Aus den Gomserbergen

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G. Kamlah ( Section Monte Rosa ).

Aus den Gomserbergen Von Bislang sind die das obere Rhonethal auf der Strecke von Niederwald bis Münster umgebenden Gebirge nur selten von Touristen besucht worden, trotzdem sie dem Naturfreund, der es nicht verschmäht, die minder bekannten Theile der Alpenwelt zu durchwandern, eine Fülle ungeahnter Schönheiten bieten. Der Tourist wird außerdem, wofern er es der Mühe werth hält, nicht blos das Land, sondern auch die Leute kennen zu lernen, im Goms fast durchweg ein kräftiges und tüchtiges Volk antreffen.

Das Kirchdorf Blitzingen, wo das treffliche und gemüthliche Gasthaus der Geschwister Seiler zum längeren Aufenthalt einladet, bildet einen passenden Ausgangspunkt für Spaziergänge und größere Fahrten in den Gomserbergen. Bereits der etwa zwanzig Minuten oberhalb des Dörfleins gelegene Hügel Kasten-biel ( 1429 w ) gewährt einen prächtigen Ausblick in das Rhonethal. Im Nordosten liegt das obere Goms Aus den Gomserbergen.1(53 mit seinen schmucken, braunen Dörfern im grünen Wiesengrund vor uns. Steile Berghänge, mit dunkeln Tannen und hellgrünen Lärchen bestanden, umkränzen das stille, ernste Thal, dessen Schluß der weiß glänzende Galenstock bildet. Schauen wir nach Südwesten, so schieben sich hinter dem waldigen Vordergrund, coulissenartig, die zum Rhonethal abfallenden Bergketten vor, hinter denen das herrliche Weißhorn hervorleuchtet. Ueberraschend schöne Farbentöne kann man beim Sonnenuntergang vom Kastenbiel aus bewundern. Sehr lohnend ist auch der Spaziergang nach Bellwald und der aussichtsreichen Richinenalp. Von Blitzingen führt über Wyler, bald durch lichte Waldung, bald durch Matten, sich am Berge oberhalb Niederwald hinziehend, ein leidlicher Fußweg nach Bellwald. Im Winter 1882-1883 hatte eine gewaltige Lawine einen nicht unbedeutenden Theil des oberhalb des genannten Fußwegs befindlichen Waldes niedergerissen und das Dorf Niederwald in große Gefahr gebracht.

Von der schönen Richinenalp, die sich, wie hier bemerkt sein mag, durchaus nicht in dem elenden und vernachlässigten Zustande wie die übrigen Alpen im Goms befindet, kann man zu den Blitzingeralpen gelangen oder auch in mäßiger Steigung den zum Vieschergletscher abfallenden Grat erreichen und von hier ab, auf rauhen und steinigen Kamm in nordöstlicher Richtung emporsteigend, das Setzenhorn ( 3065 m ) besuchen. Praktischer ist 's indessen, die Besteigung letztgenannten Berges mit der übrigens weit lohnenderen des nördlich sich erhebenden Punktes 3299 des Kartenblattes Obergestelen zu verbinden. Der Besuch dieses schönen Berges ' ), den ich provisorisch Riszpn-iiorn nenne, kann von mir — ich bin dreimal bei klarem Wetter dort gewesen — nur empfohlen werden. Der beste Weg dorthin ist folgender: Durch den Blitzingerwald an der Alp Heustätten vorüber steil ansteigend, hat man den Bergrücken zwischen Wyler-und Hilpersbach, die Hohegg, zu gewinnen. Sobald diese erreicht ist, genießt man eine vortreffliche Aussicht; herrlich ist 's von hier ab die Penninischen Alpen bei Sonnenaufgang zu betrachten. Dem Grat folgend geht man bis zum Thälistock ( 2767 m ), so ist 's der Aussicht halber angezeigt. Direct nördlich von diesem Berge erblickt man einen ob einem Gletscher sich erhebenden Schneeberg; dieser ist das Ziel.

