Auf der Haute Route von der Etzlihütte zum Tödi

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Von Tobias Frei

Mit 2 Bildern ( 42, 43Oberuzwil ) In meiner über vierzigjährigen Praxis als Skifahrer habe ich immer mehr gelernt, die Ski als Mittel zum Naturgenuss aufzufassen. Die Technik als solche interessiert mich gewiss auch, aber nur soweit sie mir hilft, im winterlichen Gelände oder im Gebirge durchzukommen. Auf die Eleganz der Schwünge habe ich längst verzichten gelernt. Ich weiss wohl, dass man mir mit der berühmten Fabel vom Fuchs und den Trauben kommen kann. Es sei! Aber tatsächlich bin ich mitsamt meinen vier Kameraden auf der fünftägigen Haute Route von der Etzlihütte zum Tödi mit verhältnismässig wenig Stürzen durch — und was wichtiger ist, zum Naturgenuss gekommen. Im Prinzip schätze ich gelegentliches Hangfahren mit oder ohne Skilehrer, aber wirklich nur gelegentliches, sehr dosiertes. Das heisst, ich wende es an, wie etwa ein tüchtiger Kommandant den militärischen Drill anwendet, mit weisem Mass. Aber vielleicht fehlt es mir doch etwas an der Ausbildung.

Denn wie wir am Morgen des zweiten Tages unserer Haute Route vom Krüzlipass ins Val Strem hinunterfuhren und vor einem hartgefrorenen Schneecouloir von geradezu beängstigender Steilheit standen, da überwand ich mit zwei meiner Kameraden, einer Felsnase folgend, die grösste Steilheit auf Schuhmachers Rappen, um erst in der zweiten Phase meine Skikünste zu probieren. Resultat: im Val Strem unten, etwa auf Punkt 2030 m, trafen wir uns wieder im friedlichen Wiesengrund und konnten uns alle unserer ganzen Knochen und Hölzer freuen.

Jetzt lassen wir unsere Phantasie eine Zeitlang südwärts schweifen, nach Sedrun, in den Taleinschnitt des Val Nalps und auf die gut sichtbaren Berge des Lukmanier- und Cadlimogebietes. Aber nur kurze Zeit, denn vor uns liegt ein dreistündiger, steiler Aufstieg und unser ungewählter, aber tatsächlicher Tourenchef drängt vorwärts. Skibewehrt stapfen wir hinter ihm unverdrossen zur Höhe, und einzig die Schärfe der Kanten und die Tragfähigkeit der Felle vermögen die Steilheiten des Anstieges zu regulieren. Denn es ist eine bekannte Tatsache, dass ein Hang, direkt angegriffen, den Fellen besseren Halt gewährt als die Schrägspur. Der Krüzlipass ist bald an Höhe überholt, und neuerdings grüssen Sonnigwichel, Piz Ner und Giuf aus dem Etzligebiet herüber. Ein letzter Steilanstieg, bei dem sich die Schrägspur nicht mehr vermeiden lässt — und wir blicken von der 2833 m hohen Aultlücke in eine neue Welt! Vor uns dehnt sich im brennenden Glanz der Mittagssonne der Brunnifirn aus Links leiten mächtige, blaue Séracs den ersten Absturz des Brunnigletschers ein, und hinter uns türmen sich in blendender Helle die Schneefelder zum Oberalpstock auf. Sein Gipfel aber ist im Augenblick in leichte Nebel gehüllt. Rechts aber stehen schwarzblau die drei Trabanten Piz Ault, Piz d' Acletta und Piz Cavardiras, früher weite, schwer zugängliche Berggipfel, heute, seit dem Bau der Cavardirashütte, leichte, kaum erwähnenswerte Höger.

Und endlich grüsst im Osten von der Cavardiraslücke die Hütte selber herauf. Eine leichte Firnfahrt von zwei bis drei Kilometern trennt uns von ihr. Wir halten im Windschatten Rast und Rat. Die Freunde Albert, Paul und Ernst sind entschlossen, sofort den Oberalpstock anzugreifen. Zu mir aber spricht mein Herz: « Hast du heute nicht schon genug des Herrlichen gesehen und erlebt? Ist eine Skiwanderung über diese hochgelegenen Pässe und Lücken nicht Bergerlebnis genug? Und was braucht 's der Gipfel, wenn man sich auf dieser wundervollen .Haute Route'bewegt? » Ähnliche Gründe mögen bei Kamerad Robert mitsprechen; er schliesst sich mir an.

