Aus der alpinen Erschliessungsgeschichte der Kreuzberge

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Von Karl Kleine

( St. Gallen, Sektion St. Gallen ).

Mit 5 Bildern.

Wie Flammen, die zu Stein erstarrt sind, streben die Kreuzberge in den Himmel Grüne Rasenhänge klettern zu den grauen Zacken empor; es ist, als wollten sie einen Garten, etwas Lebendes, um die kahlen und toten Felsen schliessen. Und der Eingang zi diesem Garten ist die Saxerlucke. Ohne Übergang ist von hier der Blick zu den mächtigen Felsendomen, und jeder Bergsteiger, der ein Herz im Leibe hat und dessen Seele empfänglich ist für die Werke des Schöpfers, wird in ehrfurchtsvollem Staunen verweilen.

Wir schauen jäh hinab ins grüne Tal, das sich dunstig in die Ferne weitet. Als breites Silberband fliesst der Rhein durch die fruchtbare Ebene, wo braune und gelbe Felder schachbrettartig angeordnet sind. Jenseits des Tales steigen die Gipfel des Vorarlberg auf. Zuerst in sanften Wellen und bewaldet. Die kleinen Dörfchen sind halb versteckt in den Furchen, die Wildwasser und Lawinen gegraben haben. Dann recken sich die Berge hoch hinauf zu gewaltigen Mauern, wo auch der ewige Schnee nicht fehlt. Unser Blick wandert zurück und tastet sich beinahe ängstlich empor an der unheimlich steilen Ostflanke des ersten Kreuzberges. Und eben durch diesen weiten Weg, den die Augen machen, wächst der Berg ins Gigantische, Über-natürliche l Von keiner andern Stelle aus wird der « Erste » sich schöner und kühner zeigen.

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Tausende fahren durch das Rheintal den grossen bündnerischen Kurorten zu. Sie staunen hinauf zu den Steilhängen, die im Winter fast immer von Lawinen bestrichen sind, sie recken ihre Köpfe nach den Kreuzbergen, zu den grauen Zacken, wo durch riesige Felsenfenster der Himmel schaut; aber die eindrucksvolle Grösse dieser Berge kommt nicht zur Geltung, sie sind zu weit weg. Das Bild ist in der Erinnerung nicht überwältigend. Ganz anders von der Saxerlucke aus. Dieser Eindruck wird unvergesslich sein, und wer ein Kletterherz hat, den ziehen diese Grate und Wände unwiderstehlich an. Heute oder morgen wirst Du kommen!

Im Frühling ist der Fuss der Kreuzberge noch mit Schnee bedeckt, die Felsen sind längst frei, es bleibt nicht viel haften von der weissen Herrlichkeit. Schon zeigen sich die ersten Kletterer. Kommt der Sommer ins Land, so steigen die Alpenrosen bis weit hinauf. In einzelnen Scharten stehen auf schwarzer Humuserde süssduftende Bergnelken, und in den Felsen der Südseite blüht die gelbe Aurikel. Doch grosse Sträusse wird man nicht rauben können; diese Felsen sind nicht nur den Gemsen, nein, auch den Blumen zu steil! Nur am rasigen Grat, der den Zugang zum VII. und VIII. vermittelt, ist eine reichhaltige Frühlings- und Sommerflora zu finden. Mit den Blumen kommen auch die Kreuzbergkletterer herauf. Sonntag für Sonntag sind sie da; es hat Stammgäste, die nur auf diese Zacken eingeschworen sind.

