz über die momentane Beschaffenheit des Terrains an der Unglücksstelle wiederkehrt, den Whymper selbst wenige Tage nachher in Interlaken geschrieben hat. " Und nach einigen Ausstellungen und Einzelkorrekturen: „ Ich will daneben nicht verhehlen, daß ich hier zum erstenmal Einzelheiten über die erste Besteigung des Strahlhorns, des Rimpfischhorns und der Dufourspitze gefunden habe — ferner ( auf Pa-gina 111 ) die Beschreibung zweier von Whymper entdeckter und durchaus praktischer Pässe: erstens der Gabelhornpass von St. Nikiaus nach Huteggen im Saastal und zweitens der Ginanztalpass von Turtig ( im Rhonetal ) nach St. Nikiaus2 ). Die Angaben des Führers erstrecken sich übrigens weit über die Grenzen des Nikolaitales hinaus, auch nach Valtournanche, Evolena, Zinal, Turtmann, Saas, Macugnaga und Simplon gehen seine Anleitungen über Gipfel und Pässe hinüber. " Wenn ich dann noch konstatierte, daß „ die Illustrationen reichlich und zum größern Teil neu, technisch sauber ausgeführt und instruktiv sind ", so habe ich wohl auch heute das Nötigste zur Charakterisierung eines weltbekannten Buches gesagt, welches bis 1911 15 Auflagen erlebt hat.

Ich schließe wohl am besten hier den Bericht über ein Interview an, welches Whymper im Jahr 1895 Herrn Jules Monod gewährte und über welches dieser in der Augustnummer des „ Journal de Zermatt " unter dem Titel: „ La première Ascension du Cervin: Détails inédits " referierte und das er auszugsweise auch in seinem „ Guide-Coquet de Zermatt " aufgenommen hat3 ). Wir entnehmen diesem für unsre Zwecke folgende damals „ unveröffentlichte Einzelheiten ", welche Whymper 1900 der fünften Auflage seiner „ Scrambles ", teilweise als Anmerkungen, einverleibt hat. Whymper betonte, daß er, auf dem Gipfel mit Zeichnen beschäftigt, nicht habe bemerken können, wie und von wem die übrigen angeseilt wurden; daß er mit dem jungen Taugwalder die andern erst eingeholt habe, als sie „ auf dem steilen Abhang der Zmuttseite sehr langsam und mit großer Vorsicht abstiegendaß sein Anbinden hinter Vater Taugwalder auf Bitten von Lord Douglas erfolgt sei, welcher „ durch das unsichere Benehmen ( la démarche chancelante ) Hadows beunruhigt wardaß Hadow ausgleitend den vor ihm gehenden Croz, welcher sich eben umgedreht hatte, mit den Füßen ins Kreuz stieß und kopfüber warf; daß beim Auffinden der Leichen diese nackt gewesen seien und ihre Kleider in Unordnung um sie herum gelegen hätten; daß man acht Schuhe gefunden habe, darunter die an einem Flick kennt- lichen des Lord Douglas; daß endlich alle Versuche, die Leiche des letztern aufzufinden, vergeblich gewesen seien. Mit diesen „ Einzelheiten ", die nicht jedes Rätsel der Matterhornkatastrophe lösen, welche Whymper immer in schreckhafter Erinnerung blieb, wollen wir dieses Kapitel in Whympers Leben mit einer zusammenfassenden Bemerkung schließen. Wenn wir das Gesagte überblicken, so kommen wir zu der Überzeugung, daß Whymper in dem Bestreben, das Geschehene zu erklären, mehrmals unwillkürlich über das hinausgegangen ist, was er in seiner ersten Niederschrift in Interlaken auf Grund einer noch ganz frischen Erinnerung und unbeeinflußt von Gerüchten festgelegt hatte. Auch das häufige Sprechen und Schreiben von dieser Sache mußte naturgemäß gewisse Widersprüche in der Darstellung erzeugen, namentlich in bezug auf die verwendeten und die nicht zur Verwendung gelangten Seile. Aber bei der Kritik dieser Diskrepanzen dürfen wir nicht außer acht lassen, daß das alpine Publikum — von dem andern ganz zu schweigen — aus der Matterhornkatastrophe und deren Diskussion 1865 vom Seilgebrauch und dessen Vor- und Nachteilen mehr gelernt hat, als aus hundert vorhergehenden Besteigungen zusammengenommen. Wenn endlich die eigentlich entscheidende Frage: hat der alte Taugwalder absichtlich oder aus Versehen ein schwaches Seil zwischen sich und Lord Douglas verwendet? nie beantwortet worden ist, so war das nicht Whympers Schuld.

