Allez-y !

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Hans Haeberli, Oberrieden

Eine Traversierung des Ober Gabelhorns bei stürmischem Wetter Es ist halb drei Uhr frühmorgens. Cabane du Mountet. Ein Blick durch das Hüttenfenster zeigt einen teilweise stark bewölkten Sternenhimmel. Vitel, mein Bergführer, meint aber zuversichtlich, dass wir die Traversierung des Ober Gabelhorns über Westflanke—Nordgrat und Abstieg über den Arbengrat wagen könnten. Leider wird mein Freund Georges nicht dabei sein, da er sich unerwartet eine starke Magenverstimmung zugezogen hat.

Um halb vier Uhr verlassen wir die Hütte; die Nacht ist nicht kalt, und bald sind wir über loses Geröll und grosse Blöcke auf den Gletscher hinuntergeturnt. Kurz daraufhören wir das unheimliche Donnern eines grossen Eisabbruches zwischen Arbengrat und Mont Durand. Mit als leicht empfundenen Säcken marschieren wir ziemlich rasch im Schein der Taschenlampen über den Gletscher an den Fuss eines Lawinenkegels unter der Westflanke des Ober Gabelhorns. Der hartgefrorene Schnee erfordert nun das Anschnallen der Steigeisen, mit deren Hilfe wir bald den Bergschrund erreichen. Nach dem Schlagen einiger Stufen und Handgriffe wird dieser ohne besondere Schwierigkeiten überwunden.

Weiter oben beginnt es zu tagen, und wir erkennen, dass das Wetter eher schlechter geworden ist. Unterhalb des Gipfels der Dent Blanche kommen kleine graue Wölkchen um den Berg gesegelt, deren Aussehen und Form - nach meinen bisherigen Erfahrungen - baldiges Schlechtwetter verheissen. Ich berate nochmals mit dem Führer, ob wir nicht umkehren sollten; doch hält er als Ortskundiger das Wetter für genügend stabil; er meint, ein Umschlag werde nicht vordem späteren Nachmittag erfolgen. Also steigen wir weiter aufwärts.

Eine dünne Neuschneeschicht bedeckt den steilen Eishang und macht das Schlagen von Stufen notwendig. Wir versuchen über Felsen schneller an Höhe zu gewinnen, doch das geht auch nicht leichter, denn die zum Teil losen und abwärtsgeschichteten Platten erfordern grosse Vorsicht; auch das Ablegen der Steigeisen macht die Sache wenig besser. Wir halten uns weiter rechts und kommen nun über gefrorenen Schnee, wieder mittels der Steigeisen, gut voran. Aber je weiter hinauf wir kommen, desto dünner wird der Schnee auf dem nun sehr steilen Eis. Wieder müssen Stufen geschlagen werden, und wir versuchen es nochmals in den Felsen, die zum firnbedeckten Nordgrat aufsteigen. Wiederum schnallen wir die Steigeisen ab und erreichen in gutem Fels nach genussreicher Kletterei den Firngrat.

Inzwischen ist die Sonne wieder zwischen den Wolken hervorgekommen, und wir erlauben uns eine kurze Rast. Weit unten sehen wir die Cabane du Mountet und zu beiden Seiten am Fusse des Grates den zum Teil wild zerrissenen Gletscher.

Bald geht es weiter, steigeisenbewehrt, den sehr steilen Firngrat hinauf, der auf der linken Seite teilweise etwas überhängend und stark zugespitzt ist, so dass wir uns etwas rechts halten müssen und dabei die festgefrorene, scharfe Kante als Handlauf benützen können. Die starke Steigung veranlasst uns zu einigen kurzen « Verschnaufhalten ». Aber unerwartet rasch sind die kleinen, tiefliegenden Nebelballen zu grossen Wolken geworden, und hinter der Dent Blanche haben sich eigentliche schwarze Wolkenbänke angestaut; von ferne hört man schon den Donner rollen.

Nun darf uns auch die starke Steigung nicht mehr aufhalten. Nach kurzer Zeit treiben Nebel-schwadeh auf uns zu und hüllen uns unerwartet rasch ein, etwa um halb zwölf Uhr.

