Aus dem Clubgebiet und dessen Umgebung

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Ed. Wartmann ( Section Basel ).

Aus dem Clubgebiet und dessen Umgebung Zweiter Sommer.* ) Von Nachdem ich 1880 durch manigfache Kreuz- und Querzüge den westlichen Theil des Clubgebiets kennen gelernt, hatte ich den Sommer 1881 zur Durchwanderung der östlichen Hälfte bestimmt. Leider konnten meine Projecte verschiedener Umstände wegen nur zum kleinsten Theile zur Ausführung gelangen. Es beschränken sich deshalb die ausgeführten Gänge auf einige von mir noch, nicht besuchte Ketten, Gipfel und Pässe des Theiles westlich vom Sanetsch.

Wie voriges Jahr, so auch heuer besuchte ich schon früh im Jahre die umliegenden Bergdörfer, trotzdem Schnee und Eis noch manchen Zugangsweg bedeckten, um den ewig schönen Anblick des Hochgebirges im Winterkleide zu genießen. Erst später, Anfangs Mai, konnte ich etwas weiter gegen die Riesen andringen, und zwar nach Pont-de-Nant. Weniger bekannt als diese idyllische Wiese am Fuße mächtiger Wände mag wohl der Weg sein, den ich damals einschlug; es ist jener neu angelegte, reizende Waldpfad, der von Bévieux aus in der Tiefe des Thaleinschnittes sich dem raschen Avançon entgegenwindet. Nach einigen engeren Passagen kommt man sogar an einen wenige Schritte langen Tunnel, der von witzigen Besuchern, vielleicht aber auch von seinem Favre, der kleine Gotthard getauft worden ist, nach den an den beiden Enden befestigten Tafeln „ Göschenen " und „ Airolo " zu schließen; eine angenehme Wanderung führt dann weiter an den Zusammenfluß der beiden Avançon-Anne, nach deren Ueberschreitung auf steilem Weg die höher gehende Fahrstraße gewonnen wird. Mit diesen Zeilen möchte ich alle Besucher von Bex auf diesen Spaziergang aufmerksam machen; er wird zu jeder Zeit seine Reize dem empfänglichen Gemüthe bieten, sei es unter dem Hellgrün des frischen oder dem Goldgelb des fallenden Laubes. Ein Gleiches wird der Fall sein mit dem Fußsteig, den ich für den Heimweg benützte und der von les Plans über den Sex-à-l'Aigle nach dem Thale des Avançon d' Anzeindaz führt,. von wo ich den Heimweg auf bekannten Pfaden über Barboleusaz, Arveye, Villars, Chesières und Panex einschlug.

Am 19. Mai endlich war es mir möglich, den Besuch einer Spitze auszuführen; es war diejenige der Tour -de-Mayen, die wie ihre voriges Jahr besuchte Zwillingsschwester ein prächtiges Panorama bietet; allerdings ist der Blick auf das Rhonethal zum größten Theil durch die Tour-d'Ay genommen.

Aehnlich wie die Aussicht ist auch der Aufbau und somit die Art der Besteigung dieser beiden Berge. Dennoch hat jeder seine Eigenheiten; meiner Ansicht nach verlangt die Tour-d'Ay einen sichereren Kopf, ist aber in kürzerer Zeit zu erreichen, weil der Anstieg weniger Umwege bedarf. Wir waren zu zweit und fanden noch sehr viel Schnee; die Chalets und der See von Mayen waren noch größtentheils unter der weißen Decke begraben, während dieselbe an den steileren Abhängen schon theilweise fort war. Diesen freien Stellen möglichst folgend, ging es über zwei vorgelagerte Stufen, auf deren höherer ein Signal aufgebaut ist, zu dem eigentlichen Gipfel, der gegen 11 Uhr erreicht wurde. Die oberen Theile der begangenen Südseite waren fast ganz schneefrei, während auf der Nordseite noch eine mächtige Gwächte den senkrechten Absturz besäumte. Die reine Aussicht, die angenehm wärmende Sonne und gänzliche Windstille hielten uns nahezu zwei Stunden auf diesem schönen Punkte. Beim Abstieg diente eine Schneefläche, die sich in günstigster Neigung in das Hochthälchen zwischen den beiden Tours gegen den See hinabzog, zur kunstgerechten Abfahrt und Abkürzung des Weges; dasselbe Schneefeld wurde im gleichen Augenblick auch von einer durch unsere Stimmen aufgeschreckten Gemse traversirt; weiter unten, nach den letzten Schneeflecken, wurde noch ein Halt gemacht, besonders um die Früh-lingsbergkinder Floras einzusammeln, deren sich schon mehrere Arten zeigten, besonders zahlreich die prächtige Anemone vernalis. Ueber Sépey erreichten wir endlich gegen Abend wieder Aigle.

