Aufstieg ins Tal von Ishinca

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22. Juli. Der Camion, der uns mit dem Gepäck nach Collon bringen soll, ist abfahrtbereit. Nur Eustaquio, einer unserer Träger, lässt auf sich warten; er hat sein Jagdgewehr und die Munition vergessen. Endlich trifft er ein, freudig die Flinte schwingend. Und wir können abfahren!

Wir folgen dem Tal des Rio Santa, über dem der eisfunkelnde Huascaran ( 6768 m ) emporragt. Immer wieder begegnen wir Gruppen von Indios, die ausdauernde Geher sind. Sie tragen grell-farbige Kleider und gehen mit kurzen Schritten, so dass es aussieht, als ob sie raschen Lauf hielten. Sie tragen meist schwere Lasten. Und es schien uns mit der Zeit, als ob die Indios ihr ganzes Leben auf der Strasse auf Wanderschaft verbrächten!

Der Camion fährt zwischen Agavenhecken, deren Blütenstengel bis zu sechs Meter Höhe besitzen. Wie dicke Schlangen hängen Fettblattgewächse in den Felsen, die beim Klettern nicht gerade angenehm wären.

Bei Paltay teilt sich die Strasse. Hier fahren wir ins Ishinca-Tal hinein, in welchem wir uns gegen drei Wochen aufhalten werden. Mühsam holpert der Wagen über die schlechte Strasse, deren Böschungen von Ginster bewachsen sind. Hundert Schritte vor der Hazienda von Collon sind wir gezwungen, unsern Camion zu stoppen und abzusteigen, da ein brüllender Stier uns den Weg sperren will. Im Hof dieser Hazienda sollen uns die Arrieros mit den Pferden und Eseln erwarten. Ein paar Indios dösen, Koka kauend, im Hof und schrecken nicht wenig auf, wie wir, mit dem Stier voraus, einfahren: Hühner, Enten, Ziegen, Schafe, Pferde und Esel flüchten nach allen Seiten davon!

Collon ist eine Hazienda, in der sich die Bauern besonders der Aufzucht von Pferden, Eseln und Maultieren widmen. Vor dem Hof steht eine kleine, weissgetünchte Kirche, in spanischer Bauart, mit einem roten Turm und einer Glocke, die mit einer einfachen Schnur zum Läuten gebracht wird. Auf der Böschung hinter der Kirche hütet ein Kind, auf einer Flöte spielend, die Schafe.

Wir brauchen mehrere Stunden, um die zwölf Esel und vier Pferde zu beladen. Wenn ein Esel beladen wird, muss einer von uns ihn am Zaum halten und ihm mit einem Tuch die Augen verdunkeln, während die Arios mit komplizierten Knoten die Lasten festbinden. Kaum ist einer beladen, so setzt er sich auch schon talabwärts - um den leichtesten Weg zu haben - in Bewegung, so dass wir vollauf beschäftigt sind, um den Tieren nachzulaufen oder die andern zurückzuhalten.Während dieser Arbeit werden wir von kleinen Fliegen fast gar aufgefressen. Wir nennen sie die « Fliegen von Collon »; sie werden uns in Peru noch oft verfolgen. Jean-Jacques fragt unsern Arzt besorgt, ob es sich nicht um Überträger der Veruga peruana handle, einer gefürchteten, aber glücklicherweise seltener werdenden Krankheit. Die Antwort unseres Arztes beruhigt uns wenig; er kennt die Fliege nicht...

Nachdem alle Tiere beladen sind, setzen wir uns in Marsch. Einer hinter dem andern folgen wir einem schmalen, steinigen Pfad, der von Kaktushecken gesäumt ist, das Tal hinauf. Wir haben kaum zweihundert Schritte zurückgelegt, als uns ein Indio im raschen Lauf einholt und, ohne uns zu fragen, sich an die Spitze unserer Kolonne stellt und uns bis in die Höhe der Talschaft als Anführer begleitet.

Kleine Dörfer von Hütten mit spitzen Kegeldächern stehen stufenweise an den Hügelhängen. Die Hütten sind rund und ganz aus Stroh gebaut, so wie wir sie in unserer Knabenzeit als Indianer-hütten uns vorstellten. Überall spriessen baumartige Geranien. Aufgescheuchte Hunde rennen bellend herum, indes die Indios, die mit dem Einbringen des Korns und mit Dreschen beschäftigt sind, bei unserm Vorbeigehen kaum den Kopf heben.

An den Steilufern des Wildbaches blüht das glänzende Pampasgras ( Gynérum ), das bei leisester Luftbewegung in Bewegung gerät. Es wäre bei uns der Stolz manchen GartenbesitzersAuf alten Baumstämmen leuchten die rosafarbigen Blütentrauben der Bilbergia.

