Barre des Ecrins und La Meije

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Von Hans Gertsch.

Arbeitsmüde und nach durchreister Nacht rieb ich mir eines Morgens am blauen Lac du Bourget entlang die schläfrigen Augen aus. Es begann ein wundervoller Tag. In der Natur war bereits leise Herbststimmung eingezogen; zählten wir doch 31. August 1925. Das Savoyerland hatte — wenigstens was südlich des Mont Blanc liegt — für mich noch den Reiz der Neuheit, und als ich in Grenoble dem Zug entstieg, da war alle Müdigkeit, alles Grämliche verflogen.

In der Bahnhofhalle musterte ein Bergsteiger die ausströmende Menschenmenge. « Das wird mein Kamerad, der Max Mäglin sein? » Die Zeremonie der Vorstellung war rasch abgetan; ein kritischer Blick beiderseits — jeder erriet des andern Gedanken, darob ertappt lachten beide, und unsere Bekanntschaft und spätere Freundschaft war geschlossen. Wir kannten uns nämlich erst seit kurzer Zeit — und nur von zweimaligem Briefwechsel her. Durch Vermittlung eines Dritten waren wir in Verbindung getreten und hatten unsere Abmachungen brieflich getroffen. Daher ist es nicht zu verwundern, dass jeder auf seinen künftigen Ecrins- und Meijebegleiter etwas gespannt war.

Wir verbrachten den Nachmittag in der Isèrestadt und reisten erst am andern Morgen ab nach La Bérarde. Da setzt man sich so gegen 8 Uhr morgens in Grenoble beim P. L. M., oder beim Ricou und wie sie alle heissen, in den kleinen Autocar und kommt ohne Panne in La Bérarde gerade recht zum Mittagessen.

Beim Pont Saint-Guillerme zweigt das Vénéonstrasschen von der grossen Heerstrasse über den Col du Lautaret ab, und hier werden die Böcke von den Schafen gesondert. Die grossen Camions dürfen nicht in das schmale Strässchen nach La Bérarde einlenken, das ist nur für die kleinen handlichen Wagen, und selbst diese dürfen sich nicht nach Belieben frei bewegen. Behördliche Verordnung schreibt ihnen vor: 8—12 Uhr bergauf, 14—18 Uhr bergab. Das ist sehr nötig. Kreuzungen wären oft, bedeutende Strecken weit, so gut wie unmöglich. Da kann es wohl vorkommen, dass sich der Kraftwagen längere Zeit der gemächlichen Gangart eines Kühleins anpassen muss, welches am zweiräderigen Mist- und Jauchewägelchen recht unbekümmert um die Eile der Menschen voranschreitet. Aber ich habe niemand gesehen, der darob nervös geworden wäre. Schon aus sachlichen Gründen nicht, weil das hart am Rande des Abgrundes leicht unbekömmlich werden könnte, und andererseits bietet dieses gemässigte Tempo die beste Gelegenheit, sich so recht behaglich und in Wonne versunken diese schroffe, majestätische Bergwelt anzuschauen. Wir waren hingerissen. Ja, wir hüteten uns geradezu, unsere Nationalität zu verraten. Denn wie leicht hätte es uns da passieren können, vom einen oder andern der sechs Mitreisenden das zweifelhafte Kom- pliment zu vernehmen: « Bei Ihnen in der Schweiz hätte man in solcher Gegend längst eine Eisenbahn gebaut! » Und doch ist auch dem Dauphiné ein gut Stück Poesie verloren gegangen. Dieser neuzeitliche Verkehr ist wohl für den, der nur wenig Zeit zur Verfügung hat, eine willkommene Erleichterung. Aber surrende Motoren, Pariser-toiletten und geschniegelte Herrlein passen herzlich schlecht in das so stille, wilde Hochtal des Vénéon. Wie ganz anders nimmt sich da das alte Weglein aus! Durch trümmerbesäte Hänge, zwischen riesigen Blöcken, ob Felswänden und finsteren Schluchten windet es sich hindurch, auf und ab. Dazu tost und schäumt der wilde Vénéonbach. St-Christophe mit seinem schmucken Kirchlein liegt längst hinter uns, über die neue Brücke des Etançonbaches fahren wir — im Zermatt, im Chamonix des Dauphiné — in La Bérarde ein.