Eine Viertelstunde später erreichen wir den Gipfel. Ein kurzer Händedruck - und weiter geht 's, denn der starke Ozongeruch und das Knistern der Pickel mahnen uns, die Traversierung möglichst rasch hinter uns zu bringen. Über die ersten Felsstufen des Arbengrates geht es leicht abwärts. Plötzlich setzen heftige Windstösse ein, es beginnt zu schneien, und lauter Donner setzt ein. Wir steigen so schnell wie möglich ab, bis wir seitlich des Grates einen notdürftigen Schutz gegen das Gewitter erreichen, denn schon zucken grelle Blitze, begleitet von heftigem Donnerschlag, über den Grat; der Wind steigert sich zu Orkanstärke, während wir uns dicht an die Felsen klammern. Feines Eisrieseln setzt ein.

Als nach einiger Zeit die Blitze nicht mehr zucken, steigen wir vorsichtig weiter ab. Der Fels ist wegen des Neuschnees der Vortage, der zum grös- sten Teil geschmolzen und wieder gefroren ist, mit einer Eisschicht überzogen. Zudem sind wir auf dem Grat schutzlos der vollen Windstärke ausgesetzt. Oft müssen wir beide anhalten und uns mit aller Kraft festklammern, um nicht in die Tiefe geworfen zu werden. Dann geht es, abwechslungsweise sichernd, langsam bergab.

Die Augen schmerzen von den feinen Eiskörnern des Gestöbers, das zeitweise das Sehen verunmöglicht. Und mit der Sonnenbrille geht 's auch nicht, denn es ist zu dunkel geworden.

Der Sturm dringt sogar durch unsere sonst winddichten Blusen, und jedesmal, wenn wir zum Sichern anhalten, lässt uns die Kälte erschauern. Beim Aufstieg trugen wir am Oberkörper nur Hemd und Windjacke, der Pullover blieb im Rucksack. Jetzt ist es sogar unmöglich, den wärmenden Pullover anzuziehen, denn der exponierte Grat gewährt keinen Windschatten. Der Orkan braust fast ununterbrochen mit sehr hoher Geschwindigkeit über den Grat, das Partieseil vibriert, und wir können uns bei dem starken Tosen und Heulen nur noch durch Zeichen verständigen. Ja, die Böen sind so stark, dass mir das Atmen schwerfällt. Mit dem Wind zugekehrtem Gesicht ist der Winddruck so gross, dass ich nur schwer die Luft ausstossen kann; dagegen ist bei windabgewandtem Gesicht der Sog so gross, dass ich nur mühsam einatmen kann.

Meine wollenen, gestrickten Handschuhe sind zerrissen. In der Eile hatte ich keine Zeit, die Lederfäustlinge anzuziehen, und nun sind meine blossen Fingerspitzen weiss und fast gefühllos. Es ist höchste Zeit, sie vor dem Erfrieren zu schützen. Mit grösster Mühe gelingt es mir, die Fäustlinge über die Hände zu ziehen. Auch in Wangen und Nase habe ich fast keine Empfindung mehr, und ich muss sie von Zeit zu Zeit massieren. Der einzige Gedanke, der uns beherrscht, ist, möglichst bald das Ende des Grates und etwas Windschatten zu erreichen. Jeden Felsblock, der etwas Schutz bietet, nützen wir jeweils beim Sicherungs-halt.

Die Sicht beträgt nur wenige Meter, und um kaltes Blut zu bewahren, stelle ich mir vor, wie prächtig die Weitsicht und der Tiefblick bei gutem Wetter sein würden. Es wäre eine herrliche Kletterei über gutgriffige Felsen. Doch jetzt sind diese mit Eis und Schnee bedeckt, Griffe und Tritte schwer zu finden; oft müssen sie mit dem Pickel freigelegt werden.

Um Zeit zu gewinnen, seilen wir öfters über die vereisten Felsen ab. Gleich beim ersten Abseilen lässt sich mein Bergseil, das wir neben dem Partieseil des Führers benützen, nicht mehr ausziehen, und dieser ist genötigt, wieder aufzusteigen und eine Seilschlinge anzulegen. So brauchen wir nun alle unsere Schlingen und Stricke. Zum Glück habe ich trotz der Führertour sechs Stück mitgenommen. Es geht jetzt darum, jeden Zeitverlust zu vermeiden.

Unsere Ausdauer wird noch auf eine harte Probe gestellt, denn der Orkan tobt mit unveränderter Kraft, bis wir endlich das Ende des Felsgrates erreichen und einen etwas geschützten Platz finden, um die Pullover anzuziehen.