Auf rund 3700 m, auf einem hügeligen Hochplateau, treffen wir die letzten Hütten und Äcker. Mitten zwischen Fuchsiabüschen machen wir längern Halt, um auch die Tierlasten neu zu gurten.

Dann queren wir, nicht ohne Mühe, einen breiten Wasserlauf und treten in die Region der Pampas-gräser ein, wo halbwilde Pferde weiden. Und schon beginnen unsere Pferde mutwillig mit ihnen umherzugaloppieren, was den Traglasten, ganz besonders unserer Ausrüstung, nicht gerade bekömmlich ist.

Bei 4000 m Höhe verengt sich das Tal. Wälder treten auf, mit Nadelbäumen, die unserer Arve gleichen. Unsere Träger nennen sie Quenuas.

Ich trete aus der Kolonne, um zu botanisieren, und entdecke in den Felsen eine Gruppe von Orchideen {Cypripédium, Frauenschuh ), dann eine rote Waldrebe, die unserer in den Gärten gehaltenen Clematis an Schönheit nicht nachsteht. Von den Bäumen hängen rote und orangefarbige Blütentrauben einer Schlingpflanze, sie besitzen über zwei Meter Länge.

In einer Lichtung beziehen wir unser erstes Biwak, auf 4100 m Höhe, mitten zwischen Lupinen, deren blaue Blüten ein rotes Herz besitzen. In diesen Breitegraden fällt die Nacht um 18 Uhr plötzlich ein. Gegen Mitternacht schreckt uns ein Heulen auf. Eustaquio behauptet, es seien Schreie der Pumas. Am frühen Morgen versuche ich im Wildbach Fische zu fangen, habe aber keinen Erfolg. Aber dem Lager erhebt sich im Norden der Pico Urus, 5600 m. Kleine Bäche, seitlich von Eiswülsten begrenzt, schäumen vom Gletscherende bis in den Wald hinab. Der Kontrast zwischen diesen « Eisbächen » und der fast tropischen Vegetation überrascht einen. Im Süden erhebt sich der Ocshapalca, 5800 m, wie der Pico Urus noch unbestiegen. Er ist schwer besteigbar; schon verschiedene Versuche schlugen fehl.

Im Talhintergrund steht der Tocllaraju, 6030 m, der Ähnlichkeit mit unserm Matterhorn hat.

Gegen Mittag erreichen wir den obersten Teil des Tales, eine weite Alpweide, auf welcher Stiere und halbwilde Pferde ohne Hirtung weiden. Sie halten uns auf und führen sogar zu komischen Zwischenfällen, wie zum Beispiel, als einer von uns einem Stier entfliehen muss und hinter der Uferböschung des Baches in Deckung geht, dabei aber fusstief im eiskalten Wasser stehen muss.

In dieser wunderbaren Landschaft, wo wir später unser zweites Basislager errichten werden, kann ich verschiedene Samen sammeln, so von: Enzian, Heidelbeere, Glockenblume, Sonnen-wendkraut, Malven und Alpen-Pourretia, deren Blütenstengel bis einen Meter hoch werden und von den Falken und Adlern als Sitzplatz aufgesucht werden, wenn sie in unsere Nähe kommen, wie die Kondore, welche unermüdlich über unserm Lager kreisen. Für die Ornithologen ist Peru ein Paradies. Wenn man im Walde sich eine Weile still verhält, so wähnt man bald in einer Voliere zu sein man ist von einer Menge von Vögeln mit wunderbarem Gefieder umschwirrt; von Kolibris, die aus den Blüten Honig trinken, von Papageien, Gelbschnäbeln, Schwarzschnäbeln und mancherlei Sperlingvögeln. Als ich einmal einen « Strauch mit gelben Blüten » photographieren wollte, da flogen diese zu meinem Erstaunen plötzlich davon - es waren KanarienvögelIn diesem Lager kocht uns Träger Eustaquio « wiscatchas », eine Art « Erdeichhörnchen », welche die Grösse eines Hasen besitzen. Wir sahen später auch eine Art von Rehböcken, die « tarrugos ».

Wir setzen unsern Marsch heute fort, auf der Südseite des Tales, und erreichen die Hütte Mariscal Castilla, 4900 m, wo wir unser erstes Basislager einrichten. Die Hütte ist eine alte Baracke, die errichtet wurde, als dem Gletschersee ein Ablauf gegraben wurde, damit nicht ein plötzliches Entleeren desselben Schaden ins Tal trage.

Nach Empfang ihres Lohnes verlassen uns die Arrieros; nur die beiden Träger bleiben bei uns. Wir sind nun bereit, mit dem Versuch der Gipfelbesteigungen zu beginnen.

Carlo Jaquet, Lausanne

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