Aus dem Binntal.

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Man kann sich mit Recht fragen, ob es dem Ziele unserer Clubzeitschrift entspricht, wenn sie Aufsätze enthält, die nichts anderes tun, als längst betretene Pfade schildern, die nur mit anderen Worten das zu sagen vermögen, was früher schon gesagt, gedacht, geschrieben wurde. Diese Frage mag wohl jedem auftauchen, der heute zur Feder greift, um diese oder jene Fahrt zu beschreiben. Auch mich beschleicht ein leiser Zweifel über meine kleine Arbeit vom Binntal. Gibt es doch ein klassisches Werk 1 ), das sicher alles enthält, was sich über das Binntal sagen lässt. Es ist zwar mehr den Naturschätzen jener Gegend gewidmet; doch findet auch der Bergsteiger alles Wissenswerte über Besteigungen, Übergänge, grosse und kleine Fahrten darin.

Wie in diesem Buche der Hauptteil den Mineralogen, Geologen, Botaniker interessiert, so wird auch das Tal vorwiegend von Naturwissenschaftern besucht. Wohl mögen auch sie die landschaftliche Schönheit bewundern. Ihre Sehnsucht aber gilt vor allem dem mineralogischen oder botanischen Reichtum des Tales. Dem Bergsteiger begegnet man selten; eher noch dem einsamen Spaziergänger, der Ruhe sucht und sie wohl besser nirgends finden kann.

Ich hatte 1924 von den Höhen des Mattwaldhorns und Simelihorns aus über den Simplon in das Spitzengewirr der lepontinischen Alpen geblickt. Für mich war da Neuland, und weil ich ein wenig Entdeckerblut in mir zu verspüren vermeine — das sich allerdings nur relativ zu mir selbst betätigen kann —, zog es mich 1925 ganz unwiderstehlich in das Berggebiet zwischen Simplon und Furka. Aus den Tälern östlich des Simplon wurde das Binntal als Sommeraufenhalt auserkoren. Es war möglich, durch freundliche Vermittlung des Ortspfarrers von Binn eine Wohnung zu erhalten; denn wenn ich auf Entdeckungen ausgehe, meide ich den Hotelbetrieb möglichst. Und nun wurden die Karten und die Bücher über das Binntal studiert. Schon da — am Schreibtisch — macht man allerhand Entdeckungen, Reisen, Pläne, schätzt Entfernungen, sucht Anstiegsmöglichkeiten. Diese Vorbereitungen gehören zum Schönsten. Sie sind das, was die Ouvertüre der Oper ist; ich meine die moderne Oper, bei der die Ouvertüre alle Motive des Tondramas andeutet. Auch der Bergsteiger erlebt schon alles zum voraus. Manchmal ist die Wirklichkeit wesentlich anders. Die angenehme oder unangenehme Enttäuschung ist dann so reizvoll, dass man versucht wird, sich absichtlich falsche Vorstellungen zu machen. Für den Bergsteiger kommt ausser dem Werke Desbuissons der Walliser Führer, Band IV ( Guide des Alpes Valaisannes, vol. IV, Marcel Kurz ) in Betracht ( Abschnitte 2, 3, 4, 5, 7 ). Mit diesen Hilfsmitteln ist natürlich die Entdeckerfreude auch relativ zur eigenen Person eine bedingte. Doch zog ich diese Schlussfolgerung nur in schwarzen Tagen; ich kam mir auch mit Karte und Clubführer ausgerüstet vor wie ein Scott oder Nansen oder Kolumbus. So ein klein wenig Selbstüberhebung in den Ferien zählt auch zur Erholung.

An einem heissen Julisonntag hielten wir Einzug in unserer « Villa » in Binn. Sie ist auf einer Art Dorfplatz gelegen. Gegenüber befindet sich die Post. Wir wollten schleunigst unser vorausgesandtes Gepäck holen, erhielten aber den ungnädigen Bescheid, die Post sei am Morgen geöffnet gewesen. Jetzt sei es 4 Uhr abends, und da sei sie geschlossen! Die Postangestellten zeigten auch fernerhin eine erfrischende Grobheit, wie ich sie sonst im Wallis noch nirgends angetroffen habe. Die Wohnung war, da uns die Vermieter erst am folgenden Tag erwartet hatten, noch nicht ganz bezugsbereit. Immerhin waren Betten genug vorhanden. Sie enthielten zwar einige hüpfende Einwohner, die für nächtliche Unterhaltung sorgten. Abhilfe schaffte da eine Unmenge Insektenpulver. Man darf nur nicht überempfindlich sein, wenn man im Wallis Wohnungen mietet. Auf die Frage, wo man Abwasser und Speisereste hinwerfen könne, gab man uns höchst erstaunt den Bescheid, das werfe man hier einfach zum Fenster hinaus. Auch das sind letzten Endes Entdeckerfreuden!