Wenden wir uns weiter westlich, so stehen wir bald auf dem Mutschen, dem zweiten Punkt, von dem sich die Kreuzberge in wundervoller Staffage zeigen. Die Schlucht zwischen VII. und VIII. liegt uns gegenüber; man sieht hinein in die Eingeweide der beiden Berge, und dahinter erheben sich kühn und frei die übrigen Zacken. Wollen wir die breite Front der Kreuzberge sehen, so steigen wir hinauf zum Roslenfirst. Und dann stehen sie da in Reih und Glied, und die Augen können wandern von Gipfel zu Gipfel, Grat auf, Grat ab. Eine recht ungewohnte Berggestalt ist der VI. Er sitzt zwischen seine beiden Nachbarn eingekeilt, unterminiert durch ein grosses Felsenfenster, und sieht etwas wacklig aus, etwa wie ein alter Stockzahn! Doch er wird noch lange halten. Hören wir nur, was die Geologen sagen! L. E. S., der das Säntisgebiet geologisch neu bearbeitet und von innen und aussen kennt, schreibt: « Als vor einigen Millionen Jahren unsere Alpen aufgefaltet wurden, brandeten die Kreidegesteine der helvetischen Säntis-decke, wie die Wellen des Meeres an einer Klippe, an den harten Nagelfluhmassen des Vorlandes auf und legten das Gebirge in viele steile Falten. Am SE-Rande des Alpsteingebirges haben wir ein solches Gewölbe, das beinahe senkrecht aufsteigt, dessen südlicher Schenkel aber vollständig abgewittert ist. Nur die sehr harten Schrattenkalkgesteine des Nordschenkels widerstanden der Abtragung und ragen nun in der Kette der Kreuzberge senkrecht aus ihrer Umgebung heraus. Die Kreuzberge bestehen durchwegs aus diesem Schrattenkalk, dessen oberer und unterer Teil durch ein nur etwa zwei Meter breites Mergelband — die Orbitulinaschicht — voneinander getrennt sind. Gerade dieses weichere Band aber ermöglichte die Bildung der immer wiederkehrenden Kamine in den Türmen dieser idealen Kletterberge. Eine ganze Reihe grösserer und kleinerer Querbrüche durchsetzt die Kette, dadurch entstanden die Scharten und die Aufteilung in die einzelnen Türme der Kreuzberge. Die NW anschliessende Mulde der Roslenalp besteht aus rötlichen und grünlichen Kalken der oberen Kreide, und beim Einstieg in die Nordwände sehen wir das immer mit grünem Rasen bedeckte Band der mittleren Kreide, das zum Schrattenkalk überleitet. » Nachdem sich die Kreuzberge vorgestellt haben, kommen wir zu ihrer Besteigungsgeschichte. Ich bin ein bescheidener Kletterer. Da ich aber viele Erstersteiger und Erschliesser der Kreuzberge persönlich kenne, konnte ich ihre Erinnerungen verwerten und ihre Angaben mit den knappen Notizen in der Literatur vergleichen. Allen Bergkameraden und Mitarbeitern danke ich herzlich. Ausser der wertvollen Bibliothek der Sektion St. Gallen des S.A.C. standen mir die Archive des Bergsportklubs St. Gallen ( B. S. C ), des Touristenklubs « Edelweiss » ( T. C. E. ), des Alpsteinklubs ( A. C ), der Sektion Säntis des S.A.C., die Zentralbibliothek Zürich und die Alpen-vereinsbibliothek München ( Dr. Bühler}, zur Verfügung. Auch das Alpine Museum in Bern half mit einem Gipfelbuch aus. Es wird nie möglich sein, die Ersteigungsgeschichte vollständig zu schreiben, man kann nur aus der Erschliessungsgeschichte der Kreuzberge erzählen; denn auf den meisten Gipfeln sind erst seit etwa zehn Jahren richtige Besuchsbücher hinterlegt. Wohin die früheren Notizbüchlein gekommen sind, war bis heute nicht ausfindig zu machen. Das älteste Kreuz aerggipfelbuch des K III von 1894 ist noch vorhanden, auch dasjenige des K I geht bis 1910 zurück.

Am wertvollsten waren mir die Angaben von C. Egloff, die er seit Jahren in den verschiedenen Ausgaben des Säntisführers ( S. F. ) sorgfältig gesammelt hat. Ich konnte die Jahreszahlen teils noch durch genaue Daten ergänzen. Eine Quellenangabe erfolgt für die im S. F. erwähnten Besteigungen nicht. C. Egloff, der Entdecker, Erschliesser und « Vater » der Kreuzberge, der noch jedes Jahr seinen K V besucht, war mir ein uneigennütziger Helfer.

Die Literatur über die Kreuzberge und ihre Ersteigungsgeschichte sind miteinander verbunden. Wann der Name Kreuzberg, richtig nunmehr Kreuzberge ( Überdruck 1932 sowie Übersichtsplan 1: 10,000 ), aufkam, ist unbekannt. Im alten Gäbris-Panoraina ( der Gäbris ist die ostschweizerische « Rigi » ) steht noch die Bezeichnung « Saxer-Firste ». In einer neueren Darstellung, leider fehlt auch bei dieser das Jahr der Ausgabe, sind die sichtbaren Gipfel schon mit I—VII bezeichnet. Ebenso in den Panoramen von der Gebhardshöhe bei Walzenhausen und von Friedrichshafen aus sind die Kreuzberge zu finden. Sogar von der Schwäbischen Alb kann man sie noch sehen! Natürlich zeigt auch das Panorama der Schesaplana alle acht Gipfel, während unser so bekanntes Säntispanorama nichts von ihnen weiss. Sie sind durch den Roslenfirst verdeckt. Es ist wohl möglich, dass neben ihrer abweisenden Schroffheit auch die Nichtsichtbarkeit von Norden und von Westen dazu beitrug, lange Jahre den Schleier des Geheimnisvollen über diesen Klettergarten auszubreiten.

