Zur Geschichte des Bergsteigens

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Pilatusberg und Mont Ventoux.

Dr. A. Zschokke ( Sektion Aargau ).

Von Vergeblich bemüht man sich, im Altertum und im frühen Mittelalter Spuren aufzufinden für das, was wir den Sinn für landschaftliche Schönheit oder das Naturgefühl nennen. Dieser Sinn, der uns so natürlich und ursprünglich zu sein scheint, weil ja nichts so unmittelbar auf uns einwirkt, als die uns umgebende Natur, war den Alten vollständig verschlossen. Altertum und Mittelalter wissen nur von außerordentlichen Naturerscheinungen zu berichten, von Erdbeben, Mondsfinsternissen, Stürmen, Landplagen, lauter Dingen, welche die Menschen ängstigen und schrecken. Der Sinn für die Größe und Erhabenheit des Meeres oder der Gebirge ist ihnen nicht gegeben. Kein Dichter des seefahrenden Griechenvolkes berichtet etwa vom Leuchten des Meeres, kein römischer Dichter etwa vom Auf- und Abglühen der Schneeberge, vom Farbenspiel bei Sonnenauf- und -Untergängen, von dem Zauber einer lauwarmen Sommernacht am Meeresstrand.

So kommt es denn auch nicht vor, daß jemand eine Bergbesteigung unternimmt, nur aus dem Bedürfnis, um sich die Welt einmal von oben zu betrachten und sich des Umblickes zu erfreuen. Die Alten haben hierfür kein Interesse. Niemand überliefert uns, daß etwa bei den Übergängen Hannibals und Hasdrubals oder Cäsars über die Alpen die Neuheit und Schönheit der Scenerien den Feldherrn oder die Krieger überrascht und bewegt hätten; man weiß immer nur von den großen Mühseligkeiten und Gefahren zu berichten, welche mit diesen Bergbesteigungen verbunden waren. Cäsar empfand nichts, als Unmut und Müdigkeit. Der Anblick der großartigen Landschaft sagte ihm nichts; seine Zerstreuung suchte er in grammatikalischen Studien.

Im christlichen Mittelalter tritt an die Stelle der einfachen Interesselosigkeit die abergläubische Furcht vor dem Unbekannten, Unerforschten, Übernatürlichen. Man hat täglich den Anblick der Berge vor sich; aber dieser Anblick ist, bedingt durch Wind und Wetter, ein stetig wechselnder. Das Bergbild verändert unter dem Spiel der Nebel- und Wolkenbildungen, oder der verschiedenen optischen Erscheinungen, je nachdem Nord- oder Südwind weht, fortwährend seine Gestalt. Darin liegt etwas Unbegreif-liches, Unfaßbares. Die Phantasie des Mittelalters schafft sich in den schroffen Felsgehängen, in den kulturlosen Schnee- und Steinwüsten der Gebirge Herbergen für die Verzweifelten oder Verdammten. Hier hört man in den Windstößen, welche durch die Klüfte sausen, klagende Stimmen; hier sieht man seltsame Bilder und Erscheinungen. Nachklänge an diese Auffassung reichen bis zu uns herüber. Man hat uns als Kindern noch das seltsame gespenstige Rigifeuer gezeigt; mit eigenen Ohren haben wir mehr als einmal das berühmte, unheimliche Rothenburger Schießen gehört, das allemal, wenn nicht etwas Schlimmeres doch jedenfalls schlechtes Wetter zu bedeuten hatte. Wehe dem Ver-messenen, welcher solche gottverlassene Örter aufsuchen wollte.

Ein merkwürdiges Beispiel, mit welcher Zähigkeit diese mittelalterliche Auffassung festgehalten wird, bietet die Geschichte unseres Pilatusberges oder Frakmündes. Nach der Legende in ihrer ältesten Gestalt wurde Pilatus, der Statthalter von Judäa, wegen seiner fluchwürdigen That in Rom von Tiberius Cäsar zu schimpflichem Tode verurteilt. Als er den Urteilsspruch empfing, stürzte er sich in sein Schwert. Der Leichnam wurde an einen großen Stein gebunden und in den Tiber versenkt. Aber der Tiber schwillt an unter Donner, Blitz, Hagel und Sturm, so daß ein großer Schrecken entsteht. Die Römer ziehen daher den Leichnam wieder aus dem Flusse, verbringen ihn nach Vienne in der Provence und werfen ihn in die Rhone. Hier wiederholt sich das gleiche Schauspiel. Die Bewohner dulden auch hier das gefährliche Objekt nicht, sondern schaffen es in das Territorium von Lausanne ( Losanna ), wo es begraben werden soll. Aber auch hier zeigen sich dieselben schrecklichen Erscheinungen und es wird deshalb der Leichnam weit weg in „ einen von Bergen umschlossenen Teich " versenkt. Dieser Teich ist der Pilatussee. Eine Weltchronik von 1384 erzählt: „ Tiberius tet auch Pylato gar we als lang, pisz er sich selber ertötet und in den See bei Luzern gewarfen ward. " Dies ist ( nach Brandstetterdie älteste Stelle, wo die Pilatussage im Zusammenhang mit Luzern vorkommt. Hier bleibt der Leichnam endlich liegen, aber die bösen Geister treiben ihren Spuk fort. Der Pilatussee ist nun lacus terribilis, ein gemiedener, verfemter Ort. Seine Ruhe darf nicht gestört werden, auch nicht durch Hineinwerfen von kleinsten Brosamen, sonst entstehen Unglück und Verbrechen.

