Auf einsamer Spur in der Val Mora

Mit 2 Bildern ( 22, 23 ) und 1 KartenskizzeVon Eugen Wenzel

( Zürich ) Skifahrer, die heute noch ein Vergnügen darin finden, sowohl im Aufstieg wie in der Abfahrt ihre eigenen Spuren zu ziehen, haben es immer schwerer, hiezu geeignete Orte zu finden. Im weitverzweigten Gebiet Graubündens gibt es zwar noch zahlreiche einsame Täler, die solchen Wünschen entsprechen, aber diese liegen meist weitab von Bahn und Autostrasse und werden schon aus diesem Grunde nur selten aufgesucht.

Eines dieser im Winter wenig begangenen Bündner Täler ist die Val Mora in den Münstertaler Bergen. Die Abgeschiedenheit dieses im äussersten Ostzipfel unseres Landes liegenden, unbewohnten Hochtals wird noch dadurch erhöht, dass es durch eine Bergkette vom Haupttal getrennt ist und von dort nur über wenn auch leichte Pässe erreicht werden kann.

Durch unseren Freund Curt Meyer waren wir seit langem auf die Val Mora und seine Berge aufmerksam gemacht worden. Kannte er die Gegend doch von Winterfahrten her, die er während der Grenzbesetzung des Ersten Weltkriegs im Umbrailgebiet und im Jahr 1938 von der Alp Mora aus unternommen hatte. Seine Berichte lauteten derart günstig, dass wir damit rechnen durften, in der Einsamkeit dieses Tales die gesuchten Erlebnisse zu finden. Auf Touren im benachbarten S-charler Gebiet und besonders während eines Osteraufenthaltes auf Süsom Give hatten wir selbst Gelegenheit, die Berge der Val Mora aus der Nähe zu betrachten. Dabei waren uns immer wieder die hoch aufragenden südlichen Grenzgipfel aufgefallen, deren Felshäupter auch dem Bergsteiger interessante Aufgaben zu stellen schienen. So kam es, dass wir uns ernstlich mit einem Winterbesuch zu beschäftigen anfingen. Als wir dann auch noch von einer günstig gelegenen Militärbaracke erfuhren, welche sich als Unterkunft eignen würde, gingen wir an die Ausführung unseres Planes heran.

Anfangs Oktober fuhren Curt und ich nach Sta. Maria und verbrachten zwei Herbsttage in der Val Mora, die dann allerdings nicht nur der Hüttenbesichtigung gewidmet waren, sondern zur Besteigung von drei der schönsten Gipfel führten. Von dieser Herbstfahrt nahmen wir neben den besten Eindrücken von Tal und Bergen auch die Gewissheit mit nach Hause, dass ein Winteraufenthalt auf La Stretta unseren Wünschen gerecht werde. Folgen wir nun im einzelnen unseren Tagebuchaufzeichnungen.

Am 17. Februar 1952 verlassen wir nach einer sonnigen Fahrt über den Ofenpass in Sta. Maria das Postauto und geben uns im Hotel Schweizerhof zum letztenmal für viele Tage dem Genuss wohlgeborgener Häuslichkeit und aufmerksamster Bewirtung hin. Bäcker-meister Seim aus Müstair ist pünktlich zur Stelle, um uns über den bereits ausgeführten ersten Nahrungsmitteltransport zu unterrichten und um uns die Schlüssel seiner Hütte auf La Stretta zu übergeben.

Bei schönstem Wetter treten wir tags darauf den Aufstieg durch Val Vau an. Schon bald überholen wir unsere Träger, lassen uns die pfundschweren Schlüssel aushändigen und ziehen nun selbst eine Spur durch das stille Tal. Auf der Wasserscheide am Dössradond erscheint die Felsburg des Cuclèr da Jon dad Onsch im Blickfeld. Nach kurzer Abfahrt erreichen wir bald darauf La Stretta. Der Standort der Hütte ist sehr günstig, und da die Baracke neben einem Herd auch noch mit einem Ofen ausgerüstet ist, wird ein mehrtägiger Winteraufenthalt in ihr erträglich sein. Mit Hütteneinrichtung und der Aushebung eines Wegs zum nahen Bach vergeht der Nachmittag, und dann geniessen wir beim heimeligen Schein einer Petroleumlampe unsere Hafersuppe.

