Auf klassischen Wegen am Mont Blanc und Monte Rosa

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Mit 9 Bildern.Von Hans Oertli.

Meine Liebe zum Mont Blanc nahm ihren Anfang auf einer Pfingstfahrt nach Chamonix vor vielen Jahren. Auf dem Rückweg, bei Sallanches, fuhr ich mit dem Auto auf einen Acker hinaus, ohne es zu merken, so versunken war ich in den Anblick der Gletscher und Firne des Königs. Noch bei keinem andern Berg ist mir dies passiert.

Unvergesslich der erste überraschende Blick auf den bläulich schimmernden Riesen am frühen Morgen vom Grate der Meije, unvergesslich auch meine Freude, als ich ihn auf einer einsamen Wanderung von einem Hügel über Cogne sah, vor dem Sonnenaufgang. Im gleichen Jahre 1936 fuhr ich nach Courmayeur. Seitdem habe ich die Fahrt oft wiederholt; aber immer wieder überwältigt mich die erste von Kugy besungene « überirdisch wirkende Erscheinung » des Mont Blanc, wenn er über dem Tal der Doire sichtbar wird. Als ich von Notre-Dame de 1a Guerison hinauf staunte zu den Felstürmen des Peutereygrates, ahnte ich nicht, dass die « Guérison » des einnierigen Rekonvaleszenten gedeihen würde bis zu einer Besteigung dieses grossartigsten Grates der Alpen. Und dann bescherte mir schon das folgende Jahr die Freuden der klassischen Brenvaroute.

Im Frühling 1938 genoss ich mit vergnügten Sinnen vom Mont de 1a. Saxe aus die winterliche Pracht des weissen Berges. Der Ferienort für den Sommer war gewählt: Courmayeur. Am 11. Juli sass ich wieder dort oben und sah mit viel geringerem Entzücken den vielen Schnee auf den Höhen. Unter ihm begrub ich still meine ohnehin zarte Hoffnung auf eine grosse Mont Blanc-Gratfahrt, und als während eines Morgenspaziergangs auf den Col Chécrouit, der über dem Val Véni liegt, die Grandes Jorasses in ihrer ganzen Pracht und beglückenden Harmonie von Fels und Firn vor mir standen, erkor ich sie als erstes Ziel. Alexander Taugwalder, den ich am 16. Juli auf dem Grossen St. Bernhard abholte, war einverstanden damit; wir sind immer gleicher Meinung. Das Omen des Regengusses, der die heisse Freude unseres Wiedersehens abkühlte, nahmen wir nicht an und gingen am nächsten Nachmittag in die Jorasseshütte.Vor zwei Jahren hatte uns der Neuschnee aus ihr vertrieben. Doch der strahlende 18. Juli entschädigte uns für die erlittene Unbill.

Grandes Jorasses.

Harmonisch wie der Aufbau der Jorasses ist ihre Besteigung, eine freudvolle, bei guten Verhältnissen nie schwierige Wanderung über Felsen und Schnee, die steil und stetig hinaufführt zu den Gipfeln. In sechs Stunden erreichten wir die westliche Spitze, die den Namen Whympers trägt, des ersten, der sie mit Michel Croz, Christian Ahner und Franz Biner betreten hat, wenige Wochen vor der tragischen Erstbesteigung des Matterhorns.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.16 Glückliche Dreiviertelstunden verweilten wir auf dem Gipfel; seine Aussicht ist dem schönen Berge ebenbürtig. Der höchste Ruhm gebührt auch hier wie allezeit dem Mont Blanc. Jubelnd trinken meine Augen seine alles überragende Herrlichkeit, grüssen die Grivola, ardua e bella, die Berge des Dauphiné, aus denen die geliebte Barre des Ecrins herausleuchtet, und die nahen und fernen Gebirge der Heimat, die von Erinnerungen verklärt sind. Zu unseren Füssen breiten sich die Grasflächen des Mont de la Saxe wie grüner Samt, und unter der steilen Flucht der Nordwand liegt in der Tiefe, schön gestreift wie eine Schlangenhaut, die Mer de Glace, mit Montenvers, der gastlichen Herberge des vergangenen Jahres.

Nach einem des Schnees wegen kurzen Besuch der 20 m höheren Walkerspitze — jäh schiesst von ihr der Grat zum Col des Hirondelles hinunter, dem Pass, den Andreas Fischer überschritten und gepriesen hat — vollzogen wir den Abstieg auf der üblichen Route.

Innominata.

Der näheren Kenntnis des Mont Blanc widmeten wir unsere zweite Tour und machten uns am Tage nach den Grandes Jorasses auf den Weg zur Gambahütte. Schon dieser Weg gewährt dem Auge Freuden über Freuden. Zuerst kommt hinter Gaba der kurze Spaziergang über schönste, mit Lärchen bestandene Wiesen an den Chalets du Frêney vorbei. Dann nähern wir uns einem Amphitheater von glatten, vielfarbigen Felsbuckeln, über die der dräuende Frêneygletscher seine vielen Bäche und seine Eisblöcke « hurtig mit Donnergepolter » herunterschickt. Jenseits des Gletschers steht riesengross die finstere Aiguille Noire de Peuterey mit den schwindelnden Abstürzen ihres Südgrates — vom sechsten Grad, sagen die modernen Alpinisten; eine gute Bezeichnung für Maurer, solange es keinen siebenten Grad gibtdahinter die rötlichen Zacken der Dames Anglaises.