In seiner Art hat auch La Bérarde sein « Grand Hôtel », aber nur eines, das Chalet-Hotel. Das ist ein einfaches, kleines Berggasthaus, das in der Gegend gar nicht weiter auffällt, als dass es die paar dürftigen Steinhüttlein an Grösse übertrifft. Da wir grundsätzlich « Grand Hôtels » meiden, taten wir es auch hier und errichteten unser Lager im Café-Restaurant Rodier. Rodier ist ein ehemaliger Führer — « trinkt leider öfters ein Gläschen zuviel », hatte uns ein Clubgenosse unterrichtet. Ach Gott! « Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann. » Und Rodier ist ein durchaus braver Mann, aber auch in jeder Beziehung und jederzeit ein ruhiger, zuvorkommender Wirt. Das Essen ist sogar sehr gut und billig. Die Unterkunft nannte Max eine bessere Clubhütte. Aber was braucht der Bergsteiger mehr? Übrigens benützt Rodier dazu alle möglichen Räume, selbst die Sakristei der kleinen Kapelle. Mancher ernste Bergsteiger sucht mit Vorliebe das strohbedeckte Häuschen des biedern Rodier auf. So war da als ständiger Gast eine Dame mit ihren zwei Führern. Auch wir sind bei Rodier Stammgäste geworden.

Unser Auto war erst um 14 Uhr angekommen. Nachdem wir unsere Habseligkeiten geordnet und die Säcke gepackt hatten, wanderten wir talein nach der Carrelethütte, wo wir früh abends eintrafen. An den Fels gelehnt, am Ufer des tosenden Pilattebaches, steht ein einfaches, bescheidenes Hüttlein, wie es ein kommendes Geschlecht vielleicht nur noch vom Hörensagen kennen wird. Für die Barre des Ecrins ist es leider sehr tief gelegen, 2070 m.

Während Max die Suppe kochte, tat ich einen Erkundigungsgang oberhalb der Hütte. Auf diesem Weg bietet sich ein prächtiger Ausblick auf den Talschluss des Vénéon, den Glacier de 1a Pilatte und einen der schönsten Berge des Dauphiné: Les Bans. Eine feierliche Abendstimmung und ein herrlicher Sonnenuntergang waren der Abschluss meines ersten Tages in den Dauphinébergen.

3 Uhr morgens schritten wir auf gutem Weg zwischen Legföhrenbüscheln den Hang hinan. Fast taghell beleuchtete der Mond die schroffe Bergwelt ringsum, die mächtige schwarze Wand der Ailefroide, die gletscherumflossenen Bans. Es war so warm, dass wir kurz ab der Hütte den Rock auszogen; wir schlüpften aber beim Betreten des Vallon de 1a Pilatte-Gletschers gerne wieder drein, und auf dem Col des Avalanches hätten wir lieber noch einen zweiten angezogen. Bis hierher hatten wir die übliche Marschzeit ( 4 Stunden ) innegehalten.

Nun taten wir, was hier schon viele andere auch getan: wir studierten und diskutierten, in welches Couloir wir einsteigen sollten. « Der beste Weg ist nicht leicht zu finden und noch weniger gut zu erklären », hatte uns ein Clubgenosse geschrieben. In das soundsovielte Couloir einsteigen? Die Ecrins-Südwand ist ein Labyrinth von Rinnen, Kaminen, Grätchen und Zacken, und über den Begriff « Couloir » kann man verschiedener Ansicht sein.

Ob all unseren Meinungsverschiedenheiten stiegen wir zu guter Letzt wahrlich gerade an der dümmsten Stelle ein — wahrscheinlich in dasjenige Couloir, von dem es im Dauphinéführer heisst: « Man vermeide ein langes, steiles Couloir. » Wir waren in eine Sackgasse geraten. Im Rückzug traf ein scharfkantiger Stein den zum Glück gerade freischwebenden linken Fuss von Max mit solcher Wucht, dass sein funkelneuer Bergschuh — Walliser Handarbeit — auf 3 cm Länge glatt durchschnitten wurde. Hätte der Schlag Widerstand gefunden, wäre es Max wohl übel ergangen.

