Zur Erinnerung an Max Mäglin

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Von Hans Gertsch.

In stiller später Mitternachtsstunde noch sitze ich vor dem Tagebuch des dahingegangenen Bergkameraden — leise knisternd fällt das letzte Blatt... Gedämpftes Lampenlicht hüllt den Raum in jenes Halbdunkel, in dem sich so gut sinnen und träumen lässt. Schmerzend fast klingt von der Wand das Ticken der Schwarzwälderuhr.Noch sind die gemeinsamen Stunden unvergessen. Selige Gipfelschau, wunschloses Träumen in die weite Natur. Beschauliches Wandern, ernste Arbeit in Fels und Eis, Momente, da wir mit kalter Entschlossenheit einander ins Auge geschaut. Wie wird das alles neu lebendig! Unmerklich, doch auf starken Schwingen trägt mich die Erinnerung fort, hierhin, dorthinver-sunken stehn wir vor Böcklins herrlichen Gemälden. Ich höre meinen Gefährten erzählen, eine Pfeife rauchend in stillem Abend nach vollbrachter Tat, am kargen Feuerlein in des Dauphinés halbzerfallenen Schäferhütten.

Und doch, wieviel noch spricht aus diesem Tagebuch! Wieviel Arbeit, zielbewusstes Wollen! Wieviel Schönheit! Es spricht von Frühlingsblühen und des Herbstes bunter Pracht. Von Flur und Wald, von blauen Seen, Meeres-zauber. Von Neapels farbenglühender Bucht, Capri und italienischen Städten. Aber immer wieder sind es die Berge, die erklingen, ihr Erleben, ihre Schönheit, ihre Macht. Bald sind es bescheidene Jurahöhen, bald Tessiner-, Urnerberge, gleissende Berneralpen. Im Wallis die Grossen alle, oft auf nicht alltäglichen Wegen. Mit Savoyen und dem Dauphiné schliessen die Aufzeichnungen.

Spät erst hat der Zufall unsere Wege gekreuzt. Gemeinsam sollte ein letztes Blatt beschrieben werden, mir war es zum vornherein vergönnt. Das Blatt ist leer geblieben, und kalt und schweigend blinken fern Kaukasiens Gletscher. Wir trauern, doch wir jammern nicht. Wo uns unsere letzte Stunde schlägt, entgehen wir ihr nicht, und Dir ist ein Wunsch in Erfüllung gegangen.

Aus dem Bergtagebuch von Max Mäglin.

Zum erstenmal in Zermatt.

In kalten Regenschauern hatten wir uns in Brig vereinigt, und dass wir nicht zu forsch ins Zeug schössen, dafür sorgte der Himmel So widmeten wir den Nachmittag hauptsächlich dem Alpinen Museum, dessen Monte-Rosa-Relief uns am meisten interessierte. Nicht minder aufmerksam betrachteten wir die Bilder und die Arbeiten Whympers. Dass aber in einem Museum Kleiderfetzen und Schuhe etc. von verunglückten Turisten ausgestellt werden, finde ich geschmacklos. Dies sollte das Pietätsgefühl verbieten. Zum Überfluss mangelt es nicht an Schaukasten, die Beweisstücke kommender Katastrophen aufnehmen sollen. Anschliessend an den Museumsbesuch gingen wir hinüber zum Friedhof, um einige Augenblicke an den Gräbern derjenigen zu verweilen, die die Unglücksopfer des grossen Riesen waren. Zu sehen bekamen wir ihn allerdings heute noch nicht, graue Nebel trieben in den düstern Flanken, und zeitig brach die Nacht herein. Indessen war Zermatt von Fremden angefüllt, und immer wieder kamen neue Scharen.

Am folgenden Morgen schien es aufzuhellen, und wie die Sonne die flüchtigen Nebel durchbricht, wird es überall lebendig. Zu Fuss, per Bahn oder im Sattel des Maultiers, alles strebt aufwärts. Es ist aber auch ein Prachtstag, dazu noch ein Sonntag.

