Aus den Kreuzbergen

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( Von seltenen und neuen Kletterfahrten.Von Paul Schafflüfjel

( Krinau ).

Südwand des zweiten Kreuzberges. Herbst! Lodernde Wälder... im Herzen die ungestillte Sehnsucht eines langen, verregneten Bergsommers!

Weit nach Mitternacht trafen wir uns auf der Unteralp, mein Freund Paul Hell und ich. In feierlichem Ernst hing der volle Mond über zackigem Grat und malte groteske Schatten ins Tal der Roslen. Unbeschreiblich gross und still wuchs dort drüben die dunkle Schattenlinie in den sternhellen Raum: die Südwand des zweiten Kreuzbergs! Sie ist die schönste und höchste unter den plattigen Südwänden. Aus dem begr inten Sockel schiesst sie in einem einzigen, herrlichen Plattenschuss 400 Meter zum Gipfel empor. Nur in der westlichen Hälfte verraten einige Schattierungen im hellen Panzer schwache Gliederung.

Milchweisse Dunstschleier spinnen überm Tal, während wir frühmorgens durch steiles Geschröff und krautige Rinnen hinaufkrampfen. Grelle Föhn- lichter flackern hinter schwarzen Wolkenbänken. Eilig streben wir einem Felssporn zu, der zwischen zwei Steilmulden den Einstieg markiert. Weit bläht sich der Rucksack auf, als wir Reserveseil, Schlafsack und Proviant darin verstauen. Für alle Fälle. Die Nagelschuhe jedoch und alles Entbehrliche lassen wir an einem Haken baumeln.

Über einen lausig gähen Grasbalkon wühle ich mich empor zu geräumiger Nische. Weit springt das splittrig gelbe Höhlendach vor, rechts davon steigen in phantastisch gleichmässiger Neigung silbergraue Platten zum Himmel. Doch es ist prächtiger, edler Kalk. Mit geschmeidigen Bewegungen klimmen wir hoch, Seillänge um Seillänge. Hell flimmert das warme Gestein, wir sind in bester Laune. Ein heikler, grasgepolsterter Riss bringt uns auf ein winziges, brüchiges Köpfchen. Hier entspinnt sich nun ein kurzer Wortwechsel um den Weiterweg. Über uns zieht sich eine rasendurchsetzte Steilflanke zum Westgrat empor. Sollen wir probieren? Doch mein Freund ist nicht im geringsten gewillt, sich auf eine billige Lösung einzulassen. Leicht absteigend quert er hinaus in jene spiegelblanke Riesenplatte, die erst hoch oben in die Gipfelschlucht mündet.

Und nun beginnt ein stummes, beharrliches Ringen mit äusserst schwerem Fels. Schlanke Eisenstifte verbeissen sich in feinen Ritzen. Vorsichtig trete ich auf der schliffglatten Mauer mit Seilzug höher, die schmiegsamen Filzsohlen müssen Saugnäpfe ersetzen. Manchmal, wenn ich mit weiter Schlaufe angehängt etwas verschnaufe, sehe ich zwischen den Beinen hindurch, wo die Sennen über der Kobelwand das duftende Bergheu zu Tristen schichten. In Gruppen stehen sie beisammen, einfache Leute, die unser « frevles Tun » wohl nicht verstehen.

An der linken, stumpfen Plattenkante dringen wir stetig höher, in ausgesetzter, begeisternd schwieriger Kletterei. Stunden sind seit unserem Einstieg verflossen. Kaum haben wir den drohenden Wetterumschlag beachtet. Urplötzlich jagen feuchte Nebel aus dem Nichts herauf. Doch, wie wir am Beginn der Gipfelschlucht auf breiten Felsquadern sitzen, schwingen helle Jauchzer hinaus in die Wände. « Sieh dort unten! » Tücherschwenken! Die Wildheuer gratulieren uns. Mit ungebändigter Kampflust spreizt Paul bald in der weiten, ausgewaschenen Kluft gipfelwärts. Frei hängt das Seil über senkrechte Absätze herunter, doch es ist nicht mehr die aufreibende Schwierigkeit des untern Teils. Ein feiner Rieselregen setzt ein.

