Zwei Paar Schuhe für Patagonien

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Daniel H. Anker, Bern

Michel Piola auf dem Gipfel der Aguja Poincenot Im Wandel der Zeit Vieles hat sich in den fünf Jahren seit meinem letzten Aufenthalt in Patagonien ( dem südlichsten Zipfel Argentiniens ) verändert. Den Rio Fitz Roy überspannt eine neue Betonbrücke, und die dahinterliegende Ebene wird von einem Dutzend frisch aus dem Boden gestampfter Einheitshäuser verziert. Bei diesem Anblick überkommt mich leise Wehmut. Wie abenteuerlich gestaltete sich bei unserem früheren Patagonien-Besuch allein schon die Querung des eiskalten Flusses. Inzwischen hat das Zeitalter des mobilen Tourismus auch hier endgültig Einzug gehalten, und am ebenfalls neu installierten Zeltplatz vorbeifahrende Lastwagen sowie ein von fernen Sprengungen verursachtes Donnern zeugen von den Arbeiten zur Weiterführung der Strasse.

Einmal mehr muss ich feststellen, wie rasch man sich an Veränderungen gewöhnt, vor allem dann, wenn sie mit Annehmlichkeiten verbunden sind. Jedenfalls bin ich froh, ohne nasse Fusse weiterzumarschieren und bei der ersten Etappe unsere schweren Säcke dem Gaucho und seinen Pferden anzuvertrauen. Im Moment scheint uns das die Hauptsache, selbst wenn es als Beweis für die Verweichlichung der komfortgewöhnten Alpenbergstei-ger dienen könnte. Aber ist eine derartige Betrachtungsweise berechtigt? Werden die Entbehrungen und Abenteuer dadurch nicht einfach nur weiter in die Berge hinauf verschoben? Im Wandel der Zeit ändert sich auch die Art und Weise des Vorgehens, ein Phänomen, das sich in Patagonien ebenfalls deutlich beobachten lässt. Das gilt besonders dort, wo es um Material und Kletterzeiten geht. Vor fünf Jahren mühten Thomas Wüschner und ich uns - wie es damals üblich war - in Lederdop-pelschuhen und mit Steigeisen und Rucksack auf den Cerro Torre. Heute erhofft sich der moderne Patagonien- jedoch schnelle Klettereien, mit Slicks und T-Shirt. Genau so, wie er es in einem Film von Marco Pedrini gesehen hat. Auch ich habe mich zu Hause, weit weg von der harten Realität, von diesen Bil- dem blenden lassen und dabei meine Erinnerungen an die rauhen Patagonienstürme verdrängt. Doch sehr rasch wird es sich weisen, dass auch heute noch zwei Paar Schuhe nötig sind, um den unterschiedlichen und rasch wechselnden Situationen an den einzigartigen Granittürmen Patagoniens gewachsen zu sein.

Mit warmen Kunststoffschuhen 25. Dezember 1988. Es ist Nacht, und ich liege in unserem Zelt, das wir auf dem Marco-nigletscher aufgestellt haben. Plötzlich bemerke ich, wie die schulterhohe Windschutz-mauer aus aufgeschichteten Steinen zu schwanken beginnt und auf mich herunterfällt. Mit einer verzweifelten Bewegung versu- Lago Electrico Piedra del Fraile 3441 m A F'ö Royaso Superior 3036 mk. A.Poinc/inot nnominata A. Saint-Exupéry Laguna Torre Das Fitz-Roy-Gebiet mit den Anmarschwegen zum Pollone-Pfeiler und zur Aguja Poincenot che ich, mich gegen die Zeltmitte hin zu retten und - ich schrecke aus dem Schlaf. Es dauert Momente, bis ich realisiere, dass dies nur ein Alptraum war. Während sich mein Atemrhythmus langsam wieder normalisiert, höre ich, wie feuchte Schneeflocken monoton auf das Zeltdach fallen. Dazwischen ertönt aber tatsächlich ein etwas besorgniserregendes Knirschen in der Mauer, die in der vergangenen Nacht auf Michels Seite bereits einmal eingestürzt ist. Glücklicherweise haben wir beim Errichten unseres Bauwerkes vorsichtshalber daran gedacht, alle Mauern schräg nach aussen anzulegen, so dass die Steine kaum auf unsere Seite stürzen können. Wind und Regen setzten dem scheinbar soliden Kunstwerk trotzdem stark zu, und wir werden schon bald erste Renovationsarbeiten vornehmen müssen. Wie ungeschickt wäre es doch, in Patagonien, unmittelbar am Fuss der schwierigsten Kletterberge der Welt, unter dem eigenen Bauwerk begraben zu werden.

--ET Endlich in Patagonien! Auf dem Anmarsch zu unserem Ziel Wie viele Tage oder Wochen würde es wohl dauern, bis uns hier jemand suchen würde?

Bei all diesen Überlegungen bin ich nun endgültig wach geworden. Offenbar hat uns der gestrige Tag etwas mehr zugesetzt als erwartet. Jedenfalls kommen meine Angst-träume nicht von ungefähr. Angestrengt versuche ich, mir die Ereignisse wieder in Erinnerung zu rufen.