Während wir eine Minute lang ruhten und dabei die Wand absuchten, nahm ich etwa 150 Meter weiter rechts etwas Verdächtiges wahr, einen winzigen Gegenstand, der sich blitzschnell bewegte. Ich suchte mit dem Zeiss und glaubte ein Streifchen Papier zu erkennen. Dass solches in dieser Steilwand von ungefähr hängen geblieben sei, war sehr unwahrscheinlich, also musste es dort hingelegt worden sein. Darum trat ich ganz energisch für dieses Couloir ein, obschon Max dasselbe beharrlich eine ungangbare, vereiste Rinne schimpfte. Schneller und leichter als geglaubt, erreichten wir die Stelle, wo richtig ein Streifchen Zeitungspapier lag, mit einem Stein beschwert. Wie wir aus Verschiedenem schliessen konnten, hatte dasselbe gar ein Landsmann da hinterlassen, uns zu Nutz und Frommen — Hans König aus Zürich bei seiner Ecrinsüberschreitung am 17. August. Also befanden wir uns wohl auf der richtigen Fährte, aber kostbare Morgenstunden waren verloren gegangen.

Es folgte noch manche unangenehme Stelle. So sind mir besonders zwei enge, steile, glattgeschliffene Rinnen, die überdies teilweise mit Eis ausgefüttert waren, in bleibender Erinnerung. Das im Dauphinéführer und in anderen Schriften erwähnte Kabel haben wir nicht gesehen. Ob es nicht mehr vorhanden oder ob wir wieder ganz von der richtigen Route abgekommen, darüber waren wir nicht im klaren. Wir suchten unsern Weg, wo es am besten ging. Die Ecrins-Südwand wird verschieden beurteilt1 ). Wir hätten sie gar nicht schlimmer wünschen können.

Es war schon 14 Uhr, als wir den Petit Glacier des Ecrins erreichten — ausgedehnte, mit Felsrippen durchsetzte Firnhänge. Zunächst vor uns hatten wir ein flaches, 35—40 m breites Couloir aus blankem Eis, worauf eine dünne Schicht schlüpfrigen Schnees lag. Das war an sich kein Grund, klein beizugeben. Aber das Couloir ist der Sammelkanal eines breiten, ein- gebuchteten, sehr steilen Firnhanges. Dort lag der Schnee noch ziemlich dick, und die Sonne hatte bereits ihr Werk getan. Während wir zögernd am Ufer standen, kam die erste Warnungschschschzischte ein Rutsch nasschweren Schnees pfeilschnell an uns vorüber, hinunter, über den Rand hinaus in die grausige Tiefe des Glacier Noir. Wohl fanden wir, wenn das Couloir gequert wäre, dürfte das Weitere weniger gefährlich sein. Aber eben das ging ohne Stufenschlagen nicht, und zur Aufmunterung pfiff schon wieder ein Schubkarren voll Salzschnee vor uns hinunter, hinlänglich genug, den festesten Fuss aus der Stufe zu schlagen.

Da gab es nichts anderes als zuwarten, bis diese Örtlichkeiten im Schatten lagen, oder — umkehren. Berg und Wetter waren zu schön, um das mühsam Erkämpfte mit einem schmählichen Rückzug preiszugeben. So entschieden wir zu bleiben. Weil wir inzwischen nichts Besseres tun konnten, stiegen wir am rechten Rand des Gletscherleins eine leidlich sichere Kante hinauf zu einem allerdings wenig einladenden Felsbollwerk, mit der schwachen Hoffnung, vielleicht über dieses den Pic Lory zu erreichen. Doch damit war es nichts. Auf einem hübschen Felsvorsprung richteten wir uns einstweilen häuslich ein, beguckten uns mit Musse die Welt und warteten auf kühlere Zeiten.

5 Uhr abends verliessen wir das Plätzchen, auf dem wir ein paar köstliche Stunden gefaulenzt hatten, und stiegen wieder zu unserem Couloir hinunter. Eine Stunde später schickten wir uns an, dasselbe zu queren, aber noch keineswegs im Gefühl völliger Sicherheit. Noch immer bestrich die Sonne den Hang. Wir gewannen ziemlich rasch an Höhe, aber der Tag ging zur Neige.

Die Dämmerung brach herein. Unter uns lag ein unendliches wogendes Nebelmeer, nur die höchsten Gipfel reckten daraus empor, nach Süden und Italien einzig der Monte Viso. Noch lag es über diesem Meer wie ein Hauch der scheidenden Sonne. Da begann der ferne Dunstkreis sich zu beleben, alle Regenbogenfarben zu erzeugen, zuerst blass, dann immer klarer, zarter — eine Dämmererscheinung, wie man sie grossartiger wohl kaum sehen kann. Wir waren spät dran, bei 4000 m über Meer — aber wir hatten keine Eile mehr. « Am Abend, wenn noch die Sonne auf Berg und Gletscher scheint — o, da ist 's schön! Man kann 's nicht sagen, aber man spürt 's » — so hatte ein alter Senne, ein sonst wortkarger Mann, von seiner Alp gesagt.