Ein eigenartiges Gefühl ergreift uns, wie wir nach Stunden ungewisser Spannung direkt beim Steinmann ins « Leere » stossen. Es ist echte, unverfälschte Freude am ehrlich erkämpften Sieg. Dankbar drücken wir uns die Hände. Noch einmal zerreisst der wallende Vorhang, vertraute Berge grüssen herüber. Tiefes Schweigen breitet sich über die stillen Gipfel der Kreuzberge.

Direkter Ostgrat des ersten Kreuzberges. Wortkarg streben wir den Zickzackweg hinan. Zartes Rot huscht bereits über den breiten Rücken des Roslenfirsts. Und dann, wie wir in der Saxer Lücke stehen, flammt es auf, flutet purpurnes Licht über den Grat, der in unerhört kühner Linie aus der dämmernden Tiefe hinauftürmt zum Gipfel des ersten Kreuzberges. Doch heute sind unsere Herzen dieser hehren Schönheit verschlossen. In uns fiebert die Unrast, mit weiten Sätzen stürmen wir die engen Kehren hinunter, dass die Funken stieben. Zwischen haushohen Blöcken stolpern wir hinüber, wo an der stotzigen Berglehne der mächtige Pfeiler fus 5t. Schweigend rüsten wir zum schweren Felsgang. Seltsam, all die quälenden nächtlichen Zweifel sind verblasst, fast ungeduldig klirren die Karabiner an der Brustschlinge.

Mit einem frohen Glückauf schwingt sich Paul an die Kante, packt mit Ungestüm die griffigen Platten. Zwei Seillängen, dann ducken wir uns unter dem ersten Wulst. Weit biegt der Körper sich zurück, doch aalglatt türmt sich die Rippe. Es geht nicht. Also taste ich mich vorsichtig nach rechts um die Ecke, und fast muss ich lachen, denn in dürftigen Ritzen « blühen » da rostige Eisenstifte in bunter Folge. Sie rühren wohl von früheren Versuchen her. Halb pendelnd folgen Schritte an glatter Wand zu feuchten Moospolstern. Doch bald schliessen uns graue, fugenlose Platten allseits ein. Ein handbreiter Riss zieht durch den Überhang. Darunter modern in rostigem Ring verblichene Abseilschlingen. Nun wissen wir Bescheid.

Aus dem herausdrängenden Spalt queren wir in d:ie rechts angrenzende, blanke Platte hinaus, mit Seilzug, katzenhaft schleichend. Das Wissen um die « letzte Haftfähigkeit » der Sohlen und unbedingtes Vertrauen zum sichernden Freund sind hier ausschlaggebend. Unter vorspringendem Balkon listen wir uns zur Kante zurück, an Untergriffen hängend, stark abgewinkelt. Ein prickelndes Gefühl ergreift uns, wie es einzig an dieser Pfeilerkante aufkommen kann.

Und trotzdem liegt es wie ein Alpdruck auf uns, unheimlich, unerklärlich. In atemraubender Steilheit klafft über unseren Köpfen der dunkle Einriss im Bergleib, jener glattwandige, fast 80 Meter hohe Kamin, durch den zwangsläufig unser Weg führt. Der Einstieg sieht fürchterlich plattig aus. Im Untergriff verkrallt, die Füsse abgestemmt, spähe ich nach einer schwachen Stelle. Da, ein Krachen... berstend fährt der Block aus dem Gefüge, und schon schlage ich hintenüber. Der einzige Gedanke gilt meinem jungen, bergfrohen Kameraden, mit dem mich das Seil verbindet. Ein Ruck, blitzschnell fassen die Hände zu... aus der Tiefe gellen Schreie herauf. Der letzte Haken, nur ein paar Zentimeter eingetrieben, hemmte den Fall. Wortlos kreuzen sich unsere Blicke, so nah war das Verderben vorbeigegangen.

Mich aber packt eine wilde Entschlossenheit. Von rechts her erzwinge ich mir den Einstieg in den engen Schacht, und wir sind für die nächsten Stunden geborgen. Unter Ausnützung des grössten Reibungswiderstandes arbeiten wir uns langsam hoch, wie Kaminfeger, in pausenloser Stemmarbeit. Ab und zu bellen trockene Hammerschläge. Nebelfetzen geistern lautlos um die himmelstrebenden Kulissen und entziehen uns den aufdringlichen Blicken der lärmenden Menge, die drüben in der Saxer Lücke um unsere « Chancen » marktet.