Nicht in gleichem Maße war ich drei Tage später bei der Besteigung der Pierre-à-Voir vom Wetter begünstigt, da Wolken besonders den südlichen Theil des Panoramas dieser allbekannten kühnen Zinne verhüllten; dagegen war die Ansicht des nördlich gelegenen Clubgebietes sehr lehrreich, da man dessen ganzen Südabfall von der Dent-de-Morcles bis zum Thale der Sionne vor sich hat; links die steile Wand ob Fully mit der noch weißen Montagne-de-Fully und den Seen, rechts die sanfter ansteigenden Vorberge von Ardon und Conthey. Ein von Süden heranziehendes Gewitter zwang mich, diesen prachtvollen Punkt schnell wieder zu verlassen. Die am Fuße des Felskegels einst von Leuten von Saxon erbaute Hütte lag gänzlich in Trümmern; wie man mir später berichtete, waren es Leute von Bagne, die dies aus Geld- und Brodneid gethan haben sollen. Den Anstieg hatte ich von Martigny aus über Mont-Chemin zuletzt ziemlich steil durch weichen tiefen Schnee genommen, den Abstieg richtete ich direct gegen Saxon, erst ohne Weg durch Lärchenwald hinab zu den ersten Wohnhäusern, und dann in das heiße, von heftigem Südwestwind durchwehte Rhonethal.

Die nächste Tour führte mich einmal in das mir noch unbekannte Pays-d'en-haut, nach Château-d'Oex, von wo aus ich bei gewitterhaftem Wetter die Gumm- fluh, auch einen der Vorberge des Clubgebietes, bestieg.

Auf den 19. Juni hatte ich wieder einen Gang in 's Gebirge geplant; ein in der Nacht sich entladendes Gewitter schob aber die Abreise bis 7 Uhr Morgens hinaus, so daß nur der Lion-d'Argentine als Ziel, und zwar über Pont-de-Nant und l' Avare, genommen werden konnte. Gar zu gerne hätte ich den höchsten Gipfel dieses Kammes zu besteigen versucht, aber dazu war mir das Wetter nicht beständig genug, da er nach Mittheilung Anderer nicht ungefährlich sein soll. Die Aussicht und Besteigung des Lion habe ich schon voriges Jahr geschildert. Für den Heimweg, auf welchem wir noch tüchtig durchnäßt wurden, schlugen wir die Richtung über Surchamp und Bovonnaz ein. Dieser Weg ist als Zugang zur Argentine sehr zu empfehlen, besonders für solche, die aus dem Gebiet der Gryonne kommen, oder dahin wollen; in Bälde ist der Avançon überschritten, la Barboleusaz erreicht, von wo bekannte Pfade heimwärts führen.

Der 3. Juli fand mich schon in früher Morgenstunde, d.h. um halb 6 Uhr, wieder am Fuß des Mœveran, am Pont-de-Nant. Heute galt es einer noch ganz unbekannten Gegend, nämlich dem Grat, der von den Pointes-des-Savoleires bis zur Pointe-des-Martinets südöstlich zieht. Noch im Schatten der steilen, wild ausgesägten Mœveranwand ging ich allein in das Hochthal von Nant hinein. Bevor ich zu den Hütten gleichen Namens gelangte, wurde der Bach traversirt und an der ziemlich steilen, mit Blüthen übersäeten nördlichen Thalseite hinan gegen la Chaux; diese Hüttengruppe ließ ich links unter mir, obwohl die letzte Quelle und frische Milch schon einen starken Reiz ausübten; denn während ich unten im kühlen Schatten gewandelt hatte, war ich nun den Sonnenstrahlen nur zu gut ausgesetzt. Ich stieg aber beharrlich weiter, nachdem ich mit einem Italiener Schafhirten einige Worte gewechselt, der über mein Solomarschiren nicht wenig erstaunt war, und das noch viel mehr, als ich ihm meinen weiteren Plan mittheilte. Er zeigte mir voll Dienstfertigkeit den besten Weg zum Col de la Dent-rouge, wo ich bald darauf anlangte. Nun einmal auf der Höhe des Kammes, war der Blick nach Westen offen; ohne Weiteres ging ich aber gegen die rechts von mir aufsteigenden Felsgebilde der Savoleires. Ich bestieg nach einander mehrere dieser Köpfe, um nach allen Seiten freie Aussicht zu haben; jedesmal glaubte ich den höchsten Punkt in Angriff zu nehmen, aber erst zuletzt, als den dritten, erreichte ich die höchste Spitze 2307. Während der Blick in 's Vorland wenig Neues bietet, ist die Ansicht der Mœveranwand von hier wirklich grandios, denn sie erhebt sich in wilden Felsgebilden, von wenigen „ Vires " unterbrochen, noch 700 m höher als mein Standpunkt. Gerade gegenüber erkannte ich in fast gleicher Höhe den Roc-des-Chasseurs, Haltort der Moeveranbesteiger. Doch nun weiter! die Sonne war schon hoch gestiegen; bald war wieder der Col erreicht und auch die Dent-rouge, ein seinem Namen vollkommen entsprechendes Felsgebilde; dasselbe nördlich umgehend, stieg ich allmälig wieder bis zum Punkt 2337, stets möglichst auf dem Grat mich haltend; eine tiefe Scharte in demselben zwang mich aber, etwas zurückzugehen, um die nächst untere Schicht zu gewinnen, welche rasch ansteigend sich bis zum Pré-fleuri erhebt. Derselbe ist wirklich eine hübsche Fläche, die im Sommer wohl ihrem Namen gerecht werden kann, heute aber noch theilweise von Schnee und Eis bedeckt war, das 96Ed. Wartmann.