Um auf dem kürzesten Weg abzusteigen, will Vitel versuchen, direkt durch die Flanke den Glacier Durand anzusteuern; doch der zuerst gutbe-gehbare Firnhang endet in einer immer steiler werdenden Eiswand, unter der wir gewaltige Schrunde knapp erkennen können. So wagen wir den Abstieg wegen des unübersichtlichen Geländes nicht und stapfen mühsam wieder zum Grat empor. Von dort steigen wir ganz zum Arbenjoch ab.

Die Versuchung ist hier gross, den windgeschützten und leichteren Abstieg nach Zermatt zu wählen. Dagegen spricht aber, dass wir heute abend in der Cabane du Mountet vermisst würden und uns eventuell schon in der Nacht eine Rettungskolonne suchen könnte. Dies möchten wir aber vermeiden, solange wir noch die Möglichkeit und die Kraft haben, die Cabane du Mountet zu erreichen. Dazu müssen wir uns schon beeilen, denn wir haben beim Abstieg und bei der Direktvariante viel Zeit verloren. Deshalb steigen wir ohne Rast gegen das Arbenhorn an.

Die Windstärke hat zwar ein wenig nachgelassen, dafür ist der Schnee nässer geworden, und wir spüren, wie der Wind die Feuchtigkeit bis auf die Haut durchdringen lässt.

Je höher wir steigen, desto mehr macht sich eine bleierne Müdigkeit bemerkbar, und der starke Wind bringt mich in Atemnot. Nur zehn Minuten anhalten zur Erholung! Doch Vitel will nichts davon wissen. « Allez-y! » schreit er trotz dem « Du » auf dem Gipfel — und weiter geht 's.

Die Müdigkeit nimmt trotzdem zu, und ich muss meinen ganzen Willen einsetzen, um weiterzukommen. Doch später wird die Versuchung immer grosser, nur eine Viertelstunde auszuruhen und etwas zu essen und - so wir welchen hätten - heissen Tee zu trinken. Aber wir dürfen nicht nachgeben, denn eine längere Rast würde unter Umständen den Erfrierungstod bedeuten und abermals ruft Vitel: « Allez-y! ».

Verbissen kämpfen wir uns durch Nebel und Schneetrieben bergan. Die Route des Aufstiegs ist mir nun völlig gleichgültig, und fast mechanisch steige ich höher. Meine Füsse werden immer schwerer — ich halte an und möchte am liebsten absitzen. Daran hindert mich erneut ein « Allez-y! », und ganz apathisch geht es weiter. Meine Gedanken schweifen zu den Lieben nach Hause und auch zu den Pflichten, die ich ihnen gegenüber zu erfüllen habe. Dies gibt mir den eisernen Willen und die Kraft durchzuhalten. Auch die Erinnerung an den vorgesehenen, aber leider vergessenen Abschluss einer Bergunfallversicherung steigert weiter den Willen, Kälte und Müdigkeit zu überwinden.

Da kommt mir in den Sinn, dass ich Coramin-Zucker in der Taschenapotheke mitführe. Auch Vitel nimmt gerne eine Tablette, weil ich sonst nichts Geeignetes habe, und mit neuem Mut stapfen wir den steilen, eisbedeckten Grat hinauf. Vitel ist gut in Form, und ich muss ihn bewundern, wie er stetig vorwärtsgeht, alle Hindernisse überwindend, und wie er jetzt, ohne auszuruhen, längere Zeit Stufen schlägt.

Endlich ist der Gipfel erreicht, und wir können jenseits einer Gratsenke die Umrisse des Mont Durand erkennen. Rasch steigen wir in den Sattel ab und sondieren vergeblich nach einer Abstiegsmöglichkeit auf den Glacier Durand, denn die Sicht ist noch ungenügend.

Und immer dieser bissige Wind, der uns in den nassen Kleidern vor Kälte erzittern lässt. Wir beklopfen uns zur Erwärmung und steigen unter äusserster Willensanstrengung zum Mont Durand auf. Endlich lässt der Schneefall nach, und die Sicht wird etwas besser.

Inzwischen ist es Abend geworden; es beginnt zu dämmern, und wir müssen uns beeilen, da der Abstieg vom Col Durand in der Dunkelheit sehr schwierig sein dürfte. Nach Beschleunigung des Tempos muss ich von Zeit zu Zeit anhalten und Atem schöpfen; doch Vitel ist unbarmherzig und ruft unablässig: « Allez-y! ». So wird auch der Gipfel des Mont Durand erreicht, und ohne Rast steigen wir mit grossen Schritten zum Col Durand ab.