lieber magere Schafweiden und Steinhalden, die anno 1883 glücklicher Weise mit h'rnhartem Schnee bedeckt waren, kommt man ziemlich mühsam, die schönen kleinen Seen ( beim rothen Seewji ) rechts lassend, mehrfache, zum Bieligertal herabführende Wasserrinnen überschreitend, zum Gletscher. Dieser ist leicht und angenehm zu passiren; ebenso ist der nördlich davon aufsteigende Gipfel unschwierig zu besteigen. Nur im Norden versperrt das wilde Wasenhorn die Aussicht, abgesehen hievon ist sie frei. Eigenartig schön ist der Blick auf die den Walliser Viescher- Firn einrahmenden Gipfel. Finsteraarhorn, Grindel-wald-Viescherhörner, Grünhorn, Grüneckhorn, sowie die Walliser Viescherhörner erheben sich unmittelbar vor dem Beschauer. Die Fernsicht nach Westen, Süden und Osten auf die Montblancgebirge, die Penninischen Alpen, all die zahlreichen Gipfel von Monte Leone östlich bis tief nach Bünden hinein ist ausgezeichnet. Direct unter uns liegt Eggishorn und der Merjelensee. Zum Setzenhorn steigt man, nachdem man den oben geschilderten Gletscher auf dem Rückweg überschritten, sich rechts haltend, über unangenehme Trümmerhalden unschwierig hinauf. Leicht gelangt man von diesem Punkt aus, an mehreren kleinen Seen vorübergehend, die im Hochsommer 1883 noch mit Eis bedeckt waren, stets dem Wasserlauf folgend, zur Schratalp hinunter. An dieser Stelle möchte ich darauf aufmerksam machen, daß alte Bauern aus Blitzingen und Niederwald mir oft von einem Pfad erzählt haben, der über die Schratalp, in der Furche des Wylerbachs aufsteigend, zum Grat geführt habe und dann hinab auf den Vieschergletscher gegangen sei, von wo man nach Grindelwald gelangt sei. Spuren eines Weges seien oben am Grat ob dem Vieschergletscher noch sichtbar, auch habe man dort oben Hufeisen gefunden. Die gewaltige Schneemenge, unter welcher 1883 die hier in Frage kommende Gegend begraben lag, machte Nachforschungen unmöglich. Mir persönlich scheint die Sache ziemlich unwahrscheinlich zu sein, obwohl man zum oberen Vieschergletscher ohne besondere Schwierigkeiten absteigen kann.

Weniger glücklich als in der Kette zwischen dem Selkingerthal und dem Vieschergletscher war ich mit meinen Fahrten in dem Gebiet zwischen dem obern Bieliger- und dem Bächithal:

Es war bereits spät geworden, 41« Uhr, als ich Ende Juni 1883 von Blitzingen aufbrach, um über das etwa 20 Minuten entfernte Selkingen in 's Selkinger-oder Bieligerthal zu marschiren. Ueberall sah man Spuren von Lawinen; auf einer den Wallibach überdeckenden Schneebrücke stand eine stattliche Lärche. Bis zur obersten Hütte des Thales reichte der Schnee. Da derselbe gut gangbar war, so kam ich ziemlich schnell vorwärts. Um 8V2 Uhr war der Gälmiengrat erreicht. Vor mir lag der schöne Bächigletscher, nach Norden zu sich scheinbar sanft zum hintern Galmihorn emporziehend, im Westen und Osten von den steilen Abfällen der Gälmienhörner und des Firrenhorns eingefaßt.

Der Versuch, von diesem Punkt aus das Vorder-Galmihorn zu erreichen, scheiterte der gewaltigen von der Sonne durchweichten Schneemenge halber. Bis an die Brust einsinkend, mußte ich, nachdem ich kaum 100 Meter emporgestiegen, umkehren. Zudem war im Nordwesten dichtes Gewölk heraufgezogen. Ich watete und fuhr nunmehr vorsichtig zum Bächigletscher hinab, um nach Reckingen zu gelangen. Zuerst ging der Abstieg vortrefflich. Da, etwa 150 Meter unterhalb des Gälmiengrats, wird das Schneefeld ungeheuer steil, unter mir sehe ich große Spalten klaffen. In der Hoffnung, rechts eine bessere Passage zu erreichen, wate und klettere ich mühsam weiter; auch hier öffnet sich unter jähen, übereisten Fluhsätzen ein Bergschrund.

