Aus dem Clubgebiet

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Von A. Hoffmann-Burckhar dt.

Für die Bereisung des Excursionsgebietes pro 1874 hatte ich mir einen hübschen Plan zurechtgelegt. Meine Absicht war, von Ilanz aus über den Piz Riein, Crap grisch und Tomülpass nach Vals, von da über den Piz Aul nach Vrin und Vanescha zu gehen, von dort über den Piz Terri und Motterascio die Medelser-Gebirge und Gletscher zu begehen und das Somvixer-Tobel bis zu seinem Ausgange verfolgend, zurückzukehren. Diese Rechnung war aber vollständig ohne den Wirth gemacht, d.h. ich hatte nicht darauf gè- rechnet, dass acht Tage lang so zu sagen ohne Unterbrechung mich Nebel, Gewitter, Regen, Sturm und selbst Schnee begleiten und die besten Vorsätze vereiteln würden.

Von meinem etwas weit abgelegenen diesjährigen Standquartiere Pontresina aus reiste ich über Chur nach Ilanz, woselbst ich Sonntag den 26. Juli Mittags bei Regen anlangte und die Essenszeit benützte, um mich bei Herrn Förster Enderlin ( Bruder des freundlichen Kreuzwirthes in Pontresina ) über die zu bereisende Gegend zu erkundigen.

Herr Enderlin rieth mir, den Piz Riein nicht von der Nordseite über La Cauma, sondern von der Südwestseite, von dem Riemer-Tober aus, anzugreifen, und ich habe Ursache, ihm diesen Rath bestens zu verdanken.

Nach 2 Uhr verliess ich mit meinem Führer, Christian Jann von Klosters, Ilanz, überschritt die schöne Holzbrücke, um auf das linke Rheinufer zu ge- langen, und bog nach kurzer Zeit von der Landstrasse ab, den mächtigen Steindamm begehend, der bis zur Brücke über den unterhalb Ilanz mit dem tückischen Glenner vereinigten Rhein mit wuchtiger Masse dessen linkes Ufer schirmt. Der Fluss wurde nun abermals überschritten, das mit Erlen bewachsene Ueberschwemmungsgebiet durchquert und über saftige Wiesen leicht ansteigend bald das reizend gelegene Sewis erreicht. Jenseits des Dorfes beginnt eine rapidere Steigung, erst durch Wiesen und dann durch kühlen Tannenwald, bis nach einer guten Stunde wir uns auf einer ersten vorspringenden Kanzel befanden, mit sehr freundlicher Aussicht, sowohl nach links in 's Lugnetz, als auch über das sich zu unsern Füssen hinziehende Rheinthal: gerade gegenüber auf grüner Bergterrasse Luvis, unter uns, durch imposante Wuhre beschützt, das alterthümliche Ilanz.

Abermals stiegen wir den steilen Bergpfad hinan nach einer zweiten Terrasse, auf der wir unser Nachtquartier Riein zu erspähen hofften. Wir stiegen höher und höher und standen plötzlich am Rande der gäh abfallenden Halde « ils Fopps » ( italienisch Foppa Graben ), von wo wir nach dem furchtbar zerrissenen und ausgewaschenen Thalkessel des Kieiner-Tobels hineinblickten, nach einem Circus, der in seiner weiten Rundung in raschem Wechsel die Lieblichkeit grünen Alp-geländes mit dem starren Ernste himmelanstrebender kahler Felswände, kräftigen, hundertjährigen Urwald mit grässlichen Rufen und gefahrdrohenden Erdrutschen vereinigt Die Erdabsitzung, von der unser Itinerarium ( pag. 40 ) spricht, bedroht einen sehr beträchtlichen und gerade den werthvollsten Theil des Gebietes der Gemeinde Riein, den Bezirk der zwischen Riein, Pardi, Clauter und Caltgiera liegt, und es ist wohl sehr daran zu zweifeln, ob durch Verbauung des Tobeis die schwache Menschenkraft gegen die fortwährend arbeitende Erosion und Unterwaschung in diesem durchaus haltlosen und faulen Gebirge den Sieg davon tragen werde.

In den letzten Jahren hat der Rutsch, nach der auf ausgesteckten Signalen beruhenden Aussage des Hrn. Kreis-richters Christoffel in Riein, bedeutende Fortschritte gemacht, und dieselben dürften, bei dem ungeheuren Drucke, den die kolossalen Geschiebsmassen der Fopps auf die steil über dem tief ausgewaschenen Tobel liegenden, fruchtbaren, widerstandsunfähigen Gelände ausüben, kaum auf lange Zeit aufzuhalten sein.

