2. Biasca unter den Domherren und Herzogen von Mailand

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Erst spät begegnet man Biasca in den geschichtlichen Aufzeichnungen. 1120 wird ein locus et fundus Abiasca erwähnt. Der Name weist verschiedene Variationen auf: Abiasca, Abiasco, Biascha, Ablesca, Habiascha, Habiasca 7 ).

Zuletzt kamen noch die Urschweizer und schufen nach ihren harten, alemannischen Zungen ein Abläsch und Piäss, welch letzteres ganz aus mundartlicher Benennung hervorgegangen ist. Auch die deutsche Bezeichnung wechselte, zuletzt wurde Ablentsch oder Ablensch üblich, ein Name, den man sonderbarerweise sogar in neuern Büchern noch findet, obwohl er nie besonders gebräuchlich war und heute total vergessen ist. Nach Salvioni, dem berühmten Romanisten, dessen Deutungen tessinischer Ortschaftsnamen massgebend sind, soll die ursprüngliche Bezeichnung Biascas Ablasco gelautet haben, aus dem dann Abiasco entstand. Letzterer Name hielt sich lange und findet sich sogar 1810 noch in dem bekannten Reisehandbuch von Ebell ( Anleitung, auf die genussvollste Art die Schweiz zu bereisen ).

Als Biasca in das Licht der Geschichte trat, stand es unter der Hoheit des Domkapitels von Mailand. Nicht nur Biasca allein unterstand ihm, sondern auch die Täler ringsum, die Leventina, die Val Blenio und die heutige Riviera.

Bis ins Quattrocento zählte man Biasca zur Leventina, die nicht nur den heutigen Distrikt, sondern auch noch die Riviera umfasste. Die Südgrenze der Leventina lag etwas unterhalb Claro und erlitt im Laufe der Zeit manche Veränderung. Später gehörte nur noch der rechtsufrige Teil der Riviera zur Leventina, und die südliche Grenze war der Bach von Moleno. Später fiel auch dieser Streifen noch ab, und das Gebiet zwischen den Einmündungen des Brenno und der Südgrenze der Gemeinden Claro und Lodrino wurde zur selbständigen Talschaft Riviera. Die drei Talschaften Leventina, Riviera und Val Blenio, die in Biasca zusammenstossen, wurden seit dem Cinquecento als « le tre Valli » ( die drei Täler ) bezeichnet, ein Name, der sich bis heute erhalten hat.

Es ist noch nicht gelungen, einwandfrei festzustellen, wie das Domkapitel von Mailand in den Besitz der Hoheitsrechte über die obern Tessintäler gelangte. Die Annahme, dass eine Schenkung des Bischofs Atto von Vercelli 948 oder des Erzbischofs Arnulf von Mailand ( 996—1018 ) zugrunde liege, scheint der Begründung zu entbehren 8 ).

Die Talleute waren in der Mehrzahl freie Bauern, auf denen, wie sich aus der Talverfassung ergibt, die Regierung der Kirche von Mailand nicht schwer lastete, und Leibeigene gab es unter der Herrschaft des Domkapitels in jener Gegend keine mehr. Die Talverfassung hatte vielfach Ähnlichkeit mit jenen der benachbarten deutschen und rhätischen Täler.

Ursprünglich und vielleicht noch unter der Herrschaft des Domkapitels von Mailand waren die Talschaften Leventina und Val Blenio zweifellos Markgenossenschaften, ähnlich den heutigen Allmendgenossenschaften der deutschschweizerischen Gebirgskantone, wie beispielsweise im Kanton Schwyz. Allmählich schied sich schon früh im Talgrund Einzelbesitz aus. So die Wiesen und Felder, die der Landmann täglich zu bearbeiten oder zu benutzen hat und daher in der Nähe seines Wohnortes haben muss. Wie im kleinen der einzelne Bauer das vor seiner Türe liegende Land als eigen abtrennte, so lösten sich im Laufe der Zeit ganze Bergtäler und Alpgebiete, die naturgemäss von den nächstliegenden Dörfern benutzt wurden, auf Grund alter Gewohnheitsrechte von der alten Markgenossenschaft ab, und diese löste sich schliesslich in kleinere, auf Dörfer oder Dorfgruppen beschränkte Allmendgenossenschaften auf. Diese letztern, damals Vicinanzie und Decanie genannt, begegnen uns heute in den « Patriziati ». Bei uns in der deutschen Schweiz sind das die Alpgenossenschaften.