J. G. Ebel, der das « Sentisgebirge » einlässlich beschrieben hat, wusste noch nichts von den Kreuzbergen. Diese Bezeichnung taucht in der Literatur erstmals 1876 auf. O. von Pfister, Zürich, schrieb in den « Mitteilungen » des D. u. O.A.V. 1876, S. 145, einen Aufsatz « Aus dem Alpstein », wo er die Kreuzberge kurz erwähnt. Für die Saxerlucke wird noch die alte Bezeichnung « Krinne » verwendet. ( Überdruck 1905 = « Krennen », Überdruck 1932 = « Krinden » und Übersichtsplan 1: 10,000 = « Chrinden ». ) In der « Zeitschrift » des D. u. Ö.A.V. 1888, S. 250, sind die Kreuzberge ebenfalls mit wenigen Worten festgehalten. ( « Der Alpstein » von Kuhn, Friedrichshafen. ) In der « Alpina » 1894, S. 31-33, schrieb C. Egloff, St. Gallen, über « Die letzte Eroberung » im Säntisgebiet. Carl Egloff hatte die Kreuzberge « entdeckt » und machte 1893-1895 Besteigungen. ( Jahrbuch 1893, S. 270. ) Doch die Kreuzberge blieben noch gefährliches Neuland, in das man sich nur zaudernd wagte. 1895 gab die Sektion St. Gallen S.A.C. ein « Verzeichnis der Touren im Säntisgebiet » heraus mit Distanzenkarte. Darin wird nur der « Mittlere » Kreuzberg, also K III, erwähnt. Für seine Besteigung wird ein Führer angeraten. Die bald darauf erschienene zweite Auflage empfiehlt auch noch den « Hinteren » Kreuzberg ( K VIII ), ebenfalls mit Führer. 1901 veröffentlichte Carl Egloff im Jahrbuch des S.A.C. ( Abschnitt Kreuzberge, siehe S. 96-104 ) den schönen Aufsatz « Altes und Neues aus dem Säntisgebiet ». Prächtige Aufnahmen von Oscar Buchenhorner, St. Gallen, zeigen die Kreuzberge in ihrer ganzen Steilheit. Damals waren der I., V. und VI. noch unerstiegen! Doch die begeisterten Worte Egloffs riefen die Kletterer herbei, und als letzter Gipfel wurde 1904 der VI. bezwungen. Innert elf Jahren waren alle acht Kreuzberge bestiegen worden. Sie wurden « Modeberge ». Im gleichen Jahre, 1901, kam das grosse Prachtswerk « Alpine Majestäten und ihr Gefolge » heraus ( A. Rothpletz, München, Band I ). Auf S. 5 finden wir einen Abschnitt über die Kreuzberge, im Bildteil sind zwei Aufnahmen von Karl Konyevits, St. Gallen, die Aufstiegsrinnen des II. und III. darstellend. Die Kreuzberge waren nun weltbekannt geworden.

In rascher Folge erschienen: 1904 « Das Säntisgebiet », ein illustrierter Führer von Gottlieb Lüthi und Carl Egloff, Verlag Fehr'sche Buchhandlung, St. Gallen ( Jahrbuch S.A.C. 1904, S. 348 ). 1908 kam die 2. Auflage heraus mit einem Anhang « Naturgeschichtliches aus dem Säntisgebiet » von E. Bächler und einer Distanzenkarte von Adolf Thierstein. Das Bergführerverzeichnis konnte 30 Mann aufzählen! Im Führertarif wird der K III als einziger Kreuzberg mit Fr. 20 eingeschätzt, während die ganz erheblich schwierigeren Altenalptürme nur Fr. 10 galten. Die 3. Auflage 1913, die 4. Auflage 1919 mit Distanzenkarte und endlich die 5. und bis jetzt letzte Auflage 1925, mit naturgeschichtlichem Anhang von E. Bächler, entsprachen alle einem Bedürfnis und wurden von den Verfassern und, nachdem G. Lüthi 1920 gestorben war, von Egloff allein immer eingehender bearbeitet, und zwar ganz besonders die Kreuzberge. Denn gerade in diesem von Besuchern bald überschwemmten Klettergebiet wurden stets neue Aufstiege oder Varianten « entdeckt ». Ingenieur Eduard Pichl, der heute noch in Wien lebt, veröffentlichte in der « österreichischen Alpenzeitung » 1906, Nrn. 719 und 720, eine schöne und grosse Arbeit « Aus dem Säntisgebiet ». Pichl hatte schon 1906 viele historische Daten gesammelt und ist in der geschichtlichen Darstellung der Kreuzberge sehr gründlich gewesen.

