Aus Karwendel und Wetterstein

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Von Karl Krall.

Leben heisst werden und vergehen. Vom Frühling zum Sommer, vom Sommer zum Herbst und zum Winter wächst und stirbt die Natur. Vom Knaben zum Mann werden wir selbst, und eh wir es glauben, werden sich weisse Fäden in unser Haar mischen, und bald wird man von uns sprechen als solchen, die einst waren. Auch unsere eigenen Anschauungen gären und reifen und werden alt im Wechsel der Zeit wie wir selbst. Was uns einst begehrenswert schien, wird nichtig und klein; was schwierig war, wird leicht und selbstverständlich; und — das ist es, was uns traurig stimmen könnte — was wir einst liebten, verliert oft vor uns, wird uns gleichgültig wie tausend und tausend Dinge im Leben. Ja, selbst das wenige, das in uns seinem Wesen nach bestehen bleibt, wird anders in seiner Art.

Anders zieht der Knabe zu Berg, anders der Mann. Doch aus einem ist beider Tat geboren: aus der Sehnsucht nach Reinheit und Einheit, nach Harmonie. Und Harmonie heisst Glück. Diese Sehnsucht begleitet uns das ganze Leben, bis unser Ziel und Ende erreicht ist. Im Wechsel der Tage scheint sie uns ewig gleich. Doch hält man einmal Rückblick, sieht man erst den Wandel ihrer Erscheinung.

Etwa siebzehn Jahre sind es her, dass mich ein lieber Gefährte späterer Tage aufforderte, mit ihm ins Karwendel zu gehen. Damals wollte ich mit glühender Begeisterung Bergsteiger werden. Tagelang sass ich über Karten und Führern, andachtvoll las ich in Hermann von Barths Schriften und hätte es sicherlich für einen Frevel gehalten, wenn es jemand gewagt hätte, zu behaupten, seine Schriften seien zum Teil doch ein wenig trocken. Ich erlebte all die Schrecken und Gefahren der Berge, von welchen Zsigmondy berichtet, studierte Dent und Whymper, kletterte mit Nieberl über Wände und Grate und wagte es doch kaum zu denken, dass auch für mich die Zeit kommen werde, da ich aufrecht und ohne Zagen manchen schweren Weg gehen würde. Was es war, was mich so mächtig in die Berge zog? Ich gab mir keine Rechenschaft, und heute sehe ich nur mehr aus weiter Ferne. Sicher war es nicht Ehrgeiz; der kam viel später. Vielleicht war es die Freiheit, vielleicht das Abenteuer, das Wunder, das dort oben irgendwo warten musste; vielleicht das Licht auf den Gipfeln, das die Welt so freudig stimmt.

Es ist nur natürlich, dass sich damals mein bergsteigerisches Interesse den nächstgelegenen Bergen zuwandte. Zuerst war es der runde Patscherkofel, auf den heute eine Seilbahn führt, den ich erreichte, dann kam die Serles, die Nockspitze und wie sie alle heissen. Aber ganz besonders lieb wurden mir bald die Berge des Karwendel. Ihre langgestreckte, vielgipflige, südlichste Kette gibt Innsbruck jenen gewaltigen Abschluss, denn ihre Gipfel schauen direkt auf die Häuser der Stadt herab. Von dort aus sah ich nun, dass die drei anderen Ketten dieses Gebirges sich viel gewaltiger und eindrucksvoller darstellen als die sogenannte Nordkette. Tiefe Scharten trennen die einzelnen Erhebungen, gewaltige Karmulden betten sich zwischen hinein, und schroffe, hohe Wände geben den meisten von ihnen einen durchaus hochalpinen Charakter, wenn auch ihre höchsten Erhebungen 2700 m nicht wesentlich übersteigen. Das Gewaltigste aber sind die ungeheuren, kilometerlangen Fluchten ihrer Nordwände, die über grünen Almböden und rauschendem Hochwald emporsteigen. Und noch heute weiss ich mir kaum ein schöneres Bild als jenes, wenn düstere Gewitterwolken über diese Kämme hinziehen und die Felsen und Kare dunkelgrau färben und nur einzelne Sonnenstrahlen hier und dort brennendes Gold oder leuchtendes Grün erwecken.