Die tessinischen Vicinanzien waren streng demokratisch verwaltet. Die Bauern, zum grössten Teil Freie, wachten eifersüchtig über ihre Rechte, und die Edelleute genossen keine Vorteile. Selbstverständlich hatte sich auch innerhalb der Vicinanzien noch mancher Einzelbesitz herausgebildet. Adel und Kirche besassen manches Grundstück im Tale und manche Alp, aber im Vergleich zum Besitztum der Vicinanzien war das wenig und bedeutungslos.

Die Erscheinung von Allmendgenossenschaften im italienischen Sprachgebiet ist auffallend, wenn auch nicht vereinzelt, und steht zu der sonstigen spätem italienischen Grundbesitzverteilung im Gegensatz. Während so die wirtschaftliche Selbständigkeit in den obern Tessintälern mit Erfolg behauptet wurde, nahm die politische Entwicklung einen weniger günstigen Verlauf. Darin besteht nun ein wesentlicher Unterschied gegenüber den benachbarten deutschschweizerischen und rhätischen Bergtälern.

Das Domkapitel von Mailand hatte seine Beamten in den obern Tessintälern. Als höchster Gerichtsbeamter und oberster Verwaltungsbeamter über der « Vicinanzia » Biasca stand der Podestà. Weitere Beamte waren der Vogt ( Advocatus ), ein des Talrechtes kundiger Berater, die Judices, die dem Podestà durch ihren richterlichen Rat beistanden, und die Notare, welche urkundeten.

Alle Bewohner der drei Täler, auch die adeligen Grundherren und freien Bauern, standen unter dem Domkapitel.

Gemeinsam mit den Judices fällte der Podestà in Zivilprozessen das Urteil in erster Instanz. Diesem Gerichtshofe, der « Credencia », fiel die Ausübung der Blutgerichtsbarkeit ausschliesslich zu, da sich die Domherren als Geistliche mit derselben nicht befassen konnten.

Oberster Gerichtshof war die « Curia donnegaria », in ihm kam die Gerichtshoheit des Domkapitels zum Ausdruck. Diese Gerichtstage fielen in Biasca in den Monat November. Begleitet von einem Gefolge von Dienern und Notaren, erschienen entweder die Domherren selbst oder deren Bevollmächtigte. Ein Herold bot die Talleute zum Gerichte auf. Wer nicht erschien, konnte im laufenden Jahre kein Recht mehr fordern. Die Rechtssprechungen betrafen hauptsächlich Zivilprozesse, bei denen eine Partei die Appellation ergriffen hatte. Auch geur-kundet wurde an diesen Gerichtstagen, und Aufnahmen ins Bürgerrecht wurden vollzogen. Ferner wurden die Abgaben der Talleute entgegengenommen. Aus dem Umstände, dass diese Gerichtstage im Spätherbst abgehalten wurden, also auf die Jahreszeit fielen, in der die Naturalabgaben am besten eingezogen werden konnten, lässt sich schliessen, dass deren Entgegennahme zum mindesten soviel Bedeutung zugemessen wurde als der Gerichtshoheit selbst.

Die Zivilgerichtsbarkeit wurde durch Schiedsgerichte sehr zurückgedrängt. Die Urteile waren, wie im Mittelalter im allgemeinen, nach unseren heutigen Begriffen, sehr hart. Diebe und Räuber kamen an den Galgen, wo auch Rückfällige von geringern Vergehen zu büssen hatten. Giftmischerinnen und Kindsmörderinnen wurden lebendig verbrannt. Urkunden fälschenden Notaren wurde die rechte Hand abgeschnitten.

