Aus den Bergen des Münstertales

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Mit 10 Bildern.Von Heinridi Tgefge|

Die kleine Rergwelt des bündnerischen Münstertales kann sich weder an Höhe noch an Grossartigkeit mit ihren eisgepanzerten Nachbarn messen und bietet keine Gelegenheit zu alpinen Grosstaten, keine Nordwände warten auf kühne Bezwinger. Von einer Vergletscherung ist kaum mehr zu reden, abgesehen von den beiden Hängegletscherchen des Piz Murtaröl und einigen Kargletscherchen im Hintergrunde von Nebentälchen der Val Mora. Auch diese haben heute nicht einmal mehr die bescheidene Ausdehnung, die ihnen die topographische Karte einräumt. Was am Umbrail von einem Gletscher noch geblieben ist, verdient kaum mehr den Namen.

Dazu kommt noch, dass das Münstertal eine recht abgelegene Ecke unseres Landes ist, die bis vor wenigen Jahren vom übrigen Schweizerland aus nur nach langer und umständlicher Reise zu erreichen war. Heute hat sich das immerhin etwas geändert. Seit die Bahn die Fahrt ins Unterengadin erleichtert und das bequeme eidgenössische Postauto den Ofenpass im Sommer und Winter befährt — im Sommer noch dazu Umbrail und Stelvio — hat sich der Touristenverkehr belebt, bleibt aber im grossen und ganzen auf die Passtrassen und deren allernächste Umgebung beschränkt. Was etwas weiter abliegt, ist auch heute noch eine Welt der Stille und Einsamkeit.

Die Berge breiten sich zwischen dem Münstertal und der italienischen Grenze westlich und südlich davon aus. Die Höhen der linken Talseite gehören schon zu den Bergen des Scarltales, sind aber vom Münstertal aus leicht zu erreichen. Einen vorzüglichen Überblick über die Gipfel und Landschaft des Münstertales geniesst man vom Piz Turettas 2960 m südöstlich von Fuldera, von wo aus er über die Alp Sadra und am kleinen Lai Chazfora vorbei in vier bis viereinhalb Stunden erstiegen werden kann ( aber auch von St. Maria, Valcava und Cierfs ). Von ihm aus ist das Haupttal sowohl gegen die Ofenpasshöhe als auch gegen Münster und Taufers hin zu überblicken.

Das Münstertal ist ein weiter Trog mit massig steilen Hängen im obern Teil, unterhalb St. Maria aber fallen sie schroffer ein. In der Talsohle reiht sich ein Schuttkegel an den andern. Fast sämtlicher bebaute Boden besteht aus dem fruchtbaren Schutt dieser Ablagerungen. An den Hängen liegt stellenweise noch der Schutt alter Moränen, den die Seitenbächlein angerissen haben und besonders zur Zeit der Schneeschmelze und bei Regengüssen in grossen Mengen in den Talboden verfrachten. So liegen die obersten Häuser des Dörfleins Cierfs auf der Schleppe eines Schuttkegels. Bei Fuldera drängt der grosse Schuttkegel der Val Ruina den Rambach völlig an die linke Talseite und hat ihn sogar zu stauen vermocht. Der See von ehemals ist heute fast vollständig verlandet. Ein ausgedehntes Sumpfgebiet, dessen Entwässerung und Kultivierung bis jetzt der hohen Kosten wegen nicht durchgeführt wurde, liegt in der ebenen Talsohle hinter Fuldera. Sumpf nimmt den Platz ein, wo die schönsten Wiesen des Dorfes grünen Die Alpen — 1938 — Les Alpes.22 könnten. Gegen Valcava hinunter zieht der Schuttkegel aus den vereinigten Tobein Val dell Era, Val d' immez und Val d' ora. Die Karte zeigt schön die Fiederung dieser Runsen gegen die Hänge der Turettas hin. Mächtige Schuttkegel lagern auch am Ausgang der Val Van und der Val Muranza, deren Schuttzufuhr vergrössert wird durch den Zuzug aus Val Mot und Val Quaunas und besonders aus der sich von St. Maria steil gegen den Piz Chalderas hinanziehenden Val Schais, deren Ansatzstelle über St. Maria als helle, nach unten in ein Tobel übergehende Fläche auffällt und auch auf der Karte auffällig gezeichnet ist, ebenso eine grosse Doline im Gips oberhalb der Abbruchstelle. Unterhalb St. Maria drängen die Schuttkegel den Rambach bald nach links, bald nach rechts. Diese Schuttkegel sind Fluch und Segen zu gleicher Zeit: sie bedrohen fortwährend Dörfer und Kulturland, anderseits liegen auf ihnen die fruchtbarsten Felder und Äcker der Talsohle.

Was das Auge besonders erfreut, ist die reichliche Bewaldung des Haupttales. Die rechte Seite prangt in einem nur von Runsen und Lawinenzügen unterbrochenen Waldkleide von Tannen und Lärchen, nach der obern Grenze hin mit Arven durchsetzt. Die sonnige linke Seite weist eine weniger geschlossene Bewaldung auf. Zahlreiche Terrassen und sanfter geneigte Hangstellen sind gerodet und landwirtschaftlich bebaut, sei es als Wiesboden oder als kleine Äckerchen. Kleinsiedlungen wie Lü, Lüsai, Valpaschun und einige Höfe sonnen sich auf Terrassen am Hang bis zur Höhe von 1918 m, gehören also zu den höchsten ständig bewohnten Siedlungen der Schweiz. Die geschützte Lage gestattet ihnen sogar noch Getreidebau. Rechts über der Talsohle finden sich nur die Höfe von Guaud auf den Lichtungen eines von Osten nach Westen abfallenden Terrassenbandes zwischen Münster und St. Maria. Nach oben hin, an der Waldgrenze oder wenig unterhalb, wo der geschlossene Wald sich zu lichten beginnt, liegen die Gemeindealpen des obern Talteiles, also der von St. Maria aufwärts gelegenen Gemeinden. Die Alpen der Gemeinde Münster befinden sich in der Val Mora. Das Waldgebiet erstreckt sich im obern Talteil an verschiedenen Stellen beidseitig bis zum Rambach, so dass die Dörfer mit Äckern und Wiesen als helle Inseln im dunklen Grün zu liegen scheinen.

Sprache und Kultur verbinden die zum grössten Teil Landwirtschaft treibende Bevölkerung eng mit dem Engadin. Wie der Engadiner hat auch der Münstertaler oft Arbeit und Verdienst im Ausland gesucht und gefunden. Und mancher ist zu Wohlstand gelangt, dessen er sich als Heimgekehrter in seinem lieben Tale erfreut; denn wie der Engadiner will auch der Münstertaler wenn möglich seinen Lebensabend in der Heimat verbringen. Heute ist die Auswanderung stark unterbunden.

Die massiven Wohnhäuser entsprechen im Aussehen und in der Raumeinteilung in der Regel dem einfachen Engadiner Bauernhaus. Wie dort liegen die Räumlichkeiten für Mensch, Vieh und Vorräte unter einem einzigen, grossen Dach. Auch hier dient das breite Tor oft als Einfahrt in den geräumigen Hausgang ( Pierten ), und durch ihn gelangt man zur Scheune, wo Heu und auch Korn eingefahren werden. Die Wohnstube liegt stets gegen die Strasse, ohne Rücksicht auf die Lage zur Sonne. Baumaterial, äusserer und innerer Schmuck, die ganze Ausstattung ( Erker, Gitter, Sgraffito, kunstreiche Büfetts, Truhen und Schränke ) sind in ihren wesentlichen Zügen die des Engadiner Bauernhauses. Aber auch Einflüsse vom Vintschgau her zeigen sich in Bauart und Kultur häufig.