Mehrere fixe Seile erleichtern heute den steilen Ausstieg aus dem Boden des Amphitheaters, und ein gutes Weglein führt über sanften Rasen zur Hütte. O quae mutatio rerum! Ein Bocciaplatz liegt neben ihr, und seit acht Jahren ist die einsame Gambahütte, die fast nur grössten Touren dient, bewirtschaftet. Item — die Suppe mit den Spaghetti war ein Leckerbissen, keine andern Gäste störten unsern Frieden, und die Lage der Hütte erregte mein Entzücken. Ich nenne nur den Blick auf die Dörfer und Kornfelder des paradiesischen, schlösserreichen Aostatales, um meine Freude zu erklären, und — welcher Gegensatzim Rücken die « dunkelwandige Riesenburg » des Mont Blanc.

Nur zwei kleine Touren gibt es von der Gambahütte aus: die Aiguille Joseph Croux, ein relativ zu viel besuchter Kletterberg, und die 3717 m hohe Innominata über ihr, direkt und mitten vor der Südwand des Mont Blanc, und verschmäht fast von allen. Signum stupiditatis hominum. Aber Andreas Fischer und Carl Egger künden die ganz aparte Schönheit ihrer Lage, und Charles Simon hat mir in bewegten Worten ihre Aussicht gepriesen. Alexander und mir hat sogar die abwechslungsreiche Tour an sich Freude bereitet. Von den Geröll- und Steinlawinen, der grossen Gefahr des Berges, merkten wir freilich nichts.

Leicht stiegen wir über Schnee und Felsen zum Couloir hinauf, das schräg emporzieht zum Südostgrat. Auch im Schnee des Couloirs drangen wir schnell vor und legten erst 10 oder 20 m unter dem Grat das Seil an. Die Gratkletterei, die nur der losen Steine wegen äusserste Vorsicht verlangt, ist unterhaltend, und zuletzt führte uns ein steiler Schneegrat auf unseren bescheidenen Gipfel, in fünf Stunden von der Hütte. Auf der anderen Seite zieht ein noch steilerer Schneegrat zum Col du Frêney hinunter. Da wir unsere Steigeisen zu Hause gelassen hatten, hackte Alexander nach alter Vätersitte gute Stufen. Dann stiegen wir vollends zum Brouillardgletscher hinab. Der Schrund hielt uns nicht auf, die Spalten des Gletscherrandes auch nicht, keine Steine von der Innominata kreuzten unsern Weg, und schon bald nach der Mittagsstunde war die Hütte wieder erreicht.

Noch unendlich viel schöner als die Tour selbst sind die Aspekte, mit denen sie Herz und Geist erfreut. Kurze Dreiviertelstunden gönnte mir Alexander auf dem Gipfel, weil er mit Recht das Weichwerden des Schnees und die Steine fürchtete.

Afflictis lentae Celeres gaudentibus horae steht auf der Sonnenuhr des alten trefflichen Hotel du Mont Blanc in Courmayeur, in dem wir wohnten. Auf der Innominata erfuhr ich die Wahrheit der zweiten Zeile am eigenen Herzen. Kurze Dreiviertelstunden nur, aber sie wiegen in der Erinnerung.

Zum erstenmal sah ich die Vielfarbigkeit des Mont Blanc-Granites, die einzigartig ist, wie mir ein Geologenfreund später sagte. Die Aiguille Noire rechtfertigt ihren Namen, rötlich sind die Dames Anglaises, dunkelgrau die Felsen der Aiguille Blanche, schönstes Hellgrau zeigt der « Pilier d' Angle » über dem Col de Peuterey, rötlichgelbe Pfeiler die Innominatawand. Wuchtig, eine gewaltige Felsmasse, ragt der Mont Blanc in den blauen Himmel, links flankiert vom Brouillardgrat, der vom Col Emile Rey jäh hinaufsteigt gegen den Pic Luigi Amedeo, rechts flankiert vom « primus omnium im Reiche der Grate », wie Simon den Peutereygrat nennt. Wer seine faszinierende Linie, die wilde Grossartigkeit seiner Entwicklung aus nächster Nähe oder aber aus dem Val Ferret gesehen, vergisst ihn nie mehr und kann keinen Augenblick im Zweifel sein, dass ihm die Palme gebührt unter allen Graten der Alpen.

Tief zu beiden Füssen der Innominata, eingekeilt zwischen ihr und finsteren Felsen, liegen, zu Eis erstarrten Wildbächen gleich, die zerrissensten Gletscher des Mont Blanc, der Brouillard- und der Frêneygletscher. Wenn einem Andreas Fischer, dem meisterhaften Schilderer dieses Landschaftsbildes, « der Blick von der Höhe des Grates hinunter auf die in ihrem schwarzen Felsenkerker sich pressenden Massen des Frêneygletschers wirkliches Grauen verursachte », so ist damit der Charakter der Landschaft definiert, auch wenn wir Nachgeborenen nicht mehr ganz so stark den « Eindruck des Furchtbaren » empfinden, an einem wolkenlos blauen Tage wenigstens, wie er uns beschieden war, wo die Sonne alles Dunkle lichtet.

Südostgrat des Mont Maudit1 ).

Am folgenden Nachmittag bezwangen wir unsere Müdigkeit für den 2100 m hohen Aufstieg zum Col du Géant ins Rifugio Torino und verdanken dieser kleinen Energieleistung eine unserer allerschönsten Fahrten am strahlenden 22. Juli. Tags darauf schlug das Wetter um.