Den Domherren war die direkte Verwertung der in Gestalt von Naturalabgaben eingehenden Steuern nicht möglich. Das Fortschaffen derselben ( Wein, Getreide, Käse, Heu und Vieh ) hätte sich bei den damaligen Transportverhältnissen nicht gelohnt. Vielleicht gingen diese daher direkt in den Besitz des Podestà über, der den Domherren wahrscheinlich für sein Amt einen Pachtzins zu zahlen hatte, obwohl hierüber direkte Bestätigungen für Biasca fehlen.

Auch diese Abgaben scheinen nie drückend gewesen zu sein. Wenigstens las ich nirgends davon, dass die Biaskesen sich aus solchen Gründen je gegen die Kirche von Mailand aufgelehnt hätten. Da Biasca neben den wirtschaftlichen auch grosse politische Freiheiten genoss, so waren jene Zeiten bis zur Konstituierung des Kantons Tessin wahrscheinlich seine glücklichsten. Doch fehlte es an Unruhe und Ungemach auch damals nicht. Die Kämpfe um die Beherrschung der Pass-zugänge setzten schon früh ein, und die Fehden zwischen Ghibellinen und Guelfen verpflanzten sich bis in die tessinischen Bergtäler hinein. Inwieweit Biasca davon in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist nur in wenigen Fällen bekannt. Dass aber jede kriegerische Unternehmung in den drei Talschaften sich in Biasca unbedingt fühlbar machen musste, ergibt sich aus seiner Lage.

Die Talleute schlössen sich bei diesen Kämpfen derjenigen Partei an, von der sie den Fortbestand ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit erwarten konnten. Misstrauisch auf die in ihrer Mitte wohnenden adeligen Grundherren de Torre, de Giornico, de Orello und andere, dass dieselben ihre Macht vergrössern und sie, die freien Bauern, zu Unfreien ( Masnati, Servi etc. ) herabdrücken würden, standen sie fast immer auf Seite des Domkapitels. Dieses wusste sich diese Verhältnisse geschickt zunutze zu ziehen.

Der erste Streit, von dem die Geschichte Kunde bringt, liegt im 12. Jahrhundert. Wahrscheinlich gab die Erschliessung des Gotthardpasses Anlass dazu. König Konrad III., der erste Hohenstaufe ( 1138—1152 ), übergab seinem treuen Waffengefährten, dem Grafen Werner von Lenzburg, die Leventina und Val Blenio als Grafschaft. Das geschah vielleicht zur Sicherung der Alpenpässe in der Absicht, die Reichsherrschaft in Italien neu zu begründen. Aber es ging lange, bis die Grafen von Lenzburg ihre Hoheitsrechte ausüben konnten, und die Herrschaft der « Alemanni » war eine kurze. Mit der Widererstehung des 1162 von Barbarossa zerstörten Mailand wuchs das Selbstvertrauen der Lombarden in ihre Kraft, und die Wirkung blieb nicht aus. Das Domkapitel konnte seine Rechte bald wieder antreten, begrüsst von den Talleuten, die während dem Herrschafts-wechsel stets treu zu ihm gehalten hatten.

Im Frühjahr 1176 stand Friedrich Barbarossa neuerdings mit den oberitalienischen Städten im Streite. Ein Heer zog dem bedrängten Kaiser über den Lukmanier zu Hilfe. Begleitet von seinem kleinen Gefolge ging Barbarossa seinen Truppen die Val Blenio hinauf entgegen. Aber eine Stunde oberhalb Biasca sperrte Serravalle mit mailändischer Besatzung das Tal. Die Feste erlag dem gemeinsamen Angriff der beiden Kolonnen. Nachdem Barbarossa vier Tage in dem eroberten Schlosse zugebracht hatte, zog er an der Spitze seines Heeres in die Lombardei hinab. Seinem Anmärsche ging die Meldung Bellinzonas voran. Doch war die Überraschung gross, aber der Erfolg blieb am Ende nicht auf der Seite des Kaisers. In der Schlacht von Legnano ( 29. Mai 1176 ) unterlag die kaiserlich-deutsche Reiterei den mailändischen Fusstruppen. Damit war die kaiserliche Macht in Italien für längere Zeit gebrochen. Die Adeligen der Talschaften, die vom Kaiser eine Erweiterung ihrer Macht und ihres Ansehens erwartet und ihm treue Dienste geleistet hatten, änderten nun entweder ihre Gesinnung, oder sie unterlagen in den erbitterten Kämpfen, welche die Kirche von Mailand mit Hilfe der ihr ergebenen Talleute gegen sie führte. So fielen Serravalle und Curtero ( oberhalb Torre ), wo die Herren von Torre zähen Widerstand leisteten.