In leichter Fahrt segeln wir bald darauf unangeseilt, alten Spuren folgend, über die prächtige Mulde des Brunnifirns dahin. In gleissender Fülle brennt die Sonne hernieder und strahlt vom reinen Schnee zurück. Es ist so heiss wie im Sommer, und als wir um 1 Uhr mittags die 2707 m hoch gelegene Cavardirashütte erreichen und uns im engen Winterraum dieses schönen Bergheims wohnlich einrichten, brauchen wir gar nicht lange zu warten, bis unsere Effekten, Schuhe, Felle und Socken auf der Steinbank getrocknet sind. Ein herrlicher Kaffee brodelt bald in der Pfanne, und ein Birchermus aus Haferflocken, Milch, Sultaninen und meiner zweitletzten Orange wird unser feines Mittagessen. Dann kochen wir Suppe und Tee für unsere drei unermüdlichen Gefährten, die um 4 Uhr vom Oberalpstock zurückkommen. Sie haben keine umfassende Aussicht, wohl aber eine schöne Abfahrt gehabt und können ausserdem einen neuen Gipfel in ihr privates Tourenbuch eintragen.

Der Abend bei der Cavardirashütte wird herrlich. Im Westen glänzt immer noch der Brunnifirn als einsames, hohes Schneefeld, und im Osten zeigt sich wundervoll das Tödigebiet in respektabler Ferne. Der Tödi ist von hier aus der Patriarch seiner etwas ruppigen Schäflein. Der Bifertenstock zeigt sich als schwarze Pyramide, Piz Urlaun und Frisai sind breitschultrige Kerle, und hinter ihnen tauchen als trotzige, kühne Felsgestalten die Brigelser Hörner auf. Die Sehnsucht nach dem Puntaiglasgebiet wird wach und will zu neuen Taten locken. Etwa um 9 Uhr treten wir nochmals vor unser hohes Bergheim. Der Mond ist wunderbar hinter dem Cavardiras aufgegangen und wirft sein magisches Licht auf den Brunnifirn. Die Berge stehen schwarz und schweigen. Die Hochgebirgslandschaft ist voll Schönheit und Harmonie. Und die Menschen winden sich in den Niederungen in den Qualen und Nachwehen eines verheerenden Krieges.

Freund Albert ist unser unbestrittener Tourenobmann. Mit seinen 55 Lenzen auf dem Buckel verfügt er immer noch über die Lust und das Können, in alle Höhen und Tiefen vorzudringen. Am Morgen jedoch weiss er immer einen Grund zum Hetzen. So muss die Erstellung der Hüttenordnung in aller Schnelligkeit erfolgen, und um 7.45 Uhr ist alles zur Abfahrt bereit. Fast mit Bedauern sage ich der schönen Cavardirashütte Lebewohl. Ich hätte es gut noch einen Tag dort oben ausgehalten. Die Abfahrt geht beinahe 1000 m durchs Val Cavardiras hinunter. Sie ist wohl schön, aber hart. Die Kanten fassen durchwegs gut, aber wenn es gar zu steil wird, bringe ich doch hie und da eine Spitzkehre an. Meine Kameraden haben durchwegs kurze Ski, während ich mit meinen langen, alten Hölzern leicht im Nachteil zu sein glaube. Immerhin bringe ich sie mitsamt meinen Knochen ganz hinunter, und das ist schliesslich die Hauptsache. Die Ausfahrt aus dem Val Cavardiras gestaltete sich zu einem kleinen Problem. Sollen wir der Bachsenke nach ins Val Cavrein hinunterfahren oder, den linken Talhang benutzend, dort ansteigen und so weniger an Höhe verlieren? Wir beschliessen die klare Talfahrt und sind richtig beraten. Bald sitzen wir in fröhlichster Stimmung am tiefsten Punkt unserer « Haute Route », auf der 1830 m hoch gelegenen Alp sura im Val Cavrein, einem Nebental des Val Rusein, das zwischen Somvix und Disentis ins Vorderrheintal ausmündet. Und da bis dahin alles so glänzend verlaufen ist und wiederum die Sonne scheint, vermögen uns diesmal keine Sehnsüchte nach einem währschaften Mittagessen in Disentis oder anderswo von der weiteren Verfolgung unseres Planes abzuhalten. Ausserdem haben sich unsere Säcke wohl erleichtert, aber es ist noch genügend Proviant für mindestens drei Tage vorhanden. Gutgelaunt kleben und schnallen wir die Felle an die Bretter und beginnen den langen Anstieg zur 2850 m hohen Cavreinhütte. Das macht gut 1100 m Höhendifferenz.

