Aus den Bergüner Bergen

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D. Stokar, Sektion Randen.

Von Dienstag den 7. August 1894 traf ich in Bergün ein^ in der Absicht, während eines cirka dreiwöchentlichen Aufenthalts daselbst mich im diesjährigen Clubgebiet, wenigstens in dem nahe bei Bergün gelegenen Teil, tüchtig umzuthun. Im Hotel zum „ Weißen Kreuz " fand ich freundliche Aufnahme, treffliche Verpflegung und angenehme Gesellschaft und in dem rühmlich bekannten Peter Mettier einen Führer, der nicht nur die ganze Gegend aufs beste kennt, sondern auch mit Freuden bereit war, Neues mit mir zu versuchen. Leider war es mir nicht möglich gewesen, mich den Clubgenossen HH. E. Imhof und A. Ludwig anzuschließen, welche einige Zeit vorher von hier aus mit Mettier eine schöne Zahl zum Teil ganz hervorragender Touren ausgeführt hatten. Glücklicherweise hatten sie aber die Gegend noch nicht völlig abgesucht, sondern mir auch noch etwas zu thun übrig gelassen.

Meine Absicht ging neben der Besteigung der Hauptgipfel auf den gewöhnlichen Routen namentlich auf das Auffinden neuer Wege auf den Piz d' Aela über die Ostwand und auf den Piz Kesch, von der Fuorcla d' Es-chia aus auf die sogenannte Nadel und von dort über den noch wenig begangenen Grat zum Hauptgipfel. In zweiter Linie stand auf dem Programm der Piz d' Err über den Errgletscher, und wenn die Zeit noch weiter reichen sollte, wäre auch im südwestlichen Teil des Clubgebiets in der Gegend von Mühlen noch einiges zu versuchen geblieben.

Den Anfang wollte ich mit dem Tinzenhorn machen. Durch die schon weit oben am Fuß des Berges gelegene Aelahütte wird diese Tour bedeutend erleichtert und mochte daher recht geeignet sein, um den dieses Jahr noch durch keine Besteigung vorbereiteten Körper zu trainieren und den Kopf an den Blick in den Abgrund wieder zu gewöhnen. Da das über Nacht trüb gewordene Wetter wieder aufheiterte, wollte ich gegen Abend zur Clubhütte aufbrechen; da stellte sich mir ein Pariser Polytechniker als Kollege vom C.A.F. vor, mit der Bitte, sich der Expedition anschließen zu dürfen, und zwar sprach er den Wunsch aus, es solle der Piz d' Aela. nicht das Tinzenhorn bestiegen werden. Mettier wollte nichts davon wissen, den Aela von der Clubhütte aus anzugehen, da er diese Kletterpartie nicht gerne mit ihm ganz unbekannten Touristen unternimmt, und die Besteigung direkt von Bergün aus über Tranter Aela schien mir für eine Erstlingstour doch zu streng. Da der Franzose aber auf dem Aela beharrte, so wollte ich nicht unkollegialisch erscheinen und gab nach. Spät am Abend kam dann noch ein Deutscher hinzu, der sich uns mit Mettiers Genehmigung ebenfalls anschloß.

Eine ausführliche Beschreibung dieser häufig gemachten Tour gehört wohl kaum ins Jahrbuch. Es sei nur erwähnt, daß wir Donnerstag den 9. August, früh um 1 Uhr, aufbrachen und um 10 Uhr 10 Min., nach stark 9 Stunden, den Gipfel erreichten. Meine Befürchtung erwies sich als durchaus gerechtfertigt. Während die beiden anderen schon längere Zeit auf der Reise und daher gut trainiert waren, hatte ich die Mißachtung der viel bewährten Regel schwer zu büßen. Die Tour war wirklich zu streng für den Anfang und ich mußte mit Beschämung wahrnehmen, daß ich trotz Aufbietung aller Willenskraft das Vorankommen der Expedition wesentlich hemmte. Das Wetter hielt sich gut; zwar überzog sich der Himmel unterwegs mit einer von Westen heranrückenden schwarzen Wolkenwand, die uns auch einmal mit einem ganz artigen kleinen Schneegestöber bedachte, aber rasch vorbeizog, so daß wir auf dem Gipfel eine sozusagen tadellose Aussicht und angenehm warme, windstille Temperatur antrafen.

Der Aela mag mir bei meiner schlechten Disposition unverhältnismäßig schwierig vorgekommen sein. Immerhin glaube ich so viel sagen zu können, daß seine Besteigung auch unter günstigen Umständen eine ernsthafte Sache ist, welche zum mindesten Ausdauer und einen absolut schwindelfreien Kopf verlangt. Die Felskletterei ist nirgends schwierig; dagegen stellt das Schneeband, über welches man vom unteren Gletscher aus die Felsen erreicht, und namentlich das sehr steile oberste Firnfeld, einige Anforderungen an die Sicherheit des Trittes. Das Firnfeld machte uns beim Aufstieg keine Schwierigkeit, da die darauf liegende Schneeschicht festhielt, so daß nur oberflächliche Stufen gehackt werden mußten. Als wir aber beim Abstieg die dachjähe Halde wieder traversierten, war inzwischen der Schnee weich geworden, und sobald der Vorderste den Fuß auf denselben setzte, rutschte er aus und den Hang hinunter, wurde aber natürlich von den Obenstehenden am Seil gehalten. Mettier mußte jetzt ganz neue tiefe Stufen hauen, über welche dann Mann für Mann am Seil einzeln hinüber gelootst wurde.

Auf zwei Regentage folgte Montag den 13. August in größerer Gesellschaft ein Versuch am Piz Kesch. In der ebenso prächtig gelegenen D. Stókar.

als wohleingerichteten Keschhütte verbrachten wir eine recht gute Nacht, gelangten aber am folgenden Morgen nicht weit über die Fuorcla d' Es-chia hinaus. Dort kehrten wir wieder um, als der Himmel sich immer schwärzer umzog und der Nebel auch von der Spitze Besitz ergriff. Als wir wieder in der Hütte unten waren, heiterte das Wetter freilich vorübergehend wieder auf. Auf dem Rückmarsch wurden wir aber noch gründlich durchnäßt. Von der Besteigung der Nadel von der Fuorcla d' Es-chia aus wollte Mettier nichts wissen. Er hatte schon früher einmal mit einem gewandten Kletterer einen erfolglosen Versuch gemacht und erklärte die Aufgabe für unlösbar. Nachträglich hat sie dann freilich Herr Rzewusky mit Führer Engi doch gelöst.

Nach einer Regenpause bestieg ich Mittwoch den 15. August mit Mettier allein das Tinzenhorn. Auch dieser Berg ist schon so häufig bestiegen und auch schon beschrieben worden, daß ich auf eine eingehende Darstellung verzichte. Allein Mettier war schon in den 70 Malen oben. Da das Wetter am Abend zuvor noch zweifelhaft war, bezogen wir nicht die Clubhütte, sondern brachen früh um 2 Uhr 10 Min. von Bergün auf. Bei der Aela-hütte kamen wir um 4 Uhr 40 Min. an, machten dort 20 Min. Rast und erreichten den Gipfel um S Uhr 50 Min., nach 3 Stunden 50 Min. von der Hütte aus, einen längeren zum Photographieren verwendeten Halt inbegriffen. Der Abstieg bis zur Hütte dauerte genau 2 Stunden. Wir trafen den Berg unter sehr ungünstigen Umständen, indem er weit hinunter in tiefem Neuschnee steckte. Die bekannte schwierige Stelle hart unterhalb des Gipfelgrats bot unter diesen Verhältnissen eine harte Nuß zu knacken. Bei trockenem Fels wird sie ein geübter Kletterer ohne Nachhülfe überwinden können. Diesmal waren die Felsen aber, stark vereist und steckten unter einer tiefen Schicht Neu schnee, und so war es denn ein wahres Bravourstück Mettiers, daß er doch hinaufkam. Das würde ihm schwerlich mancher nachmachen. Beim Abstieg wurde die Stelle vermittelst Abseilens am doppelt gelegten Seil ohne Schwierigkeit passiert.