Schon am folgenden Tag stieg ich in Begleitung zweier welscher Gymnasiasten, die ich während der Ferien in die Geheimnisse der deutschen Sprache und des Bergsteigens einweihen sollte, auf Eggerhorn ( 2514 m ) und Faulhorn ( 2554 m ). Durchs Schweifentobel absteigend, erreichten wir Imfeid, das zweitgrösste Dorf im Tale. Der Ausflug hatte einer gründlichen Übersicht dienen sollen.

Binn selber besteht aus zwei Häusergruppen: die grössere heisst Schmie-digenhäusern, an deren oberem, östlichem Ende das einzige Hotel steht. Dies ist der eigentliche Hauptort. Unfern, am jenseitigen Ufer der Binna, befindet sich Willeren mit der schönen, weissen Kirche. Gewöhnlich erreicht man Binn durch die Twingenschlucht vom Rhonetal. Der Weg von Fiesch oder Lax aus ist der kürzere. Gute Gänger brauchen von da etwa drei Stunden. Weit angenehmer, aussichtsreicher, aber etwas weiter ist der Weg von der Talstation Grengiols aus. Die Twingenschlucht, in der sich die beiden Wege vereinigen, ist vielleicht 40 Minuten lang. Es fehlt ihr die Romantik einer Aareschlucht. Dass sie aber recht ungemütlich werden kann und ihre Durchschreitung gar lebensgefährlich wird, sollte ich später einmal erfahren, als ich sie während eines Gewitters querte.

Kurz bevor man Binn erreicht, teilt sich das Tal in zwei Arme. Das Haupttal biegt nach Osten um. An seinem Ende führt der Albrunpass ins Italienische, ins Valle di Devero. Eine schöne Berggestalt bildet den Abschluss, das Ofenhorn, des Binntals bekanntester Gipfel. Die geradlinige Fortsetzung der Twingenschlucht ist das Langtal, das sich nach Süden hinzieht. Aus ihm führen Kriegalppass und Ritterpass ebenfalls in italienisches Gebiet.

Von den zahlreichen Bergen, die meist unmittelbar von Binn aus erstiegen werden, sind es hauptsächlich Helsenhorn und Ofenhorn, die Besuch erhalten. Noch grösserer Beliebtheit erfreut sich das Bettlihorn. Es wird oft der Rigi des Wallis genannt. Als ich aber auf seinem Gipfel stand, vermochte ich grad knapp meinen Gefährten zu erkennen, weil der Nebel an jenem Tage auch gar kein Einsehen mit aussichtsdurstigen Bergsteigern hatte. Das Bettlihorn erreicht man in etwa fünf Stunden von Binn aus durch das Langtal auf dem Saflischpasswege.

Von mehr Glück waren die Besteigungen von Ofenhorn und Helsenhorn begleitet. Ich greife diese beiden Gipfel aus allen anderen heraus, da ihre Ersteigung — wenn sie auch nicht schwer ist — doch Interessantes zu bieten vermag. Der Aussicht von allen höheren Binntalerbergen aus ist eines gemeinsam: eine wundervolle Fernsicht nach Süden in italienisches Gebiet und gegen Norden auf die Berneralpen. Die nahen Walliser Hochgipfel bieten keinen schönen Anblick. Aus dem Gewirr von Spitzen sticht nur das Weisshorn etwas hervor; alle anderen Berge haben von dieser Seite aus gesehen keine Eigenart, und oft hält es schwer, sie zu erkennen und zu unterscheiden.