Vor zwölf Stunden hingen wir noch oben am Pollonepfeiler und schaukelten wie zwei faule Pflaumen im Wind. Bei Tagesanbruch war der Himmel beinahe wolkenlos. Wir starteten voller Begeisterung, denn während der letzten vierzehn Tage hatten wir nur einmal ähnlich gutes Wetter gehabt. Doch schon im Aufstieg über die steilen Schneehänge zu unserem Pfeiler nahten von Chile her die ersten Wolken im Eilzugstempo. Trotzdem arbeiteten wir uns die ein paar Tage zuvor mit Fixseilen versehenen ersten hundert Meter empor. Der kalte Wind verstärkte sich zusehends, doch das anstrengende Steigen und Ziehen in der Senkrechten wärmte uns etwas auf. Am höchsten Punkt des letzten Versuches angelangt, zog Michel alle verfügbaren Kleider an, während ich meine nur mit feinen Strümpfen bedeckten Füsse, in die engen eiskalten Kletterfinken presste. Heute war es an mir, den Vorstieg zu übernehmen. Doch schon nach wenigen Klettermetern war jegliches Gefühl aus den Zehen gewichen. Schnell setzte ich einen sicheren in den vor mir hochziehenden Riss, hängte das Seil in den Karabiner und liess mich, von Michel gehalten, zum Stand hinuntergleiten. Etwas später versuchte ich es ein zweites Mal mit Michels um einige Nummern grösseren Kletterschuhen. Selbst mit zwei Paar Wollsocken genoss ich in ihnen immer noch eine komfortable Zehenfreiheit. Zusammen mit dem nassen Fels und den vereisten Rissen führte dies zum althergebrachten und vielbewährten -Kletterstil, was soviel bedeutet wie olles gilt ) ( im Gegensatz zu olles frei ), ( a.f.> ). In der Praxis ergab sich daraus folgender Arbeitsablauf: Sobald ein kurzes Stück des Risses mit dem Hammer vom Eis befreit war, wurde der passende ( Friend ) hineingesteckt und der erste Steigbügel eingehängt. Darauf suchte ich die nächstbeste Schuppe, fixierte den zweiten Steigbügel mit einem Cliffhänger, hielt den Atem an und stieg so weit wie nur möglich die unsichere Leiter hoch. Kaum hatte ich etwas weiter oben eine gute Zwischensicherung angebracht, hängte ich mich ins Seil und sammelte einen Teil des eben verwendeten Materials wieder ein. Darauf begann das Spiel von neuem, bis die fünfzig Meter unserer Doppelseile ausgeklettert waren. Eine derartige Seillänge beanspruchte Abseilmanöver im Schneesturm am Pollonepfeiler Kletterei an den Granit-schwarten des Pollone-pfeilers mich gegen zwei Stunden. Zudem waren die Handschuhe mit den Fingerlöchern klatsch-nass geworden, und das Wasser rann mir in die Ärmel, sobald ich die Arme zur nächsten Kletterbewegung anhob. Vor allem die letzten Meter einer Seillänge erwiesen sich als jeweils besonders heikel und nervenaufreibend, da trotz aller Voraussicht vielfach der geeignete oder der passende Klemmkeil fehlte, um eine zuverlässige Sicherung anzubringen. Erst nach Erreichen des Standplatzes schlug ich einen kostbaren Bohrhaken - worauf ich das eine Seil blockierte, das Michel zum Nachsteigen mit den Jümars benutzte, wäh- renddem ich am zweiten Seil unseren leuchtend gelben Materialsack hochzog.

Rasch verstrich die Zeit. Plötzlich steckten wir in den Wolken, und es begann nass zu schneien. In den schweren und steifen Kunststoffschuhen nahm ich die nächste Seillänge in Angriff. Bei trockenem Fels hätte sich der eisverkrustete Riss sicher einigermassen rasch durchklettern lassen, nicht aber bei diesem Wetter und in dieser Kälte. So entschlossen wir uns zur Umkehr und seilten im nun dichten Schneetreiben an den Fixseilen ab. Auf dem Weg zum Zelt schleuderte uns der Wind die Schneekörner wie Nadeln ins Gesicht, und jede Böe brachte mich aus dem Gleichgewicht. Auf den letzten Metern des flachen Gletschers schwebten grosse Schneeflocken herab. Dicht und leise. Eigentlich genau richtig zum Heiligabend -wenn wir uns hier jahreszeitlich nicht im Südsommer befunden hätten. Nachdem wir Wasser geholt, die nassen Kleider ausgezogen und in der Zeltapsis verstaut hatten und ein letztes Mal vor Kälte zitternd hinter einem Block verschwunden waren, konnten wir endlich in den warmen Schlafsack schlüpfen. Wir fühlten uns müde, zufrieden und geborgen, während wir hörten, wie die nassen Schneeflocken sanft und monoton auf das Zeltdach fielen.