Sein Romanisch hat sich der Münstertaler erhalten trotz der Abriegelung vom Engadin und der Einwirkung des Deutschtums vom Vintschgau her. Von einigen lautlichen Verschiedenheiten abgesehen, klingt es gleich wie das Ladinisch des Engadins. Allerdings haben deutsche Einflüsse in Wortschatz und Tongebung Spuren hinterlassen.

Seit jeher erhielt die Bevölkerung Zuzug aus dem untern Teil des Tales und aus dem obern Etschtal, namentlich früher bei der auch politischen Verbundenheit mit der Bevölkerung des obern Vintschgaus. Dieser gehörte mit dem Münstertal zusammen bis ca. 1618 als Gebiet des Bischofs von Chur zum Gotteshausbund. Jahrhundertelang stritt man sich aber um Besitz und Rechte mit den Grafen von Tirol, besonders als die Habsburger Inhaber dieses Titels und somit Anstösser der bischöflichen Besitzungen geworden waren. Nicht nur die Kanzleien führten den Streit mit spitziger Feder, gar oft fanden auch blutige Auseinandersetzungen, Raubzüge und Überfälle statt, unter denen die Bevölkerung beider Teile schwer zu leiden hatte. Zur Zeit des Schwabenkrieges, als der Streit längs der ganzen Rheinlinie tobte, standen auch die rätischen Bünde auf Seiten der Eidgenossen. Sie erfochten in blutiger Schlacht an der Calven, der Talenge zwischen Taufers und Mals, einen glänzenden, schwer erkauften Sieg und verloren mit vielen andern wackern Männern den tapfern Führer des Gotteshausbundes, Benedikt Fontana, den bischöflichen Hauptmann zu Fürstenburg. Als zur Zeit der Reformation die neue Lehre im Münstertal Eingang fand, erhielten die Habsburger neue Gelegenheit zu ständiger Einmischung. Vor allem aber während des Dreissigjährigen Krieges entflammte der Kampf um die Übergänge mit Heftigkeit. Bünden besass damals mit dem Veltlin und der Grafschaft Worms auch den Zugang aus der Lombardei zum Stilfserjoch und damit einen für Spanien-Österreich lebenswichtigen Pass. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verkaufte der Bischof von Chur, Ulrich von Federspiel, das Münstertal an Österreich für 17,000 Fl., da der Besitz des nunmehr reformierten Tales ihm mehr Unannehmlichkeiten als Nutzen eintrug. Als dieser Verkauf in den Bünden bekannt wurde, empörte man sich dermassen darüber, dass Österreich es für gut fand, seinen Vertrag gegen Erstattung der Kosten an die drei Bünde abzutreten, die dem Münstertale gegen Erlegung jener Summe die volle Freiheit gaben. Damit fand ein jahrhundertelanger Kampf, der den Talleuten viel Not und Elend gebracht hatte, seinen Abschluss. Zur Zeit des Weltkrieges tobten blutige Kämpfe nahe genug an den Grenzen des Tales. Hart am Kamm der Grenzketten sieht man heute noch die zerfallenen Stellungen der Gegner, und manchem braven Schweizer Wehrmann sind die Namen Val Muranza, Umbrail und Dreisprachenspitze unvergesslich.

Bei St. Maria vereinigen sich die beiden bedeutendsten Nebentäler, Val Vau und Val Muranza, mit dem Haupttal. Val Vau ist ein hängender Trog mit steilen Wald- und Schutthängen. In Vau stand früher ein Wirtshaus, da der Weg durch Val Vau und Val Mora oft begangen wurde, um ins Veltlin und in die Lombardei zu gelangen. Oberhalb der Weiden von Vau liegen die Alpen des Klosters Münster, dem auch die Fischereirechte im hochgelegenen Rimsersee gehören. Die Klosteralpen sind steinig und rauh, zwischen den beiden eine Viertelstunde voneinander entfernten Alpen liegen am linken Talhang die mächtigen Blöcke eines alten Bergsturzes.

Durch Val Muranza führt die Umbrail, welche die steile Mündungsstufe in ungefähr 20 Kehren überwindet. Von Platatschas südwärts wird der Talboden flacher. Bei Punt Teal mündet mit ca. 300 m hoher Stufe die Val Costainas, der Zugang zur gleichnamigen Bergspitze im Hintergrund des Tales. Gegen die Umbrailhöhe hin weitet sich das Tal und gibt ausgedehnten, aber steinigen Weiden Raum. Oberhalb der Alp Muranza findet man Unterkunft im kleinen Hotel Muranza.

Die kleine Val Mora gehört hydrographisch zum Inngebiet und läuft im entgegengesetzten Sinne des Münstertales. Einst soll sie mit Val Vau ein Tal gebildet haben, durch rückschreitende Erosion von Val Bruna her sei der Ausgang gegen Südwesten geschaffen worden. In ähnlicher Weise frisst sich heute ein Nebentälchen der kleinen, von rechts her kommenden Val délias Fontaunas gegen Jufplaun ein und verschiebt die dortige Wasserscheide nordwestlich gegen Buffalora.

Die vier Täler, das Haupttal mit seinen Nebentälern Val Muranza, Val Vau und der dem Inn tributpflichtigen Val Mora, gliedern die Münstertaler Berge in vier kleine Gruppen:

Die Gruppe des Piz d' aint, begrenzt durch Jufplaun, Val Mora, Val Vau und das Haupttal.

Die Murtarölgruppe, zwischen der italienischen Grenze westlich der Fuorcla del Lago ( südlich des Rimsersees ) und der Val Mora.

Die Umbrailgruppe, zwischen Val Vau ( von der Fuorcla del Lago weg ), Val Muranza und der italienischen Grenze von Cuolm d' Umbrail bis zur Fuorcla del Lago.

Die Costainasgruppe, begrenzt durch Val Muranza, das Haupttal ( zwischen St. Maria und Münster ) und die italienische Grenze.

Die Gipfel der Piz d' aint-Gruppe, von denen keiner die 3000 m erreicht, die aber trotzdem alle hervorragende Aussichtspunkte sind, weisen mit Ausnahme der Ostseite des Piz d' aint und dem eigentlichen Turettasgrat sanftere Formen auf ( Verrucano ) als ihre Nachbarn im Westen, die Gipfel der Murtarölgruppe ( Dolomit ).

Die drei Gipfel der Gruppe — Piz d' aint, Piz d' ora und Piz Turettas — sind deshalb auch alle drei Skiberge und bieten dem geübten Fahrer genuss-und abwechslungsreiche Fahrten. Am häufigsten wird der Piz d' aint besucht, im Sommer und im Winter, da er vom Hotel Fuorn, von Buffalora und von AUS DEN BERGEN DES MÜNSTERTALES.

der Ofenpasshöhe aus gut zu besteigen ist. Die Abfahrt im Winter folgt der Westseite gegen den Döss del Termet auf Jufplaun und nach Buffalora. Auch im Sommer ist der Piz d' aint lohnend. Die Ostseite ist wild zerrissen. Wir haben letzten Sommer dort oben ein prächtiges Brockengespenst bewundern dürfen, als vom Münstertal herauf dicke Nebel brodelten, in welche die Abendsonne schien und im Nebel unsere Gestalten riesengross erscheinen liess.

Südlich des Piz d' aint liegt der Übergang Tanter Pizza. Er führt von Jufplaun in das Kar von Mugliniersch mit Abfahrt nach Cierfs durch die steile Val délias Föglias oder besser nach Punkt 2224 und unter Pizzet südöstlich in die Val della Blaisch und durch diese nach Cierfs. Eine Abfahrt, die den Fahrer überraschend vor immer neue Situationen stellt, führt von Punkt 2224 durch den obern Teil des mit grossen Steinblöcken durchsäten lichten Waldes von Jondas schräg abwärts gegen die Val della Blaisch, kann aber nur bei tiefem Schnee von guten Fahrern gemacht werden.

