Auf Schneeschuhen vom Lötschental ins Haslital; eine Pionierfahrt um die Jahrhundertwende

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Mit 3 Bildern ( 1-3Von Friedrich Weber

Aus der Frühzeit des alpinen Skilaufs erzählt ein Ski-Veteran ( Lugano ) 1901 ging zur Neige. Nach langer Nachtfahrt von Zürich über Lausanne entstiegen am Morgen des 29. Dezembers dem Zug in Gampel drei junge Studenten, ski- und stockbewehrt, und nahmen ungesäumt, der schäumenden Lonza entlang, den steilen Anstieg ins Lötschental wohlgemut unter die Füsse, dem dichten Schneegestöber trotzend, das sie gleich anfangs empfing und welches das bis dahin noch schneefreie Tal alsbald in dickes Winterkleid hüllte. Froh, die schwer lastende Fracht etwas erleichtern zu können, nahmen wir darum schon eine halbe Stunde vor Goppenstein, kaum 500 m überm Rhonetal, unsere langen Bretter von den Schultern. Aber auch so, im frischen Schnee dahingleitend, wurde es später Nachmittag, bis wir Kippel, den Hauptort des Tales, erreichten. Unter dem Druck der prallgefüllten Rucksäcke entschlossen wir uns hier, für heute auf den Weitermarsch zu verzichten, zumal die sich verschlechternden Wetteraussichten die Notwendigkeit eines Rückzuges als nicht ausgeschlossen erscheinen liessen. In der Nacht, während der uns der leutselige Kaplan Brantschen gastfreundlich bei sich beherbergte, klärte sich aber der Himmel vollkommen auf, so dass wir schon morgens 4 Uhr von Kippel aufbrachen — doch nur um in bald darauf von neuem beginnendem und an Dichtigkeit rasch zunehmendem Schneetreiben den mühsamen Marsch taleinwärts schon in Blatten durch eine längere Rast zu unterbrechen. Hatten uns doch die kaum 5 km Wegs selbst auf Ski über zwei Stunden gekostet, so sehr erschwerte der vor unsern Fussen stetig anwachsende Pulverschnee unser Fortkommen. In einem Bauernhaus erhielten wir die entgegenkommende Erlaubnis, eine der Alphütten in dem noch 4 km entfernten Gletscherstafel hinter Fafleralp zur Nächtigung zu benützen. Für diesen geringen Abstand bei knapp 250 m Anstieg benötigten wir im halbmetertiefen Neuschnee noch weitere drei mühevolle Stunden. Zwar hatte der Schneefall nachgelassen, doch hatten wir unsere Ski etwas allzu ausgiebig gewachst, was wohl das Ankleben des frischen Schnees verhinderte, das Zurückgleiten aber um so mehr begünstigte. Nicht förderlich war dabei auch das noch unverminderte Gewicht der Rucksäcke, deren der Kugelform genäherte Gestalt ein grösseres Vorhaben verriet. In der Tat hatten wir « grosse Rosinen im Kopf »: gar mächtig lockten die vom Ski noch kaum je berührten weiten Firnfelder im mächtigen Gletscherkessel um den Konkordiaplatz und versprachen herrliche Abfahrten, die eine Woche Standquartier in der Konkordiahütte wohl lohnen würden! Erst fünf Jahre zuvor ( im Januar 1897 ) war als erster Die Alpen - 1952 - Les Alpes W. Paulcke, unser Klubbruder vom AACZ \ mit seinen vier Gefährten von der Grimsel her in dieses noch jungfräuliche Skiparadies vorgestossen und hatte, nach einer versuchten Jungfraubesteigung mit Ski, über den Aletschgletscher nach Belalp absteigend, die erste winterliche Durchquerung des Berner Oberlandes ausgeführt. Vollständiger aber, so dünkte uns, wäre eine eigentliche « Längstraversierung » der Berner Alpen vom Lötschental zur Grimsel, garniert mit einigen Seitensprüngen auf den ausgedehnten Firnhängen im Umkreis des Konkordiaplatzes. Zu diesem « Nebenzweck » versorgten wir uns denn auf der Fafleralp mit einem für acht Tage berechneten Brennholzvorrat, der, wenn auch auf drei Rücken verteilt, doch eine recht erhebliche Mehrbelastung bedeutete, die wir aber in Anbetracht des guten Zwecks mit jugendlichem Enthusiasmus auf uns nahmen. Noch vor der Fafleralp, die wir um die Mittagszeit erreichten, hatten