Um halb 2 Uhr verliessen wir die Hütte und strebten eiligen Fusses über die weiten Schneeflächen des obersten Géantgletschertales dem Col de la Fourche entgegen. Eine schmale Mondsichel spendete uns ein zartes Licht, keine Spalten hielten uns auf, und der Schnee ermüdete uns nicht ungebührlich, obgleich er uns nicht immer trug. Am sehr steilen Hang zum Col hinauf fanden wir eine Treppe, und schon um halb 4 Uhr begrüssten wir eine Zweierpartie im Biwak, Carl Weber mit dem sympathischen, tüchtigen Courmayeurführer Evariste Croux. Herr Weber, aus Zürich, doch Basler von Geburt, spricht trotz jahrelangem Aufenthalt in Sparta immer noch die Sprache seiner attischen Heimat. ( Das ehrt ihn und ist nicht bös gemeint, liebe Zürcher. ) Zudem ist er ein begnadeter Photograph, dem ich die schönsten Bergbilder danke; und eine dritte gute Eigenschaft erfahren wir erst viel später.

In der ersten Dämmerung des Morgens brachen wir gemeinsam auf, der Spartaner-Athener mit seinem einheimischen Führer voraus, die beiden ein wenig müden Landesfremden hinten. Und nun möchte ich das Lob unseres Weges und unseres Zieles künden können, des Mont Maudit und seines Südostgrates. Der Weg: ich kenne, den Peuterey ausgenommen, keinen Grat von schönerer Diversität in den Alpen. Der fortwährende anregende Wechsel von Felsen mit übrigens nie schwieriger Kletterei und von luftigen Schneegraten muss jedes Alpinistenherz erfreuen. Wir trafen noch viel, doch ausgezeichneten Schnee und im Schnee — che piaceretreffliche Stufen von vier Österreichern, die den Grat heruntergestiegen waren. Eine einzige Stelle war heikel: die Umgehung eines grossen rötlichen Gendarms im steilen Eis der Brenvaseite. Trotz Eisgriffen für die Hände waren die ersten paar Schritte, illusorisch gesichert durch das lange horizontale Seil, prekär. Alles andere — lustvolles alpines Tun. Kleine unterhaltsame Felszacken, glitzernde Firngrate vor blauem Himmel Und besonders wohltuend wirkte die Abwesenheit jeglicher objektiven Gefahr. Nur so war es möglich, den Ort der Handlung, die grossartige Landschaft, mit vergnügtesten Sinnen zu geniessen.

Zur Rechten der ständig wachsende Tiefblick in das schöne Gletschertal, dessen Hintergrund umrahmt ist von den Abstürzen des Mont Blanc du Tacul und seines teuflischen Zackengrates. Über der Dent du Géant und der Arête de Rochefort stehen königlich die Grandes Jorasses. Zur Linken, zum Greifen nahe, die grossartigste Muschel der Alpen, die Brenva, der breit ausladende Gletscher, die jähen Wände, die erregende Silhouette des Peutereygrates. Und über allem thront makellos weiss der Mont Blanc.

Eine neue Welt tut sich auf, wo sich unser Grat mit dem Nordostgrat verbindet, über den der letzte Weg zum Gipfel führt. Mit einem Schlage wird Siehe auch: « Die Alpen » 1939, S. 361. Red.

der Blick frei über die Firne und Gletscher der französischen Seite, ins Arvetal hinunter und hinüber zu den Höhen Savoyens.

Um halb 10 Uhr, fünfdreiviertel Stunden nach dem Col de la Fourche, sassen wir auf unserem 4465 m hohen Gipfel, der nur vom Mont Blanc überragt wird, und gönnten uns nach alexandrinischem Ritus die Dreiviertelstunden seliger Rast. Dann stiegen wir auf den Col de la Brenva hinunter und umgingen unseren Berg auf der bequemen Nordseite. Der berüchtigte Schrund unter dem Col du Mont Maudit war dankenswert harmlos. So erreichten wir schnell die Mulde zwischen dem Mont Maudit und dem Mont Blanc du Tacul und in kurzer Gegensteigung dessen breite Schulter. Dort liessen wir unsere Säcke und folgten schwer atmend dem spartanischen Athener auf den Tacul, dessen zweiter Gipfel einen prächtigen Blick über die Ost- und Südabstürze des Berges gewährt und auf die Aiguilles du Diable. Ich bin meinem Gefährten dankbar für seine Energie; allein hätten wir vielleicht verzichtet.

Der Abstieg in den Col du Midi war dank nassen, doch gemütlichen Fahrten auf dem Hosenschlitten schnell vollzogen, nicht so der weite Rückweg zum Col du Géant durch das endlose Sulzschneebecken des Géantgletschers, über dem erbarmungslos die heisse Sonne brütete. Die Seufzer der langen Gegensteigung zum Pass hinauf sind nicht zu zählen.

Eine Viertelstunde nach 4 Uhr bargen wir unsere brennenden Köpfe in der Kühle des Rifugio Torino, und Mengen Wassers und schwarzen Kaffees wirkten Wunder. In zweieinhalb Stunden sprang der müde Reisende nach Courmayeur hinunter, fluchtartig vom Mont Fréty an, wo vor seinen müden Augen eine männliche Amerikanerin mit einer Pfeife und unwahrscheinlichen Keulenbeinen auftauchte, ein Gespenst, prädestiniert für die Aiguilles du Diable.

