Balmhorn über den Wildelsigengrat

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Das Balmhorn ( 3711 m ) wird gewöhnlich von Westen ( Ausgangspunkt Schwarenbach ) über Schwarzgletscher und Zagengrat oder von Süden ( Ausgangspunkt Leukerbad ) über Flulialp und Zagengrat bestiegen. Im Jahre l'JOl hat Herr Dr. Biehly in Frutigen in Begleit des Führers Abraham Müller von Kandersteg einen neuen Weg von Norden her über den Wildelsigengrat eröffnet. Dieser Aufstieg stellt die bisherigen Balm-hornrouten vollständig in den Schatten, ja er darf geradezu als eine der schönsten und abwechslungsreichsten Gratbesteigungen der Schweizeralpen bezeichnet werden.

Die Führer von Kandersteg sind ein reges Völklein. Da die vielversprechende Tour von dort direkt bis zum Gipfel bei guten Verhältnissen annähernd 11 Stunden in Anspruch nehmen würde, machten sie sich sofort an die Erbauung einer Hütte auf Wildeisigen ( zirka 2100 m ), am Nordabhang des Balmhorngletschers, und eines neuen Weges vom Gasterntal her. Man erreicht die romantisch gelegene, hübsch eingerichtete Holzhütte auf dem mit vielen Kunstbauten flott erstellten Wege von Kandersteg ( 11G 9 m ) bequem in 23/4 Stunden.

Vom Ende der Ebene von Kandersteg ( Hotel Gemmi oder Bären ) erreicht man in wenigen Schritten die wildromantische Kanderklus, und nach halbstündigem bequemem Aufstieg der tosenden jungen Kander das stille Gasterholz, passiert den Steg, der auf das linke Ufer der Kander führt, zum Gute des Herrn Thönnen. Von hier folgt man dem Pfad flußaufwärts bis zu dem Punkte, auf dem das beigegebene Bild aufgenommen ist und von wo wir auch in einer Höhe von zirka 2400 Metern am Abhang des Wildelsigenhorns die Hütte als kleinen hellen Punkt erblicken ( im Bilde mit X markiert ). Von hier ab wendet sich der Weg nach rechts dem Fuß des Untern Tatlishorns Emil Eichard.

zu, wo der eigentliche Aufstieg beginnt. Nach zwei interessanten Leiterpassagen brauchen wir nur vorsichtig den gut angelegten Weg an den Bändern zu verfolgen, um die Wildelsigenalp ( Schafberg ) zu erreichen und, nach dem Passieren der vier Gletscherbäche, die Klubhütte selbst. Sie ist im Bilde aus nächster Nähe dargestellt; hinter ihr die Südwand des Doldenhornmassivs, links der Innere Fisistock, rechts das Kleine und das Große Doldenhorn mit dem Gabelgletscher. Der Aufstieg zum Balmhorn bis auf den Wildelsigengrat ist in Bild 1 eingezeichnet, die Fortsetzung ersieht man aus Bild 3, vom Fisistock aus aufgenommen.

In demselben ist Wildeisigen unten vom, der Wildelsigengrat in der steigenden Horizontlinie links, das Balmhorn im Hintergrund links, der Altels im Hintergrund rechts sichtbar. ( Mitteilungen des Herrn Th. W. Müller, der seine Aufnahmen dem Jahrbuch zur Verfügung gestellt hat. ) Gern hätten die Erbauer die Hütte noch einige Hundert Meter höher angebracht; an geschützten Stellen mangelte es nicht; allein eines der Haupterfordemisse fehlte weiter oben: das Wasser. So hat man es nun von der Hütte aus mit einer Ersteigung von ungefähr 8 Stunden zu tun; die Tour erfüllt also auch was die Entfernung betrifft die Anforderungen, welche der trainierte Alpenclubist zu stellen gewohnt ist.

Wir hatten in Kandersteg ein paar kalte Tage hinter uns, während deren es in den Bergen schneite und im Tale unfreundliches Regenwetter Balmhorn über den Wildelsigengrat.

herrschte. Ein einziger warmer Tag aber hatte genügt, den Neuschnee abzuschmelzen. Bei der Unbeständigkeit der letztjährigen Witterung mußte man solche Intervalle rasch erfassen, wenn man überhaupt etwas ausführen wollte. So begab ich mich am 7. August 1903 auf gut Glück mit dem Führer Johann Stoller in die Hütte. Der Abend ließ sich prächtig an. Um 7 Uhr war das ganze Gasterntal bis hinauf gegen Wildeisigen in dichten Nebel gehüllt, und die gegenüberliegenden Doldenhörner waren unsichtbar, während südlich von uns Balmhorn und Alteis im Glanz der untergehenden Sonne prangten. Als wir uns zur Ruhe l' hot. Tit. W. Müller, Frutigen.