wir die letzten bewohnten Hütten hinter uns. Den Dörflern des Lötschentales war unser Vorhaben und unsre Ausrüstung hiefür sehr verwunderlich erschienen, und kopfschüttelnd sahen sie uns nach — den Anblick von Schneeschuhen hatten wir ihnen zum erstenmal geboten, und deren Verwendung war ihnen noch kaum vom Hörensagen bekannt! Viel Vertrauen und Interesse brachten sie dieser neumodischen Fortbewegung auf dem Schnee nicht entgegen, und bei unsern vorbereitenden Rekognoszierungs- und Trainingsfahrten, mit welchen wir den Nachmittag in Gletscherstafel verbrachten, fanden sich keinerlei neugierige Zuschauer ein. Gegend Abend lichtete und lockerte sich die graue Wolkendecke, da und dort brach blauer Himmel durch, auch der Beherrscher des Tales, das gewaltig emporstrebende Bietschhorn, enthüllte sich zusehends, und schon bei Anbruch der Nacht war das ganze Firmament rein und klar. In froher Zuversicht auf einen schönen Silvestertag, der uns bis zur Konkordiahütte bringen sollte, suchten wir frühzeitig unser Heulager auf.

Eine Entfernung von 16 km lag vor uns, und eine Steigung um 1400 m galt es zu überwinden; das liess uns mit einem langen Tag rechnen, und wir brachen denn auch wieder um 4 Uhr früh auf — diesmal bei taghellem Mondschein. Nach Überschreitung der jungen Lonza rückten wir auf der südlichen Talseite gegen die linken Seitenmoränen des Langgletschers vor, der sich vor uns über 6 km Länge zur Lötschenlücke hinanzog. Das Gewicht der Rucksäcke hatte noch nicht merklich abgenommen, und das Brennholz hatte für jeden die Traglast auf über 40 Pfund erhöht. Bei jedem Schritt — denn es war mehr ein Schreiten als ein Gleiten mit Ski — liess uns der lockere Schnee fusstief einsinken. Wenige Tage zuvor wären wir, über die innere Seitenmoräne aufsteigend und mit Steigeisen statt der Ski an den Fussen, bedeutend rascher vorwärtsgekommen; unter den heutigen Verhältnissen aber ging es langsam und mühsam bergan im trügerischen Zwielicht der Morgendämmerung, das uns von weitem nicht rechtzeitig erkennen liess, dass die verschneite Moräne in verschneiten Séracs eines kleinen Gletscherbruches plötzlich ihr Ende fand, so dass wir uns gegen Tagesanbruch schon mitten in den Séracs befanden. Als wir zur besseren Übersicht einen der 1 Akademischer Alpenklub Zürich.

höheren Eistürme erklommen ( der eine mitgenommene Pickel leistete dabei gute Dienste !), gewahrten wir, dass dicht vor uns eine unüberschreitbare offene Spalte den Gletscher in seiner ganzen Breite durchzog; sie zwang uns, durch ein Gewirre von Séracs und Spalten uns nach der linksseitigen Randmoräne durchzuschlagen. Während der Stunde, die wir bei diesem Lavieren verloren, fanden wir es angezeigt, uns durch das Seil zu verbinden, obschon dieses bei dem hier sehr oft nötigen Wenden ziemlich hinderlich war. Am Gletscherrande angelangt, entledigten wir uns des Seiles wieder, um es für den Rest des Tages ( es war erst 9 Uhr morgens ) nicht mehr anzulegen und mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Der weitere Anstieg über den Langgletscher-und den Lötschenfirn bei prächtigstem Wetter bot keine interessanten « Zwischenfälle » mehr. Bei der Schneebeschaffenheit, die sich uns bot, und bei der Belastung, die wir uns zugemutet, war es eine harte Geduldprobe, dass die Einsattlung der Lötschenlücke, fast « greifbar » vor uns liegend, mit unsrer Annäherung scheinbar immer weiter vor uns zurückwich, und deren Erreichen kostete noch manche Schnaufhalte und Stärkungspausen. Als wir die Höhenlinie von 3000 m überschritten und noch stets 200 m Steigung vor uns hatten, war die Sonne schon lange untergegangen; an ihre Stelle trat dann im Dämmerschein die Venus als leuchtender Abendstern. Sie stand gerade in grösster Erdnähe in ungewohntem Glanz, und