Peutereygrat.

Zwei volle Tage pflegten wir der Ruhe, dann rüsteten sich die Eidgenossen für den Peutereygrat, der in diesem Jahre noch nicht begangen war. Das Auto des Herrn Weber brachte die « Vier vom Mont Maudit » prestissimo nach Gaba im Val Véni. Und über die Mittagsstunden hielten wir lange, schöne Rast in der Gambahütte. Ein junger Engländer mit Armand Charlet und einem andern Chamonixführer blies zwar zum Rückzug, weil zu viel Neuschnee liege. Aber wir liessen uns nicht entmutigen und stiegen am späteren Nachmittag gemächlich zum Col de l' Innominata hinauf, zwischen der Innominata und der Aiguille Croux. Wir hatten Zeit im Überfluss; denn noch immer beschien die Sonne die steilen, steinschlaggefährlichen Schneerinnen unter den Dames Anglaises, wo man nur am frühen Morgen oder im Abendschatten relativ sicher ist.

Auf dem Col de l' Innominata ändert sich der Charakter der Tour plötzlich. Das Promenieren ist vorbei. Der Abstieg durch ein kurzes steiles Couloir auf den Frêneygletscher hinunter ist nicht schwierig, aber heikel: bröckeliges Gestein und die Rinne zum Teil mit Eis gefüllt. Und dann hiess es einen Weg suchen über den zerrissenen Gletscher. Für uns bestand das einzige ernsthafte Hindernis in einem kleinen Eisabbruch, den der Führer Croux mit be- wundernswerter Schnelle überwand. Diese Übung erwirbt wohl ein Führer nur am Mont Blanc. Alle andere Gefahr war immanent, drohte von den vielen scheinbar dem Einsturz nahen, phantastischen Eistürmen. Mit einer komplizierten Zickzackspur wanden wir uns eilig — chi non va piano, va sano — durch das Spaltenlabyrinth, nicht einem sicheren Hafen zu, sondern der Wand unter den Felsnadeln der Dames Anglaises, die wie schlanke Zypressen in die Luft ragen. Die Zypressen der Boboligärten haben mich einmal an sie erinnert; jetzt dachte ich nicht an Florenz.

400—500 m über uns liegt die schützende Brèche Nord, wo unser Biwak steht. Ein von Steinen gezeichneter und von einem gnädigen Schrund durchschnittener Schneehang leitet ins grosse Couloir hinauf, in welchem wir das Glück hatten, guten Schnee zu finden. Oben teilt es sich in zwei Arme, der linke führt in den nördlichen Einschnitt zwischen der letzten Dame Anglaise, der Isolée, und der Aiguille Blanche. Die Steilheit der Rinne, die von glatten Wänden umrahmt ist, nimmt nach oben ständig zu, und die Steinschlaggefahr lässt keine fröhlichen Gefühle aufkommen. Aber alles blieb still « am Abend, als es kühle ward ». Die Nacht sank herein, schon brannte das Licht im Rifugio Torino, als wir glücklich im kühlen Gratwind der Brèche standen.

Eine finstere, wilde Stätte des Grauens, diese schmale, enge Brèche. Zu beiden Seiten gleitet der Blick über jähe Wände und Couloirs hinunter auf die zerrissenen Gletscher von Brenva und Frêney. Über den Dames Anglaises erhebt sich erdrückend nahe der Riesenturm der Aiguille Noire de Peuterey, und im Rücken, mit der Hand zu greifen, ragt steil und hoch das Felsenschloss der Aiguille Blanche mit ihrem äussersten Wachtturm, der Pointe Gugliermina. Doch aller Schrecken war vergessen, als ich, wie Falkenauge auf dem Kriegspfade, in unser niederes, kleines Wellblechhäuschen kroch, von dem ich nur nicht gleich glauben konnte, dass es nicht gegen den Brenvagletscher kippe, wenn ich mich an die hintere Wand lehnte. Während die Gefährten sich alle irgendwie zu schaffen machten, blätterte ich medi-tierend im Hüttenbuch, in dem mehr Namen von Deutschen stehen als solche aller andern Nationen zusammengenommen Beinahe könnte man meinen, mit der Überschreitung des Peutereygrates als Schweizer eine nationale Tat ad majorem gloriam Helvetiae zu vollbringen, die eine Subvention verdiente. ( Der « Bund der Subventionslosen » in den Bergen soll leben !) Aber auch ernste Gedanken weckt das Buch. Mehr als einer findet sich darin, der inzwischen seiner Liebe zu den Bergen zum Opfer gefallen ist. « Die Toten sind stärkere Zeugen als die Lebenden, unwiderlegbare Zeugen der Gefahr und Mahner zur Vorsicht », sagte Andreas Fischer einmal, und ein Jahr später hat dieser grosse Bergsteiger selber am Aletschhorn sein Leben verloren. Dunkle Schatten, die man nicht leicht verscheucht am Vorabend einer grossen Fahrt!

Um 4 Uhr, in der ersten Dämmerung des 26. Juli, traten wir sie an, ein Heer von Sternen zu Häupten. So viele, dass die Milchstrasse aussah wie ein kompaktes leuchtendes Band; zu viele, um uns an die Sicherheit des Wetters glauben zu lassen; auch erschien uns die Luft zu warm. Aber Alexanders Barometer war über Nacht ein wenig gestiegen.