Matterhorn! Du gewaltiger Berg, der du unter den Augen des beklommenen Beschauers immer noch zu wachsen scheinst! Die aufsteigende Linie, wie sie packender wohl nirgends auf dem ganzen Erdenrund auf den menschlichen Geist einwirkt. Und strahlend im Neuschneegewande reckt sich der Riese empor zur Sonne, ein Märchenbild von gewaltiger Grosse und zauberhafter Schönheit.

Ein Jahr späterDatum: Matterhorn 4505 m. Mit Gino de Santis. Ohne Seil. Aufstieg 5 Stdn., Abstieg 5 Stdn., Neuschnee.

Zermatterferien.

Mit Moritzle und X. rücke ich ab Zermatt um lls Uhr aus zum Obergabelhorn. Trift 3 Uhr, Gabelhorngletscher 515 Uhr. Der Firnschnee lässt uns halbmetertief einsinken. 1030 Uhr in den Felsen — Obergabelhorn an 14 Uhr.

Um 15 Uhr ab zur Wellenkuppe in umgekehrter Seilordnung: X., Moritz, Mäglin. X., den ich als guten Turisten zu kennen glaubte — hatte er doch in den Berner- und Bündneralpen eine ganze Reihe Gipfel bestiegen —, kletterte schon im Aufstieg unheimlich langsam. Jetzt, wo er voraus ist, wird es noch ungemütlicher. Wir brauchen anderthalb Stunden den allerdings vereisten Nordostgrat hinunter. Dazu jagt eine eisige Bise über den jähen Hang. Ich sehe nun wohl ein, dass Moritz hätte vorausgehen sollen, aber jetzt kann von einem Wechsel nicht mehr die Rede sein. Auch nicht unten auf dem Horizontalgrat. Er ist grauenhaft abschüssig, und im Süden hangen Wächten tückisch über die Wand hinaus. Die Ungeschicklichkeit X.s zeigt sich aber erst recht am Gratturm. Trotz fixem Seil, Sicherung durch unser eigenes und 60 m Reepschnur braucht er zweieinhalb Stunden für die Überkletterung des Turms und Querung des nachfolgenden Couloirs, was wir zwei andern zusammen in 15 Minuten hinter uns haben.

Den Aufstieg zur Wellenkuppe durch tiefen Schnee nimmt X. dann wieder mit prächtiger Ausdauer ( 20 Uhr ). Die Sonne ist bereits untergegangen. Leider dürfen wir uns des grandiosen Naturschauspiels nur kurz und mit gemischten Gefühlen erfreuen. Etwas Erhabeneres als die Dämmerstunde auf hoher Gipfelwarte kann es wohl nicht geben.

Indessen, die Zeit drängt, wir müssen hinunter. Moritz geht nun als Erster. In der Eile und gehetzt von den bittern Vorwürfen, die seiner bei verspätetem Eintreffen zu Hause warten, verrennt er sich zweimal, so dass wir jeweilen mühsam zurücksteigen müssen. So erreichen wir erst um 9 Uhr 30 den Triftgletscher. In der stockfinstern Nacht finden wir die Spur nicht, die uns zur Moräne geführt hätte, und entschliessen uns zum Biwak. Auf einer unbequemen Rippe binden wir uns an. Es ist sehr kalt, und in den heftigen Sturmböen schütteln uns Frost und Kälte. X. scheint eine solche Situation nichts Neues zu sein. Mit gleichmütiger Gelassenheit entnimmt er seinem Rucksack grosse Papiersäcke und stülpt sie, einen um den andern, über das rechte, über das linke Bein, über den Kopf usw. In der Tat, auch eine Art, die Berge zu bezwingen! Für die Überschreitung des Zinalrothorns hatte er drei Tage und zwei Biwaks benötigt.

Was mir neben der Besorgnis um das Leben des jungen Moritz mehr zu schaffen gibt, ist das Schuldbewusstsein, Vater Inderbinen betrogen zu haben. Mir selbst hatte er seinen 18jährigen einzigen Sohn ohne Bedenken anvertraut; hätte er um X.s nachträglichen Anschluss gewusst, hätte er ihn nie ziehen lassen. Eines ist sicher! Vater Inderbinen wird mir seinen Moritz nie mehr mitgeben, womit alle Pläne, die ich mit diesem tüchtigen Bergkameraden auszuführen gedacht, in jener bitterkalten Nacht von der unheimlichen Finsternis aufgezehrt wurden. Als es tagte, fand sich die gesuchte Spur fünf Meter von unserem Biwakplatz entfernt.

