Aus Tarantaise, Vanoise und Maurienne

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Von Heinrich Kleinert.

Mit einem Wort: aus Savoyens Bergland. Unbekannte Täler, unbekannte Berge. Wohl mögen einzelne in Andreas Fischers Hochgebirgswanderungen 1 ) den Abschnitt « In den Grajischen Alpen » gelesen haben. Die spärlichen und oft ganz fehlenden Eintragungen von C. Mitgliedern in den Hüttenbüchern der Refuges beweisen, dass der schweizerische Bergsteiger ein seltener Gast Savoyens ist. Er bleibt entweder im Mont Blanc-Massiv oder überrennt die Savoyerberge auf dem Wege in die Dauphiné. Und doch verdienen sie, vor allem ihrer landschaftlichen Schönheit wegen, unsere Beachtung. Julius Kugy 1 ) findet in seinem prächtigen Buche Worte hellster Begeisterung für jene weiten Gegenden herrlicher Alpenwelt: « Es war einer meiner schönsten Bergtage 2 ), an dem ich so recht Savoyens Schönheit sah. Wie seelenvoll blickte das Auge seiner Hochseen, wie feierlich standen seine Berge, wie kristallhell leuchteten seine Gletscher, wie freundlich grüssten seine Ahnen in entzückendem Grün. Alles so weit und so gross, so strahlend schön! Überall reinquellender Reichtum der Natur, überall edle und anmut-volle Linie, nichts Abgehacktes, nichts Finsteres, nichts Schreckhaftes!... Da will ich in Gedanken und, will 's Gott, vielleicht auch noch einmal in traumhaft beglückender Wirklichkeit zu dir wieder wandern, du schönes, savoyisches Bergland! Im sanften, süssen Hauch deiner Matten soll mir die liebe savoyische Bergsonne still und warm hineinleuchten in mein deinem Zauber weit geöffnetes Herz. Denn bei dir dort ist wie vielleicht nirgends sonst alles zu Hause, dessen man in solchen Zeiten und Stimmungen bedarf: die Schönheit, die Ruhe, der Friede und die Versöhnung!»Und nun zunächst ein wenig Geographie: Von Genf aus erreicht man die Tarantaise mit der Bahn über Annecy-Albertville-Moutiers-Bourg St-Mau-rice ( Endstation ), die Maurienne über Culoz-Chambery-Modane ( Grenzstation der Mont Cenis-Bahn ). In Albertville beginnt die Tarantaise, mit welchem Namen die Gebiete des Isèretales und des Doron de Salins, d.h. des Tales von Pralognan, bezeichnet werden. Die Maurienne ist das Tal des Arc. Die Eisenbahn führt von Chambery bis Modane, von wo ein Autobus nach Bonneval eingerichtet ist. Das Massiv der Vanoise endlich liegt zwischen Tarantaise und Maurienne. Diese spärlichen Angaben müssen genügen, dem Leser eine ungefähre Übersicht zu geben über das Gebiet unserer diesjährigen Wanderungen.

Das Jahr 1923 hatte mich an selten schönen Tagen auf den Grand Combin und den Gran Paradiso geführt. Im Südwesten hatten wir damals gar viele Gletscher und Spitzen gewahrt, die keiner von uns zu enträtseln vermochte. Halb rieten wir auf die Dauphiné, zweifelten dann aber doch ernsthaft an dieser geographischen Erkenntnis. Unterdessen hatte mein Clubfreund Walter von Bergen eine Fahrt in jene Berge unternommen und wusste Feines und Verlockendes von ihnen zu erzählen. Als er mir deshalb im Frühling 1930 vorschlug, wieder einmal die Grenzen der Schweiz zu überschreiten, war ich mit Freuden bereit. Als Dritter im Bunde schloss sich mein alter Weggenosse Alfred Rubin an. Nach drei langen, regnerischen Juliwochen strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel, so dass wir mit den besten Hoffnungen am 2. August die Schweiz verliessen. Als wir bei einbrechender Nacht im dicht gefüllten Zug dem Lac d' Annecy entlang fuhren, entlud sich mit infernalischer Gewalt ein Gewitter, wie wir es bei uns selten erleben. In Albertville bezogen wir ein etwas zweifelhaftes Nachtquartier. Das Gewitter war in einen richtigen Landregen übergegangen. Kalt und unfreundlich schauten dunkle Tannenwälder und graue Schutthalden am Sonntag früh aus dem Nebel hervor. In riesigem Bogen fuhr der Zug gemächlich ins Tal der Isère hinein und durch dieses hinauf. In Moutiers verliessen wir ihn und belegten Plätze im PLM-Autocar nach Pralognan. Langsam und leise begann es zu regnen, so dass die wenigen Fahrgäste sich fröstelnd in Mäntel, Pelerinen und Windjacken hüllten. Hinter Bozel, dem letzten grossen Dorf der unteren Talstufe, steigt die Strasse in engen, steilen Kehren empor. Durch Nebel und Regen genossen wir da und dort einen prächtigen Tiefblick. Als wir in Pralognan den Autobus verliessen, stürzte der Regen sintflutartig herab. Wir sorgten gleich für Quartier. Die Preise waren gut, Zimmer und Kost aber ganz ungenügend.