Piz d' ora und Piz Turettas werden beide vom Turettaspass aus bestiegen. Die Abfahrt erfolgt über Era della Bescha und Fontauna grossa oder Val della Blaisch nach Cierfs oder über Alp Sadra nach Fuldera. Trotzdem es sich um Waldabfahrten handelt, sind sie lohnend und die Schneeverhältnisse günstig. Im Sommer ist auch der Übergang von Alp Sprella über den Turettaspass eine leichte und genussreiche Wanderung. Bei Alp Sprella öffnet sich mit steiler Stufe die kleine Valbella mit ihrem sumpfigen, breiten Talboden, wo Scheuchzers Wollgras in schönen Beständen gedeiht. Das Tälchen kann auch im Winter zu Anstieg und Abfahrt benützt werden, die Steilstufe bei der Alp Sprella ist aber wegen Lawinengefahr nicht jederzeit zu empfehlen.

Auf der Höhe des Passes liegt der kleine Lai Chazfora ( zweieinhalb Stunden von Alp Mora ). In einer Stunde werden von hier aus Piz d' ora oder Piz Turettas erreicht. Die Überschreitung der Turettas von Westen nach Osten ist eine unterhaltende Kletterei von massiger Schwierigkeit über einen schmalen Grat, der nördlich in steilen Wänden abbricht, südlich aber die Möglichkeit bietet, stellenweise unter dem Grat weniger exponiert zu queren. Der Abstieg führt nach Dössradond und durch Val Vau oder über Punkt 2257 ( Piz Morain ) und den bewaldeten Spi Vau nach St. Maria. Der den Turettas südlich vorgelagerte Piz Dössradond wird kaum je bestiegen, er bietet aber keine besondern Schwierigkeiten.

Die westlich der Val Mora liegende Murtarölgruppe übertrifft die drei andern Gruppen an Höhe und ist für Bergsteiger die interessanteste. Ihre acht Gipfel erreichen eine durchschnittliche Höhe von etwas über 3000 m und sind die einzigen im Gebiet, an denen sich noch einige Gletscherchen erhalten haben ( abgesehen von der Gletscheromelette am Piz Umbrail ).

Vier kleine Tälchen gliedern die Gruppe und führen zu kaum benützten Übergängen in die Valle di Fraéle. Die Gipfel, mit Ausnahme der gegen die Val Mora vorgelagerten Pala gronda, des Cucler da Jon dad Onsch und Monte Forcola, sind Erhebungen des Grenzkammes und gewähren eine herrliche Fernsicht und einen grossartigen Einblick in die umliegende Bergwelt.

Ihre Besteigung wird erschwert durch die grosse Entfernung von ausreichenden Unterkunftsmöglichkeiten, stehen die Gipfel doch alle sechs bis acht Stunden von den nächsten Gasthäusern oder Dörfern auf der Schweizerseite. Die einfache Unterkunft in den Alphütten, die uns immer freundlich und zuvorkommend gewährt wurde, obgleich keine Verpflichtung hiezu besteht, ist deshalb ausserordentlich willkommen und erleichtert die Bergfahrten bedeutend. Von diesen Alphütten aus ( in Betracht kommt hauptsächlich Alp Mora ) verkürzt sich die angegebene Zeit um zwei bis drei Stunden. Die Alp Mora wird erreicht von St. Maria durch Val Vau, vom Hotel Fuorn über Buffalora oder von der Ofenpasshöhe aus, wo ein neues Gasthaus steht. Schon der Zugang vom obersten Ofenpasstal über die flache, weite Wasserscheide von Jufplaun ist eine köstliche Wanderung. Im Norden und Nordwesten ragen die Zacken der Laschadurellakette und der massige Piz Tavrü; diesen Gipfeln zu Füssen breitet sich das waldige Passtal, die weite Fläche von Buffalora. Dunkle, duftende Arven stehen am Weg, nach der Passhöhe hin noch einzelne knorrige Kämpen und bleichende Strünke. Gegen die flache Höhe zu beginnt im Südosten die Gratlinie des Piz Murtaröl aufzutauchen, Stück um Stück der kraftvollen Gestalt freigebend, bis der breite Berg in eindrucksvoller Wucht die Landschaft beherrscht.

Jenseits der Passhöhe öffnet sich ein reizendes Alpentälchen von ruhiger, schlichter Schönheit, die Val Mora. Der rechte Talhang ist bewaldet. Die aufrechte Legföhre, nach oben hin in die liegende Form übergehend, und spärliche Arven wechseln miteinander ab. Am Wege zur Alp hinunter blüht mit leuchtenden, orangegelben Köpfchen ein Kreuzkraut, daneben trotziger, blauer Eisenhut. Wacholderbüsche und Legföhren sind stellenweise ausgeschlagen worden, um Weide zu gewinnen. Die an den Nationalpark erinnernden Föhrenbestände liefern weit mehr Holz, als die Alpen benötigen. Daher liegen häufig spinnwebgraue Stämme oder bizarr verdrehte Legföhrenäste am Boden. Zwischen Alp Sprella und Alp Mora steht ein Ungeheuer von einem Zaun aus lauter ganzen Stämmen samt den Ästen; er sieht einer Barrikade nicht unähnlich, obwohl kein Winkel der.Welt friedlicher aussehen kann als dieses kleine Tälchen.

Die Alp Mora wird bestossen mit ca. 80 Kühen, besitzt eine gut eingerichtete Alphütte, ausreichende Stallungen und eine eingefriedete Alpwiese, die den Heuvorrat für Schneewetterzeiten liefert. Nicht nur in Amerika versucht man, die Kühe durch Musik zu reichlicherer Milchabsonderung zu bewegen, auch die Sennen und Hirten der Alp Mora singen beim Melken, und zwar in allen drei Sprachen des Kantons. Kein Wunder, wenn Butter-und Käsekeller im Herbst eine Augenweide bieten I Das Abholen der sorgfältig verpackten Butterballen und der säubern Käslaibe gestaltet sich zu einem Volksfestchen, bei dem aufgetischt wird, was Küche und Keller einer Sennhütte zu bieten haben. Eine besonders nahrhafte Spezialität ist die Put, eine Art Omelette aus Rahm.

Die Weidefläche für das Grossvieh liegt fast durchwegs im Talboden oder oben auf Jufplaun. Die Hänge und auch die linksseitigen Nebentäler sind für Rindvieh weniger geeignet, bieten aber Nahrung für Schafe, deren AUS DEN BERGEN DES MÜNSTERTALES.

Wolle heute zumeist nach auswärts verkauft oder eingetauscht wird, trotzdem eine gutgeleitete Webstube in St. Maria, bekannt durch ihre bodenständigen Erzeugnisse, einen schönen Teil der Produktion aufnehmen könnte. Der für den Bergsteiger interessanteste Teil der Berge zwischen Val Mora und der Grenze ist das Massiv des Murtaröl mit dem Piz Murtaröl 3183 m und seinen beiden Trabanten, dem bescheidenen Piz Mon'ata und dem etwas anspruchsvollem Piz Pala gronda, der nach drei Seiten Grate ausstrahlt, die — besonders der Nordostgrat — stellenweise recht hübsche Klettereien bieten. Die ganze Gruppe bildet einen nach Norden offenen Bogen, in den sich die kurze, steile Val Murtaröl hineinschiebt.

Pala gronda Murtaröt Fcla. Murtaröl Hz Mon'ata Piz Murtaröl, Routen von Norden:

1Durch Val Murtaröl zur Fuorcla Murtaröl; von dort entweder über die Türme oder sie südlich umgehend.

2In die Scharte zwischen den Turmgruppen westlich des untern Gletschers ( Absüeg in die Val Murtaröl ).

3Über den westlichen Gletscher.

4Über den östlichen Hängegletscher direkt zum Gipfel. 5, 5 a, 5 b = Über den NO-Grat mit verschiedenen Anstiegen.

AAnstieg über Mona d' immez.

BGrat des Piz Mon'ata.

Pala gronda:

P1Über den NW-Grat ( mit Fortsetzung zum NO-Grat des Murtaröl ).

