Alpinismus und Leistungsorientierung

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Ulrich Aufmuth, D-Oberstaufen

Unsere Existenz und unser Lebensgefühl im Gebirge erscheinen bisweilen so vollständig von unserem Alltagszustand verschieden, dass wir das Bergsteigerdasein geradezu als das Gegenbild der Alltagswelt empfinden. Sagen wir nicht, wenn wir auf eine Tour gehen, « wir lassen den Alltag zurück », so, als beträten wir nun eine gänzlich andere Sphäre? Machen wir in den glücklichen Momenten am Berg nicht immer wieder die Bemerkung, wir fühlten uns ganz herausgehoben aus der Welt der alltäglichen Sorgen und Plagen?

Das glücksbetonte Anderssein ist unbestreitbar eine herausragende Komponente des seelischen Erlebnisses « Bergsteigen ». Wie weit aber unterscheidet sich unser seelischer Zustand im Gebirge, unsere « Bergpersönlichkeit », tatsächlich von unserem Alltagszustand, unserer « Alltagspersön-lichkeit »? Hierzu ein paar grundsätzliche Bemerkungen.

Das Empfinden des Heraustretens aus der All-tagsnormalität ist zwar begründet, doch es übertreibt gewissermassen die Unterschiede unserer seelischen Konstitution in Alltag und Gebirge. Den Alltagsmenschen in uns spüren wir im Gebirge nur deswegen so wenig, weil er, unscheinbar und altgewohnt wie er ist, von den uns in der Bergwelt beschiedenen unalltäglichen, glückhaften Erfahrungen einfach überstrahlt wird. Er ist da, denn wir nehmen ihn - wenn auch unbewusst - mit; aber er fällt uns angesichts der zunächst dominierenden Erfahrungen des Andersseins nicht auf. Der Alltagsmensch in uns, dieser unauffällige, hartnäckige Geselle, bleibt immer derselbe, und was sich stets gleichbleibt, wird bekanntlich leicht übersehen und vergessen. Ich möchte meine Behauptungen im einzelnen belegen, indem ich aufzeige, wo und in welcher Weise das Hauptgesetz unserer Gesellschaftsordnung - das H9 Leistungsprinzip - unser Verhalten auch im Gebirge bestimmt. Ein kleiner Erlebnisbericht soll in die Problematik einführen.

« HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! » Ich bin erleichtert, als meine beiden Kameraden zum vereinbarten Zeitpunkt wieder in Pontresina eintreffen. Sie sehen müde aus, doch an ihrem Gesichtsausdruck erkenne ich sofort: sie haben es geschafft. Es — das ist eine Tour, die sie fortan berechtigt, sich dem Kreise der « besseren » Alpinisten zugehörig zu fühlen.

Beat erzählt: « Hoch oben an der Bergflanke haben wir biwakiert, um uns das nächtliche Gestolper über die Moräne zu ersparen und einen Vorsprung vor dem grossen Massenauftrieb aus der Hütte zu gewinnen. Gebracht hat 's uns allerdings nicht viel. Bereits um zwei Uhr nachts—wir stecken noch in den Schlafsäcken - zieht die erste Kolonne an uns vorbei. Als wir dann eine Stunde später den Eishang angehen, sehen wir uns hoffnungslos eingekeilt in die grosse, von der Tschiervahütte her anrückende Prozession. Sofort spüren wir die nervöse, explosive Stimmung. Alle hetzen ungeduldig und verbissen voran. Kleine Stockungen führen alsbald zu wüsten Schimpfkanonaden. Man muss da einfach mithalten, sonst würde man wohl über den Haufen gerannt. Vor uns befinden sich drei fahrlässige Gesellen. Ohne Steigeisen, bloss in ihren Plastikschuhen, quälen sie sich den Hang hinauf, der in seiner steilsten Zone Blankeis zeigt. Ständig müssen wir befürchten, dass uns einer der drei entgegenfliegt. In den Felsen über der Scharte bricht dann der totale Kampf aus. Ein Dutzend Seilschaften liefern sich erbitterte Duelle um die Spitzenplätze. An den unmöglichsten Stellen versucht man uns zu überholen; ausgeschlossen, unter solchen Umständen noch anständig zu sichern. Jeder kämpft rücksichtslos um seinen Vorteil, und das in einem Gelände, das vollste Vorsicht verlangt.