Der 400 m hohe Turm der Pointe Gugliermina zwang uns zuerst zu langen, unangenehmen Quergängen, die hinauf und hinunter in brüchigen Felsen weit hinausführten in die steile Frêneywand, bis es uns nach Überwindung eines schwierigen Risses möglich war, zum Grat zurückzutraver-sieren; und kaum war dieser gewonnen, so wies uns der Turm zum zweitenmal ab und verlangte eine weitere Umgehung auf der Brenvaseite, hinüber zu einer Rippe, auf der wir endlich ohne besondere Schwierigkeiten zum luftigen Verbindungsgrat zwischen der Pointe Gugliermina und der Aiguille Blanche hinaufklettern konnten. Ihm folgten wir von nun an fast unentwegt und erreichten ungefähr um 10 Uhr die leuchtende Spitze der Aiguille Blanche de Peuterey ( 4107 m ). Ich kenne keinen Weg wie diesen, der aus einer unheimlichen Felsenwelt hinaufführt auf den schönsten Firngrat, aus dem Dunkel ins befreiende Licht eines neuen Tages, der das entlastete Herz mit Freude erfüllt. Die Besteigung der Aiguille Blanche allein hebt den Peutereygrat empor über so viele andere grosse Wege der Alpen.

Weithin schweift der Blick ins warme, grüne Val Ferret mit den Häuschen von Entrèves und ins gesegnete Aostatal. Rechts über dem weiten Halbrund der Brenvaflanke steht unser Mont Maudit mit seinem beglückenden Grat; links über der Schlucht des Frêneygletschers verliert sich der Innominatagrat in der Südwand des Mont Blanc de Courmayeur, die immer noch gleich gross und mächtig über uns emporragt.

Ein feiner, edler Schneegrat verbindet unseren Gipfel mit dem kleinen Felskopf, der den Namen Güssfeldts trägt. Mit seinen Gefährten Emile Rey, Christian Klucker und César Ollier hat er den Peutereygrat vom 14. bis 16. August 1893 als Erster bezwungen. Schon die Konzeption dieser Route ist eine der grossen Taten in der Geschichte des Alpinismus. Damals ging man noch den gefährlichen Weg vom Brenvagletscher auf die Aiguille Blanche. Erst 1927 ist unsere Route inauguriert worden.

Nach Umgehung der Pointe Güssfeldt und eines zweiten Felskopfes kam der kurze, lange Abstieg in den Col de Peuterey. Kurz — es sind nur etwa 150 m Höhenunterschied; lang — sie kosteten uns gegen drei Stunden. Wir stiegen schräg freneywärts hinunter, zuerst abseilend in steilen Felsen, dann immer mehr nach links querend. Felsen wechselten mit härtestem Firn und Eis, bis wir schliesslich oberhalb des letzten Eis- und Schneehanges standen, unter dem das Fragezeichen des Bergschrundes drohte.

Der Col de Peuterey, dessen grosser Bergsturz im Jahre 1920 den Brenvagletscher und das Val Véni überschüttete, ist noch nicht zur Ruhe gekommen; ununterbrochen donnerten die Blöcke auf den Brenvagletscher hinunter. Vielleicht hemmte dieser Donner, wie ich ihn nirgends sonst hörte in den Bergen, unsere geistigen Funktionen. « Irrungen und Wirrungen » könnte man diesen letzten Abstieg überschreiben und müsste dabei ans lange zusammengebundene Seil und seine Verwicklungen denken. Wie schön muss es gewesen sein vor dem Bergsturz, dachte ich oft, als der Col noch 40 m höher lag! Aber das Wichtigste: wir kamen heil hinunter und gut über den Schrund und rasteten um halb 2 Uhr die obligaten dreiviertel Stunden. Nicht sorglos freilich, denn 850 m über uns thront der weisse König in Himmelshöhen, Nebel umschleichen sein Haupt, und der Föhn zieht seine gefürchteten Striche am Firmament. Zum erstenmal spricht Croux vom Rückzug; aber ich kenne seine Gefahren — die schwierige Felsenflanke der Aiguille Blanche, Steinschlag, der unberechenbare Frêneygletscher — und plädiere für den Aufstieg. Der Donner der fallenden Steine begleitet das Gespräch, das uns die Weltverlassenheit unserer Lage in diesem Kessel unter den Steilwänden des Mont Blanc schlagartig zum Bewusstsein bringt.