Um einmal die Schneeverhältnisse kennenzulernen, dringen wir am nächsten Morgen ohne festen Plan in das direkt von der Hütte südwärts ansteigende Schumbraidatälchen ein. Da uns der Nordhang des Piz Schumbraida noch nicht gefällt, wenden wir uns westwärts, überschreiten den zum Cuclèr führenden Kamm und gelangen so auf die Seite der Val Tea Fondada. In der Ostflanke des Piz Tea Fondada kann die Spur durch mehrere übereinanderliegende Mulden bis in den Sattel am Ansatz des Südostgrates gezogen werden. Das letzte Gratstück wird zu Fuss bewältigt. Der Piz Tea Fondada oder Monte Cornaccia, wie ihn die italienische Karte nennt, steht direkt über dem grossen Stausee der Valle di Fraele, welcher gar nicht schlecht in die Landschaft passt. Die Abfahrt durch Val da Tea Fondada ist steil und genussreich. Das Tal mündet nordwestlich von La Stretta in die Val Mora ein. Leider wirft der Cuclèr zu dieser Jahreszeit seinen breiten Schattenkegel ausgerechnet in die Hüttengegend, so dass wir den letzten Teil unserer Rundtour ohne Sonne machen müssen.

Am 20. Februar steht der Piz Daint auf dem Programm. Es ist uns bekannt, dass der Berg heute von Teilnehmern an einer vom SAC organisierten Durchquerung der Bündner Alpen bestiegen wird, und wir gedenken mit diesen zusammenzutreffen. Unsicheres Wetter lässt uns zu spät aufbrechen, so dass wir am Jufplaun gerade noch ihre Abfahrt gegen Buffalora beobachten können. Wir selbst geraten am Gipfel in einen kleinen Föhnsturm und geniessen recht wenig von der vielgerühmten Aussicht. So kehren wir gerne in die wind-stillere Zone der Alp Mora zurück und machen uns an den etwa anderthalbstündigen Rückmarsch nach La Stretta.

Nach einem uns durch unsicheres Wetter auferlegten Ruhetag nehmen wir am 22. Februar den Piz Murtaröl in Angriff. Kurz nach 7 Uhr verlassen wir die Hütte und fahren in der alten Spur talauswärts. Der Übergang über den Bach am Eingang in die Val Maglia- AUF EINSAMER SPUR IN DER VAL MORA vachas bildet das erste Hindernis des Tages. Ein weiteres ist der bis auf den Grund durchfrorene Schnee, welcher uns hie und da bis über die Knie einsinken lässt. Im steilen Lawinengraben der Val Magliavachas wird es besser, und wir kommen rasch höher. Schon nach knapp dreieinhalb Stunden ist der Sattel am Fuss des Südgrates erreicht. Hier bleiben die Ski zurück. Auf einer im Oktober ausgekundschafteten Route steigen wir in der teilweise mit angewehten Schneebrettern geladenen Südwestflanke empor und erreichen etwas nach 12 Uhr den 3180 m hohen Hauptgipfel des Piz Murtaröl. Die Aussicht ist prachtvoll. Gegen Norden und Nordosten senken sich die steilen Gräben der Val Murtaröl und Magliavachas tausend Meter zur Val Mora ab. Als kleines Pünktchen ist im Talhintergrund unsere Hütte auf La Stretta zu erkennen. Auf der Südwestseite stürzen die Flanken noch steiler bis an den Rand des Stausees bei San Giacomo di Fraele ab. Über der schwarzen Kulisse der Cima di Piator leuchtet die gletschergepanzerte Gestalt der Cima di Piazzi.

Nach anderthalbstündiger Rast treten wir den Rückzug an. Vorsichtig geht es in den stark geneigten Stufenleitern und Quergängen zum Skidepot hinab. Dann beginnt eine überaus rassige Abfahrt durch Val Magliavachas, die am Ausgang des Tälchens allerdings jäh durch trügerischen bis auf den Boden durchfrorenen Schnee gehemmt wird. Auf der inzwischen hart gewordenen Talspur kehren wir schon um 16 Uhr in unser Heim zurück.

Da das gute Wetter anhält, entschliessen wir uns am nächsten Tag schon, gleich auch noch den dritten der drei Grenzgipfel, den Piz Schumbraida, anzugehen. Heute geht es wieder auf der Spur des ersten Tages in die Val Schumbraida hinauf. Aus der Ferne Iässt sich der Nordhang des Gipfelstockes nicht beurteilen. Aus diesem Grunde holen wir links aus und betreten die Gefahrzone erst in der obersten Mulde. In grossen Abständen arbeiten wir uns in vielen Spitzkehren in der steilen Firnflanke empor und sind herzlich froh, auf der Gratschneide von der Sonne begrüsst zu werden. Hier haben die Ski ausgespielt. Der Nordostgrat sieht mit seinen Türmen und Wächten schlimmer aus als er ist. Er kostet uns nur 40 Minuten Zeit. Wie am Vortag betreten wir kurz nach 12 Uhr den Gipfel.

