Altes und Neues aus dem Basodinogebiet

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Von Max Baer.

Seit den Tagen der Grenzbesetzung ist uns Deutschschweizern der Tessin als Kleinod italienischer Kultur in schweizerischem Gewande in Wort und Bild bekannt geworden. Schon lange hatte ich den Wunsch, jene idyllischen Täler einmal selber zu durchwandern, jahrelang aber verhinderten allerlei Umstände seine Ausführung.

Zuletzt aber erfüllte sich meine Hoffnung, und am 2. September 1934 wanderten meine Frau und ich von Bignasco, der hintersten Bahnstation des Maggiatales, der Basodinohütte entgegen. Es war fürchterlich heiss, dazu aussergewöhnlich schwül, denn kurze Zeit vorher war starker Regen gefallen. Noch zeigten sich hie und da Spuren von Überschwemmungen, und die höhern Berglagen steckten in tiefem Neuschnee.

Ungeachtet dieser Unannehmlichkeiten waren wir bester Laune, denn jeder Schritt bietet im Val Bavona, durch das die Basodinohütte erreicht wird, neue Schönheiten. Mit Recht gilt das Tal als eines der schönsten im ganzen Alpengebiet. Hier steht ein sinniges Kapellchen, dort ein heimeliges Dorf, in der Ferne rauscht ein Wasserfall, und über allem wölbte sich der tiefblaue Himmel, der mit den schimmernden Gletschern des Basodino einen herrlichen Talabschluss bildete. Noch selten habe ich den Übergang der südlichen Vegetation mit Weinreben und mächtigen Kastanienbäumen zur alpinen Flora in so kurzer Zeit verfolgen können; es war eine richtige botanische Lehrstunde.

Erst im späten Abend konnten wir unsere schwere Last in der Basodinohütte ablegen. Das grosse und schön ausgestattete Haus wurde uns sofort lieb, besonders da eine nette Tessinerin mit viel Fröhlichkeit den Hüttendienst besorgte.

An den nächsten Tagen spazierten wir zum stillen Lago Bianco und dem Cristallinapass. Inzwischen räumte die Sonne mit dem Neuschnee auf. Nun studierte ich den Clubführer des S.A.C. Vor Jahren schon hatte ich dessen erste Fassung, in der eine ganze Menge von Gräten und Gipfeln noch als unbegangen angeführt werden, durchstöbert. Zu meiner grössten Überraschung entdeckte ich, dass dem immer noch so war. Wohl hat der Alpenclub im Laufe der Jahre mehrere grosse Hütten in den Tessinerbergen errichtet, eine Menge von Turisten hat seither diese Gegend durchstreift, es scheint, dass ausschliesslich die alten Wege durchwandert werden. Das Hüttenbuch verzeichnet zum Beispiel den Basodino viele Dutzend Male, auf den Poncione di Braga, der wahrscheinlich in wenigen Stunden von der Hütte zu erreichen wäre und einen herrlichen Überblick über die ganze Gegend böte, existiert aber immer noch keine Route I Am nächsten Tage gingen wir gegen den Pizzo S. Giacomo. Da meine Frau bergunkundig war, nahmen wir Mario Lafranca aus Cavergnono mit.

Er versah seit einiger Zeit für seinen Bruder Hüttenwartdienste und hatte so mit Turisten und auf der Jagd die Umgebung kennen gelernt. Nach dem Clubführer wäre ich zunächst zum Lago Bianco aufgestiegen, um von dort über den Ghiacciaio dei Cavagnoli unsern Gipfel zu erreichen. Unter La-francas ortskundiger Führung wählten wir einen Weg, der wegen seiner Zeitersparnis und Leichtigkeit der Aufzeichnung wert erscheint. Zu diesem Zwecke verfolgt man den Alpweg bis Robiei. Bei der hintersten Hütte wendet man sich nach links und steigt über leicht begehbare Hänge bis zum Kessel der Alp Arzo. Von hier führt eine schwach ausgeprägte Spur leicht ansteigend durch Felsen und Schneeflecken nach rechts auf den felsigen Rücken des Saslini, der die äussere Begrenzung des Cavagnoligletschers bildet.