Am 4. August verliessen wir vor Tagesanbruch Binn. Ein wolkenloser Himmel liess endlich nach mehreren Tagen Regen und Schnee auf schönes Wetter hoffen. Wir gewannen in einigen Minuten Willeren und stiegen über taufrische Matten auf den Hauptweg ins Langtal ab. Dieser führt von Binn in grossem Bogen zuerst talwärts und biegt erst beim Zusammenf luss von Binna und Langbach nach Süden um. Man folgt dann auf gutem, breitem Pfad dem Langbach bis zum Hauptort des nach ihm benannten Tales, Heiligkreuz im Volksmund, Langthal auf dem Siegfriedatlas genannt. Noch lag die Dämmerung im Tal. Nur die heller und heller werdenden Spitzen kündeten den heran-brechenden Tag an. 0 du frischer Bergmorgen I Möchtest du uns jeden Tag einleiten! Wie viel freier, wie viel mutiger könnten wir unsern Alltag beginnen! Nur zu bald wich die wundervolle Stunde; nur zu bald wurde es ganz hell. Und der Tag brachte auch sogleich wieder Sorgen. Kleine, von der Sonne rotgefärbte Wolken zogen eilig von Westen heran. Das Helsenhorn, dessen eisige Flanken nun sichtbar wurden, rötete sich stärker und stärker. So schön das war, es bedeutete Regen. Ich wurde fast ein wenig missmutig. Musste die Fahrt schon am frühen Morgen abgebrochen werden? Nein! Zu lange hatten wir gewartet, gehofft, uns nach dem nahen Gipfel gesehnt. Heute mussten wir vorwärts. Heiligkreuz erreichten wir schon nach 40 Minuten. Die Kamine rauchten, hie und da huschte ein Mann, ein Weiblein, ein Kind zur rauchschwarzen Türe hinaus. Man wendet sich dann nach links und schreitet durch Wiesen und bald durch Gebüsch und lichten Wald den Abhängen des kurzen Gebirgszuges zu, dessen höchste Erhebung das Helsenhorn ist. Der jäh aufstrebende Gipfel dicht vor uns aber ist erst das Vorderhelsenhorn. Wir steigen mühsam den schmalen Pfad durch dichtes Buchengebüsch und Farnkraut, die einem den Weg verdecken und versperren. Man erreicht nach etwa einer Stunde den Kummenbord, die letzte Talstufe. Topfeben liegt eine wohl 2 km lange und am Beginn 300 m breite Ebene vor uns. Vorn sumpfig, hinten steinig, ringsum von hohen Felswänden eingeschlossen, macht sie einen öden, traurigen, düstern Eindruck. Im Eilmarsch durchschreiten wir sie und stehen bald unter den Felswänden, die den Kessel hinten abschliessen. In der Mitte fällt die Endmoräne des Kummen-gletscherchens steil ab.

Der Clubführer gibt als bequemsten Aufstieg einige in den Fels gehauene Tritte an, die sich links befinden sollen ( östlich ). In Binn hatte man mir versichert, es sei ganz unmöglich, das Helsenhorn zu erreichen, wenn man diese Tritte nicht finde. Sie sollten sich in der Nähe von einigen kleinen Wasserfällen befinden. Unglücklicherweise lag auch noch Neuschnee auf allen Felsbändern und Tritten und Absätzen. Wir fingen an, die Stufen zu suchen. Wasserfälle gab 's etwa ein halbes Dutzend, Felsstufen hundertmal mehr, aber keine eingehauenen. Nachdem wir etwa eine Stunde lang auf- und abgeklettert waren, verleidete uns die Geschichte, und wir begannen, auf gut Glück schräg aufwärts zu klettern. Im Abstieg fand ich dann, dass der weitaus bequemste und kürzeste Aufstieg der über die Moräne des Gletschers gewesen wäre. So aber war ich auf Stufen eingeschworen und fand in der Folge deren übergenug, aber ganz verflucht natürliche. Die Kletterei war anstrengend, aber gar nicht schwer. Gegen 9 Uhr erreichten wir endlich die Höhe des Ritterpasses, 2692 m, der vom Langtal nach der Alpe Veglia hinunterführt. Das Wetter war recht ordentlich geblieben. Immerhin dehnten wir unsere Rast nicht lange aus, sondern querten rasch den spaltenlosen Helsengletscher zum Fuss des Horns. Noch erkannte man den eigentlichen Gipfel nicht, da der Berg sich mehr als langgezogener Grat zeigt denn als Bergspitze. Über Schutt und einige lockere Felsen erreicht man leicht aber steil das trigonometrische Signal in wenig Minuten. Es befand sich allerdings in bedauernswertem Zustand. Dann liessen wir uns zum Geniessen, zur wohlverdienten Gipfelrast nieder.