Die Aussicht trafen wir tadellos. Ich ziehe sie sowohl derjenigen vom Piz d' Aela als namentlich auch der vom Piz Kesch entschieden vor. Quantitativ sind sie ziemlich identisch; allein den schönsten Vordergrund hat unzweifelhaft das Tinzenhorn, und wenigstens in meinen Augen entscheidet nicht das Quantum der sichtbaren Spitzen, sondern der malerische Reiz über den Wert einer Aussicht.

Die Besteigung des Tinzenhorns ist als Kletterpartie vom Schönsten und Interessantesten was ich kenne und bei trocknem Fels für Schwindelfreie auch nicht wirklich schwierig. Der Effekt, wenn man den lange nicht sichtbaren gewaltigen Kegel plötzlich in seiner vollen Pracht unmittelbar vor sich erblickt, ist von packender Gewalt. Man nimmt den Mund wirklich nicht zu voll, wenn man von einem kleinen Matterhorn redet. Die Streitfrage, welcher Berg der schwierigere sei, der Piz d' Aela direkt von Bergün aus bestiegen oder das Tinzenhorn, ist eigentlich recht müßig. Die beiden lassen sich gar nicht vergleichen, da sie vom Besteiger ganz andere Eigenschaften verlangen. Am Aela findet man keine irgend namhafte Kletterei; dagegen stellt er einige Anforderungen an Sicherheit des Tritts an abschüssigen Firn- und Eishalden. Am Tinzenhorn kommt einzig und allein Kletterfertigkeit und Schwindelfreiheit in Frage. Wer nur eine Tour im Clubgebiet ausführen und sich nicht mit dem Damenberg Piz Kesch begnügen will, dem sei das Tinzenhorn aufs wärmste empfohlen.

Vom Tinzenhorn zurückgekehrt, machte ich in Bergün die Bekanntschaft der Herren Purtscheller aus Salzburg und Dr. Blodig aus Bregenz, ersterer bekannt als einer der allerersten, wo nicht der allererste Alpinist der Gegenwart und auch letzterer einer der hervorragendsten Bergsteiger Österreichs, mir speciell bekannt als erster touristischer Besteiger der Drusenfluh. Die beiden kamen eben vom Piz d' Aela herunter, und zwar hatten sie eine ganz gewaltige Leistung hinter sich. Sie waren — selbstverständlich ohne Führer — morgens bei Tagesanbruch von Tinzen aufgebrochen und hatten unter denkbar ungünstigen Verhältnissen, bei tiefem schmelzendem Neuschnee, die riesige Südwand des Aela erklettert. Den Abstieg nahmen sie dann auf der gewöhnlichen Route gegen Bergün zu, nur stiegen sie statt wie üblich auf den äußeren, auf den inneren Gletscher ab und fanden so beiläufig noch eine neue Variante. Bei alledem hatten sie nicht einmal ein Seil bei sich und waren abends früh schon in Bergün.

Ich muß gestehen, daß diese gewaltige Leistung meine bisherigen Begriffe über das, was möglich und zulässig sei, völlig über den Haufen geworfen hat. Diese Tour wäre auch für einen Führer ersten Rangs eine ganz namhafte That gewesen. Ich war bisher der Meinung gewesen, auch der beste Tourist erreiche die Erfahrung und Leistungsfähigkeit eines Führers ersten Ranges nicht, und hatte die österreichische Schule der Führerlosen nicht eben mit freundlichen Blicken betrachtet. Seit ich nun einmal gesehen habe, was zwei Häupter dieser Schule zu leisten vermögen, muß ich meine bisherige Anschauung als Vorurteil fallen lassen. Ich kann in der That nicht einsehen, wozu Leute, die das können, Führer mitnehmen sollten. Sie haben durch lange Übung von Jugend auf, durch ununterbrochene Trainierung und streng rationelle Lebensweise die Kunst auf eine Höhe gebracht und so reiche Erfahrung gesammelt, daß sie von Führern nichts mehr zu lernen haben und ihrer Hülfe nicht bedürfen. Dabei sind sie auch von der Natur ungewöhnlich gut ausgerüstet, lang gewachsene, hochbeinige, sehnige, magere Leute von großer Körperkraft und eiserner Konstitution, dabei eifrige Turner, welche auch im Winter durch stetige Übung den Körper geschmeidig erhalten.

Mit den Ausartungen der österreichischen Schule, dem Alleingehen auf schwierigen Gletschern, haben sie übrigens durchaus nichts zu schaffen. So wollten sie beispielsweise den Piz Kesch nur mit Seil besteigen. Speciell Purtscheller hat den Ruf eines „ sicheren Manns " und beide versicherten mich, sie unternehmen nur Sicheres und halten sich von allen Wagestücken grundsätzlich fern. Daß das Beispiel der hervorragenden Häupter der Schule schon viel Unheil angerichtet hat, indem ganz Ungeeignete ihnen das führerlose Gehen nachahmen und dabei scharenweise verunglücken, ist richtig, kann ersteren aber nicht zur Schuld angerechnet werden, da sie ja zu diesem Mißbrauch nicht auffordern. Wer es ihnen nachthun will, der mag sich ernstlich prüfen, ob er ihnen auch in der Leistungsfähigkeit gleichsteht. Ich meinerseits verzichte gerne darauf und halte mich bei allen schwierigeren Touren wohlweislich an gute Führer.

Die Herren Purtscheller und Blodig hatten es auf den Kesch abgesehen, der ihnen, wie sie sagten, als einer der schönsten und begehrenswertesten Berge der Alpen schon lange im Kopfe gesteckt hatte. Sie forderten mich auf, mit ihnen zu kommen, was mich natürlich einerseits als schmeichelhaftes Zutrauensvotum freuen mußte, anderseits aber auch in Verlegenheit versetzte. Mit solchen Koryphäen konnte ich mich natürlich nicht messen, und mich vor ihnen als Hemmschuh zu blamieren, wäre auch nicht angenehm gewesen. Ich erklärte daher, ich fühle mich sehr geehrt durch ihr Anerbieten, wolle auch gerne mitkommen, müsse aber von vornherein um Nachsicht bitten, da ich die Berge nicht in ihrem Tempo erstürmen könne. Sie versicherten mich, ich solle nur ruhig sein, sie gehen überhaupt grundsätzlich ganz langsam, aber stetig fort ohne Aufenthalt.

Leider verlor Herr Purtscheller die Geduld, als am folgenden Tag das Wetter trostlos schlecht aussah, und reiste ab. Herr Dr. Blodig hatte Zeit und blieb in Bergün, bis am Sonntag den 19. August das Wetter wieder aufheiterte. Am Montag, 20. August, führten wir beide dann zusammen die Keschbesteigung mit bestem Erfolg aus; wir fanden den Gletscher in sehr günstigem Zustand; die Felsen dagegen bereiteten wegen tiefen Neuschnees etwas mehr Mühe, als es wohl gewöhnlich der Fall ist. Der Kesch bietet ja nun wohl in seiner Harmlosigkeit wenig Gelegenheit zur Entfaltung besonderer Künste; immerhin hatte ich doch Gelegenheit, mich durch Augenschein zu überzeugen, daß Ur. Blodig die absolute Sicherheit des vollendeten Gletschermanns besitzt. Das von ihm eingeschlagene Marschtempo war in der That ein ziemlich gemäßigtes, führte aber doch bei seiner ruhigen Stetigkeit rasch weit.

Die fünf Tage, welche ich in Dr. Blodigs Gesellschaft verbrachte, waren mir vom höchsten Interesse. Ich habe viel gelernt, vielleicht nicht zum mindesten Bescheidenheit solchen Leistungen gegenüber, und eine Menge interessanter Thatsachen erfahren. Ich schaue jetzt manches ganz anders und wohl richtiger an als früher; die Bekanntschaft mit dem liebenswürdigen, vielseitig gebildeten und unterhaltenden Clubgenossen ( er ist Mitglied der Sektion Weißenstein S.A.C. ) war mir vom höchsten Wert.