Dem Rande der steilen Böschung folgend stiegen wir abwärts, erblickten bald darauf die schwärzlichen Holzhäuschen von Riein mit seinem kleinen steinernen Kirchthurme und betraten um 6 Uhr das einfache, im Umbau begriffene Wirthshaus von Christoffel. Die Bewirthung war selbstredend ausserordentlich einfach,

ein Glas geringen Wein oder Schnaps, ein alpiner Kaffee, etwas dürres Fleisch und Eierkuchen. Widerlich war mir das mit Anis untermischte, süsslich schmeckende Brod. Vor Einbruch der Nacht liessen wir uns von Christoffel noch den Weg nach dem Piz Riein, sowie nach Piz fess ( oder Fez ?), Piz Sanina und dem Güner-horne, die mit ihren nackten, scheinbar unersteiglichen Felswänden das Thal einrahmen, weisen, und um 9 Uhr begaben wir uns zur Ruhe in dem niedrigen, vier Betten enthaltenden Stübchen unter dem Dache. Yiel Spass machte mir die mit reizender Naivität vorgebrachte Frage: « ob die Mutter ( des Wirthes ) nicht mit uns das Zimmer theilen dürfe », die ich jedoch mit einem ziemlich verständlichen « lieber nicht » beantwortete.

Den 27. Juli erhoben wir uns um 3 Uhr früh. Es war der, wrohl vielen diesjährigen Bergsteigern er-innerliche, schöne Montag, einer der wenigen ganz schönen Tage der zweiten Hälfte Juli und sehr kalt. Einige Tassen warme Milch bildeten das Frühstück und um 4 Uhr marschirten wir ab, erst den auf der Karte angemerkten Fussweg nach Pardi verfolgend, der jedoch schon jenseits der Hütten von Pardi unter dem Geschiebe des Erdrutsches verschwindet. Ueber Geröll und durch dichtes Erlengestrüpp drangen wir vor bis zum Rande des Tobeis, kletterten hinab, durchwateten den kleinen Bach und betraten jenseits die jähe Halde « Modens », an deren mit hundertjährigen Tannen bewachsenen Flanken wir stellenweise auf kaum bemerkbaren Schafwegen, meist aber ganz pfadlos, hinanklommen. Besonders erschwert wurde das Aufsteigen in diesem Urwald durch die grosse Menge der wahrscheinlich durch den Schneedruck des Frühjahrs umgestürzten und mit ihrem dichten Gezweige den Weg versperrenden Bäume.

Es mochte etwa halb 7 Uhr sein, als wir am Rande des Tobeis, Truein gegenüber, aus dem dunkeln Walde hervortraten. Ein grosser Gemsbock floh bei unserm Anblicke scheu unter das Tanngeäste zurück und bald nachher jagten wir auch zwei Spielhähne aus ihrem Lager auf, ein Beweis, wie selten sich Menschen in dieses abgelegene Revier verirren. Wir zogen uns nun links nach der Trueiner Berghalde hinüber und erreichten endlich, die sehr steilen Rasenböschungen hinansteigend, die Höhe des Piz Riein ( 2752 m ) etwas vor 9 Uhr.

Die Aussicht ist in Betracht der wenig bedeutenden absoluten Höhe eine recht lohnende, namentlich nach West und Nord, der Piz Aul sieht von hier ganz imposant aus mit seiner gäh abfallenden, kirchdachähnlichen First, der Oberalpstock, Bifertenstock, Tödi, Tumbif u, s. f. begrenzen den nördlichen Horizont, während aus dem leider durch Nebel etwas verdeckten Osten der Piz Linard und die Silvrettagebirge hervorgucken. Interessant ist der Einblick in die Verzweigungen des Lugnetz und Valserthales und ausserordentlich lieblich der Vordergrund, das grüne Rheinthal tief unter uns, in dessen Verlängerung wir Reichenau, Ems, Felsberg und Chur entdecken. Furchtbar wild und zerrissen fällt der Berg nach dieser Seite hin ab und abschreckend schroff und ausgewaschen ist der in viele einzelne Zähne und Scharten ausgeschrundete Kamm, der vom Piz Rhein nach La Cauma hinüberläuft.