Einige Jahre später lernte ich das westlich gelegene Wettersteingebirge kennen. Mit Ausnahme der Zugspitze, 2963 m, und von einigen wenigen anderen Erhebungen sind seine Gipfel schwieriger zu besteigen, und so wurde ich erst allmählich mit ihnen bekannt. Auch dort herrscht ausgesprochener Kettencharakter, aber der ganze Aufbau hat dort etwas Freundliches, Beschwingtes. Sind auch hier einzelne Kare vorhanden, so geben sie doch nicht dem Bild den besonderen, fast melancholischen Charakter, den das Karwendel hat. Und so gehört denn auch zum Wetterstein strahlender Sonnenschein, dass man seiner wirklich froh werden kann.

In diese Zeit meiner Bergsteigerei nun traf die folgende Bergfahrt. Wer hätte es nicht erlebt, wie man am Abend vor der Bergfahrt zu spät zur Ruhe geht vor lauter Richten und Vorbereiten! Und dann lag ich durch Stunden schlaflos im Bett, voll Erwartung, und wollte schlafen und konnte nicht. Und lange bevor der Wecker zum Aufbruch mahnte, war ich wieder wach und wartete.

Wir gingen zu dritt. Hans war der älteste von uns. Er hatte mehr Berge bestiegen als wir andern beide zusammen. In Sturm und Hochwetter war er oben gewesen und kannte sie besser als wir. Das wusste ich. Glücklich wäre ich gewesen, hätte ich so viel gekannt und gekonnt wie er; und doch war auch er damals noch ein recht unerfahrener Anfänger.

Der Gang in die Eng im Herzen des Karwendeis bleibt mir unvergesslich. Den grossen Faltern jagte ich nach in knabenhafter Lust am Besitz dessen, dem erst die Freiheit seine Schönheit schenkt. Blumen pflückte ich, um mich besser freuen zu können, indem ich sie mitnahm und schneller welken liess. Dann sah ich hoch zur Rechten einen Bach ins Tal stürzen, der hatte im Stein eine tiefe Wanne ausgehöhlt. Dort blieb ich stehen und, hätte ich gekonnt, ich hätte sicher den ganzen Wasserfall mitgenommen. Am Kleinen Ahornboden steht das Denkmal Barths. Dort sassen wir und schauten.

Gewaltig steigen hier die Berge auf, schier unersteigbar schienen sie mir mit ihren Kanten und Wänden. Wunschlos war mein Schauen, zu gross waren sie mir, um nach ihnen greifen zu dürfen. Dann kam der Weg vom Spielist-joch zum Hohljoch. Kaum etwas hat je in meinem Leben solchen Eindruck auf mich gemacht als damals die Riesenmauer der Lalidererwände. Schrecken und Furcht jagten sie mir ein. Wohl erzählte mir Hans, dass sich Menschen-kühnheit an ihnen zum Himmel emporgerungen habe; wenige Jahre erst sei es her. Für mich aber waren sie nicht gefallen, übergewaltig waren sie, eine Macht, vor der ich mich zitternd beugte. Ein neues Bild: Uralter Ahorn steht auf saftigen Wiesen, Glocken wiederkäuender Kühe läuten ein freundliches Lied, dunkelgebrannte Almhütten hocken geduckt, im Abendfrieden stehen die Berge der Eng im Kreis. Der weissgraue Fels flammt auf im letzten Licht der Sonne.