legten, waren wir sicher, daß ein schöner Tag uns bevorstehe; allein man machte sich darauf gefaßt, die ersten Morgenstunden im Nebel zurücklegen zu müssen. Wir waren daher nicht wenig erstaunt, als uns um 1 Uhr der Wecker zum Aufstehen mahnte, daß der Nebel vollständig verschwunden und der Mond über Balmhorn und Alteis hinweg auf den obersten Schneefirn und die felsigen Abhänge der Doldenhörner sein Licht warf. Die Hütte selbst und unser Aufstieg lagen durch Balmhorn und Alteis verdeckt im Schatten; die Sterne jedoch leuchteten so hell, daß wir auf das Anzünden der Laterne verzichten konnten.

Nach kräftigem Frühstück brachen wir um 2 Uhr von der Hütte auf. Man geht zuerst östlich über eine kurze Grashalde und dann etwa eine Stunde lang durch eine äußerst steile, von kleinen Felsbändern durchbrochene Geröllhalde ( Riesete ) auf den Grat. Es folgt eine halbstündige Wanderung auf dem mäßig ansteigenden, von Schiefergeröll bedeckten Grat. Dann sind einige Gendarmen zu passieren; der erste wird ohne Schwierigkeit überstiegen, der zweite links umgangen. Um 4 Uhr 15 Min. wird angeseilt; wir haben die erste schwierige Stelle, einige glatte Schieferplatten zu passieren, über die man kniend, auf der Ostseite am Grat mit den Händen sich haltend, rutscht. Die weiter folgenden Platten können aufrechtstehend genommen werden. Auch einige Schneefelder und kurze Felspartien verursachen keine Schwierigkeiten. Um 5 Uhr 10 Min. sind wir vor einem mächtigen Gendarmen angelangt. Die Sonne sendet ihre ersten rötlichen Strahlen über die Alpen der Zentralschweiz herauf. Wir biegen links ab auf ein nach Osten, in der Richtung gegen Schilthorn und Hockenhorn verlaufendes Felsband und lassen uns zu einer halbstündigen Frühstücksrast nieder. Diese Erholung ist nach dem S'/istündigen strengen Marsche wohl angebracht; sie soll uns auch die nötige Frische geben zur Ersteigung des zirka 200 m. langen Couloirs, das uns auf die Höhe des Gendarmen bringen soll. Es reihen sich hier Couloir an Couloir, die sämtlich auf den Lötschengletscher ausmünden. Egon v. Steiger, der am 10. Juni 1903 hier verunglückte, hat aus Unkenntnis der Verhältnisse das erste Couloir genommen, das in der Steinbeschaffenheit viel Ähnlichkeit mit dem Couloir am Tschingellochtighorn aufweist und etwa 100 m. hoch hinaufreicht. Er hat dasselbe bis nahe an die Spitze erklommen und ist mit einem sich loslösenden Stein zurückgefallen, unten am Couloir auf einen vorspringenden Felsen aufgeschlagen und dann in rasender Eile auf dem damals die Moräne noch bedeckenden Schnee in die Tiefe geglitten. Dank der Ortskunde meines Führers gingen wir etwa 100 m. weiter zu einem ungefähr doppelt so langen Couloir als das vorerwähnte, dessen Steinbeschaffenheit aber etwas besser ist. Immerhin ist auch hier die größte Vorsicht geboten. Es dürfen unter keinen Umständen zwei Partien gleichzeitig im Couloir klettern; denn beständig lösen sich größere und kleinere Steine und im oberen Teile auch Schnee- und Eisbestandteile los. Auch ist es empfehlenswert, daß die Partien bloß aus zwei bis drei Mann bestehen; denn an den wenigsten Stellen können mehrere gleichzeitig klettern, sondern, während der eine klettert, muß der zweite und eventuell der dritte sich gehörig decken; Platz zur Deckung ist aber nur spärlich vorhanden. Es ist möglich, daß mit der Zeit die Verhältnisse sich bessern, indem nach und nach die losen Steine abbröckeln und das zurückbleibende Gestein sich konsolidiert. Gegenwärtig gebietet die Pflicht der Selbsterhaltung, beim Besteigen dieses Couloirs seine fünf Sinne zusammenzuhalten. Im oberen Drittel des Couloirs stießen wir auf unterhöhlten Schnee mit Eis; seitwärts auszuweichen war nur teilweise möglich. Auch hier mußte man sehr behutsam vorgehen. Nach 8/4Stündiger emsiger Arbeit hatten wir um G'/a Uhr das Couloir erklettert und befanden uns nun auf einem Schneegrat, der bald nachher wieder durch eine Felspartie abgelöst wurde. Um 7 Uhr 15 Min.