Am Beginn des eigentlichen Firngrates hat sich der grosse Haufen bereits an uns vorbeigedrängt. Endlich dürfen wir unseren eigenen Rhythmus gehen. Doch viel Zeit zum Geniessen der Aussicht bleibt uns trotzdem nicht. Das lässt weder der schmale Grat, wo jeder Schritt Konzentration erfordert, noch die wegen der vorangegangenen Behinderungen fortgeschrittene Stunde zu. Schliesslich treibt uns auch die Ungewissheit über die noch zu erwartenden, schwierigen Felspassagen zur Eile an. Wir betreten den Piz Bianco bereits mit dem Gefühl, dass unser Bedarf für heute eigentlich gedeckt sei. Schon bis dahin ist 's ja eine Mordstour. Doch noch steht uns die lange Kletterei bevor.

Als das gefährlichste Stück der ganzen Tour entpuppt sich dann aber der Normalabstieg an der Spalla. Die beidseitig steil abstürzende Gratschneide gleicht einem Dachfirst, und der Schnee erweist sich als nass und schmierig. Da müssen wir uns, abgekämpft wie wir sind, noch einmal aufs äusserste zusammenreissen. Wenn du bei diesem Eiertanz zu sehr erschöpft bist, na dann ade!

Wir kommen zur berstend vollen Marco-e-Rosa-Hütte: Wir wissen nicht, sollen wir drinnen oder draussen übernachten. Drinnen erdrückt man sich gegenseitig, und aussenherum ist alles versch... Den Rückmarsch über die Fortezza empfinden wir trotz Hagel und Gewitter als erholsam. » Ich sage: « Schön, dass ihr es geschafft habt. Herzlichen Glückwunsch. » Ich selbst habe mich an jenem Tag auf den Piz Morteratsch begeben. Unbeschwert bin ich über sein wuchtiges Eishaupt hinweggestiegen. Die anderen Alpinisten, wiewohl zahlreich, haben mich dabei nicht gestört, es ist ja Raum genug dort oben. Immer wieder habe ich eingehalten und den Blick über die gleissenden Eisburgen der Bernina schweifen lassen: hinüber zum grimmig auffahrenden Roseg und auf der anderen Seite zur blitzenden Gratlinie von Bellavista und Palü. Der Firn trug gut, und ich verfügte über viel Zeit. Es war ein köstliches, frohes Dahinschlendern, das direkte Gegenteil vom Stress meiner Kameraden am Biancograt. Trotzdem - ich bin den beiden neidisch über ihren Bianco. Der zählt nämlich. Den muss man als Alpinist meines Fähigkeitsni-veaus unbedingt « gemacht » haben. Ich habe ihn aber noch nicht « gemacht », obwohl ich gut dafür bin. Damit fehlt mir ein wichtiger Leistungsnachweis, und das bohrt in meiner Bergsteigerseele.

Nichts würde bohren, wäre ich frei von dem, was man das Leistungsdenken nennt. Aber das lässt sich leicht sagen. Als passionierter Alpinist ist man automatisch ein beflissener Diener des Lei-stungsprinzips, ob man nun dazu stehen mag oder nicht. Das Leistungsdenken regiert uns mit eherner Faust. Seine Herrschaft ist perfekt: Wir bemerken gar nicht mehr, dass wir im Joch gehen. Wir reden in aller Unschuld vom Bergsteigen als Spiel und gehorchen doch unablässig einem kategorischen « du musst »:

« Ein Mann mit meinem alpinistischen Können muss auf dem Matterhorn gewesen sein... », « ich muss endlich auch mal einen Sechstausender erklimmen... », « ich muss die Hütte in wenigstens fünfundsechzig Minuten geschafft haben ( wie der Walter neulich ) », « ich muss auf den höchsten Punkt hinauf, Schneesturm hin oder her... », « ich muss... ».

