Abenteuer im Karwendel

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Von Willy Uttendoppler

Mit 2 Bildern ( 38, 39Bern ) Nur wenige Besucher der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck wissen, dass sich hinter der südlichsten Karwendelkette, der sogenannten Innsbrucker Nordkette, noch drei weitere Gebirgszüge erheben, die noch geheimnisvoller und schöner sind. Auch wer sich mit der Seilbahn sicher und bequem aufs Hafelekar gondeln lässt, bekommt die ganze Wildheit des Kar-wendels nur im kleinen Maßstab zu Gesicht. Aber wer sich die Mühe nimmt, in die Täler und Kare einzudringen, dem erschliesst sich die Seele dieser Landschaft.

Schon im Namen liegt ein Zauber. Karwendel: Kare und Wände! Vier gewaltige Ketten ziehen vom Seefelder Sattel und dem Tal der jungen Isar von Scharnitz und Mittenwald hinüber zum Achensee. Und diese Berge sind für den Kletterer und Skifahrer voller Romantik. Trotz dem Einbruch der Technik, die uns leider den Moloch Verkehr auch in die entlegensten Gebirgstäler zu führen beginnt, ist das Karwendel das « zauberhafte Felsenreich » geblieben, wo noch heute die seltensten Alpenblumen, Gemsen und Steinadler zu Hause sind. Und im neuen Karwendelführer von Heinrich Klier und Fritz März steht zu lesen, dass ein Gewitter im Vomper Loch noch heute den Schauder erregen könne, wie dies vor 80 Jahren bei Hermann von Barth, dem ersten grossen Erschliesser dieses Gebirges, der Fall war.

Grosse Mode ist eine West-Ost-Durchwanderang von Scharnitz durch das Karwendeltal und über den Hochalmsattel-Spielisjoch-Hohljoch und Lamsenjoch zum Achensee geworden. Man kommt am Kleinen und Grossen Ahornboden vorbei, deren schattenspendende Bäume uralt sind und unter Naturschutz stehen. Dieser Wanderweg führt auch an den 700 Meter hohen Lalidererwänden vorüber, die zweifellos zum Eindrucksvollsten des ganzen Karwendeis gehören. Und von diesen, lieber Leser, möchte ich Dir etwas erzählen.

Welch herrlicher Bergsommer! Um dieLadizalm, zu Fussen der gewaltigen Lah'derer-wände, grasen Kühe und Ziegen. Das Bimmeln ihrer Glocken klingt wie Musik über die Weiden. Die Älpler sind mit Holzen und Schindelnmachen beschäftigt. Neben dem plätschernden Brunnen dreht sich ein Wasserrad, an dem die Zentrifuge angeschlossen ist. Rechts und links vom Weg das letzte Rot der Alpenrosen; wahrlich ein bezauberndes Landschaftsbild. Emil Meier und ich steigen leicht angemüdet der Falkenhütte über dem Spielisjoch entgegen. Wir haben heute die Birkkar- und Kaltwasserkarspitze vom Karwendelhaus her überschritten und wurden vom Gewitter überrascht, welches täglich am Nachmittag aufzuziehen pflegt. Wir liebäugeln schon mit der Nordkante der Lalidererspitze, auch Herzogkante genannt, die sich in beispielloser Kühnheit in den aufhellenden Himmel schwingt.