Allmälig war der Raum zum Traversiren immer schmäler geworden und mein Standpunkt zwischen jenem verwünschten Felsabsturz und den Steilabfällen des hinteren Gälmienhornes ein höchst unbehaglicher. Es war 11 Uhr Mittags und die Sonne brannte heiß. Bis dahin waren nur kleine Eiszapfen von den Felsen der Gälmienhörner herabgefallen, da, als ich mit größter Anstrengung eine vorspringende Ecke erklommen, stürzt etwa 20 Meter vor mir ein großer Schneeschild von einer Fluh herunter. Das war für mich ein Befehl zum Rückmarsch, der noch weit unangenehmer und gefährlicher war, als das Vorrücken. Genug, der Gälmiengrat wurde wieder erreicht, wo mich sofort auf dem nassen Schnee ein Schlaf von einer Viertelstunde Dauer erquickte. Meinen Proviant hatte ich während des Aufenthaltes unter den Gälmienhörnern verloren.

Aus der keineswegs sehr vergnüglichen Fahrt habe ich gelernt, daß der beste Abstieg zum Bächigletscher in möglichst direkt östlicher Richtung zu nehmen sein wird, obwohl auch hier unangenehme Stellen sein werden. Interessant muß der Weg vom Gälmiengrat über den Bächi- zum Münstergletscher sein. Meines Erachtens ist, wie hier beiläufig bemerkt sein mag, das Bächithal von den hier in Betracht kommenden rechten Seitenthälern des Goms das schönste; das wüste Münsterthal oder das wenigstens unten sehr langweilige Bieligerthal können in keiner Weise damit konkurriren.

Am vorderen Galmihorn wurde ich Anfangs September desselben Jahres noch einmal zurückgeschlagen. Dieses Mal hatte ich bereits bei Sonnenaufgang den 3 68G. Kamlah.

Punkt erreicht, wo am Ende des Thalgletschers der Kletterpfad über den Grat zum Galmifirn führt. Statt hinaufzuklettern, wandte ich mich direkt östlich. Der glatte Firn machte mir, da ich nur mit einem Bergstock bewaffnet war, das Aufsteigen schwer genug. Nach halbstündigem Steigen wird auf dünner Eisbrücke der Bergschrund überschritten, und ich hoffe, nunmehr auf gut kletterbarem Fels stehend, binnen einer Stunde das Horn zu erreichen. Ich eile vorwärts, um endlich einen Blick in die den Galmifirn umgebende Gebirgswelt zu thun, und schaue auf ein von Westen heranwogendes Nebelmeer, aus dem im Nordwesten mächtige Gipfel emporragen. Nur die nächste Umgebung ist noch frei; immer näher kriechen die Nebel heran. Voll Aerger entschließe ich mich zum Bückzug. Man mag dieses Zurückweichen bei nahem Ziel feige nennen; indessen in dieser abgelegenen wilden Gegend, wo mir ein keineswegs sehr leichter Abstieg bevorstand, in dichten Nebelmassen zu sitzen, schien mir allzu waghalsig. Ich mußte übrigens meinen Abstieg mehr östlich nehmen und manche Umwege des allzu glatten Firns halber machen.

Wanderern, die über die Bieligerlücke kommen, möchte ich rathen, sich mehr auf dem westlichen Theil des Walligletschers zu halten; in dem südöstlich von genanntem Uebergang befindlichen Abschnitt waren wenigstens im Herbst 1883 einige höchst unangenehme Spalten.

Glücklicher und auch wohl gewandter als ich war Herr Louis Kurz aus Neuenburg, dem es, wie er mir in liebenswürdiger Weise mittheilte, gelungen ist, in Begleitung eines Clubgenossen beide Galmihörner zu besteigen. v ) Auch auf einige merkwürdiger Weise selten besuchte aussichtsreiche Berge auf dem linken Rhoneufer möchte ich den Alpenclubisten, der sich über den südlichen Theil des Clubgebiets instruiren will, noch ausdrücklich hinweisen. Vor Allen ist ein Besuch des leicht zugänglichen Aernergalen zu empfehlen. Am lohnendsten ist die Aussicht des Kummerhorns ( 2753 m, Blatt Binn, Siegfried-Atlas ), den man entweder über die Alp Bodmen von Blitzingen aus in 3 Va Stunden erreicht oder aber auf etwas weiterem, aber bequemerem Wege über die Niederwalder-Alpen.

