Aus dem Clubgebiet

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Emil Huber ( Sektion Uto ).

Von

Piz Julier.

Wir Clubisten suchen die Abwechslung im Gebirge zu sehr darin, daß wir uns stets andern, uns noch gänzlich neuen Bergen und Gegenden zuwenden. In dem Maße, in welchem wir die Gebirgsnatur tiefer beobachten und auf uns wirken lassen und die Thätigkeit des Bergsteigens gründlicher erfassen, indem wir an den Besteigungen auch einen größeren intellektuellen Anteil nehmen, verlieren wir diese Blasiertheit mehr und mehr und werden gewahr, daß die wiederholte Besteigung eines bedeutenderen Berges ein ganz besonderes und eigenartiges Interesse bietet. Ein Berg schließt ebenso viele Probleme des Auf- und Abstiegs in sich, als er deutlich von einander getrennte Gräte und Flanken hat, und bietet auch wiederum auf derselben Route je nach der Jahreszeit verschiedene Aufgaben für den Bergsteiger. Es schwebt mir dabei nicht die Lust an Varianten vor, welche sich an waghalsigen Abkürzungen befriedigt, die nur wenige Meter von dem guten und gewöhnlichen Wege abliegen. Ich meine vielmehr die Aufgabe, auf einen Berg die in irgend einer nützlichen Art hervorragenden Wege zu finden, also mit Hinsicht auf Kürze, auf Aussichtspunkte, Geschütztheit vor Sonne, vor Lawinen, vor Steinschlag u. s. f.

Im diesjährigen Clubgebiet habe ich dem Piz Julier nunmehr viermal die Ehre einer Besteigung angethan. Die drei ersten, im letzten Bande des Jahrbuches erwähnten Besteigungen führte ich im August 1880, am 6. August 1885 und am 5. Januar 1893 aus. Mein letzter Besuch, welcher Gegenstand dieses Berichtes ist, fand am 22. Juni 1893 statt und führte zu der Auffindung eines sehr empfehlenswerten Abstieges über die Westseite nach der Val Julier.

Bei dieser Besteigung begleiteten mich mein Freund Dr. Max Schneeli ( Sektion Uto ) und der Urnerführer Jos. M. Gamma von Göschenen.

Am 21. Juni abends nahmen wir drei Nachtquartier in Campfer. Wir hatten uns die Aufgabe gestellt, den Piz Julier von der Suvretta da St. Moritz aus über den Nordgrat zu besteigen und hernach einen kurzen Abstieg nach der Val Julier und dem Julierhospiz zu suchen. Betreffend den ersten Teil unseres Vorhabens hatte ich auf Grund meiner ungefähren Kenntnis des Nordgrates allerdings meine Gefährten darauf vorbereitet, daß wir abgeschlagen werden könnten und dann einen Aufstieg über die Nordflanke nach irgend einem Punkte des Ostgrates bewerkstelligen müßten.

Der 21. Juni war sehr regnerisch gewesen. Doch als wir am 22. morgens früh 3 1/4 Uhr ins Freie traten, sah der Himmel ganz beruhigend aus. Wir folgten in der Dunkelheit einem Wege bis zu der Häusergruppe Albana; von da an zogen wir uns schwach ansteigend meist über frisches Gras und die eben aufblühenden Alpenblumen stets über dem Bach dem südlichen Abhang der Suvretta da St. Moritz, am Fuß des Piz d' Albana hin.

Auf der Alp Suvretta, welche wir um halb 5 Uhr morgens passierten, mußten wir uns wenigstens über den untern Teil unsrer Anstiegsroute entscheiden. Bevor ich aber zur Angabe unsrer Route schreite, will ich die Nordseite des Piz Julier nach ihren Hauptbestandteilen kennzeichnen und mit einer Nomenklatur versehen, da eine solche der Karte nicht entnommen werden kann.

