Aus dem Ehrenbuche des bergsteigenden Hundes

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des bergsteigenden Hundes Von Paul OeiBlw

( Berlin ).

Als Walter Schmidkunz, gewiss ein Kenner der Geschichte des Bergsteigens wie wenige, vor etwa 20 Jahren in seinen « Alpinen Anekdoten » eine Würdigung der berühmten vierbeinigen Alpinistin Tschingel gab, meinte er noch, dass sonst von Hunden als Gipfelstürmern wenig bekannt sei. Inzwischen ist das « Alpine Hundebuch » der Gesellschaft alpiner Bücherfreunde herausgekommen, das ein sehr viel reicheres Bild « hündischer » alpiner Betätigung entwirft, als Schmidkunz es zu zeichnen vermochte. Und doch stellen die dort gebotenen, um das Lebensbild Tschingels gereihten Hunde-geschichten nach dem Geständnis des Herausgebers nur eine Auslese dar, die der Zufall getroffen hat. Wir wollen hier nun einer Anzahl weiterer bergsteigender Hunde gedenken, die im « Hundebuch » nicht erwähnt werden, die es aber um so mehr verdienen, dass auch ihre zumeist nicht alltäglichen alpinen Leistungen der Vergessenheit entrissen werden, als sie mit Ausnahme des erstgenannten sämtlich auf Bergesgipfeln gestanden haben.

Der erste, der sich bei seinen Streifzügen in den Alpen ständig von seinem Hunde begleiten liess, war wohl Marc-Théodore Bourrit, der Genfer Kantor und « Geschichtsschreiber der Alpen », der sich so eifrig, wenn auch nicht immer erfreulich um den Mont Blanc und seine Ersteigung bemüht hat. Bourrit besass einen Rattler namens Louloup, den « treuen und unzertrennlichen Gesellen aller seiner Reisen ». Auf einer Wanderung im Bereiche des Walliser Otemmagletschers 1779 durchschwamm Louloup mit Mut und Zähigkeit die reissende Drance. Dem Eise war er allerdings nicht ganz gewachsen, es zerschnitt ihm die Pfoten. Nach Betreten des Fels- und Gras-bodens wurde er aber sogleich wieder munter und konnte es sich nicht versagen, hinter den auftauchenden Murmeltieren herzujagen, deren eines er trotz der Wunden an seinen Pfoten nach hartnäckigem Kampf zur Strecke brachte. Auch bei der Begehung des Glacier de Talèfre 1783 zeigte der Hund seine Ausdauer. Beim Queren des Bionnassaygletschers während des Mont-Blanc-Versuchs im folgenden Jahr liess Bourrit ihn tragen; bei der Beschaffenheit des Eises hätte er sich sonst wieder die Pfoten blutig geschnitten. Im Gefels stand er aber wieder seinen « Mann »; Bourrit weiss es zu rühmen, wie er « sich auf kleine hervorspringende Teile des Felsens hinauswagte, wo er mit der Leichtigkeit und dem kalten Geblüt eines Gemses sich stellte oder von einem Ort zum andern ging ». Hören wir noch den Nachruf seines dankbaren Herrn: «... mein Hund, der mich 12 Jahre lang begleitet hat... seine Geschicklichkeit im Felsklettern und Überschreiten der Gletscherspalten kam fast der einer Gemse gleich; er fing Murmeltiere... er ist in Genf gestorben und ich habe sein Fell aufbewahrt. » War es weder Louloup noch seinem Herrn vergönnt, den Gipfel des Monarchen zu betreten, so erreichte erstmals im August 1837 ein Hund den höchsten Punkt unseres Kontinents. Er gehörte dem Führer Michel Balmat, der den jungen Engländer H.M. Atkins auf den Mont Blanc geleitete. Atkins äussert sein Erstaunen über die Kletterkünste des Hundes; zu erklären vermag er sie sich nur durch das vorausgegangene Training. Bei den Grands Mulets hielt der Hund die Gesellschaft allerdings mehrfach auf, die ihn darob zum Kuckuck oder vielmehr « auf den Grund der Gletscher » wünschte. Oberhalb des Grand Plateau war er stark ermüdet und suchte sich bei jedem Halt zu Füssen seiner Begleiter zum Schlafen zusammenzurollen; auch war ihm das ihn umgebende ungewohnte Landschaftsbild sichtlich nicht ganz geheuer. Sein Appetit wurde dadurch jedoch in keiner Weise beeinträchtigt: die ihm gereichten Hühnerknochen waren im Nu verschwunden. Unter Durst schien er nicht zu leiden. Atkins hat auf dem Mont-Blanc-Gipfel die ganze Gesellschaft, einschliesslich des auf dem Schosse seines Herrn sitzenden Hundes, gezeichnet; das Bild schmückt die Originalausgabe seines Berichts.