Tiefes Frührot färbte am Morgen die streifenden Nebel. Der Boden war nass; es musste in der Nacht geregnet haben. Ein verwachsenes Steiglein führte uns bergwärts. Dutzende schwarzer Bergsalamander krochen im feuchten Gras und glotzten uns stumpfsinnig an. Im Hochglückkar setzten wir uns unter einen Block und überlegten. Die Nebel waren gesunken, und feiner Regen rieselte nieder. Als es nach stundenlanger Rast ein wenig aufheiterte, gingen wir weiter. Irgendein Band sollte in die Eiskarin hinüberziehen. Eines nach dem anderen ward von uns versucht, und jedes schien uns gleich ungangbar; zu sehr drohte die Tiefe, über welcher die schmalen Pfade hängen. Endlich fanden wir doch den Durchstieg.

Die Eiskarin werden durch einen scharfen Grat getrennt, der zur Scharte zwischen Eiskarlspitze und Spritzkarspitze zieht. Zwischen den kleinen, wild zerklüfteten Gletscherchen führte uns dieser Weg empor. Müde kamen wir zum Gipfel. Das Wetter aber war wieder ganz leidlich geworden. Tief unter uns sahen wir Kühe weiden, und es schien mir, dass ein geschleuderter Stein bis zu ihnen hätte fallen müssen. Gegenüber ragten die gewaltigen Abstürze der Bettelwurfkette. So halb zufrieden, halb bangend vor etwas Ungewissem, hielten wir die Gipfelrast.

Die Stunde drängt, da rollt plötzlich Donner die Wände entlang, und erschreckt verlassen wir den Grat. Wetterwolken hüllen uns ein, und eilig streben wir abwärts ins Spritzkar. Wolkenbruchartig fällt der Regen; die Latschen triefen vor Nässe, und durch ihre schwankenden Äste müssen wir uns den Weg bahnen. So unangenehm auch dieser Abstieg war, das Bild an sich war so grossartig, wie man es sich nur denken kann. Nassschwarze Wände ragen in die sturmgepeitschten Wolken, durch Rinnen und Kamine stürzen gewaltige Wasserfälle und brausen mit Donner, Regen und Sturm um die Wette, und grelle Blitze zucken aus dem Grau der Nebel. So ist es erklärlich, dass wir auf unserer Flucht bloss abwärts strebten, ohne zu ahnen, in welche Falle wir gingen. Links und rechts begrenzen Wände eine schneeerfüllte Schlucht; durch den Schnee heraus aber dringt dumpf das Brausen und Schäumen wilder Wasser. Da hört die Schneebrücke auf, knapp bevor die Schlucht hoch über dem Vomperbach ins Freie hinaus mündet. Empört springt der Bach aus seiner Gefangenschaft hinaus ins Licht und in mächtigem Anlauf die steilen Platten hinab ins Tal. Dort wartet der offene Rachen eines Lawinenkegels als sein nimmermüder Kerkermeister. Ratlos stehen wir eine Weile, dann fassen wir Mut und klettern über den schäumenden Wassern hinaus in die breite Plattenwand. Für uns gab es nun kein Zurück. Das war ein Abwärtstasten, ein Sich-an-die-Felsen-schmiegen mit dem ganzen Körper, ein verzweifeltes Ringen um Befreiung. Durch die Ärmel rannen Wasserströme und dann den Leib hinab, und frierend und schweigend kämpfte sich jeder von uns, ohne dem andern helfen zu können, zum Fuss der Wand. Durchnässt und wohl auch ermattet, wie wir waren, hätten wir wohl kaum eine Freinacht zu überstehen vermocht. Nun aber im Tal, glaubten wir uns geborgen. Mit den Nebeln war die Nacht herabgestiegen, aber guten Mutes gingen wir unsern Weg. Doch wir hatten das Vomperloch nicht gekannt; bald war der Pfad verloren, auf schwankenden Balken rutschten wir von Ufer zu Ufer, endlich gab es keinen Ausweg mehr. Wir waren wieder gefangen. Ein Stück gingen wir zurück und stolperten dann in pechschwarzer Nacht den Hang zur Linken empor. Über Strünke und Äste fielen wir und schlugen uns blutig. Wir hatten sogar das Fluchen vergessen, so müde waren wir schon. Da steht etwas Schwarzes vor uns. Wir schauen und tasten und — Freude — Holzer hatten einst aus Rinden um eine Feuerstelle eine schwache Hütte gebaut. Ein Feuer, sorgsam geschürt und gehegt bis zum Morgen, trocknet allmählich Stück für Stück der nassen Kleider und erwärmt drei frierende Menschen.