nach allen Seiten klare Rinnsale entsandte; nur wenige der frühesten Blumen zeigten sich, wie Soldanella, Saxifraga, Ranunculus alpestris u. s. w. Am Fuße der aus dem glatten Rasen jäh aufsteigenden, burgähnlichen Felsgruppe, wohl der im Itinerar erwähnte Fetzen Rudistenkalk, machte ich wieder einen kleinen Halt, dem Italiener meinen Jodler hinabsendend und mich in die prächtige Aus- und besonders Ansicht, speciell des Mœveran, vertiefend. Mit großem Interesse verfolgte ich den voriges Jahr eingeschlagenen Weg zur Frête-de-Sailles. Nun ging es der links senkrecht aufragenden Felswand entlang, während rechts theils glatte Felsflächen, theils Rasenabhang sich zu dem Ausläufer hinabsenken, der Ausannaz von Javernaz trennt. Hoch über dem obersten Thalboden der letztgenannten Alpe biegt man östlich gegen einen tiefen Grateinschnitt ein, auf dessen anderer Seite der Felsblock der Perriblancs beginnt. Nasser, schiefriger und zugleich abschüssiger Schutt mahnte diese Strecke mit Vorsicht zu beschreiten, da nach beiden Seiten hin Runsen und Felsen steil abfallen. Nach einigen Minuten war diese, meiner Ansicht nach heikelste Stelle der ganzen Wanderung auch zurückgelegt, und der Pfad, wenn er so genannt werden kann, führte nun in das Trümmermeer der Perriblancs. Nur einzelne Polster der Saxifraga oppositifolia und anderer derartiger Pflanzen unterbrachen das hell leuchtende Gestein, von dem der Schnee noch nicht gänzlich gewichen war. Erst dem steil ansteigenden Felsblock entlang gehend, näherte ich mich seinem südlichen Ende, wo er leicht zugänglich ist; in wenigen Minuten " konnte ich wieder in den Kessel von Nant hinabsehen, während Croix-de-Javernäz und die Hütten gleichen Namens tief unter mir schon* längst sichtbar waren. Auf der ebenen Basis wieder angelangt, steuerte ich auf dem sich nun sehr verbreiternden Grate gegen -die Pointe-des-Martinets, von der zwei Steinmannli winkten; durch aufgeweichten Schnee, der im Glanz der Mittagssonne mir Gesicht und Arme tüchtig verbrannte, ging es diesen Signalen zu; das eine hat freie Aussicht gegen Javernaz, in das untere Rhonethal, während das andere von Nant und auch von Südwesten her sichtbar sein wird. Das übrige Panorama ist das schon oft geschilderte, einzig die Ansicht der in nächster Nähe aufsteigenden Wand von der Dent-.aux-Favres bis zur Petite Dent-de-Morcles, von meinem Standpunkte durch den Glacier-des-Martinets und das vorlagernde, heute noch mit Schnee bedeckte Gebiet der Grands-Cercles getrennt, bietet Neues; den Schnee-Anlagerungen nach zu schließen wäre jene im südlichsten Theile wohl für einen kühnen Kletterer bezwingbar; ganz besonders imposant erscheint auch die Petite Dent-de-Morcles, die in nächster Nähe noch 300 m höher senkrecht sich aufbaut. Zwischen ihr und meinem Standpunkt liegt noch der Eoc-Champion, der mein äußerstes heutiges Ziel sein sollte; ich stieg deswegen wieder etwas ab gegen die Einsattelung Punkt 2626 und machte mich gleich nach Hinterlassung alles Gepäckes in die Felsen des Roc's; jedoch wendete ich mich vor Erreichung des Gipfels wieder rückwärts, da Schnee und Felsen mir Solisten etwas verfänglich vorkamen. Gleichwohl war ich mit der 7 heutigen Leistung zufrieden und vertilgte mit Wohlbehagen den wieder erreichten Proviant im Schatten'eines mächtigen Blockes, um dann noch ein wenig in Morpheus'Armen, aber gleichwohl auf hartem Fels mich zu erquicken, wozu ich eine Nische der Schattseite ausgesucht hatte. Durch einen mächtigen Donnerschlag wurde ich nach einer Weile aus dem Halbschlummer geweckt. Es war eine von der Dent-de-Morcles abstürzende Lawine, die mich an die vorgeschrittene Stunde erinnerte. Ich zögerte deshalb auch nicht länger und verließ mein einsames Bivouac, durch den aufgeweichten Schnee der'Grands-Cercle » abwärts watend. Mein Vorhaben, gegen Javernaz durch die Vire-aux-Bœufs abzusteigen, ließ ich des vielen Schnees halber fallen, der den Zugang der Vire und wahrscheinlich diese selbst, die ganz im Schatten gelegen, einnahm. Bald waren aber die ersten aberen Stellen von dem ersten stärkeren Absturz gegen Nant erreicht und wieder zeigten sich die Kinder Floras, meine Lieblinge, an schon zahlreichen Orten, und bald gesellte sich auch noch die Alpenrose zu ihnen.. Endlich auch war der ebenere Thalboden erreicht, wo von allen Seiten murmelnde Bäche zusammenkommen, um den Avançon-de-Nant zu bilden; einige derselben mußten übersprungen werden, da hier zu Lande Brücken als überflüssig erachtet zu werden scheinen. Dann ging es, die Hüttengruppe von Nant ohne Aufenthalt durchschreitend, auf bekanntem Wege dem Pont-de-Nant und Plans zu, wo ich reges Leben vorfand, denn zahlreiche Naturliebhaber hatte der schöne Tag in die Berge gelockt. Gleichwohl machte ich mich auch von hier aus in raschem Schritt auf die Straße nach Bex, den ersten Theil bis Frenières über die „ Stiege " ( à l' Escalier der Excursionskarte ) nehmend.