Abend in der Falkenhütte. Nur wer es selbst erlebt hat, kann mitfühlen, wie fröhlich die Hocke im Kreise der Tiroler und Bayrer Bergsteiger sind, deren Lieder zur Laute oder Ziehharmonika einen förmlich mitreissen und zu einer bleibenden Kameradschaft verkitten. Es ist allgemein der lebensfrohere Schlag als bei uns, und in ihrer aufrichtigen Herzlichkeit fühlt man sich sehr rasch zu Hause. Oft und gerne denke ich aus unserem Gehetze der Zeit an diese Sorgenbrecher zurück, und es wird mir wieder freier ums Herz. Herr und Frau Kostenzer, das Pächter-Ehepaar, und ihr « Madl » aus dem Zillertal sind eifrig beschäftigt um das Wohl der Gäste. Und durch das Fensterkreuz der Küche grüsst mondumschienen die Laliderer-Nordkante, und aus dem Gastraum tönt die gefällige Melodie des Liedes « Herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagbunden sind wir » zu uns herüber. Wo werden wir morgen um diese Zeit sein«Das Gewitter wird heute früher sein als sonst, aber in fünf Stunden seid ihr durchgrum-pelt. » Mit diesen Worten entlässt uns Peter Kostenzer und wünscht eine gute Fahrt. Wir traben ins Spielisjoch hinunter und schinden uns jenseits die steilen Geröllhalden hinauf, welche die Karwendelwände garnieren. Es ist schon höllisch heiss. In der steilen Schneezunge, die zur Einstiegsschlucht hinaufführt, ritzt der Kletterhammer ein paar Kerben, und dann ist es soweit: anseilen und einige Karabiner an den Gurt. Und schon legt man Hand an den Fels. Und dies sei gleich vorausgesagt, dass die Karwendelfelsen allgemein etwas brüchig sind und eine besondere Technik und Vorsicht verlangen. Aber die Tiroler sagen, dass, wer hier klettern könne, auch woanders überall durchkomme. Und in diesem Spruch liegt etwas Wahrheit.Ein Band führt uns vorerst aufwärts in einen Geröllkessel. Dann folgt ein ganz netter 25-Meter-Kamin, in welchem sich Emil schnaufend und fluchend hinaufporzt und mir dann gesteht, dass er heute gar nicht gut im Schwung sei und lieber Rückzug blasen möchte. Lachend nehme ich den Kameraden in Empfang und teile ihm mit, dass dies ja nur die Einleitung sei. Anschliessend führt eine 60-Meter-Rinne nach links hinauf, und wir stehen das erstemal auf der eigentlichen Kante, lotrecht über dem Einstiegssockel. Die Tief blicke zu den besonnten Ahorn-böden sind schon ganz nett, und draussen über dem Isartal segeln die Vorboten zum obligaten Gewitter. Aber in der ganzen dazwischenliegenden Landschaft liegt eine wunderbare Farbenharmonie von Wäldern, Almhütten, Weiden und silbernen Bergbächen. Und die Köpfe tief in die Nacken geneigt, bestaunen wir mit klopfenden Herzen und voller Kletterfieber die Fortsetzung der Kante: bäumig und steil. Und über dieses Urteil hinweg hilft uns auch nicht das In-den-Haaren-Kratzen. Zuerst führen einige äusserst luftige Seillängen direkt auf der Kante höher, um dann aber in Bälde zu einem Quergang zu leiten, der an Ausgesetztheit gar keine Wünsche offen lässt. Diese Stelle erfordert viel, und ich kann hier das Gelernte aus der Schule meines Freundes Peter Hofer von gemeinsamen schwersten Kletterfahrten im Wilden Kaiser spielen lassen. Der Quergang führt mit vier Mauerhaken in die Nordwestwand hinaus. Das Schnappen der Karabiner und meine Rufe auf Seilzug tönen durch den Morgen. Wie eine Spinne klebe ich ganz verspreizt über ungeheuren Abgründen in der Wand und schiebe mich behutsam Zentimeter um Zentimeter vor. Die Nerven und Muskeln sind aufs äusserste gespannt, und doch braucht es Ruhe und Überlegung zur Meisterung solcher Situationen.Endlich ist es geschafft, und auf einer von der Wand abstehenden Schwarte stehe ich fast die ganze Seillänge schräg über dem sichernden Kameraden. Eine Verschneidung bildet den Weiterweg. Emil kann nachkommen. Und just an der dümmsten Stelle reisst ihm ein Tragriemen vom Rucksack. Aber auch mein Freund ist inzwischen prächtig in Schwung gekommen und weiss nach heikler, provisorischer Reparatur den Quergang prächtig zu meistern. Die bereits erwähnte Verschneidung führt uns in ausgesetzter schwerer Kletterei wieder zur Kante zurück, welche nun nur noch ganz selten und höchstens für ganz kurze Zeit verlassen wird. Die Achtung vor diesem kühnen « Weg » beginnt zu steigen, und unsere ganze Bewunderung gilt den Erstbegehern, Otto, Christian und Paula Herzog ( Herzogkante ). Bemerkenswert ist die Tatsache, dass diese Fahrt bereits 1911 durchgeführt wurde, und sie legt zugleich auch Zeugnis ab von der grossen Überlegenheit der Ostalpenkletterer. Auch noch heute steht diese Tour im Karwendelführer mit dem Vermerk: « Grosszügige, sehr empfehlenswerte Kantenkletterei, aber sehr schwierig, obere Grenze des IV. Grades », hoch im Kurs. 1948 durchstiegen Hermann Bühl und Waldemar Gruber die Kante im Winter. Und wieviel Freud und Leid mag wohl zwischen diesen beiden grossen Taten über diese Himmelsleiter gezogen sein? Doch weiter. Ungeheuer wild und kühn sind die Tief blicke. Als kleines braunes Viereck grüsst 500 Meter tiefer aus dem Grünen die Falkenhütte. Davor ein paar winzige Punkte: unsere Zuschauer. Auch für sie ist eine Partie in der Lalidererkante ein Erlebnis. Jeder Meter Fels und jede Seillänge ist an diesem Riesenkeil ein Hochgenuss. Das Blut in unseren Adern pulst schneller, und die Freude am luftigen Gang kennt keine Grenzen. Ein Aufschwung löst den andern ab, einer steiler und rassiger als der andere. Und nun alles in luftiger freier Kletterei. Es ist bestimmt stark übertrieben, wenn man bei uns in der Schweiz behauptet, dass in den Ostalpen alles verschlossert sei.