Es folgten auf diese Führer für Zermatt und Chamonix, deren Revision Whymper bis zu seiner Sterbestunde beschäftigt hat — er kam zu diesem Zweck jährlich für ein paar Herbstwochen an beide Orte und hat 1909 an der Einweihung der Schönbühlhütte persönlich teilgenommen — noch einige kleinere Beiträge zur alpinen Literatur und Kunst.

Im April 1898 erschien von ihm in „ The Leisure Hour " ( London ) ein Artikel mit Illustrationen, betitelt: „ The great avalanche on the Gemmi in 1895 " 1 ), und 1899 lieferte er seinem Verleger Murray einen Beitrag, betitelt: „ Mountain climbing in the Alps ", zu dessen Sammelwerk: „ The cost of Sport"2 ).

Auch mit seinen wissenschaftlichen Aufgaben hörte er nicht auf, sich zu beschäftigen. So schrieb er in den „ Times " vom 17. Dezember 1898, und gab ihn nachher in verbesserter Form separat heraus, einen Artikel, betitelt: „ A new mountain aneroid barometer ", das Resultat der von ihm mit einem Watkininstrument vom 3. September bis zum 17. Oktober auf den Stationen Zermatt, Gugel, Riffelhaus, Gornergrat, Randa, St. Nikiaus, Visp, Sitten, Genf gemachten 65 Beobachtungen und Vergleichungen mit einem Fortinschen Quecksilberbarometer. Sein Ergebnis war, daß, in richtiger Weise verwendet und kontrolliert, dieses Instrument brauchbare Resultate für Höhenbestimmung und Höhenunterschiede liefern könne.

Im letzten Dezennium seines Lebens ging Whymper noch an ein Unternehmen, welches auch einem jüngern Manne noch Schwierigkeiten und Strapazen genug geboten hätte, die Erschließung der Canadian Rockies. Er hat diese Expedition mit derselben Sorgfalt vorbereitet, welche er seinerzeit auf die Andenreise verwendet hatte, und neben den sportlichen Zielen waren wissenschaftliche ins Auge gefaßt. Da der zu erforschende Teil des Felsengebirges bisher nur von einem einzigen ausländischen Reisenden, dem Deutschen Habel, besucht worden war, während die Einheimischen von den Schönheiten dieser ausgedehnten Bergwelt kaum eine Ahnung gehabt zu haben scheinen — der Canadische Alpenclub wurde erst 1906 gegründet, und die Selkirk range war vor 1901 nur von vereinzeltenBergsteigern, darunter mehreren Schweizern1 ), zum Zweck von Besteigungen aufgesucht worden — so sollte auf einem durch die Interessensphäre der für die Kosten aufkommenden Canadian Pacific Railway Company beschränkten, immerhin recht ansehnlichen Areal eine möglichst eingehende Mappierung des Verlaufs der Täler und Bergketten mit dem Theodoliten vorgenommen, die erreichten Höhepunkte, P'aßübergänge und Gipfel barometrisch bestimmt werden, zu welchem Zweck Whymper sich mit vier Quecksilberbarometern versah, welche alle die Campagne ohne Schaden bestanden und gute Resultate gaben. Ferner sollten auf großen Höhen regelmäßig Temperaturen abgelesen werden; Sammlungen von canadischen Nagern, Vogelbälgen, Insekten, Fischen und Reptilien sollten für den Zoologischen Garten in London angelegt werden; die Royal Geological Society wünschte Proben der Felsgebilde der erstiegenen Gipfel und der etwa angetroffenen Mineralien. Endlich versprach man sich Neues von der Flora des undurch-ßuchten Yohotales. Dazu kamen die eigentlich geographischen Aufgaben.

Über die Ausführung dieses Programms sind wir nur ungenügend unterrichtet. Da das Ausgeführte offenbar dem Be-absichtigten nicht entsprach, obschon Whymper wenigstens mit dem für die Naturgeschichte Erreichten nicht unzufrieden war, wurde kein Reisebuch veröffentlicht und ein von ihm in „ Scribners Magazine " ( vol. XXXIII, June 1903, N° 6 ) über seine canadische Reise 1902 veröffentlichter Artikel ist mir in nützlicher Frist nicht zu Gesicht gekommen 1 ). Ich muß mich also mit einer Skizze begnügen, zu welcher ich das Material teils einer gefälligen Mitteilung von Christian Klucker in Fex, teils einem mir von Mr. Montagnier zur Verfügung gestellten Zeitungsartikel imMontreal Daily Star " vom 6. Januar 1902 entnehme, der sich auf Whympers eigene Worte beruft. Die beiden Berichte ergänzen sich in willkommener Weise. Herr Klucker schreibt mir:

„ Unsere Expedition 1901 in die Rocky Mountains begann mit unserer Abreise von England am 23. Mai und schloß am 26. September mit unserer Landung in Havre. In die Rockies selber begann sie am 9. Juni nach unserer Ankunft in Banff und endete am 7. September in Field.