Wie die Sage dann weiter ausgeschmückt wurde, ist in dem Aufsatz Heinr. Runges: Pilatus und St. Dominik ( Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft von Zürich, Band XII ) nachzulesen. Hier interessiert uns nur, wie sich die historischen Menschen dieser Sage gegenüber verhalten haben. 1387 versuchen sechs Priester aus Luzern, auf den Frakmünd oder Pilatusberg, wie er nun vorzugsweise genannt wird, hinaufzusteigen, um mit Beschwörungen das schlimme Gespenst zu verscheuchen. Sie wurden in Luzern eingekerkert und mußten Urfehde schwören, pro ro quod ascendere volebant cacumen fracti montis et ad lacum Pilati. Der Weg zum See wird zur Sommerszeit bewacht, damit niemand versuche, zu ihm aufzusteigen. Die Bewachungspflicht ist durch obrigkeitlichen Lehenbrief dem Besitzer des Hofes Gantersey im Eigenthal Überbunden. ( Es ist der Weg vom Eigenthal in die Bründlenalp, der von da über das Gemsmätteli nach dem Tomlishorn führt. ) Am 31. Juli 1468 werden von Luzern aus die von Unterwaiden „ von Pilatus See wegen« ersucht zu verhüten, „ daß man daruff kommen möge ". Brandstetter teilt eine ergötzliche Stelle aus der Reisebeschreibung eines Professors Sollwerk mit, der 1481 über Luzern und den Gotthard nach Italien und dem heiligen Lande zog. In Luzern sah er den hohen und schneeigen Berg, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnert. „ Auf der Spitze dieses Berges ist ein tiefer See, in welchen Pilatus versenkt worden ist; glaubwürdige Menschen haben ihn vor vielen Jahren am Karfreitag darin herumschwimmen sehen. Dieser Berg wird nach Weisung der Bürger der Stadt beständig und aufmerksam bewacht, damit niemand ihn ohne Erlaubnis besteige oder etwas in den See werfe.« Der Berg und See bildet nun ein ständiges Traktandum in den Verhandlungen des Rates von Luzern. Am 6. Juni 1489 mußte Heini Fründ von Walenstadt Urfehde schwören; er war im Gefängnis gelegen, weil er „ gerett hat, uff Pilatusberge biderb lüten schaden zuzufügen ". Am 11. Juli 1499 wurde verordnet, „ daß alle Knecht oder ander, so ir Wandlung im Eyendal hand, an helgen schwören sollen, bei dem Sew dhein geschrei machen noch ander Unfuegen ". Am 18. Mai 1532 erhält Martin von Renk 6 Schilling, „ dem Sennen uff Pilatus berg den Eid geben ". 1544 ging das Gerücht in Luzern, der Hauptmann Golder sei nach seinem Tode in den Pilatussee verbannt worden. Mehreremal noch im sechzehnten Jahrhundert, so 1546, 1570 und 1591, wurde von Luzern aus bei den Regierungen von Obwalden und Nidwaiden Klage geführt, daß die Hergis-wiler in der Frakmünd und bei dem Pilatussee jagen und schießen. Die Unterwaldner kümmerten sich also wenig um das Verbot. Am 2. Juli 1594 wurden dann durch Beschluß des Rates von Luzern die Sennen des Eides, daß sie niemand zum See auf den Pilatusberg gehen lassen sollen, entbunden, zugleich wurde ihnen befohlen, diesen „ See oder Güllen " abzugraben.

Der berühmte und „ aufgeklärte " St. Galler Gelehrte und Historiker Vadianus ( Joachim Watt, geboren 1484 ) erzählt: „ Es giebt wunderbare Dinge, die man sich nicht anders erklären kann, als daß man sie einer göttlichen Kraft ( numen ) zuschreibt, welche, wie Plinius sagt, durch die ganze Natur verbreitet ist und sich auf die verschiedenste Art kundgiebt. So liegt z.B. in der berühmten Stadt Luzern ein hoher Berg, welcher in der Landessprache Frakmont genannt wird. Ein wenig unterhalb des Gipfels ist ein sehr kleiner See oder vielmehr ein Morast, welchem man den Namen des Pilatussee gegeben hat. Wirft man mit Absicht etwas hinein, so giebt er seinen Zorn durch erschreckliche Wetter kund. Fällt jedoch zufällig etwas in ihn hinein, so rührt er sich nicht, gleichsam als ob er verstünde, daß dem, was von ungefähr geschieht, keine böse Absicht zu Grunde liegen kann. "

Im Jahre 1518 begiebt sich Vadianus in Begleitung eines Zürchers und zweier Luzerner, darunter eines Kanonikers, selbst auf den Berg, um zu untersuchen, ob etwas Wahres an der alten Sage sei oder nicht. Sein Bericht ist unklar und gewunden. Er darf nicht alles sagen, was er zu sagen hätte. Der böse Geist hat sich allerdings nicht gezeigt, aber es muß doch etwas daran sein, „ daß die durch Erfahrung und Autorität so vieler wahrgenommenen und bestätigten Wunder der Natur Ungeheures hervorzubringen vermögen ". Die Gesellschaft scheint erschrockener wieder zurückgekehrt zu sein, als sie hinaufgegangen ist.