Von einem andern Mont-Blanc-Hunde erzählt Charles Durier: « Finette, die Hündin des Führers Sylvain Couttet, stieg jährlich zwanzig- bis dreissigmal von Chamonix zu den Grands Mulets hinauf. Wenn ihr Herr ihre Begleitung nicht wünschte, so musste er sie fest einschliessen. Den Mont Blanc hat sie nicht erstiegen ( wie einer ihrer Kollegen, der zweimal oben war ), wohl aber den Dôme du Goûter, wobei ihre Pfoten zum Schutz gegen Erfrierungen mit Leinenstreifen umwickelt waren. Einmal fiel sie in eine Spalte, wurde aber gerettet, ein Vorfall, der sich auf dem Wege zu den Grands Mulets auch mit andern Hunden mehrfach zugetragen hat. »..

Noch Erstaunlicheres leistete ein anderer vierbeiniger Alpinist, über den Joseph Vallot berichtet. Einleitend führt er aus, dass Hunde während ihres Aufenthalts im Mont-Blanc-Obervatorium leidend und ohne Appetit wären, aber leicht stiegen. Ihr Geruchssinn bliebe dabei ungeschwächt — und fährt dann fort: « Eines Tages sah ich einen Hund ganz allein in der Nähe des Observatoriums erscheinen. Er lief ohne Aufenthalt vorüber und folgte der Spur zum Gipfel, wo er seinen Herrn suchte, den Träger Tairraz, der ihn am Abend vorher in Chamonix eingeschlossen hatte. Später war er entwischt und der Spur bis zum Mont-Blanc-Gipfel gefolgt. » Zur Würdigung dieser führerlosen Mont-Blanc-Ersteigung sei angemerkt, dass der klüfte-reiche Weg von Chamonix zur Spitze unter normalen Verhältnissen mehr als zwölf Stunden beansprucht!

Ebenfalls noch dem 18. Jahrhundert gehört die älteste bekannte Ersteigung des Scheffauers ( 2113 m ) in der ostalpinen Gruppe des Wilden Kaisers durch den Botaniker Franz Berndorffer aus Herrenchiemsee sowie den Uhrmacher aus Schwoich und seinen Jagdhund an. Als über der Latschen-und Graszone das Klettergelände begann, musste dem Hunde allerdings nachgeholfen werden. Man erstieg die Höhe des Grates und kletterte über ihn weiter, « bis wir endlich von einer Spitze des Berges auf die andere den gefährlichen Sprung wagen und selbst den Hund hinüber werfen mussten ».

Pater Placidus a Spescha, der berggewandte Benediktinermönch aus Disentis, erstieg 1812 zum zweitenmal ( er war schon 1793 oben gewesen ) den Oberalpstock ( 3330 m ) und nahm als seinen Begleiter unterwegs von einer Alphütte einen zwölfjährigen Buben mit. Dieser liess beim Abstieg über den Brunnifirn seinen Bergstock in eine Spalte fallen. « Infolgedessen », erzählt Pater Piaci, « umgingen wir den Spalt, um den Stock zu suchen. Sobald mein Hündchen seiner ansichtig wurde, lief es in den Spalt, um den Stock... herauszuwinden; allein es war zu ungeschickt und schwach dazu. Also stieg der Knab, an meinem langen Stock sich haltend, selbst hinab und holte ihn. » Die Art, wie von dem Hunde hier gesprochen wird, lässt darauf schliessen, dass er auch auf dem Gipfel gewesen ist und überhaupt seinen Herrn häufiger begleitet hat, wenn dieser seiner auch sonst nirgends gedenkt. Offenbar hielt er die alpinen Leistungen seines vierbeinigen Fahrtgenossen nicht für so bedeutend, um viel Aufhebens davon zu machen.