Etwas für die Kletterfinken 11. Januar 1989, am Ostpfeiler der Aguja Poincenot: Nachdem ich mich die ersten drei Seillängen wegen des gestern gefallenen Neuschnees noch mit den Plastikschuhen habe hochtasten müssen, kann ich nun endlich in die Kletterfinken schlüpfen. An feinen Griffen und Tritten das Gleichgewicht suchend, ziehe und schiebe ich mich die beinahe senkrechte Platte hoch. Dabei ist die Oberfläche des Granits derart spröde, dass ich jeden Haltepunkt zuerst kurz vom feinen Gesteinsstaub reinigen muss. Ein kleiner , ein Klemmkeil, schliesslich ein schlechtsitzender Haken - die Absicherung wird immer fragwürdiger. Während ich einen weiteren Haken hinter eine hohltönende Schuppe zu schlagen suche, spüre ich deutlich die grosse Leere unter mir. Ich muss an den ungarischen Kletterer denken, der vor drei Tagen beim Abseilen aus der Schrägrampe der Normalroute direkt un- ter uns abgestürzt ist. Immer noch liegt er irgendwo achthundert Meter tiefer auf dem schwer zugänglichen Gletscher, ohne dass seine Kameraden per Helikopter nach ihm suchen können. Bei den hier herrschenden, meist extremen Windverhältnissen ist ein Flugeinsatz sehr riskant, weshalb man bei einem Bergunfall höchstens auf die Hilfe anderer Kletterer hoffen darf, und auch das nur, wenn sich solche überhaupt in der Nähe aufhalten. Sorgenvoll überlege ich, welche Zwischensicherung mich wohl bei einem Sturz halten würde. Wenigstens ist der Stand super... Noch zwei Meter, dann habe ich genug von diesem gewagten Spiel. Vergeblich versuche ich einen Haken oder einen Cliffhänger anzubringen, um mich fixieren und so beide Hände zum Bohren frei bekommen zu können. Vergebliches Bemühen! Schliesslich beginne ich ganz vorsichtig, nur auf einem abschüssigen Tritt stehend, mit dem Hammer auf den Bohrmeissel zu schlagen. Nach zwei langen Minuten ist das Loch endlich so tief, dass mir das im Fels steckende Bohrgerät wenigstens einen bescheidenen Halt geben kann. Für kurze Zeit lässt sich damit mein ermüdeter Fuss etwas entlasten. Dann bohre ich weiter, bis die gewünschte Tiefe erreicht ist, stosse den Dübel mit dem Konus hinein und schraube das Plättchen an - worauf auch mein Mut zurückkehrt. Ich vertraue wieder den kleinsten Griffen und gelange bald über eine Schuppe zum Standplatz mit einem guten Bohrhaken. In der Tat steckt dieser bereits, was seine Vorgeschichte hat: Vorgestern stiegen wir frühmorgens einige Seillängen über die Schneerampe der Normalroute hoch und querten dann auf einem abschüssigen Band in die Gipfelfallinie Pfeilers. Dabei folgte Michel Piola dem zum Teil 10 cm breiten und sehr ausgesetzten Riss, während ich, den schweren Rucksack auf dem Rücken, mit Jümar-Technik nachstieg. Ständig hatte ich das unangenehme Gefühl, die Klemmkeile würden sich, nur um mich zu ärgern, zuhinterst im Riss verbergen und das Seil bringe mich ständig aus dem Gleichgewicht, indem es mich waagerecht zur nächsten Zwischensicherung ziehe. Ich wurde erst erlöst, als wir nach 5 Seillängen in der Führung wechselten. Um 20 Uhr standen wir auf dem Gipfel der Aguja Poincenot. Trotz des kalten Windes konnten wir noch die wärmenden Strahlen der Abendsonne geniessen. Eine frohe Stimmung breitete sich in uns aus - am liebsten wären wir ewig dort oben geblieben. Doch bereits nach einer Viertelstunde mussten wir an den Rückweg denken. Die Standplätze waren von uns bereits als Abseilstellen eingerichtet worden. Und da sich das Seil beim Abziehen zum Glück nie verklemmte, ging der Abstieg rasch vonstatten. Im untersten Teil querten wir dann nicht mehr zurück zur Schneerampe, sondern richteten die nächsten Abseilstellen in direkter Linie über den Pfeiler hinunter ein, um schliesslich im letzten Tageslicht noch das steile Eisfeld am Fuss der Schrägrampe zu erreichen. Und um halb zwei Uhr in der Frühe konnten wir dann endlich am Paso Superior in unsere Schlafsäcke schlüpfen.

Heute haben wir nun diese untersten Seillängen im Vorstieg begangen. Damit ist uns in moderner Sportklettermanier eine neue Route gelungen, deren Linie wir in den letzten Tagen in Gedanken bereits mehrmals gefolgt waren. Zurück bleiben die Erinnerung an diese Zeit, ein Haufen neuer Träume und ein Paar Kletterfinken mit vollständig abgekletterter Sohle!

Sonnenaufgang beim Aufstieg zur Aguja Poincenot

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