Am andern Tag vertrieb die Sonne Regen und Wolken.

So war mein erstes Abenteuer in den Bergen. Vielleicht stammt von dieser Fahrt meine Liebe zum Karwendel. Sicher aber ist, dass es mir schien, ich hätte damals etwas geleistet, und damit wuchs mein Selbstvertrauen; nicht bloss im jungen Bergsteiger, auch im Knaben, der sich von seinen Kameraden oft zu sehr bedrängen und verdrängen liess. Es war der erste grosse Lohn, den mir die Berge schenkten.

Vertrauter schienen sie mir bald, meine Berge nannte ich sie, und meine Liebe zu ihnen wurde stärker und begehrlicher.

Jahre vergingen. Ich hatte viele Gruppen der Alpen durchstreift und manchen Sieg errungen. Dennoch war ich nicht so glücklich in den Bergen wie einst. Nicht mehr wunschlos stand ich ihnen gegenüber. Hier der Grat und dort die Wand wurden auf ihre Begehbarkeit geprüft, selten kam ich zum blossen Schauen. Dennoch wünschte ich solche Stunden herbei, mehr denn je. Doch immer wieder kamen die Gipfelgier und der Ehrgeiz. Es ist nun einmal so bei uns: je mehr wir erreichen, desto mehr verlangen wir. Und haben wir wenig, sind wir leichter glücklich und zufrieden. Nun aber lockte von Woche zu Woche ein neues Ziel, und ich freue mich herzlich, dass ich manches von ihnen erreicht habe. So verging mir die Zeit. Wieder zog ich bergwärts, diesmal ins Wetterstein.