Um sich gegen die Herrschergelüste der einheimischen Adeligen zu schützen, hatte das Domkapitel den mächtigen Wifred de Orello von Locamo zum Vogt über die Val Blenio ernannt. Vergeblich hatte sich Guido de Torre dieser Wahl entgegengestellt und seine Ansprüche auch dann noch nicht aufgegeben, als auf die kurze Amtsdauer des Wifred dessen Sohn Guido folgte, der wohl zur Aussöhnung eine Tochter des Guido de Torre zur Frau genommen hatte. Das Adelsgeschlecht der Orelli, das der Consorteria signorile von Locamo angehörte, stellte in der Folge noch manchen Vogt und Podestà in der Val Blenio und in Biasca.

Später machte Heinrich de Sacco, Herr zu Misox, Klostervogt von Disentis und verwandt mit der Familie de Torre, Ansprüche auf die Grafschaft Blenio. Er war ein Parteigänger des Kaisers und wurde von diesem in der Absicht unterstützt, die Alpenpässe des Bernardino und Lukmanier in reichstreue Hut zu geben. Es waren verworrene Zeiten, die Talleute wehrten sich gegen die Anhänger des Kaisers und gegen die Anhänger der Domherren, und letztere trauten ihren eigenen Vögten nicht. Am Schlüsse, es war zuletzt zu einem grossen Prozesse gekommen, blieb das Domkapitel im Besitze der Val Blenio und von Biasca.

Doch schon 1240 standen die drei Talschaften bereits neuerdings unter kaiserlicher Gewalt. Im Gegensatze zu seinem Grossvater Barbarossa Hess der in Italien aufgewachsene und erzogene Friedrich II. die Talleute durch romanische Beamte regieren. Aber es gelang ihm dadurch nicht, ihre Gesinnung zu gewinnen. In diese Zeit fällt der für die Entstehung der Schweiz äusserst wichtige Moment, wo im Lager von Faenza Friedrich II. das Land Schwyz als reichsunmittelbar erklärte. Da Uri schon früher die Reichsunmittelbarkeit erreicht hatte und Urseren um diese Zeit eine Reichsvogtei gewesen zu sein scheint, so befand sich seit 1240 die Gotthardstrasse von Schwyz bis zum Bache von Moleno, der damaligen Südgrenze der Leventina, in der Gewalt des Reiches. Doch schwer war es nun für dieses, den wichtigen Besitz zu behaupten.

Die Angriffe erfolgten von verschiedenen Seiten. Die de Sacco fanden für ihre Interessen günstiger, nicht mehr reichsfreundlich zu sein, und wurden Gegner des Kaisers. Ein erbitterter Feind erwuchs Friedrich II. in dem jungen Simone de Orello. Die Orelli waren stets Feinde des Kaisers gewesen. Aber der Umstand, dass Simone von seiner Burg in Biasca vertrieben wurde, steigerte den Hass gegen den Kaiser und dessen Parteigänger. Bald bot sich Simone Gelegenheit, seinen jugendlichen Tatendrang zu befriedigen. Bellinzona, der Schlüssel zu den obern Tessintälern und den wichtigen Alpenübergängen war in der Gewalt der dem Kaiser ergebenen Stadt Corno. Beamte Comos regierten Bellinzona und die obern Tessintäler. Vereinigt mit Heinrich de Sacco griff Simone Bellinzona an und zwang den Ort 1242 zur Übergabe. Später ergab sich Comò selbst an Mailand und zu so vorteilhaften Bedingungen, dass dieser Schritt möglicherweise von freiem Entschlüsse geleitet war. Ein Jahrzehnt hatten erbitterte Kämpfe um den Besitz der Talschaften gewütet. Schliesslich gingen aber diese wiederum in den Besitz des Domkapitels zurück.