Die Nordseite des Piz Julier wird durch den Nordgrat und den Ostgrat begrenzt. Ein Blick auf die Karte rechtfertigt sogleich die Einteilung dieser Nordseite in fünf Teile, nämlich in die untere Wand, das untere Gletscherchen, die mittlere Wand, das obere Gletscherchen und die obere oder große Wand. Jede der drei Wände zieht sich in ost-westlicher bis Südost-nordwestlicher Richtung nach dem genau meridional streichenden Nordgrat hinauf und bildet mit ihrem Ansatz an den Nordgrat den untern, den mittleren und den ungeheuren, aus einem schrägen ( oberen ) und einem fast vertikalen ( untern ) Teil bestehenden, oberen Absatz des Nordgrates. Die zwei Gletscherchen senken sich gegen Nordosten; das obere bricht an der mittleren Wand in wilden Séracs ab, das untere läuft in Schutthalden aus und wird wohl kaum je stark zerklüftet sein.

Der Gipfel des Piz Julier steht 3385 m — 2253 m = 1132 m über der Alp Suvretta. Der ganze Bau des Berges ist aus massigem Granit, aus sogenanntem Juliergranit, welcher in Blöcken abbricht, deren untere Flächen auf der Nordseite thalwärts geneigt sind und daher nur sehr schlechte Stützpunkte für Hände und Füße der Kletterer abgeben.

Von der Alp Suvretta aus wandten wir uns nun in westlicher Richtung dem östlichen oder unteren Ende der untern Wand zu. Ihr oberer Rand kann bei schlechtem Zustand der Oberfläche des untern Gletscherchens zum weiteren Aufstieg benutzt werden. Wir betraten den Firn, da er ziemlich hart war, und erreichten über denselben um 6 1/4 Uhr den Fuß des mittleren Absatzes, d.h. den Vereinigungspunkt von der unteren Wand und dem Nordgrat, cirka 3000 m über Meer.

Auf diesem Punkt machten wir eine halbe Stunde Rast und nahmen « ine Anzahl photographischer Ansichten auf, da Standort und Beleuchtung günstig waren. Die Sonne hatte sich nämlich mittlerweile hinter leichten Wolken und Nebeln versteckt.

Es wurde uns sogleich klar, daß schon zwischen dem untern und dem obern Gletscherchen der Nordgrat nicht der richtige Weg sein konnte. Wir querten vielmehr das hier schlecht beschaffene Schneefeld des untern Gletscherchens in südöstlicher Richtung nach dem Fuß der mittleren Wand, welche wir, unter Beibehaltung derselben Richtung, und nur wenig an Höhe gewinnend, überwanden. Eine kurze Strecke auf dem oberen Gletscherchen ansteigend erreichten wir sodann um halb 8 Uhr wiederum den Nordgrat, und zwar da, wo das obere Ende der Mittelwand und der fast senkrechte Absturz der oberen Wand eine Art Firnsattel zwischen sich einschließen. Dieser Punkt liegt etwa 100 m höher als die tiefere Stufe, auf welcher wir gerastet hatten. Von diesem Sattel senkt sich ein mehrere Hundert Meter langes, steiles Schneecouloir nach dem Hintergrund der Val Julier hinunter, welches in der That einladender erscheinen mag, als die noch vom Gipfel trennende, fast 300 m hohe Felswand. Insbesondere läuft hier der fast vertikale, etwa 60 m hohe untere Teil der oberen Wand mit einer bedeutend höheren, ebenso steil abgebrochenen, der Westseite des Berges angehörenden Wand zu einer scharfen Kante zusammen, welche ganz offenbar nicht die Stelle für einen Aufstieg sein kann. Ein Übergehen auf die Westseite schien ohne bedeutendes Hinuntersteigen in dem Couloir ganz uumöglich und hätte auch, wie wir nachher bei unserem Abstieg auf jener Seite erkannten, nichts genützt. Einige Leisten und Gesimse, die der darauf liegende frische Schnee deutlich erkennen ließ, schlössen die Möglichkeit einer Erkletterung in der Nähe des Absturzes des Nordgrates, etwa 100 m östlich davon, nicht geradezu aus. Die Felsen über uns prüfend und wieder prüfend zogen wir uns, ähnlich wie auf dem untern Gletscherchen, in südöstlicher Richtung am Fuß der Nordwand auf steilem, erweichtem Schnee hin. Unsere Absicht war nun, den Ostgrat in seinem untern, fast horizontalen Teil zu gewinnen und denselben bis zum Gipfel zu verfolgen, also unser ursprüngliches Vorhaben, uns an den Nordgrat zu halten, definitiv aufzugeben.