1841 erklomm der Münchner Botaniker Dr. Otto Sendtner, ein sehr eifriger, in der Erschliessungsgeschichte der Ostalpen öfter genannter Bergsteiger, den Moresch ( 2261 m ) in den Julischen Alpen. Herr und Führer legten im oberen Teil des Berges Steigeisen an, der mitgenommene Hund scheint ohne Unterstützung hinaufgelangt zu sein; an einen nicht ganz einfachen Absatz traute er sich anfangs nicht heran, doch « nachdem er lange gewinselt und sich besonnen hatte, war er mit einem desperaten Anlauf oben ».

Einem unmittelbaren Zeitgenossen Tschingels begegnen wir in dem kleinen schwarzen Hündchen Thomas S. Kennedys, das ebenfalls manchen alpinen Strauss ausgefochten haben muss. Eine Woche nach der Erstbesteigung der Aiguille Verte durch Whymper mit Christian Almer wurde die Fahrt von Kennedy, G. Hodgkinson und C. Hudson mit Peter Perren, Michel Croz und Jean Ducroz wiederholt. Auf dem harten, durch Stufen gangbar gemachten Schnee des Couloirs, das auf eine Seitenrippe der Verte leitete, « begann der Hund, wie immer auf harten Schneehängen, einen kläglichen Anblick zu bieten. Obwohl seine Pfoten in gewisser Beziehung als Steigeisen wirkten, reichten sie doch nicht aus, um ihm eine andere Gehrichtung als den senkrechten Auf- und Abstieg zu gestatten, und sich auf die Hinterbeine zu setzen war ihm offensichtlich unmöglich ». Auf dem Gipfel « schlief er augenblicklich auf einem Rucksack in der Sonne ein ». Beim Abstieg wurde der Hund zwischen Kennedy und Hodgkinson mittels einer um seinen Hals gelegten Schlinge angeseilt. Auf dem Mer de Glace, das bei Mondschein betreten wurde und sehr unsicher zu begehen war, « heulte der kleine Hund jämmerlich, da er auf seinen blutenden Füssen kaum laufen konnte, und unser Vormarsch ging nur langsam und beschwerlich vonstatten ».

Wenige Jahre nach dieser Fahrt — im September 1869 — spielte ein Hund bei einer Lyskammbesteigung eine verhängnisvolle Rolle. Man befand sich auf dem Ostgrat, bereits erheblich oberhalb der 4000-Meter-Linie, als er auf einen Hängegletscher am Nordhange des Grates abstürzte. Beim Abstieg wagte sich sein Herr, der Engländer Harry Chester, auf eine Wächte hinaus, um nach dem Hund Ausschau zu halten. Die Wächte gab nach, und Chester, der schlecht oder gar nicht angeseilt war, stürzte in die Tiefe und fiel sich zu Tode. Der Hund wurde von der Bergungspartie an seinem Geheul festgestellt, konnte aber wegen der vorgerückten Stunde und Schlechtwettereinbruchs nicht mehr geborgen werden. Der « Menschenfresser » gab sich mit dem menschlichen Opfer allein nicht zufrieden!

Etwa um die gleiche Zeit bestieg ein Anonymus mit seinem Vorsteh-hunde Hektor den Grintouz ( 2569 m ) in den Steiner Alpen und kurz darauf — ebenfalls mit dem Hunde und einem Bauern als weiterem Begleiter — die Kotschna ( 2541 m ), was als erste touristische Ersteigung des Berges gilt. Hektor, « auf Alpenjagden sehr routiniert, überwand... manche ausserordentlich schwierige Stelle ». Er bewältigte die jähen Felsmauern anscheinend ohne Hilfe und sprang selbständig, wenn auch winselnd, über eine breite Kluft, die sein Herr und dessen Führer vorher an einer schmaleren Stelle leicht, aber mit Vorsicht, genommen hatten. Beim Abstieg über die dem Grintouz zugewandte Seite der Kotschna hat « der brave Hektor... grosse Vorsicht an den Tag gelegt. Wo gefährliche Stellen zu passieren waren, wartete er ruhig, bis wir sie erst passierten, dann erst ging er sicher wie eine Gemse vorwärts. Im feineren Steingerölle versank er bis zum Kniegelenke in dem Schotter, wich jedoch den nachrollenden Steinen sehr geschickt aus, indem er immer Serpentinen, wie wir, beim Herabsteigen machte ». Den Ruhm der Erstersteigung müssen Hektor und seine Gefährten freilich abgeben; er kommt nach dem Nachweis Prof. J. Frischaufs dem berühmten AUS DEM EHRENBUCHE DES BERGSTEIGENDEN HUNDES.