Es war 8 Uhr abends, als wir in der Lücke zwischen Pic Lory und dem höchsten Punkt den Ecrins-Südwestgrat erreichten und gespannt, wie wohl die Nordwand aussehen möge, die Hälse über die Gwächte reckten. Hui, schnaubte da der Nord ins Gesicht!

Verlockend nahe schien der Glacier Blanc — an seinem linken Ufer der schwarze Fels, auf dem die Caronhütte steht. Aber wie jetzt in der Nacht am besten hinunterkommen?

Der Dauphineführer belehrte uns: « Über die Mitte der steilen Eis- oder Schneewand, vorspringende Felsen benützend, gewöhnlich die beste Route. » Aber diesmal gewiss nicht! Da waren der vorspringenden Felsen zu wenige. Also — Südwest- oder Nordostgrat? Jeder soll seine Vor- und Nachteile haben, in einem blieben sich beide gleich: Ganz leicht keiner, mehr oder weniger vereist beide. Aber noch weit schlimmer war, bei dem eisigen Wind eine halbe, vielleicht die ganze Nacht auf einem luftigen Grat herumzuklettern.

Selbst die Eisbrüche zum Glacier Blanc hinunter sahen in dem mystischen Halbdunkel unheimlich aus, unheimlicher als sie in Wirklichkeit sind. Über uns funkelnder Sternenhimmel, in der Tiefe Nebelmeer, aber selbst in weitester Ferne kein drohendes Wölklein. Da fanden wir, dass ein Biwak im Windschatten dem nächtlichen Abstieg entschieden vorzuziehen sei. Wo die Lücke am tiefsten ist, hing zwischen Felsen geklemmt eine grosse Gwächte, mehr Eis als Schnee, nach Süden ein wenig überhängend. Da gruben wir uns ein — eine kleine Höhle, lang genug, dass wir uns leidlich darin strecken konnten. Unmittelbar davor und jäh schiesst das breite Eiscouloir in die Südwand hinab. 1000 Meter tiefer liegt der Glacier Noir. Wir schlangen das Seil um einen festen Gratzacken und überdies um einen am inneren Höhlenrand eingerammten Pickel. Damit fühlten wir uns geborgen. Dann gab es Suppe und Tee. Mit diesen Beschäftigungen war es bereits halb-zwölf geworden. Schon lange war der Vollmond aufgegangen und spendete fast taghelles Licht.

Wir versuchten ein wenig zu schlafen, aber es war nicht weit her damit. Eis gibt nicht warm, und auf Bergseilen, Aluminiumdosen, Steigeisen und dergleichen Dingen liegt man nicht bequem. Mich quälte zum Überfluss ein heftiger Zahnschmerz. Dieser hielt mich wach, und das war gut so. Die Nacht war zu schön, um zu schlafen! Der Mond streifte den Eingang unserer Grotte. An ihren Rändern glitzerten Schnee- und Eiskristalle mit der Sterne Funkeln um die Wette. Wie durch eine kleine Halle schauten wir hinaus — an den Gipfelfelsen des Pic Lory vorbei, hinunter auf das weite Nebelmeer. Nur die Spitzen einiger grösserer Berge vermochten es zu durchbrechen. Es war, als ob die Welt darunter begraben läge. Fast unmerklich wallten und schwebten leichte Wogen hin und her, im weichen Mondlicht silbergrau schimmernd und von feinen Schatten durchzogen. Über den Grat und unsere Gwächte hinweg brauste der Nord sein eintöniges Lied in die tiefe, lautlose Stille.Der Morgen dämmerte, eh'ich mir es gedacht.