Als wir in die steilen Gehänge über den Séracs des oberen Gletschers gelangt waren, mußten wir viel hacken und sahen ein, daß wir eine ungeheure Menge von Stufen in das von Neuschnee bedeckte Eis schlagen mußten, wenn wir unsern Kurs beibehielten. Wir befanden uns fast genau unterhalb desjenigen Punktes des Ostgrates, wo derselbe sich von seiner Höhe von etwa 3350 m entschieden gegen Osten senkt und wo sich der kurze, südlich gerichtete Grat der sogenannten Julierscharte abzweigt, als wir unsern Plan wiederum ändern mußten und anfingen, in gerader Linie nach oben zu klettern. Stufen hatten wir nun nicht mehr sehr viele zu schlagen, allein die Kletterei war erheblich schwieriger, als es von unten den Anschein hatte, und zwar sowohl wegen der Lockerkeit der Felsen als auch wegen der Abgedachtheit fast aller Stützpunkte für Hände und Füße. Hart unter dem Grat hatten wir noch eine recht mühsame Eiskehle zu überwinden. Damit waren aber die Schwierigkeiten des Aufstiegs sämtlich hinter uns, so daß wir uns hurtig zu einer längeren Rast mit Imbiß und photographischen Aufnahmen niederließen. Der Himmel war ziemlich stark bewölkt geworden. Die Uhr zeigte schon halb 12 Uhr; wir hatten also für cirka 300 m 4 Stunden gebraucht, ohne irgendwo länger gerastet zu haben, d.h. unsere Route vom oberen Gletscher bis hierher, obwohl sie neu sein konnte, bezeichnete keinen neuen Weg auf den Piz Julier.

Wir befanden uns nur etwa 30 m unter dem Abzweigungspunkte des Schartengrates, also etwa in 3300 m Höhe. Wie verschieden sah da alles aus von dem, was sich ein halbes Jahr früher, am 5. Januar, Klucker und mir an derselben Stelle gezeigt hatte! Jetzt warme, trockene, damals von Reif starrende, mit Gwächten gekrönte Felsen!

Um 1 Uhr verließen wir unsern bequemen Rastplatz und erreichten ohne weitere Schwierigkeit um 1 Uhr 30 Min. den Gipfel 3385 m. Derselbe stak beinahe noch so sehr im Schnee wie im Januar, während er im Hochsommer ganz aper zu sein pflegt. Eine halbe Stunde wurde dazu verwendet, eine Karte zu deponieren, einige photographische Aufnahmen zu machen und die Westflanke des Berges auf seine Gangbarkeit zu prüfen. Hier war eine gewisse Vorsicht geboten, denn ein Umkehren in beträchtlicher Tiefe wäre bei dem etwas unsicher gewordenen Wetter und bei der vorgerückten Tageszeit unangenehm gewesen, wenn auch gefahrlos; denn wir hätte vom Gipfel aus stets den gewöhnlichen Abstieg nach dem Munteratsch gefunden. Leider entzog sich der Steilabsatz der Westseite unseren Blicken und wir konnten nur die große Wahrscheinlichkeit konstatieren, daß ein Abstieg über denselben an der Stelle möglich sei, wo sich ein steiler, kurzer, genau nach Westen gerichteter Felsgrat an das Massiv anlehnte. Wir beschlossen daher, die Sache zu versuchen, und verließen den Gipfel um 2 Uhr. Etwa 200 m tiefer mußte es sich entscheiden, ob wir weiter konnten oder umkehren mußten.