Soviel ich gesehen, kann der Piz Rhein weitaus am leichtesten von Safien her erstiegen werden; ohne besondere Mühe wird man über die Alpen von Tenna zwischen dem Nollen rechts und dem Unterhorn links ( Dufourkarte ) den Grat zwischen dem Piz fess und dem Riein überschreiten und an der Ostseite des Kammes entlang die Spitze gewinnen. Entschieden am misslichsten wird der Weg über La Cauma sein, wer ihn aber machen will, erbitte sich die Führung von Christoffel, der jene Gegend ganz genau kennt.

Um 11 Uhr verliessen wir die Spitze und verfolgten den Grat in südlicher Richtung, um den Piz fess zu gewinnen. Unterwegs begegneten uns drei Safierhirten, die sich bei dem prächtigen Tage gleich uns ihr schönes Vaterland von oben herab ansehen wollten. Es scheinen solche Safierbesuche öfter stattzufinden, wenigstens fanden wir an der westlichen Gratseite mehrere Namen mit zollhohen lateinischen Lettern in den weichen Rasenboden eingeschnitten. Um 1271 Uhr betraten wir den Schnee und um 12 Uhr 45 Min. gewannen wir über den kleinen Gletscher ansteigend die Höhe des Piz fess ( 2874 Ia ). Das Gebirge ist auch hier merkwürdig zernagt und zerrissen und mehrere tiefe Felsspalten zersägen den Grat hundert und mehr Fuss tief, wie theilweise aus der Excursionskarte ersichtlich. Das Gestein ist meist eigenthümlich zerbogen, so dass viele lose Steine die Form von Hohlziegeln aufweisen, manche erinnerten beinahe an der Länge nach gehälftelte sogenannte Calabreserhüte. Der unmittelbar über der Spalte zwischen Piz fess und Sanina aufragende spitze Felszahn scheint höher wie

unsere Spitze, kann aber allerdings kaum Anspruch auf einen besondern Namen machen. Um nun von hier auf den Sanina zu gelangen, muss man allerdings « hie und da westlich etwas abgehen », wie das Itinerar sagt, aber leider nur etwas gar tief. Dem auf Recognoscirung vorausgegangenen Jann folgend stieg ich ebenfalls durch eine rechts vom Piz fess ausgehende Felskehle in tiefem frischem Schnee abwärts nach der innern Seite des Rieiner-Tobels, bis wir über Felsen kletternd nach einem zweiten Couloir emporsteigen konnten, das einen klaffenden Riss bildet zwischen dem Piz fess und der vorerwähnten namenlosen Spitze. Durch vielen frischen Schnee und übereiste Felsen wurde die Kletterei sehr mühsam und anstrengend, doch standen wir um 2 Uhr auf der Sattelhöhe der Spalte, die so schmal war, dass ich mit ausgestreckten Armen leicht die beidseitigen Felsen erreichen konnte. Ebenso steil wie herauf, fiel die Kehle auf der Safierseite wieder ab, doch hatten wir hier alten Schnee, so dass es am Anfange ganz gut ging, bis plötzlich ein Ueberhang unsere Schritte hemmte. Jann band mich nun an das Seil und so glitt ich auf dem Rücken liegend erst über die steil abfallende Felsplatte hinunter und erreichte noch mit einem Fluge von 3 — 4 Fuss Höhe den Boden. Jann schlang das Seil um eine Felszacke und rutschte glücklich nach. Wir sputeten uns nun aber um so mehr, aus dem Couloir zu kommen, als öfters kleine Steine auf uns herab kollerten, denen wir in der schmalen Rinne unmöglich ausweichen konnten. Während beinahe zwei Stunden waren wir nun mit der Umkletterung der ununterbrochen sich folgenden mit dem abscheulichst denkbaren Gerolle angefüllten Gratrippen beschäftigt.

Endlich gewannen wir die Grathöhe bei Punkt 2545 wieder und damit auch einen prächtigen Blick sowohl in das Safierthal, als auch namentlich über das grüne waidereiche Pitascher-Tobel, das einen merkwürdigen Contrast bildet zu dem wilden, zerschrundeten Kieiner- Tobel, das wir eben verlassen.