Diese schöne und interessante Tour weckte in mir von Neuem alle Lust und Wonne der edlen Bergsteigerei, und um endlich auch einmal in die höchsten Alpen zu sehen und das Eldorado der Clubisten kennen zu lernen, hatte ich schon seit einiger Zeit einen mehrtägigen Ausflug nach Zermatt und Umgebung mit besonders botanischem Nebenzwecke. geplant; gerade aus letzterem Grunde hatte ich mir Stephan Binner gewählt, der trotz seiner Jahre stets mit meinen jungen Beinen Schritt hielt, und dem ich manches seltene Pflänzlein als Beute verdanke, an dem ich sonst vorbeigegangen wäre. Die sechs Tage waren wie folgt ausgefüllt: Sonntag: Visp-Zermatt, Nachmittags Heubalm und zurück; Montag: Riffelberg und Gornergrat in allen möglichen Kreuz- und Querzügen, Nachmittags dann auf bekannten Wegen zum Theodulpaß; Dienstag: Breithorn und zurück über den Furggengletscher zum Schwarzsee und hinab nach Zermatt; Mittwoch: Unter-Rothhorn durch Rieder-kumme und Abstieg zum Findelengletscher; Donnerstag endlich noch Mettelhorn, und Nachmittags 2 Uhr hinab nach Sankt Niklaus; Freitags dann wieder allein durch 's Augstbordthal zum Schwarzhorn, hinunter nach Turtmann und hinaus nach Aigle; dies Alles bei einem nicht besser zu wünschenden Wetter. Reiche Beute und schöne Erinnerung werden mich stets an diese Tage erinnern, die mir nur zu rasch verflossen waren, aber so wenig ermüdend auf mich einwirkten, daß ich gleich wieder den darauf folgenden Sonntag, am 17. Juli, den Bergstock zur Hand nahm und in dunkler Morgenstunde die Ormonts hinauf wanderte. Ich hatte erst die Besteigung eines der Gipfel der nördlichen „ Chaussykette " im Sinn, dann aber sattelte ich um und wandte mich gegen den Pillon, nachdem mir in Plans-des-Isles eine oder zwei Stunden beim Frühstück und fesselnder. Gesellschaft nur zu rasch verflossen waren; erst um 7- Uhr ging ich, wieder allein, weiter. Vom Pillon aus wandte ich mich südlich gegen das Hochthälchen des Dard, aus dem ich über eine nie enden wollende steile Halde, die dem Namen „ langer Jann " ( aus Haider's „ Bergluft " ) alle Ehre anthun würde, endlich in die kahlen Felsen gelangte. Nach einigen Irrgängen auf Schafpfaden fand ich nach Angabe der Karte endlich doch den schmalen Durchpaß zur Höhe von Entre-la-Reille, wo ich am Rande eines schmalen Rinnsals von Schneewasser einen kurzen Halt machte. Zugleich wurde Kriegsrath gehalten, in dem dann auch mit Stimmeneinheit beschlossen wurde, trotz einiger drohender Wolken den Versuch zu wagen, das Oldenhorn zu besteigen. Nur die untersten Partien der Gletscherausläufer erheischten Vorsicht, aber einmal auf ebenerem Firn angelangt, ging 's wie auf der Landstraße. Rechts winkte mir der Sex-Rouge, während weiter südwärts die Gipfel der Diablerets schon theilweise in Nebel gehüllt waren, die von Anzeindaz und dem Creux-de-Champ herauftrieben. Aber unbeirrt hielt ich meinen Weg ein, die Becca-d'Audon, auch zeitweise in Nebel gehüllt, bis gegen den Südostfuß umgehend und dann endlich die mächtige Triimmerpyramide selbst in Angriff nehmend. Diese letzten 300™ kosteten zwar noch manchen Athemzug und Schweißtropfen, aber etwas nach Mittag war ich doch an dem Steinmann angelangt, der die Spitze ziert. Den Karten in der obligaten Flasche nach zu schließen, war ich für dieses Jahr der erste Besucher. Leider beeinträchtigten die nicht hoch über mir schwebenden Wolken einigermaßen die Aussicht, die bei hellem Wetter brillant sein muder südliche Horizont war besonders dort, wo ich die Zeugen meiner letzt-wöchigen Thaten suchte, sehr benebelt; doch erkannte ich deutlich die einzelnen Ketten mit den dazwischen liegenden Thälern. Das Rhonethal selbst war nur an wenigen Stellen sichtbar, dagegen bot der Blick nach Norden, in 's Gebiet des Saanen- und Simmenthals, Neues. Selbst der Arnensee jenseits des Seeberghorns war sichtbar. Viel Zeit blieb mir übrigens nicht zum Genuß der Aussicht, denn die eilenden Wolken schienen immer drohender. Deßwegen erhob ich mich ein letztes Mal auf das Steinmannli, um mit einem letzten Blick in die Runde und meinem obligaten Jodler Abschied zu nehmen. Plötzlich war es mir, als höre ich Echo oder eine Antwort auf meinen Ruf. Nach kurzer Suche in der gegebenen Richtung erkannte ich auch bald drei kleine schwarze Punkte, die von den Diablerets her den Gletscher durchschritten. Mit raschem Schritt ging 's nun die Schuttpyramide hinab, hie und da etwas Schnee zur Abfahrt benutzend, während meine unbekannten Genossen sich stetig näherten und wuchsen. Gleichwohl mußte ich eine Weile am Fuße der Becca warten, bis ich ihnen ein clubistisches Glück auf! zurufen und sie begrüßen konnte. Es waren ein Herr und zwei ziemlich phantastisch ausgestattete Führer, die mir mit ihrem sehr lang gebundenen, aber stets schleppenden Seile wenig Zutrauen in ihre Bergtüchtigkeit einflößten.