Den literarisch wertvollsten Beitrag über die Kreuzberge schrieb Dr. Armin Müller, Zürich, « Die Kreuzberge im Säntisgebiet » ( « Alpina » 1915, S. 150-153 und 165-167 ). Auch einen kleinen « iueuzbergführer » hat er verfasst. Er verunglückte am 26. August 1915 ( während sein Kreuzbergartikel in Druck war ) an den Tschingelhörnern ( « Alpina » 1915, S. 194 und 197 ), war Bergsteiger und zugleich Dichter, der die K reuzberge liebte und sie besungen hat, wie niemand vor und nach ihm! So schreibt Müller:

« Das sind die Kreuzberge! Sie li ab ich vor allem! Acht Dome fügen die schimmernde Kette. Aufrecht ste ren Säulen und plattengepanzert die Pfeiler. Aufwärts steigt der Kamine dämmrige Schlucht, springt der Wände schwarzer Riss. Es rauscht mit kraftvollem Flügelschlag der Fels zum Himmel! Schnee leckt am Gestein. Vorn Tal auf züngelt der blumige Rasen, dann ordnet er still sich um ihren Fuss. Tiefer hängen Wälder, drängen Keile blauschwarze Tannen hinan... » Und später: « Wieder stehe ich in der Saxerlücke und schaue zu den Kreuzbergen. empor. Die schimmernde Feste ist genommen! Ihre lachende Lockung hat.l mich nicht genarrt! Wie eine bunte Girlande schlingt sich die Erinnerung um die ragenden Häupter, legt sich leuchtend in die geheimste Falte ihrer felsigen Gewänder. Von Gräten und Wänden, aus Rissen und Schluchten tönt mir vertraute Weise, und in seligem Genügen sinken die Glieder gelöst zun moosigen Grund... » Im Jahrbuch 1916, S. 55-61, pries Othmar Gurtner den ersten Kreuzberg. Adolf Vögeli erzählt in der « Al Gina » 1922, S. 52, über « Eine Kreuzbergfahrt ». Im « Alpenfreund » 1927, S 517-522, ist ein Beitrag von Alfred Graber, « Alpines und Beschauliches aus dem Säntisgebiet », worin über die Kreuzberge viel Rühmliches zu lesen steht. Hans Biedermann plaudert in den « Alpen » 1932, S. 347, über die Kreuzberge. Er bezeichnet den « Fünften » mit Recht als Liebling aller Kreuzbergfahrer. Und Samuel Plietz schreibt ebenfalls in den « Alpen » 1934, S. 211-215, über das gleiche Thema. « Die Kreuzberge dürfen wohl ohne Bedenken als die schönsten und schwersten Kletterberge der Schweiz bezeichnet werden. » In den « Clubnachrichten der Sektion St. Gallen » 1934, S. 69-75 ur.d Nachtrag S. 84, erzählte der Verfasser erstmals etwas « Aus der Ersteigungsgeschichte des 1. Kreuzberges ». Der 1937 erschienene Nachtrag zum Säntisführer schliesst den Abschnitt über die Kreuzbergliteratur. Soweit das deutsche Sprachgebiet in Frage kommt, dürfte die Aufzählung wohl vollständig sein.

Wie schon erwähnt, haben besonders die früheren Veröffentlichungen die Augen und Herzen der Kletterer auf die Kreuzberge gelenkt, und durch diese jungen Leute, die ausserhalb des Alpenklubs standen, wurde im Dezember 1892 der Alpsteinklub gegründet. Schon im Dezember 1893, zuerst nur als Ortssektion gedacht, erstand durch St. Galler Mitglieder des A. C. der Touristenklub « Edelweiss ». Diese neue Gruppe wollte mehr Kletterei, mehr Kreuzbergtouren. ( Aus dem Jubiläumsbericht 1917 des A. C. ) Und wieder aus dem « Edelweiss » erblühte Ende 1908 der Bergsportklub ( B. S. C. St. Gallen ) mit dem Ziel, noch intensiver die Erschliessung der Kreuzberge in die Hand zu nehmen. Alpsteinklub, < Edelweiss » und Bergsportklub leben heute wieder einträchtlich beisamme i und bilden die tüchtigsten und initiativsten Vertreter der Klettergilde; die Kreuzberge sind ihr Lieblingsgebiet. Diese acht schönen Kletterberge haben also die Gründung von drei lokalen alpinen Vereinen ermöglicht. Auch dies gehört zur Erschliessungsgeschichte der Kreuzberge!