Es wäre nun freilich sehr verlockend gewesen, auf der Grathöhe fort zu marschiren, obschon sie sehr accidentirt und dem in beinahe ebener Flucht verlaufenden gegenüber liegenden Heinzenberggrate durchaus unähnlich. Wir wären auf diesem Wege zum Crap grisch gelangt ( nicht Piz grisch, wie er auf der Excursionskarte genannt wird, da der Gipfel ein breiter Kopf und keine Spitze ist ) und über das Weissensteinhorn und den Tomülpass nach Vals hinabgestiegen; ich zog aber vor, durch das Duviner-Tobel hinunterzugehen, um nachher den interessanteren Theil des Valserthales kennen zu lernen. Das Duviner-Tobel ist bei weitem der ausgedehnteste von den drei bis jetzt genannten und zeigt in seinem obern Theile prächtige fette Waiden, die aber meist sehr steil abfallen. Bei Punkt 2292 uns nach rechts wendend, stiegen wir rasch ab nach der Alp Urna und verfolgten dann den Karrweg, der nach dem Dörfchen Duvin hinausführt, nicht ohne oftmals staunend an den linksseitigen, von unzähligen Rufen durchfurchten, abschreckend steilen, aber meist noch schön bewaldeten Hängen empor zu blicken. Es dämmerte bereits, als wir das kleine Dörfchen Duvin durchschritten, und gar verwundert blickten die Leute die späten und wohl auch seltenen Wanderer an.

Bald nahm uns mächtiger Wald auf und um halb 9 Uhr langten wir in dem stillen Bade Peiden an, am Ausflusse des Duviner Baches aus der furchtbar engen und bis auf die Lugnetzer Thalsohle hinunter eingesägten Klamm gelegen. Ein freundlicher Willkomm wurde uns, den ersten und bis jetzt einzigen Gästen dieses Sommers zu Theil.

Den 28. Juli verliessen wir das stille Peidner-Bad erst um 81/^ Uhr früh, bei etwas zweifelhaftem Wetter thalauf wandernd. Bei Furth gabelt sich das Thal, indem es seinen bisherigen Namen, Val Lugnetz, beibehaltend in südwestlicher Richtung nach Lumbrein und Vrin führt, direkt südlich unter dem Namen Valserthal einen an Länge weit bedeutenderen Arm nach Vals-Platz entsendet, wo bei einer abermaligen Zweitheilung die Wasser des Yalser-Rheines, der vom Lentagletscher abfliesst, und diejenigen des Peiler-baehes, der dem Kanalgletscher entströmt, zusammenfliessen.

Die Fahrstrasse endet bei Furth und man verfolgt bis nach Vals einen Saumpfad, der erst durch üppige Wiesen in lieblichem Thale führend, bei St. Martin eine wilde Schlucht betritt, die nur an wenigen Stellen sich ausbuchtend einzelnen kleinen Weilern wie Lun-schania und Buccarischuna Raum zur Besiedelung gewährt, sonst aber durchweg von steilen, schön bewaldeten Hängen eingeschlossen ist, hie und da durch ein finsteres Tobel gespalten, durch welches ein schäumender Giessbach herabbraust. Bei der sog. « hohen Brücke », die jedoch keineswegs hoch über dem Wasser liegt, setzt die Strasse vom rechten auf das linke Ufer über und nach kurzem Marsche durch schattigen Wald betreten wir bei St. Nicolaus das offene Thal und erreichen bald darauf über Campo das freundliche Dörfchen Vals-Platz.

Es war 1274 Uhr und ein ebenso guter Empfang als treffliche Bewirthung wurde uns bei Grossrath Albin zu Theil. ( Das Haus liegt im Dorfe selbst und führt keinen Schild. Ein anderes Wirthshaus liegt auf der linken Seite des Wassers vor dem Uebergang über die Brücke. )

Da an diesem Nachmittage nicht mehr viel anzufangen war, benutzte ich die Zeit, um mir die in der Runse des von der östlichen Bergflanke herabfliessenden Wildbaches erstellten Thalsperren anzusehen. Ich beging deren zwei, welche in kurzen Entfernungen ob einander liegen und anscheinend grosse Kosten und Mühen müssen verursacht haben. Die beiden Seiten der Rufe sind auf eine lange Strecke mit breiten, dammartigen Mauern eingefasst, so dass das Wasser und Gerolle dadurch vom Dorfe abgeleitet werden. In dem Bette dieser Dämme sind nun die etwa 30'breiten und 40'tiefen, riesigen Stufen vergleichbaren, Verbauungen angelegt, deren Zweck, wie mir gesagt wurde, sein soll, das grosse Gerolle, die mächtigen Felsblöcke, die bei starken Ungewittern durch das Bachrinnsal herniederdonnern, aufzuhalten, während das kleine Geschiebe durch das Wasser fortgespült und im Thalboden, mehr oder weniger unschädlich, abgelagert wird. Diess der zu Grunde liegende Gedanke; ob der Zweck erreicht wird ist für mich fraglich und ich bin darüber noch nicht überzeugend belehrt worden, indem ich mir denken muss, dass nach dem ersten heftigen Gewitter schon, ganz gewiss aber nach mehreren aufeinander folgenden, das Bachbett bis obenan mit grossen Felstrümmern angefüllt sein wird, das theilweise darin fest sitzen bleibende kleinere Geschiebe nach und nach deren Fugen ausfüllen muss und so das Wasser sehr bald wieder sein früheres Unwesen treiben wird.