Einer der Hauptberge der Gegend ist noch der Piz Uertsch, auch Piz Albula genannt, 3273 m, der im Hintergrund der Val Tisch über einem sauberen kleinen Gletscher als elegant geformtes schlankes Felshorn aufstrebt und mir jeweilen beim Abstieg von Aela und Tinzenhorn in die Augen gestochen hatte. Er findet infolge seiner versteckten Lage in einem engen Seitenthal wenig Beachtung, ist von seiner vorteilhaftesten Seite nur an ganz wenig Stellen sichtbar. Nach dem Itinerar konnte er von verschiedenen Seiten genommen werden, so an zwei oder drei Stellen der direkt südlich gelegenen Albulastraße, von Plazbi und von der Val Tisch aus. Letztere Route empfahl mir Mettier als die interessanteste zum Aufstieg. Er hatte sie zuerst ausgekundschaftet; bevor er aber dazu kam, einen Touristen da hinaufzuführen, kam ihm im Sommer 1893 Herr Professor Schiess in Basel mit zwei Söhnen ohne Führer mit glücklichem Erfolg zuvor. Seither hat Mettier, wenn ich nicht irre, die Tour einmal wiederholt. Sie ist die nächste Route, da sie in der direktesten Linie an den Fuß des Berges führt.

Dienstag den 22. August, früh 1 Uhr 50 Min., brach ich mit Mettier auf. Der hell am Himmel stehende Mond machte die Laterne überflüssig, und ziemlich rasch schritten wir durch die frische Morgenluft auf dem ordentlichen Fahrsträßchen voran, das in bequemer Steigung bis zur Alp Tisch hinauffuhrt. Bis dorthin trägt das Thal den Charakter einer romantischen Waldschlucht. Bald nachher biegt man links in eine enge Abzweigung ein, durch welche man mühelos, aber ohne alle Aussicht ansteigt. Über die mageren Weiden von Sagliaints erreichten wir nach stark 3 Stunden bei anbrechendem Tag den Gletscher, Vadret da Tisch genannt, und hielten dort die erste Frühstücksrast. Ich hatte mir vorgestellt, wir würden den Gletscher überqueren und über denselben empor die Grathöhe westlich vom Gipfel erreichen. Ich sah darum mit recht zweifelhaftem Blick die dachjähe, von vorne fast senkrecht aussehende, schwärzlich schimmernde Eiswand an, die da hinaufreicht. Beiläufig gesagt, scheint mir hier die Exkursionskarte ungenau. Nach ihr würde sich der Grat über dem Gletscher in ununterbrochenen Felswänden erheben, während diese doch thatsächlich gleich westlich vom Gipfel durch die eben erwähnte, bis auf die Höhe hinaufreichende Eiswand unterbrochen sind. Mettier führte indessen wohlweislich nicht auf diese zu. Ich will nicht gerade behaupten, daß sie absolut unzugänglich sei; eine harte Nuß gäbe sie aber sicher zu knacken. Wir unsererseits stiegen dem nördlichen Rande des Gletschers entlang auf den Grat, der sich von der Cima da Tisch her zum Uertsch herüberzieht. Über diesen zunächst noch ziemlich schmalen, felsigen Grat gingen wir dann in nordöstlicher Richtung auf unseren Berg los. Etwa halbwegs steigt dieser Grad in jähem, von unten aus senkrecht aussehendem Satz in die Höhe, der aber wider mein Erwarten ohne die mindeste Schwierigkeit überwunden wurde. Bald darauf betraten wir den Gletscher, der hier zur Grathöhe hinaufreicht und sie in schön gewölbtem Rücken bekleidet. Über diesen steil ansteigenden Gletscherrücken hatten wir nun in gerader Richtung zu den Gipfelfelsen emporzusteigen. Die Sache ließ sich anfangs überraschend günstig an. Das Eis stak unter einer soliden, gut tragenden Schicht Neuschnee, über welche wir zunächst ohne Stufenschlagen, nur die Fußspitze energisch einschlagend, rasch emporkamen. Etwa in halber Höhe ist der Rücken durch einen weit aufklaffenden, tiefen Spalt in seiner ganzen Breite durchquert. Wenn der Schnee ganz weg ist, kann dieser unter Umständen Schwierigkeiten bereiten; heute war er aber fast ganz mit Schnee ausgefüllt, so daß wir ohne besondere Vorsichtsmaßregeln einfach hinübergehen konnten. Jetzt wurde die Sache aber mehr und mehr unangenehm. Der Hang wurde steiler und steiler, was an sich noch nicht bedenklich gewesen wäre. Je höher wir stiegen, desto empfindlicher machte sich aber die Kälte fühlbar. Das Wetter war nicht schlecht; ein scharfer Westwind kämpfte hartnäckig mit den aus den Thälern aufsteigenden Nebelmassen und schien offenbar den Sieg davonzutragen. Diesem schneidend kalten Wind waren wir nun auf unserem Gletscherrücken direkt ausgesetzt. In wildem Ansturm umtoste er uns, als wollte er uns herunterwerfen, und durchschauerte uns bis auf die Knochen. Je höher wir hinaufkamen, desto härter wurde der Schnee, desto langsamer ging es voran und desto ärger schien auch der Wind zu blasen. Immer steifer wurden die Glieder und namentlich die Hände, für die ich aus Vergeßlichkeit nicht einmal Handschuhe mitgenommen hatte, litten ganz erbärmlich. Wir mochten vielleicht noch eine Höhe von cirka 100 m bis an den Fuß der Gipfelfelsen vor uns haben, da ging der Schnee plötzlich in hartes Eis über, das nur durch langwierige Hackarbeit zu bewältigen war. Wenn es so bis oben weiter ging, konnte das eine halbe Stunde oder auch mehr in Anspruch nehmen. Jetzt wurde die Lage geradezu kritisch. Schon längst konnte ich den Pickel kaum noch in den erstarrten Händen festhalten, und doch war es an der steilen Eishalde absolut notwendig, daß man sich bei jedem Schritt mit der Pickelspitze fest verankerte. Ging es noch lange so fort, so mußte der Pickel meinen Händen entfallen und dann glitt ich höchst wahrscheinlich aus. Ob Mettier in diesem Fall mich würde halten können, war nicht sicher. Beim Stufenhauen mochte er sich allerdings etwas erwärmt haben; auch war er natürlich wetterfester als ich. Riß ich ihn aber mit, so war an ein Halten nicht zu denken; dann gab es einen Todes-ritt der Tiefe zu.

Ein unerwarteter Glücksfall rettete uns. Es wäre zu erwarten gewesen, daß das Eis bis hinauf zu Tage stehen würde. Zu unserem Heil stieß jedoch Mettier nach kaum 10 Stufen schon wieder auf Schnee. Als ich sah, daß er wieder ohne Stufenhacken aufwärtsstapfte, raffte ich meine schon ganz dem Erstarren nahe gekommene Körper- und Willenskraft gewaltsam zusammen xxnd rief ihm zu, er solle so rasch als immer möglich vorangehen; ich halte es nicht mehr lange aus, sonst müsse ich mich fallen lassen. In beschleunigtem Lauf ging es nun vollends aufwärts und richtig wurden die rettenden Felsen erreicht, bevor meine Widerstandskraft gebrochen war. Hier verkrochen wir uns hinter einer vortretenden Felsecke vor dem tobenden Wind und suchten die erstarrten Glieder wieder zu erwärmen. Ich war nicht mehr imstande, den Becher zu halten; Mettier mußte mich tränken, wie ein kleines Kind. Der Schmerz in den Fingern war so arg, daß ich meine ganze Willenskraft aufbieten mußte, um nicht laut aufzuheulen.

Mitten in der größten Gefahr fuhr es mir durch den Kopf, ich habe eigentlich GülSfeldt im stillen Abbitte zu leisten. Er spricht in seinen Berichten wiederholt von Leiden, die er durchgemacht habe, und dieser Ausdruck war mir immer übertrieben und gesucht vorgekommen. Jetzt hatte ich selbst etwas erlebt, das ich unzweifelhaft als Leiden empfunden hatte.