Balmhorn über den Wüdelsigengrat.

Phot. Th. Il: Müller, Frutigen.

erreichten wir den großen Schneegrat und machten nun unsere zweite halbstündige Rast, die nicht nur zum Ausruhen und zur Stärkung, sondern auch zum Genüsse des prächtigen Panoramas dienen sollte, das schon von hier aus sich uns bot. Nach Norden direkt vor uns hatten wir die Fisistöcke, die Doldenhörner und die Blümlisalpgruppe, jäh abfallend ins Gasterntal und auf den Kanderfirn, gegen Osten scheinbar auf Steinwurfentfernung Schilthorn und Hockenhorn und dahinter als mächtige Staffage die Jungfraugruppe. Gegen Südosten über dem Lötschental erhob sich aus all den vielen Gipfeln der imposante Felskegel des Bietschhorns.

Um 7 Uhr 45 Min. wurde der große Schneegrat in Angriff genommen. Er ist teilweise so steil, daß wir wie auf einer Leiter auf allen vieren vorwärts gingen. Zum Teil war er auch übereist; mit Stufenschlagen wurde jedoch nicht viel Zeit versäumt. In 3/i Stunden hatten wir den großen Schneegrat überwunden. Es trat uns der letzte Gendarm in den Weg; er wurde wiederum von der Ostseite durch ein Felscouloir erklettert. Auch hier kommen zwei Couloirs in Frage. Während bei den bisherigen Partien nach der Aussage meines Führers gewöhnlich das nördlichere gewählt wurde, haben wir dem südlicheren den Vorzug gegeben, weil es oben weniger überhängenden Schnee aufwies. Nach einer Viertelstunde ( 8 Uhr 45 Min ) standen wir auf dem Gipfel-.schneegrat und hielten uns für berechtigt, vor dessen Erklimmung noch eine kurze Pause eintreten zu lassen. Der Führer schätzte die Entfernung bis zum Gipfel bei günstigen Verhältnissen noch auf eine Stunde. Wir traten diese letzte Gratwanderung, die bald rechts, bald links vom Grat erfolgt, um 9 Uhr an, trafen meistens guten Schnee, teilweise aber auch wieder Eis, und hatten schon um 9 Uhr 50 Min. das Vergnügen, auf der Spitze eine Gesellschaft zu begrüßen, die auf dem gewöhnlichen Wege von Schwarenbach heraufgekommen war und seit einer halben Stunde unserer Kletterei mit aufmerksamen Blicken gefolgt war.

Durch die wunderbare Aussicht, die sich auf dem Gipfel uns bot, wurden wir für unsere Mühe reichlich belohnt. Bei vollständig wolkenlosem Himmel und warmer Sonne genossen wir einen Rundblick auf die vielen Berge, Täler und Seen des schönen Schweizerlandes, wie er einem bei Besteigungen nur selten zu teil wird. Eine ganze Stunde gaben wir uns diesem herrlichen Genüsse hin und stiegen dann ziemlich rasch über Zagengrat und Schwarzgletscher nach Schwarenbach hinunter, wo wir Mittagshalt machten. Um B1^ Uhr waren wir wieder an unserm Ausgangspunkt Kandersteg angelangt.

Wenn man eine neue Tour hinter sich hat, so vergleicht man sie gerne mit früher gemachten. Man tut es auch deshalb, um anderen, die sich dafür interessieren, Anhaltspunkte geben zu können. Vergleiche hinken aber immer, ganz abgesehen davon, daß die Verhältnisse im Hochgebirge zu verschiedenen Zeiten und sogar die Disposition desselben Touristen bei gleichen Verhältnissen so veränderlich sind, daß schon aus diesem Grunde eine vergleichende Würdigung etwas Gewagtes an sich hat. Ich will mich deshalb sehr vorsichtig ausdrücken. Zum Vergleiche wähle ich zwei Gratbesteigungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe und die in weiten Kreisen bekannt sind. Piz Bernina ( von Boval aus durchs Labyrinth ) kam mir leichter, Zinal Rothorn ( von der Trift aus ) schwieriger vor dagegen wollte es mir scheinen, daß der Wildelsigengrat fast noch mehr Abwechslung biete als die beiden anderen. Unter allen Umständen ist diese Tour, die bis jetzt im ganzen noch nicht zehnmal ausgeführt worden ist, der Aufmerksamkeit der Alpenclubisten aufs wärmste zu empfehlen.Emil Richard ( Sektion Uto ).

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