Nach und nach fangen aber doch die abergläubischen Vorstellungen an zu verschwinden. 1555 ersteigt der Zürcher Philologe, Historiker, Arzt und Naturforscher Konrad Gesner ( geboren 1516 ) unsern Berg in naturwissenschaftlichem Interesse und liefert im gleichen Jahr seine de-8criptio Montis Fracti seu Montis Pilati, welche wenigstens für die gebildete Welt die Gespenster verscheucht. Eine ähnliche Besteigung des Pilatus unternimmt zu ähnlichen Zwecken der Basler Arzt Felix Platter, wahrscheinlich im Jahr 1580. Endlich im Jahre 1585, so erzählt Maur. Antonius Cappellerius in seiner Pilati Montis historia ( 1767 ), hat Stadtpfarrer Magister Müller in Luzern den Glauben an die Märe vom Pilatussee erschüttert, wenn auch nicht vollkommen getilgt. Er begab sich in zahlreicher Gesellschaft auf den Berg, rief den Geist mit der Beschwörungs-formel an: „ Pilat wirff aus dein Kath " ( Coenum tuum disperge Pilate ) und warf Steine in den See, aber kein Gewitter stieg auf, Leute mußten im See herumwaten und es ereignete sich nichts Außerordentliches. ( Vergleiche auch Dr. Kasimir Pfyffer: Der Kanton Luzern. 1858. ) Gleichwohl sprachen die Sennen auf Frohstaffel nahe beim See bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch durch den Milchtrichter, um den Unhold zu verscheuchen, folgenden Alpsegen ( nach Cappellerius ):

Ho -ho- ho - oe. ho-ho-oe-ho-ho. Ho-Lobe-ho Lobe, nemmet all tritt in Gottes namen Lobe: ho-Lobe nemmet all tritt in unser Lieben Frauen namen Lobe: Jesus! Jesus! Jesus Christus, Ave Maria, Ave Maria, Ave Maria. Ach Lieber Herr Jesus Christ, behut Gott allen Leib, Seel, Ehr, und Gut, was in die Alp gehoeren thut. Es wait Gott und unsere herzliebe Frauvv; es wait Gott und der heilig Sant Wendel; Es wait Gott und der heilig Sant Antony; Es wait Gott und der heilig Sant Loy. Ho- Lobe nemmet all Tritt in Gottes Namen Lobe.

Die Berge werden von den Menschen des Altertums und des Mittelalters gemieden; sie lassen die einen teilnahmlos, den andern erwecken sie Furcht oder Abscheu.

Der finstere Bann, welcher über der Welt des Mittelalters lag, wurde im 14. Jahrhundert von dem sonnigen Italien aus gebrochen. Zu derselben Zeit, da in Luzern Leute eingekerkert wurden, weil sie es versucht, dem schlimmen Gespenst auf dem Pilatusberg nachzuspüren, und Ratbeschlüsse auf Ratbeschlüsse gefaßt werden, um ein Betreten des gottverlassenen Berges zu verhindern, erwacht jenseits der Alpen zum erstenmal der Bergtrieb. „ Frei von zahllosen Schranken, welche anderswo den Fortschritt hemmten, individuell hoch entwickelt und durch das Altertum geschult, wendet sich der italienische Geist auf die Entdeckung der äußern Welt. " ( Jakob Burckhardt, Kultur der Renaissance II, pag. 16 ff. ) Es war ein hochbegabter italienischer Gelehrter und Dichter, Francesco Petrarca ( geboren 1304 ), Zeitgenosse Dantes und Boccaccios, welcher zuerst den freien Blick nach den Bergeshöhen richtete und, erfüllt von der Überzeugung, daß sich ihm da oben weitere Horizonte eröffnen werden, eine Bergfahrt um ihrer selbst willen unternimmt.

Schon von Jugend auf, wird uns berichtet, liebte er die Einsamkeit. Er schätzt und versteht die Reize einer schönen Landschaft, sie beruhigt ihn, er geht dem Gesang der Vögel nach, hört das Murmeln des Baches und das Rauschen der Blätter in den Bäumen. Nichts hält ihn ab, weder sein unermüdliches Studium, noch seine Liebe zu Laura, noch sein Verkehr an den Höfen, noch die wichtigen politischen Geschäfte, welche ihm Fürsten und Republiken übertragen, immer wieder in der freien Natur Erholung und Beruhigung zu suchen. Er beschreibt den Golf von Spezia, einen Seesturm, den er in Neapel beobachtet, es überrascht ihn ein Landschaftsbild im Wald von Reggio, er kennt die Schönheit von Felsbildungen, „ auch das merkwürdige Schauspiel entgeht ihm nicht, welches durch den Kontrast einer sommerlichen Meeresküste und der den Hintergrund des Panoramas abschließenden schneebedeckten Alpenkette gebildet wird ". ( F. X. Kraus. ) Ad. Gaspary charakterisiert ihn folgendermaßen: „ Man hat Petrarca den ersten modernen Menschen genannt, und insofern mit Recht, als bei ihm zuerst die innere Welt eine selbständige Bedeutung erhält, beobachtet, analysiert wird. Das Mittelalter kannte kein so ausgebildetes psychologisches Leben. Der Canzoniere Petrarcas zum erstenmal in der Poesie offenbart eine menschliche Seele in ihren Kämpfen, ihren Schmerzen und Widersprüchen. Dieses ist seine große Originalität "...