Wir hatten den Fehler begangen, daß wir zu früh aufgebrochen waren. Eine Stunde später schon hätte die Sonne die Luft so weit erwärmt gehabt, daß wir unangefochten hinauf gekommen wären.

Nachdem die Blutcirkulation in den Gliedern wieder hergestellt war, ging 's wieder weiter. Wir hatten noch eine an sich unschwierige Kletterei über den Gipfelgrat vor uns, welche zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde dauern mochte und durch den überall aufliegenden Neuschnee nicht gerade angenehm gestaltet wurde. Um 7 Uhr 40 Min., nach 5 Stunden 50 Min. seit dem Aufbruch in Bergün, standen wir oben. Auf der Spitze selbst war es in dem schon etwas wärmer gewordenen, aber immer noch schneidenden Wind nicht auszuhalten. Wir verkrochen uns daher auf der östlichen Seite hinter den Gipfelfelsen, und dort war die Temperatur im hellen Sonnenschein, wenn auch nicht gerade behaglich, so doch wenigstens erträglich.

Mit der Aussicht hatten wir es wieder vollkommen schön getroffen. Sonne und Wind wurden der stets von neuem auftauchenden Nebelballen Meister und das wenige, was blieb, trug mehr zur Belebung des Bildes bei, als daß es Wesentliches verdeckt hätte.

Die Rundschau ist im ganzen wieder ähnlich wie auf Piz d' Aela, Tinzenhorn und Kesch. Letzterer, cirka 150 Meter höher, verdeckt allerdings einen Teil der Silvrettagruppe und des Vorarlbergs, bildet aber, hier uns seine felsige Süd- und Westseite zukehrend, einen Vordergrund von hohem Reiz. Auch der Blick ins Engadin und die schon näher gerückte Berninagruppe ist sehr schön, namentlich hübsch der Einblick nach Pontresina mit seinen blinkenden Hotelpalästen. Ich stehe nicht an, die Aussicht vom Uertsch malerisch noch über Aela, Tinzenhorn und Kesch zu stellen. Wer aufs Quantitative in erster Linie sieht, wird freilich auf dem Kesch am besten seine Rechnung finden.

Nach reichlich l1/«stündigem Aufenthalt auf dem Gipfel traten wir den Rückweg an und zwar auf dem meistbegangenen Weg über den Nordostgrat. Die Kletterei über diese ziemlich scharfe, ausgezackte Schneide war durch den Neuschnee etwas erschwert, aber doch nicht eigentlich schwierig. Im Sattel ( 2978 m ?) zwischen Piz Uertsch und Piz Blaisun schwenkten wir rechts ab und stiegen über Schnee, Schutt, kurze leichte Kletterstellen und weiter unten über steile Matten zur Albula-Paßhöhe hinunter, die wir, längeren Aufenthalt mit Photographieren und Edelweißsuchen eingerechnet, in genau zwei Stunden erreichten.

Da sich, in der bald nach uns beim Hospiz von Ponte her eintreffenden Post Platz für uns fand, machten wir es uns bequem und ließen uns nach Bergün zurückführen. Die Nordseite des Albulapasses etwa bis Naz ist entzückend schön, und so bildete denn die rasche Thalfahrt einen höchst genußreichen Abschluß der Tour, deren Mühsale und Gefahren in der Erinnerung bereits die Farbe eines interessanten Erlebnisses angenommen hatten. Gegen 2 Uhr waren wir schon in Bergün zurück. Trotzdem der Tag recht warm geworden war, war ich doch so gründlich durchfroren, daß ich mich gar nicht mehr ordentlich erwärmen konnte. Umsonst setzte ich mich eine volle Stunde lang in die brennende Mittagssonne; ich konnte ein unangenehmes Frösteln nicht ganz aus den Gliedern bringen, bis endlich das Nachtessen und der Abendtrunk das Gleichgewicht wieder herstellten.

Den Piz Uertsch möchte ich sowohl was Interesse der Besteigung als Aussicht anbelangt, als höchst lohnend empfehlen. Er verdient entschieden mehr Beachtung, als er bisher gefunden hat.

Die nächste Aufgabe war nun die Auffindung eines neuen Zugangs zum Piz d' Aela über die Ostwand. Bevor ich wußte, wo Mettier ansetzen wollte, hatte ich sofort nach meiner Ankunft in Bergün von Latsch aus den Berg genau inspiziert, und dahei war mir sofort eine Stelle in die Augen gefallen, bei der es mir schien, hier könnte man einen Versuch machen. Die Ostwand besteht bis ziemlich weit hinunter aus lauter parallel übereinander laufenden Felsbändern und eines derselben, ziemlich weit oben in doppelter Schleife geschwungen und mit Schnee bedeckt, notierte ich mir zu genauerer Beobachtung. Als ich dann den Aela auf dem gewöhnlichen Weg über Tranter Aela bestieg, erhielt ich den Eindruck, es sollte wohl möglich sein, über eines der vielen Bänder der Ostwand ziemlich weit in die Höhe zu kommen und entweder über den nach Nordosten abfallenden Hauptgrat oder direkt über die Wand den Gipfel zu erreichen. Als wir auf dem Eückweg vom Piz Uertsch das Albulathal abwärts fuhren, betrachteten Mettier und ich den sich hier gerade in seiner Ostwand prächtig präsentierenden Aela genau und kamen übereinstimmend zu dem Schluß, daß ziemlich viel Aussicht auf Erfolg bestehe. Ob es möglich sein würde, ganz bis zum sogenannten inneren, südlichen Gletscher abzusteigen, oder ob wir uns damit würden begnügen müssen, in den gewöhnlichen Weg zum unteren äußeren Gletscher einzubiegen, erschien zweifelhaft, da die Wand über dem Tnneren Gletscher augenscheinlich in nahezu senkrechtem Absturz abbrach. Allein auch in letzterem Fall würden wir unsere Aufgabe als gelöst betrachtet haben. Wir erblickten den Wert des von uns zu findenden Weges darin, daß derselbe, wenn er wenigstens nicht gar zu schwierig sein würde, regelmäßig in den Fällen eingeschlagen werden könnte, da auf dem oberen Gletscher der Schnee geschmolzen und darum eine endlose Stufenhackerei über die lange steile Eishalde nötig wäre.

Wir wollten so vorgehen, daß wir in der Aelahütte übernachten, dann früh den Gipfel auf dem zum ersten Mal 1880 von Herrn Prof. Gröbli mit Mettier eingeschlagenen Weg ersteigen und erst im Abstieg unser Glück an der Ostwand versuchen würden.

Mit dem Wetter hatten wir nicht mehr zu kämpfen. Es hatte eben die prächtige Schönwetterperiode der zweiten Hälfte August begonnen und jetzt war man auf einige Tage voraus der Sache sicher. Der Neuschnee war auch so weit abgeschmolzen, daß Mettier meinte, er werde uns am Klettern nicht mehr wesentlich hindern.

Freitag den 24. August gegen Abend brach ich zur Clubhütte auf, begleitet von Mettiers Knaben, der mir bis auf die Uglixer Höhe den Proviant trug. Mettier war schon am Morgen vorangegangen, um Edelweiß zu suchen, mit dem er einen ausgebreiteten Handel betreibt. Der Weg zur Uglixer Höhe ist eine gute Strecke weit das Erbärmlichste, Steilste und Holprigste, was mir schon unter dem Namen Weg vorgekommen ist. Und da schüttet man das Heu von den oben gelegenen ausgedehnten Bergwiesen herunter! Ein seltsamer Kontrast mit den eigent- liehen Luxussträßchen in die Val Tisch und namentlich in die Val Tuors, die einzig und allein zur Bedienung von Alpen angelegt worden sind.

Auf der aussichtsreichen Uglixer Höhe, auch Chavagl grond genannt, auf der sich ganz besonders das Tinzenhorn in ergreifender Wucht präsentiert, verabschiedete ich meinen Träger und steuerte der Hütte zu, vor der ich meinen Mettier bereits herumhantieren sah. Die cirka 270 Meter hohe, steile, glatte Rasenwand, über welche man von der Uglixer Höhe zur Clubhütte wieder absteigen muß, gehört auch nicht gerade zu den Annehmlichkeiten dieses wirklich wenig erfreulichen Weges und hat gewiß schon manchem Touristen einen Ausruf abgepreßt, der nicht gerade wie ein Segenswunsch klingen mochte.