Außer Mr. Whymper waren bei der Expedition die Führer Chr. Kaufmann aus Grindelwald, Joseph Pollinger jun. aus St. Nikiaus, Jos. Bossonay aus Chamonix und ich selbst als Führerobmann beteiligt. In Canada kamen zu uns ein junger Amerikaner namens G. W. Franklyn, welcher sich ausschließlich mit der Jagd und Photographie beschäftigte, die Rosselenker Bill Peyto und Jach Sinclair aus Banff mit 11 Pferden und während der Zeit vom 6. bis 27. August Rev. Utram.

Das uns zugewiesene Gebiet umfaßte die Täler des Bow River im Osten ( Alberta ) und des Kiking Horse River im Westen ( British Columbia ). Die Grenze zwischen beiden Distrikten führt über den Hektorpaß, höchster Punkt der canadischen Pacificbahn ( zirka 1560 m über Meer ).

Nennenswerte Gebirgsmassive in Alberta, mit denen wir uns zu beschäftigen hatten, sind die Gruppen des Vermilion mit Baals Peak, das Paradies Valley mit Mount Temple und die Victoriagruppe ( an British Columbia angrenzend ). Die erwähnten Gruppen befinden sich alle südlich des Bow River, resp. der Eisenbahnlinie zwischen Banff und Hektorpaß. Berge, welche 3400 m übersteigen, gibt es wenige. Einzig Mount Victoria und Mount Temple erreichen zirka 3500 m Meereshöhe.

Vom 9. Juni bis 18. Juli blieb unser Hauptdepot in Banff. Als Zwischenstation kam für zirka 14 Tage auch das kleine Hotel „ Lake Louise " am gleichnamigen See, am Fuße der Victoriagruppe und etwa ¾ Stunden von der Eisenbahnstation Laggan entfernt, in Betracht.

Campements hatten wir in Alberta: ein 14tägiges im Tale des Vermilion ( westlich von Baals Peak ) und von einzelnen Mitgliedern der Expedition ein dreitägiges am Popes Peak in der Victoriagruppe. Während unseres Aufenthalts in Alberta von zirka 40 Tagen waren wir vom Wetter nicht begünstigt; Schnee fiel öfters bis ins Tal, was im Zeltlager unangenehm empfunden wurde. Besteigungen wurden wenige ausgeführt. Erwähnen will ich die Erstbesteigungen der Gawbac-Felsspitzen ( nördlich von Banff ), des Vermilion Peak im Vermiliontale, der Mître und des Mount Whyte in der Victoriagruppe. Pässe und Zugänge zu den Nebentälern wurden viele begangen und bestimmt.

Am 18. Juli reisten wir über den Hektorpaß nach British Columbia und verlegten demzufolge unser Hauptquartier nach Field im Tale des Kiking Horse River. Field liegt unmittelbar am Nordfuße des Mount Stephen. Von Norden her münden in nächster Nähe die Täler des North Fork ( Yoho Valley ), des North Branch und von Emerald in das Kiking Horse-Tal. Genannte drei Täler haben ihren Ursprung in der großen Waptagruppe. Im Südosten von Mount Stephen liegt das Ohanagebiet mit der Kathedrale. Im Westen von Field sodann erhebt sich die Gruppe des Ottertail mit den prächtigen Berggestalten des Good Sir, Ottertail und Mount Fox.

Auch in diesem Abschnitte der Rockies erreichen die höchsten Spitzen selten 3500 m. Die höchsten sind Mount Habel und Mount Collie im Westen des Yohotales im Waptagebiete. Alle übrigen Spitzen und Gletscherberge variieren zwischen 2900 und 3400 m.

Vom 25. Juli bis 24. August widmeten wir uns ausschließlich der Rekognoszierung des Waptagebietes; es wurde ohne Ausnahme kampiert, mit viermaligem Wechsel des Standortes. Die Täler von Yoho ( North Fork ), von Emerald und North Branch und die Übergänge von einem zum andern wurden eingehend rekognosziert. An Besteigungen, meistens Erstbesteigungen, gelangten zur Ausführung: Zwei Spitzen des Emeraldo Peak, Punkt Xouitvon französischen Ingenieuren so benannt ), Mount Wapta, die Felsspitze des Waputek, Mount Habel und Mount Collie ( diese beiden über 3500 m hohen Gipfel liegen weit im Norden des Gletscherreviers des Wapta ), und den Schluß in diesem Gebiete bildete die Besteigung der nicht leichten Felsspitze des Troll Tinderne 1 ).