Mein Weg führte gegen die Oldenalp hinab, und schon vom Horn, so auch beim Abstieg von demselben hatte ich den noch stark mit Schnee bedeckten Olden-gletscher genau angesehen und gleich die äußerst günstige Beschaffenheit und Menge des Schnees erkannt, der noch weit, fast bis zum Thalboden der Oldenalp hinab reichte. Mein Plan war schon gefaßt; in einer Rutschpartie von noch nie gefundener Länge und Neigung wollte ich diese Strecke zurücklegen; meine neuen Genossen waren nicht derselben Meinung; sie schickten sich an, langsamen Schrittes .den Gletscher zu durchqueren und bald möglichst wieder aberen Felsen oder auch nassen Schutt zu erreichen. Auf meine Andeutung, es ginge leichter anders, erhielt ich eine Antwort, die einem Fluche nicht sehr unähnlich sah, worauf ich mich dann wohlweislich auf jneine schon angedeutete Art mit Blitzesschnelle empfahl. Wie ich hoffte, so fand ich auch die Beschaffenheit der Bahn: die Fahrt ging mit famoser Geschwindigkeit und glücklich von Statten. Schon war ich am Ende der Bahn und des Schnees angelangt, während die Anderen noch Schritt für Schritt dem rechten Ufer zusteuerten; später, als ich sie aus den Augen verlor, waren sie endlich in die Felsen gerathen. Ich sagte ihnen in Form eines weithin hallenden Hallohu! Ade; rüstig ging 's die Oldenalp hinaus und hinab in die Reusch, von da wider hinauf zum Pillon und mit kurzem Halt in den Plans-des-Isles hinab nach Aigle, wo ich mit dem Neunuhrschlag anlangte. Gar zu gern hätte ich als Abstieg die Diablerets traversirt und über Anzeindaz Bex erreicht, der Nebel war aber zu hindernd und ich kannte die Gefährlichkeit dieses Weges für einen Einzelnen, der ihn noch nie zurückgelegt hat. Hätte ich gewußt, daß die Diablerets mir für dies Jahr unnahbar bleiben sollten, so hätte ich 's doch gewagt.

Einige Tage später sah ich mir das Clubgebiet, besonders aber das ebene Waadtland mit den Vorbergen und dem blauen Léman, von den schön gelegenen Zinnen des Gramont aus an; durch einen verfehlten Abstieg gegen die Savoyer Seite verloren wir unnöthiger Weise âne schöne Quantität Zeit und Kräfte, so daß wir für den Rückweg wieder im Schnellschritt den gleichen Weg über Taney und Miex einschlugen, um noch rechtzeitig den Zug zu erreichen und dem ausbrechenden Gewitter zu entfliehen.