Dunkelblau und schwarz brüten Wolken im Westen und Süden, und weisse Nebelfetzen fliegen voran als fröhliche Boten kommender Schlachten. Wir drei aber sitzen und sinnen. Schon ist es Mittag vorbei. Unten am Bach waren wir gelegen, hatten uns des kühlen Wassers gefreut und zu kleinwinzigen Punkten emporgeblickt, die langsam bald und dann wieder schneller am Grat emporgestiegen waren, stundenweit damals von uns. Nun sind wir in der Scharte und schauen die gleichen Felsen hinauf und hinab zu den Schafen, die unter der Wand der östlichen Wangscharte dicht aneinandergedrängt beschauliches Tagwerk vollbringen. Nun sind wir oben, und sie haben schon längst die grobe Störung durch uns vergessen, die dummen Schafe unten am Einstieg. Die Sonne geht weiter, doch näher fliegen die weissen Nebel. Die Kletterei am steilen Fels hat nicht lange gedauert, dann grollt es, und eilig steigen wir zurück und suchen Schutz unter überhängendem Stein. Doch schwarz und rauchend zieht das Wetter über die Nachbargipfel und bleibt im Osten hocken. Nur dann und wann rollt es stärker in den Wänden und Regenstriche streifen an uns nieder; in den Tuxerbergen drüben folgen harte Schläge kürzer aufeinander, wie Getöse einer fernen Schlacht. So ist es 2 geworden, und nun gehen wir doch den Westgrat der Schüsselkarspitze noch an. Steil empor führen Griffe und Tritte, und immer ungehemmter findet der Blick tief unten die grünen Weiden und knapp an den Wänden die ewig rastende Herde der Schafe. Dem ersten Grataufschwung folgt gleich ein zweiter. Weniger steil, aber schärfer wird nun der Grat. Zacken und Scharten wechseln; endlich hinter einem breiten Kopf bricht der Grat tief und steil hinab. Langsam gleitet einer nach dem andern am doppelten Seil in die Tiefe. Doch das Seil selber will nicht mehr nach, trotz Ziehen und Zerren. So bleibt nichts anderes übrig, als dass einer wieder hinaufsteigt und oben eine Schlinge löst. Ich habe inzwischen Musse, Ausschau zu halten. Ein breites Band zieht von der Scharte in die Nordwand hinaus. Über das wandere ich; von einem kleinen Seitengratschartl aus findet der Blick staunend gewaltige, gelbe Mauern, die jäh hinabsteigen in düstere Felskammern und tote Kare. Der Himmel ist nun wieder bleifarben geworden, und unheimlich ist es nun hier oben. Die Nebelfetzen schleichen wieder spähend umher, irren ziellos im Raum, bald dort und bald da. Finsterer wird es immer. Ich aber suche hastiger, wo wohl ein Platz wäre zum Schutz für uns drei, wenn der Hexentanz losgeht. Inzwischen ist das Seil bei uns. Bevor noch der nächste Aufschwung erreicht ist, grollt der Donner. Hei, und wie der Sturmwind zugreift! Weh, wenn wir noch am Grate wären! Laufend geht es hinauf, wo unter überhängenden Felsen kreisrund ein Loch, mehr als metertief, verborgen wartet. Schnee ist auf seinem Grund und Steine, die ich eilends hinabgeworfen. Immer düsterer wird es, die Blitze folgen einander immer schneller, und unaufhörlich bricht sich in gewaltigem Gebrüll der Donner in den Wänden. Eine Regenhaut haben wir über das Loch gebreitet und warten. Regen klatscht an die Wände, prasselnd fliegen die Hagelkörner, und der Sturmwind kämpft in unsinniger Wut mit den Felsen, tosend und ächzend vergeht seine furchtbare Gewalt am stolzen Wuchs der Berge. Und immer wieder kracht es und rollt es die Wände entlang, dumpf bald und stählern und hart wieder. Wir kauern nun wohl schon eine Stunde im engen Felsloch. Bäche rinnen über die Wände und fallen klatschend auf den ausgespannten Mantel. Und hinter den schwarzen Wolkenstrichen lange, graue Wolkenbänke. Schon ist es 6 vorbei. Wenn nun die Nacht kommt und der Regen fortwährt, Schnee statt Regen fällt, was dann? Wenn sich die kalte Nacht frierend durch die Glieder schleicht und nasse Kleider wie bissige Mäuler bei jeder Bewegung ins Fleisch fressen? Werden wir es bestehen in unserer leichten Kleidung? Gleichmässig pocht der fallende Regen auf unser Dach und gleichmässig tönt es dem Blitzen Antwort. Wie, wenn der Blitz den Grat oben träfe und die Rinne entlangziehend uns fände? So friedlich sässen wir hier beisammen, einer am andern. Ferner rollt jetzt der Donner, unaufhörlich fällt der Regen, und schwarz und düster ist der Himmel, kein blaues Flecklein gibt uns Hoffnung auf die Wiederkehr der Sonne. Eigentlich wäre es schön, wenn jäh das Ende da wäre, ein Einschlafen, weit oben, fern von allem, was gewohnt und vertraut war, was wir lieben.

Endlich, endlich schweigt der Regen, und ein schwacher Wind trocknet die Felsen. Da steigen wir aus unserem Loch. Die Grossen schweigen, wir sind in Gnaden entlassen.

Rasch stehen wir oben in der Scharte. Sicher steigen wir höher, an der Kante bald und bald wieder ein wenig zur Seite; der Grat wird flach. Bald stehen wir am Gipfel der Schüsselkarspitze. Regen verheisst zwar der Himmel, doch wir sehen den Weg vor uns. Drüben der Plattenschuss, dann hinein in die Rinne, und bald stehen wir am Grat, von dem wir sicher mühelos die Hütte gewinnen können; nur für die Platten wäre es gut, wenn noch ein klein wenig Helle am Himmel bliebe.