Wir könnten abkürzen und direkt gegen den Firngrat hinaufsteigen, der vom gigantischen Eckpfeiler des Peutereygrates an den Mont Blanc de Courmayeur hinführt; aber Alexander und ich fürchteten die Steine. So stiegen wir gegen den Eckpfeiler hinauf, erst im Schnee, dann in den Felsen, und gewannen beglückend schnell an Höhe. Allein das Gefühl der Befreiung, das der Blick auf den schon tief unter uns liegenden Col de Peuterey weckte, war nicht von Dauer. Denn nun folgten endlose, ermüdende Traversen in tiefverschneiten Felsen, nie schwierig, aber auch nicht einfach. Wollte Croux mit uns hinter dem Mäuerchen des guten Biwaks bleiben, hoch oben in der Frêneyflanke des Pilier d' Angle, zu dem wir schliesslich gelangten? Nebel huschten um uns, während wir dort sassen und wieder unsere Situation besprachen. Croux fürchtete, in Nacht und Nebel vom Mont Blanc de Courmayeur aus den Gipfel nicht zu finden. Aber was dann, wenn wir hier blieben und ein richtiger Wettersturz erfolgten sollte? Alexander bestimmte mit dem Kompass die Richtung vom einen Gipfel zum andern. Dann stiegen wir weiter und standen nach kurzer Zeit auf dem scharfen Firngrat, im Nebel nun, der uns nicht mehr verliess; nur seine Dichte wechselte. Der Wind war sehr erträglich, der Schnee gut, und die Führer spurten in bester Harmonie am steilen weissen Hang, der endlos hinaufstieg in den Nebel. Wie oft uns Felsen täuschten, dass wir glaubten, unter dem Gipfel zu sein, weiss ich nicht. Einmal verfluchte ich Alexander und seinen Höhenmesser, weil ich die niedrige Quote nicht glaubte — und doch war sie richtig. Aber endlich, endlich erschien der wirkliche Gwächtengrat im Nebel. Die zwei letzten Seillängen verlangten Stufen im Eis; dann zog ich mich an Pickel und Seil auf den Gipfel des Mont Blanc de Courmayeur hinauf, eine Viertelstunde nach 8 Uhr, sechs Stunden nach dem Col de Peuterey. Ich war ausser Atem; aber Alexander drängte vorwärts. Denn der Nebel gab den ganzen Grat zum Mont Blanc frei, und diese grosse Chance galt es auszunützen.

So hastig als es die Lungen erlaubten, ging es auf und davon durch eine phantastische Urweltlandschaft dunkler Wolken, aus denen wie aus tiefen Trichtern ein paar niedere Berge auftauchten. Um 9 Uhr überschritten wir den höchsten Gipfel. Die Nacht brach über uns herein und mit ihr der Sturm und der Nebel, und alle drei, zu denen sich bald ein Gewitter gesellte, gestalteten unsern Abstieg zu einem unheimlichen Spuk. Nur die dritte gute Eigenschaft meines Gefährten aus Basel und Zürich und die Findigkeit seines Führers Croux bewahrten uns wohl vor einem Biwak. Mein Gefährte trug eine grosse elektrische Taschenlampe bei sich. ( Ewigen Dank ihm t ) Ihr gespensterhafter Schein hinderte uns zwar nicht, die Spur immer wieder zu verlieren; aber er gab uns die einzige Möglichkeit, überhaupt weiterzugehen.

Wir erfuhren es, als das teure Kleinod davonsprang, um brennend am Rand eines Spaltes liegen zu bleiben — brennend, das treue Wesen. Wir holten es, und Croux ging nun voran und gab das Licht nicht mehr aus der Hand. Ich tappte ihm zwar oft im Dunkel nach, weil ich das Tempo der andern Partie kaum einzuhalten vermochte, besonders als sich Blitz und Donner häuften und einmal ein Schlag in nächster Nähe meinen Mund mit elektrischem Geschmack erfüllte. Ein beängstigendes Gefühl der Ohnmacht, im Gewitter auf dem höchsten Grat Europas zu stehen. Einmal dachten wir daran, in einer windgeschützten Mulde zu biwakieren, da auch Croux nicht sicher war, in Nacht und Nebel die Bossesfelsen zu finden, und der auf die Dauer unerträgliche eisige Sturm unser Gesicht wie mit Nadeln peitschte und das Offenhalten der Augen zur Pein machte. Aber nach vielen Irrgängen und erregten Diskussionen — wir hatten beständig das Gefühl, unser Führer gehe zu weit nach rechts — vollbrachte Croux das Meisterwerk. Der Nebel empfahl sich für kurze Zeit, wir sahen die Lichter von Chamonix und ganz nahe, keine 50 Schritte entfernt, die Bossesfelsen. Um 11 Uhr standen wir vor dem rettenden Observatorium. Die Vallothütte war abgerissen, die neue noch nicht gebaut; aber wir mussten die Türe des Observatoriums nicht einschlagen, wie wir befürchtet hatten; denn das Märchen unseres Abstieges fand ein märchenhaft gutes Ende. Das Observatorium war bewohnt von einem freundlichen Chamoniarden, und eine halbe Stunde später schlürften wir, in polare Pelzjacken gehüllt, die beste heisse Schokolade unseres Lebens, während der Sturm an unserem Haus rüttelte.

Heftige Krämpfe in den ermüdeten Muskeln störten zuerst meine Ruhe, und die Temperatur im Observatorium — um 0 Grad — machte das Erwarmen trotz einem Berg von Decken schwierig. Aber schliesslich schlief ich doch ganz gut, bis die Helle des Tages durch die Fenster drang und ich staunend in China erwachte. Denn — erst jetzt wurden wir es gewahr — wir lagen in einem chinesischen Intérieur mit allem Zubehör an Tapeten, Lampions, Waffen und Masken.