Der innere Drang zum Leistenmüssen zeigt sich im Gebirge oft ganz besonders stark. Das Freiheitsgefühl der Berge beruht eben gerade nicht auf einer Abwesenheit von Leistungsmomenten, sondern darauf, dass wir hier mit dem Müssen gänzlich einig sind. Die Paradoxie unseres Lei-stungsverhaltens im Gebirge wird besonders deutlich, wenn wir uns einmal ausdenken, wie wir reagieren würden, verlangte man im Berufsleben von uns ähnliche Strapazen, wie wir sie uns in den Bergen selbst auferlegen. Zwölf Stunden oder mehr unter äusserstem Krafteinsatz arbeiten, ohne nennenswerte Pause, bei ungemütlichsten physischen Bedingungen und mit der strikten Anweisung, das hochgesteckte Soll unbedingt und bis aufs letzte zu erfüllen - das würden wir anderenorts als ungeheuerliche Zumutung empfinden. Am Berg sind solche Anforderungen glatte Selbstverständlichkeit und gelten als « freie » Selbstverwirklichung.

Für nicht wenige von uns besitzen alpine Leistungen einen höheren Stellenwert in der persönlichen Seelenökonomie als das berufliche Schaffen. Wir können Leistungsbestrebungen im Gebirge deshalb nicht einfach als eine bedauerliche Abweichung vom wahren alpinistischen Geist abtun und moralisch verurteilen.

Bergsteigen stellt nun einmal eine Tätigkeit dar, die unsere offenen und geheimen Leistungs-gelüste anheizt; wir finden somit im Gebirge für unsere frohen ebenso wie unsere frustrationsbe-dingten Leistungsbedürfnisse ein ideales Betätigungsfeld. Wir sollten uns dazu bekennen. Sonst bleiben bloss Schuldgefühle und der Weg der doppelten Moral.

Vielfach erbosen wir uns über jene zahlreichen bergsteigenden Zeitgenossen, die im Dauerlauf auf den Gipfel hinauf- und wieder hinabhasten mit dem einzigen Ziel, sich und anderen Stärke und Leistungskraft zu bescheinigen. Bevor man aber über diese alpinistischen Rennsportler den Stab bricht, sollte man sich fragen: Ist bloss die Freude an der « schönen Natur », zu der uns der bergsteigerische Wertekatalog verpflichtet, eine gute Freude und der Spass am Schnellsein und am Nochschnellersein dagegen eine schlechte Freude? Ich bin in dieser Hinsicht tolerant geworden. Wenn einer die Berge deswegen schätzt, weil sie für ihn die beste Kulisse zur Verwirklichung radikaler Leistungsambitionen sind, warum nicht? Das Gebirge ist nun einmal für die Realisierung von Leistungsbedürfnissen genauso hervorragend geeignet wie ein Konzertsaal für Musik... und das Leistenmüssen haben wir in unserer Gesellschaft gewissermassen schon mit der Muttermilch einge- sogen; das werden wir nicht los, wir können es höchstens verleugnen.

So kommt das Paradox zustande, dass wir uns in der freien Welt der Berge oftmals noch sehr viel leistungsbesessener gebärden als im Alltag.

DIE FREUDE AN DER LEISTUNG In einigen knappen Strichen möchte ich nun aufzeigen, weshalb das Leisten im Gebirge besonderen Spass macht.

Die Berge erlauben uns ein leistungsmässiges Aktivsein ganz nach Können und Neigung. Ich kann im Gebirge mein Leistungsziel ganz exakt mit meinem Fähigkeitsstand abstimmen. Es gibt Wanderberge, Klettergipfel, Eisgipfel, Skiberge und innerhalb dieser Gruppen wiederum die verschiedensten Abstufungen in Schwierigkeit und Charakter. Das Gebirge ist ein Angebot der tausendfältig verschiedenen Leistungsmöglichkeiten. Ich finde hier zu jedem Zeitpunkt präzise das, was meinem Können und Wollen optimal entspricht.

Im Gegensatz zu vielen Tätigkeiten des Berufslebens ist das Bergsteigen eine grossartig einfache Tätigkeit ( den Extremalpinismus einmal ausgeklammert ). Ein gesunder Körper und klare Sinne sind das wichtigste Kapital. Etwas Routine und Anleitung dazu - und schon ist man in der Lage, sichtbar grosse Taten in Gestalt imponierender Gipfel zu vollbringen.

Wenn ich beim Bergsteigen Ehrgeiz zeige, dann kann ich auch verhältnismässig leicht einen Leistungsstandard erreichen, der mir innerhalb der breiten Schar der Bergbesteiger einen höheren Rang garantiert. Das seelensalbende Gefühl, besser zu sein als viele andere, ist im Gebirge mit vergleichsweise einfachen Mitteln zu erlangen.