Etwas über die Höhenkoten. Auf dem Überdruck 1932, 1: 25,000, sind nur fünf Hauptgipfel der Kreuzberge kotiert, statt acht. Der neue Übersichtsplan 1: 10,000, der zurzeit nicht erhältlich ist, weist 15 vermessene Punkte auf, also « 15 Kreuzberggipfel ». Das ist in der Tat ein erfreulicher Zuwachs! Diese 15 Höhenkoten beziehen sich auf den neuen Horizont und sind die Grundlage der aktuellen Neuaufnahme der Landeskarte. Anhand von photographischen Aufnahmen und der Kurvendarstellung, die auf diesem Übersichtsplan auch für die Felsgipfel angewandt wurde, hat mir Grundbuchgeometer Bosshardt die Aufstellung einer vergleichenden Tabelle ermöglicht.

Kote von O nach W Kreuzberge Neuer Horizont Alter Horizont Überdruck 1932 Im Säntisführer 1925 1 2 I. Gipfel westlicherGratzacken am I.

1884 1872 1887 1875 1889 1891 3 II. Gipfel 1970 1973 1972 1969 4 5 6 7 1. Gratzacken am III. 2. Gratzacken am III. III. Gipfel westlicher Vorgipfel des III.

1931 1979 2020 2013 1934 1982 2023 2016 2023 2023 8 9 10 Graterhebung am IV. östlicher Vorgipfel des IV. IV. Gipfel 1986 2046 2059 1989 2049 2062 2061 ca. 2030 11 12 V. Gipfel westlicher Vorgipfel des V.

K I 1884 m.

Vor mir liegt das Gipfelbuch des I. Kreuzberges; der Bergsportklub St. Gallen schenkte es der Bibliothek der Sektion St. Gallen des S.A.C. 22 Jahre waren die verwitterten Blätter auf dem Gipfel, von 1910 bis Juni 1932. Der Inhalt des ersten, bescheidenen Büchleins wurde von den Brüdern Gottfried und Werner Müller sorgfältig in das zweite Buch übertragen, und so gingen diese wertvollen Notizen glücklicherweise nicht verloren. Das erste Büchlein ( 1903-1910 ) ist verschwunc en I Die erste Besteigung erfolgte am 6. September 1903 laut Gipfelbuch = G. B. durch Carl Peretti, Richard Güttier und Bernhard Schuh, alle aus St. Gallen, und zwar unter Zuhilfenahme einer ze hn Meter langen Leiter, welche über die Scharte gelegt wurde. Die Scharte selbst ist etwa 8 m breit und 20 m tief. Im alten Gipfelbuch des K III'seit 1894 deponiert gewesen ) ist als Datum der Erstersteigung der 23. August verzeichnet. In der ersten Auflage des Säntisführers hatte C. Egloff geschrieben: « Die Besteigung des I. Kreuzberges ist unter allen Umständen ein gefährliches Unternehmen, das selbst im Falle des Gelingens den hohen Einsatz nicht rechtfertigt. Wir abstra-hieren deshalb von einer Skizzierung der Anstiegsroute. » — Nach dem Gipfelbuch waren im Jahre 1930 200 Besucher auf dem I.! Die Ansichten über Gefahren haben sich mit der Steigerung und Kenntnis der Technik seither sehr geändert.

Die zweite Besteigung, die klettersportlich die reinlichere war, denn es ging diesmal ohne Leiter, erfolgte in 13. August 1904 durch Bernhard Schuh und Richard Güttier. Die Reihenfolge der Namen ist hier diejenige des Gipfelbuches, bei den Besteigungen selbst wird ohne Zweifel Richard Güttier der Führende gewesen sein! Diese drei Erstbesteiger leben heute noch, teils als tüchtige Handwerker. Peretti und Schuh sind etwas klapprig geworden und haben keine Lust mehr für Kletterfahrten. Ganz anders Richard Güttier. Er hat noch kein graues Härchen an den Schläfen und blieb schlank wie eine Tanne. Ab und zu besieht er sich den « Jahrmarkt » um und auf den Kreuzbergen und lacht dann verschmitzt, wenn ihm einer am I. den Weg zeigen will oder ihm beschwörend abrät, sein Leben am « Güttlerriss » des VI. auf das Spiel zu setzen.