Nach genussreichem, fast vierstündigem Aufstieg im wilden, von mächtigen Lawinen teils zugedeckten Hochtal von Cavrein stehen wir um 1 Uhr mittags auf der Lücke, am Grenzkamm zwischen Uri und Graubünden. Das Wetter hat sich verschlechtert. Es windet stark und schneit leicht, und vor uns liegt gross und geheimnisvoll der Hüfifirn.

Während wir die Kapuze über die Ohren ziehen, prüft Albert die einzuschlagende Route. Karte und Landschaft stimmen wieder einmal nicht überein. Nach der Karte müssten wir direkt nördlich auf den Hüfifirn hin- unter, aber gerade dort türmen sich grosse Séracs auf. Albert und Paul seilen sich an, halten nach rechts auf der Kurve, und wir schleifen im leichten Neuschnee hintendrein. Es geht. In vorsichtiger Abfahrt erreichen wir die Mulde des Hüfifirns und kommen so, der Not gehorchend, etwa auf die Kurve 2640 hinunter. Keiner von uns ist je in der Planurahütte gewesen, also ist Vorsicht das Gebot der Stunde. Zum Glück war der Schneeschauer kurz; der Himmel klärt sich auf und offenbart die grossartige Welt, in der wir uns bewegen. Drüben türmen sich Scheerhorn, Kammlistock und Clariden auf, und hinter uns zeigt sich in grosser Tiefe, als Pünktchen auf dem Grat, die Hüfihütte. Eine schwarze Platte am Fuss des Catscharauls gibt uns die einzuschlagende Richtung an. Mühsam gewinnen wir wieder an Höhe, und ich rechne nach Karte und Landschaft jede gewonnene Höhenkurve nach. Endlich, etwa um halb 5 Uhr abends, erscheinen über einem weissen Gletscherkamm die bizarren Formen einer Felseninsel im riesigen Gletschermeer des Hüfi-und Claridenfirns. Und am Rande dieser Insel steht auf hoher Warte die 2954 m hoch gelegene Planurahütte. Ein seltsamer Hüttenbau, dessen Hauptfront ein Halbrund darstellt, und ein Stück glarnerischer Tatkraft auf hoher Warte. Das Ländchen Glarus, eng und weit, kleinbürgerlich und kosmo-politisch zugleich, hat hier ein Symbol seiner Eigenart geschaffen: ein Herr Schwarzenbach aus New York, wahrscheinlich ein glühender Verehrer seiner heimatlichen Berge, hat das Geld für den Hüttenbau gestiftet. Mit amerikanischem Geld ist also Anno 1930 — wahrscheinlich in Vorausahnung des Kommenden — dies höchste Bergheim auf Glarnerboden entstanden, aber alte, unverwüstliche Heimatliebe ist ihm zu Gevatter gestanden.