Die Aelahütte ist ein älterer Steinbau und darf natürlich nicht mit dem Maßstab der Luxushütte am Kesch gemessen werden. Sie ist aber ganz gut in Stand gestellt und bietet jede notwendige Bequemlichkeit, ist auch mit Kochgeschirr genügend ausgestattet. Der Wildhüter des die Bergünerstöcke und die Errkette umfassenden Bannbezirks schläft häufig hier; er ist Hüttenwart und sorgt für Ordnung und reichliche Holzversorgung, was hier allerdings keine Schwierigkeit bietet, da in nächster Nähe genug verdorrte Arvenstämme herumliegen, um die Hütte noch auf Jahre hinaus reichlich zu versehen. Bei heftigem Wind ist freilich das Kochen und Heizen recht unerquicklich, da es dann vor Rauch in der Hütte nicht auszuhalten ist. Ein Patentkochofen wie in der Keschhütte ist allerdings schöner, als die einfache offene Feuerstelle, die man hier findet; allein diesen Luxus kann man in der doch ziemlich wenig besuchten Aelahütte kaum verlangen. Das Heulager der für 8—10 Mann bequem Raum bietenden und mit Decken genügend ausgerüsteten Pritsche erfreut sich offenbar eines patriarchalischen Alters; das Heu ist fast zu Pulver zerrieben oder zu harten Büscheln geballt und hegt eine reichliche Flohbevölkerung. Seine Erneuerung aus den ganz nahe gelegenen Alpen und Bergwiesen wäre wirklich dankenswert. Einen sehr willkommenen Luxus hat übrigens die Aelahütte vor derjenigen am Kesch voraus, einige Paar, ganz gewaltige Filzschuhe, in denen wohl auch der stärkst entwickelte Fuß Platz und Wärme finden wird.

Die Lage der Hütte zu oberst in der Val Spadlatscha, zwischen Tinzenhorn und Piz d' Aela, ist eine sehr schöne und wohlgewählte. Wenige Schritte entfernt fließt ein Bach vorbei, der treffliches Trinkwasser spendet. Das Tinzenhorn ist durch seinen nordöstlichen Ausläufer verdeckt; dagegen erhebt sich der Aela in kolossalen, imposanten Wänden, und thalauswärts grüßen die schön geformten Aroser Berge herüber. Nebenbei gesagt ist übrigens der Name Aelahütte nicht ganz zutreffend; Tinzenhorn-hütte wäre richtiger. Der Aela ist von der Hütte aus schwerlich schon ein dutzendmal bestiegen worden, weit häufiger das Tinzenhorn. Auf einen in der behaglich durchwärmten Hütte gemütlich verbrachten Abend folgte eine nicht allzu schlechte, durch die leidigen Flöhe freilich etwas unruhig gestaltete Nacht. Da wir fast von Anfang an helles Tageslicht brauchten, beeilten wir uns am Morgen des 24. August nicht allzu sehr mit Aufstehen und brachen erst um 5 Uhr 35 Min. beim denkbar schönsten Wetter auf.

Von der Aelahütte aus giebt es zwei Möglichkeiten, auf die Spitze zu gelangen. Der Unkundige wird ohne weiteres auf eine tief eingerissene Kluft raten, welche die Riesenwand bis oben durchsetzt. Dort hinauf ist Mettier auch in der That im Sommer 1893 mit den Herren Neher und Heinzelmann von der Sektion Piz Sol geklettert, hat aber recht schwierige Arbeit gefunden. Der gewöhnliche, jetzt auch von uns eingeschlagene Weg packt den Berg weiter südlich an, nicht gar weit von der Stelle entfernt, wo er sich mit aller Energie von dem Verbindungsgrat Aela-Tinzenhorn aufschwingt. Bis dorthin steigt man 8U Stunden bis eine Stunde ganz bequem erst über magere Weiden, dann über gutartiges Geröll. Bei den Felsen angelangt, hat man sofort mit der Kletterei zu beginnen, und zwar findet sich gleich ganz am Anfang die einzige Stelle, die mir einigermaßen den Eindruck von Schwierigkeit machte. Die erste Felsstufe muß über glatte, abgerundete, wasserüberströmte Platten erstiegen werden, welche alle Vorsicht in Anspruch nahmen. Hier habe ich einmal gerne von dem Pickel Gebrauch gemacht, den mir Mettier von oben her entgegenstreckte. Nachher ging es dann ganz gemütlich bald über Geröll, bald über Wandstufen in nie mehr als Mittelschwierigkeit aufwärts, ziemlich direkt auf den Westgrat los. Ungefähr bei Punkt 2937 erreichten wir die Grathöhe, und hier wurde uns ein geradezu packender Anblick zu teil. Durch einen sich plötzlich öffnenden Spalt sieht man direkt auf einen ziemlich bedeutenden, prachtvoll blaugrünen Bergsee hinunter, das größte der auf der Karte mit Lajets bezeichneten Gewässer. Das ist eine der ergreifendsten Wirkungen, deren ich mich aus den Alpen zu erinnern weiß.

Die Grathöhe ist nicht gangbar; wir ließen sie daher rechts oben liegen und kletterten weiter, meist im Zickzack aufwärts, uns nie weit von der Höhe entfernend. Endlich erreichten wir die Gratschneide an einer zweiten Stelle, und hier mußte es sich nun entscheiden, welche von zwei möglichen Richtungen wir einschlagen würden. Man kann den Grat überschreiten'und auf der anderen Seite über ein horizontales Felsband in eine äußerst steile Eisrinne einbiegen, welche von Südwesten direkt zum Gipfelgrat aufsteigt. Das ist der nähere und leichtere Weg, aber nur praktisch, wenn die Rinne sich in gutem Zustand befindet, das Eis nicht blank zu Tage tritt, oder mit einer ganz lockeren, rutschenden Schneeschicht bedeckt ist. Ist die Stufenhackerei hier zu lang oder wie im zweiten Fall zu gefährlich, so klettert man über den bisher verfolgten Grat weiter bis auf den westlichen Vorgipfel, der von der eigentlichen .78D- Stokar.

Spitze durch die Lücke getrennt wird, in welche die eben erwähnte Kinne ausmündet. Diese Gratkletterei muß in der That schwierig sein; wenigstens sieht es vom Gipfel aus, wo man den Grat direkt im Profil übersieht, geradezu abenteuerlich aus, daß man da hinauf kommen solle. Ich hätte eigentlich gerne diesen Weg gewählt, da meine Erwartung einer recht ausgiebigen Kletterei bisher nicht erfüllt worden war. Die Erwägung, daß uns die Rinne vermutlich bedeutend schneller hinauf befördern würde und wir für die Hauptarbeit möglichst viel Zeit haben mußten, bewog mich aber doch, darauf zu verzichten. Beim Abstieg würde es ja aller Voraussicht nach genug zu klettern geben.

So bogen wir denn über das schmale, bei einiger Vorsicht aber recht gut gangbare Band in die Eisrinne ein, welche wir in denkbar günstigster Verfassung vorfanden. Das Eis war mit einer ziemlich dicken Schicht mittelharten, gut haftenden Schnees bedeckt, auf dem wir ohne Stufenhacken vorankäme^ nur jeweilen die Fußspitze recht energisch einbohrend und uns bei jedem Schritt sorgfältig mit dem Pickel verankernd. Die Situation war hier allerdings wirklich pikant. Den Neigungswinkel eines Hanges ohne Klinometer zu schätzen, ist schwierig; in der Regel wird man ihn zu hoch anschlagen. Ich kann nur so viel sagen, daß er sehr bedeutend ist. Unten verläuft die Rinne im leeren Abgrund, und wenn ich nicht irre, so lockt und grüßt aus der Tiefe der schon erwähnte blaue Seespiegel herauf. Wer seines Kopfes nicht absolut sicher ist, der bleibe dieser Rinne fern, die im übrigen keinerlei technische Schwierigkeit bietet. Wir stapften fröhlich ohne Aufenthalt hinauf, bis nicht mehr weit unterhalb der Höhe die Schneeschicht immer dünner wurde und schließlich das blanke Eis zu Tage trat. Da hieb Mettier einige tiefe Stufen quer über die Rinne zu den Felsen hinüber, über welche dann in wenigen Minuten ohne alle Schwierigkeit der Gipfel erreicht wurde. Die allerletzte Partie bildet ein ziemlich schmaler, kurzer Schneegrat, der die Schwindelfreiheit nochmals recht ausgiebig auf die Probe stellt.