Wir folgten zunächst genau dem Nordgrat, bis wir über dessen beide oberste Absätzchen hinuntergestiegen waren. Dann betraten wir die mit hartem Schnee und Schutt bedeckte Westflanke von bedeutender Steilheit. Dieselbe endigt unten mit dem Rande des sehr hohen Felsabsturzes, welcher sich durch die ganze Westflanke des Gipfelmas-siva und, am Nordgrate gebrochen, durch einen Teil der Nordflanke mit wechselnder Höhe hinzieht. Unsere Blicke trafen über diesen Rand hinweg den Abhang des Berges erst viele hundert Meter weiter unten. Wie natürlich, entsprach dem tiefsten Punkt dieser westlichen Abdachung des Gipfels die geringste Höhe des Absturzes. Dieses, in Verbindung mit dem Umstand, daß an derselben Stelle der Westgrat sich ansetzt, hat zur Folge, daß man hinunterklettern kann. Es ist aber dieses auch die einzige Stelle und jeder Versuch links oder rechts davon erscheint ausgeschlossen. Nur von einer scharf eingeschnittenen Lücke im Südwestgrat aus kann ein Abstieg auf dieser Seite noch in Frage kommen.

Nachdem wir den Steilabsatz auf schmalen, aber festen Granitleisten hinuntergestiegen waren, folgte eine ungefähr eine Stunde dauernde, steile, aber interessante und ganz ungefährliche Felskletterei. Wir hielten uns anfänglich ziemlich an die Kante des übrigens auf der Karte deutlich sichtbaren Westgrätchens, nachher mehr an dessen südliche Lehne, bis wir zuletzt, etwa um 1/4 vor 4 Uhr, in eine schmale, steile Schneehalde einlenkten. Auf dieser ging es zuerst stehend, dann sitzend pfeilschnell zu Thal. Weiter unten fanden wir andere, schneegefüllte Furchen in der Schutthalde, so daß wir fast bis auf die Sohle der Val Julier auf Schnee abfahren konnten. Ich war dabei meinen Gefährten vorausgeeilt. Als ich eben am untern Ende einer Schneerinne, neben einem großen Felskopf, angeruscht kam, erblickte ich zu meiner großen Überraschung eine Gemse auf kaum 10 Schritte Entfernung. Sie hatte mich, der ich geräuschlos auf dem weichen Schnee herabgeglitten und durch den Felskopf verdeckt war, nicht vorher bemerkt und war offenbar ebenfalls sehr überrascht. Nachdem sie sich von ihrem Schreck erholt, was, bei meiner Treu, nicht lange ging, jagte sie mit Windeseile davon. Als meine Gefährten anlangten, war sie schon mehrere hundert Meter thalaufwärts entflohen.

Wir erreichten die Thalsohle um 4 Uhr, das Hospiz etwa um 5 Uhr. Am Juliersee machten wir eine, unsern Abstieg notdürftig zeigende photographische Aufnahme des Piz Julier. Auf einem Postfourgon mit harten Federn gelangten wir gegen 7 Uhr nach Mühlen.

Ich kann unsern Abstieg nach der Val Julier jedem geübten Bergsteiger auf das wärmste empfehlen. Wer vom Hospiz ausgeht, sollte diese Route zum Aufstieg benützen. Sie ist nicht erheblich schwieriger, als die gewöhnliche durch den Munteratsch, die Kletterpartie ist aber viel interessanter, weil viel exponierter. Dieser Aufstieg über die Westseite ist jedenfalls auch eine halbe Stunde kürzer, als der gewöhnliche Weg, sofern man vom Julierhospiz ausgeht. Die neue Route ist überhaupt eine rationelle, denn sie verbindet die Thalsohle der Val Julier fast geradlinig und in der Richtung der Falllinie mit dem Gipfel. Mit dem Ostgrat oder dem gewöhnlichen Weg zusammen bildet sie eine prächtige, abwechslungsreiche Traversierung.

Wie schon erwähnt, bliebe noch ein Weg von der obersten Gratlücke des Südwestgrates nach der Val Julier durch eine schattige, sehr steile Firnkehle zu versuchen. Ob der eigentliche Nordgrat ohne Anwendung künstlicher Hülfsmittel zu machen sei, ist fraglich, und ohne wirkliches Probieren nicht zu entscheiden.