So eilen wir den brüchigen Ostgrat hinunter, in den Kletterschuhen, wie wir eben sind, die Rinnen hinab durch Schnee und Geröll und langsam wieder empor zum Plattenschuss. Wie wir zum Anfang der kurzen Kletterei kommen, ist es Nacht. Doch noch haben wir uns zurecht gefunden, und bald sind wir wieder in leichten Schrofen und dürfen uns wenigstens kurze Rast gönnen. Wissen wir doch, dass wir nun in die tiefste Rinne müssen, und die kann wohl nicht zu verfehlen sein. Zudem glauben wir noch eine schwache Steigspur im Schotter zu erkennen, und ihr vertrauen wir uns sorglos an. Doch die Felsen werden steiler, wir halten uns weiter aufwärts, immer höher kommen wir — nur schwarz bleibt unter uns die Tiefe, ohne Dimension — endlich hat alles Queren ein Ende, nur gerade empor noch führt gangbarer Fels. Glatte Platten zur Linken versperren uns den Weg zur ersehnten Rinne. Immer noch hoffen wir, vielleicht höher oben durchzukommen. Doch unser Hoffen wird getäuscht. So gilt es schliesslich die Kraftprobe, wer stärker ist. Wäre nicht übel, nicht durchzukommen. Über eine schneeerfüllte Kluft hinweg stehle ich mich in die Plattenwand hinaus. Leise rieselt Regen nieder, Nebel kriechen aus der Tiefe empor, kaum sichtbar. Schwarz ist alles um mich her. Längst sind die Gestalten der sichernden Freunde vom Dunkel verschlungen. Vergebens tasten Hände und Füsse nach Halt. Umsonst suche ich mit dem Haken in der Hand nach einer Ritze. Die Augen sehen nichts, und die Hände sind wohl zu ungeschickt. Dass auch gerade Neumond sein muss! Und kein Stern für uns über den WolkenSo bleibt mir nichts übrig, als den Haken wieder einzustecken. Geschlagen denn. Vergeblich war mein Bemühen, die Platten zu durchqueren. Ohne Halt hänge ich hier. Wie will ich zurück? Nun muss wohl der Flug kommen. Nur dahin geht mein ganzes Sinnen, den Abstand zu den Freunden zu verringern. Ob sie wohl halten werden? Ich glaube, es ginge tief hinab. « EinziehenLangsam! Achtung, fest halten! » Langsam geht es zurück. Eigentümlich, wie jede Furcht fehlt, obwohl ich ein Halten kaum erhoffe. Nur der Körper arbeitet emsig und gewissenhaft. Wie ich dann wieder zurückgekommen bin, kann ich selber nicht sagen. Ich weiss nur, dass ich froh war, zurück zu sein. Dann stiegen wir aufwärts. Pechschwarz ist die Nacht. Kaum hebt sich der Fels vom Himmel ab. Nur einmal scheint es mir, als ob hoch über uns Felsen drohend überhingen. In weiter Ferne zucken Blitze — und für Augenblicke huscht ein schwacher Schein über uns. Wenig wird gesprochen: « Geht's? Vielleicht! Seil ein! » Sonst hängt jeder seinen Gedanken nach. Und froh wäre ich, wenn die nächtliche Fahrt ihr Ende hätte. Denn ich bin müde. Es ist, als ob alle Zukunft vor uns steiler Fels wäre und wir drei immer aufwärts steigen müssten, immer aufwärts, ohne Ende, ohne Ziel. Nur beim Sichern glaubt man, man könne stehen, schlafen. Durch tiefschwarzen Schlund steigen wir empor. Kaum finden wir einen Griff, der nicht unter dem Druck der Hände nachgibt. Im Bogen werfen wir die Steine in die Nacht, surrend tönt ihr Weg. Endlich ist der Grat erreicht. Es wird schon langsam lichter; doch nur ganz wenig. In einer Scharte tauchen die Gestalten in tiefes Dunkel, hoch jenseits sehe ich wieder schwache Schatten huschen. Wie wir am letzten Gratkopf sitzen, sehen wir schon weit unten die Wegspur im Schotter, denn es ist grau geworden. Dass es aber schon Morgen werden will, kommt uns erst lang darnach zum Bewusstsein. Schneller geht es über den Schutt, langsam die Schneerinne hinab zum Weg. Ein schwerer Himmel, kalt und freudlos ist über uns, wie wir an die Hüttentüre klopfen. Zufrieden strecken wir uns auf die harten Bänke hin. Sieger nicht, doch voll Hoffnung auf die helle Sonne und voll Freude am eigenen Sein.