Die berühmte Besteigung des Mont Ventoux in der Provence durch Petrarca darf deshalb als die allererste Besteigung in der heutigen Bedeutung des Wortes, nämlich als erste Erklimmung und Bezwingung eines jungfräulichen Berggipfels gelten, unternommen in der einzigen Absicht, ein großartiges landschaftliches Rundgemälde zu genießen. Dieses für die damalige Zeit unerhörte Wagnis sollte für den kühnen Bergsteiger einen merkwürdigen, eigentlich tragischen Abschluß erhalten.

Von dem Mont Ventoux hat uns C. v. Seyffertitz ( S.A.C. St. Gallen ) im Jahrbuch S.A.C. X, pag. 185 ff., einen anschaulichen und lebendigen Reisebericht geliefert. Ich darf darauf verweisen, wer ihn noch nicht kennt, wird ihn mit Vergnügen lesen. Der Berg ist die letzte Erhebung des großartigen Bergmassives, welches sich von den Cottischen Alpen west- und südwärts gegen das untere Rhonethal verzweigt und hier zwischen den beiden großen Bergströmen, der Isère im Norden und der Durance im Süden, sich in ein niedriges Hügelgewirr auflöst. Etwas nordöstlich von Avignon wird dieses Hügelland noch einmal, hart aus der Ebene aufsteigend, zu einer isolierten Erhebung aufgetrieben. Diese Erhebung ist der Mont Ventoux, er beherrscht fast ein Viertel von Südfrankreich und gilt als der westliche Markstein unserer Alpenkette.Von Westen erscheint er als eine breite, schiefe Pyramide, während er sich von Süden als eine langgestreckte, fast gleichmäßig hohe Wand darstellt. Seine Höhe über Meer beträgt 1912 Meter, er ist also fast gleich hoch wie unser Frohnalpstock ( 1919™ ), nur muß man sich gegenwärtig halten, daß man sich im Rhonethal ihm gegenüber kaum 40 Meter über dem Meer befindet, daß er also um so viel höher scheint, als die Erhebung unseres Alpenvorlandes über dem Niveau des Rhonethaies beträgt.

Diesen Berg hat Petrarca am 26. April 1336 bestiegen. Seine Besteigung beschreibt er in einem berühmten Brief an Joannes aus dem Hause Colonna.2 ) Der Brief ist in elegantem Latein geschrieben.

Seine Familie befand sich seit 1312 in Avignon, wohin der Sitz des päpstlichen Hofes im Jahr 1309 verlegt worden war. Von hier begab er « ich zum Studium nach den Universitäten Montpellier und Bologna, unternahm auch langdauernde Reisen durch Italien, kehrte aber immer wieder nach Avignon zurück, wo er auch mit seinem Bruder Gherardo in den geistlichen Stand eintrat. Sein Lieblingsaufenthalt war die nahe Vaucluse. Hier widmete er sich in der Einsamkeit seinen Altertumsstudien, hier war es auch, wo er seine Madonna Laura besang.

Als er den Mont Ventoux bestieg, war er 32 Jahre alt.

„ Am heutigen Tag ", schreibt er, „ habe ich diesen höchsten Berg der Gegend, den Mons ventosus, der nicht mit Unrecht seinen Namen, als des von den Winden gepeitschten Berges, trägt, bestiegen: sola videndi insignem loci altitudinem cupiditate ductus, einzig von dem Wunsche beseelt, einmal eine wirkliche Bergeshöhe zu sehen. Schon seit vielen Jahren steckt mir diese Reise im Sinn; denn du weißt, daß ich von Jugend auf, wie ja das Schicksal die Menschen dahin und dorthin würfelt, mich in diesen Gegenden aufgehalten habe, dieser Berg aber, der weit und breit von überall her sichtbar ist, steht mir immer vor den Augen, und es ergriff mich endlich das stürmische Verlangen ( impetus ), das zu unternehmen, was ich heute unternommen habe. "

Sein Entschluß ist zur Ausführung gereift, als er eines Tages seinen Livius wieder zur Hand genommen und auf die Stelle gestoßen war, wo berichtet wird, daß Philipp, der König der Macedonier, der Feind der Römer, den thessalischen Berg Haemus erstiegen und von hier aus zwei Meere, das adriatische Meer und den Pontus Euxinus, erblickt habe. J ) „ Ob diese Notiz wahr ist, fügt der gewissenhafte Historiker bei, weiß ich nicht, denn der Berg Haemus ist weit von uns entfernt und die widersprechende Darstellung der Schriftsteller macht die Sache zweifelhaft. Aber wenn ich von jenem Berg so viel Kenntnis hätte, wie von diesem hier, so würde ich der Wahrheit bald auf die Spur kommen. Jedenfalls — und dies ist ein recht charakteristischer Ausspruch — darf man mir als jungem Manne, der sich in einer einfachen Privatstellung befindet, wohl verzeihen, daß ich etwas unternommen habe, was an einem König und dazu noch an einem Greisen nicht getadelt wird. " Man sieht klar, sein Unternehmen ist ein so ungewöhnliches, so gewagtes, daß er nach Gründen suchen muß, um es vor seinen Zeitgenossen wenigstens zu entschuldigen.

Mit diesem historisch-philologischen Trost waren aber seine Bedenken beschwichtigt. Nun litt es ihn nicht mehr. Gleich am folgenden Tag nachDie Stelle bei Livius XL, 21. 22. Aus dem ganzen Zusammenhang geht hervor, daß diese Bergbesteigung ( 181 v. Chr. ) einen durchaus militärischen Zweck hatte. Sie mißlang vollständig. Philipp III. gewann mit kleinem Gefolge unter vielen Mühsalen die Höhe des Berges ( eines Gipfels des Balkangebirges ), geriet in unwegsame, finstere Waldungen, hatte sehr von Kälte zu leiden und sah vor Nebel gar nichts.