Als letztes grosses Hindernis ist noch der sehr steile Abstieg auf den Gletscher zu bewältigen. Durch Neuschnee sind alle Spuren, die den besten Weg über den Bergschrund weisen könnten, zugedeckt. Die Sicht ist durch den Nebel wieder behindert und beträgt nur noch zwanzig bis dreissig Meter. Vorsichtig steigen wir deshalb mit den eisenbewehrten Schuhen den immer steiler werdenden Hang hinab, bis die zunehmende Neigung ein freies Gehen allzu gefährlich werden lässt. Wir hacken Stehplätze, seilen uns ab und binden unsere zwei Bergseile zusammen, in der Hoffnung, dass diese über die Eiswand und den Bergschrund reichen werden. Angeseilt schreite ich dann als erster bei hereinbrechender Nacht und schlechter Sicht den eisigen Hang hinunter. Wird das Seil wohl reichen?

Schon nach wenigen Metern muss ich mich ins Seil legen, um nicht auszugleiten. Nach etwas mehr als einer Seillänge bin ich fast senkrecht etwa zehn Meter über dem vier bis fünf Meter breiten, schwarz gähnenden Bergschrund. Mit Erleichterung erkenne ich rechts unten eine Schneebrücke. Aber wie soll ich diese rasch erreichen? Wieder aufsteigen und rechts hinuntergehen würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen, so dass ich es mit Hinüberpendeln versuchen will. Dazu muss ich noch zehn Meter abseilen, damit ich auf die Höhe der weniger steilen Schneebrücke komme, aufder ich mich dann besser festhalten kann als aufdem blanken Eis.

Zuerst hole ich einige Meter links aus und stosse mit ein paar Anlaufschritten kräftig ab. Doch der Versuch misslingt; ich lande etwas zu hoch an der glatten Wand über der Brücke, kann mich nicht festhalten und rutsche über den weit offenen schwarzen Schlund zum Ausgangspunkt zurück. Rasch gibt Vitel etwas Seil nach; wieder hole ich links aus und stosse mit aller Kraft ab. Nun gelingt es mir, Stand zu fassen. Es war aber auch höchste Zeit, denn das Hangen nur mit dem Seil um die Brust hat mir fast den Atem genommen. In Zukunft werde ich solche Manöver nur mit der Sitzschlinge vollführen.

Vitel, Stufen schlagend, steigt noch etwa zehn Meter ab; dann hackt er einen Abseilpilz aus dem Eis und bindet das andere Ende der Seile daran fest, da wir keine weiteren Seilreserven haben. Jetzt reicht das Seil, um über die nicht so sichere Schneebrücke die Talseite des Schrundes zu erreichen. Vitel seilt sich darauf bis zu meinem Standplatz über dem Schrund ab, bindet sich dort wieder fest und hackt hinter sich mit dem Pickel mein Bergseil durch. Jeder Pickelschlag tut mir in der Seele weh. Mein treues Seil, das mich auf so vielen Touren begleitet hat!

Mit dem Seilrest sichere ich Vitel über die Schneebrücke. Der feine Regen, der schon auf dem Col Durand einsetzte, wird stärker, und rasch gehen wir über den Gletscher abwärts, wobei wir noch einige Spalten auf Schneebrücken traversieren. Die Spannung ist gewichen, denn die Hütte scheint nun sicher erreichbar.

Dafür empfinden wir die Kälte je länger, desto mehr, da wir völlig durchnässt und vom Wind stark unterkühlt sind, und trotz der vor Müdigkeit bleischweren Füsse gilt es einen Eilmarsch anzuschlagen, um etwas Wärme zu erhalten. Auch diese Strapazen halten wir über den ganzen Gletscher durch, bis der Wiederanstieg zur Hütte das Tempo von selbst verlangsamt. Gleichmässig ansteigend, erreichen wir bei völliger Dunkelheit die Cabane du Mountet.

Hilfreiche Kameraden reichen uns sofort, heissen Tee und lösen uns vom Bergseil, denn unsere klammen Finger sind dazu nicht mehr fähig. Wir ziehen trockene Kleider an; doch die Kälte will nicht aus dem Leib und den Gliedern weichen. Es bedarf zusätzlicher Kleidung und nochmals viel heisser Getränke und etwas Essbarem, bis wir uns besser fühlen.

Reichlich mit Wolldecken versehen, sinke ich später nach einem Dankgebet in tiefen Schlaf.

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