Ich bin heute noch mit gleicher Freude ein Anhänger der Tat wie damals. Dennoch ist es anders geworden. Ich habe wieder gelernt, wunschlos zu schauen und in solchem Schauen tiefe Freude zu finden. Freilich, noch lebt die Tat. Sie ist es, die uns mit unseren Weggenossen verbindet. Die schönsten Gedanken, die schönsten Worte können Menschen nicht so sehr miteinander verbinden, wenn ihr Inneres nicht von Natur aus ähnlich ist. Die Tat aber ist allen Gefährten gemeinsam; sie verbindet auch die grössten Gegensätze. Sie gehört nicht dem einzelnen, sie ist schliesslich unser aller Eigentum.

So steigen wir bergwärts, Woche für Woche, viel zu schnell vergeht die Zeit. Kaum erst brannten die Lichter am Christbaum, da steht die Sonne schon wieder am höchsten. Sonnenwende naht.

Wenn rings auf allen Bergen die Feuer brennen unter dunklem Sternenhimmel, dann überkommt wohl jeden eine eigene Stimmung. Es geht so viel Mut und Zuversicht aus von den hellglühenden Punkten am Himmelsrand, dass jedes Herz höher schlagen muss. Ein Märchentraum wird Wirklichkeit.

Da steigen dann Hunderte, Junge und Alte, schwerbeladen hinauf zu den Graten und harren aus, bis leise die Nacht niedersinkt. Oft kommen Wolken und hüllen sie ein, oft strömt Regen nieder, sie halten aus und bauen sich den Sonnwendfeuerstoss.

Unsere Feuer sollten die Kaminspitzen in der Nordkette krönen. Da hatte ich ausgemacht, bei schönem Wetter in aller Frühe mit einigen anderen aufzubrechen. Wir wollten Holz und Pech auf den Gipfeln lassen, dann der Kumpfkarspitze einen Besuch abstatten und über den zackigen Nordgrat des Kemacher zu unseren Feuerplätzen zurückkehren. In der Frühe aber hatte ich einen harten Strauss mit meiner Faulheit zu kämpfen und unterlag schmählich. Als ich dann gegen Mittag aus der Stadt zurückkam, da wurmte es mich. Rasch nehme ich ein karges Mittagsmahl und fahre dann zur Hunger-burg hinauf. Nun musste ich freilich hergeben, was ich hatte, wollte ich noch etwas erreichen, denn damals gab es noch keine Bergbahn. Wohl drückte das Gewicht am Rücken recht merklich, doch es gab keine Rast. Dreieinhalb Stunden nach meinem Aufbruch jauchzte ich von meiner Spitze hinab ins Steinkar. Drüben auf der Kumpfkarscharte regte es sich, und schon kam Antwort zurück; dort sassen meine Gefährten. Und da bekam ich auch gleich einen Auftrag. « Kletterschuh vergessen » verstand ich mit Mühe und Not. Auf der Steinkarscharte fand ich dann unter Bergen von Holz und Pech den vergessenen einen Kletterschuh. Mit ihm eilte ich hinab ins Kar und jenseits hinauf zur Scharte. Dort sassen sie in einem Zelt und waren vergnügt. Nun hätte ich freilich auch gern einmal gerastet, aber es litt mich nicht. Droben lockte noch die Spitze. Durch die schottrige Rinne stapfte ich hinauf, überkletterte die plattigen Absätze, kam zu weit rechts, querte durch eine Wand zurück und erreichte den Gipfel der Kumpfkarspitze. Jetzt erst war ich zufrieden. Jetzt durfte ich auch einmal mit Musse Ausschau halten. Wieder lagen ringsum die geliebten Berge des Karwendel — Heimatberge 1 In kurzen Zügen trank ich das vertraute Bild, dann kam der Rückweg. Bei der Scharte sorgte ich dann endlich kräftig für das leibliche Wohl; es war wirklich nötig geworden. Dann knüpfte ich das Seil um die Brust, und gemeinsam mit den auf mich wartenden Gefährten zog ich los. Wir stiegen den ersten Turm hinauf, wir kletterten steil jenseits hinab, und Zacken und Zacken blieben hinter uns. Viele Jahre zuvor hatte ich den Grat mit einem lieben Freund überschritten. Ihn deckt schon die kühle Erde. Mir aber kam diese Fahrt und manch andere mit ihm lebendig ins Gedächtnis. Wie uns die Tiefe gedroht, wie der steile Fels, die scharfe Schneide uns bedrängt und wie wir später dann gemeinsam so manchen Sieg errungen hatten. Vorbeil Wer ist der Nächste?