Wir hatten längst etwas wie ein Frühstück eingenommen. Aber da wir keinen Grund fanden zu eilen, fühlten wir auch keine Lust, auf dem Grat und auf dem Gipfel zu frieren, und warteten darum den Sonnenaufgang ab. Um 7 Uhr verliessen wir unsern Unterschlupf und standen eine Viertelstunde später auf dem Gipfel. Es war ein herrlicher Tag. Träge hatte sich das Nebelmeer in die tiefsten Täler zurückgezogen. Droben badete sich alles in Licht und Sonne. Eine Stunde nach uns langte vom Refuge Caron her ein junger Engländer mit zwei einheimischen Führern an. Sie waren etwas verdutzt, schon jemand auf dem Gipfel zu finden, und fragten verwundert, um wieviel Uhr wir denn aufgestanden seien im Refuge Carrelet. Wir halfen ihnen bereitwilligst ihren riesigen Speisevorrat verzehren. Während zweier Stunden freuten wir uns der viel — und nicht zu viel — gerühmten Aussicht der Barre des Ecrins. Seit dreizehn Stunden weilten wir zwei am Berg und langweilten uns noch lange nicht, aber einmal mussten wir doch an den Abstieg denken.

Die zwei Führer mit dem Engländer waren von der Brèche Lory den Südwestgrat heraufgekommen, also musste gegenwärtig dies wohl der beste Weg sein. Bei den sonnig warmen Felsen gab es ein ganz vergnügliches Klettern. Aber darin waren wir einig, dass ein nächtlicher Abstieg unangenehmer hätte enden können als das Biwak auf dem Grat. Von der Brèche Lory geht man wagrecht unter der ganzen Nordwand bis nahe zum Nordostgrat zurück, um einen mächtigen Eisbruch zu umgehen; dann folgen endlose Schneehänge, bald mehr, bald weniger steil, zwischen grossen Eisbrüchen hinunter zum Glacier Blanc. Ein dicker, doch nicht tragfähiger Harst hatte uns sehr ermüdet. Statt zum Befuge Caron hinunter gingen wir links nur wenig ansteigend zum Col des Ecrins hinüber. Die lange, steile und vereiste Rinne zwang uns zu langsamerem Schritt. Vierzehn Tage vorher waren da drei Bergsteiger abgestürzt und tot auf dem Glacier de 1a Bonne Pierre liegen geblieben. Von der heissen Nachmittagssonne schlapp und schläfrig, stolperten wir die endlosen Moränen der Vallée de 1a Bonne Pierre entlang und nach La Bérarde hinunter. Daselbst, an der « Table d' hôte » bei Rodier, vernahmen wir als unfreiwillige Zuhörer, die Ecrins-Südwand sei für dieses Jahr nicht mehr zu machen. Wir hatten weder Lust noch Grund, das Incognito zu lüften, aber freuen tat uns deshalb die Ecrins-Südwand nicht weniger.

Wie herrlich war diese Nacht der Schlaf, und am Morgen eilte das Aufstehen nicht. Der Vormittag war der Ruhe bestimmt, und nach dem Mittagessen gedachten wir zur Promontoirhütte abzugehen. Doch gaben wir diesen Plan auf, weil wir Witterungsumschlag fürchteten. Unser Wirt hatte, was übrigens gar nicht in seinem Interesse lag, das Gegenteil behauptet und sollte glänzend recht behalten. So sind sie nicht alle die Wirte, wie J. B. Rodier vom Café-Restaurant à La Bérarde.

Nach dem Mittagessen wanderten wir auf die Tête de 1a Maye, 2517 m. Es sind zwei Stunden kurzweiligen Steigens auf leidlichem Pfad. Der Dauphinéführer nennt sie: « Der Gornergrat oder der Brévent von La Bérarde. » Mit Recht! Und doch, wie verschieden ist die Rundsicht! Dort herrschen Eis und Schnee vor, gewaltige Berge in weisser, glitzernder Pracht. Hier sind es wilde, dämonische Felsgestalten, aber lockend und schmeichelnd, wer einmal in ihrem Bann — entgeht ihnen nicht wieder. Der Blick von der Tête de 1a Maye auf die Meije im späten Nachmittags-sonnenschein, wenn das wilde Trümmertal des Etançon im Schatten liegt, mag seinesgleichen suchen. Zum Abendessen waren wir wieder in La Bérarde zurück.