Entdeckung der Stelle in Livius mußte das Unternehmen ins Werk gesetzt werden. Aber wer soll ihn begleiten? Lange besinnt er sich über die Wahl eines Gefährten. Er hält Umschau im Kreise seiner Freunde. Wie wunderbar. Nicht ein einziger scheint ihm recht geeignet zu sein, „ so selten und so schwer ist die Übereinstimmung des Wollens und dea Gefühls ". Dieser ist ihm zu vertrauensselig, jener zu ängstlich, der eine zu hastig, der andere zu bedächtig, der eine zu trübsinnig, der andere zu lustig; wieder einer ist ihm nicht gescheit genug, ein anderer über-klug; bei dem einen mißfällt ihm die Schweigsamkeit, bei dem andern die Schwatzhaftigkeit; der eine ist ihm zu schwer und fettleibig, der andere zu mager; der eine macht ihm Verdruß mit seiner kalten Teil-nahmlosigkeit, der andere mit seinem wortreichen Enthusiasmus. „ Alle diese Eigenschaften, wenn sie auch lästig sind, läßt man sich zu Hause gerne gefallen — denn die Liebe erträgt alles und die Freundschaft schreckt vor keinem Opfer zurück — aber auf der Reise wird die Sache schon schwieriger !" Und wie er denn alles so überdenkt und sich besinnt, was für sein Vorhaben wohl das Nützlichste sein möge, ohne daß-er doch irgend einen seiner Freunde vor den Kopf stoßen müßte, kommt ihm auf einmal ein guter Gedanke. Sein jüngerer Bruder, der einzige jüngere, German mit Namen, soll ihn begleiten. Er ist ja nicht nur sein Bruder, er ist auch sein Freund. Das wird der richtige Gefährte sein. Der Jüngling, wie ihm die Sache eröffnet wird, ist hochvergnügt, er könnte sich nichts Herrlicheres wünschen, als den gelehrten Bruder auf einer sa tollen Fahrt zu begleiten. Sie treffen die nötigen Vorbereitungen zur Abreise. Zwei Diener begleiten sie. Gegen Abend gelangen sie nach Malausana, dem heutigen Malaucène ( Département Vaucluse ), am nördlichen Fuße des Mont Ventoux. Hier bleiben sie einen Tag, um am folgenden Morgen früh vor Tagesanbruch mit den Dienern den Aufstieg zu versuchen. Hören wir nun Petrarca weiter: „ Wir steigen mit großen Schwierigkeiten aufwärts. Das felsige Terrain ist steil abfallend und hie und da fast unersteiglich. Aber der Dichter sagt richtig: Über das Maß gespannte Ausdauer ( labor improbus ) überwindet alles. Wir haben vor uns einen langen Tag, die Luft ist strahlend, es mangelt uns nicht ein fester Wille und körperliche Stärke und Gewandtheit. Nichts ist uns hinderlich, als eben die schwierige Beschaffenheit des Berges selbst. Wie wir um einen Bergvorsprung umbiegen, stoßen wir auf einen bejahrten Hirten. Er redet uns au und versucht uns mit vielen Worten von dem Aufstieg abwendig zu machen. Er sagt uns, vor fünfzig Jahren habe er einmal in einem gleichen jugendlichen Ansturm versucht, die oberste Spitze zu erreichen, aber nichts habe er von da oben zurückgebracht, als Reue und Mühsal, Körper und Kleider von den Steinen und Dorn-gebüschen zerrissen und zerschunden. Man habe auch weder vorher noch nachher je gehört, daß irgend jemand etwas dergleichen gewagt hätte.

Während er so laut und wortreich und heftig gestikulierend dieses vorbringt, wächst uns gerade aus diesem Versuch einer Verhinderung die Freude an dem Berg, der gute Mann hat 01 ins Feuer gegossen. So ist ja die Jugend, sie hört auf keine Abmahnungen. Als der Alte merkt, daß er nichts ausrichte, macht er einige Schritte nach vorn und zeigt uns mit dem Finger zwischen den Felsen einen Fußsteig, und während wir bereits wieder vorwärts schreiten, hören wir ihn noch hinter unsern Rücken Mahnungen und Ratschläge erteilen und wiederholen. Als wir ihn aus dem Gesicht verloren haben, entledigen wir uns der überflüssigen Kleidungsstücke und alles dessen, was uns hinderlich sein könnte, und setzen guten Mutes ( alacres ) unsern Aufstieg fort. "

Diese kleine Episode ist sicher keine erfundene, sondern eine erlebte, ist doch manchem Clubisten auch heutzutage schon Ähnliches begegnet. Alle die kleinen Züge sind aber in der Beschreibung Petrarcas wichtig, weil sie einzeln und im ganzen Zusammenhang die innere Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit seines Reiseberichtes darthun. Es ist das notwendig zu bemerken, denn kein Geringerer als Alexander von Humboldt hat Petrarca im „ Kosmos " ( 1847, II, pag. 53 ) nicht nur das Naturgefühl abgesprochen, sondern auch einen leisen Zweifel darüber geäußert, ob Petrarca wirklich diesen Berg erstiegen habe. Dieser Zweifel ist ganz unberechtigt. Alle äußern Zeugnisse sprechen für die Echtheit. Allein mehr noch als die äußern Zeugnisse sprechen dafür die vielen kleinen Züge, die unmöglich erfunden, nur wirklich erlebt worden sein können. Es ist fast zu vermuten, daß Humboldt, der ja im übrigen dem Dichter Petrarca alle Gerechtigkeit widerfahren läßt, den Brief über den Ventosus, obwohl er ihn citiert, nicht selbst gelesen, sondern die Notiz über die Besteigung aus dritter Hand erhalten hat.