Um 9 Uhr 20 Min. standen wir oben. Die ganze Besteigung hatte 38k Stunden gekostet. Das Seil hatten wir nirgends verwenden müssen, aber freilich auch den Berg unter selten günstigen Verhältnissen getroffen. Die Felsen waren fast schneefrei, die Temperatur angenehm warm. An Schwierigkeit hatte die Sache meine Erwartungen nicht erfüllt; eine Stelle wie die bekannte am Tinzenhorn findet sich nirgends; allerdings meinte Mettier, er habe diesmal ganz zufällig die bisher schwierigste Stelle umgangen. Prächtig schön und interessant ist diese Route aber in hohem Grade, und ich rate jedem schwindelfreien Aelaliebhaber an, den Berg von dieser Seite zu besteigen. Abgesehen von dem Vorteil, daß man in der Clubhütte reichlich 800 m höher ist als in Bergün, bietet diese Route bei weit geringerer Anstrengung viel mehr Reiz und Abwechslung als die gewöhnlich verfolgte endlos lange und ermüdende über Tranter Aela, Aus den Bergüner Bergen.JQ die überdies wenigstens im obersten Firnfeld auch einige Anforderungen an Schwindelfreiheit und Sicherheit des Trittes stellt.

Wir hatten es herrlich getroffen auf dem Gipfel: tadellos helle, aufs schönste beleuchtete Aussicht, prächtig warme und windstille Luft und dabei ausnahmsweise keine photographische Arbeit. Da konnte ich mich endlich einmal wirklich mit vollstem Urbehagen dem Genuß hingeben. Es gewährt freilich viel Vergnügen, wenn man einige wohlgelungene Photographien von einer Bergtour mit nach Hause bringt; allein es klebt daran doch mehr Schweiß und Selbstüberwindung, als man wohl glaubt. Ganz abgesehen von der Mühe des Tragens ist es eben kein Vergnügen, auf dem Gipfel endlich angelangt, auf beschränktem Raum und mit kalten, steifen Fingern am Apparat zu manipulieren, statt sich behaglich der Ruhe und dem Genuß hinzugeben. Ich habe mir schon hie und da gesagt: Du bist eigentlich ein Narr, daß du dich mit dem lästigen Möbel schleppen magst. Allein wenn ich dann wieder ein paar ordentlich gelungene Bilder erhalten hatte, war die Freude darob so groß, daß ich den Apparat das nächste Mal doch wieder mitnahm. Heute hatte ich mir nun die Mühe sparen können, da ich schon das erste Mal auf dem Aela mit gutem Erfolg photographiert hatte.

Eine starke Stunde blieben wir oben, dann trieb uns die Ungewißheit, wie lange Zeit der zu findende neue Abstieg beanspruchen würde, um 10 Uhr 25 Min. zum Aufbruch.

Der Gipfel des Aela springt klotzig und eckig erkerartig nach Norden über die Gratlinie vor. Zwischen diesem Vorsprung und dem von Nordwesten nach Südosten streichenden Hauptgrat senkt sich ein breites Couloir zur Tiefe, das, soweit man es von oben überblickte, wohl gangbar aussah. Durch dieses wollten wir zunächst absteigen, bis es in eines der oben erwähnten Bänder einmünden würde, das uns dann in nördlicher Richtung weiter befördern sollte.

In dem Couloir kamen wir jedoch nicht weit; bald brach es in ungangbaren Wänden ab und wir mußten nach rechts auf die Grathöhe klettern und sehen, ob wir über diese weiter kämen. Es begann jetzt eine äußerst abwechslungsreiche Kletterei den wild zerrissenen Grat hinunter, bald auf der Schneide, bald auf der einen oder anderen Seite. Das war nun freilich andere Arbeit als heute früh beim Aufstieg; da mußte alles aufgeboten werden und da kam auch gleich das Seil zur Anwendung. Mehr als einmal glaubte ich, jetzt hätten wir uns glücklich festgerannt und könnten nicht mehr weiter; aber immer fand sich wieder irgendwo eine Spalte, durch die man hinunterkriechen, oder eine schmale Felsleiste, über die man sich seitlich wegschieben konnte. Schon rückte die von unten beim Rekognoscieren genau in Obacht genommene Stelle näher, wo der Grat mit einer hohen senkrechten Wand abbricht und sich eine breite Scharte öffnet, in deren Mitte ein hoher, schlanker, wie ein Riesenstein- mann aussehender Fels steht. Diese Wand setzt augenscheinlich jedem weiteren Vordringen auf dem Grat ein Ziel; wir mußten daher unbedingt vorher nach links abbiegen.

Bald kam auch richtig ein schmales schneebedecktes Band, das steil abwärts nach links in die Ostwand hinein führte. Das wollten wir benutzen, mußten aber bald wieder umkehren, da es plötzlich abbrach. Also wieder hinauf auf den Grat und dort noch ein Stück weiter. Es dauerte nicht mehr lange, da mündete ein breiteres Schneeband auf den Grat aus, das besseren Erfolg zu versprechen schien. Es war augenscheinlich das in doppelter Schleife gewundene Band, das mir gleich beim ersten Anblick in die Augen gestochen hatte. Hier ging es nun besser. Das Band führte anfänglich steil in die Tiefe und war dabei nach unten stark abschüssig. Es war mit tiefem Schnee bedeckt, der schon weich war, aber bei vorsichtigem Auftreten ordentlich hielt. Der unter dem Schnee steckende Boden war offenbar plattig, hie und da mit losem Schutt bedeckt. Die Sache war etwas unheimlich, da man nie sicher war, ob der Schnee nicht abrutschen werde. Einmal an der allersteilsten Stelle wurde das Band ganz schmal, so daß wir uns rückwärts unter die oben überhängende Felswand kauern und sitzend langsam abrutschen mußten, den Pickel nach Möglichkeit verankernd und, wo es thunlich war, sich an kleine Eauhigkeiten der Felsen anklammernd.

Wie lange diese nassen Turnübungen gedauert haben mögen, kann " ieh'nicht sagen; wir hatten anderes zu thun als nach der Uhr zu sehen. Schließlich wurde die Schneeschicht immer dünner und endlich ging sie ganz aus. Damit war die Aufgabe bedeutend erleichtert. Die plattigen Bänder erforderten zwar immer noch volle Aufmerksamkeit und sicheren Tritt, waren dann aber weder schwierig noch gefährlich. Sobald es möglich war, verließen wir das bisher begangene Band und stiegen auf tiefer liegende herab, und so kamen wir ziemlich rasch in die Tiefe, bis wir schließlich in den gewöhnlichen Aelaweg an der Stelle einmündeten, wo man um den Nordostgrat umbiegt, um über ein Schneeband zum unteren Gletscher abzusteigen.

Es wäre nun das Einfachste gewesen, wieder diesen Weg einzuschlagen; die Aufgabe, die wir uns gesetzt hatten, war im wesentlichen gelöst. Wir wollten aber doch noch die ganze Ostwand bis auf den inneren Gletscher hinabklettern, obschon diese Strecke von den Herren Purtscheller und Blodig bereits begangen war. So wandten wir uns wieder rechts südlich und kletterten von Band zu Band in die Tiefe. Dr. Blodig hatte mir ungefähr die Stelle bezeichnet, wo sie den Gletscher erreicht hatten, und so war die allgemeine Direktion zunächst gegeben. Anfangs ging es ganz leicht, dann wurden aber die Bänder immer schmaler, die Gesamtneigung der Wand immer steiler. Eine nicht eben angenehme Beigabe war es, daß wir einmal mitten durch einen ganz anständigen Wasser- fall gehen mußten, und zwar war das Bändchen, auf dem wir ihn zu durchschreiten hatten, so schmal und abschüssig, daß man nicht rasch durchspringen konnte, sondern langsam Schritt für Schritt gehen mußte. Die Sonne brannte aber so heiß auf uns herunter, daß wir bald genug wieder trocken waren.