Im obern Drittel weitet sich der Kamin, eine senkrechte Rippe drängt sich dazwischen. Fast will der Mut mir sinken. Diese letzte Seillänge forderte schonungslos unser Letztes. Fünf Meter schwindle ich mich an dem brüchigen Sockel hinauf, dann zwängt es mich in den grünverschlickten Spalt. Die schmierigen Sohlen zu äusserst an der Kante, so pirsche ich mich an den mächtigen Klemmblock heran, der über mir weit vorspringt. Haken reiht sich an Haken, es darf jetzt nichts mehr passieren. Weit greift die Linke über das Höhlendach, ein verzweifelter Zug, wild schlagen die Beine ins Leere. Ein paar Schritte noch und ich stehe im hellen Licht auf der geräumigen Felsbastion. Legföhren spielen im Wind, harziger Duft schwellt meine Lungen. Nach bangen Minuten entsteigt auch mein Freund atemringend der grausigen Tiefe. Auf dem Klemmblock dreht er sich noch einmal um, starrt in den gähnenden Rachen hinunter und spricht geheimnisvolle Worte!

Nach kurzer Rast treibt es uns weiter, das Ziel ist noch fern. Auf luftiger Gratrippe mit grandiosem Tief blick klimmen wir empor. Ein « giftiges » Plattenwändchen will noch einmal nach allen Regeln der Kunst gemeistert sein, dann hält uns nichts mehr auf. Durch kriechendes Geäst und über blanken Grat stapfen wir stetig höher, gipfelwärts.

« Der Ostgrat durchklettert. » Was andern versagt geblieben und wir selbst vor Stunden kaum zu hoffen gewagt, hat sich erfüllt. Den Kopf in die rauhen, leicht zitternden Hände gestützt feiern wir Sonntag. Doch wir fühlen uns nicht als Sieger. Das blosse Bewusstsein, dass uns das Leben neu geschenkt ist, füllt randvoll unser Innerstes. Blassviolette Schatten dämmern überm Tal, als wir endlich wieder bei den Säcken am Fusse « unseres » Grates sitzen. Graue Nebelschwaden verhüllen den Weg, den wir gegangen, doch unauslöschlich ist jeder Meter Fels in uns eingeprägt. Beim letzten Licht des scheidenden Tages steige ich den steinigen Weg hinauf zur Roslen. Mock, der Senn, steht unterm Türrahmen, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Er sagt kein Wort, er schüttelt nur ernst sein graues Haupt.

Auf dem Roslensattel empfängt mich heulend der Sturmwind, die ersten, schweren Tropfen fallen. Gespenstisch ragen die bleichen Riffe aus treibenden Wolken. Wir hatten Glück gehabt.

Ausklang. Kurz bevor der Winter über die Berge braust, ziehen wir dann noch einmal hinaus, zu froher, unbeschwerter Wanderung. Nur wenige wissen wohl um den geheimnisvollen Zauber solch einer einsamen Spätfahrt südseits der Kreuzberge. Stundenlang raufen wir uns durch pfadlose, jähe Rasenplanken vom Gulmen her zur Saxer Lücke. Gleissendes Silber spielt auf dem weiten, wallenden Nebelmeer, herber Geruch entströmt rostbraunen, sonnverbrannten Hängen. Zottige Gamstiere stöbern wir in verborgenen Winkeln auf und freuen uns an ihren zierlichen Sprüngen. Sonst ist es ganz still, wir sind allein. Lange liegen wir auf dem « Tristenbödeli » über der Kobelwand an der Sonne und können uns nicht sattsehen. Wie silberne Burgen ragen die stolzen Zinnen in den lichttrunkenen Raum. In duftblauer Ferne blinkt der Alpenkranz im Neuschneekleid.

Dann nehmen wir Abschied für dieses Jahr, fast ein wenig wehmütig. Blaue Schatten nisten in den Wänden. Ein letztes Mal glüht es auf am zackigen Grat der Kreuzberge...

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