Der Nachmittag sah uns auf einem Spaziergang ins Tal des Doron de Chavière. Wir stiegen einige hundert Meter gegen den Petit Mont Blanc — einen vielbesuchten Aussichtspunkt der Gegend von Pralognan — auf und fanden uns plötzlich, aus dichtem Erlengebüsch hinaustretend, auf einer Alpwiese, die ganz bedeckt war von Mannstreu, der blauen, prächtigen Distel, die in der Schweiz nur selten zu finden ist.

Das Wetter hatte aufgehellt; ein klarer Himmel verhiess schönes Wetter für den folgenden Tag. So setzten wir den Dôme und die Aiguille de Polset aufs Programm, und zwar wollten wir die Besteigung unmittelbar vom Tale ausführen, ohne Benützung des neuen Refuge du Polset et Péclet.

Es war 3 Uhr vorbei, als wir den Weg des Col de Chavière hinaneilten. Unzählige Sterne funkelten am tiefschwarzen Nachthimmel — ein übles Wetterzeichen. Ein langer Talmarsch in der Nacht, dann im Dämmerlicht, zuletzt in fahlgelber Morgensonne brachte uns endlich — gegen 7 Uhr — zum Refuge Polset, 2434 m. Die Wirtsleute hatten sich eben erhoben, gähnten und staunten ob des frühen Besuches aus Pralognan.

Hinter Rasenhängen liegt ein stiller See, an dessen östlichem Ufer der Weg zum Col du Soufre 1 ), etwa 2800 m, ansteigt. Es war 9 Uhr, als wir auf der Moräne des Glacier de Gébroula das Seil umlegten. Auf leicht ansteigenden Schneehängen und über den neu verschneiten Gletscher erreichten wir in ungefähr drei Stunden die schneeige Einsenkung zwischen Dôme und Aiguille de Polset. Ein letzter steiler Hang, an dem der schuhtiefe Neuschnee über hartem Eis lag, forderte einige Anstrengung, sonst war die Besteigung einfach und bequem. Wenige Minuten auf dem breiten Grate noch und dann standen wir 1215 Uhr auf dem Dôme du Polset, 3512 m.

Leider hatte mittlerweile Nebeltreiben eingesetzt, so dass die Aussicht sich auf einige Tiefblicke und wenige Berge der unmittelbaren Umgebung beschränkte. Gar zu gerne hätte ich die Aiguille de Polset und die Aiguille du Péclet überschritten, aber die vorgerückte Stunde und der drohende Wetterumschlag zwangen uns, darauf zu verzichten. Ein rascher Abstieg brachte uns zum Col du Soufre, und auf einer Abkürzung über steile Grashänge erreichten wir den Talweg. Ade, teurer Wirt von Pralognan!

Mit unförmlichem Rucksack wanderten wir in strömendem Regen den Maultierpfad zum Refuge Felix Faure auf dem Col de 1a Vanoise, 2527 m. Alle Höhen mit Nebel tief verhängt, kalter Wind blies stossweise vom Tal herauf — trostlose Aussichten für die ersehnten, grossen Besteigungen. Als wir die Passhöhe erreichten, begann es zu schneien.