P2Über den NO-Grat.

Zwischen Mona d' immez ( A ) und Mon'ata-Grat ( B ) liegt die Val Murtaröl, durch welche die Routen 1 und 2 führen.

Schon in den Ostertagen 1936, als wir die Val Mora auf Ski durchwanderten, lockte uns der schimmernde Gipfel des Murtaröl. Im August des gleichen Jahres wollten mein Freund Hans Brunner und ich dem stolzen, schönen Berg zu Leibe gehen. Wir wählten den Weg über den Nordostgrat ( 5 ), der im September 1908 zum erstenmal von G. Dyhrenfurth, H. Rumpelt und A. Spitz begangen wurde. Diese Partie bezwang den Grat unter äusserst ungünstigen Verhältnissen und musste oben in stürmischer Nacht biwa- kieren. Wir machten uns nach ihrer Beschreibung x ) auf allerhand gefasst und wollten um 4 Uhr von der Alp Mora aufbrechen. Aber um 3 Uhr prasselte der Regen in Strömen auf das Dach über unserm Heulager, und der Himmel sah so trostlos aus, dass wir uns wieder unter die Decken verkrochen. Um 6 Uhr jedoch schlössen sich die himmlichen Schleusen, ein Flecklein Blau am Himmel ermutigte uns, trotz der etwas vorgerückten Zeit einen Versuch zu wagen. Rasch hinunter zum Bach, über die nassen Weiden von Spinai empor und östlich steil hinan zum Grätchen Mona d' immez Den Schafpfaden folgend, erreichten wir das Moränenfeld des zurückweichenden Gletscherchens und das Schneefeld, über das wir östlich der Einsattelung zwischen Piz Pala gronda und dem Nordostgrat des Murtaröl zustrebten. Etwas südwestlich der tiefsten Einsattelung erstiegen wir über Eis und hartgefrorenen Schutt den Grat. Über eine steile Wandstufe mit guten Griffen erkletterten wir einen Schuttgrat, der schliesslich in scharfen, verwitterten Zacken weitergeht. Rechts, also nördlich, konnten sie über vereiste, sehr abschüssige Bänder umgangen werden bis zu einer felsigen Kante vor einer langen, steilen Schneerinne. Dieser folgend, gelangten wir unschwer zu einer Gratschulter unter dem eigentlichen Gipfelaufbau. Eine kühne, einzelne Nadel ragt dort wie ein Wegweiser empor. Nach Norden zieht eine steile Schneerinne zum Gletscher hinunter, durch diese wäre ein Anstieg zu der Schulter ebenfalls möglich ( 5 b ). Ein schneebedecktes, massig steiles Schutthänglein musste nach rechts gequert werden. Der Schnee war etwas aufgeweicht, bei Vereisung erfordert die Stelle jedenfalls gründliche Hackarbeit. Wir stapften ohne nennenswerte Mühe zur begrenzenden Kante. Ausgewaschene, griffarme und später brüchige Felsen führten schliesslich zu dem waagrechten Stück eines Nebengrätchens, auf dem eine gewaltige Gwächte weit nach Norden überhing Auf vereistem, steilem Schuttband, das nach oben in bröckelnden Fels übergeht, querten wir nördlich des Grates zwei Seillängen weit in die Flanke des Berges und gelangten dann über Schutt und sehr lockern, brüchigen Fels auf den nun recht scharf werdenden Grat. Teils auf der Kante, teils links oder rechts derselben, mit Griff an den Gratzacken turnten wir zu einem letzten Gratklotz und über denselben zum südlichen Rand des gegen den Gipfel hin flach zurückliegenden Gletschers. Über diesen schritten wir zum schneefreien, reichlich Platz bietenden Gipfelfelsen. Es war genau 12 Uhr; sechs Stunden hatte der ganze Anstieg von der Alp Mora weg gedauert. Bei ungünstigen Verhältnissen, hauptsächlich bei grösserer Vereisung, könnte die Besteigung beinahe die doppelte Zeit erfordern. Trotz drohenden Wolken leisteten wir uns eine kurze Gipfelrast. Leider waren Tief- und Fernblicke ringsum verhängt.

Im Abstieg folgten wir dem Gipfelgrat nach Nordwesten, zunächst über Schnee. Dann stiegen wir zu einer felsigen Kuppe an und von da südlich des Grates über Felsabsätze und Schuttbänder, den Steilabsturz des Grates umgehend, auf die Schulter, an der das westliche der beiden nach Norden fallenden Gletscherchen endet. Am westlichen Ende dieser Schulter steht AUS DEN BERGEN DES MÜNSTERTALES.

eine Reihe von wilden Türmen. Wir umgingen sie südlich, indem wir durch eine steile Schuttrinne schräg gegen Westen abstiegen, dann am Fuss der Turmgruppe in gleicher Richtung querten und durch die folgende, mit losem Schutt gefüllte, breite Rinne zur Scharte zwischen der westlichen Turmgruppe gelangten. Nun strebten wir die sehr steile Schneerinne nach Norden hinunter ( 2 ) in die Val Murtaröl, gepeitscht von kalten Regenschauern. Die Steilstufen der Val Murtaröl wurden an ihrem östlichen Ende überwunden. Das Bächlein überhüpft sie in muntern Sprüngen und Fällen. Als wir beim freundlichen Sennen in der Alp Mora anlangen, wölbte sich wieder blauer Himmel über dem schönen Berg.

Auch der Piz Murtaröl hat leichtere Zugänge. Im Sommer 1937 stiegen wir in fünf Seilpartien mit 16 Mitgliedern der Jugendorganisation der Sektion Raetia das westliche der beiden Gletscherchen hinan ( 3 ), mit Einstieg auf das Eis von Osten her. Die Schutthalde, die zum Gletscherchen emporführt, erwies sich als recht trügerisch, blankes Eis lagerte unter dem Schutt. Bei vorgerückter Tageszeit sind diese Schutthalden zudem von Steinschlag gefährdet. Das Gletscherchen aber ist völlig harmlos. Einer der geübtem Junioren übernahm die Hackarbeit auf dem im untern Teile nackten, immerhin etwas steilen Eis. Es war ein prächtiger Tag, und wir durften uns in strahlender Sonne genügend Zeit nehmen, auch dem kleinsten Junioren den Aufstieg zu einem Feste zu gestalten. Die Gipfelrast bot eine erhabene Schau: vom Ortler bis zum Bernina die ganze Bergwelt in strahlender Sonne!

Den Abstieg nahmen wir südlich unter den Grattürmen hinüber zur Fuorcla Murtaröl, eine endlose Schuttstampferei. Ein kürzerer Abstieg führt vom Gipfel südlich hinunter auf ein flaches Stück des südöstlich zur Fuorcla délias Trimmas ( zwischen Piz Murtaröl und Piz délias Trimmas oder Magliavachas ) verlaufenden Grates und gleich am Fusse des Gipfelklotzes durch eine lange Schutt- oder Schneerinne in die Val Magliavachas.

Damit sind die Wege auf diesen lohnenden Gipfel noch nicht erschöpft. Auch über den östlichen Gletscher ( 4 ) kann angestiegen werden, ebenso von der Fuorcla Murtaröl über den Grat ( 1 ).

Vom nordöstlichen Eckpfeiler des Murtarölmassivs, vom Piz Pala gronda, führt nach Osten ein auf der Karte deutlich eingezeichneter Grat gegen die Val Magliavachas. Von der Alp Mora aus sieht man ihn sich scharf gegen den Hintergrund abheben. Nahe unter dem Gipfel der Pala gronda klafft eine tiefe Lücke im Grate, eine andere ist von der Alp Sprella aus sichtbar, sie befindet sich etwas weiter unten. Über diesen Grat habe ich nirgends in der spärlichen Literatur Angaben finden können. Es schien mir aber, es sollte eine Besteigung der Pala gronda hier möglich, wenn auch nicht gerade einfach sein.