Die Führer hatten ihre Pflicht getan, aufgemuntert hatten sie uns nicht zur Meijebesteigung. « Nicht mehr möglich! Nicht mehr zu machen! » hiess es hier und dort. Und an die « Traversée des Arêtes » sei schon gar nicht mehr zu denken. Allein Rodier schien uns doch etwas zuzutrauen. « Der Aufstieg vom Promontoir wird gehen », meinte er. « Les arêtes —... die sind vereist I » Für sie hatte auch er schlechte Hoffnung. Aber er fügte bei: « Sind Sie erst auf dem Gipfel, dann sehen Sie selbst, ob Sie an die Arêtes gehen dürfen oder nicht. » Bravo Rodier! Er durfte es wissen, hat er doch die Meije an die dreissig Mal überschritten! Ja, der Rodier — der hatte so gar nichts Kleinliches an sich.

Von seinen Glückwünschen begleitet, zogen wir um 10 Uhr ab nach der Promontoirhütte und langten 1615 Uhr daselbst an. Nach kurzer Rast stiegen wir noch den Promontoirgrat hinauf bis zum Einsteig ins « Grand Couloir ». Wir fanden die Felsen trocken und eisfrei. Da ward die Meije beschlossene Sache.

Sonntag ist 's. Der grosse Tag, das Ziel langjähriger Wünsche ist gekommen. 415 Uhr Aufbruch. Schon die erste Stelle unmittelbar hinter der Hütte eignet sich recht gut, den Meijekandidaten auf seine Fähigkeit zu prüfen. Der Himmel ist wolkenlos, die Temperatur frisch, aber nicht zu kalt. Milder Mondschein leuchtet uns den Promontoirgrat empor. Schwarz gähnen links und rechts die Spalten des Etançongletschers schon aus beträchtlicher Tiefe herauf. Das Grand Couloir — mehr Schlucht als Couloir, steilanstei-gend, eng und finster — ist mehr unfreundlich als schlimm. Unfreundlich, weil es kalt darinnen ist; nicht schlimm, weil die Felsen fast durchwegs eisfrei sind. Bei Schnee und Eis wird diese Platten nur betreten, wer dazu gezwungen ist. In den obersten Felsen des Couloirs treibt uns die Erwartung geradezu zur Eile an, denn — jetzt werden wir an die Grande Muraille kommen. Den Kopf im Nacken stehen wir da und schauen an ihr hinauf bis zu den Eiszapfen des Glacier Carré. An der Meije ist alles gross. Sie selbst: La grande difficile! Da ist das « Grand Couloir », die « Grande Muraille », der « Grand Pic » aber das Grösste däuchte mich doch die Grande Muraille. Senkrecht soll sie sein! Und in der Tat, viel fehlt nicht dazu. Und 200 Meter hoch. Die Griffe und Tritte sind klein, meistens recht klein und oft sehr spärlich vorhanden. Aber was da ist, das darf man anfassen. Gar nicht selten schaut man unter den Armen, zwischen den Beinen durch ins Leere. Das ist das Grosse — diese Exponiertheit und der beständige Tiefblick, 500—600 Meter hinab in die Spalten des Glacier des Etançons. Wer aber, so wie wir, das Glück hat, die Grande Muraille bei trockenem Felsen in warmer Morgensonne zu erklettern, dem wird sie zum unvergesslichen Erlebnis. Der Glacier Carré ist der leichteste der fünf Teile des Meije-Aufstieges. Wir hatten an ihm die schlechteste Zeit zu verzeichnen. Für gewöhnlich folgt man seinem rechten Rand den Felsen entlang. Aber dort klebt heute sprödes Schmelzwassereis, und wir ziehen vor, ihn in seiner Diagonale zu queren; da liegt eine dünne Schicht Schnee, hart zwar, aber sicher. Vier bis fünf Pickel-streiche langen zu einer leidlichen Stufe, und Max macht flinke Arbeit. Doch hier ist es gut, wenn man einander trauen darf! Wer hier ausgleitet, schiesst den 55° geneigten Hang hinab, wie über ein Kirchturmdach hinaus, in grausigem Flug 700 Meter tief auf den Etançongletscher. In der Brèche du Glacier Carré tun wir den ersten Blick nach Norden ins Romanchetal hinunter — eine neue Überraschung.

Nun haben wir es nur noch mit dem Grand Pic zu tun. Seine drei ersten Viertel sind bald erledigt; wohl mancher wird diese drei dem einzigen letzten vorziehen. Dieser beginnt mit dem Cheval Rouge, einem steilen, grifflosen Felsen, den man recht mühevoll erklettert. Bis hierher hat man sich immer noch auf der Etançonseite gehalten und betritt erst jetzt den Grat, heisst das — man setzt sich darauf, auf den Cheval Rouge. Da hängt das eine Bein ins Romanche-, das andere ins Etançontal; rechts schaut man 1000 Meter hinab in die Steinwüste des Etançon, links 2500 Meter unter sich La Grave.