Die französischen Refuges sind keine Clubhütten in unserem Sinne. Eher lassen sie sich mit den Schutzhäusern des deutsch-österreichischen Alpenvereins vergleichen. Sie werden vom französischen Alpenclub verpachtet und nehmen so ganz einfach den Charakter von Bergwirtshäusern an 2 ). Unsere Erfahrungen in Pralognan hatten uns misstrauisch gemacht. So studierten wir erst eifrig den angeschlagenen Tarif und ersahen aus ihm, dass sich ohne Geld trotz der niedrigen Valuta auch in Frankreich nicht mehr wie der Herrgott leben lässt.

Das Taschenbarometer zeigte etwelche Lust, zu steigen, so dass wir uns vornahmen, anderen Tags eine kürzere Bergfahrt zu unternehmen. Und siehe da! Der Morgen war strahlend klar. Weissüberzuckert leuchteten die Berge nur mit wenigen Nebelfetzen behangen im Sonnenschein. Allerdings mit der Grande Casse, 3861 m ( der höchste Berg Savoyens ), war es nichts, das sahen wir sofort ein; und auch die Pointe und Aiguille de la Glière luden mit ihren vereisten Felsen nicht zum Besuche ein. So entschlossen wir uns, die südlich des Refuge gelegene Pointe de la Réchasse, 3223 m, anzugehen.

Reichlich spät brachen wir auf, stiegen über Rasen, Geröll und teilweise eisüberglaste Platten zum Glacier de la Réchasse empor und querten ihn in fusstiefem Neuschnee zum langgestreckten Westgrat. Über eine kurze Schneewand, die einige Stufen forderte, betraten wir den aus grossen Blöcken bestehenden Grat, der uns ohne Schwierigkeiten in etwa einer halben Stunde zum Gipfel führte. Eine prachtvolle Aussicht liess uns lange auf der hohen Warte weilen. Die Gletscher der Vanoise strahlten im reinen Weiss des Neuschnees. Im Norden sah man die steilen Felshänge der Grande Casse, und dicht daneben erhob sich die prächtige Pyramide der Grande Motte. Im Süden überragte die das Massiv der Vanoise abschliessende Dent Parrachée alle ihre Nachbarn. Wie wir später erfuhren, hatten an ihr am Vortage zwei Bergsteiger aus Lyon den Tod gefunden.

Der Abstieg führte uns rasch und sicher meist über Schnee zum Refuge hinab. Am Nachmittag ergingen wir uns auf dem weiten Plateau des Col de 1a Vanoise. Edelweiss blühen dort in Massen. Zwei Seen, der eine merkwürdig blau, träumen inmitten grüner Matten. Schroff steigen dahinter die Wände der Grande Casse empor. Der drohende Berg, die liebliche Seen-landsChaft mit weidenden Kühen: es ist wie Krieg und Frieden.

Für den folgenden Tag hatten wir uns die Grande Motte auf die Fahne geschrieben. Wir mussten froh sein, durchs Vallon de 1a Leisse und über den Col de 1a Leisse, 2744 m, den Col de Fresse, 2578 m, das Val d' Isère zu erreichen. Auf dem Col de 1a Leisse empfing uns Schneegestöber, und ein rauher Wind peitschte uns Graupeln und Regentropfen ins Gesicht. Wir warfen einen wehmütigen Blick auf die im Nebel entschwindende Grande Motte und eilten zu Tal.

Val d' Isère! Vom Col de Fresse waren wir zu den Chalets de la Tovière hinuntergestiegen, als sich die Sonne durch schwere Regenwolken Bahn brach. Ein lichter Lärchenwald nahm uns auf, und bald, bei einer Kehre des schön angelegten Weges, öffnete sich der Blick ins Tal: Val d' Isère. Im Sonnenschein lag das freundliche Savoyardendorf breit ausladend auf weitem grünem Grunde. Hier war gut sein; das spürten wir, bevor wir noch den Fuss über die Schwelle des Hotels Parisien setzten, wo wir freundliche Aufnahme und ausgezeichnete Verpflegung fanden.

Wieder mussten wir unsere Bergträume unverwirklicht lassen. Fast ein wenig entmutigt zogen wir Samstag, den 9. August, mit schweren Säcken weiter, dem Col de l' Iséran zu, der uns in die Maurienne führen sollte.Von Pralognan war uns der Abschied leicht geworden; Val d' Isère verliessen wir nur ungern. Leb wohl, du paradiesisch Flecklein Erde! War es die Ähnlichkeit mit unserer wallisischen Heimat, die uns das Scheiden schwer gemacht?