Oder soll nach jedem heftigen Gewitter das Rinnsal« wieder von seinem Inhalt befreit werden? Ist diess durchführbar? Der für den Anfang zu hoffende und wohl auch zu erzielende Hauptnutzen scheint mir darin zu liegen, dass der Alles verheerende Anprall der ohne diese Verbauungen zu Thal stürzenden Felsblöcke und das Nachrutschen der Seitenböschungen verhindert wird; aber sehr fraglich erscheint mir, ob diese Arbeiten auf längere Zeit ihre Dienste thun können.

Nach unserer Rückkehr besuchten wir die dem Herrn P. B. von Chur gehörende Therme von 24° C, die nach ihrer chemischen Zusammensetzung derjenigen von Weissenburg im Simmenthal vergleichbar sein soll; es steht zu hoffen, dass dieselbe, nach Eröffnung der projectirten und bereits ausgesteckten neuen Fahrstrasse nach Vals, dieser Ortschaft zu einer reichlich fliessenden Erwerbsquelle werden möge.

Der Abend war schön gewesen und ich hatte mich mit den besten Hoffnungen auf eine recht lohnende morgige Besteigung des Piz Aul zu Bette gelegt, doch der 29. Juli begann mit Sturm und Regen und auch, als ich endlich um 81/* Uhr aufbrach, lagerten dichte Nebel an den Berghängen, so dass ich meine kühnsten Erwartungen nicht über einen passablen Uebergang nach Vrin hinaufschrauben durfte.

Ich wählte hierzu den « Sattelte Pass », dem ich den Vorzug gab vor der Fuorcla de Patnaul, indem ich ihn, namentlich wegen seiner Ausmündung in den Circus zwischen Piz Aul und Piz Seranastga, für den interessanteren Uebergang hielt. Uebrigens lag mir auch des Proviantes wegen daran, Vrin zu berühren, wozu ebenfalls der Sattelte Pass besser passte, als der zweitgenannte. Ein bequemer Uebergang hatte uns übrigens bei der gestrigen Rekognoscirung die namenlose Lücke bei 2626 m, rechts unterhalb des Piz Seranastga und 140 m circa niedriger wie die Sattelte Lücke, zu sein geschienen. Nach kurzem Steigen fanden wir uns von dichtem Nebel eingehüllt und aller Orientirung beraubt; ein alter Senne aber, den wir in seiner Hütte aufsuchten, wies uns auf den rechten Weg. Nach kurzem Aufenthalt stiegen wir weiter, liessen aber nach des Sennen Anweisung die sich ziemlich steil hinanziehende Schlucht, welche unzweifelhaft die richtige Sattelte Lücke war, links liegen und strebten an einer grasigen Halde mit bedeutender Steigung aufwärts. Immer mehr und dichter umhüllte uns der abscheuliche Nebel und je höher wir stiegen, um so mehr erforderte jeder Schritt auf den schlüpfrigen Grasbüscheln die grösste Vorsicht, um so mehr da öftere Felsköpfe den Berghang durchschnitten. Endlich um 111/2 Uhr standen wir auf einem felsigen Plateau und sahen hinüber nach dem Val Seranastga und durch den vom Sturm gepeitschten Nebel hie und da auch ein Stückchen Lugnetz. Plötzlich zerriss die Decke und ich sah links über mir auf einem freistehenden Gipfel einen Steinmann in die Luft ragen.