Gegen 9 Uhr verliessen wir unser westöstliches Refugium und seinen gütigen einsamen Bewohner und traten nicht ohne Hemmungen in den kalten Wind hinaus, der immer wieder graue Nebel über die Schneekuppe des Dôme du Goûter hinüberjagte. Aber dann wärmten uns die Bewegung und die Sonne, die bald den Sieg davontrug über des Sturmes Mächte. Ungezählte Hodlerwölkchen segelten über Savoyen, und der Gwächtengrat der eleganten Aiguille de Bionnassay funkelte im Licht. Auf dem spaltenreichen Domgletscher waren wir froh, am Viererseil zu gehen; denn der Schnee war durch und durch aufgeweicht, und besonders eine Brücke nur mehr ein dünner, prekärer Steg. In der sengenden Hitze, die fast so gross war wie vorher die Kälte, wateten wir mühsam über den Gletscher. Um so schöner unser Durst und seine Löschung in der italienischen Domhütte, die wir um die Mittagszeit erreichten. Trotz einer ausgiebigen Erholungspause blieb freilich der lange, mit Steinblöcken übersäte Miagegletscher ein Geduldspiel für die müden Wanderer, und mehr als gemächlich schlenderten wir gegen Abend das Val Véni hinunter, bis uns in Gaba das angenehme Auto unseres Gefährten aufnahm.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.17 Mein getreuer Alexander fuhr schon tags darauf nach Zermatt zurück; die ganz leise Hoffnung auf ein Wiedersehen in Macugnaga tröstete uns, und wenige Tage später nahm auch ich Abschied vom grossen Mont Blanc. An einem strahlenden Tage sass ich mit meinem bergliebenden Buben lange glückliche Stunden auf dem Mont Nix, der über dem Val Véni genau in der Achse der Innominata liegt. Dann fuhren wir am 2. August nach dem geliebten Macugnaga, und das Glück dieses Sommers verliess mich nicht: Alexander war frei und konnte am 3. August zu mir kommen.

Durch die Ostwand in den Zumsteinsattel.

Zuerst türmten sich die Schwierigkeiten. Die faschistische Miliz wollte uns die Überschreitung des Monte Rosa nicht erlauben. Erst als wir die Pässe zurückliessen und versprachen, über das Weisstor zurückzukehren, liess sie uns endlich gegen 4 Uhr ziehen, reichlich spät für die Marinelli hätte. Im Höllentempo, schweisstriefend, legten wir den Weg auf die Alp Pedriola zurück. Während wir dort im Rifugio Zamboni eine Suppe assen, brachte uns wahrhaftig — mille grazieein Soldat unsere Pässe: die Erlaubnis von Domodossola sei eingetroffen, der Weg nach Macugnaga zurück stehe mir frei, wenn ich nur verspreche, mich wieder zu präsentieren. Erleichtert brachen wir auf und kamen gut über die Moräne des Belvedere-gletschers und nach halb 10 Uhr im Kerzenschein zur Marinellihütte.

Seitdem wir unsere Pässe wieder hatten, schien sich das Wetter zum Schlechten zu wenden. Föhnzeichen am Himmel und grosse Nebelschwaden im Val Anzasca erweckten unsere Zweifel, ohne uns sehr zu betrüben. Unser Bergdurst war durch die anderen grossen Touren gestillt, Alexander beunruhigt durch die vielen Steinschlagspuren in der Ostwand, ich müde vom schnellen, späten Aufstieg in die Hütte. Nach 11 Uhr legten wir uns hin und schliefen sofort ein. Schon nach Mitternacht schauten wir nach dem Wetter aus, eine Stunde später wieder und endlich vor 2 Uhr. Erst jetzt war und blieb der Himmel klar. Nur über dem Pizzo Bianco ballten sich noch grosse Gewitterwolken. Die Luft war zu warm für unser Vorhaben, die Stunde des Aufbruchs zu spät, aber unser Barometer um ein Strichlein gestiegen. Und wer von uns verpasst gern einen schönen Tag?

Gegen 3 Uhr verliessen wir die Hütte und standen 20 Minuten später am Rande des Canalone Mannelli, der hier etwa 60 m breit sein soll. Alexander ging am langen Seil voraus, ich mit der Taschenlampe hinterdrein. Der weiche Schnee erlaubte sichere Tritte ohne Steigeisen. Drei tiefe Steinschlagrinnen hemmten die atemlose Hast unserer Querung wenig; die eine konnten wir überspringen, in die andern mussten wir hinunterspringen. Aber die ganze Traversierung dieser gigantischen Steinbahn, die kaum eine Viertelstunde dauerte, erschien mir als ein unheimlicher, angstvoller Gang. Über die leichten Felsen des Imsengrückens kletterten wir schnell empor und erreichten schon zwei Stunden nach unserem Aufbruch ihr Ende, gute 500 m über der Hütte. Wie froh wären wir jetzt, früher aufgebrochen zu sein; denn schon lag unsere Wand in der Sonne. Rasch legten wir die Steigeisen an und setzten unseren Aufstieg fort. Wir kamen auch jetzt schnell voran im harten Firn.

Es ist ein lustvolles Wandern durch eine herrliche Landschaft glitzernder Seraks mit grossen Eiszapfen; am schönsten der Blick auf die Gletscherwelt des Colle delle Loccie und der Punta Tre Amici und auf die sich mehrende Zahl der Seraks unter uns. Aber auch die über uns ängstigen uns noch nicht; es ist ja noch früh am Morgen, obgleich die Sonne schon brennt. Stetig gehen wir unseren Zickzackweg durch die Seraks und folgen schliesslich einer Spur weit links hinaus. Da — es mag wenig nach 6 Uhr gewesen sein — kracht es über uns, ich höre Alexanders angstvollen Ruf, sehe Eisblöcke von hoch oben auf uns zustürzen, und schon rennen wir, so gut es in Steigeisen möglich ist, nach rechts hinüber. Dann werfen wir uns hin, mein geistesgegenwärtiger Freund unter einen kleinen Absatz, ich tiefer am Hang, harren in fast unerträglicher Spannung der Dinge und — die ganze Lawine geht an uns vorbei. Ein paar kleine Geschosse trafen mich sanft, einen mächtigen Eisblock sah ich in grossen Sätzen unter mir verschwinden; dann wurde es still. Mein guter Freund fragte mich mehrmals, ob ich keinen Schaden erlitt; er selbst hatte sich im Laufen einen Fuss verstaucht, zum Glück nur leicht. Aber wir sind gerettet. Wenige Minuten später wären wir in einer Sackgasse gewesen, aus der es kein Entrinnen gab. Doch Zeit zum Meditieren blieb uns nicht; wir mussten möglichst schnell weiter nach rechts, hinaus aus der gefährdeten Zone. Erst weiter oben, unter einem Eisbuckel in relativer Sicherheit, konnten wir verschnaufen und unsere Situation überlegen.