Die nun folgenden vierzehn Tage des schönsten Wetters maßte ich in clubistischer Beziehung unbenutzt verstreichen lassen, während die zweite Hälfte des August wiederum sehr unbeständiges Wetter bot. Erst am 26. dieses Monats konnte ich wieder eine kleine Excursion unternehmen, und zwar hatte ich die Kette der Rochers-du-Vent als Ziel gesetzt. Auf gewohnten Wegen war ich schon bald an der Barboleusaz und stieg die prächtigen Matten von la Croix gegen die Chaux-Eonde hinan. Den Weg nach Taveyannaz ließ ich links unter mir. Endlich, nach manchem Schweißtropfen,, auf der schattenlosen Fläche durch eine glühende, von keinem Windhauch gemäßigte Sonne herausgepreßt,, war auch der Punkt 2022 erreicht. Ich fühlte mich diesmal nicht ganz in der rechten Stimmung, auch der Blasbalg wollte nicht recht functioniren. Deswegen ein etwas längerer Halt, der durch die Ankunft eines -langbeinigen jungen Engländers unterbrochen wurde. Dieser kühne Bergsteiger kam von Villars und frag-mich nach dem nächsten Weg zum Grand-Moeveran Ü Er habe gehört, dieser Berg solle sehr gefährlich zu ersteigen sein, er wolle allein von der Nordseite hinauf.. Besonders wollte er das höchste Nachtquartier, das zu finden sei, erfahren. Seine Enttäuschung war nicht gering, als ich ihm zeigte, daß er über den Sex-à-l'Aigle, die Argentine umgehend, nach Plans-de-Frenière müsse. Wir sagten uns darauf Valet, weil unsere Wege in zwei entgegengesetzten Richtungen gingen. Meine neben diesem kühnen Spring-in's-Feld kleinliche Persönlichkeit bewegte sich nun gegen die vier oder fünf Zacken der Rochers-du-Vent, stets die Wand des Signal-de-Culant und der Argentine beobachtend, oder den Blick durch die Lücke des Pas-de-Cheville in 's tiefe Wallis schweifen lassend, wo Matterhorn, Dent-Blanche und Dent-d'Hérens sichtbar waren. Ohne besondere Schwierigkeit waren die vorderen Zacken passirbar, und erst le Coin, die letzte und höchste, eignete sich zur Erprobung des clubistischen Scharf-blicks in Auffindung des Durchgangs. Hoch oben fand ich auch einige Stellen, wo der bekannte Taveyannaz-Sandstein gebrochen wurde, und einzelne Blöcke lagen noch umher, während wohl die benutzbaren ihren Weg auf eigenen Füßen bis zum tief unten liegenden Taveyannaz gefunden haben mögen; nach einigen kunstgerecht erkletterten Platten von mehr als zwei Meter Höhe hatte ich die Spitze erreicht und wurde auch gleich mit einigen Sternen Edelweiß erfreut, das hier neben anderen Spätlingen noch blühte. Die Aussicht des Coin bietet nichts Besonderes. Als Eigenthümlichkeit zeigt sie einzig, aber in nächster Nähe und ganzer Ausdehnung, die Argentine mit ihrem ausgezackten Grat und furchtbar steilen Nordabhang. Die Kette des Chamossaire zeigt uns hingegen die zahme, grüne Südseite mit all' ihren Weiden und Häusergruppen. Endlich mußte geschieden sein. Noch einige Sterne Edelweiß, dann wieder hinunter, mit Vorsicht über Platten und um Blöcke, und zuletzt in schnellem Lauf durch Trümmer, Weiden, Alpenrosen- und Erlensträucher zum Walde und durch diesen in das Hirten-dorf Taveyannaz, das schon theilweise verlassen war.