In Zeit von einer Viertelstunde war ich oben und konnte nun, da stossweise der Nebel sich zertheilte, mich mit Hülfe der Karte orientiren. Als unser nächster Nachbar von Bedeutung ragte die breite Dachfirste des Piz Aul in die grauen Nebel hinauf und kein Zweifel mehr blieb uns, dass wir durch einen glücklichen Zufall auf den Piz Seranastga ( 2876 m ) gekommen waren. Derselbe ist in 3 bis 31/2 Stunden von Vals bequem zu erreichen und muss bei hellem Wetter eine prachtvolle Aussicht bieten, von welcher der 240 m höhere Piz Aul jedenfalls nur den weniger wesentlichen Theil verdecken kann. Um 12 72 Uhr stiegen wir über das steile Schiefergehänge gefahrlos hinab nach der kleinen Alp, die augenblicklich nur von zwei Kindern bewohnt, uns keine Unterkunft gewähren konnte. Die magern Triften sind blos von zwei bis drei Kühen, einigem Jungvieh und einer kleinen Schafheerde befahren. Der stellenweise schwer zu verfolgende Fusspfad führt von der Alp weg über zahlreiche Moränen, welche erkennen lassen, dass vor wenigen Jahren noch der Gletscher des Piz Aul bedeutend tiefer hinab geleckt haben musste, als diess gegenwärtig der Fall ist, immer der linken Thalseite folgend, zu Thal und ich darf wohl constatiren, dass es einer der infamsten gebahnten Wege ist, welche je mein Fuss betreten hat, sei es bei seinem Beginne, wo er über rutschige Geröllhalden führt, sei es später im schattigen Tannenwald, wo die krummen, weitverschlungenen Wurzeln dem eilenden Fusse alle erdenklichen Hindernisse bereiten. Wie schweres Vieh da 1

herauf und hinunter gebracht werden kann, ist schwer begreiflich, besonders an Stellen, wo der Pfad über hohe, treppenartige Fluhsätze oder durch schmale Felsrippen hindurch gebrochen ist. Val Seranastga mündet in eine ziemlich enge Schlucht aus, in welcher der wilde Glenner schäumt, und über der auf hoher sonniger Terrasse rechts Surrhin, links Vrin einen freundlichen Anblick bieten. Um 4 Uhr langten wir im Thale an und 43/i Uhr nach angenehmem Marsche durch einen parkartigen Tannenwald nach Vrin, woselbst wir bei der Wittwe Casanova einen freundlichen Willkomm und einen einfachen Imbiss erhielten. Es war 6 Uhr vorüber als wir das bescheidene Gasthaus, welches nächstes Jahr schon durch ein neues und grösseres ersetzt sein soll, verliessen, um raschen

Laufes noch nach der Alp Vanescha hinein zu mar-

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schiren. Bei Cons steigt man von der Terrasse hinunter bis zum Ufer des Glenner und überschreitet das Wasser, ebenso wenige Minuten darauf bei der nächsten Gabelung auch dessen südlichen Zufluss. Wir erreichten auf ordentlichem Alpwege durch das erst waldige, später waidenreiche Thal wenig ansteigend nach einer Stunde und 40 Minuten schon die Alp Vanescha. ( Die 2x/i Stunden des Itinerars sind jedenfalls sehr reichlich gerechnet. ) Dieselbe besteht aus 16-17 Hütten nebst einer kleinen Kapelle und liegt sehr freundlich in üppig grünem Thalkessel. Das bemerkenswertheste darin ist aber jedenfalls unser Wirth Casanova, der Schwager der Wirthin in Vrin, ein prächtiger, stattlicher Mann von hohem Wüchse, breitem Rücken, feurigen Augen und schwarzem, etwas in 's Graue spielendem, lockigem Haupthaar, ein wahrer Typus eines schönen Norditalieners.

Es ist derselbe Gian Bta. Casanova, der vor zwei Jahren Herrn Dr. Calberla auf den Piz Terri führte.* ) Wir verbrachten noch einige vergnügte Stunden in heiterem Gespräche mit Casanova und begaben uns dann in unseren Heustall mit der frohen Aussicht auf einen schönen Tag und eine angenehme Besteigung des Piz Terri.

Doch, « mit des Schicksals finstern Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten! » mitten in der Nacht wurden wir von unaufhörlich rollendem Donner, von leuchtenden Blitzen und strömendem Regen aufgeweckt und als wir des Morgens die Köpfe aus unserem Heulager hinausstreckten, umgab uns der Nebel so dicht, dass man mit dem Messer Stücke hätte heraus schneiden können, und Erde und Hüttendächer fanden sich reichlich mit frischem Schnee bepudert. Vom Piz Terri war natürlich keine Rede mehr, doch versprach Casanova, uns auf die Höhe des Diesrutpasses zu bringen, der nach Somvix hinüberführt. Um 91/4 Uhr traten wir unsern traurigen Marsch an, mühsam und langsam ging es durch Val Blengias nach der gleichnamigen Alp, stets im tiefen, nassen Schnee, der sich pfundweise, Bleigewichten gleich, an die Schuhe hing, keine 20 Schritte weit konnte der Blick den Nebel durchdringen, der in stechenden kleinen Tröpfchen, von kaltem Winde getrieben, auf uns eindrang und von den Kleidern herniedertropfte. Um 12 Uhr versicherte uns Casanova, wir befänden uns auf der Höhe des

) Siehe Jahrbuch VIII.