Auch der Piz Schumbraida bietet wieder prächtige Aussicht. Da wir hier fast in der Achse des oberen Veitlins stehen, kommt noch der Tief blick nach Bormio dazu. Nach ausgiebiger Rast kehren wir zu unseren Ski zurück. Die Steilheit des Hanges, verbunden mit der unberechenbaren Schneefestigkeit, zwingen uns vorerst zu vorsichtigem Abrutschen. Bald aber dürfen wir ungehemmt schwingen und sind nur zu rasch im Talboden. Die weitere Ausfahrt durch Val Schumbraida vollzieht sich ohne Hindernisse. Am frühen Nachmittag sind wir wieder in unserem Heim und beschliessen den schönen Tourentag bei einem wohlschmeckenden Kaffee.

Am nächsten Morgen, dem 24. Februar, verlassen wir die Hütte schon um 6 Uhr. Der Aufstieg durch die hart gefrorenen Hänge am Dössradond ist ziemlich mühsam, bringt uns dafür aber rasch in die Höhe. Schon zweieinhalb Stunden später ist der Sattel am Fuss des Nordgrates erreicht. Über leichte Felsen und teilweise in der Nordflanke ausweichend erklettern wir den höchsten Punkt des Piz Dössradond. Sofort suchen und finden wir die 700 m unter uns in der einsamen Stille der Val Mora stehende Hütte. Besonders eindrucksvoll ist vom Piz Dössradond der Blick auf die Murtaröl-Schumbraida-Kette. Wenn wir die drei gegenüberliegenden, stolzen und nun schon besuchten Gipfel betrachten, dürfen wir mit der ersten Ferienwoche sehr zufrieden sein. In gehobener Stimmung fahren wir ungefähr der Abstiegsroute folgend ab und sind um die Mittagszeit auf La Stretta zurück. An diesem Nachmittag kommen vier Münstertaler Skifahrer bei uns vorbei, welche wir, das seltene Ereignis feiernd, zum Tee einladen.

Am 25. Februar zieht neuerdings ein Glanzmorgen herauf. Diesmal geht es ostwärts ins Umbrailgebiet. Noch in der Dämmerung überschreiten wir den das Tal abschliessenden Dössradond und schwenken sofort südostwärts in das gleichnamige Tälchen ein. Diese Val Dössradond verdient den Namen Val aber wohl kaum, da es sich eher um einen steil ansteigenden Graben handelt. Die beidseitig jäh einfallenden Flanken erlauben kein Ausweichen. In der Nähe des vom Monte Forcola kommenden Verbindungskammes wird das Gelände allmählich flacher. Unter den ersten wärmenden Sonnenstrahlen spuren wir diesem Kamm entlang zur Bocchetta del Lago. Hier werden wir sofort der hochragenden Gestalt des Piz Schumbraida ansichtig, dessen Südostflanke prächtig in der Morgensonne leuchtet. Punkt 2864 m umgehen wir auf der Südseite und stehen bald darauf wieder auf dem zur Punta di Rims führenden Grat. Ostwärts liegt nun die ausgedehnte Mulde der Val dal Lai vor uns, ein Skigelände von verlockender Schönheit. Vorerst ist zwar eine überhängende Wächte zu meistern, aber dann dürfen wir in die zauberhafte Winterlandschaft dieser Hochmulde eindringen. Wir können uns vorstellen, welchen Genuss eine Abfahrt zum Lai da Rims bieten würde. Bevor wir den letzten Anstieg zum Piz Umbrail beginnen, halten wir Rast und lassen die wundersame Einsamkeit auf uns einwirken. Leichten Schrittes steigen wir dann zur Kammhöhe und in der Nordflanke des Gipfelaufbaus zum Piz Umbrail.

Mit einem Schlage wird uns hier das grossartige Bild auf die Ortlergruppe enthüllt. Dass wir die Gipfelstunde bei wolkenlosem Glanzwetter und völliger Windstille geniessen können, macht sie uns doppelt wertvoll. Nur ungern reissen wir uns schliesslich davon los und wenden uns den noch unbekannten Ereignissen der Abfahrt zu.

Aus dem Sattel am Nordfuss des Piz Umbrail queren wir horizontal auf der West-und Nordseite des Piz Chazforà hindurch und finden dann prächtiges Abfahrtsgelände.