Die ersten zehn Jahre, welche der Einnahme von Bellinzona folgten, scheinen unsern Talschaften Frieden gebracht zu haben. Dann aber trugen die heftigen Parteikämpfezwischen Guelfen und Ghibellinen, die in der Lombardei ausgefochten wurden, ihren Widerhall bis in die tessinischen Bergtäler hinauf. Geschichtliche Aufzeichnungen aus jener Zeit sind freilich spärlich für unsere Gegend, dagegen bringen sie vielfach Kunde von den Taten des kriegerischen Simone de Orello. Es dürfte hier der Platz sein, des berühmten Podestà von Biasca mit einigen Worten zu gedenken. Der Ruhm Simones beruht nicht allein auf seinen kriegerischen Erfolgen, die trotz den Wechselfällen gross genug waren, sondern auf dem Adel seiner Gesinnung, die eine wahrhaft ritterliche war und die er besonders gegen seine Gefangenen bekundete. Er war seiner Partei unwandelbar treu, auch zu Zeiten, wo deren Sache aussichtslos stand und mancher abfiel. Dagegen waren Beharrlichkeit und mit Kühnheit verbundene, feste Zuversicht seine glänzenden Eigenschaften.

Im Jahre 1245 führte Simone die Mailänder wider König Enzio, den Sohn Friedrichs II. Die Mailänder siegten, und der unglückliche Enzio geriet in ihre Gefangenschaft, aus der ihn aber Simone sofort wieder entliess. Weniger glücklich waren für Simone seine Unternehmungen gegen den Bischof von Chur, Heinrich von Montfort. Mit seinen Verbündeten, den rätischen Edeln von Rhäzüns, von Belmont, von Montait, von Wildenberg, von Brinegg und von Cästris, unterlag er im Treffen von Ems ( August 1255 ) und fiel mit seinem Verwandten Matteo de Orello in die Gefangenschaft des Bischofs. Merkwürdigerweise entwickelte sich aus derselben nachträglich zwischen den Gegnern ein freundschaftliches Verhältnis.

Im Jahre 1259 gelangten in Mailand die Guelfen della Torre zur Herrschaft. Diese della Torre, auch Torriani genannt, waren die Häupter der Demokratie der Handwerker. Einige Jahre später gelang es ihnen, ihre Macht auch auf Comò auszudehnen. Der Widerstand der Ghibellinen war aber erst gründlich gebrochen, als sich die Guelfen des Simone bemächtigt hatten, der der militärische Führer der Ghibellinenpartei war. Simone wurde mit seinen beiden Verwandten Guidotto und Rumecio de Orello an der Tresa zum Gefangenen gemacht. Rumecio fiel bei einem Fluchtversuche, und der junge Guidotto erlag der harten Kerkerhaft. Guidotto und Simone wurden unter der grossen Stiege des neuen Rathauses ( Palazzo del Broletto ) in Mailand in einen eisernen Käfig gesperrt und täglich von den Torriani beschimpft.

Bis in die Val Blenio hinauf erstreckte sich die Verfolgung durch die della Torre. Matteo de Orello verlor sein Podestat über die Val Blenio, 1270 amtete Guidobono de Baceno an seiner Stelle und später Angehörige der Familie della Torre. Die Domherren bestätigten die neuen Beamten und passten sich den neuen Verhältnissen an. Durch die Besitznahme der Val Blenio und der Leventina, denn auch diese scheint in ihre Hand geraten zu sein, beherrschten die Guelfen nun die Zentralalpenpässe. Novara mit seinem Hinterland lag in ihrem Besitz, desgleichen Bergamo und, wie schon erwähnt, Comò mit dem Veltlin.