bis sie am westlichen Horizont versank, wandelten wir während mehr als einer Stunde in ihrem strahlenden Licht, das deutlich unsre Schatten auf den Firnhang vor uns warf. Dazu war der Planet ausserdem von einem zweifachen Hof umgeben — ein seltenes Phänomen der meteorologischen Optik, von dem noch mehr als von Schillers « Regenbogen mitten in der Nacht » gelten darf: « Es leben viele, die das nie gesehen! » Der schwach farbige Halo bestand aus zwei konzentrischen Ringen von wenigen Mondbreiten Durchmesser ( ca. 2 resp. 4° ). Als Anzeichen atmosphärischer Störungen in grösster Höhe verhiess es für die kommenden Tage nichts Gutes; ich hütete mich aber, meine Prognose: « Wettersturz innert 24 Stunden », preiszugeben, um nicht durch einen « Unkenruf » unsre gute Stimmung zu verderben. 7 Uhr war 's und längst dunkel, als wir endlich — fünfzehn Stunden nach unserm Aufbruch vom Gletscherstafel — oben auf der Lötschenlücke ( 3205 m ) standen; um uns eine Welt von Schnee und Eis, über uns ein weites schwarzes Gewölbe, übersät mit einer selten gesehenen Fülle funkelnder Sterne. Wohl eine Viertelstunde sassen wir da in vollkommenem Schweigen, ein jeder nur mit seinen Gefühlen und Gedanken beschäftigt, bis wir endlich zwei Laternen anzündeten und uns zur Abfahrt über den Grossen Aletschfirn bereitmachten. Unsere Lichter in der Lötschenlücke wurden vom Tal aus beobachtet, wo auch bei Tage unser Anstieg über den Langgletscher mit dem Fernrohr verfolgt worden war — so erfuhren wir später aus Walliser Blättern. Die guten Lötschentaler hatten also an unserm Unternehmen doch lebhaften Anteil genommen, obschon sie — mit Ausnahme einiger heller Köpfe — es rundweg als unausführbar erklärt hatten. Nun ging 's also an die Abfahrt zum Konkordiaplatz. Die Freude darauf hatte uns während der langen Stunden des Anstieges Kraft und Ausdauer verliehen — stand uns doch auf eine Strecke von 6 km gut 400 m Gefälle bevor!

In einer kurzen halben Stunde meinten wir am Ziel zu sein. Doch schon nach kaum mehr als 100 m in flottem Lauf gebot — im Laternenschein zum Glück noch rechtzeitig erkannt — ein breit klaffender Bergschrund urplötzlich Halt und vorsichtiges Überschreiten auf einer vom Schnee überbrückten Partie zur Rechten. Und aus war 's mit dem kurzen Vergnügen der Abfahrt! Welch bittere Enttäuschung! Statt eines angenehmen Gleitens, gemässigt durch die geringe Neigung des Firns, folgte nun ein mühsames Treten bergab: die Kruste des Windharsches war nicht von tragfähiger Dicke, sondern brach unter unserm Übergewicht fortwährend durch! Ohne unsre Lasten hätte sie uns. wohl gerade noch getragen — ein Zurücklassen der Rucksäcke konnte aber nicht in Frage kommen! So wurde es wieder ein fast ebenso anstrengendes Schneestampfen wie beim Aufstieg, mit in kurzen Perioden ständig wechselndem Vortritt und mit einem Fortschritt im « 2 km/h-Tempo ». Erst unten auf dem Konkordiaplatz war der Schnee genügend festgeweht, um uns zu tragen und war der « Trauermarsch » zu Ende. Bis an die Felsenecke des Faulberges hatten wir von der Lötschenlücke fast genau vier Stunden gebraucht! Am Fuss der zur Konkordiahütte hinaufführenden Schneerinne rammten wir unsere Bretter in den harten Firn, und eine Viertelstunde vor Mitternacht und vor Beginn des neuen Jahres betraten wir die alte SAC-Hütte, deren Zugang vom Winde vollkommen aper geblasen war. Der Eintritt aber wollte noch erkämpft werden gegen die hohen Schneeverwehungen im schlecht abgeschlossenen Vorraum — zum Glück war wenigstens die « gute Stube » durch die Zwischentüre besser geschützt und schneefrei! Von den beinahe zwanzig Stunden seit dem Aufbruch von unserm Nachtquartier waren wir wohl sechzehn Stunden in « tretender Bewegung » gewesen mit über 40 Pfund auf dem Rücken. Auf den