Um halb 11 Uhr, nach kaum zweieinhalbstündigem Marsch, erreichten wir einen Punkt etwas oberhalb der Passhöhe, am Beginn des Grates zum Signal de l' Iséran, unserem heutigen Ziel. Wir legten die Säcke ab und stiegen, spärlichen Wegspuren im Nordhang des Berges folgend, in knapp 1 1/2 Stunden zum Gipfel, 3241 m. Auch hier heischten vereiste Schieferplatten da und dort etwelche Vorsicht. Schon während des Aufstieges zum Pass hatte das Wetter aufgehellt. Der Blick auf die Kette der Tsantelaina und in die Ferne, auf den wie über Wolken schwebenden Mont Pourri, begleitete uns. Die prachtvolle Aussicht vom Gipfel genossen wir in langer Rast. Nach Süden reihte sich Gipfel an Gipfel, Tal an Tal: für mich Neuland! Im obersten Talkessel des Vallon de Lenta kreiste ein riesiger Raubvogel. Ob es ein Adler war? Wundervolle Stille lag über den Rergen: Feiertag!

Auf dem Col de l' Iséran, 2770 m, steht das neu erstellte Refuge de l' Iséran. Seine Lage erscheint etwas unbegründet; denn ausser dem von uns erstiegenen Signal de l' Iséran gibt es wenig Berge von Bedeutung in der Umgebung dieser Hütte. Wahrscheinlich soll das Refuge eher der projektierten Bergstrasse über den Col dienen, die einen neuen Teil der « Route des Alpes » bilden wird.

Der Abstieg durchs Vallon de Lenta gestaltete sich zu einer reizvollen Wanderung über weite, grüne Matten. Dennoch waren wir froh, im Chalet-Hotel Bonneval des französischen Alpenclubs zur Abendtafel sitzen zu können.

Der französische Alpenclub hat in der Maurienne einige neue, hoch gelegene Clubhütten erbaut, die von Bonneval aus in je 3—4 Stunden erreicht werden und als Ausgangspunkte für die prächtigen Berge des französischitalienischen Grenzkamms dienen. Das Refuge Carro, 2780 m, für die Gruppe der Levanna, das Refuge des Evettes für Albaron und Ciamarella, und das Refuge de l' Avérole für die Pointe de Charbonnel.

Bei wolkenlosem Himmel stiegen wir gemächlich mit leichter Last — wir hatten den Hauptinhalt unserer Säcke im Chalet-Hotel Bonneval zurückgelassen — dem Arc entlang und erreichten bald L' Ecot, ein malerisches Savoyardendorf mit wunderhübsch gelegenem Kirchlein. Vom Talgrund führt ein gut angelegter Weg über Matten empor. Prächtige Blicke auf den gletscherumgebenen Albaron. Sage ich zuviel, wenn ich auszurufen wage: Es war mein schönster Hüttenweg !?

Gegen Mittag erreichten wir das Refuge Carro. Ein grünschimmernder See spiegelt die umliegenden Höhen der Levanna und der Grande Aiguille Rousse. Eine selten schön gelegene Clubhütte!

So klar auch das Wetter geworden, schon deuteten feine Zirren auf kommenden Umschlag. Wir fürchteten, auch die Levanna möchte uns nicht werden, und beschlossen daher, noch am gleichen Nachmittag den Westgipfel, die Levanna occidentale, 3591 m, zu besteigen. Über Moränen, einen spaltenlosen Gletscher und einen nicht zu steilen Schneehang gewannen wir den Westgrat des Berges und über Granitblöcke den schmalen Grenzkamm, der südöstlich in wenigen Minuten zum Gipfel führt. Eine verblüffend leichte und kurze Wanderung, hatten wir doch kaum 21/2 Stunden vom Refuge aus dazu gebraucht.

Die Levanna ist ein prächtiger Aussichtsberg: Im Südosten schweift der Blick bis zum Apennin. Dort im Süden erhebt sich die dunkle Pyramide des Monte Viso und an ihn reiht sich ein Meer von Spitzen. Jene dunklen Gesellen sind die Gipfel der Dauphiné, unter ihnen deutlich erkennbar die Schreckgestalt der Meije. Längst gehegte Wünsche werden wach: wann wer- den wir einmal dort auf hoher Zinne stehen? Näher stehen Grande Casse und Grande Motte. Dann eine mächtige, weisse Gruppe: Der Mont Blanc. Zwischen ihm und dem Paradiso grüssen Wallisergipfel herüber, unter ihnen auffallend gross der Grand Combin. Ob dort zwischendurch noch Spitzen der Berner Alpen zu sehen sind?