Mittags taucht ganz plötzlich das Gipfelsignal über uns auf. Mit einem Jubelruf begrüssen wir es. Etwas über fünf Stunden benötigten wir für den Durchstieg und sind mit dieser Zeit und mit uns zufrieden. Die ganze Nordseite steckt nun im aufziehenden Gewitter, dem wir eigentlich in unserem Klettereifer keine grosse Beachtung mehr schenkten. Wohl sieht man ab und zu noch durch Wolkenschlitze auf sonnige Alpböden. Aber die Südseite ist noch nahezu klar. Wir sehen auf die Laliderer-Biwakschachtel hinunter, welche nach schwersten Wanddurchstiegen als Stützpunkt dient und wahrscheinlich manch Interessantes zu erzählen wüsste. Wir schauen hinunter ins Bockkar und Rossloch, und darüber dominiert die Gipfelwelt der Lafat-scher-Karwendelkette. Unsere Gipfelfreude ist derart gross, dass wir eine volle Stunde Siesta halten und dem immer wechselvolleren Spiel der Wolken zuschauen. Wir singen das Bergsteigerlied, essen dann eine Kleinigkeit und rüsten zum Weitergang.

Die Südseite der Laliderergruppe ist ausgesprochen leicht. Will man jedoch zur Falkenhütte zurück, so gilt es wieder auf die Nordseite hinüberzuwechseln. Zu diesem Zwecke hat die Mutter Natur in den furchterregenden Steilwänden in Form der Spindlerschlucht, westlich der Ladiztürme, eine leichtere Stelle geschaffen. Ein ausgesprochenes Rinnensystem führt dort in die Tiefe.Vom Gipfel weg leitet ein schwach ausgeprägter Pfad südlich unter den bizarren Ladiztürmen durch und steigt dann zur dritten Scharte westlich der Lalidererspitze an. Die Abstiegsrinne ist teilweise markiert. Beim ersten Abseilhaken bricht das Gewitter mit voller Wucht aus. Zischend saust das durchgezogene Seil in die Tiefe, und klatschend fällt der erste Regen. Bereits in wenigen Minuten ist die Hölle los: Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag! Mit solcher Wucht und derart schnell hat keiner von uns das Unwetter erwartet, sonst hätten wir bestimmt die Gipfelrast gekürzt. Wolkenbruchartig fällt der Regen, und es wird beängstigend dunkel. Da nun die Kalkrinnen von ganzen Sturzbächen durchbraust werden, müssen wir das Klettern aufgeben und hinter einem Pfeiler einigermassen Deckung suchen. Auch die ersten Steine kommen angesurrt. Nach jedem Blitz gehen unheimliche Donnerschläge durch die Wandfluchten. Das Wasser läuft uns beim Kragen der Kletterjacke hinein, und unten bei den Schuhen quietscht es wieder hinaus. Wir stecken in einer verteufelt heiklen Situation, und das Lied der « herrlichen Berge und sonnigen Höhen » ist längst auf unseren Lippen verstummt.Plötzlich ein unheimlicher Bütz, und Emil zu meiner Seite zuckt zusammen. « Es hat mich elektrisiert! », schreit er auf und zittert am ganzen Körper. Allmächtiger Gott! Wenn sich das wiederholt und steigert, sind wir in höchster Gefahr. Verschiedene solche Unfälle gehen mir jetzt durch den Kopf. Und wieder das unheimliche Brausen der Sturzbäche, das