Carl Peretti erzählte, dass Dr. Blodig und Victor Sohm schon vor 1903 erfolglos den I. probiert hätten. Zwei Wochen vor der Erstbesteigung versuchten Hans Dübi, Ingenieur-Topograph in Bern, und Fräulein Hermine Kläger von St. Gallen, denen im Laufe des Sommers verschiedene Erstbesteigungen in den Kreuzbergen geglückt waren, ihr grosses Können am « Ersten ». Sie wollten den Gipfel von Si den bezwingen, und Richard Güttier kann sich erinnern, dass die beiden in den steilen Rasenhängen, wo nicht gesichert werden konnte, unangeseilt gingen, und dabei sei Hermine Kläger, jedenfalls infolge eines Unwohlseins, tjdlich abgestürzt. Peretti selbst will den I. schon lange vor den ersten Versuchen vom Roslenfirst aus studiert haben. Mit Gottlieb Bück klettert y er dann mehrere Male bis halbwegs Wandhöhe und im Jahre 1901 allein bis auf den Grat. Dort oben stellte er technische Berechnungen an und kam Jann zu der Überzeugung, dass nur mit Hilfe einer Leiter die Scharte überwunden werden könne. Peretti liess es bei dieser Erstbesteigung, während Güttier und Schuh noch manches Mal auf der Spitze standen. So gelang ihnen auch die dritte Besteigung am B. Juli 1906, wo Max Frei, einer der besten Landschaftsphotographen ( ge- storben 1914 ) der Dritte im Bunde war. In seiner Schrift über die Kreuzberge behauptet Dr. Armin Müller, dass ein Herr aus Zürich für die Erstersteiger einen Preis ausgesetzt habe; er soll aber nie ausbezahlt worden sein. Zudem ist es gewiss, dass nicht der Geldpreis die Erstbesteiger lockte, sondern ein ganz anderer Preis, den ein richtiger Bergsteiger höher als Gold schätzt!

Auch Richard Güttier hatte früher schon viele Versuche gemacht. Auch er probierte, dem Gipfel von der Rheintalerseite beizukommen. Es sei dort ein Kamin, das in glatte Platten verlaufend ebenfalls zur Scharte leitet. Rechts davon ging es nicht, also packte er dieses selbst an. Kurz unter der Scharte komme eine ganz glatte Stelle. Güttier ging barfuss. Das Seil war aus, bevor er den Grund der Spalte erreicht hatte. Er kehrte um mit der Überzeugung, dass der Spaltengrund vom westlichen Turm aus durch Abseilen unbedingt erreicht werden könne. Dieses Manöver wurde dann auch bei der zweiten Besteigung ausgeführt, und Güttier kletterte auf die Rheintalerseite hinaus. Schuh diente als Steigbaum, und als der gewiss nicht kleine Güttier den Griff noch nicht erreichte, musste auch der Kopf des Untenstehenden herhalten. Auf dem Rückweg seilten sie sich in den Spaltengrund ab und kletterten auf der andern Seite am zweiten Seil, das hängen gelassen war, hinauf und zurück zum Westturm. Dieses Abseilmanöver, verbunden mit Spreizschritt ( dieser wurde erstmals von Gottfried und Werner Müller gemacht ) über die unten sehr enge Scharte zur gegenüberliegenden Wand ist heute nur noch die Arbeit des Führenden. Dann wird das Seil doppelt von einer Schartenspitze zur andern gespannt, worauf man sich mit eingehängten Beinen und Armen hinüberangelt ( Egloff, Nachtrag 1937 ). 1910 wurde der Übergang über die Spalte hie und da noch mit Hilfe eines Prügels bewerkstelligt ( Tourenbuch des B. S. C ). Es ist und bleibt ein akrobatisches Kunststückchen, und während der Hochsaison verfolgen viele Touristen von der Roslenalp aus, mit und ohne Feldstecher, diese sehr luftige Turnerei.

Andere Versuche wurden 1904 von Süden her, also von der Rheintalerseite aus, unternommen. Bergführer Nänny, Appenzell, und Krapf, aus Waldstatt, gelangten auf den Verbindungsgrat zwischen I. und IL ( Mitt. von A. Faulwetter ).

Die seit Jahren gebräuchliche Route, also der Nordaufstieg, wurde wohl zuerst von den Gebrüdern Auer aus Herisau, im Jahre 1905, ausgeführt. Es wäre dies vielleicht die dritte Besteigung gewesen ( Mitt. von A. Faulwetter ).