Für die Neuheit unseres Abstieges habe ich keinen Beweis, doch ist dieselbe wegen des Mangels jeglicher Nachrichten über eine Begehung der nämlichen Route wahrscheinlich. Am Fuß des Steilabsatzes, d.h. am Schlüsselpunkte der neuen Route, errichteten wir ein kleines Steinmannli. Zu einer photographischen Aufnahme war der Platz ungünstig.

Der Aufstieg über die Nordflanke hat keinen praktischen Wert. Er stellt einen schwierigen Umweg dar. Dasselbe läßt sich von der Julierscharte und von dem Südwestgrat sagen, welcher, wie ich glaube, einmal von Klucker begangen wurde.

Gerechtfertigt erscheinen demnach nur der Ostgrat für den Auf-und Abstieg von und nach Campfer und St. Moritz, der gewöhnliche Weg durch den Munteratsch für den Auf- und Abstieg von und nach Silvaplana und die Westseite für den Auf- und Abstieg von und nach dem Julierhospiz.

Ich wünsche, daß recht viele Clubgenossen dem Piz Julier, so lange er zum Clubgebiet gehört, die Ehre wenigstens eines Besuches anthun möchten. Er bietet eine unvergleichliche Übersicht über das Engadin, die Averser-, Oberhalbsteiner- und Albulagebirge und läßt das Auge über ein Meer hintereinander wogender Bergketten bis an die Özthaler- und die Ortlerberge und bis an den Monte Rosa hinwegschauen.

Piz Forbisch.

Nach der Besteigung des Piz Julier quartierten sich mein Freund Dr. Max Schneeli, Joseph Gamma und ich in Mühlen ein. Wegen Regenwetters verstrich der 23. Juni völlig thatenlos. Auch am Morgen des 24. Juni war ähnliches zu befürchten. Da plötzlich wandelte meinen Freund die Lust an, Alpenrosen zu pflücken. So zogen wir denn ein Viertel vor zehn Uhr alle drei auf die Alpenrosenernte in die Val Faller aus.

Es mochte wohl nicht gerechtfertigt erscheinen, daß wir unsere Pickel mitnahmen, noch weniger, daß ich Proviant, Camera und Seil in meinen Rucksack verpackt hatte. Ich dachte für mich nämlich immer noch trotz der vorgerückten Tageszeit an die Besteigung des Piz Forbisch, indem sich das Wetter zum Bessern zu wenden schien.

Um halb elf Uhr waren wir bei dem Dörfchen Tga. Die Nebel zerrissen von Zeit zu Zeit, so daß die Sonne auf die frisch verschneiten, blendend weißen Gehänge am Piz Piatta und Forbisch herabschien. Da war es denn auch verhältnismäßig leicht, meinen Freund und Gamma für die von unserem Standort aus immerhin noch volle 1300 m bedeutende Besteigung des Piz Forbisch zu gewinnen. Ohne Aufenthalt ging es daher in 2 1/4 Stunden über Gras und Schutthalden 900 m hoch hinauf, d.h. bis an das untere Ende der auch auf der Siegfried-Karte deutlich sichtbaren Couloirs gerade links von der Zahl 3258. Obwohl uns Nebel einhüllten, brachen wir doch nach einer halben Stunde Rast, also um 1 Uhr 15 Min. nachmittags, wieder auf. Der Schnee im Couloir war sehr schlecht. Da massenhaft Neuschnee lag, war von den von Schmelzwasser förmlich triefenden Felsen nichts Besseres zu erwarten. Der Neuschnee schmolz weiter oben auf den Felsen unter dem Einfluß der zeitweise durchbrechenden, hochstehenden Sonne und der sonst ziemlich hohen Lufttemperatur so, daß das Wasser überall herunterrieselte und fortwährend neue Nebel bildete.