Nach kurzem Halt wandte ich mich gegen die Gryonne hinab, um nach deren Ueberschreitung in den Weg, der von La Croix herab kommt und nach Arveye und Villars führt, einzulenken. Noch vor Sonnenuntergang war ich wieder zu Hause. Das herrliche Wetter, angesichts dessen ich schon auf den drei Tage später fallenden Sonntag die Diablerets-besteigung projectirt hatte, war aber nur mehr von kurzer Dauer; bald folgte kalter Regen; durch die sich hie und da öffnenden Wolken blickte Schnee selbst von den Vorbergen herab, der auch sämmtliches- Vieh, das noch auf den Alpen war, zu Thale trieb. So blieben für heuer die höchsten Höhen unnahbar, denn die Menge Schnee's war so groß, daß die Sonne nicht genügend Kraft hatte, ihn noch einmal ganz weg zu fegen. Gleichwohl wollte ich das gute Wetter, das sich wieder eingestellt, nicht unbenutzt entgehen lassen, und beschränkte deßhalb meinen Plan für den B. September auf einige Pässe. Den 7. September verließ ich Aigle in den Abendstunden, um auf kürzestem Wege -Gryon zu gewinnen. Gegen 10 Uhr etwa ging 's dann in schöner Mondnacht hinein in 's Thal von Solalex und hinauf nach Anzeindaz. Hochgehende dünne Wolken verschleierten zeitweise den Mond, und ich fürchtete fast einen Umschlag des Wetters; zudem wurde ich auf dem Plateau von Anzeindaz von einem beißend kalten Ostwind empfangen, der mir nicht ein gutes Zeichen zu sein schien. Etwas vor 1 Uhr klopfte ich endlich an die gastliche Hütte, deren Bewohner, durch den Schnee schon einmal hinab getrieben, dieselbe wieder bezogen hatten. Wer aber erwartet zu solcher Stunde noch Besuch? Es dauerte auch ordentlich lange für mich, den Schweißdurchnäßten in kaltem Winde, bis es dem Wirth gefiel, mich einzulassen. Am andern Tage erwachte ich schon früh, bevor die zerstreut dahin ziehenden Wolken von der aufgehenden Sonne geröthet wurden, aber keine Maus regte sich noch in der Hütte; da ich aber nicht unnöthig lange mit meiner Abreise warten wollte, so öffnete ich die Thüre, um am jugendlichen Avançon meine Toilette zu machen. Dies bewog endlich den Wirth, auch aus den Federn zu schlüpfen, er dachte vielleicht, ich wolle ihm durchbrennen; denn schleunigst erschien er unter derThüre. Um 6 Uhr endlich, nach lange erharrtem Frühstück, konnte ich meine Schritte weiter lenken und zwar gegen den Pas-de-Cheville, den ich 11 Monate vorher auch besucht. Wieder zeigte sich die Wand der Diablerets in gigantischer Pracht, aber diesmal an allen Vorsprüngen, Kanten und Bändern versilbert bis ganz zum Paß herab. Auf der andern Seite ließ ich die Ausläufer des Mœveran mit allen Spitzen und zwischenliegenden Spalten genaue Revue passiren. Es handelte sich nämlich um Feststellung eines Fehlers, den ich auf dem Panorama vom Pas-de-Cheville in den vorjährigen Beilagen entdeckt zu haben glaubte, und der auch meiner Ansicht nach wirklich existirt. Ohne unserem Altmeister Studer nahe treten zu wollen, möchte ich doch den Fehler mittheilen; gerade die Ausläufer der Mœverankette sind auf erwähntem Blatte nicht richtig benannt; die ganze Nomenclatur dieses Theiles muß um drei Stellen nach rechts geschoben und die Namen Pointe -d'Ancrenaz, Glacier de Plan-Névé, Grand-Mœveran gestrichen werden. Es muß statt dieser heißen von rechts nach links: Pierre-Cabotz, Glacier de Paneyrossaz, Tête-à-Pierre-Grept, Tete-de-Bellaluex und Punkt 2739; das Schneefeld ganz links, als Glacier de Paneyrossaz bezeichnet, ist der kleine Gletscher zwischen Tete-de-Bellaluex und Tete-du-Grand-Jean, der wohl im noch schneereichen Augenblick der Aufnahme so groß erschien. Diesmal ging 's vom Col hinab gegen Derborence, und zwar erst zur Chevillehütte und von da hinab nördlich quer durch den Trümmetstrom des Bergsturzes, in den sich der Bach mit wechselnder Laune wiederum seinen Weg einfrißt. Den halbverschtttteten Derborence-See ließ ich südlich unter mir. Auf schmalem Fußpfad, theils durch wilden, ich möchte fast sagen Urwald, theils über Weiden, an denen die Kühe auf und ab stiegen, zog ich mich immer aufwärts in die tiefe Schlucht, aus der die Lizerne heranbraust; erst befand ich mich hoch über dem Boden des Thalkessels, bald aber traf ich auf das Bett des Baches und folgte ihm eine Zeit lang unter den Felswänden von Fenage hin. Dort, wo der Fußweg von Montba » herfuhrt, tiber welchen, das Vieh auf Fenage durch den Pas-de-la-Mare getrieben wird, wandte ich mich links steil aufwärts, der „ Passage du Porteur de bois " entgegen. Bevor ich den Kessel von Derborence verließ, versäumte ich nicht, gehörige Umschau zu halten; links stieg die Kette des Mont-Gond in Steilwänden auf, an deren Fuß sich in engem Thale der Weg nach Sitten hinzieht. Ueber dem Bach drüben erhob sich die massige Pyramide des Haut-de-Cry, durch das in seiner ganzen Länge sichtbare Derbonthal vom Moeveran und seinen Genossen getrennt. Der noch reichlich liegende Schnee ließ mich über die Größe der im Hintergrund dieses Thales befindlichen Gletscher im Unklaren. Die Kette von Tête-à-Pierre-Grept war von der östlichen, weniger schroffen Seite sichtbar. Die letzten dieser Beobachtungen machte ich in den zahlreichen Halten, welche die steile Trümmerhalde erheischte, die zum Beginn der Passiere hinauf führt. Endlich war ich dann doch an deren Eingang angekommen. Sie bot sich als ein unten weites, mit Blöcken ausgefülltes Kamin, das aber in seiner obern Hälfte so eng und steil ward, daß man an der nördlichen Seitenwand den Weg zwischen Felsköpfen und Rasenbüscheln sucht. Auf diese Weise gelangt man erst auf einen scharfen Grat, der ein ähnliches Couloir begrenzt, dann aber auf etwas ebenere Rasenfläche über welche