Ob uns ist überhängender Fels. Man umgeht ihn auf der Nordseite. Die Finger krallen sich in kleine Ritzen, die Schuhspitzen knirschen im winzigen Halt. Zwischen dem eigenen Körper und dem Berg gleitet der Blick zunächst noch einige Meter über glatte steilabschiessende Felsen und dann ins Leere; erst weit, ganz weit unten, fängt ihn der wildzerklüftete Meijegletscher auf. Das ist der Chapeau du Capucin, das letzte Hindernis; über ein paar leichte Felsen steht der Weg zum Gipfel offen. Wir hatten uns nicht beeilt, hatten manchmal gerastet, geschaut und bewundert — es war 1235 Uhr, als wir auf dem Grand Pic ankamen.

Wieder so ein herrlicher Tag wie auf der Barre des Ecrins, die Luft rein und klar, nur in der Ferne leichtes Nebelmeer — für uns ein Tag schier zum Übermütigwerden. Zwei Stunden waren um wie im Flug.

Der erste Blick bei der Ankunft auf dem Gipfel hatte den « arêtes » gegolten. Rodier und die Führer hatten recht gehabt. Unwillkürlich dachten wir an unser Ecrinsbiwak. Die kühlerwägende Vernunft sprach für den Abstieg auf dem uns wenigstens bekannten Weg. Aber eine Meijebesteigung ohne Überschreitung ist: die Meije nur halb gesehen, ist wie ein Kuchen ohne Zucker! Schliesslich siegte wieder einmal die Abenteuerlust.

Der Abstieg in die Brèche Zsigmondy ging zuerst ganz flott, an die Exponiertheit ist man bereits gewöhnt. Als die dachziegelartig abschiessenden Felsen ungemütlicher wurden, zeigte sich auch das erste Eis. Aber unsere 50 Meter Seil halfen vollends in die Brèche hinunter. Was wir bisher alltäglich im Spätnachmittag beobachtet hatten, traf auch heute ein: von Süden her schlich fröstelnder Herbstnebel an die Meije heran. Gehässig schnaubte er an unserm Grat empor, und wie ein zweihörniges Ungeheuer droht uns daraus der Pic Zsigmondy entgegen. Von dessen Fuss läuft ein Riss nach links die Wand hinauf bis zur Kante, wo man in die Nordflanke übergeht. In dem Riss ist ein festes und sehr dickes Seil. Da es nun einmal da war, dachte ich, es sei auch zum Gebrauch, und zog zwei- oder dreimal recht kräftig daran. Zu meinem nicht geringen Erstaunen fand ich dasselbe nahe dem oberen Ende zu mehr als zwei Drittel durchgesägt. Nun, bei trockenem Fels geht es auch ohne Seil. Einen Arm und ein Knie kann man gut in die Spalte verstemmen, das übrige von Mensch und Gepäck hängt allerdings zum guten Teil « draussen ». Von der Nordflanke sagt der Dauphineführer:

« Die Felsen sind ausserordentlich steil und brüchig und bieten nirgends guten Griff. » Dass sie mit zähem Eis überkittet waren, machte die Sache nicht besser. Auch hier sollen sich Seile und Eisenringe befinden; uns waren sie verdeckt, ansonst wir sie zu benützen — ganz sicher nicht zu stolz gewesen wären.

Mit dem befreienden Gefühl, « jetzt haben wir gewonnen », standen wir endlich wieder auf dem Grat. Der Nebel war dräuender, kälter geworden. Wir waren froh, über die 2e, 3e, 4e Dent eine raschere Gangart einschlagen zu können. Diese in ihren steilen Nordhängen von einer Lücke zur andern zu queren, daran war bei dem Eis nirgends zu denken. Die Aufstiege gelangen jeweilen ziemlich rasch, und wo im Abstieg das Eis allzu hindernd in den Weg trat, wurde abgeseilt.

Wie zwischen zwei Welten wanderten wir auf dem schmalen Grat. Zur Rechten fauchte finsterer Nebel und liess die schaurige Tiefe zum Glacier des Etançons mehr ahnen als schauen. An der riesigen Mauer der Meije prallte der Nebel glatt ab. Zur Linken strich auch nicht das kleinste Räuchlein. Überm Romanchetal lagerten die Abendschatten, und im weiten, offenen Norden streifte die verglimmende Sonne Hügel und Berge.