Mit Christian Caspar von Ardez brach ich am 29. Juli 1937 von der Alp Mora auf, um diesen Aufstieg wenigstens zu versuchen. Leider verliessen wir den schönen, taleinführenden Weg schon ungefähr beim Buchstaben A in « Aua da Val Mora » ( Topographischer Atlas ) und bogen von dem südlich des Wassers am Hang hinziehenden Schafweg direkt in Richtung der auf der Karte erkennbaren untersten Felsen des Grates ab.

Die Alpen — 1938 — Les Alpes.

23 Loser Schutt, verworrenes Legföhrengestrüpp, steile Runsen und Tobel belehrten uns wieder einmal, dass der gerade Weg nicht immer am schnellsten zum Ziele führt. Wir hätten uns eine halbe Stunde und viel Mühe und Schweisstropfen ersparen können, wenn wir dem angenehmen Talweg gefolgt wären bis etwa zehn Minuten hinter der Alp Sprella, wo er sich dem Bach nähert ( beim Buchstaben O in in Val Mora ), dann durch eine sanfte Schneise südlich gegen den Eingang zur Val Magliavachas und bei der Knickung des kleinen Bächleins westlich über Rasen und einzelne Felsköpfchen zum untern Ende des Felsgrates. Unter den ersten Köpfen gingen wir rechts, westlich vorbei zu einem kleinen Absätzchen direkt unter dem Grat. Dort beginnt die eigentliche Kletterarbeit. Etwas rechts vom Grat ermöglichen steile, aber gutgriffige und feste Felsen ein prächtiges Klettern, und über ein gut gegliedertes Band wird ein kurzes Stück leichten Geländes auf dem Grat gewonnen. Wenige Schritte nur, dann stellt sich eine senkrechte, oben plattig in eine neue Schuttpartie übergehende Wand in den Weg. Wir querten sie in ihrem obern Teil unter einer Nase durch nach rechts bei sehr bescheidenen Griffmöglichkeiten. Die Nase gewährte mir oben einen guten Stand, so dass ich dem Kameraden das Nachkommen erleichtern konnte. Ein Stück steilen, schuttbedeckten Grates brachte uns zu einem neuen Grataufschwung, den wir hätten erklettern können. Aber von rechts her führte ein einladender, wenn auch steiler Kamin zum nächsten Gratabsatz. Es folgte ein exponiertes Wändchen mit guten Griffen und dann ein stellenweise scharfer und schmaler Blockgrat. Über diesen gelangten wir an den Rand der tiefen Scharte, die von der Alp Sprella herüber sichtbar ist. Der Grat läuft dort aus in einen hoch und überhängend über einer tiefen Schuttrunse stehenden Felsblock. Rechts führt unter dem Kopf des Felsens ein breites Band an den Rand der zur Scharte abfallenden Felswand. Diese wurde zuerst untersucht, und als wir einen Riss entdeckten, durch den ein Abstieg möglich sein musste, setzten wir uns auf die Zinne des Felsens zu einer wohlverdienten Rast. Unter uns ruhte im stillen Frieden das liebliche Alpentälchen, auf der andern Seite aber fiel der Blick in eine tiefe, schauerliche Schuttrinne. So muss die Rinne ausgesehen haben, durch die im « Olympischen Frühling » Spitteler die entthronten Götter zur Unterwelt fahren lässt. Jenseits der Rinne ein Chaos von Zacken, Türmen und Runsen!

Der Abstieg in die Scharte beanspruchte ziemlich viel Zeit, da auch Rucksäcke und Pickel abgeseilt werden mussten. Der Riss aber war auf beiden Seiten so mit Griffen versehen, dass man sich gut und sicher hinunterstemmen konnte. Links und rechts der engen Scharte stürzen steile, schwer begehbare Rinnen in die felsige Tiefe; die zur Alp Sprella hinunterführende ist überwölbt von einem Felsbogen, so dass ein Ausguck entsteht. Über schräge, schuttbedeckte Platten erklommen wir den folgenden wuchtigen Felsklotz. Er fällt völlig senkrecht und glatt hinunter zu der von der Alp Mora aus sichtbaren tiefen Scharte im Grat. Unmöglich, hier abzusteigen! Wir versuchen es rechts. Ein schmales Band führt seitlich abwärts, lässt sich aber nicht bis an sein Ende übersehen Einladend ist dieser Weg nicht. Bevor wir hier ansetzen, machen wir einen Versuch links, also süd- AUS DEN BERGEN DES MÜNSTERTALES.

lieh. Dort zeigt sich ein abschüssiges, schuttbedecktes Band über einem drohenden Abgrund, das zu einer Stelle führt, von der ein weiterer Abstieg möglich schien. Am nördlichen Rande des Bandes ragt ein Klotz über die Scharte hinaus, und rechts davon klafft ein Kamin, der in die Nordflanke hinunter führt. Der Kamin knickt aber unten, und sein Ausgang ist nicht sichtbar. Wir versuchen es dennoch. Ich lasse meinen Kameraden vorsichtig hinunter. Er verschwindet und verlangt mehr Seil. Bald ertönt ein Juchzer, und er taucht in der Tiefe der Scharte auf. Jetzt ist die Sache gewonnen! Jenseits der Scharte ist der weitere Anstieg sichtbar und birgt keine unüberwindlichen Hindernisse mehr. Der Kopf jenseits der Scharte ist unschwierig zu erklettern, und über ihn gelangen wir in ein etwa 30 Meter langes, nordwestlich verlaufendes Schuttband und über dieses links von einem markanten Zacken in eine Scharte mit einem mächtigen eingeklemmten Stein Links davon klettern wir über gutgriffigen Fels und durch kurze Kamine auf das im stumpfen Winkel gegen Südwesten abgeknickte oberste Gratstück, das gegen den Gipfel zu flacher wird. Und nach wenigen Schritten stehen wir oben. Sieben Stunden waren wir unterwegs, reichlich fünf davon entfielen auf die Kletterei und auf das Suchen nach dem geeignetsten Weg. Eine zweite Begehung würde uns eine gute Stunde weniger kosten. Strahlende Sonne und völlige Windstille erlaubten eine köstliche Gipfelrast. Tief unten die Alpen und Weiden, durchzogen vom Silberband des Baches, und im Südwesten nah und scharf der Murtaröl mit seinen Türmen und Bastionen.

Im Abstieg folgten wir einer Rinne im Osten, wurden aber bald auf die nördliche Kante gedrängt, da die Rinne von nicht gut begehbaren Felsstufen unterbrochen ist. Schliesslich fällt sie in haushohen Wänden gegen Val Magliavachas ab. Wir fanden aber nach rechts, also gegen Süden hin, ein paar Schuttkaminchen und landeten am obern Ende der ausgedehnten Schutthalden, die sich gegen das Bächlein hinunterziehen.

Von den Gipfeln der Murtarölgruppe kann keiner bis oben mit Ski begangen werden, alle aber bis in die Nähe ihrer Spitzen. Für geübte Skifahrer und erfahrene Steiger sind diese Berge ein Paradies, allerdings erst im Spätwinter, der grossen Entfernung vom Tal und der Lawinengefahr wegen. Die Abfahrten führen zum Teil durch geradezu ideales Gelände. Doch Spaziergänge gibt es hier keine. Über Piz Murtaröl und Piz Magliavachas kenne ich keine Angaben von Winterbesteigungen, sie müssen, meiner Ansicht nach, von der Fuorcla délias Trimmas ca. 2900 m ( zwischen Piz Murtaröl und Piz Magliavachas ) aus bei günstigen Verhältnissen zu machen sein. Selbstverständlich ist in diesem abgelegenen und im Winter sehr selten begangenen Gebiet jede Vorsicht geboten. Es gibt da recht lawinengefährliche Hänge! In den offiziellen Skiführer ist das Gebiet leider nicht aufgenommen Es besteht aber ein kleiner Ski- und Winterführer durch die Münstertaler Alpen von Fr. Berger ( München 1912 ), der ja nicht mehr in allen Einzelheiten stimmen kann, aber den erfahrenen Skimann im allgemeinen immer noch zu orientieren vermag.