Heulen vom Wind und das Grollen des Donners. Ganz fürchterlich rumort das Unwetter in den Wänden herum. An uns ist kein Faden mehr trocken. Aber das ist nebensächlich, wenn nur die Blitze und die Regengüsse nachlassen würden. Etwa nach einer Viertelstunde, uns dünkte es natürlich eine Ewigkeit, tritt eine Änderung ein: haselnussgrosse Hagelschlossen. Schützend ziehen wir die Klettersäcke über die Köpfe und wagen uns der Hoffnung hinzugeben, dass dies das Finale sei. In wenigen Minuten ist die ganze Landschaft winterlich. Und doch beginnt in uns eine leichte Freude aufzukeimen, dass die Sache doch noch einen guten Ausgang nehme. Wir danken dem Christkind, dass es zu Weihnachten Emil ein Nylonseil schenkte, denn wir wagen uns nicht auszumalen, wie wir den weitern Abstieg mit einem gewöhnlichen nassen Hanfseil bewerkstelligen sollten. In der nächsten Viertelstunde ist der ganze Höllenspuk am Ausklingen. Aber wir dürfen in den Rinnen noch eine Zeitlang nicht absteigen, denn dort orgeln noch die Wasser, Steine und Hagelschlossen. Und mit neuer Hoffnung im Herzen ist es ein grandioses Schauspiel, diesen entfesselten Naturgewalten zuzuschauen.

Um 17 Uhr stehen wir am Ausstieg, rollen das Seil und danken dem Herrgott für das wiedergeschenkte Leben.

In der Falkenhütte vernehmen wir, dass zwei Münchner Bergsteiger frühmorgens in die Dibona-Mayer-Route der Lalidererwand eingestiegen seien. Dir kleines Zelt stehe unter der Hütte. Die beiden Kletterer hätten Zeichen gegeben, dass sie das Unwetter überstanden hätten und biwakieren wollten.

Anderntags liegen wir beim « Dolce far niente » im Schatten der Ahorne beim Hermann-von-Barth-Denkmal. « Zur hohen Zeit des Tages unter diesen Bäumen zu verweilen, ist eines der Geschenke, die das Leben für den bereithält, der es versteht, sich von ihm beschenken zu lassen », hat der verstorbene Tiroler Dichter Josef Leitgeb geschrieben. Und in der Tat ist eine Rast im Kleinen Ahornboden und dessen bezauberndem Landschaftsrahmen etwas Einmaliges.

Ganz plötzlich kommt schnaufend und schweissgebadet ein Junge gelaufen, um uns mitzuteilen, dass einer der Münchner in der Wand gestürzt sei. Frau Kostenzer bitte um unsere Mithilfe, da ihr Mann mit dem Jeep für den Proviant-Nachschub nach Hinterriss gefahren sei.

Arme Münchner Kameraden! Unsere Hilfe kam trotz aller Eile zu spät. Die Wand gab nur noch den einen frei. Eine Trittschlinge war gerissen, und in einem 40-Meter-Sturz stürzte der erst 19jährige in die Ewigkeit. Noch nie zuvor sah ich in meinen geliebten Bergen Freud und Leid, Sieg und Tod so nahe beisammen, und auf das tiefste beeindruckt verliessen wir die Stätte dieser Tragödie.Aber unverändert und ewig schön, als ob nichts passiert wäre, grüssen uns zum Abschied nochmals gewitterumbrandet die Lalidererwände hoch über dem Kleinen Ahornboden.

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