durch diese körperliche Leistung schon ganz abgestumpften Geist wirkte jedoch das Bewusstsein, das Tagesziel noch in letzter Stunde erreicht zu haben, merkwürdig belebend, und rasch war auch schon der « thé au citron » bereit, mit dem wir an Stelle von Silvesterpunsch oder Glühwein den Eintritt ins neue Jahr noch zur richtigen Minute festlich begehen konnten. Ein « Prosit Neujahr! » schallte unter kräftigem Händedrücken über den Konkordiaplatz in die stille, klare Sternennacht hinaus. Einige Minuten feierlich gehobener Stimmung, ein stilles Gedenken an die Unsrigen daheim, und dann ein schwerer, tiefer Schlaf unter je vier wollenen Decken — das vorhandene Dutzend reichte gerade, um uns drei vor, der eisigen Kälte der Silvesternacht hinreichend zu schützen.

Einige um die Hütte fegende heftige Windstösse erweckten uns erst, als schon die Sonne das Aletschhorn rosig beschien — ein strahlender Neujahrsmorgen war angebrochen. Wie lockten die gleissenden Firnhänge ringsum und luden zum Bleiben ein! Abfahrten von tausend und mehr Meter winkten besonders im Norden und Westen — ganz zu schweigen von den herrlichen Gipfeln, die dort noch der « ersten Winterbesteigung » warteten! Doch auch diese Vergnügen sollten uns neidisch versagt bleiben. Denn schon zeigten sich am fernsten westlichen Horizont über der Lötschenlücke sehr verdächtige Wölklein, die dem vor der Hütte Ausschau haltenden Wetterkundigen Schlimmes ankündeten. Wollten wir den Hauptzweck unsrer Tour durch- führen, so konnte von längerem Verweilen hier keine Rede sein und hiess es, unter Verzicht auf alle geplanten Seitensprünge sofort weiterziehen, dem Oberaarjoch entgegen, von dem aus bei Wetterumschlag ein Entkommen leichter schien. Für den nicht ausgeschlossenen Fall eines längeren unfreiwilligen Aufenthaltes in der Oberaarjochhütte aber durften wir von unserm Proviant und Heizmaterial hier nichts zurücklassen. Da wir jedoch einen Teil des Essvorrates leichter im Magen als auf dem Rücken zu tragen meinten, suchten wir wenigstens das Rucksackgewicht möglichst zu vermindern, indem wir uns zur Feier des Tages ein ausgiebiges Schlemmerfrühstück leisteten, wobei zum Morgenkakao unter anderm auch die Reste eines festlichen Weih-nachtstollens und einer zünftigen « Zupfe » zu Ehren gezogen wurden. Eine Überraschung besonderer Art war uns dazu noch beschert als Neujahrs-Festdessert: « Gefrorenes » von rohen Eiern! Ihr Eiweiss hatte sich in eine Zwiebel von konzentrisch-schaligen papierdünnen, sprödscherbelnden Glas-schichten verwandelt, der Dotter in eine Steinkugel. Die für diese gewiss seltene Metamorphose erforderliche Temperatur liess sich in Ermangelung eines Minimumthermometers leider nicht feststellen, doch muss sie in dieser Silvesternacht wohl einen ungewöhnlichen Tiefstand erreicht haben; bei unserm gewöhnlichen Thermometer reichte die Skala unterm Nullstrich nicht aus, der Quecksilberfaden aber hatte sich erschauernd in seine Kugel zurückgezogen. Von diesem mehr interessanten als wohlschmeckenden Gericht abgesehen liessen wir es uns nach den gestrigen Strapazen mächtig schmecken und hatten keine allzugrosse Hast, um wegzukommen. So wurde es 11 Uhr, bis wir uns von unsrer Hütte trennen konnten. Die knappen 10 km mit zwei Anstiegen von je 500 m, die vor uns lagen, dachten wir wohl noch « schaffen » zu können bis zum Abend. Was uns dann aber bald nach Aufbruch dennoch zu einiger Eile antrieb, war weniger der Gedanke an den Einbruch der Nacht als der an den Ausbruch eines Schneesturms noch vor Erreichen des schützenden Daches am Oberaarjoch. Den Gedanken an diese Möglichkeit hätte der prächtige Morgen nie aufkommen lassen in dem, der nicht vertraut gewesen wäre mit den Anzeichen und Vorboten der Wettertücken des winterlichen Hochgebirges.