Die Aussicht vom Helsenhorn ist wundervoll. Mächtig baut sich vor allen Bergen der nahe Monte Leone auf. Noch schöner aber ist der Tief blick über den Kriegalppass hinaus in die Täler Italiens, vor allem nach dem Kurort Ai Ponti. Im Norden prangt die ganze Kette der Berner Alpen vom Rhoneknie bis zum Rhoneursprung. Alle überragt die Riesenpyramide des Finsteraarhorns.

In den Walliserbergen des Westens zog ein Berghaupt nach dem anderen eine graue Mütze an. Auch die Bernergipfel verdüsterten sich. Nebelschwaden verdeckten da und dort die Fernsicht. Ein erster Hagelschauer hiess uns eiligst aufpacken, und dann rutschten wir mehr, als dass wir stiegen, den Schutt des Gipfelhanges hinunter, der den Westhang des Berges überreichlich bedeckt. Über den Gletscher im Laufschritt. Auf dem Ritterpass schien die Sonne wieder durch Wolkenlücken. Also streckten wir uns zur Mittagsrast auf den rauhen Gneisplatten aus und genossen wieder und lange den herrlichen Blick ins grüne Italien hinaus. Der Nachmittag brachte Gewitterregen. Den Abstieg vollzogen wir rasch über den Kummengletscher und seine Moräne, was einfach und wesentlich kürzer war als die morgendliche Irrfahrt über imaginäre Felsstufen. 5 Uhr abends erreichten wir Binn; ein wenig müde, ein wenig nass. Das Helsenhorn und seine Nachbarn ringsum waren tief verhängt. Die folgenden Tage brachten anhaltenden Regen.

Eine Woche später verliess ich Binn in Begleitung meines Freundes Alfred Rubin aus Interlaken. Das Wetter hatte ein wenig aufgehellt. Mit unbestimmten Hoffnungen aufs Gelingen der Besteigung des Ofenhorns schritten wir langsam durch den lauen Abend den Albrunpassweg empor. Zur Seite rauschte die Binna, und es begann zu dämmern, als wir in Imfeid den Fluss querten. Durch lichten Lärchenwald in grossen Kehren weiter empor. Bald schritten wir auf ebenem Wege über Weiden. Der Mond schien zwischen eilenden Wolken hell auf die nächtliche Berglandschaft. Dann versteckte er sich wieder für Minuten, und dunkel ward die Weide, dunkler der Wald. Unten rauschte die Binna; sonst war 's still, fast unheimlich still. Wir erreichten ein paar Hütten: Jennigenkeller1 ). Nach einer weiteren halben Stunde Marsch krochen wir auf der nächsten Alp, Tschampigen-keller 1 ), ins Heu.