Die Nordostseite der schönsten Walliserberge und der Südabfall der Berneralpen bilden den Glanzpunkt der Aussicht. Von diesem Punkte aus gelangt man, zum Rappengletscher herabsteigend und dann auf letzteren ziemlich steil emporsteigend, in 1 bis 11

Die großartigste Rundschau aber gewährt das Blindenhorn, welches meines Erachtens hierin selbst das Ofenhorn übertrifft. Die Besteigung ist allerdings mühsamer; von Reckingen wird man in 5 bis hlk Stunden zum Gipfel gelangen. Hat man vom Blindenthal aus, dem Hohstellibach folgend, den oberen Griesgletscher erreicht, so erblickt man im Süden eine Schneekuppe, die man im Vertrauen auf die Karte für das Blindenhorn hält. Sowie man aber auf derselben angelangt ist, wird man unangenehm enttäuscht, dadurch, daß die Aussicht nach Süden durch einen circa 50™ höheren und steileren Gipfel verdeckt wird. Dieser ist das eigentliche Blindenhorn, während die Schneekuppe der mit 3382 bezeichnete Punkt des Imfeld'schen Panoramas vom Eggishorn ist. Wer vom Griespaß aus den Gletscher heraufgeht, ist der Gefahr, sich zu täuschen, nicht ausgesetzt; er sieht beide Spitzen vor sich und wird die höhere zu erreichen suchen. Auf der nördlichen Kuppe, die vom Griesgletscher leicht zu gewinnen ist, war ich mehrmals; das weit schwierigere eigentliche Blindenhorn dagegen habe ich nur einmal und zwar von der Nordseite bestiegen. Im Spätsommer können dabei die großen Firnspalten und der Bergschrund unangenehm werden.

Der Weg über den sanft abfallenden Griesgletscher hinab zum Paß gleichen Namens ist sehr schön und ungefährlich; ist doch in früheren Zeiten, als zwischen Pomatt und Goms mehr Verkehr herrschte, diese Route durch 's Blindenthai und über den Gries oft von Bauern gemacht worden. Von Münster aus ist der Weg über den Rücken zwischen Merzen- und Hohbachalp zu nehmen; am Grat zwischen diesen Thälern und dem. Griesgletscher angelangt, hüte man sich, durch die ungenaue Karte verführt, sich zu weit rechts zu halten, wie es mir einst passirte, sondern gehe direct auf den Merzenbachschien los. Von der oberen Hohbach-alp geht etwa 10 Minuten westlich vom Merzenbach-gletscher ein sehr steiler und rauher Jägersteig über den Westgrat des Merzenbachschiens und zum Griesgletscher, den man etwa bei Punkt 3017 erreicht. Von den Jägern in Münster wird dieser Pfad nicht selten eingeschlagen. Geht man, wie ich es that, zu weit nach Westen, so kommt man zu einem sehr steilen Abfall. Eine genaue Revision des ganzen Blattes Binn wäre höchst erwünscht.

Wer in Münster weilt, versäume nicht, nachdem er dem einsamen melancholischen Trützisee und dem leicht zu besteigenden Löffelhorn einen Besuch gemacht, das gleichfalls unschwierige und höchst lohnende Brudelhorn ( 2798 m ) zu besteigen.

Mag es mir gestattet sein, im Folgenden einige vielleicht manchen Clubisten interessirende Beobachtungen allgemeiner Art über Land und Leute mitzutheilen.

Die Flora des Goms ist, soweit ich darüber urtheilen kann, im Vergleich mit der anderer Walliserthäler nicht besonders reichhaltig. Das südlich der Rhone gelegene Gebiet dürfte für Botaniker noch am lohnendsten sein.

Wahre Prachtexemplare von Lärchen enthalten die Wälder — in der Nähe von Bodmen stand noch 1883 ein eigentlicher Baumriese, angeblich der stärkste Baum im Wallis —, allein die Bestände sind höchst lückenhaft, es fehlt vielfach jeder Nachwuchs. Die an der Sonnenseite befindlichen Bannwälder werden aus diesem Grunde schwerlich ihren Zweck erfüllen können. In schneereichen Wintern, wie der von 1882—188B, werden viele dieser Riesen zu Boden gestreckt. Die zahlreichen Ziegen — auch im Wallis ein Thier von politischer Bedeutung — haben trotz aller Gesetze ihre Hauptweide im Walde. Die höchst anerkennungs-werthe Thätigkeit des Forstbeamten, dein die Waldungen im obern Rhonethal unterstehen, stößt bei dem von gewisser einflußreicher Seite arg- verhetzten Volke auf große Schwierigkeiten, trotzdem Lawinen und Rufen den Bauern kräftig genug Vernunft predigen.