Wir gelangten auf diese Weise an den Fuss des S. Giacomo, wo meine Frau wegen der « 1 %ständigen, sehr exponierten Kletterei » zurückblieb. Ich wurde aber arg enttäuscht, denn es währte nur 20 Minuten, bis wir auf dem Gipfel standen, alles war leichte Kletterei, nur einmal ( der Ausstieg vom Couloir auf den Grat ) findet sich einige Meter eine wirklich schwere Stelle. Mir scheint, dass im Führer ein Irrtum unterlaufen ist, der berichtigt werden sollte. Die Aussicht vom Giacomogipfel war herrlich. Tief unter uns lag der gleichnamige Pass, dann das Formazza- und Bedrettotal, während sich in der Ferne der ganze Alpenkranz vom Mont Blanc bis zum Bernina ausbreitete. Wir gingen aber schon nach 5 Minuten weiter, denn mich lockte der noch unbegangene Südwestgrat.

Zwei seiner Zacken sahen gefährlich aus, doch in der Nähe entpuppten sie sich als harmlose Gesellen, so dass wir bereits 20 Minuten nach Verlassen des Gipfels auf dem Gletscher unsern Sieg begiessen konnten.

Ich hatte ursprünglich beabsichtigt, die Fiorina mitzunehmen, doch Lafranca schätzte infolge des weichen Schnees 3 Stunden bis dorthin. Das war für meine Frau zu viel, wir beschlossen daher, nach Überquerung des Gletschers direkt zur Bocchetta Val Maggia abzusteigen. Mein Begleiter hielt dies für möglich, selber hatte er es zwar noch nie gemacht, im Clubführer war nichts zu entdecken. Wir stiegen ungefähr in 2850 m Höhe in die Fiorina-südflanke ein, sie entpuppte sich als leichtes Blockgelände, so dass wir schon nach einer Stunde in der Bocchetta anlangten.

Am späten Nachmittag schlenderten wir zur Basodinohütte zurück. Lafranca erklärte, der Grossteil der im Clubführer noch nicht bezeichneten Routen sei bereits von Einheimischen ausgeführt worden. Da er mir darüber einzelne Angaben machen konnte, dürfte dem wohl so sein. Wie wünschenswert wäre es, wenn dies dem Herausgeber des Tessinerführers zuhanden käme, denn in der jetzigen Fassung ist das Büchlein reichlich lückenhaft. Diese Tatsache veranlasste mich, meine Turen den « Alpen » zukommen zu lassen, denn bei der leichten Begehbarkeit glaube ich selber nicht ganz daran, dass es Erstbegehungen waren.

Mehr reizte mich der Berg, den der Führer als schönsten und interessantesten der ganzen Cristallinagruppe bezeichnet, nämlich der Castello.

Derselbe bricht nach dem Valle Peccia, besonders aber nach dem Bavonatal in steilen, ungangbaren Wänden ab und war — immer nach Tessinerführer — bisher erst über die äusserst morsche Westwand in schwierigster Weise erreicht worden.

Laf ranca war sofort bereit, mich zu begleiten. Wir brachen am 6. September kurz vor 5 Uhr auf. Ein Reserveseil und drei Abseilhaken steckte ich zur Vorsicht noch ein, denn man durfte schon auf allerhand gefasst sein. Zunächst ging es dem Pfade entlang, der zum Lago Bianco führt. Bei der ersten Wegbiegung aber stiegen wir gerade aufwärts über die steilen Hänge. Auf etwa 2000 m bogen wir nach rechts, denn jetzt galt es immer ungefähr in dieser Höhe zur Alp Zotto hinüberzugelangen. Ein recht unangenehmer Gang, solange es noch Nacht war. Seit Jahren werden nämlich jene Alpen nicht mehr begangen, drum sind die Wege kaum erkennbar, das Gras ist zu dichtem Wildgras gewuchert, das bei der Feuchtigkeit gefährlich glitschig war. Die Hänge aber schiessen verflucht steil zu Tal. Da galt es aufzupassen, auch nachdem es Tag geworden. Und doch ist mir dieses Stück in bester Erinnerung geblieben, denn ich habe noch selten eine so genussreiche Höhenwanderung ausführen können. Tief unten der rauschende Bach, schwaches Herdengeläute drang von Campo empor, jenseits die glitzernden Firne des Basodino, um uns üppiges Wildgras, darin Heidelbeersträucher voll reifer Früchte.

Gegen 7 Uhr konnten wir bereits von Vanice aus den ganzen Castello-abschwung überblicken. Wir hielten still, um uns über die Aufstiegsmöglichkeiten zu beraten. Der direkte Steilabfall schien trotz der geringen Gliederung der Wand kaum begehbar. Mehr versprach der Südgrat. Auch er ist stark zerzackt, aber die Möglichkeit eines Durchkommens dünkte uns ziemlich gross. Wie sollten wir ihn aber erreichen?