Unsere Müdigkeit macht sich zunächst in Unzufriedenheit Luft. Die Hütte hat keinen Winterraum, und die grosse Stube ist wohl kaum zu erheizen. Freund Albert schimpft weidlich und spielt mit dem Gedanken, in die Claridenhütte umzusiedeln. Aber je besser wir uns akklimatisieren, um so mehr versöhnen wir uns mit unserem Adlerhorst. Eine Aufklärungspatrouille kommt aus dem Schlafraum herunter und meldet das Vorhandensein guter Decken und Sprungfedermatratzen. Auch Tische und Stühle des Hüttenraumes sind sehr solid und praktisch. Und schliesslich kommt noch die grösste Überraschung: das Wetter hat sich, wie an den Vortagen, auf den Abend merklich gebessert. Der Clariden- und der Hüfifirn zaubern in der Abendsonne die herrlichsten Farbenreflexe hervor. Scheerhorn, Kammlistock und die Windgällen erstrahlen in seltener Reinheit, und in tiefer Abendruhe grüssen die Hänge des Maderanertales herauf. Das grösste Wunder aber hat uns die Planurahütte im Südosten aufgespart. Der Tödi ist in greifbarer Nähe schier plötzlich nebelfrei geworden und liegt mit dem Westgrat, den Westabstürzen seiner Trabanten und mit der gewaltigen Nordwand in grossartiger Abend-schönheit vor uns. Man kann sich an dem herrlichen Bild nicht sattsehen, und abwechslungsweise klappern wir in den Holzschuhen auf das Südost-känzeli der Hütte, um zu schauen und zu geniessen und wieder zu schauen und zu geniessen! « Trinkt o Augen, was die Wimper hält », hat einmal einer gedichtet, der kein Bergsteiger war, und er hat damit auch uns aus der Seele gesprochen. So sind wir vor acht Jahren auf der Cima di Rosso gesessen und haben eine herrliche Gipfelstunde lang die Schönheit des Monte della Disgrazia getrunken. So trinken wir heute abend, am Mittwoch vor Ostern, die Schönheit des Berges Tödi!

Allmählich jedoch verdunkelt auch diese Pracht. Man lässt sich im grossen Hüttenraum zum trefflich bereiteten Mahle nieder. Mit dem Verschwinden der Müdigkeit ist auch der Hüttenraum « heizbar » geworden, so dass ein Jass den Abend beschliessen kann. Wir haben bis jetzt das nicht zu unterschätzende Glück gehabt, jeden Abend einzige Hüttengäste gewesen zu sein. Früh gehen wir in den Schlafraum und träumen der morgigen Gemsfayrenabfahrt entgegen. In Linthal werden sich voraussichtlich unsere Wege trennen.

Aber es sollte alles anders kommen. Wie wir am Morgen von unsern Sprungfedermatratzen auf Pianura aufstehen, lacht uns der prächtigste Hochgebirgsmorgen entgegen. Unser Seelenbarometer schwankt zwischen Rasttag, Gemütstour und alpiner Tat. Vorläufig wird rasch die Hüttenordnung erstellt, gepackt und auf den Firn hinuntergefahren, wo sich die Wege trennen. Dort ausserordentliche Hauptversammlung mit wichtigen Traktanden. Vor uns liegt im Glanz der Morgensonne der Sandfirn und dahinter die magische Gestalt des Tödi. Vergessen ist mit einem Schlag die berühmte Gemsfayrenabfahrt. Sie muss dem König der Berge im weiten Umkreis, dem Tödi, weichen. Freund Albert lacht sich ins Fäustchen. So leicht hat er sich die Umstellung auf den Tödi nicht vorgestellt.

Und es vergehen keine fünf Minuten, so sind wir alle von der absoluten Richtigkeit des getroffenen Entscheides überzeugt. Infolge des gestrigen Neuschnees ist der Sandfirn von grossartiger Beschaffenheit, die Schwünge geraten wie geschmalzen, und ohne Anstrengung kommt man auch am Steilhang zurecht. Kurz, wir erleben eine jener Abfahrten, die an « Loslösung von aller Erdenschwere » erinnern, die alles sommerliche Bergsteigen als mühselig und schwerfällig erscheinen lassen. Eine von jenen Abfahrten, von denen man in der Erinnerung mit Recht sagen kann: « Ich freute mich des Lebens am Sandfirn! » Wir fahren buchstäblich in einer guten Viertelstunde tausend Meter hinunter. Die Berge, die von der Pianura aus kleine liebliche Gipfel waren, erheben sich plötzlich wieder zu respektabler Höhe. Und schon halten wir begeistert auf einem Felsblock Rast, um uns an den Gegensatz « beschwingte Abfahrt — schwerfälliger Aufstieg » wieder zu gewöhnen.