Im Gebirge sehe ich klipp und klar, was ich geschafft habe. Die Zeugnisse meiner Taten sind riesengross, für jedermann und auf ewig sichtbar. Gleichzeitig spüre ich im ganzen Körper mit Macht den Nachhall meines Tuns, als satte Müdigkeit, als Brennen der Fusssohlen, als Schmerz in den Waden, als Bärenhunger und als unendlichen Durst.

So geben uns die Berge ein ausserordentlich klares, intensives und grosses Leistungserlebnis bei relativ einfachen Voraussetzungen.

Nicht zu vergessen ist auch der soziale Aspekt alpiner Leistungen: Gipfel und Anstiegsrouten sind sehr einfach vergleichbare Leistungsgrad-messer, und sie eignen sich deshalb bestens zur Abschätzung und Etablierung des gegenseitigen « Besser » oder « Schlechter ». Wenn mir ein anderer Bergsteiger seine wichtigsten Touren nennt, weiss ich sofort, ob er besser oder schlechter ist als ich. Das schafft klare Verhältnisse ( und stimuliert natürlich auch ganz besonders zur Leistungskon-kurrenz ).

SCHLUSSFOLGERUNGEN Ohne das in unserer Gesellschaft alles bestimmende Prinzip der Leistung gäbe es den Alpinismus als Breitenbewegung nicht. Am Berg finden unsere Leistungsbedürfnisse umfassende und tief befriedigende Erfüllung. Sagen wir « ja » dazu.

DER LEISTUNGSFETISCHIST In meinem Bekanntenkreis finden sich viele Alpinisten mit einem ausgeprägten bergsteigerischen Leistungsehrgeiz. Diese alpinen « Lei-stungsfetischisten », wie ich sie hier einmal nennen will, zeigen in ihrem Verhalten eine Reihe von auffälligen Gemeinsamkeiten. Stellt man diese Übereinstimmungen zusammen, so ergibt sich ein regelrechter Typus des leistungsorientierten Bergsteigers. Nachfolgend will ich diesen Typus skizzieren, wobei ich gestehen muss, dass mehrere der beschriebenen Verhaltensweisen auch zu meiner ( Bergsteiger-)Person gehören.

Ich bin im übrigen davon überzeugt, dass es so gut wie keinen leidenschaftlichen Alpinisten gibt, der völlig frei wäre von den nachfolgend geschilderten Charakterzügen.

Helmut ist eine stramme Erscheinung: sehnig, immer braungebrannt und mit muskelstrotzen-den Waden. Ja diese Waden! Denen sieht man es an, dass sie einen strategischen Körperteil ihres Besitzers darstellen.

Der Helmut ist ein leidenschaftlicher Sammler. Ein Gipfelsammler. Seine Bergfahrten plant Helmut immer so, dass pro Tour möglichst viele Gipfel mitgenommen werden können. Ohne Zugabe tut er es nicht. Eines Tages berichtet mir Helmut ganz euphorisch: « Du, ich habe am Wochenende die Tour meines Lebens gemacht! Denk dir, in eineinhalb Tagen fünf Viertausender! » « Wie ist dir denn das gelungen? » Ich vernehme nun, dass Helmut den Monte-Rosa-Stock überschritten hat. Dabei werden tatsächlich fünf benannte Punkte über der Viertausendergrenze berührt. Einfach sagenhaft.

Für jede längere Bergfahrt setzt sich Helmut vorweg ein Mindestgipfelsoll. Das wenigste sind zehn Gipfel in sechs Tagen. Dieser Sollwert ist aber eigentlich nur dazu da, um möglichst hoch überschritten zu werden. Nur im Übersoll liegt für Helmut das Glück.