Je tiefer wir kamen, desto mehr häuften sich die Schwierigkeiten und schließlich sah es fast aus, als hätten wir uns in aller Form verklettert. Wir waren nicht mehr sehr hoch über dem Gletscher; schon sahen wir auf dem Schnee unten ganz deutlich die Spuren unserer Vorgänger. Aber wie hinunterkommen? Die Wand stürzte in einem letzten fast senkrechten Absturz auf den Gletscher ab, und nirgends wollte sich ein praktikabler Abstieg finden. Wir waren offenbar zu weit rechts geraten; weiter links in der Nähe des erwähnten Wasserfalls hätte sich wohl eher ein Ausweg gefunden. Der Fehler war aber nur gut zu machen, wenn wir wieder hinauf kletterten und dazu hatten wir wenig Lust. Wir mochten jetzt seit dem Aufbruch vom Gipfel so ziemlich 3x/2 Stunden ununterbrochener, fast beständig schwieriger Kletterei hinter uns haben und sehnten uns nachgerade danach, wieder auf festen Boden zu kommen. So schickte ich denn Mettier auf Rekognoscierung aus, und bald brachte er auch die erfreuliche Nachricht, er glaube, es gehe. Mit Benützung der kleinsten Vorsprünge kamen wir auch wirklich bis zur letzten Felsstufe und über diese hinunter halfen wir uns mit Abseilen am doppelten Seil, das in seiner Länge gerade knapp ausreichte.

Auf dem Gletscher konnten wir zunächst ein Stück weit abrutschen; dann wurde er flacher, blieb aber bis zum unteren Ende leicht gangbar. Wir sahen nun, daß wir wirklich zu weit rechts, südlich geraten waren; weiter links hätte sich der Abstieg offenbar leichter finden lassen. Der Gletscher schien in förmlicher Auflösung begriffen, solche Mengen von Schmelzwasser entsandte er in Form von Binnen und Bächen von allen Seiten her. Ein einziger recht heißer Sommertag kann ein solches kleines Eisreservoir um ein tüchtiges Stück reducieren.

Unterhalb des Gletschers ging es zuerst über Schutt, dann durch magere Schafweiden, in denen sich ein Stück weit ein ganz ordentlicher Fußpfad fand. Wir hätten nun eigentlich nach links abschwenken und fast eine Stunde lang eben fort gehen sollen, um in den Uglixerweg einzumünden. Dazu hatten wir aber keine Lust. Etwa 1000 m tiefer lag Bergün direkt zu unseren Füßen, scheinbar ganz nahe. Da entschlossen wir uns, dem Beispiel der Herren Purtscheller und Blodig zu folgen, welche einfach dem Gletscherbach entlang durch die von demselben in den Berg eingefressene tiefe Schuttrunse abgestiegen oder vielmehr abgesprungen waren. Das versprach gerade keine sehr sanfte, aber eine rasche Beförderungsweise und die war uns jetzt die liebste. Bis weit hinunter ging es auch sehr rasch; große Strecken weit konnten wir auf- Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 30. Jahrg.fi recht durch den losen Schutt abfahren; dann eilten wir wieder in großen Sprüngen über härtere Halden. Erst ziemlich weit unten wurde die Bachrinne ungangbar und da mußten wir uns durch lästiges Gestrüpp durchwinden, das meinen ohnehin übel mitgenommenen Hosen vollends den Garaus machte. Schließlich mündeten wir im Wald auf einen ordentlichen Fußweg ein, auf dem uns schon ganz weit unten eine hart vor unseren Füßen über den Weg kriechende stattliche Kreuzotter daran mahnte, daß man in der hiesigen Gegend an gewissen Lagen wohlthut, an dieses Gezücht zu denken. Namentlich in der Val Tuors und zwar speciell an den sonnigen Halden, wo das schönste Edelweiß wächst, werden diese unheimlichen Tiere häufig angetroffen.

Um 3 Uhr 35 Min. kamen wir in Bergün an. Der Abstieg hatte etwas mehr als 5 Stunden gedauert. Die Abkürzung durch die Schuttrunse hatte uns zum mindesten eine starke Stunde erspart. So war denn die gestellte Aufgabe glücklich gelöst und meiner Kletterlust wieder einmal gründlich Genüge geleistet. Unsere Hoffnung, einen Weg zu finden, der zu allgemeiner Benützung empfohlen werden könnte, hatte sich freilich nicht erfüllt. Nur der Specialliebhaber pikanter Klettereien mit allen Chicanen kann auf ihn verwiesen werden, dieser aber mit voller Überzeugung; er wird reichlich finden, was sein Herz freut. Mettier hatte seinen alten Ruf als hervorragender Kletterer wieder glänzend bewährt.

Meine Ferien rückten nun rasch ihrem Ende zu und ich mußte ans Heimreisen denken. Mettier drang mit aller Macht darauf, daß wir zum Schluß noch den Piz d' Err über den Errgletscher besteigen sollten. Nun hatte ich mir aber am Aela einen lästigen Katarrh geholt; wenn ich in der Alp d' Err ein schlechtes, luftiges Nachtlager finden und einen ganzen Tag im Schnee herum waten sollte, so fürchtete ich eine Verschlimmerung des Übels, und mit einer solchen Bescherung am Hals wollte ich nicht nach Hause kommen. Auch war es mir bei dem ganzen Projekt nicht recht geheuer. Wie ich auf dem Tinzenhorn gesehen hatte, handelte es sich um einen wild zerklüfteten Gletscher, und einen solchen nur zu Zweien anzugehen, widerspricht aller Theorie. Ein dritter Teilnehmer war jetzt aber nicht aufzutreiben, und so vertagte ich zu Mettiers Verdruß das Projekt auf kommenden Sommer, wenn mir bis dahin nicht ein anderer zuvorgekommen sein wird. Bei einer tüchtigen Kletterpartie auf trockenem Fels hoffte ich in der herrschenden Hitze meinen Katarrh wieder herausschwitzen zu können, und so beschloß ich denn, die Heimreise über Sertig und Davos anzutreten und unterwegs noch das Sertig-Plattenhorn ( 3107 m ) mitzunehmen, das nach Angabe des Itinerars erst zweimal und noch nie von der Bergüner Seite aus bestiegen worden war und eine schöne Kletterei versprach. Mettier hatte die erste Besteigung durch die Herren Pfarrer Hauri und Gebrüder Spengler aus Davos geleitet und war daher der richtige Mann für den Berg.

Dienstag den 28. August früh 3 Uhr brachen wir auf. Obschon der Mond nicht schien, war die Laterne auf dem breiten Fahrsträßchen nicht notwendig. Hinter Chaclavuot verengert sich dasselbe bedeutend, bleibt aber fast bis zum größeren Raveis-ch-See ganz ordentlich fahrbar. Vielleicht 10 Minuten unterhalb dieses Sees schwenkten wir links ab und stiegen zuerst über steile Rasenhalden, dann weiter oben über Schutt gegen die Lücke zwischen Hoch-Ducan und Plattenhorn auf. Auf einer Rasenterrasse, ungefähr in halber Höhe, stießen wir zu unserer Überraschung auf zwei nicht ganz unbedeutende kleine Seen, die auf der Karte nicht verzeichnet sind, während sie doch viel kleinere bloße Tümpel anderwärts sorgfältig angiebt. Weiter thalabwärts am Fuß des Ducan wurde später noch ein dritter sichtbar. Etwas höher oben sodann fanden wir eine ziemlich ausgedehnte, mit Schnee gefüllte Mulde. Da unter dem Schnee ganz unverkennbar das harte Eis lag, ist dieses Schneefeld offenbar ständig und hätte wohl die Verzeichnung auf der Karte verdient.