Von Zermatt ab 030 Uhr über das Zinalrothorn zur Mountethütte. Daselbst Regen und Schnee. Am 20. abends rückt Dr. Spiess zu seiner letzten Fahrt aus. Am andern Morgen ist der Himmel immer noch schwarz bewölkt. Wir beabsichtigen deshalb, über das Triftjoch zurückzugehen, und verlassen um 4 Uhr die Mountethütte. Erst auf dem Gletscher, als der Himmel ganz klar wird, ändern wir unsere Route und nehmen Kurs Obergabelhorn. Von 5 bis 815 Uhr turnen wir in den Felsen empor. Nachher muss der steile vereiste Firngrat bearbeitet werden. Gipfel Obergabelhorn an II30 Uhr, ab 1230 Uhr. Der Übergang zur Wellenkuppe geht mit B. nicht flinker als vor zwei Jahren mit X., so dass wir erst 11 Uhr nachts in Zermatt anlangen. Am 26. abends lese ich daselbst vom Todessturz von Dr. Spiess. Es treibt mich deshalb hinüber nach Zinal. Ab Zermatt 3 Uhr mit Führer Truffer via Trifthorn 3737 m, an Mountet um 12 Uhr. Jean Vianin le Garde kann mir das Unglück nur bestätigen.

VIII25 Im Val d' Hérens.

Es regnet Bindfädenetwas sonnigLektüre...

August 18. Petite Dent de Veisivi 3189 m, über den Nordwestgrat. Abstieg zur Alp Veisivi. Krankes Kind im Chalet Blatter. Nehme mich dessen an. Bei meiner Rückkehr in Les Haudères telephoniere ich nach Sion um Fencheltee. Evolène: Friedhof, auffallend viele Kindergräber.

August 19. Trüber Tag. Ferpècle-Bricolla. Nachmittags Pflege des kleinen Blatter, acht Monate alt. Er soll nun in Les Haudères bleiben.

August 21. Neuschnee, sehr schön. Nachdem ich der Hotelgouvernante den kleinen Blatter zur weitern Pflege anempfohlen habe, rüste ich zur Abreise. Meine Bemühungen um den kleinen Wurm haben sich im Dorf herumgeredet. Wie ich zum letztenmal dem Hause Blatter zustrebe, halten mich zwei Frauen an, die mich Monsieur le Docteur anreden und bitten, ihnen zu helfen, sie von ihren Gebrechen zu erlösen.

Im folgenden Jahre wieder in Evolène.Im Hotel de la Dent Blanche logiere ich mich ein. Ausser drei Herren aus Basel ist niemand hier. Meine Turenbegleiter müssen erst noch kommen.

Juni 9. Mit der kleinen Anne-Marie, dem Töchterchen des Hoteliers, gehe ich nach Les Haudères. Monsieur Blatter und Frau weilen mit dem Kleinen auf der Alp Veisivi. Anne-Marie hat hier Verwandte.Von den erhaltenen Geschenken tritt sie mir ab: ein Bonbon, ein Stück Käse und aus ihrem eigenen Besitz zwei Stiefmütterchen. Nachmittags mache ich eine weitere Eroberung, die kleine Rosette, die gleichaltrige Gespielin von Anne-Marie. Wir gehen zusammen Blumen suchen und ins « bain de pied ».

Juni 10. Mit Monsieur Selzer nach der Alp Veisivi. In Les Haudères offeriert uns ein Verwandter ein Maultier. Das veranlasst uns, die beiden Mädchen zu holen, die wir auf den Mulet setzen. In zwei Stunden sind wir oben und werden als willkommene Gäste aufgenommen. Der kleine Blatter hat sich gut erholt. Seine Mutter strahlt vor Freude, sie weiss gar nicht, wie sie sich mir dankbar erzeigen soll. Zum mindesten muss ich ihr den Gefallen tun, von ihrem Käse zu essen. Da die Frau guter Hoffnung ist, finde ich es angezeigt, ihr bezüglich der Behandlung des zu erwartenden Kindes noch einige Ratschläge zu erteilen.