Gerade zwölf Stunden hatten nun unsre Ski drunten am Rande des Konkordiaplatzes auf uns gewartet. Die Überwindung der 500 m Höhe bis in die Grünhornlücke erforderte genau zwei Stunden; mit dem letzten Rückblick auf den herrlichen Firnkessel um den Konkordiaplatz war dann auch der Schmerz über den Verzicht auf die geplanten Gipfelfahrten endgültig überwunden. Denn inzwischen machte sich auch schon ein starker Westwind immer heftiger geltend und fegte den feinen Pulverschnee in dichten Staubwolken dem Boden entlang durch die Lücke, während oben von den hohen Kämmen und Gipfeln lange Schneefahnen Hunderte von Metern in die Luft hinaus wehten. Im Windschutz der Felsecke des Grünhörnli hielten wir noch im Sonnenschein kurze Mittagsrast angesichts des wuchtigen Finsteraarhorns, in dem ich einen guten Bekannten begrüssen durfte. Auf seinem alles überragenden Gipfel war ich vor gerade einem halben Jahr stolz und begeistert gestanden — war es doch mein erster « Viertausender»und hatte eifrig die zahlreich umherliegenden Blitzspuren gesammelt: grüne glasartige und weisse porzellanartige Schmelzen des Gipfelgesteins.

Nun also sollte unsre erste Abfahrt beginnen und uns über den Walliser Fiescherfirn in einer kleinen Viertelstunde zum 500 m tiefer gelegenen Rotloch bringen. Schon zwei Kilometer vor diesem, nach weniger als zehn Minuten, ist es aber mit der jauchzenden, stiebenden Schussfahrt bereits zu Ende — sie läuft tot auf dem fast flachen Boden des Firns; fürwahr eine recht armselige, höchst unbefriedigende Vergütung für die dreissig Stunden, während welchen wir, von Goppenstein bis zur Grünhornlücke, die Ski nur schiebend und tretend, uns diesen kurzen Genuss erkämpft hatten. Denn nun beginnt aufs neue das von letzter Nacht her sattsam bekannte Spiel: Schritt für Schritt brechen wir durch die harte, aber doch nicht genügend tragfähige Harschkruste! So wird es halb 5, bis wir aus dem Rotloch den 400 m hohen Aufstieg zum Oberaarjoch antreten können. Inzwischen hat sich um die Gipfel im Hintergrund des Fiescherfirns überraschend schnell schwarzes Gewölk zusammengeballt und treibt uns zur Eile an. Wir meinen Zeit zu gewinnen, wenn wir vom Rotloch in gerade Linie zum Oberaarjoch ansteigen, statt in weitem Bogen unterm Wasenhorn und Galmihorn entlang in allmählicher Steigung das Hochplateau unterm Studerfirn .zu gewinnen. Den hiemit verbundenen Zeitverlust erlaubt die bedrohlich veränderte Wetterlage nicht mehr, und so forcieren wir eben in beschleunigtem Tempo den zerklüfteten Gletscherbruch über uns. Inzwischen war die Sonne hinterm Gross Wannehorn untergegangen, und bald darauf leuchtete der schon beschattete Schneehang vor uns in intensivem Rosa auf. Den Widerschein eines schönen Abendhimmels vermutend wandten wir uns um und — erschraken beinahe über das unvorstellbar schaurigschöne Schauspiel, das sich uns darbot: der 3 km lange vergletscherte Kamm der Walliser Fiescherhörner brannte in seiner ganzen Länge in hochlodernden Flammen; hoch über den Fels- und Eisgrat empor ragten zahllose sturmgepeitschte Schneefahnen als glutrot flackernde Riesenfackeln in die Luft, und über diesem wilden Feuermeer schwebte eine gewaltige schwarze Wolke mit breitem, blutrotem Saum. Des begabtesten Malers kühnste Phantasie könnte Muspilli, den