Nach einer Stunde war der Grat erreicht. Diesem folgend kamen wir zu einem jähen Absatz ( siehe W. Gröbli, Jahrbuch des S.A.C., Bd. XXIX, pag. 27 ), den wir in schlechtem Schnee auf der steilen Westflanke umgingen. Weiterhin folgten wir immer dem Grat, bis wir Punkt 3 Uhr nachmittags den von Professor Gröbli, dem ersten Besteiger, errichteten Steinmann, 3258 m, erreichten. Nur auf Augenblicke zerrissen die Nebel bald da, bald dort, ließen dann aber die frischbeschneiten Bergspitzen um so überraschender und herrlicher in der Sonne erglänzen.

Der Abstieg wurde um'4 Uhr begonnen und erfolgte auf demselben Weg. Das untere Ende des Couloirs war schon um ein Viertel vor 5 Uhr wieder erreicht, Mühlen um halb 7 Uhr, nachdem noch in der Val Faller eine reiche Alpenrosenernte eingeheimst worden war. Schwierigkeiten bietet der Forbisch auf dem von uns eingeschlagenen Wege keine von irgend welcher Bedeutung. Der Gipfel wird nur im Süden vom Piz Piatta überragt, beherrscht sonst die Umgegend nach allen Richtungen, insbesondere gegen Westen. Da die Besteigung des Piz Piatta von Mühlen aus höchstens 1'/a Stunden mehr in Anspruch nimmt, und eine umfangreichere Fernsicht bietet, wird der Forbisch nicht auf häufigen Besuch rechnen können. Da indessen die Gratwanderung interessant ist und da mit der Besteigung des großen Forbisch leicht diejenige des kleinen Forbisch ( siehe W. Gröbli, Jahrbuch des S.A.C., Bd. XXIX, pag. 25 ) verbunden werden kann, empfiehlt er sich als Zielpunkt einer von Mühlen aus unternommenen Tour.

Piz Piatta.

Am Abend des 19. Juni 1893 langte ich, von Rheinwald herkommend, mit meinem Begleiter Joseph Gamma in Cresta an. Wir hatten die Absicht, am folgenden Tag den uns beiden noch nicht bekannten Piz Piatta, 3386 m, zu besteigen und womöglich einen neuen Abstieg nach Mühlen zu finden. Bis dahin wurde nämlich der Weg aus der Val Bercia gewöhnlich über die ganze Länge des den Gipfelstock im Süden und Südosten halbkreisförmig umgebenden Gletschers genommen, also offenbar nicht „ der Nase nach ".

Wir verließen Cresta am 20. früh halb 4 Uhr bei etwas zweifelhaftem Wetter. Bis auf den „ Hubelboden " führt ein Weg. Von da an ist die Richtung durch die Natur unzweideutig vorgeschrieben. Durch das „ Thäli " und über „ Am Bühl " erreichten wir zunächst das kleine Schneefeld zwischen den Punkten 2926 m und 3159 m ( Blatt Bivio, Siegfr. ), dann, über leichte, treppenartige Felsen kletternd, gerade südlich vom Gipfel des Piz Piatta, den Südwestrand des Firns oder Gletschers ( ohne Namen ), welcher sich, wie oben erwähnt, halbkreisförmig um den Gipfel herum gegen die Schafalp „ Piatta " hinabsenkt. Nach einem kurzen Halt zum Zweck photographischer Aufnahme des Jupperhorns, sowie der wenig bekannten Gruppe des Piz Stella und Piz Gallegione, steuerten wir gerade auf den Gipfel zu. Die Felsen wären wohl weiter östlich etwas leichter gewesen. Schwierigkeiten bietet aber dieser letzte Teil des Weges so wenig als der übrige.

Wir erreichten den Gipfel, 3386 m, um 8 Uhr, also einschließlich des Haltes in 4 1/2 Stunden von Cresta. Der Gipfel stak tief im Schnee und war mit Gwächten gekrönt. Die Aussicht war trübe, hauptsächlich im Südosten, wo sich drohende Wolken anhäuften. Der Himmel war vollständig bedeckt. Wir waren zufrieden, wenigstens den im Norden nahestehenden Piz Forbisch rekognoszieren zu können, dessen Besteigung wir für einen der nächsten Tage in Aussicht genommen hatten. Die Aussicht vom Piz Piatta ist beherrschend. Er überragt alles Benachbarte bedeutend und steht außerdem sehr isoliert. Die Nordwestseite fällt unter dem Gipfel fast 600 m tief in einer ununterbrochenen Felswand in die ausgedehnten Schutthalden der Val Gronda ab.