Nach dem Essen führe ich unser stattliches Tier zur Tränke Dorthin folgt mir eine 65jährige Frau. Sie spricht mich mit Monsieur le Médecin an und zeigt mir ihre schrecklichen Gichthände, damit ich ihr helfe. Auf meine Beteuerungen, dass ich kein Arzt sei, will sie gar nicht hören. Sie glaubt mir nicht und fleht mich an, von meinen Ferien doch so viel für sie zu verwenden, dass ich ihr einen Rat gebe. Ich befand mich in einer geradezu unheimlichen Verlegenheit. Seht, sagte ich der armen Alten, jene Lärche vom Sturm und Wetter geborsten, vom Blitz zerschlagen! Gewiss war es einmal ein kraft-strotzender Baum. Heute ist er nur noch eine Ruine. So geht es auch uns! Mit dem Schicksal aber zu hadern, hat keinen Sinn. Doch für meinen Vergleich hatte die Frau kein Verständnis. Sie wandte sich unwirsch ab und knurrte im Weglaufen vor sich hin: « Dem kleinen Blatter hat er geholfen, mir aber will er nicht helfen! » Weil die Kinder vor dem Bergabreiten Angst haben, setze ich mich selbst auf den Mulet. Ab Les Haudères benützen wir das Auto des Cousins von Herrn Selzer und kommen zum Nachtessen wieder nach Evolène. Mit den Baslern habe ich bisher wenig verkehrt, es sind übrigens drei harmlose ältere Beppi.

Juni 11. Fête-Dieu-Prozession. Die Bauern kommen ab allen Bergen und zugewandten Dörfern mit Weib und Kind herangeritten. Zwei und drei Personen auf einem Maulesel. Die Frauen tragen je nach ihrem Zivilstand eine mitunter schmucke Tracht. Besonders vornehm muten die Dorfschönen von St. Martin an.

Juni 14. Jetzt, da unter meiner Mithilfe das Heu eingebracht ist und der Park hergerichtet, rüsten wir zur Bergfahrt. Herr Selzer meint zwar, dass er kein ausgereifter Hochturist sei, will aber gern mitmachen.

Bis Les Haudères benützen wir ein Auto. Dann steigen wir gemütlich plaudernd zum Lac Bleu und zur höher gelegenen Alphütte Lucel an. Das Hüttlein ist so primitiv als möglich. Von der Türe ist die Hälfte abgerissen, das Gemäuer ist locker und die Pritsche ist jeder Unterlage bar. Eine kleine Decke haben wir bei den Alphütten unten am Lac Bleu erstanden. Während ich zur Erkundigung weiter hinaufsteige, hackt mein Kamerad ganze Haufen junger Distelblätter ab und richtet damit ein Nachtlager her. In der Ecke am Eingang flackert ein lustiges Feuer, über welchem an einem mitgebrachten Eisendraht die Aluminiumflasche baumelt, in der wir Suppe kochen. Der Himmel ist immer noch bedeckt. Der Westwind geht nach und nach in « Süd » über.

Juni 15. Nach kurzer Nachtruhe steigen wir um 130 Uhr aus « den Federn ». Der Himmel ist sternenklar, dagegen hätten wir eine etwas niedrigere Temperatur gewünscht. Wir verlassen die Hütte um 220 Uhr und erreichen über Schutt und Blöcke um 5 Uhr den « la Mangette » genannten Grat. Nach einer Frühstückpause beginnen wir den Aufstieg über den Glacier des Ignes, weil wir das Slingsbycouloir des Steinschlages wegen meiden. Um 7 Uhr ist Punkt 3341 erreicht, nasser, weicher Schnee hatte uns ordentlich zugesetzt.

Jetzt beginnt eine herrliche Kletterei, die immer rassiger zu werden verspricht. Col Slingsby 9Uhr, Cime Méridionale 11—12 Uhr, Col Sud 15 Uhr ( es sind etwa fünfzehn Türme zu überklettern ). Haute Cime des Aiguilles Rouges d' Arolla ( 3650 m ) 155° Uhr bis 16 Uhr, Col Nord 1750Uhr bis 18 Uhr. Des weichen Schnees wegen auf dem Gletscher Couloir- und Flankentraversierung in den Felsen. Wir benötigen dennoch für die auf dem Gletscher zurückzulegende Strecke 2% Stunden, für welche bei normalen Verhältnissen 30 Minuten genügen dürften. Da es nun finstere Nacht geworden ist, geht es über das Blockgewirr nur langsam vonstatten. Zudem finden wir weder Weg noch Steg und landen nach mühevollem Hin- und Hermanövrieren gegen Mitternacht beim Lac Bleu. Um 2 Uhr des folgenden Morgens, nach fast 24stündiger Fahrt, erreichen wir Evolène.