Doch kehren wir zu unsern Reisenden zurück. Sie werden bald von jener Müdigkeit ergriffen, welche auf einen zu heftigen Ansturm zu folgen pflegt. Man macht Halt und schöpft Atem. Dann geht es wieder vorwärts. Die Gesellschaft ist etwas stiller geworden; der Ältere mäßigt seine Schritte und sucht sich praktikablere Umwege auf, während der Jüngere immer gerade aufwärts den kurzem Weg über die Felsen nimmt. Der Bruder ruft ihm von oben herunter, das sei der richtige Weg, er solle nur nachkommen, der andere antwortet von unten, er hoffe seitlich leichter zu gehen und schrecke vor dem längern Weg nicht zurück. „ Das war aber nur eine Entschuldigung für meine Faulheit ", fügt er launig bei. Während der Jüngere schon hoch oben winkt, ist Petrarca in ein kleines Thälchen geraten, von wo aus der Aufstieg nun viel schwieriger scheint. Jetzt reut es ihn, sich von der Gesellschaft getrennt zu haben, es muß aber doch versucht sein, es geht; mühsam von Stein zu Stein kletternd und außer Atem erreicht er den Bruder, der schon geraume Zeit sich oben ausgeruht hat. Sie gehen dann eine Weile wieder Petrarca verschlägt es neuerdings in ein Thälchen, wo ihm der Weg leicnter erscheint; er sucht das strenge Steigen hinauszuschieben, solange es geht, dann hat er aber immer wieder viel größere Mühe, aufwärts zu kommen. „ Der Mensch kann eben mit seinen Gedanken allein die Natur der Dinge nicht anders machen und es ist noch nie etwas Körperliches im Niedersteigen in die Höhe gekommen ", scherzt er. Der Bruder lacht, ihn ärgert es, denn es passiert ihm das gleiche Ungemach während der paar Stunden drei- oder mehrmal. Doch tröstet er sich: Es geht eigentlich im ganzen Leben nicht anders. „ Das Glück ( vita, quam beatam dicimus ) ist hoch oben, ein steiler Weg führt hinauf, viele Absätze sind auf diesem Weg zu überschreiten, mit gewaltigen Schritten muß man von Tugend zu Tugend ausholen. " Diese und andere moralische Betrachtungen richten seine Lebensgeister für den nun noch übrig bleibenden Rest des Weges wieder auf. Denn das Ziel winkt. „ Die oberste Erhebung nennen die Hirten unten den Filiolus, das Söhnchen; warum, weiß ich nicht, es sei denn aus Widerspruchsgeist, denn dieser Berg scheint in Wahrheit der Vater und Herr aller Berge ringsherum zu sein; er überragt sie alle. " Thatsache ist, daß auch heute noch, nicht zwar die Spitze, aber eine nicht weit unterhalb derselben ( bei 1788 m ) hervortretende sehr kalte Quelle „ Font-Filiole " genannt wird.

Und so sind unsere Reisenden auf der eigentlichen Spitze angelangt. Diese bietet nur geringen Raum. Sie setzen sich ermüdet nieder.

Petrarca ist überwältigt. „ Nachdem du, mein lieber Vater, die Sorgen und Mühen unseres Aufstieges gehört hast, so schenke uns eine Stunde noch, um auch die weitern Ereignisse dieses einzigen Tages wieder zu lesen. " Er scheint einem Verzückten ähnlich ( stupenti simulis steti ). Vor allem fällt ihm eine bisher unbekannte Leichtigkeit und Schärfe der Luft auf; er steht ja doch nun nach einem Aufstieg aus einer Thalhöhe von 40 Meter auf 1912 Meter über Meer. Daß ihn die Luftbeschaffenheit frappiert, ist ein Zug, der mehr als jeder andere für die Wahrheit seines Berichtes Zeugnis ablegt. Wer kennt sie nicht, diese herrliche, ganz anders geartete, freie, leichte Luft der Bergeshöhe! Petrarca hat sie sicher gespürt und genossen, das kann er in seiner Klause zu Vaucluse nicht erfunden oder kombiniert haben.