Die grosse Fahrt der Levannagruppe ist die Überschreitung der Levanna occidentale zur Levanna centrale und Levanna orientale. Ein lockender, mit Türmen gespickter Grat führt zur Centrale hinüber. Es zuckt einem ordentlich in den Händen! Aber es ist nichts für uns; denn die Uhr zeigt auf 6 Uhr abends. Rasche Abfahrt bringt uns in kaum einer Stunde zum Refuge zurück.

Noch sollte uns ein letzter Sonnentag beschieden sein. Im Abstieg von der Levanna hatten wir unmittelbar über dem Refuge Carro eine prächtige, schwarz ausschauende Bergpyramide bewundert: die Grande Aiguille Rousse, 3483 m. So wanderten wir am folgenden Morgen wieder bei wolkenlosem, tiefblauem Himmel um den Fuss der Aiguille de Goutière, ein unbedeutender Gipfel in unmittelbarer Nähe des Refuge, herum und gelangten bald über steilen Rasen und leichte Felspartien hinan in ein von Schneeflecken durchzogenes, steiniges Tal. Im Hintergrunde erhob sich die ebenmässige Gestalt unseres Berges. Ein enges Couloir, durch das ein Bach herabplätscherte, wollte erst erstiegen sein. Steile Felsen, beinhart gefrorener Schnee erheischten Vorsicht und eine nicht unbeträchtliche Stufenreihe. Dann führten leicht ansteigende Schneefelder zur Einsattelung zwischen der Grossen und Kleinen Aiguille. Auf der ersteren liessen wir uns zur Rast nieder. Es war 9 Uhr geworden, der Aufstieg hatte kaum mehr als 3 Stunden gefordert.

Auch nicht das kleinste Wölklein trübte Himmel und Berge. Sonnentag — Feiertag. Rings grüssten die Berge zu uns herüber, alle überragend wieder Mont Blanc und Paradiso, weiter entfernt unsere Walliser. Auf der und jener Spitze haben wir einst gestanden. Die Tage vom Combin, vom Paradiso, von der Ruinette, von der Dent Blanche und viele andere zogen an uns vorüber: Erinnerung.

Im Abstieg eilten wir noch rasch zur Petite Aiguille Rousse hinüber; dann zogen wir zu Tal. Wohl hatten wir die Absicht, als Abschluss unserer Reise, den Rochemelon zu besuchen. Es sollte nicht mehr sein. Am nächsten Morgen wanderten wir von Bonneval nach Bessans, dem nächsten tiefer gelegenen Dorf der Maurienne. Als wir dort einzogen, fielen die ersten Tropfen vom schwarzen Regenhimmel. Über die Senkung des Mont Cenis kroch ein weisser, riesiger Nebeldrache — Wettersturz. Kurz entschlossen belegten wir Plätze im Autocar nach Modane.

Als wollte Savoyen uns den Abschied schwer machen, hellte nachmittags das Wetter auf. Bei einer Strassenbiegung strahlte die Dent Parrachée ins Tal. Silbernebel umhüllten ihre Flanken. Fast hätte uns in Termignon, der alten Ausgangsstation der Mont Cenis-Strasse, dies Bild des schönen Berges zum Aussteigen zu bewegen vermocht. Hatte das Wetter uns genarrt?

Langsam fährt der Zug von Modane zu Tal. Die Bügel der elektrischen Maschine sind gesenkt, die Bremsen angezogen. Wir erreichen St-Michel und St-Jean-de-Maurienne. Überall rauchen Fabrikschlote, brennen Öfen chemischer und metallurgischer Werke. Auch Kohlen scheinen die Abhänge zu bergen. Da und dort sind sie angebohrt; schwarze Geröllhalden breiten sich unter den Bohrlöchern aus. Abends 9 Uhr erreichen wir Chambéry. Der Himmel hat auch diesmal eine Einsehen und löst unsere nagenden Wetter-zweifel, denn er öffnet alle seine Schleusen.

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