Infolge eines Zwistes quittierten die Pferdebesitzer den Dienst und wir mußten in Field 5 Tage lang auf Ersatz warten. In der Zwischenzeit begleitete ich Rev. Utram ins Oharatal und es gelang uns dort die prächtige Besteigung der Kathedrale.

Am 29. August zogen wir mit den neuen Pferdeboys nach dem Ice River-Tal ( Seitental des Beawerfoot- und Kiking Horse-Tales ), das mitten in der Ottertailgruppe eingebettet ist. Leider verlief dieser Teil der Expedition infolge schlechter Bedienung durch die Pferdelenker, schlechten Wetters und sonstiger unangenehmer Zwischenfälle sozusagen resultatlos.

Am 8. September nahmen wir von Mr. Whymper in Field Abschied und traten die Heimreise an. "

So weit Herr Klucker. Aus den Mitteilungen Whympers an den „ Montreal Daily Star " geht hervor, daß er sieh im August mit gutem Erfolge auch der Lokalkenntnisse eines Mr. Tom Wilson von Banff bediente und daß ihm besonders die Entdeckung neuer Paßübergänge bemerkenswert schien, so desjenigen zwischen Mount Stephen und Mount Dennis, einer direkten Route von Field nach Emerald Lake, und eines Übergangs über Kerrs Pass zwischen dem obern Yohotal und einem Nebenarm des Kiking Horse-Tales.

Über die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Reise sind wir verhältnismäßig besser unterrichtet. Sie bestanden nach Prof. Bonney1 ) u.a. aus interessanten Felsarten ( sodalite rock and its associates ) aus dem Ice River-Tal, über welche Bonney im „ Geological Magazine " für 1902 ( pag. 199 und 544 ) berichtete, und aus einer Sammlung von Fossilien des mittleren Cambrium, speziell Trilobiten von Mount Stephen, über welche Dr. Woodward am nämlichen Orte ( pag. 502 und 529 ) referierte.

Whymper ist noch mehrmals nach Canada zurückgekehrt, hat noch 1909 an einem Camp des canadischen Alpenclub am Lake 0'Hara für kurze Zeit teilgenommen 2 ), aber Besteigungen in den Rockies hat er keine mehr gemacht und seine Forschungen auf Talwanderungen in denselben beschränkt.3 ) Seine Zeit war um und auch seine literarische Tätigkeit erlahmte. Im Februar 1909 gab er noch zu Ehren des Herzogs der Abruzzen die hübsche Broschüre: A right royal mountaineer heraus, die Huldigung eines alten Meisters an einen begabten Zögling, die beiden Ehre macht4 ). Und für seine beiden „ Führer " ist ihr Autor bis in seine letzten Tage treulich besorgt gewesen.

Und dann kam das Ende.

Nicht so, wie man es ihm hätte gönnen mögen. Es war wie nach einem glorreichen Tage ein verdüsterter Abend. Beschwerden des Alters und herbe Enttäuschungen blieben ihm nicht erspart, und in seinem aufrichtigen Bestreben, den „ Frieden der Brust " zu finden, mag der temperamentvolle Mann nicht immer den richtigen Weg eingeschlagen haben. Das Leben eines wahrhaft bedeutenden und nach außen tätigen Mannes neigt, wenn es zu hohen Jahren kommt, von selber zur Tragödie — nur der durch Verstellung emporgekommene Kaiser Augustus hatte auf dem Sterbebette den traurigen Mut, es eine Komödie zu nennen — und auf dem Grunde des grim- migen Humors, mit welchem der Künstler und Schriftsteller Edward Whymper Dinge und Menschen auffaßte und mit Stift und Feder darstellte, lag ein gut Stück Pessimismus. Aber sich selbst und dem Werke seines Lebens ist er treu geblieben bis ans Ende, und nun, da der alte Wanderer zur ewigen Ruhe eingegangen ist und der Tod, der unser Aller Erlöser ist, „ der kettenbeschwerten Seele das Sklaven-band gelöst hat ", wollen wir sein Andenken in dankbarer Ehre halten und einstimmen in die Worte Shakespeares, mit welchen der Präsident des Alpine Club von dem alten Freund und Clubgenossen Abschied genommen hat:

Er war ein Mann; nehmt alles nur in allem. Wir werden nimmer seinesgleichen sehn.

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