Und nun der Umblick. Unter seinen Füßen sieht er die Wolken schweben. Der Anblick ist ihm neu und überraschend. Schon kommen ihm die klassischen Bergheroen Athos und Olympus nicht mehr so unglaublich vor wie bei seinen Studien; denn was er schon über sie gelesen und gehört hat, erblickt er hier in Wirklichkeit an einem Berg, der keinen so großen Namen trägt ( minoris famae ). Aber er lenkt seinen Blick dahin, wo es ihn am meisten hinzieht, nach Italien, seinem fernen Vaterland. Dazwischen türmen sich schroff aufsteigende und schneebedeckte Spitzen und Kämme: „ das sind wohl die Alpen, welche jener wilde Römerfeind Hannibal überschritten hat, wenn es wahr ist, die Felsen mit heißem Essig sprengend ". Sie scheinen nahe und sind doch in großer Entfernung. Sehnsüchtig erspäht er, ob er Italien wirklich erblicken könne, er sieht es mehr „ mit der Seele " als mit den leiblichen Augen ( animo potius quam oculis ). Und es erfaßt ihn ein heftiges Verlangen, den Freund und die Heimat wiederzusehen. „ Man möge ihm diese Regung zu gute halten, schreibt er, ist es doch schon bei Größern vorgekommen, als er, daß sie von einem solchen nicht ganz männlichen Gefühl ( nondum virilis affectus mollicies ) ergriffen wurden. "

Seine Erregung ist eine außerordentliche. Er findet nicht Ruhe noch Zeit, sich des Anblicks rings um ihn herum zu erfreuen. Seine Gedanken werden unter dem gewaltigen Eindruck des Augenblickes nach einer ganz anderen Richtung gedrängt. Er erinnert sich, daß er gerade heute vor 10 Jahren nach Vollendung seiner Studien jung die Universität Bologna verlassen hat. „ 0 unsterbliche Gottheit, o unwandelbare Weisheit, wie viel Stürme haben seither mein armes Herz durchtobt und noch bin ich nicht im Hafen eingelaufen, daß ich mich in Sicherheit des Überstandenen erfreuen könnte. " Vor seiner Seele geht sein ganzes bisheriges Leben mit seinen Illusionen, seinen Irrtümern, seinen Thorheiten, seinen Kämpfen und Enttäuschungen vorbei. Das Bild der Laura taucht auf, er nennt sie nicht, aber es ist kein Zweifel, daß er sie im Sinne hat, wenn er sagt: „ Ich liebe nicht mehr, was ich bisher geliebt habe, doch nein, ich lüge; ich liebe noch, aber wahrhaftiger, aber trauriger. Wie soll das alles noch enden, was wird aus mir in dem beginnenden Alter noch werden, bis ich zur Tugend gelangen kann. " Er freut sich dessen, was ihm bis jetzt gelungen ist, er beklagt, was unvollkommen geblieben, er trauert über die Vergänglichkeit alles Menschlichen. Ob all diesen melancholischen Gedanken hat er fast vergessen, wo er sich befindet und weshalb er hierher gekommen ist. Aber schon drängt die Zeit zur Rückkehr, die Sonne fängt an zu sinken, der langwachsende Schatten des Berges schreckt ihn aus seiner Betrachtung. Er erwacht wie aus einem Traum. Noch einmal schaut er sich um. Gegen Westen blickend sucht er die Grenzscheide zwischen Gallien und Hispanien, die Pyrenäen; er kann sie nicht erkennen, zwar liegt seines Wissens nichts dazwischen, was sie verdecken könnte, nur reicht die menschliche Sehkraft nicht aus. Dagegen werden zur Rechten ( nach Norden ) die Berge von Lyon ( Lugdunensis provinciae ) sichtbar, zur Linken ( nach Süden ) der Busen von Marseille ( Massilia ), das Meer und noch weiter ( nach Südwesten ) die manche Tagreise entfernten Aigues-mortes ( aquae mortuae ). Unter sich in der Ebene erblickt er sehr deutlich die glänzende Linie des Rhoneflusses. Wie schade, denken wir neuen Menschen, daß er sich auf diese dürftigen Details beschränkt, gerne hätten wir ihm seine philosophischen Betrachtungen, die von seiner Zeit so sehr bewundert wurden, geschenkt, wenn er uns die Aussicht noch ausführlicher beschrieben hätte! „ Man würde ihm aber Unrecht thun, wenn man aus seinem schwach und wenig entwickelten Vermögen der landschaftlichen Schilderung auf einen Mangel an Empfindung schließen wollte. " ( J. Burckhardt. ) Seine Empfindung äußert sich eben in der großen seelischen Erregung, die sein ganzes Innerstes aufwühlt.

Wie nun Petrarca das Einzelne bewundert und bald das vor ihm liegende Irdische zu verstehen versucht, bald in Gedanken zu überirdischen Höhen sich aufschwingt, fällt ihm auf einmal das Büchlein in die Augen, das er immer mit sich führt, die Confessiones des hl. Augustinus. Es ist ein Geschenk seines väterlichen Freundes, dem er diesen Brief widmet, klein und in handlicher Form, aber von großer Süßigkeit ( infinitae dulcedinis ). Er öffnet das Büchlein, er wundert sich, auf welche Stelle an diesem erhabenen Ort und in diesem denkwürdigen Augenblicke er stoßen werde. Man liebt es ja in alten und neuen Zeiten, bald mit Dante, bald mit Virgil, bald mit der Bibel solche Stichproben ( Sortes Virgilianae ) anzustellen. Der Bruder ist begierig, zu hören, was nun der hl. Augustin in diesem Falle sprechen wird. „ Gott ist mein Zeuge, ruft Petrarca aus, an der Stelle, auf welche ich meine Augen richtete, im zehnten Buch, stand geschrieben:

„ Da gehen die Menschen hin und bewundern die Bergeshöhen und die gewaltigen Fluten des Oceans und die breiten Stromläufe und den Meeresgürtel und die Bahnen der Gestirne und verlassen sich selbst.Petrarca gerät in die tiefste Bestürzung; also was er erstrebt, als ein Höchstes und Begehrenswertes schon lange ersehnt hat, den Ausblick in die freie Natur von stolzer Bergeshöhe, das war eine Verirrung, eine Sünde, ein Verbrechen. Da steht der Spruch des ascetischen Mönchs in flammenden Buchstaben geschrieben. Kein Zweifel, er ist gerichtet.