Doch heute war nichts von Schreckhaftem am Grat. Leicht und sicher schritten wir dahin. So kurz war er uns, wir konnten es kaum glauben, dass wir schon am Ziele waren. Am Gipfel des Kemacher begrüssten uns Bekannte. Nach kurzer Red und Gegenrede stiegen wir zu unseren benachbarten Kaminspitzen hinüber. Unser mehr als ein Dutzend waren dort versammelt. Jeder Zacken bekam sein Feuerlein zugewiesen und dann warteten wir.

Langsam sank im Westen die Sonne hinter den Bergen hinab, liess den Himmel erglühen, dass die Höhen Widerscheinen mussten. Mit kalten blauen Farben zog der Abend herauf aus dem Tal. Um ihre Feuerstellen geschart sitzen sie nun auf allen Gipfeln. Frohes Lied klingt von Spitze zu Spitze. Im Tal unten erglänzen die Lichter der Stadt, am Himmel zieht Stern um Stern auf. Da zünden die auf den tieferen Hängen ihre mächtigen Holzstösse an: rote grosse Feuer. Nun flammt es am Brandjoch auf, auf der Series drüben brennt es empor, und Gipfel um Gipfel, so weit das Auge reicht, trägt seine Strahlenkrone. Feierlich lodern die Flammen auf allen Bergen, an allen Hängen.

Lange sitzen wir am Feuer in stockfinsterer Nacht, bis der Brand langsam verglimmt. Dann entzünden wir die Fackeln. Nun wandelt es an allen Hängen abwärts. In leuchtenden Zügen klettern sie über die Grate und steigen sie die Schrofen und Hänge hinab.

In Sonnenschein und Sturm, über Eis und Fels, im Sommer und Winter drängt es uns hinauf, viel dutzendmal im Jahr. Und jedesmal sind die Berge schön und gross, auch wenn wir sie selbst jedesmal mit neuen Augen betrachten. Denn ewiger Wandel ist in uns. Unbegreiflich und unfassbar waren mir einst die Berge und erfüllten mich doch mit Glück. Dann kam die Zeit, da ich in den Bergen eine Heimat fand. Doch sie war mir neu. Angreifen und abtasten und durchforschen musste ich sie und muss es noch heute. Bisweilen aber naht eine neue Zeit mit ersten, seltenen Boten, da nicht mehr die Tat allein alle Seligkeit birgt, da ich schon im Schauen das Glück der Berge zu finden vermag. Und dann

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