In einem ähnlichen verwahrlosten Zustande befinden sich mit sehr wenigen Ausnahmen, wie z.B. die Alp Richineu, die Gomseralpen. Trotz der hohen rauhen Lage der meisten Staffel fehlt es fast durchweg an Scherinen für die Thiere. Die Gomserhütten gehören zu den elendesten und schlechtesten ihrer Art, an Verbesserungen der Weiden selbst durch Hinwegräumen von Steinen u. s. w. denkt man fast nirgends.

im höchst erfreulichen Gegensatz zu dieser fabelhaften Indolenz bezüglich der Alpwirthschaft steht der emsige Fleiß, mit dem der Gomser Bauer Aecker und Wiesen bearbeitet. Statt des Pfluges bedient man sich bei der Ackercultur einer schweren, eisernen Hacke, deren Handhatmng Kraft und Geschicklichkeit erfordert. Frauen und Töchter arbeiten auf dem Felde eifrig mit. Ihnen liegt meistens die widerwärtige Arbeit ob, den Dünger auf dem Rücken zum Acker zu befördern. Die niedrigen, kleinen, höchst praktischen Wagen anderer Gebirgsgegenden kennt man im Goms leider nicht. In dem Ritzinger- oder dem Miinsterfelde sieht man in Folge der sorgfältigen Kultur und der sehr starken Düngung oft überraschend gute Roggen-und Gerstenäcker. Soll doch in alter Zeit Goms Korn exportirt haben. Kartoffeln werden heutzutage noch nach dem Urserenthal ausgeführt. Jetzt würden die Gomser gut thun, den Ackerbau mit der einträglicheren Viehzucht mehr und mehr zu vertauschen. Letztere ist übrigens schon ziemlich bedeutend; man hat dieselbe Race wie im Haslithal. Das Jungvieh wird hauptsächlich von Italienern und Bernern zu hohen Preisen aufgekauft.

Auch aus dem Käseverkauf gewinnt der Bauer ein nicht unbedeutendes Geld. Im Winter consumirt die Bevölkerung die Milchproducte fast ganz selbst, nur in Lax hat man eine Wintersennerei. Hier, sowie in den zuoberst gelegenen Gemeinden, beginnt sich der Kaffee- und Schnapsgenuß immer mehr zu verbreiten. Abgesehen hievon ist die Nahrung der Gomser nicht schlecht, namentlich Fleisch wird, meistens gesalzen oder getrocknet, noch ziemlich reichlich gegessen.

Kräftig und nicht unschön ist die Bevölkerung. Helle Haare und blaue Augen herrschen vor, nur in Münster ist die Mehrzahl der Einwohner dunkel und von kleinerem Wuchs als anderswo. Die größten und stärksten Männer findet man in Reckingen und in den zunächst daran gelegenen Dörfern.

Auch die weibliche Bevölkerung ist überwiegend groß und schlank, feine und schöne Gesichter sieht man nicht selten, namentlich in Aernen und Umgebung. Diese einfachen Bauerntöchter haben durchweg recht guten Mutterwitz und verstehen es anch, sich im Verkehr mit Fremden vollkommen taktvoll zu benehmen.

Die wichtige Rolle, die das Goms stets in der Geschichte des Wallis gespielt hat, und die verhältnismäßig zahlreichen, diesem Hochthal entstammenden bedeutenden Männer — ich erinnere nur an Matthäus Schinner, den streitbaren Bischof und Kardinal — zeigen an, daß hier ein tüchtiges und bildungsfähiges Volk zu treffen ist. Der Alpenwanderer, der aus dem Lötschenthal kommt, wird zwar zunächst die zuvorkommende, liebenswürdige Weise der dortigen Bevölkerung vermissen; der Goinser ist zurückhaltender und abgeschlossener Fremden gegenüber, aber die den Wallisern fast durchgehends eigene Höflichkeit wird er auch hier finden.