12 Canalpasses, ungefähr bei Punkt 2692 und rechts unter uns liege ein kleiner See.

Nach kurzem Halt ging es weiter, unter dem Piz Summuot durch, dann wieder ziemlich tief abwärts steigend, über die Alp Diesrut nach dem gleichnamigen Passe und um 2 Uhr standen wir auf dessen Höhe; einen Augenblick schien sich der Nebel heben zu wollen, einen Blick, einen einzigen kurzen Blick durfte ich in das Lugnetz zurückwerfen, dann fiel der Vorhang wieder und traurig stiegen wir über die Passhöhe hinab nach der Somvixer Seite bis zu der Stelle, wo der Pass sich abzweigt nach der Greina und Val Camadra. Wortlos und missmuthig tranken wir zum Abschied von Casanova ein Glas Wein und zwar mit Wasser vermischt, denn um das Maass voll zu machen, fing es nun auch noch an, in Strömen zu regnen. Eben aber, als wir uns trennen wollten, lüftete sich noch der Vorhang über der Greina und gestattete uns einen Blick nach dieser interessanten Hochebene, die ich ebenfalls zu durchwandern gehofft hatte und für deren nähere Beschreibung ich auf das ltinerarium pag. 57 und 58 verweisen muss. * )

Um 2l/2 Uhr wanderten wir weiter auf abscheulich steinigem und schlüpfrigem Pfade bei fortwährend strömendem Regen hoch über dem in mächtigen Fällen zu Thale stürzenden Wildbache. Ueber die grasreiche, mit Schafen befahrene Alp « La Fronscha » ( Frankreich )

* ) Sonderbarerweise gehört die Greina der tessinischen Gemeinde Olivone wie auch die Alp Diesrut der Gemeinde Semione ( bei Malvaglia ).

( ital. la francia ), die Alp Carpet rechts über uns lassend, stiegen wir abwärts, was nicht ohne einige Gefahr abging, indem die über uns waidenden Schafe fortwährend Steine ablösten, die öfters unheimlich pfeifend an unsern Köpfen vorüber sausten.

Bei Punkt 1407 der Clubkarte, gegenüber der Alp Sutglatsché ( « unter dem Gletscher » ), erreichten wir die Thalsohle und überschritten den Bach nach dessen linkem Ufer, wo wir uns in der Nähe der Alphütte unsern Weg durch eine grosse Zahl von Ziegen wörtlich erkämpfen mussten. Unser Itinerar nennt diese Alp « Brutsch », zu deutsch Ziegenalp, ein Name, der auf der Karte fehlt, indem die beiden vermerkten Alphütten einfach, je nach ihrer Lage, diejenige im Thale « sut » ( « untere » ), die andere, oberhalb der ersten Felsen gelegene « sura » ( « obere » ) heissen.

Bei Punkt 1340 überschritten wir den Bach abermals nach der schönen Alp Yaltenigia, die aber nicht bewohnt schien, ebensowenig wie die Hütten von « II: Pbün. »Zu meiner nicht geringen Verwunderung fand sich eine dieser Hütten durch eine grosse rothe Fahne mit eidgenössischem Kreuze geziert und mit einer mächtigen Inschrift S.A.C. versehen; wahrscheinlich

* ) Das Wort „ Run " kömmt in jener Gegend öfter vor, so ausser dieser Alp noch in Kun cahetz im Somvixertobel und in „ Cuolm de Run ", einem Hügel südöstlich von Surrhein und so auch bei Furth. „ Runa " heisst „ Haufen " ( Heuhaufenob es eine Beziehung hat zu unserm deutschen „ Runse ", wie man aus den betreffenden Localitäten im Somvixertobel glauben könnte, oder zu Anhäufung, Anschüttung ( von Steinen ), kann ich mir nicht erklären.

ist es eine neue Clubhütte und gerne hätte ich sie inspizirt, nur Schade, dass sie fest verschlossen und also ( für uns wenigstens ) unbenutzbar war.