sagenhaften Welt-brand des altgermanischen Mythos, überwältigender und erschütternder nicht darstellen! Gegen eine Viertelstunde währte dieses eindrucksvollste aller je geschauten Naturgemälde, von dem wir uns, selbst in dieser ungemütlichen Situation, nicht losreissen konnten, bis es mehr und mehr erlosch und die Flammen zu aschgrauen Rauchsäulen wurden. Bald darauf brach aber auch schon die Dunkelheit herein, eben als wir das Firnplateau über dem Gletscherbruch erreichten. Das Seil, das uns auch hier wieder verbunden hatte, da es viele mehr oder weniger gutüberbrückte Spalten zu überschreiten gab, behielten wir für den Weitermarsch bis ins Oberaarjoch bei. In furchtbaren Stossen traf uns hier oben der entfesselte Sturm, erst vom Fieschergletscher herauf, dann vom Studerfirn herunter, atemberaubend und feinen Schneestaub durch die Kleider bis auf die Haut treibend. Die noch immer geschwollenen Rucksäcke boten dem Wind zu grosse Angriffsfläche, und wiederholt wurden wir einer nach dem andern umgeblasen — zum Glück nicht alle gleichzeitig, denn ein Aufstehen war fast nur unter abwechselnd gegenseitiger Hilfeleistung möglich. Während eines solchen Manövers entrückte mir ein heftiger Windstoss meinen alten, treuen, mit diversen Klubabzeichen garnierten Filz, der, von einem Entrüstungsschrei begleitet, im nächsten Augenblick schon vom gähnenden Rachen einer Eisspalte verschlungen war — gegen Ende des Jahrhunderts wird er wohl als Reliquie unter der Zunge des Fieschergletschers hervor wieder zutage kommen! Nun war es Nacht geworden, und aus dem zugleich einsetzenden Schneegestöber entwickelte sich alsbald ein währschafter Schneesturm. Meine vor vierundzwanzig Stunden gestellte geheime Wetterprognose hatte sich mit erstaunlicher Pünktlichkeit erfüllt. Es war aber auch höchste Zeit, dass wir uns unserm Refugium am Oberaarjoch näherten. Zwischen dessen südlichen Randfelsen versteckt, wäre das mehr als bescheidene Hüttchen im nächtlichen Dunkel und « Gux » nicht leicht zu finden gewesen, hätte ich hier nicht schon vor fünf Monaten genächtigt. In einer nahen Felsnische wurden die Ski tief bis an die Bindungen im Schnee verankert. Die Traverse am verschneiten Felshang war noch ein harter letzter Kampf; Schritt um Schritt musste dem Sturm abgerungen werden, der uns alles, was die Stufen und Tritte des Vorangehenden lockerten, ins Gesicht peitschte und oft ein krampfhaftes Festklammern an den Felsen erforderte. Um 8 Uhr war die Hütte ( ein 1883 in 3230 m Höhe erstellter primitiver Steinbau ) erreicht, neun Stunden nach Verlassen des letzten Nachtquartiers. So ganz gratis war der Eintritt aber nicht: er kostete noch einige Arbeit vor der Türe und eine gründliche Säuberung vom tief hineingewehten Schnee dahinter. Froh, ein schützendes Dach über uns und ein Paar wärmende Decken um uns zu haben, legten wir uns nach kurzer Stärkung bald zur wohlverdienten Ruhe — soweit von Ruhe gesprochen werden konnte bei dem infernalischen Konzert, mit dem dieser so schön begonnene und so erlebnisreich verlaufene Neujahrstag abschloss. Alle Stufen der Lautstärkenskala durchlaufend schwoll die atmosphärische Nachtmusik bisweilen zu einem ganz unheimlichen Furioso an.Fortsetzung folgt )

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