Wir hielten uns bis um 9 Uhr auf dem Gipfel auf, bis vereinzelte Schneeflocken und starke Windstöße ein herannahendes Unwetter ankündigten. Wir beschlossen, zunächst den fast genau östlich ziehenden Schneegrat, nachher den nordöstlich fallenden Felsgrat zu verfolgen, um entweder einen Abstieg in die Val Gronda nach links über die Wand hinunter oder über den Grat selbst zu entdecken. Der oberste Teil des Schneegrates war ausnehmend steil. Der Schnee war über alle Maßen weich. Es zeigte sich besonders bei dem hereinbrechenden Nebel kein Abstieg nach links. Den weiteren Verlauf des Grates konnten wir auch nicht überblicken, so daß wir in einer Höhe von etwa 3100 m unsern Plan aufgaben und den kleinen, vom Gipfel östlich sich senkenden Firn oder Gletscher in südlicher Richtung, bis an die Hüften einsinkend, querten.

An dessen Rand angelangt, bogen wir, nachdem wir den letzten Augenblick vor dem Losbrechen des Unwetters zu zwei photographischen Aufnahmen benutzt hatten, nach Nordosten um. Wir betraten nur auf eine kurze Strecke noch einmal das steile Gehänge des kleinen Gletschers zu unserer Linken, denn die, wenn auch sehr steilen, Felsen erwiesen sich als gut gangbar. Je tiefer wir stiegen, desto mehr hielten wir links, bis wir endlich, dem Ausfluß des genannten Gletschers folgend, über Grasgehänge, Schutt- und Schneehalden den Pfad auf „ Piatta " erreichten. Schnee und Regen hatten uns bereits hoch oben in den Felsen überfallen und uns zur schnellsten Gangart angespornt. Durch Val Bercia erreichten wir das Hüttendörfchen Tga, 1933 m, um 11 Uhr 30 Min. und Mühlen um 1 Uhr 15 Min., nachdem wir beinahe eine ganze Stunde unterwegs damit zugebracht hatten, daß wir auf einen Augenblick lauerten, in welchem der Gipfel des Piz Piatta seinen Nebelschleier etwas lichtete und ein genügend " freundliches Gesicht " machte, um photographiert zu werden.

Vom Wege unterhalb Tga bietet der Piz Piatta mit seiner schwarzen Nordwestflanke einen ganz imposanten Anblick dar, den die Photographie freilich, wegen der Ungunst des Standortes, nur unvollständig wiederzugeben vermag.

Erst durch das Itinerar erfuhr ich, daß unser Abstieg einen neuen Weg bezeichnet. Um ihn als solchen zu definieren, muß ich natürlich von unserer Abschweifung auf den Nordgrat und von der Querung des ( östlichen ) Firnfeldes absehen. Dieser neue Weg würde demnach vom Gipfel in genau östlicher Richtung über den kleinen ( östlichen ) Firn hinunter bis an dessen östlichen Rand, dann diesem östlichen Rand entlang vorzugsweise über Felsen in der Richtung nach der Vereinigung der beiden Bäche auf " Piatta " ( Siegfr.Atlas ) führen. Bei sehr schlechtem Schnee kann ein Aufstieg augenscheinlich fast bis zum Gipfel über Felsen genommen werden, indem man auch im obersten Teil stets dem Rand des ( östlichen ) Gletscherchens und schließlich dem, durchaus gangbaren, südöstlichen Gipfelgrat folgt.

Dieser Weg vereinigt die Vorteile der Kürze und der Aperheit, ohne schwierig oder gar gefährlich zu sein, und verdient daher, in Aufnahme zu kommen.

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