Doch auch hier folgte ein rascher Wechsel. Schon 1273 stand die Talschaft von Blenio wieder unter Matteo de Orello, der von seiner Burg in Biasca aus dieses Tal und zugleich die Leventina regierte. Gleichzeitig war Matteo vermutlich Vertreter seines immer noch in Gefangenschaft befindlichen Vetters Simone. Um diesen Wechsel im Podestat verstehen zu können, hat man zu beachten, dass eben auch im Domkapitel bald die guelfische, bald die ghibellinische Partei obenauf war. Dadurch setzte sich das Domkapitel gelegentlich in einen Gegensatz zu der in Mailand regierenden Partei, oder es nahm aus politischen Rücksichten die Gesinnung der momentanen Machthaber an. Die Übertragung der Podestate Leventina, Val Blenio und Biasca an Matteo de Orello erfolgte durch die zu dieser Zeit übermächtigen ghibellinischen Domherren. Als Haupt der ghibellinischen Geistlichkeit ragt der Erzbischof von Mailand, Otto Visconti, hervor, ein Angehöriger dieses führenden ghibellinischen Adelsgeschlechtes. In der Hand des Matteo de Orello waren diese tessinischen Bergtäler ein wertvoller Rückhalt der ghibellinischen Parteigänger. Die Lage derselben verbesserte sich noch bedeutend, als Simone durch Gefangenenaustausch aus zwölfjähriger Kerkerhaft erlöst wurde. Sofort nahm er den Kampf gegen die Guelfen wieder auf, anfänglich zwar mit Misserfolg. Der Erzbischof Otto Visconti musste sich im Frühjahr 1276 vor den Guelfen in die tessinischen Täler flüchten und scheint sich selbst dort nicht mehr sicher gefühlt zu haben. Simone erlitt mit seiner Langenseeflotte vor Arona eine schwere Niederlage. Er liess sich aber nicht entmutigen und setzte seine Versuche, die Guelfen zu überwinden, in Comò fort. Dort hatte er Glück, und im Jahre 1277 schlug er sodann, vereinigt mit Otto Visconti, die della Torre bei Desio entscheidend. Diese, die Häupter der Guelfen, fielen in seine Gewalt und wurden hierauf auf dem Turme Baradello bei Comò in einem eisernen Käfig in einer entsetzlichen Gefangenschaft gehalten.

Die Visconti wurden nun die Gebieter der Lombardei, die sie fortan, allerdings mit einigen Unterbrechungen, während zwei Jahrhunderten beherrschten. Simone stieg zu den grössten Würden empor und erhielt grosse Auszeichnungen. Er starb am 2. Dezember 1286und wurde zu Comò begraben, wo bis ins späte Mittelalter seine Grabstätte zu sehen war.

Bald nach seinem Tode liess sich der Erzbischof Otto Visconti die gesamte weltliche und geistliche Hoheit über die Leventina ( Zugang zum Gotthard !) vom Domkapitel pachtweise übertragen. Die Entwicklung des Fürstentums der Visconti nahm damit ihren Anfang, die Hoheit des Domkapitels war nur noch eine Form. Diese Entwicklung führte die Macht der Familie Orelli in den tessinischen Tälern dem Ende entgegen. Es ist eine seltsame Ironie, dass gerade der grösste Vertreter dieser Familie ihr den grössten Schaden brachte und dass es die Visconti sein mussten, für die er so vielfach sein Leben eingesetzt hatte, welche die Macht der Orelli brachen.