So steigen wir denn leicht von der 1933 m hoch gelegenen Alp Obersand zum Plateau der Röti, etwa auf die Kurve 2200 m an und traversieren ungefähr auf gleicher Höhe zum Bifertengrat hinüber. Ein einzigartiger Tiefblick auf das typische Trogtal des Sandbachs und darüber hinaus auf Linthal und den ganzen grünen Talkessel des Glarnerlandes tut sich hier auf und erinnert an das grossartige Bild « Lauterbrunnental » von Hans Thoma. Wir haben heute trotz allem Rasttag und sitzen hoch am Ochsenstock auf exponierter Warte. Wir sammeln Kräfte auf den Hosenlupf mit dem Tödi. Im Südwesten droht schon die gewaltige Biferten-Nordwand und lauert der Bifertengletscher mit seinen Schrunden. Wir liegen wohlig an der Sonne, hoch über uns die Firnkuppe des Sandgipfels und tief unter uns der Talkessel des Sandbaches. Dann schleifen wir gegen Mittag an schwindelnden Abgründen vorbei zum Bifertengrat hinauf. Eine kurze Abfahrt bringt uns hierauf zur alten Fridolinshütte hinunter — die neue ist geschlossen.

Die etwas antiquierte Ausstattung der ehrwürdigen Hütte vermag keineswegs unsere allgemeine Hochstimmung zu dämpfen. Denn während wir am Nachmittag eifrig retablieren, sind alle unsere Gedanken aufwärts und vorwärts zum Tödi gerichtet. Gegen Abend erscheint eine Viererpartie junger Glarner mit ebenso entschiedenen Tödi-Absichten wie wir. Sie hat zum Glück den Schlüssel der neuen Hütte mitgebracht. Jetzt wird alles zum frühen Aufbruch hergerichtet, und lebensklug begibt man sich um 9 Uhr aufs Lager.

Kein Hahn weckt uns am Morgen, aber vor dem ersten Hahnenschrei sind wir munter und bereiten unser immer gutes Morgenessen. Programm-massig um halb 4 Uhr brechen wir auf. Über das Wetter wird nicht gesprochen. Der Himmel zeigt verdächtige Streifen, und der Bifertenstock hat sein Haupt verhüllt. Jeder konstatiert für sich eine leichte Veränderung der Wetterlage, keiner teilt sie mit. Auf dem Gletscher, der in wenigen Minuten erreicht wird, seilt man sich sofort an.

Der Bifertengletscher ist ein steiler, terrassierter Gletscher, und seine Beschaffenheit bildet das Schicksal der winterlichen Tödifahrer. Vor allem sind die zwei grossen Eisabbrüche zu überwinden, die auch auf der Siegfriedkarte deutlich in Erscheinung treten. Der untere kann links, unmittelbar am Fusse der riesigen Nordwand des Bifertenstocks, umgangen werden. Einige Minuten lang, während wir in äusserst steiler Spur aufwärts tappen und rechts neben uns die ersten Schrunde klaffen sehen, fragen wir uns, ob wir nicht zu früh aufgebrochen sind. Aber bald werden wir gewahr, dass wir immer besser sehen, und während es sichtlich zu hellen beginnt, umschleichen wir den ersten Bruch, an Schrunden und Séracs links vorbeigehend. Wie wir auf der Mulde zwischen den beiden Brüchen stehen, zeigt sich uns folgendes Bild: die Mulde ist voller alter Skispuren, aber der zweite Eisabbruch stellt sich derart als ein Labyrinth von blauen Séracs, von Eiswänden und Schrunden dar, dass man auf den ersten Blick kaum zu hoffen wagt, hier durchzukommen Ausserdem zeigen gestürzte Séracs und heruntergefallene Eisstücke an, dass alles mehr oder weniger in Bewegung ist, kurz, dass der Gletscher auch hier f liesst. So schnallen wir denn am Fuss des zweiten Bruchs unsere Ski ab, binden sie zusammen und beginnen auf dem blauen, leicht überzuckerten Eis zu turnen, was in den blossen Skischuhen kein besonderes Vergnügen ist. Es handelt sich mehr um ein katzenartiges Schleichen als um feste Bergschritte. Oft legt man die Ski auf ein oberes Terrässchen und windet sich dem Eise nach hinauf, und dies am Fusse mehrerer Meter hoher Eiswände, die, ohne sichere Unterlage, schon heute nachmittag einstürzen können. Schon glauben wir das Schwerste überstanden, als Albert, instinktsicher wie immer, auf einer nach links führenden Traverse Stufen zu hauen beginnt. Während wir müssig auf die entstehende Eisleiter warten, gewahren wir etwa 200 Meter unter uns die jungen Glarner, die nunmehr ihrem Tödi auch auf den Leib rücken. Nach der heiklen Traverse bessert es. Noch sind einige offene Schrunde zu umgehen, dann liegt auch der zweite Eisabbruch hinter uns. Der Gletscher wird zunächst zu einem sanft ansteigenden Schneefeld mit vielen alten Skispuren. Der Tödi wird zu einem Problem der Ausdauer und doch immerwährender Vorsicht. Denn links und rechts auftauchende Séracs beweisen, dass man sich auf unsicherem Grunde aufwärts bewegt. Aber man bewegt sich doch, und zwar mit dem an den Vortagen gewonnenen Training in gleichmässigem, schier stumpfsinnigem Skischritt. Stumpfsinnig im eigentlichen Sinne wird die Sache nämlich deshalb, weil wir auf etwa 3200 m Höhe in den Hochnebel eintauchen. Für Albert ist dies natürlich kein Grund zum Umkehren oder gelegentlichen Unkenrufen von hinten Gehör zu schenken. Er schreitet vielmehr tapfer wie am ersten Tag drauflos. Erst als wir auf etwa 3350 m einen starken Wind zu spüren bekommen und vernünftigerweise keine Aussicht besteht, aus dem Nebel aufzutauchen, steht er plötzlich still, stösst mit energischer Geste die Stöcke ein und ruft: « Felle ab! » Ich bin keineswegs niedergeschlagen. Vier Tage lang hat uns der April schönes Wetter geschenkt und uns mehr als unser ursprüngliches Programm durchführen lassen. Wenn er uns heute, am letzten Tag, das eigentliche Höhenziel vorenthält, so ist das kein Grund zu klagen. Und übrigens — haben wir den Tödi nicht erlebt? Liegen die schwersten Stellen nicht weit hinter uns?