An gegebener Stelle kleben wir nochmals die Felle auf, um den Piz Lad zu besteigen. In einer halben Stunde ist der Gipfel erreicht. Die kleine Mühe hat sich gelohnt. Ist er doch der am weitesten gegen Norden vorgeschobene Eckpfeiler der Umbrailgruppe mit einer aufschlussreichen Aussicht auf das gesamte Münstertal. Die Abfahrt durch Val Madonna beschert uns mit bestem Pulverschnee, so dass wir hier wieder ganze Zöpfe von guten alten Telemarks « flechten » können. Auf der weiten Ebene des Lai da Rims wird dieses Vergnügen leider unterbrochen. Ein Abgang in die Val Vau ist im Winter nicht gut möglich. Zum drittenmal werden also die Felle geklebt, und nun geht es westwärts durch die Ostflanke des Piz Praveder empor, dessen Höhe wir um 17 Uhr erreichen. Der ganze weite Kranz der Umbrailer Berge leuchtet im Abendglanz. Leider können wir dem schönen Bild nur kurze Beachtung schenken, da sich in der Val Mora bereits dunkle Schatten breitmachen. Glücklicherweise finden wir einen günstigen Abgang in den Graben der Val Dössradond und sind dreiviertel Stunden später auf La Stretta zurück.

Nach einem wohlverdienten Ruhetag wollen wir heute, am 27. Februar, endlich auch den Bergen der Turettaskette einen Besuch machen. Die Wetterlage ist zwar nicht mehr so sicher wie in den letzten Tagen, doch gut genug, um die Tour auszuführen. Um 7 Uhr fahren wir talauswärts, um bei der Alp Sprella in den Erosionsgraben von Valbella einzusteigen. Die ersten 400 Meter dieses Aufstiegs setzen uns ordentlich zu und lassen für die Abfahrt wenig Genuss erhoffen. Im Valbellatälchen kommen wir dann gut voran und stehen bald in der Gratsenke von Chazforà. Der nun folgende Aufstieg auf Piz Turettas kostet uns knapp eine Stunde. Föhnige Aufhellungen bringen stimmungsvolle Beleuchtung in die Landschaft. Besonders schön wirkt von hier das Dreigestirn: Piz Murtaröl, Piz Tea Fondada, Piz Schumbraida. Während einer stillen Gipfelrast haben wir Gelegenheit, im Geiste noch einmal allen unseren Spuren auf diese Berge zu folgen. Die Abfahrt nach der Senke Chazforà ist kurz, aber abwechslungsreich. Trotz drohender Wetterverschlechterung machen wir uns noch an die Besteigung des Piz Dora heran. In einer guten Stunde haben wir auch diesen zweiten Gipfel bezwungen, der zwar mit ähnlicher Aussicht wie Piz Turettas aufwartet, aber doch wieder ein paar neue Einblicke in die Münstertaler Berge gewährt. Rassig und schnell ist die Abfahrt durch den Einschnitt Las Chünas, so dass wir uns bald wieder im schönen Valbellatälchen befinden. Weniger schön ist die halsbrecherische Fahrt nach der Alp Sprella hinab. Wir sind herzlich froh, dort unsere alte gute Talspur aufnehmen und uns auf dem Heimweg erholen zu können.

Nachdem auch der 28. Februar wieder im Glanz erwacht ist, wollen wir heute noch einmal zum Jufplaun hinaus. Diesmal haben wir keine Wettersorgen. Den Piz Daint lassen wir zwar in Frieden, aber dafür besuchen wir die Grenzwachtleute auf Jufplaun. In der blitzblank gescheuerten Stube wird uns ein sympathisch grosser Teekrug aufgestellt, den wir gerne annehmen. Später steigen wir auf den Gratausläufer der Cima del Serraglio hinauf, von wo wir einen umfassenden Überblick auf Val Mora und alle umliegenden Berge bekommen. Nach einer nicht gerade lobenswerten Abfahrt geniessen wir auf der Alp Mora die Nachmittagsonne und wandern dann nach La Stretta zurück.

Nach einem letzten, infolge ungünstigen Wetters in Kauf genommenen Ruhetag ist uns am 1. März wieder schönes Wetter beschieden. Um 8 Uhr sind wir mit Packen fertig und verlassen das Hüttlein, das uns trotz seiner Einfachheit während 12 Tagen behagliche Unterkunft bot. Von der Anhöhe des Dössradond blicken wir zufrieden auf die in den blauen Himmel ragenden Berge der Val Mora zurück und wenden uns der Val Vau zu. In der Zwischenzeit haben sich dort die Schneeverhältnisse stark verschlechtert, so dass wir den letzten Teil besser zu Fuss machen.

Im Münstertal feiern Buben und Mädchen Chalanda marz. Gerne schauen wir ein Weilchen ihrem fröhlichen Treiben zu, dann aber drängt es uns nach der Badestube und den wohlschmeckenden Töpfen des Hotels Schweizerhof. Bei schönstem Sonnenschein führt uns später der gelbe Postwagen über den Ofenpass zurück.

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