Die Leute der Leventina sträubten sich zwar gegen den Wechsel. Unter der Führung des angesehenen Alberto Cerro von Airolo verjagten sie, unterstützt von den « Alemanni » ( Urner !) die Beamten der Visconti, und etwa ein halbes Jahr trotzte die Leventina den neuen Herren, dann aber wurde sie überwunden. Wohl kaum nur in offenen Kämpfen; die geistlichen Waffen, das Interdikt und die Exkommunikation, damals beliebte Schreckmittel geistlicher Fürsten, werden mitgeholfen haben. Dieser Aufstand fällt in das Jahr 1291. Im gleichen Jahre erfolgte die Gründung des Dreiwaldstättebundes. Die Anteilnahme der Urner und das zeitliche Zusammentreffen des Aufstandes mit der freiheitlichen Entwicklung der nördlichen Nachbarn lassen den Zusammenhang derselben mit einer ähnlichen Bewegung in den Tre Valli gut erkennen.

So machte sich um diese Zeit auch in Biasca der Drang nach Freiheit deutlich bemerkbar, wozu es seine Sonderstellung begünstigte, denn die Gemeinde bildete wirtschaftlich, politisch und kirchlich eine Einheit für sich. Schon seit vielen Jahren waren die Orelli Inhaber des Podestats. In der langen Zeit, welche Simone de Orello fern von seinem Amte verbracht hatte, waren die freiheitlichen Bestrebungen erstarkt, um so mehr, als der Sohn des Simone zu wenig energisch war, um sich denselben entgegenzustellen. Er musste die Freiheiten Biascas sogar in aller Form anerkennen. In den Jahren 1291 und 1292 erklärte Heinrich de Orello angesichts seiner Burg beim Wasserfall in Gegenwart der versammelten Gotthard End.

Gemeinde und Behörden, also vor der Credenzia, dass er sein Amt dem freien Willen der Gemeinde Biasca verdanke und dass weder er, noch seine Vorfahren ein eigenes Recht auf das Podestat besessen hätten. Nur die der Curia donegalis zustehenden Gerichtsbarkeiten und Rechte seien vorbehalten, wo die Domherren von Mailand und der Podestà sowie seine Verwandten gewisse Einkünfte hätten. Die Orelli fanden sich in diese Verhältnisse, die zuletzt nicht ganz zu ihrem Nachteil waren, da ein fremder Podestà nach der Verfassung nun ausgeschlossen war. Auch in Biasca war die Herrschaft des Domkapitels ein leerer Schein geworden. Der mächtige Simone hatte selbst den Grund hierzu gelegt, und die Gemeinde in ihrer freiheitlichen Entwicklung hatte das weitere dazu beigetragen. Als massgebende Personen stehen um diese Zeit an der Spitze von Biasca: Stramadeccio de magistro, der Vogt, die Judices: Petraccio, Sohn des Soldano, und Peter Caravoglio.

Es ist auffällig, wie die Unabhängigkeitsbestrebungen der Leventiner so schlimm endeten, während jene der Biaskesen erfolgreich waren. Die Ursachen mögen in beiden Bewegungen dieselben gewesen sein und ebenso das Ziel. Die Leventiner glaubten, sich demselben im Vertrauen auf die Lage ihres Tales und auf die Milthilfe der « Alemanni » rascher nähern zu können. Die Biaskesen, denen diese Verbindungen fehlten, gingen vorsichtiger zu Werke. Zweifelsohne standen sie aber mit den Leventinern in Verbindung. Wenn nun von Mailand aus den Freiheitsbestrebungen Biascas nicht streng entgegengetreten wurde, so geschah dies aus politischer Klugheit, wie denn auch später wiederholt zu beobachten ist, wie Mailand diese Gemeinde sich zugetan zu erhalten bestrebt war. Man suchte von Mailand aus den Freiheitsbewegungen der Biaskesen soweit als nur möglich Raum zu geben, nur musste Biasca dabei gegen die Leventina und Val Blenio ein zuverlässiges und treues Bollwerk der mailändischen Machthaber bleiben.

Die Freiheiten Biascas entwickelten sich unter diesen Verhältnissen noch weiter. So setzten es sogar unter dem straffen Regiment der Herzoge die Bürger durch, dass nur einer der ihrigen, ein « vicinus », das Amt des Podestà bekleiden durfte und dass das ohne Zustimmung der Gemeinde nicht länger als ein Jahr geschehen durfte. Es ist dabei allerdings in Betracht zu ziehen, dass der Podestà damals ( 1434 ) unter einem herzoglichen Vikar stand und demgemäss seine politische Bedeutung gesunken war.