Der ebenfalls über 3000 m hohe Piz Magliavachas wird am leichtesten durch die beiden Tälchen Tea fondada oder Magliavachas und von den Einsattelungen aus über die Grenzgräte erstiegen. Aus der Val Tea fondada ist auch ein zackiger Ostgrat begehbar. Der schönste, aber auch längste Weg führt über den die beiden Seitentälchen trennenden, nordöstlich gegen die Aua Val Mora streichenden Grat. Über Punkt 2533 erreicht man in angenehmer Wanderung, meistens über Rasen, mit prächtigem Blick auf die Wände und sägeartige Gratlinie des Cucler da Jon dad Onsch und den zerrissenen Nordostgrat der Pala gronda, ein Signal. Dann wird der Grat felsig. Wuchtige Klötze türmen sich auf, die, solang der Grat ansteigt, entweder über die Gratlinie oder von Westen her erstiegen werden. Weiter oben wachsen die klobigen Türme aus der nun beinahe waagrecht verlaufenden Gratlinie heraus und können von da weg an ihrem östlichen Fuss leicht umgangen werden. Auch ihre Überkletterung ist möglich mit Abseilen auf der Südseite. Der Grat verliert sich gegen den Gipfel hin in einen Schutthang, nur vereinzelte kleine Nadeln deuten ihn noch an. Der Gipfelgrat wird nach Südosten hin verfolgt, und so gelangt man an den Fuss des Gipfelklotzes, der von Süden her erstiegen werden kann. Der Abstieg über den zerklüfteten Südgrat erheischt alle Vorsicht und führt in einer halben Stunde zum Passo di Val Paolaccia und über Lawinenschnee ( bis spät im Sommer ) durch Val Tea fondada in die Val Mora zurück.

Am Ausgang der Val Tea fondada, im Winkel zwischen den beiden Bächen, verbirgt sich ein beinahe kreisrundes Seelein ohne sichtbaren Zu-und Abfluss in einer kraterartigen Vertiefung am Rande eines Föhrenwäld-chens, durch einen steinharten Schuttrand vom Bach getrennt. An seiner Stelle soll einst eine Alphütte gestanden haben, mitten in duftenden Weiden. Aber auf der Alp lebte ein hartherziger Senn, der einen armen, müden und hungrigen Wandersmann von der Türe wies. Zur Strafe versank die Alphütte samt dem Sennen mit gewaltigem Donnerschlag. Nur der Hirte der Alp, der dem armen Alten freundlich den Weg gewiesen hatte, blieb verschont. Seither fluten die Wasser des Seeleins über der versunkenen Alphütte, der tea fondada. Ein vom Vieh gemiedenes Unkraut wächst auf dem ehemaligen Alpstaffel, und ein kleines Männlein soll oft in der Umgebung sein Wesen treiben. Die Sage ist in ganz ähnlicher Form auch anderorts heimisch.

Die nach der Tea fondada benannte Bergspitze, der Piz Tea fondada, erhebt sich im Hintergrund des gleichnamigen Tälchens und steht mit 3149 m innerhalb der Gruppe nur dem Piz Murtaröl an Höhe nach. Sie ist über den Grenzkamm aus dem Hintergrund des Tälchens leicht zu erreichen, kann sogar im Spätwinter bei guten Verhältnissen bestiegen werden, allerdings mit Ski nicht bis zur Spitze.

Südöstlich vom Taleingang der Val Tea fondada türmt sich stolz und wuchtig der Cucler da Jon dad Onsch 2834 m auf. Nach Norden fällt er in gewaltiger Wand ab und sieht von dieser Seite uneinnehmbar aus. Von Süden her über den Grat ist der Zugang zum Hauptgipfel leicht, der zum nördlichen Gipfel aber schwieriger.

Der am häufigsten bestiegene Gipfel der Gruppe, der auch im Spätwinter lohnend ist, der Piz Schumbraida 3128 m, erhebt sich als schöne, kräftige Berggestalt im Hintergrund der kleinen Val Schumbraida, die von den Nebentälchen der Val Mora am wenigsten durch Lawinen gefährdet ist.

AUS DEN BERGEN DES MÜNSTERTALES.

Der Zugang erfolgt durch das mit einer nicht ganz 300 m hohen Stufe mündende Tälchen, dessen flacher, weiter Talboden oberhalb der Stufe zu den Moränen des einst ausgedehnteren Gletscherchens führt. Der interessanteste Anstieg, aber nicht der leichteste, läuft von der westlichen Schulter über den Westgrat ( 1 ). Über der Schulter schwingt sich der Grat bald senkrecht empor. Das Gestein ist brüchig, lose Blöcke liegen überall umher und geraten bei der leisesten Berührung ins rollen. Die untersten Abbruche werden südlich umgangen, und an der Südseite klettert man über zackige Absätze Piz Schumbraida von Norden: SehAnstieg aus Val Schumbraida.

1Zur westlichen Schulter und südlich des ersten Abbruches zum W-Grat.

2Zum Sattel nordöstlich der Schulter und über den NO-Grat.

2 a, 2 b, 2e = An- oder Abstiege durch den Nordwesthang, der zur Schulter nordöstlich des Gipfels führt. RZur Fuorcla Schumbraida und zum Rimsersee.

und Schuttbänder bis unterhalb eines phantastischen Turmgebildes auf dem Grat, überschreitet dann eine sich weit hinunterziehende Schuttrinne an ihrem obern Ende und steigt einen breiten Kamin mit steilem Einstieg empor auf den eigentlichen Grat, der von hier weg keine Schwierigkeiten bietet. In der Tiefe sieht man Häuser von Bormio, einen Teil des obersten Veitlins und den Stausee bei San Giacomo in der Val Fraéle. Reich ist der Gipfelkranz von der Adamellogruppe über Cima di Piazzi, Bernina, Silvretta und Ötztaler, bis sich der Kreis mit dem Ortler wieder schliesst. Ist man von Westen aufgestiegen, nimmt man den Abstieg am vorteilhaftesten über den Ostgrat, der bis zur nordöstlichen Schulter verfolgt wird. Nachdem man einige Meter über den Grat nach Nordosten gegangen ist, findet sich nördlich gegen den Gletscher hinunter eine wenig ausgeprägte flache, felsige Rippe ( 2 b ), die bis ungefähr in die Mitte der zum Gletscher hinunterfallenden Schutt-, Schnee- oder Eishalde läuft. Hier, oder bei reichlicher Schneedecke durch die Rinne westlich davon ( 2 c ), auch östlich ( 2 a ), kann abgestiegen werden.

Der leichteste Aufstieg führt vom Gletscher in die Einsattelung nordöstlich des die Schulter begrenzenden kleinen Vorgipfelchens ( 2nicht zu verwechseln mit der ebenfalls unbenannten und unquotierten Erhebung südlich der Fuorcla Schumbraida —. Von da gelangt man über den Schuttgrat bis unter die Felsen des Vorgipfelchens, dann südöstlich über gröbern Schutt, Blöcke und Felsköpfchen zur Schulter und dem Grat entlang ( oder südöstlich wenig unterhalb ) zum letzten Gipfelaufschwung, dann über Geröll und Absätzchen leicht zum Gipfel ( vier Stunden von Alp Mora oder Alp Praveder ). Dieser Anstieg empfiehlt sich auch für den Winter, bei günstigen Verhältnissen kann auch die zur Schulter emporführende Nordhalde gewählt werden.