Stumm schließt er das Buch. Dm- Bruder sieht ihn fragend an. „ Be-lästige mich nicht !" sagt Petrarca verdrossen. Seine Kraft ist gebrochen, er vertieft sich in lange, düstere, mystische Betrachtungen über die Eitelkeit dieser Welt und seine eigene Verblendung, und immer klarer wird es in seinem Innern, daß man nicht nach irdischen Bergeshöhen, sondern nach andern Höhen streben soll, wo alles Irdische abgestreift ist.

So hat sich auf der Spitze des Ventoux, auf welche noch niemand gestiegen war und welche zu jener Zeit niemand zu erreichen sich getrauen konnte, ein wunderbarer Kampf zwischen dem Mittelalter und der neuen Zeit abgespielt. Ein edler, großartig angelegter Mensch, welcher die Ziele einer neuen Zeit ahnt, wagt das Unerhörte, der Natur frei von der Bergeshöhe in das Antlitz zu schauen; fast erreicht er sein Ziel, und im letzten Augenblick macht ihm das ascetische, unduldsame, beschränkte Mönchstum die Palme streitig. Das Mittelalter hat gesiegt. Der schwere Kampf, der auf dem Ventoux über den Wolken ausgefochten wurde, endigt tragisch, mit der Niederlage des Helden.

Schweigend kehren die Reisenden zu der ländlichen Herberge zurück, von der sie frühmorgens vor Tagesanbruch so fröhlichen Mutes aufgebrochen waren, nach Malaucène. Die Nacht war schon angebrochen, der Mond spendete beim Abstieg willkommenes Licht. Während die Diener die Zurüstungen für ein Nachtessen besorgen, zieht sich Petrarca in einen entlegenen Winkel des Hauses zurück und schreibt die Erlebnisse dieses denkwürdigen Tages nieder, unter dem frischen Eindruck des Erlebten und mit dem Wunsch an den Freund, daß er erkennen möge, wie seine bisher unsteten und weitausschweifenden Gedanken nun zum allein Guten, Wahren, Sichern und Festen zurückgekehrt seien!

In der That, das Mittelalter hatte gesiegt, und zwar so gründlich, daß es volle vier Jahrhunderte dauert, bis ein anderer weitblickender Geist es wieder unternimmt, der Menschheit den Weg auf die Berge zu weisen. Nicht daß es in dieser langen Zeit an einzelnen Versuchen gemangelt hätte, eine freie Bergbesteigung zu unternehmen. Ich nenne den Tiroler Arzt Guarinonius, den Zürcher Konr. Gesner, Rhellikan den Berner. Hierher gehören wohl auch Rousseau und Haller, obwohl diese eigentlich die Berge nur aus der Ferne betrachtet haben.

Das sind die Pioniere der Alpenkunde. Aber erschlossen hat doch erst Goethe, der Dichter, Gelehrte und Naturforscher, das Verständnis und den Sinn für die Bergwelt und ihre Herrlichkeit. Vor seinem siegreichen Schritt zerstieben alle die Vorurteile und mystischen Vorstellungen, die noch an den Bergen hafteten, wie die Nebel vor der Sonne. Als Goethe im Jahr 1775 vom Zürchersee aus den St. Gotthard bereiste, als er im Jahr 1779 den Noirmont und die Dole bestieg, das Chamounix durchquerte und die Furka im Schnee überschritt, da waren die Berge endgültig und für alle Zeiten erobert!

Auf der Höhe des Ventoux steht, an die Kuppel des Gipfels angelehnt, eine alte, kleine, einsame Kapelle; sie soll zum Gedächtnis an Petrarca erbaut worden sein. Einmal im Jahr wird darin eine stille Messe gelesen. In der Nähe ist vor kurzem, als Wahrzeichen der neuesten Zeit, eine meteorologische Beobachtungsstation eingerichtet worden, wie bei uns auf dem Säntis. Sonst hat sich seit Petrarcas Zeiten nicht viel geändert. Wie damals werden auch heute noch die Schafherden an die Hänge des Berges hinaufgetrieben, wo Lavendel, Thymian und andere wohlriechende Kräuter prächtige Weide bieten; die Hirten sind wettergebräunte, verwahrloste Gestalten, mit Sandalen an den Füßen und in Schafpelze gekleidet, gewiß die gleichen Typen, wie sie Petrarca bei seinem Aufstieg begegnet sind. Um den Gipfel des freistehenden Berges jagen und tosen wie ehedem die Winde, bald von der Alpen-, bald von der Meerseite: der Mons Ventosus macht seinem Namen noch immer alle Ehre.

Die Erinnerung an den Dichter Petrarca lebt im Bewußtsein des Volkes fort. Die Provençalen betrachten ihn, obwohl er seine Liebes-klagen in einer ihnen fremden Sprache gedichtet hat, als den Ihrigen, sein Name giebt ihrem Lande Glanz und Ansehen. Wenn von der berühmten Quelle zu Vaucluse die Rede ist, so werden immer Francese » Petrarca und Madonna Laura genannt. Ein Strahl dieses Glanzes fällt auch auf den Ventoux, denn Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht.

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