Am 13. September 1905 ( Versuche durch Victor Sohm, St. Gallen, waren bereits vorausgegangen ) waren Pichl, Sohm und Huber am « Ersten ». Pichl stürzte bald nach dem Einstieg und verzichtete auf die Fortsetzung, da er verletzt war; Sohm und Huber kehrten auf dem Grat um. Pichl schreibt ( « österreichische Alpenzeitung » 1906, S. 209 ): « Die Schwierigkeiten bestehen in der verwickelten Arbeit, die Grathöhe zu erreichen, und in der Forcierung einer, wie es scheint, unüberkletterbaren Spalte » etc. Und an anderer Stelle: « Möglicherweise ist dieser unheimliche Berg von Süden aus, auf dem von Dübi versuchten Wege, leichter zu erreichen als von Norden, ein Kampf ums Leben wird die Ersteigung aber i, amer sein. » — Pichl, dem mit seinen Kameraden andere schöne Erfolge in den Kreuzbergen beschieden waren, zog etwas enttäuscht in seine Heimat nach Wien zurück. Victor Sohm erreichte am 9. Oktober 1906, gemeinsam mit Fritz Iklé, St. Gallen, und Dr. K. Gruber, München, die längst ersehnte Spitze ( G. B. ). Im September 1907 wurde der Südostgrat von Joh. Messmer und A. Faulwetter aus St. Gallen und Hs. Bruderer, Teufen, versucht, und im September 1908 wollten L. Reichen, H. Meier und A. Faulwetter den Ostgrat von Norden her erreichen ( Mitt. von A. Faulwetter ). Es blieb bei den Versuchen 1 Am 29. Mai 1910 war die erste Dame auf dem K I, Emmy Schmid, Ragaz. Sie erreichte mit Richard Güttier und Gefährten die Spitze und stiftete zum Dank und als Ersatz für das kleine, völlig zerrissene erste Gipfelbüchlein das zweite schon erwähnte Buch.

Für den I. Kreuzberg kam nochmals eine neue Zeit. Am 17. September 1916 erzwang Walter Risch allein den Aufstieg direkt durch das Kamin zur Scharte. « Durch Stemmen, nicht zu empfehlen, allein », so lautet die Eintragung. Acht Tage darauf finden w ir Risch wieder auf dem I., bei Neuschnee. Sein Begleiter war der später verunglückte Willy Herzig von Appenzell. Am 29. Oktober des gleichen Jahres nochmals eine Notiz von Risch: « Aufstieg bei vollständig verschneiten Griffen durch die Scharte direkt von unten, beim Sattel links abbiegend in die N-Wand, allein. » Also eine Variante I ( « Alpina » 1916, S. 238, und S.A.C.J.e hrbuch 1916, S. 183. ) Am 16. September 1917 wollte Otto Holderegger, von Teufen, die Variante von Risch wiederholen und fand dabei den Tod. Auch sonst hat dieser Berg schon manches junge Menschenleben geknickt Ich erwähne nur den Alleingänger Willy Stein, Student, St. Gallen, der am 22. September 1922 nach der Rheintalerseite abstürzte. Ursache des Absturzes war Herzaffektion. Mir ist jener Tag in recht trauriger ErinnerungAm 3. Februar 1918 finden wir Walter Risch wieder im Gipfelbuch eingetragen. « Erster Aufstieg von Süd-Ost, Solo. Variante: Von Unteralp senkrecht über die Hütte Unteralp, dann in die Ostwand traversiert, bis in das Kamin, grösstenteils senkrecht, griffarm, sehr schwierig. Dürfte der erste Aufstieg über den Ostgrat sein. 6% Stunden Aufstieg, Pickel verloren. Erste Winterbesteigung. » ( « Alpina » 1918, S. 41, und S.A.C.J.ahrbuch 1919, S. 210 ). Wieviel Mut und Seelenstärke stecken hinter dieser kurzen Eintragung! Risch hat alle diese Varianten noch oftmals wiederholt, er stand etwa 28 mal auf dem Gipfel des I. Er hat wohl alle « Eingeweide » des Berges « abgetastet ». Meistens war Risch allein, er wohnte damals in Buchs. Auch andere bekannte Führernamen aus Pontresina, Klosters, Kandersteg etc. sind im Gipfelbuch zu finden.

Nochmals zurück zum Ostgrat. Samuel Plietz schreibt darüber in den « Alpen » 1934: « Dieser phantastische Ostgrat ist noch nie begangen worden und muss wohl als ein ganz hoffnungsloses Problem betrachtet werden. » Der Nordaufstieg zum Ostgrat wurde 1935 erstmals von Münchener Kletterern, deren Namen nicht festgestellt werden konnten, durchgeführt ( Egloff, Nachtrag 1937 ). Nach « Die Alpen » 1939, S. 374, wurde diese Nordost- route durch Berti Lehmann und Gefährten ( also wohl die Münchner !) erstmals begangen.