Gar sehr überrascht waren wir nicht, als uns am Morgen kräftiger Regen weckte, der auf das Dach trommelte, da und dort aber auch durch Löcher ins Heu fiel. Noch geringer war unsere Erbauung darüber. Wir drehten uns, bis wir einen regensichern Platz gefunden hatten, von einem Ohr aufs andere; dann wurde weitergeschlafen. Erst nach 5 Uhr erhoben wir uns. Der Regen hatte aufgehört, aber dichter Nebel verhüllte alles. Man sah keine zehn Schritte weit. Die Ofenhornhoffnung sank auf Null. Dennoch wollten wir ein wenig gegen den Albrunpassweg emporsteigen. Wir erreichten die nächste Alp, Kühstafel, dann Ochsenfeld, und da es immer noch nicht regnen wollte, schwenkten wir vom Wege nach links ab und begannen das kleine Eggerofental hinaufzusteigen. Der Clubführer bezeichnet es als steinig, und es macht diesem Prädikat wirklich alle Ehre. Endlich erreichten wir ein kleines Schneefeld, das zur Eggerscharte ( zirka 2800 m ) emporführt. Diese ist eine Art Pass, der etwa benützt wird, um den Passo del Forno und den Lebendunsee ( Lago Vannino ) zu erreichen. Nun fingen wir doch an, halb und halb ans Ofenhorn zu glauben. Allerdings steckten wir noch immer im Nebel wie die Fliegen im Milchtopf. Ab und zu aber lachte ein Stücklein blauen Himmels und lies besseres Wetter ahnen. Ein letzter Fels- und Schutthang führte zum Pass. Oben pfiff ein scharfer Westwind, der uns sofort auf der Südseite unter grosse Felsblöcke verkriechen liess. Auch nach Süden Nebel. Im Osten verschwand ein anscheinend steiles Schneefeld ebenfalls im Nebel. Eine Spur war sichtbar, die sich etwas weiter oben verlor — natürlich im Nebel. Das war die Ofenhornroute. Nach etwa einstündiger Rast stiegen wir weiter. « Zum Steinmann langt 's schon. » Wir stapften durch nassen Neuschnee langsam und ziemlich steil aufwärts; eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, noch eine halbe und noch immer Nebel und Nebel. Endlich erschien als erster Trost das trigonometrische Signal. Wir hatten den Gipfel ( 3242 m ) erreicht. Es war fast Mittag geworden, und nun richteten wir uns häuslich ein, denn wir wollten warten, bis der Nebel wegging, und wenn 's...! Es dauerte bis 1 Uhr; aber er ging wirklich gänzlich fort. Die Sonne strahlte warm auf die von Neuschnee frisch überzuckerten Berge.

* ) Die seltsamen Namen der beiden Alpen stammen von dort befindlichen Käsekellern her.

23 Die freie Lage des Ofenhorns gibt ihm eine wundervolle Fernsicht, vor allem nach Osten und Süden. Was fragten wir viel nach Namen? Es war einfach schön. Spitze an Spitze, Tal an Tal... Da gegen Italien ist Neuland. Vielleicht und nur bedingt. Wir sind nun einmal verurteilt, nachzutreten. Und dennoch, wie schön ist schon das!

Der Abstieg gegen den Hohsandpass zeigte, dass das Ofenhorn nicht zu unterschätzen ist. In den Felsen ging 's ganz gut. Dann aber mussten wir in die Wand hinaus auf weichen, nassen Neuschnee, unter dem schwarzes Eis drohte. Da gab 's ein mühsames Wegkratzen des Schnees und ein noch mühsameres Hacken im harten Eis. Unten gähnte der Bergschrund recht unbestimmt — da ein Loch, dort eine Brücke.Von der Nähe besehen, war 's nicht so schlimm. Die Brücken hielten besser, als der nasse Schnee vermuten liess. Bald standen wir auf dem fast spaltenlosen Hohsandgletscher. Wir wandten uns nach Westen und überschritten den Hohsandpass, 2927 m, der Binn mit dem Tal der Tosafälle verbindet. Der Thäligletscher auf der Westseite des Passes war bald überquert, und abends 6 Uhr erreichten wir wohlbehalten Binn.

Noch schöner als auf dem Ofenhorn ist die Aussicht vom Blindenhorn, 3384 m. Man erreicht den Gipfel von Binn aus in etwa sieben bis acht Stunden über den Mittlenberggletscher und den Pass gleichen Namens. Am Wege liegt das Hohsandhorn, das vom Mittlenbergpass in 20 Minuten erstiegen wird. Weniger häufig erhalten Mittaghorn, Schwarzhorn und der Aserbadung Besuch. Doch genug der NamenEs gibt im Binntal keinen Schalligrat, kein Matterhorn, keine Dent Blanche.Viele mögen ein wenig geringschätzig denken von seinen Bergen. Gewiss vermag das Tal nicht zu rivalisieren mit seinen westlichen Nachbarn, dem Saas- und dem Nikolaital. Dafür aber trifft man auch keine Bergsteigerkolonnen von 50 bis 70 Personen, wie sie etwa Wildstrubel oder Balmhorn bevölkern. Und gerade dafür war ich dem stillen Tale dankbar.