So machen wir uns denn rasch abfahrtsbereit. Wir fahren seilhaft in zwei Gruppen, drei am Bergseil und zwei an der doppelten Reepschnur. Kurz nach den ersten Schwüngen treffen wir die Partie der jungen Glarner, die sich jetzt ebenfalls zur Umkehr entschliessen. Da sie ohne Seil fahren, überholen sie uns bald in prächtigen, beherrschten Schwüngen, während wir es gelegentlich mit einer « Lismete » zu tun haben. Aber es geht, und auch wir kommen verhältnismässig rasch abwärts. Beim oberen Eisabbruch kommt nochmals die vorsichtige Turnerei und Schleicherei, und da Freund Albert überall tätig und behilflich ist, bringen wir uns und unsere Hölzer ganz hinunter. Von hier bis zur Hütte ist die Abfahrt nur noch eine Frage guten und vorsichtigen Schwingens. Einzig die gewaltige Biferten-Nordwand, der man von hier aus gewissermassen in die Eingeweide blickt, vermag uns noch eine Weile zu fesseln. Mit Ehrfurcht haben wir in jungen Jahren im Glarner Führer die sachliche Beschreibung des Akademikersteiges gelesen. Inzwischen sind noch ganz andere Wände als diese dem alpinen Tatendrang zum Opfer gefallen. Aber eine herrliche Wand bleibt sie doch, diese Nordwand des Biferten! Dann geht es auf guter, wenn auch schmaler Piste um den unteren Abbruch herum, und unten freut man sich des Schwingens wie gestern. Punkt 12 Uhr treten wir wieder in die Hütte, während, o Ironie des Schicksals, das Wetter sich wieder aufhellt und sogar der Sandgipfel wieder nebelfrei dasteht.

« Ich pflege alle dreissig Jahre nach Java zu gehen », meinte witzig Professor Schröter, als er vor Jahren in Uzwil einen Vortrag über Java hielt. Mir ist es mit dem Tödi gleich gegangen wie dem berühmten Botaniker mit Java. Vor dreissig Jahren war ich mit Freund Albert auf dem Tödi. Es war die letzte Trainingstour vor unserer ersten Fahrt ins Wallis. Und dreissig Jahre später durfte ich mit dem gleichen Freund Albert wieder den Tödi erleben, und ich bin dem Schöpfer dankbar, dass er in einem so langen Zeitraum meine Kräfte erhalten hat, dass ich überhaupt an eine Tour auf den Tödi denken konnte.

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