krainischen Botaniker Scopoli zu, der schon 1758/59, also etwa 100 Jahre früher, auf der Kotschn gewesen ist.

Als Freshfield und Dent 1893 in Begleitung Andreas Fischers und François Dévouassouds den Basodino ( 3277 m ) erkletterten, war ein dem begleitenden Träger gehörender Hund ebenfalls mit von der Partie. An einer steilen Felsmauer, so erziilt Fischer, « gab 's eine kurze, aber lustige Kletterpartie. François und ici klommen zuerst hinauf und zogen am Seil die andern nach. Zuletzt hieben noch Freshfield und der kleine Hund übrig; der Präsident des Alpine Club nahm die geduldige Bestie unter den Arm, und so wurden die beide n unter grosser Heiterkeit zusammen heraufgehisst auf die luftige Warte ». Den übrigen Anforderungen der Fahrt scheint der Hund aus eigenen Kraft genügt zu haben.

Bereits das « Alpine Hundebuch » hat durch mehrere Beispiele erhärtet, dass die Mont-Blanc-Holi h. der bergsteigerischen Betätigung alpiner Hunde kein Ziel setzt. Wir k innen in diesem Zusammenhang sogar zwei Erstersteigungen in den südamerikanischen Anden buchen. Als sich Edward Whymper 1880 zur Fahrt auf den noch jungfräulichen, 5035 m hohen Carihuairazo in der Cordillère Ecuadors anschickte, schloss sich der Gesellschaft ein halbverhungerter Hund an, der Penipe genannt wurde. In der Eisregion musste er anfang über die steilsten Stufen getragen werden, gewöhnte sich aber bald an die I'ür ihn neuartige Lage und erreichte glücklich den Gipfel. Beim Abstieg wurden alle schneeblind, Penipe inbegriffen. Kurz darauf unternahm Whymper eine zweite Besteigung des Berges. « Penipe wurde ebenfalls zur Teilnahme eingeladen, lehnte jedoch entschieden ab und rannte schliesslich mit eingezogenem Schwanz den Berg hinunter. Er hatte vom Bergsteigen und von der Schneeblindheit genug! » Schliesslich betrat 1939 Caribe, der Hund des Trägers Sanchez, auf der Expedition A. E. iiinther und Gefährten in der Sierra Nevada von Mérida ( Venezuela ) als erstes Lebewesen den 4922 m hohen Pico La Concha in der La Columna-Gr i|pe.

Im genannten Bu. he der Gesellschaft alpiner Bücherfreunde reiht sich der Kranz der alpinen Hundeberichte um das von Jean Vénéon liebevoll ausgemalte Lebensbild Tschingels, des gefeiertsten bergsteigenden Hundes der Alpengeschichte. Aber jede Medaille hat ihre Kehrseite. So steht auch hier neben dem begei ,I rten Heldenliede Vénéons das von recht geringer Sympathie getragene Tschingelbild, das der St. Galler Gebirgsmann Johann Jakob Weilenmann gezeichnet hat. Über Miss Brevoort und ihren Liebling, denen er 1874 auf de Belalp begegnete, sich weidlich mokierend, vermag er an letzterem « nicht Absonderliches zu entdecken und ist, herzlos, schnell bereit, einen rassen- und formlosen, watscheligen Fettklumpen ihn zu nennen ». Weiter zitieren wir nicht, es dem Leser empfehlend, den, wie immer bei Weilenmann, köstlichen Bericht über sein Zusammentreffen mit Miss Brevoort, Coolidge und Tschingel im dritten Bande der Schilderungen « Aus der Firnenwelt » selbst nachzuschlagen und zu gemessen.

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