Vom Gletscher gelangt man leicht hinüber zur Fuorcla Schumbraida und von dort über den Südostgrat in einer halben Stunde auf den Monte Forcola 2907 m oder südlich des Gipfels über eine mit rätischem Mohn besäte Schutthalde auf den zum Passo dei Pastori sich östlich hinziehenden Grat und zum Rimsersee. Dieser schöne Abstieg ist aber ziemlich lang, vom Schumbraida bis zum See ca. 31/2, von da bis St. Maria 2 Stunden.

Von der Fuorcla Schumbraida mit Abfahrt in die oberste Val Forcola ( bis ca. 2500 m ) und Anstieg zur Fuorcla del Lai ( im T. A. Fuorcla o. Bocchetta del Lago genannt ) kann man auch im Winter ins Gebiet des Rimsersees gelangen. Die gleiche Strecke wird auch zur Abfahrt benutzt ( Grenze !). Ganz über Schweizerboden ist der Rimsersee im Winter ( hier immer im Spätwinter ) über den Südostgrat des Piz Umbrail von der Umbrailhöhe aus zugänglich, im obern Teil des Grates aber ohne Ski.

Das Gebiet der Umbrailgruppe ist etwas bekannter und, im Sommer wenigstens, belebter als die übrigen Münstertalerberge. Auch in der Literatur wird es weniger stiefmütterlich behandelt. Reise- und Turenführer, alpine Zeitschriften und auch die alten Chronisten und Geschichtsschreiber, wie Campell und Sererhard, erwähnen diesen Teil der Münstertalerberge häufiger als die übrigen. Das liegt wohl an der Nähe wichtiger Übergänge, die in der Geschichte eine Rolle spielten, dann an der bessern Zugänglichkeit und gewiss auch an den landschaftlichen Vorzügen. Die Gipfel der Umbrailgruppe erreichen mit zwei Ausnahmen ( Piz Umbrail, Piz Chazfora ) die Dreitausendergrenze nicht. Bergsteigerisch bedeutende Gipfel fehlen. Landschaftlich aber bietet die Gegend am Umbrail dem Bergwanderer und Naturfreunde reichen Genuss.

Beliebt ist die Rundreise von St. Maria mit dem Postauto auf Umbrailhöhe, dann auf markiertem Weg in anderthalb bis zwei Stunden auf den Piz Umbrail, Abstieg zum Rimsersee und zurück durch Val Vau. Der Weg läuft unmittelbar der italienischen Grenze entlang. Die zerfallenen Stel- lungen und Unterstände von 1914-1918 stimmen gerade heute wieder etwas nachdenklich.

Die erste bekannte Besteigung des Piz Umbrail 3033 m ist die von Johann Coaz vom Jahre 1865. Imhof schreibt in seinem Itinerarium für die Silvretta- und Ofenpassgruppe ( Bern 1898 ), der Piz Umbrail wäre ein Rivale des Piz Languard, wenn er besuchtem Fremdenorten näher stünde. Die Aussicht ist in der Tat überwältigend, besonders auf die nahen Gipfel des Ortler und die Passtäler mit ihren weissen Strassenbändern, auf denen an schönen Tagen die Autos wie flinke Mäuse berg- und talwärts flitzen. Adamello, Piazzi- und Campogruppe, Bernina, Silvretta, Ötztaler, die nahen Gipfel der Unterengadiner Dolomiten: ein weites Meer von Gipfeln sonnt sich vor dem entzückten Auge.

Die Abstiege gegen den Rimsersee, durch die oberste Val Madonna, Val del Lai, oder länger, aber mit fortwährendem Tiefblick über den Grat zu der aus dem Kriege bekannten Punta di Rims, sind leicht bei guter Sicht; immerhin soll man sich von Ortskundigen Rat einholen, da ein Abschwenken von der richtigen Route leicht in die nördlich zum See abfallenden steilen Runsen und Felsen des Cucler da Valpaschun führen könnte ( Cucler = cluchèr = Kirchturm ).

Piz Rims 2951 m und Piz Chazfora 3007 m interessieren besonders den Geologen. Sie sind dunkle, kristalline Deckklippen auf der hellgrauen Dolomitplatte, aus der auch der Piz Umbrail geschnitten ist. Lohnend ist eine Überkletterung des Piz Rims von Westen nach Osten, stellenweise exponiert, aber gutgriffig. Ganze Rasen der duftenden Iva überziehen die kleinen Absätze und Bänder, und in geschützten Felsrissen leuchten die grossen, gelben Blüten der kriechenden Nelkwurz. In drei Viertelstunden ist der Gipfel erklettert. Der Abstieg erfolgt nach Osten oder gleich östlich des Gipfels durch eine Schuttrinne in die oberste Val Madonna, wo — in diesem Gebiet sonst nicht häufig — der Gletscherhahnenfuss blüht. Wir wandern an der Grenze zwischen dem Dolomit und dem Kristallin des Piz Lad.

Südöstlich und südlich des Rimsersees erheben sich als stolze Türme der Cucler da Valpaschun 2817 m und der Piz del Lai 2828 m. Von oben her sind sie leicht zugänglich und nichts anderes als auf gleicher Höhe mit dem Plateau stehende Balkone mit Blick auf den Rimsersee.

Der Rimsersee liegt in einem weiten, nach Norden offenen Kessel. Er ist der ausgedehnteste Bergsee Graubündens und einer der grössten der Schweiz, ungefähr einen halben Kilometer lang und nicht viel weniger breit. Ein Karsee, behaupten die einen, die andern sagen, er sei ein Einsturztrichter in unter ihm durchziehenden gipshaltigen Schichten. Nach Südwesten dehnt sich eine von Zuflüssen angeschwemmte, überwachsene Kiesebene, in der die Bächlein zum Teil versickern, um als klare Quellen hart am Rande des Seespiegels wieder hervorzutreten. Nach Norden hin dämmt ein Felsriegel den See ab. Tritt man beim Ausfluss an den Rand der Felsen, so glaubt man plötzlich ins Leere zu schreiten, so steil bricht der Riegel nach Norden gegen die Val Madonna ab. Ein schmaler Fussweg führt hier zur Tiefe, hart neben dem über Platten abschiessenden Bach; weiter unten verläuft er westlich unter den Felsen des Piz Praveder durch Schutthalden zur Alp Praveder. Zum Abstieg nach St. Maria gelangt man vom See nach Osten zwischen Rundhöckern in die Val Madonna und über einen Fussweg zur untern Klosteralp. Im Winter ist das Gebiet, das sich als Skigebiet vorzüglich eignen würde, schwierig zu erreichen, auf alle Fälle wage man es erst im Spätwinter.

Die Gruppe des Piz Costainas, von der Umbrailhöhe nordostwärts gegen Glurns ( Glorenza ), ist eine Aussichtsterrasse vor allem für Einblicke in das Ortlergebiet. Über 3000 m erheben sich nur Rötlspitze und Piz Costainas. Keiner von beiden ist schwierig, sie stellen aber doch grössere Anforderungen als die übrigen Erhebungen dieses Grenzkammes. Der ganze Kamm besteht aus Kristallin, ausgenommen ein kleiner Triaskeil am Fallaschjoch 1 ).

Die Anstiege direkt vom Tal sind steil und mühsam, es gilt, Höhendifferenzen von 1400-1500 m zu überwinden. Am tiefsten in die Kette greift die Val Muranza mit ihrem Nebental, Val Costainas. Im weitern Verlauf der Kette können sich auf Schweizerseite keine grössern Täler mehr bilden.

Von Val Muranza und Val Costainas aus sind die beiden höchsten Erhebungen leicht zu erreichen. Eine Postautofahrt bringt uns in einer Stunde von St. Maria auf die Umbrailhöhe, nicht viel länger dauert die Fahrt bis zur Höhe des Stelvio, aber nunmehr über italienisches Gebiet. Von der Stelvio-höhe gelangt man in einer Viertelstunde auf die Dreisprachenspitze 2846 m, die diesen Namen heute zu Unrecht führt. Das Deutsche ist aus der Gegend verschwunden, die Dreisprachenspitze heisst jetzt Cima Garibaldi.