Die Jahre 1292 und 1293 brachten Streite zwischen den Podestàs der Leventina und der Val Blenio. Es kam zu kriegerischen Handlungen, von denen auch Biasca kaum unberührt geblieben sein wird. Auch die Unterbrechung der Herrschaft der Visconti in Mailand brachte unruhige Zeiten in die tessinischen Bergtäler. Die Urner hielten den Zeitpunkt für günstig, sich in der Leventina Einfluss zu verschaffen, aber der Versuch missglückte. Auch mit den alten Talherren kam es zu Schwierigkeiten. 1307 auf 1308 konnten die Talleute der Leventina nur durch Androhung von Exkommunikation und Interdikt zur Zahlung ihrer Abgaben gebracht werden. Im Jahre darauf brachen in der Val Blenio Unruhen aus. Vielleicht lagen Parteistreitigkeiten zwischen Guelfen und Ghibellinen zugrunde. Mit Interdikt und Exkommunikation brachten die Domherren von Mailand auch hier die Talleute wieder zur Unterwerfung.

Da nahte eine neue Gefahr. Heinrich VII., König der Deutschen, wollte in dem von Parteikämpfen zerrissenen Italien die Reichsherrschaft wieder errichten. Dazu musste er sich vor allem die Alpenübergänge sichern. Er warf sein Auge auf den Gotthard, dessen nördliche Zugänge die Habsburger nach klug berechneten Plänen zu einem grossen Teil schon in ihre Gewalt gebracht hatten. Heinrich VII. stellte die Täler von Uri, Schwyz und Unterwaiden unter den zum Pfleger des römischen Reiches ernannten Grafen von Homberg. Dann übertrug er dem Genannten auch die Leventina. Es scheint, dass auch die Reichsvogtei Urseren einbezogen wurde. So war denn der Gotthard mit seinen Zugängen wiederum in der Hand eines deutschen Königs. Doch auch das dauerte nur kurze Zeit. Aus Gründen der Politik und aus Nachgiebigkeit fiel die Leventina 1311 wieder an das Domkapitel zurück.

Schon durch die Belehnung des Erzbischofs Otto Visconti war die Landeshoheit des Domkapitels zu einem guten Teil zu einem Scheinwesen geworden, und dieses Verhältnis verschob sich nun immer noch mehr zugunsten der Visconti. Auch die Val Blenio, Biasca, Osogna, Cresciano und Claro kamen um die Mitte des 14. Jahrhunderts ganz unter ihre Herrschaft. Es ist diesem Umstände zuzuschreiben, dass 1356 die Gebrüder Pepoli aus Bologna in Besitz der Vogtei und des Rektorates über Biasca gelangten. Die Domherren, deren Hoheit formell noch weiter bestund, hatten bei diesem Entscheide wohl kaum mitzureden.

Aber der " Besitz blieb auch für die Herzoge von Mailand kein ungestörter. Bald machte sich nun die Politik der Urschweiz für die mailändischen Machthaber immer unangenehmer fühlbar, und diese Beunruhigung nahm kein Ende, bis die Tessintäler eidgenössischer Boden geworden waren. Wie sich das zutrug, sei im folgenden Kapitel erzählt.

Wann die Burg Biasca in Trümmer sank, berichtet die Geschichte nicht. Gewaltsam wird sie nicht gebrochen worden sein. Wahrscheinlich nahmen die mailändischen Beamten, als die Orelli verschwunden waren, ihren Sitz im Flecken selbst, das war ihnen für die Amtsgeschäfte bequemer. Heute verraten nur noch geringe Spuren, wo einst der mächtige und edle Simone de Orello hauste. Aber die gewaltige, riesenhafte Umgebung hält die Erinnerung an diesen ungewöhnlichen Mann für immer lebendig.

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