Ein drittes und letztes Mal überspringt der Pfad das Wasser bei Punkt 1262 und führt durch schönen Wald in kurzer Zeit zu dem sog. Teniger Bade, einem grossen und vor zweihundert Jahren gewiss ganz stattlichen Bau, der aber gegenwärtig dringend einer durchgreifenden Reparatur bedürftig ist, widrigenfalls es beim nächsten besten Sturme sehr leicht ein Unglück geben könnte, denn bedenklich nach der Strasse zu neigt sich die schwärzliche Holzfaçade und strebt sich Ton der gemauerten Unterlage zu emanzipiren. Trotz aller dieser Unvollkommenheiten waren wir recht glücklich über diese Herberge, als wir endlich um 5 7 2 Uhr durchnässt bis auf die Haut, bei unaufhörlich herab-giessendem Regen, daselbst anlangten.

Am folgenden Morgen wanderten wir weiter thalaus, der Tag war trüb und neblig, doch hatte es wenigstens zu regnen aufgehört. Der schluchtartige Charakter verbleibt dem Thale bis zu seinem Ausgange und mehrere Seitentobel, worunter namentlich derjenige von Run cahetz, durchfurchen die jäh ansteigenden Thalwände, während nur selten erwähnenswerthe Ausweitungen zu menschlichen Ansiedelungen einladen. Daher kommt es auch, dass das ganze gegen drei Stunden lange Somvixertobel kein einziges Winterdorf besitzt und die beständig bewohnten Ansiedelungen sich auf den kleinen Hof von Yals beschränken. Nach einer Stunde erreichten wir das in der Rheinebene freundlich gelegene, obstreiche Dorf Surrhein, das aber eher « Sutt Rhein » heissen sollte, indem es, ganz im Niveau dieses wilden Burschen gelegen, dessen Verheerungen beinahe schutzlos preisgegeben scheint.

Nach einer ferneren Stunde guten Marsches gelangten wir über Rabius nach Truns und beendigten damit unsere traurige Regenreise im Excursionsgebiete.

Ueber Chur meine Rückreise fortsetzend, durchwanderte ich alsdann das Schanfigger Thal. Die schön angelegte Fahrstrasse, die bis zu dem hintersten Dorfe Langwies bereits angelegt ist und dem bis jetzt wenig bekannten Thale mannigfachen Verkehr resp. Verdienst bringend, in nicht ferner Zeit über den Strelapass bis nach Davos soll weiter geführt werden, litt noch an vielen Stellen an langen Unterbrechungen, theils dadurch, dass die Arbeiten noch nicht soweit fortgeschritten sind, theils aber auch durch den Umstand, dass in Folge der starken und lange anhaltenden Regengüsse der stellenweise nur sehr nachlässig aufgeführte Bau zu Thale gestürzt ist, so namentlich vor und hinter Castiels, dessen zweites Tobel man nur mühsam und nicht ohne Gefahr durchklettern konnte. Die Strasse steigt, in der Stadt Chur selbst ihren Anfang nehmend, ohne Unterbrechung bis Maladers und durchstreift von dort, meist in ebener Flucht oder mit ganz leichtem Anstieg das Thal, der jäh abfallenden rechten Seitenböschung folgend, an deren Fusse in einer Tiefe von 200 bis 250 m die wilde Plessur rauscht. Leider verdeckten auch heute noch fliegende Nebel die Aussicht nach den bedeutenderen, den Gräten entwachsenden Berghäuptern, unter welchen auffallenderweise zwei Weiss hörner und eine Weissfluh vorkommen.

Jenseits Langwies überschreitet man die Plessur und steigt dann theils durch Wald, theils durch schöne Alpwiesen und zuletzt in südöstlicher Richtung abbiegend, über einen geröllreichen Rasenhang nach dem 2377 m hohen Strelapass empor. Im dichtesten Nebel passirten wir auch diese Höhe und konnten leider die sonst so wundervolle Aussicht nicht geniessen. In raschem Abstiege erreichten wir um 4Va Uhr das von Fremden wimmelnde Davos und des andern Tages reiste ich, nachdem ich mich von meinem treuen Christian Jann verabschiedet, durch die prachtvolle und nach meinem Gefühle an vielfältig wechselnden Naturschönheiten den Schyn und die Via Mala überbietende Landwasserstrasse und den Albula nach meinem Ausgangspunkte Pontresina zurück.

IL

Freie Fahrten.

lliit K,

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