man bald zu den einsamen Steinhütten von Miet gelangt. Ungefähr in der Mitte der zwanzig Minuten langen „ Passage du Porteur de bois " begegnete ich zwei Hirten, die von Miet kamen; sie hatten nachgesehen, ob noch alles zu einem Spätbesuch der Alpen in Ordnung sei, denn auch von hier, wie von allen höhern Weiden, war das Vieh durch den frühen und anhaltenden Schneefall vertrieben worden. Von ihnen erfuhr ich auch, daß die Passage nicht mehr zu dem Zweck dient, dem sie den Namen verdankt, da jetzt sowohl Vieh als Holz von der Südseite des Mont-Gond über la Croix de trente pas, das man auf der Gratseite deutlich erkennt, hinüber in die baumlose abgeschlossene Weide gebracht wird. Diese zwei Männer waren die .einzigen Menschen, die ich vom Pas-de-Cheville bis zum Sanetschplateau antraf, und hier wie dort waren es nur Leute, die so lange das Vieh zu hüten im Sinne hatten, als das Wetter günstig blieb. Was das letztere betrifft, so muß ich erwähnen, daß das Morgenroth wohl sichere Prophezeiung war, denn schon nahmen die Wolken an Größe und Tiefgang zu. Nachdem die mageren Weiden von Miet hinter mir waren, verfolgte ich die jugendliche Lizerne noch weiter aufwärts, rechts die Zacken der Fava, links die Ausläufer des Trümmerfeldes von Zanfleuron; endlich bei einem halbversandeten Seelein gelangte ich auf die Höhe des Ueberganges in das Morgegebiet. Hier öffnete sich wieder eine neue Ansicht, leider durch Wolken in den ferneren Theilen, den südlichen Vorbergen des Wildhorns, etwas verhüllt. Näher und klarer als dieses und seine Trabanten erschien der Arpelistock und jenseits des Sanetsch Sanetschhorn mit dem Sex-du-Foux. Diesen letzteren nahm ich mir als Richtung und wanderte nun quer durch das scharfgeschnittene Karrenfeld, das früher, wohl vor nicht gar langer Zeit, vom Gletscher, der es oben begrenzt, bedeckt gewesen sein mag. Heute fand ich dann und wann etwas Schnee und daneben etwa eine verspätete Herbstblume, die unter der frühen weißen Decke nicht erfroren war. Nach mehrfachem Auf und Ab, Hin und Her, doch so ziemlich auf dem kürzesten Weg, stieß ich nahe beim großen Kreuz auf den Sanetschweg; ohne ihm zu folgen, eilte ich auf nassem Rasen hinab auf das Plateau der Sanetschalp, die mit einer zahllosen Schafheerde überschwemmt war. In einer der Hütten, links vom Bache, traf ich den Hirten, der als guter Walliser und Katholik sein großgeschriebenes Gebetbuch zur Feier des heutigen Tages, Marise Geburt, studirte, während die zwei ihm beistehenden Knaben dicht daneben sich auf dem sparsamen Heubett herumbalgten. Fast scheute ich mich, dieses Charakterbild durch eine Frage nach etwas warmem Getränk zu stören, aber bereitwillig, wie selten, streckte man mir den Rest eines sehr verdächtigen Mokka's entgegen, welchen ich durch einen Theil des mir gebliebenen Weins eintauschte. Nach all dem Gehen und Rasten waren aber die Stunden verflossen; schon war es halb 2 Uhr und ich sollte nothwendiger Weise noch denselben Tag nach Aigle. Deßhalb nur rasch den Weg unter die Füße, an den Kilometer-zeigern auf dem Plateau vorbei gegen den Absturz des Sanetsch auf Berner Seite! Diesen vielbegangenen Circus brauche ich wohl nicht zu schildern; der sich einstellende Regen ließ auch nicht viel Zeit zur Umschau; so schnell als möglich ging 's die Zickzack des Weges, an einem Zug von einigen Landleuten und Pferden vorbei, hinab in den Wald, aus welchem von weitem schon Gsteig sichtbar ist. Erwähnen möchte ich gleichwohl etwas, was mir trotz der Eile nicht entgangen ist, nämlich die schlechte Beschaffenheit des Weges innerhalb der Vegetations- resp. Waldgrenze auf Berner Seite. Sollte ein so oft begangener und mit Pferden befahrener Weg nicht in besserem Stande gehalten werden? Nun, ich war ohne mir den Hals zu brechen unten angekommen, gerade noch recht, um noch den ersten Guß eines beginnenden Gewitters auf den Rücken zu erhalten; nach der Fortsetzung nicht gerade lüstern, wollte ich im gastlichen Hause zu Gsteig bei einer wohlverdienten Stärkung das Ende des Regens abpassen. Aber vergebens wartete ich auf das Aufhören der Fluthen, so daß ich mich um 4 Uhr genöthigt sah, mir von der Wirthin auf guten Glauben hin ein „ Parasol ", wie 's im Volksmund heißt, zu erbitten und im Sturmschritt dem Regen und Wind entgegen, die Pillonstraße hinauf zu marschiren. Von Aussicht war bei solchem Wetter keine Rede; das Thal der Oldenalp machte sich nur durch das Brausen des herabstürzenden Reuschbaches bemerklich, wie jenseits der Höhe der Sturz des Dard. Gerade bei Ankunft auf dem Col hörte auch der Regen auf, und nach einigen Momenten dicken Nebels lachte mir die tiefstehende Sonne zu. Bald darauf erreichte ich auch die noch nicht ganz vollendete neue Straße, und ohne Aufenthalt ging 's hinab durch die Ormonts in 's Rhonethal, wo ich schon um 9 Uhr Abends eintraf.

Zum Schluß der Saison wurde dann- noch ein Bummel gegen la Petite Dent oberhalb Monthey gemacht, aber schon blies kühler Herbstwind dem Wanderer entgegen und mahnte ihn daran, daß für heuer die Tage des Genusses zu Ende gehen. Und so war es auch. Bald darauf verließ ich den Ort, der mir so viel des Schönen geboten, so viel, daß ich gar nicht alles in zwei Sommern bewältigen konnte. Dennoch wage ich zu sagen, daß ich die westliche Hälfte des Clubgebiets durchwandert und kennen gelernt, wie eben nur längerer Aufenthalt in einer Gegend es gestattet, und deßwegen werde ich mich auch stets an jene herrlichen Tage erinnern und so oft als möglich Aehnliches unternehmen. Auf Wiedersehn im nächsten Clubgebiet!

IL Freie Fahrten.

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