Ich habe mit Helmut bislang nur eine einzige Tour unternommen. Um es richtig zu sagen: es blieb beim Anfang. Vom Parkplatz weg eilte Helmut im Sturmschritt davon. Ich wollte mich nicht blamieren und hielt mit. Doch als ich einmal ein Photo machte, war er mir im Nu zweihundert Meter voraus, meine Bitte um einen kurzen Halt geflissentlich überhörend. Etwas später sah ich mich genötigt, wegen eines menschlichen Bedürfnisses das Rennen abermals kurz zu unterbrechen. Von da an war Helmut verschwunden. Ich traf ihn erst abends zu Hause wieder. Er entschuldigte sich: Er sei heute so prächtig in Form gewesen, und es sei ihm dann auch tatsächlich gelungen, den sektionsinternen Rekord für jenen Gipfel um volle elf Minuten zu unterbieten. Dies, so müsse ich verstehen, wäre natürlich mit Photographieren, Landschaftbetrachten, Vespern und Zeitversäumnis wegen menschlicher Bedürfnisse niemals möglich gewesen. Ich sah es ein und gratulierte zum Erfolg. Das Dumme an der ganzen Geschichte ist nur, dass Helmut seitdem in der Sektion verbreitet, ich sei ein hoffnungsloser Lah-mian. « Stellt euch vor, der kam erst auf dem Gipfel an, als ich schon längst wieder auf der Heimfahrt war! » Dass es mir einfach Spass macht, mich zwischendurch umzusehen und gemütlich Brotzeit zu machen, glaubt mir der Helmut nicht. Er hält das für die faule Ausrede eines Schwächlings. Im stillen denkt er sich: der kann halt nicht schneller! Wobei er stolz darauf ist, dass er diese Herumsteherei und Herumsitzerei unterwegs nicht nötig hat.

Die Berge sind für Helmut vor allem dazu da, um offizielle Gehzeiten zu unterbieten. Er wandert immerfort mit Blick auf die Uhr. Eines seiner liebsten Spiele in den lichten Höhen heisst: Um wieviel bin ich heute schneller als die « offizielle » Zeit?

Helmut ist ein sehr wählerischer Alpinist. Er besteigt keineswegs jeden Berg. Ein Gipfel muss schon einen bekannten Namen tragen, damit ihm Helmut die Ehre antut. Der Helmut legt nämlich grossen Wert darauf, dass auch andere seine Spitzenleistungen zu würdigen wissen, und dazu eignen sich eben nur bekannte ( und möglichst hohe ) Bergziele. Eigentlich ist es verwunderlich, dass der Helmut so sehr auf bergsteigerische Selbstbestätigung aus ist. Er hat es beruflich weit gebracht, hat eine hübsche Frau und ist Besitzer ei- nes schönen Hauses. Irgendwie muss er in allem, was er tut, vorne dran sein.

Wenn Helmut von seinen Touren erzählt, dann hört man fast nur Zahlen. Etwa so: « Sind im Wallis gewesen. In sechseinhalb Tagen drei Viertausender und sieben Dreieinhalbtausender gemacht. Insgesamt fünfzehntausendzweihunder-teinunddreissig Höhenmeter geschafft. Am Dom haben wir eine Superzeit von drei Stunden und siebzehn Minuten hingelegt. Die Gruppe mit Schorsch letztes Jahr hat eine Stunde mehr gebraucht. Die werden sich ärgern!

Helmut betrachtet alle anderen Menschen im Gebirge als Konkurrenten, seine Kameraden eingeschlossen. Jedem, der mit ihm geht, muss er es « zeigen ». Helmuts grösste alpine Lustbarkeit ist das Überholen. Sobald er am Berg irgendwen vor sich sieht, schiesst er ab wie eine Rakete. Nach einer Tour präsentiert er die Zahl der jeweils « Kas-sierten » wie ein siegreicher Sioux die Skalps seiner Feinde nach ergiebiger Schlacht.

Ich möchte den Helmut nicht erleben, wenn der einmal vordem Gipfel umkehren muss. Bisher ist es jedenfalls noch nie dazugekommen. Gewitter, Schneesturm und verstauchte Knöchel halten ihn nicht ab. Das sind für ihn Kleinigkeiten gegenüber dem Frust, nicht oben gewesen zu sein.

So eilig es Helmut unterwegs stets hat, ein Photo macht er immer. Das Gipfelphoto. Als Beweisdo-kument. Für alle Fälle.

Seit ein paar Tagen ist der Helmut unglaublich grantig. Was ist passiert? Bei der Tour am letzten Sonntag hat sein Ältester den Gipfel fünf Schritte vor ihm erreicht. Das erste Mal...

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