Juni 18. Zu denjenigen in Evolène, die mich immer noch mit Monsieur le Docteur anreden, gehört auch die Mutter von Rosette. So glaubt sie, dass ich ihr einen Dienst nicht versagen würde. Sie bittet mich, meiner kleinen Freundin, die so viel von mir erzähle und so grosse Achtung vor mir hätte, die Milchzähne zu ziehen. Ich vermag zwar nicht, die gute Frau um ihren Glauben, wohl aber Rosette um zwei Zähne zu bringen. Später habe ich ihr mit einer neuen List einen dritten herausgebracht. Jedesmal erschrak die Kleine momentan, und nachher lachte und weinte sie zugleich. Nachmittags mit den « Basler-Götti » zur Alp d' Arbey und zurück über Lanna, dessen Hütten wie ein Ringelreihen in der grünen Matte stehen.

Juni 19. Mit Fräulein Seh. nach Les Haudères, um Frau Blatter zu zeigen, wie und was sie für den Kleinen kochen soll. Wir bringen Früchte, Gemüse und Griess mit und halten einen Kochkurs. Der kleine Blatter sieht jetzt gut aus und läuft bald.

Eine Überschreitung der Dentskette am 19./20. Juni musste nach Überkletterung der Grand Dent de Veisivi, halbwegs auf Dent Peroc, wegen Versagen des Führers abgebrochen werden«damit war ich um den Genuss der Überschreitung aller Dents zur Bertolhütte gekommen! » Juni 21. Ein sonniger Sonntag. Aus allen umliegenden Dörfern und Weilern kommen die Bauersleute zur Prozession. Die Männer in brauner Tuchhose und Rock, die Frauen, Mädchen und Kinder in der schmucken Tracht ihres Ortes, zu Fuss, per Wägelchen oder zu zweit und zu dritt auf den stattlichen Maultieren. Im Nachmittag pilgre ich mit Fräulein Seh. und der Anne-Marie zur Chapelle La Garde.

Juni 22. Mit Fräulein Seh. und den Herren St. nach La Sage und La Forclaz. Gewitterstimmung. In den Roggenfeldern entfaltet sich eine wunderbare Blumenpracht. Auf dem Heimweg besuchen wir Familie Blatter.

Juni 23. Mit Fräulein Seh. und den Kindern Selzer nach Arolla. Prächtiges Wetter. Das ganze Tal von Arolla ist ein einziger Naturpark, auf den seine firngekrönten Berge hoheitsvoll und mit Wohlbehagen hereinschauen.

Saaser Erinnerungen.

Regnerische Tage in Saas-Fee! Kleine Ausflüge... Es heitert auf. Die gesamte Jungmannschaft des Hotel Glacier rüstet zur Bergfahrt. Der 68jährige Ambrosius Supersaxo soll Fräulein M. auf die Lenzspitze führen. Unter der Bedingung, dass ich dabei sei, willigt Ambrosi ein, auch Fräulein B. mitzunehmen: « Wenn der alte Steinbock vorangeht, werden die Gitzi schon nachkommen! » Eine feierlich schöne Dämmerstunde vereinigt die ganze Gesellschaft auf der Terrasse der Mischabelhütte, und als der letzte Akkord unseres Bergliedes verklungen ist, suchen wir die Schlafräume auf.