Das Binntal und seine Bewohner haben viele Eigenarten. Schon die Häuser zeigen eine Eigentümlichkeit, die sonst in keinem anderen Tale bemerkt wird. Die Bauart ist im allgemeinen die des Wallis. Die Fenster — es sind stets drei bis fünf aneinandergereiht — sind von weiss gestrichenen Rahmen umgeben. Die Bevölkerung ist eher fremdenfeindlich, als dass sie das Beispiel des Berner Oberländers nachahmen würde, der sich heute allzusehr der Fremdenindustrie ergeben hat. Es scheint diese Fremdenunfreundlichkeit eine gewisse Überlieferung zu sein, indem die Geschichte des Binntals mehrere Episoden nennt, die von Verjagung fremder Ansiedler erzählen. Ob d^ies heute ein Nachteil für die Einwohner ist, bleibe dahingestellt. Interessant sind die Aussagen der Binntaler über Arzt und Fürsprecher. Eine Statistik zeigt, dass der Bewohner des Tales sehr alt wird. Als Ursache wird angegeben, dass im Tale kein Arzt wohne. Streitigkeiten gebe es keine, weil bis heute sich weder ein Fürsprecher noch ein Notar angesiedelt hätte. Der Hang der Bevölkerung zum Ledigbleiben ist bemerkenswert. So seien in Ausserbinn 80 % der Einwohner ledig. Aus dem heraus erklärt sich wohl der Bevölkerungsrückgang. Nach Desbuissons ( offenbar auf der Volkszählung von 1910 fussend ) betrug die Zahl der Seelen im ganzen Binntal 235. 1925 waren es noch 183. Ob der Binntaler das soziale Problem nicht besser als alle modernen Theorien löst?

Der Erwerb des Talbewohners fliesst ihm aus Landarbeit, Viehzucht, Getreide- und Gemüsebau, Strahlen und wohl auch aus dem Schmuggel zu. Reich wird der Binntaler nicht; er kann es nicht werden. Sein grösstes Vergnügen ist die Jagd.

Als wir an einem trüben Augustmorgen das Tal verliessen, schieden wir mit gemischten Gefühlen. Wir hatten etwas vom Pulsschlag des Tales gespürt. Am 12. August waren schwere Gewitter niedergegangen. Der Weg durch die Twingenschlucht war auf lange Strecken verschüttet, zerstört. Im Gemeindewerk ward er durch Männer und Jünglinge wieder hergestellt. Lawinen und kleine und grosse Murgänge verursachen Jahr für Jahr grossen Schaden. Die Einwohner nehmen es gleichgültig hin. Hier herrscht noch Gemeinsinn. Seine grosse Religiosität hilft dem Binntaler und hält seinen Sinn aufrecht. Fast wäre man versucht, im Binntal etwas wie eine eigene Kultur zu suchen.

So hatte der Aufenthalt im abgelegenen Tale mehr geboten als rein Bergsteigerisches. Wir Alpenclubisten sollten auch dies zutale tragen. Es hilft uns schauen, verstehen und wohl auch verzeihen. Das aber ist etwas, was nicht nur dem einzelnen, sondern der ganzen Welt not tut.

Schwer bepackt mit mineralogischen Schätzen wandern wir der Station Grengiols der Furkabahn zu. Weit hinten im Tale grüsst noch das von Wolken halbverdeckte Ofenhorn. Die Gegend des Ritterpasses liegt im Nebel. Abschied tut immer weh, wenn unser Herz irgendwo Schönes erlebt hat. Nun biegt der Weg in die Twingenschlucht ein. Das Tal entschwindet. Das andere, grössere Tal öffnet sich. Wir sehen die Rhone weit unten. Fast scheint es, als wolle das Wetter uns die Heimfahrt leicht machen. Es beginnt leise, leise zu regnen. Als wir das Dorf Grengiols durchschreiten, fallen grössere Tropfen, und auf dem Bahnhof angekommen, flüchten wir vor strömendem Regen unter Dach. Und dann pfeift der Zug weit oben, bevor er in den Kehrtunnel einfährt. Ein letztes Winken, ein letzter Blick den Bergen, die uns fünf Wochen die Heimat gewesen. Wir nehmen mit die Erinnerung an Sonnenschein, an einige selige Gipfelstunden. Die sollen uns über den Winter einem neuen Frühling zutragen.

Heinrich Kleinert.

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