Der westlichste Ausläufer des genannten Grates gipfelt im Pizzo di Fojoi, den Patocchi von der andern Seite nicht sehr schwer erreicht hat. Auch von Sevinera aus dürfte er ohne zu grosse Schwierigkeiten zu bezwingen sein, da dies aber sicher sehr zeitraubend sein musste, entschlossen wir uns zu einem direkten Aufstiegsversuch in die Scharte zwischen den beiden Gipfeln. Dazu niussten wir wieder über Geröll, Gestrüpp und steile Rasenhänge ansteigen, die zum Glück im Schatten lagen, sonst wäre dieser Gang mörderisch gewesen. Dann galt es, eine Felsbarriere zu überqueren, die der Castellowand vorgelagert ist. Sie wurde in unangenehmer Kletterei überwunden. Und oben angelangt, entdeckten wir, dass ein verlassener Geisspfad mehr links leicht hinaufgeführt hätte. Jetzt lag der Aufstieg offen vor uns. Voll Freude erkannten wir, dass es leichter ging, als wir gedacht. Nach einer wenig bewachsenen Terrasse führte ein zerbröckeltes Felsband längs der Wand zur Scharte.

Um 11 Uhr liessen wir uns dort zur längeren Rast nieder. Was uns weiter bevorstand, dämpfte allerdings die Hoffnung stark. Denn der Grat endigt in einigen recht abweisenden Zacken, die wenig Gutes versprachen, am wenigsten aber flösste uns der Gipfelblock Vertrauen ein. Wir beschlossen aber immerhin, die Sache näher anzusehen.

Nach einigen leichtern Gratstücken versperrte uns ein überhängendes Wandstück den Weiterweg. Mit Schulterstand war es rasch erledigt. Einige Gendarmen konnten erst nach allerhand Kunstkniffen überwältigt werden, zweimal mussten wir dabei die Säcke aufseilen. Doch es ging, und plötzlich standen wir an der Schlusswand zum Gipfel. Etwa 100 m mochte er über uns sein, die letzten Felsen schienen ziemlich leicht, aber dazwischen drohte eine etwa 30 m hohe überhängende Wand. Hier war nicht weiterzukommen. Wir schauten nach rechts: plattig und ungangbar fällt der Gipfel ins Pecciatal ab. Die Bavonaseite bot etwas wie eine leichte Verschneidung, vielleicht ist hier durchzukommen, doch nur mit Dolomitenkletterei schwerster Art, und dazu langten unsere drei Haken nicht.

Missmutig blickten wir empor. Wie schade, sich so knapp unter dem Ziele besiegt zu wissen! Wir dachten einen Augenblick, den Gipfel über den Westgrat zu gewinnen und dann hier abzuseilen. Ohne Zweifel ist dies möglich. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es für diesen Tag nicht ging, denn es war bereits 1 Uhr. Unser Vorgehen hätte also zu einem Biwak führen müssen. Dazu waren wir nicht ausgerüstet, auch wurden wir am Abend mit Bestimmtheit im Tal erwartet.

Wir kehrten daher um und waren bald wieder auf der Felsbarriere am Fusse der Castellowand. Lafranca meinte, besser als der alte Weg über Sevinera sei die Rückkehr über die Boccheta di Masnaro. Aus diesem Grunde stiegen wir nicht zur genannten Alp ab, sondern querten direkt längs den Abstürzen des Castello bis unter den Seradanopass, was sehr mühsam war. In glühender Hitze quälten wir uns dann zur Passhöhe, gewannen über endlose Blockhalden Masnaro und rannten in einer Stunde zur Basodinohütte hinunter.

Ich musste am nächsten Tage talwärts ziehen. So waren meine Pläne nur teilweise in Erfüllung gegangen, und dennoch halten mich die Tessinerberge gefangen. Über ihnen liegt ein seltsamer Zauber, eine Einsamkeit wie sie anderswo in den Alpen kaum zu finden ist.

Medsdinun.

Einsam zwischen den Bergen schweifend, empor zu den höchsten Gipfeln streifend, mied Medschnun seinen Stamm. Er begehrte nichts zu schaun von der Menschenwelt... Auf einem Gipfel, der einsam ragt, sieht man ihn oft, gleich dem Wolkenschatten, der auf die kahlen Felsen sich legt.

Aus dem Persischen von Dschamî ( 15. Jahrh. ).

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