Es führt aber auch ein guter und bequemer Weg auf Schweizerboden von der Umbrailhöhe zur Dreisprachenspitze. Sommers blüht üppiger Gletscherhahnenfuss und gestaltet den Schutt zu einem Garten. Weniger erfreulich sind die Ruinen des ehemaligen Hotels auf Schweizerboden.

Über den anschliessenden Breitkamm hinweg, an alten Stellungen vorbei mit leichtem Abstieg zu einem kleinen Joch, gelangt man zum Südgrat der Rötlspitze 3028 m. Der Gipfel selbst wird in einer halben Stunde erklommen, indem man stellenweise einem während der Grenzbesetzung erstellten, halbzerfallenen Wege folgt. Die Rötlspitze ist die höchste Erhebung der Gruppe und bietet eine Aussicht, die der des Piz Umbrail ebenbürtig ist. Sie kann von der Umbrailhöhe in anderthalb bis zwei Stunden bestiegen werden. Wenn in dem kleinen Hotel Muranza übernachtet wird, kann man in einem Tag von dort zur Rötlspitze, über den Grat auf den Piz Costainas, durch die Val Costainas zur Umbrailstrasse und nach St. Maria gelangen ( Zeit ca. acht Stunden ).

Von der Rötlspitze zieht ein Grat nach Norden, dessen Erhebungen — Piz Stabeis, Piz Val gronda und Piz Lad — gegen die Vereinigung der Val Costainas mit der Val Muranza hin an Höhe abnehmen. Sie werden kaum je bestiegen, sind aber auf einer Gratwanderung von der Rötlspitze aus x ) « Geologischer Führer der Schweiz », Basel 1934; Exkursion 93, St. Maria-Umbrailpass-Stilfserjoch.

~ A.'-.s,..* ^iiivJAsL leicht zugänglich. Die Rötlspitze kann aus der hintersten Val Costainas auch im Winter begangen werden, mit Abfahrt zur Alp Prasüra und Umbrailstrasse ( auch vom Breitkamm aus, aber ohne Ski ).

Der Piz Costainas 3007 m ist am schönsten mit einer Gratwanderung von der Dreisprachenspitze aus zu erreichen. Der Grenzgrat trägt noch hart an der Kammlinie eingefallene Unterstände; Geschosshülsen zeugen von einer Zeit, in der blutige Kämpfe in diesen Höhen tobten. Auf der Südseite gegen Traf oi, an der schwarzen Wand, sieht man ein ganzes Labyrinth von Gräben und Stellungen. Nördlich des Grates ruhen die klaren Wasser des kleinen Lai Costainas. Zu klettern gibt es im Grat kaum etwas, abgesehen von einem kurzen, steilen, aber guten Stück am kleinen Tartscherkopf. Die Korspitze 2931 m ( Quaira di Costainas ) ist eine unbedeutende Graterhebung. Auch der Tartscherkopf 2967 m ( M. di Târres ), östlich vom kleinen Tartscherkopf, kann gut überschritten werden.

Der Piz Costainas, den man von der Fuorcla Costainas ( Furkeljoch ) aus über den felsigen, rasendurchsetzten, steilen Südostgrat in wenig mehr als einer halben Stunde erklimmen kann, ist eine eindrucksvolle Berggestalt mit scharfen Graten und ausgeprägten Schuttrinnen. Wir erreichten ihn letzten Sommer von der Fuorcla Costainas aus, stiegen durch eine lange, unangenehme Schuttrinne westlich ab in die Val Costainas und gelangten am Abend zur Alp Prasüra, wo uns von den Sennen Nachtquartier gewährt wurde.Von der Alp aus geniesst man einen unvergesslich schönen Blick über das obere Münstertal.

Am frühen Morgen bestiegen wir den Piz Costainas zum andernmal und brachen gleichzeitig mit dem von der Gemeinde St. Maria bestellten Seuchenwächter auf. Er hatte etwa von italienischen Alpen herüberstreifende Schafe über die Grenze zu treiben, da jenseits wieder die gefürchtete Maul-und Klauenseuche auftrat. Diesmal gingen wir den langen Westgrat an. Es gibt südlich von diesem noch einen zweiten, kürzern Westgrat, der sich mit dem längern in der Nähe des Gipfels vereinigt. Über diesen kürzern Grat führt der gewöhnliche Anstieg aus der hintern Val Costainas. Unser Anstieg auf den längern Grat gleich südlich der langen Schuttrinne erfolgte aus deren unterstem Teil. Der Grat ist zwar steil und gibt fortwährend Handarbeit, aber die Griffe sind gut und der Stein angenehm. Nach einer Stunde Kletterei standen wir auf dem Gipfel in strahlender Morgensonne und genossen eine Gipfelschau, wie sie mancher höherer Herr der Alpenwelt nicht zu bieten vermag.

Nach kurzer Rast stiegen wir über den Ostgrat ab und wanderten über den Fallaschkopf zum Fallaschjoch und empor zum Piz Minschun 2936 m, der von Val Costainas aus auch mit Ski bestiegen werden kann. Über einen breiten Rücken gelangt man im Abstieg vom Minschun leicht und angenehm auf den Piz Chalderas 2784 m.

Die Gratwanderung über Piz Sielva zum Piz Chavalatsch 2765 m ist lang und schön, der Grat selbst aber etwas eintönig. Wir freuten uns schliesslich der ausgiebigen Rast auf der Gipfelfläche des Chavalatsch. Vom Piz Costainas her hatten wir beinahe fünf Stunden ununterbrochener Gratwanderung hinter uns. Von Stelvio ( -Dorf ) und Glorenza ( Glurns ) führen gute Fusswege zum Gipfel, ein festes Steinhaus mit Schiessscharten steht oben hart an der Schweizergrenze. Dieser östliche Eckpfeiler der Münstertalerberge wird oft besucht. Vom Münstertal aus sind die Anstiege mühsam und steil. Wir stiegen nach Münster ab. Oberhalb Plaun Mas-chüra zweigt man, um nach St. Maria zu gelangen, westlich ab und gewinnt das Tal über die Terrasse der Bains da Guad beim Weiler Sielva. Nach Münster führt ein steiler, rauher Geisspfad. Bevor man die Talsohle erreicht, erhebt sich rechts die Burgruine Hohenbalken, Chasté march genannt. Es soll die Stammburg der Karle von Hohenbalken sein und ist die einzige Burgruine des schweizerischen Münstertales.

Nun sind wir in Münster. Unweit davon läuft die Grenze über den Schuttkegel des Avignatales. Das mehr als tausendjährige Kloster hat Dorf und Tal den Namen gegeben.

Der eidgenössische Postwagen nimmt uns auf, und wohlig dehnen wir uns in den bequemen Polstern. Noch einmal zieht Dorf an Dorf an uns vorbei, hie und da grüsst das Bündnerwappen mit dem naiv gezeichneten Steinbock von einer Hausfront, ein Wahrzeichen und ein Bekenntnis einst wie heute.Von der Passhöhe grüssen wir die Pyramide des Piz Costainas und über ihn hinweg die Eisfelder des Ortler.

Literatur.

1. Imhof: Itinerarium für die Silvretta und Ofenpassgruppe, Bern 1898.

2. Berger Fr.: Ski- und Winterführer durch die Münstertaler Alpen und angrenzenden Gebiete, München 1912.

3. G. Dyhrenfurth: Aus der Ofenpassgruppe, Zeitschrift des D. u. Ö.A.V. 1912, S. 273 ff. ( mit Literaturverzeichnis ).

4. Der Hochtourist in den Ostalpen, Band 6. Bibliograph. Institut, Leipzig 1930.

5. Otto Müller: Das Bündner Münstertal ( Zürcher Dissertation 1936 ), woselbst auch weitere Literatur angegeben ist.

Eine Deutung der romanischen Namen wird ein Fachmann im Clubführer Unterengadin geben.

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