Vom Nordend donnerten Steinlawinen herunter; sie gingen uns nichts an. Aber auch von den Grenzgipfelfelsen, unserem nächsten Ziel, sprangen fast beständig grosse und kleine Steine über die Schneehänge, die zu ihnen hinaufführen. Dort kämen wir keine 20 m weit, ohne erschlagen zu werden. So blieb uns nur die Route in den Zumsteinsattel hinauf, die der Alpinisten-papst Pius XL als Erster beging. Die Hänge unter den Felsen rechts vom Sattel — diese sehen zudem von unten leicht aus — waren makellos weiss, von Steinen unberührt. Bald betraten wir sie und fühlten uns so ziemlich in Sicherheit; denn die letzten Seraks lagen unter uns, und die kleinen Schneerutsche vom Papstsattel herunter schienen ungefährlich. Wir überschritten in ihrer Fallirne leicht den Bergschrund, den sie fast zugedeckt hatten, und stiegen, da Eis Stufen erfordert hätte, sogleich nach rechts in die Felsen. Da — ein dumpfer Krach — ein grösserer Schneerutsch und ein Steinblock kreuzten unsere Spur.

Zuerst kamen wir in den sicheren Felsen, die unterbrochen wurden von kurzen Eispassagen, gut vorwärts. Wir waren noch etwa 100 bis 150 m unter dem Grat und rieten auf eine knappe Stunde. Neben den Felsen war hartes Eis, das eine lange Hackerei versprach. So kletterten wir weiter und steckten plötzlich in sehr schwierigen steilen Felsen, die doch von unten so harmlos ausgesehen hatten. Volle drei Stunden verweilten wir uns an ihren Rissen und Gesimsen, oft fanden wir nur mit Mühe einen Weiterweg, und mehrere Stellen waren für meinen Freund mit seinem schweren Sack äusserst anstrengend. Sogar mit dem Hacken hätten wir wohl eine Stunde gespart. Aber das Fehlen jeder objektiven Gefahr und die Möglichkeit guter Sicherung wirkten beruhigend nach den Schrecken der Serakzone. Eine Viertel- stunde nach 1 Uhr gelangten wir auf den Grenzgrat, zunächst dem etwas höheren nördlichen Sattel, der durch unsere Felsen von dem tiefsten südlichen Pass geschieden ist, und von da über leichte, von tausend Nägeln zerkratzte Felsen — Zeugen menschlicher Siedelung — auf den Grenzgipfel und auf die Dufourspitze, eine Viertelstunde vor 3 Uhr, in fast genau zwölf Stunden von der Marinellihütte. Wolken und Nebel umgaben uns zwar, aber wir hatten die Erinnerung an die Ostwand, an die unvergesslichen Bilder einer grandiosen Eislandschaft, deren Gefahren freilich an unserem Tage ihre Schönheit überwogen.

Im Sattel traten wir wieder aus dem Nebel heraus. Die grossen Freunde des Wallis grüssten uns. Eine bequeme Glissade schien einen schnellen Abstieg zu versprechen. Doch der bodenlose Schnee des Monte-Rosa-Gletschers, unter dem zu unterst noch Eis und zahllose Bächlein auf uns lauerten, hemmte unseren Gang. Erst um 6 Uhr erlabten wir uns in der Bétempshütte an rabenschwarzem Kaffee, der nach einer Ruhestunde unsere Schritte beflügelte zum Riffelberg. Noch vor 9 Uhr meldete ich meiner glücklichen Frau nach Macugnaga unsere gute Heimkehr.

Im Hotel widerfuhr mir die hohe Ehre, von der Wirtin als Führer in die Küche gewiesen zu werden. Wir flohen zwar sofort vor der Höllenhitze des Herdes; aber das Nachtessen schmeckte den beiden Führern vorzüglich.

Auf dem langen Laternenheimweg nach Zermatt konstatierte Alexander mit Vergnügen, dass ich nicht so müde sei wie auch schon, weil ich nicht laut mit mir selber redete, und gegen Mitternacht umgab uns in seinem Haus die Fürsorge seiner Schwester und seines Schwagers Karl Biner, die wiederzusehen mich erfreute. Doch schon am frühen Morgen fuhr ich nach Macugnaga zurück, um einen letzten schönen Nachmittag im lieblich-gross-artigen Val Anzasca zu verweilen. Nach seinen Dörfern und seiner Landschaft habe ich ein Heimweh, vergleichbar dem Jakob Burckhardts « nach dem unvergesslichen Rom », ein Heimweh, « welches nur zeitweise schlummert, nie stirbt ».

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