Das Plattenhorn erhebt sich von hier aus gesehen in Gestalt einer in eleganten Kurven scharf zulaufenden Kuppe; die uns zugekehrte Südwand ist von mehreren tief eingefressenen, gerade zum Gipfel emporführenden Rinnen durchsetzt. Meine Anregung, wir sollten dem Berg von dieser Seite durch eine der erwähnten Rinnen zu Leibe gehen, lehnte Mettier ab, da das Gestein gar zu schlecht sei; wir müßten auf der Nordseite ansetzen.

Über eine in der obersten Partie sehr lästige Schutthalde erreichten wir um 7ak Uhr den Sattel zwischen Hoch-Ducan und Plattenhorn. Hier wurde 3i* Stunden lang geruht. Von hier aus könnte ohne Zweifel auch der Hoch-Ducan bald über den Grat, bald auf der einen oder anderen Seite traversierend, bestiegen werden.

Um V29 Uhr brachen wir wieder auf. Der Weg zum Gipfel war klar gegeben. Gerade aufwärts über den Grat war nicht zu kommen; dagegen zog sich von der Lücke aus ungefähr in gleicher Höhe mit dieser ein schmales Band der Nordseite des Berges entlang. Dieses mußten wir eine Strecke weit bis direkt unter den Gipfel verfolgen und dann gerade zu demselben emporsteigen. Ernsthafte Hindernisse waren dem Anschein nach nicht zu erwarten.

Ich kann auch nicht sagen, daß wir auf eigentliche Schwierigkeiten gestoßen wären. Es gab nirgends Klettergriffe, welche irgend welche Gewandtheit erfordert hätten. Die Steigung ist nicht besonders stark, der Fels überall großbrüchig und bietet Handhabe zur Auswahl. Dabei ist er aber dermaßen unerhört faul und brüchig, daß man eigentlich gar nirgends außer Gefahr ist. Wo man hintritt und greift, giebt alles nach; solch erbärmliches Gestein ist mir noch gar nirgends vorgekommen und ich hege nicht das mindeste Verlangen, es je wieder anzutreffen. Von Genuß kann da gar keine Rede sein; es giebt nichts als Ärger und Unsicherheit.

Die Aussicht, die wir nach dreiviertelstündiger mühsamer Arbeit oben fanden, ist allerdings recht schön, zwar nicht sehr ausgedehnt, aber wirklich reizvoll. Die Berninakette ist durch den Piz Kesch verdeckt, der sich auch seinerseits nur mit seinen oberen Partien über den vorgelagerten Piz Murtelet erhebt und daher lange nicht den Effekt macht wie beispielsweise von der Sertig-Paßhöhe aus. Nach Südwesten verdeckt der höhere Hoch-Ducan vieles, kurz quantitativ ist die Aussicht nur nach Westen, Norden und Osten einigermaßen frei und weit. Von großem idyllischem Reiz ist aber namentlich der Blick auf das still und friedlich zu Füßen liegende Sertigthal. Das wird man übrigens ziemlich identisch auch auf dem benachbarten Hoch-Ducan finden, der nach Mettiers Versicherung zwar auch brüchig ist, aber lange nicht in dem Maße wie das Plattenhorn, und der, weil 50 m höher, einen erheblich freieren Ausblick bietet. Wer also in dieser Kette klettern will, der halte sich an den Ducan und überlasse das Plattenhorn den selten gründlichen Leuten, welche der topographischen Vollständigkeit wegen jeden Gipfel bestiegen haben wollen. Ehre und Genuß ist dort wenig zu holen; ich bedaure entschieden, den tadellos schönen Tag nicht besser benützt zu haben.

Wir blieben lx/2 Stunden auf der luftigen Zinne, im warmen Sonnenschein ein recht behaglicher Aufenthalt, den wir zum guten Teil damit zubrachten, Steine in die Tiefe zu werfen. Dieses an sich ziemlich kindliche Vergnügen hatte hier entschieden einen gewissen Reiz. Es war wirklich interessant zu sehen, wie ein einziger Stein ganze Lawinen losen Gerölls mit sich in die Tiefe riß und wie schließlich alles in feinen Schutt und Staub zerfuhr. Da am Fuß des Berges bis ganz hinunter in die Sohle des Ducanthals nichts als tote Schutthalden liegen, so konnten wir uns diesem Spiel ruhig hingeben, ohne Beschädigung von Menschen oder Tieren befürchten zu müssen.

Endlich war auch dieser Reiz erschöpft, und um 11 ühr traten wir den Abstieg an, der sich mit aller denkbaren Vorsicht ohne Unfall vollzog. Im Sattel zwischen Plattenhorn und Hoch-Ducan hätte Mettier eigentlich nach Hause abschwenken sollen. Er entschloß sich aber plötzlich, mich nach Davos zu begleiten, wo er seine Tochter besuchen wollte.

Vom Fuß der Felsen bis ganz hinunter ins Ducanthal zieht sich eine gewaltige Schutthalde, über die wir jetzt hinab mußten. Sie ist jedoch durch eine ziemlich hohe senkrechte Felsstufe unterbrochen und diese hielt uns einige Zeit auf, bis wir endlich eine Stelle fanden, an der hinunterzukommen war. Wir mußten uns weit nach links bis unter die Felsen des Hoch-Ducan ziehen; dort fand sich endlich ein Eamin, durch welchen wir hinunterklettern konnten.

Die nun folgende mächtige Schutthalde war nicht so bequem zu passieren, wie wir gehoift hatten. Wir hatten erwartet, wir würden einfach mit einer Schuttlawine stehend abfahren können. Allein so bequem wurde es uns nicht gemacht. Das Gestein ist so faul, daß es sich im Fall in lauter ganz kleine Partikelchen auflöst, und diese verfilzen sich förmlich mit einander zu einer festen, harten Masse, welche nur selten rutscht. Sehr charakteristisch ist der Umstand, daß sich ganz unten am Ende der Halde nur wenige größere Steine finden. Eine normale Schutthalde besteht sonst oben aus ganz feinem Geröll, und je weiter man abwärts kommt, desto größer wird gemäß dem Gesetz der Schwere das Kaliber der Steine, bis schließlich unten die ganz großen Blöcke liegen bleiben. So beschreibt auch das Itinerar die Schutthalden des Hoch-Ducan. Vom Plattenhorn kommt aber offenbar nur ganz ausnahmsweise einmal ein größerer Stein unversehrt auf der Schutthalde an. Weitaus die meisten zerfahren unterwegs beim Aufschlagen in kleine Stücke.

Wie lange der Abstieg dauerte, habe ich nicht notiert. Wir kamen nachmittags früh in Sertig-Dörfli an, und hier trennten sich nun unsere Wege doch, da Mettier sofort engagiert wurde, um ein Ehepaar über den Sertigpaß nach Bergün zu führen. So verabschiedete ich denn den Mann, der mir treffliche Dienste geleistet und bei den mit ihm ausgeführten Touren alle Eigenschaften eines Führers ersten Ranges an den Tag gelegt hatte. Er ist der richtige Mann, mit dem zusammen man Neues aufsuchen kann. Er hat dafür den richtigen Spürsinn, die mit Vorsicht gepaarte Kühnheit und vor allem das eigene lebendige Interesse. Daß er ein Kletterer allerersten Ranges ist, das ist hinlänglich bekannt; allein auch auf Schnee und Eis stellt er nicht minder seinen Mann, und dabei ist er ein angenehmer Gesellschafter, dem der Humor nie ausgeht.

Über die Heimreise ist nichts mehr von Belang zu melden. Die Nacht verbrachte ich in dem stolzen Davos, dessen Hauptstraße mit ihren pompösen Hotelpalästen jeder Großstadt wohl anstehen würde. Auf der Paßhöhe von St. Wolfgang winkten mir Piz d' Aela und Tinzenhorn einen letzten Gruß zu, den ich mit einem freudigen: „ Hoffentlich auf Wiedersehen im nächsten Sommer !" erwiderte.

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