Noch immer blieb ein Problem am I., die Ersteigung des gesamten Ostgrates. « Als vage Möglichkeit liesse sich am ehesten noch das mächtige Kamin ins Auge fassen, das neben der Gratkante aus dunkler Tiefe sich ins Licht reckt... Doch Grat und Kamin verlieren sich über dem Talgrund der Unteralp in aalglatten Wänden... Und doch wird vielleicht der Tag kommen, da der stolze Gipfel ein paar Glücklichen ein längst gehütetes Geheimnis offenbart. » Egloff, der so im Nachtrag 1937 zum S. F. schrieb, sollte recht behalten. Es brauchte nur den Wink: Hier ist Neuland! und schon am 29. August 1937 erfolgte die erste Begehung des direkten Ostgrates. Paul Hell, Herisau, und Paul Schafflützel, Krinau ( Togg .), waren die Glücklichen ( « Alpen » 1939, S. 374, « Sport » 1939, Nr. 83, und Mitt. von P. Hell ). Ich glaube, dass die beiden jungen Herzen stolz waren, als sie am späten Nachmittag, nach mehr als zehnstündiger schwerster Kletterei, die letzten Gipfelfelsen erreichten, die ihnen bekannt waren. Zufällig war ich unbeteiligter Zuschauer, und mein Herz klopfte mit den unaufhörlichen Hammerschlägen, die aus der Tiefe des schwarzen Risses ertönten, um die Wette. Die zweite Begehung des direkten Ostgrates geschah am 18. September 1938 durch Sämi Pulver und A. Duttweiler und wurde 1939 von S. Pulver mit einem Kameraden wiederholt ( « Sport » 1939, Nr. 83 ). Am 31. Juli 1938 wurde die Ostsüdostflanke von Sämi Pulver und Arnold Duttweiler, beide S.A.C. St. Gallen, durchklettert ( « Alpen » 1939, S. 374, und « Sport » 1939, Nr. 83 ).

K II 1970 m.

Die erste Besteigung erfolgte am 4. Juli 1894 von Westen, durch Carl Egloff und Robert Strebel, St. Gallen ( Jahrbuch 1901, S. 100 ).

Bereits im Jahre 1898 war die erste Klubtour des T. C. « Edelweiss » auf diesen Gipfel. Egloff stand damals an der Spitze dieser Bergkameraden, und der junge Klub entwickelte eine rege Klettertätigkeit. Auch 1900 wurden Klubtouren auf den II. und III. ausgeführt; 1901 nochmals auf den IL, verbunden mit dem Übergang auf den III. ( Aufstiege zum IL von Westen ). Ebenfalls den Westaufstieg machte am 25. Oktober 1904 Gustav Krapf, Waldstatt, als Alleingänger ( G. B. K III ). Krapf kam vom III. her, und deshalb ist diese Tour bemerkenswert ( siehe K III ).

Am 13. September 1905 erreichten Pichl, Sohm und Huber den Gipfel von Westen. Nach vergeblichen Versuchen, in den Sattel II/I zu kommen, kletterten sie zurück in den Sattel II/III ( ö. A. Z. 1906, S. 208 ).

Am 30. September 1906 erfolgte die erste Besteigung von Osten durch Richard Güttier, St. Gallen, Gottfried Müller und Febo Sala, Herisau, anlässlich der ersten Überschreitung aller acht Gipfel ( Mitt. von G. Müller ).

Erstbesteigung von Norden, im Jahre 1908, R. Güttier und Willy Müller, T. C. « Edelweiss », St. Gallen.

Im September 1908: Ost-Nordost-Auf stieg resp. Übergang vom I. zum II. durch L. Reichen und A. Faulwetter, St. Gallen ( Mitt. von Faulwetter ).

Diese Route weicht von derjenigen der Erstbesteiger etwas ab, soll aber heute die gebräuchliche sein.

4. Juli 1909: Von der Unteralp, also von Süden, Aug. Faulwetter und H. Preller ( Tourenbuch B. S. C ). 16. Juli 1910: Nordwand auf, ab Ostgrat, Gottfried und Werner Müller ( Tourenbuch B. S. C ).

Durchsteigung der direkten Südwand in sieben Stunden, am 11. Oktober 1938, durch P. Schafflützel, Krinau, und P. Hell, Herisau ( « Alpen » 1939, S. 374, « Sport » 1939, Nr. 83, und Mitt. von Hell ).

Eine teilweise neue Route begingen am 16. Oktober 1938, also wenige Tage später, A. Duttweiler und S. Pulver ( « Alpen » 1939, S. 374, und « Sport » 1939, Nr. 83).Srtüuss folgt. )

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