Streng katholisch ist das Volk; wie in Tirol sieht man zahlreiche Bittgänge und Processionen, durch die man gutes Wetter und günstige Ernte zu erlangen hofft; dagegen ist von Intoleranz und Fanatismus Andersgläubigen gegenüber trotz der Sprache der hier gelesenen Hetzblätter wenig zu spüren.

Wie übrigens fast alle rein germanischen Stämme beharren die Gomser oft allzu halsstarrig auf ihrer Ansicht, sind rechthaberisch und lassen den berechtigten Anforderungen der Gemeinde und des Staats nur schwer Gerechtigkeit widerfahren. Alles, was irgendwie mit den öffentlichen Angelegenheiten zusammenhängt, ist in verhältnißmäßig schlechtem Zustande, am meisten gilt dies vom Schulwesen und der Gemeindeverwaltung. Merkwürdig ist 's, daß selbst rein eidgenössische Verwaltungen,wie Post- und Telegraphen- wesen, die sonst vortrefflich sind, in Goms, wenigstens in den kleineren Dörfern, viel zu wünschen übrig lassen.

Wie schon oben dargestellt, ist die wirthschaftliche Lage des Goms keine ungünstige, und auch die gesellschaftliche Gliederung der Bevölkerung ist in den meisten Gemeinden eine noch gesunde. Sehr bedeutende Vermögensunterschiede kommen nicht oft vor, nur in Münster steht einer Anzahl reicher Bauern eine Menge dürftiger Leute gegenüber. Ein eigentliches besitz-loses Proletariat ist heute noch nicht vorhanden, wird sich aber beim Anwachsen des Fremdenverkehrs schon entwickeln. Der Gomser ist sparsam und gibt namentlich in den Wirthschaften wenig Geld aus. Im Winter wird in einigen Dörfern, wie z.B. Bellwald, zuweilen Theater gespielt, anderwärts findet zu Fastnacht ein Tanz statt. Auch der Gemsjagd geht man oft nach, sowohl auf den Bergen des rechten Rhoneufers als auf denen des linken; letztere sind zwar Freiberge, indessen mit den Jagdgesetzen nimmt man es im Wallis nicht genauer als mit vielen anderen. Bei dem schlechten Gemsbestande ist die Beute nur gering.

Wenn der Bauer oft trotz seines Fleißes und seiner Sparsamkeit nicht recht vorwärts kommt, so ist in vielen Fällen der mangelnde Sinn für strenge Ordnung und Pünktlichkeit daran schuld. Diesem Umstände ist es auch zuzuschreiben, daß in den meisten Gemeinden sich Italiener als Geschäftsleute und Krämer niedergelassen haben. Sie kennen den Oberwalliser vortrefflich, wissen, daß es den fast ganz in der Naturalwirtschaft steckenden Bauern meistens an baarem Geld fehlt, und nehmen bereitwillig für ihre oft zweifelhafte Waare die verschiedenartigsten Gegenstände als Zahlung an. Auch das Geldgeschäft ist fast ganz in Händen dieser beim Volke wenig beliebten Leute.

In volkswirthschaftlicher Beziehung schädlich dürften aber vor Allen die italienischen Holzhändler und Sägemühlenbesitzer wirken. Auch diese sind sehr schlaue Geschäftsleute. Wie ich selber beobachtete, zahlten sie, als im Sommer 1883 eine große Menge Bäume in Folge des Schneedrucks versteigert wurden, verhältnißmäßig sehr hohe Preise und ließen es auch im Versteigerungsraume an Wein nicht fehlen. Späterhin freilich hielten sie sich mehr als schadlos dadurch, daß sie eine nicht unbedeutende Zahl von Stämmen außer den gekauften mit aus dem Walde gehen ließen.

Eine Volkstracht existirt in Goms schon längst nicht mehr, lediglich der Walliserhut verleiht der Kleidung der Frauen und Töchter etwas Eigenthümliches. Erloschen oder wenigstens sehr zurückgedrängt sind auch die besonderen charakteristischen Gebräuche bei Festen, Hochzeiten, Todesfällen n. dergl. Es wäre sehr zu wünschen, daß ein Einheimischer jetzt das noch Vorhandene sammeln und zugleich mit den im Volke noch heute erzählten Sagen herausgeben wollte. In ein paar Jahren ist vielleicht von all dem wenig mehr vorhanden.

IL Freie Fahrten.

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