2 Uhr morgens. Über der tintenschwarzen Nacht wölbt sich ein unendliches Sternenmeer. Bestimmt und keinen Widerspruch duldend, lautet Ambrosius'Tagesbefehl: « Ihr nämed eini und ich nimme eini und d' ihr gaht vorus! » Nun ja, wenn der angesehene Führersenior von Saas-Fee, dessen Name in der Geschichte des Alpinismus einen ersten Platz einnimmt, mich vor diese verantwortungsvolle Aufgabe stellt, dann will ich sie in Ehren bestehen! Dass ich sie in der Folge restlos bestanden habe, verdanke ich meiner Schutzbefohlenen — furchtlos und sicher sind die Gitzi gefolgt. Der Taten- mensch Ambrosius Supersaxo aber hat sich einen unverwüstlichen Humor aus dem Zenit seines Lebens herübergerettet. Und als wir abends 5 Uhr von der Tra versiera ng « Lenzspitze-Nadelhorn » in der Hütte zurück sind, sagt er: « das sei die herrlichste Tur seiner 50jährigen Führerlaufbahn gewesen! » Das findet am folgenden Tag, einem Sonntag, auch die eine unserer Bergsteigerinnen. Der lichtvolle Tag von gestern hat ihr Innerstes aufgewühlt. Die gewaltigen Eindrücke lasten so schwer auf ihr, dass sie zu weinen beginnt und daran zweifelt, ob das Geschaute, das Grenzenlose, auch Wirklichkeit sei.

Die andere, die gestern zum erstenmal auf einem grossen Berg gestanden, meint keck — es gilt dem Fletschhorn — « kommen Sie, Herr Mäglin, wir gehen, und der Ambrosi darf auch mitkommen! » Wieder bin ich in der Mischabelhütte — es kommen Wiener vom Nadelhorn. Mein Begleiter kennt sie. Der eine, Zeno Baumgartner, möchte sich uns anschliessen für die Überschreitung Lenzspitze-Dom. Ich bin dafür nicht zu haben, da ich den Wiener und seine Fähigkeiten nicht kenne.Vor allem aber macht mich das Seil dieser Partie stutzig: geflochten, arg mitgenommen, dazu anscheinend noch Kriegserzeugnis!

Offenbar hatte der Wiener von meiner Ablehnung keine Kenntnis erhalten. Als wir am Morgen zum Aufbruch rüsten, macht er sich ebenfalls marschbereit, und allem Anschein nach ist mein Begleiter entschlossen, auch ohne mich mit ersterem auszurücken. Ich lasse sie zusammen ziehen — drei Partien sind schon voraus —, nur mahne ich sie, statt des alten doch mein gutes, gedrehtes Hanfseil mitzunehmen. Ich überlege, was zu tun sei — allein gehen!

So verlasse ich um 345 Uhr die Hütte, hole eine Partie nach der andern ein und benütze sie als Staffage zum Photographieren. Ob dem grossen Gendarm reisse ich an einer schüssigen Stelle einen Stein los, was mir ums Haar zum Verhängnis wird. Lenzspitze an um 9 Uhr. Nach einer halben Stunde kommen auch meine Zugewandten. Ich habe mich inzwischen davon überzeugt, dass der Wiener weit besser klettert als mein Begleiter, meine Bedenken waren also grundlos.

So seile ich mich jetzt an, und um 10 Uhr steigen wir, ich voran, Baumgartner am Schluss, ins Lenzjoch ab. Auf verwittertem Grat turne ich um einen Überhang. Plötzlich bricht eine grosse Platte, welche ich in Kopfhöhe habe, aus. Ich vermag sie noch über meinen Kopf hinwegzustemmen, um damit aber selbst in die Tiefe zu stürzen. Jedoch der brave Zeno rettet die Partie vor dem sichern Untergang.

Inzwischen ist aus dem sonnenglänzenden Morgen ein gewitterschwangerer Mittag geworden. Der Nebel beginnt zu fauchen, und bereits schneit es. Wir brechen deshalb die Tur ab mit Abstieg zum Hohbergfirn, was allerdings in der Eiswand stundenlange Hackarbeit erfordert. Jetzt schneit es faustdick, die Neuschneedecke misst schon 50 cm, und vor dem Festijoch sinken wir bis unter die Arme ein. Die Domhütte erreichen wir um 630 Uhr.

Am folgenden Morgen nimmt Zeno Abschied von unsfür immer!

Genau vier Wochen später, fast um die gleiche Zeit, da ich im Lenzjoch durch ihn gerettet wurde, stürzte er im Gesäuse unter ähnlichen Umständen ab —

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