Die Kälte und die späte Stunde mahnten zur Eile. Auf dem Pic Central verweilten wir nicht lange. Ernstere Arbeit gab es noch im Abstieg in dessen untersten Felsen, wo man auf abschüssigen Platten plötzlich ob einem Absturz steht und wie durch einen riesigen Schacht grad hinunter auf den Etançongletscher sieht. Maxens geradezu fabelhafte Fertigkeit im Abseilen half auch hier rasch und sicher, und noch ein zweites und letztes Mal, über den nachfolgenden klarblauen Eishang. Endlich stand der Fuss in leidlich haf-tendem Schnee, noch ein bisschen Vorsicht bis zum Bergschlund hinab — dieser war gut überbrückt —, und wir waren allen Hindernissen entronnen. Es dunkelte schon stark. Jeder raffte ein paar Seilschlingen zusammen und im Laufschritt, um die kalten Füsse zu erwärmen, eilten wir den hier fast spaltenfreien Tabuchetgletscher hinunter zum Refuge de l' Aigle am Col de l' Homme, wo wir um 20 Uhr eintrafen.

Eine der schönsten Bergfahrten der Alpen lag hinter uns. Brrr brauste der Wind über den Col de l' Homme! Der scheint ein rechtes Zugloch zu sein. In der Hütte war es windig und kalt. Holz hatten wir keines. Strohwar einmal da gewesen. Aber, was tat 's! Auf dem Spirituskocher machten wir uns eine Suppe, darauf noch einen Tee, rauchten ein Pfeiflein dazu und hätten an diesem Abend mit keinem König getauscht.

Am folgenden Morgen war der Himmel klar wie zuvor. Aber grimmig kalt blies der Wind mit unverminderter Kraft. Die Gegend der Aiguille du Goleon, der Aiguilles d' Arves und gegen die Grandes Rousses hin war weiss überzuckert, bis auf 2000 Meter herunter. Ob es leichter Schneefall oder der dicke Reif eines Herbstnebels war, darüber wurden wir nicht klar. Max zeigte nicht übel Lust, über den Col des Corridors zum Glacier de 1a Meije und über die Brèche de 1a Meije nach La Berarde zurückzukehren. Aber mich machte ein wütendes Zahnweh fast wahnsinnig, und in dieser Verfassung wollte ich unnötigerweise nicht an so ernste Arbeit gehen. « Der Pass ist ausserordentlich gefährlich und wurde erst ein einziges Mal überschritten » ( im Jahre 1879 ), heisst es im Dauphineführer von 1913. So schlenderten wir über den Tabuchetgletscher, zumeist an dessen rechtem Rand, zum Teil über die ihn begrenzenden Felsen und später die endlosen, schiefrigen Hänge hinunter nach La Grave.

Inmitten saftiger Alpenweiden, bis fast zum Romanchebach hinunter, blüht hier das Edelweiss.

Alle Achtung vor dem altberühmten Hotel Juges in La Grave! Uns kam es wieder zu « Grand » vor, und wir suchten das einfachere « des Alpes » auf.

Wir waren inzwischen einig geworden, unsere Bergfahrt abzubrechen. Was Rechtes konnten wir doch nicht mehr unternehmen, weil die Ferien zu Ende gingen. Aber wir durften zufrieden sein! Zwei schöne, zwei grosse Berge hatten wir erlebt. Die Nacht auf der Barre des Ecrins — der glanzvolle Herbsttag auf der Meije: schönere Erinnerung konnte uns nicht werden.

Max reiste schon nachmittags ab. Ich bummelte zwischen kleinen Äckerlein den steinigen Maultierweg hinauf nach Chazelet. Alt und jung war eifrig beschäftigt, die Ernte einzuheimsen. Vom Tal herauf bimmelte ein Glöcklein. Der wilde Meijegletscher und der breite Glacier du Tabuchet glitzerten in der Nachmittagssonne. Jäh schwang sich die Meije — schlanker als je der Grand Pic — in die blaue Luft empor.

Am nächsten Tag führte mich eine frische Morgenwanderung in drei Stunden zum Chalet-Refuge de l' Alpe. Die breite offene Alp mit der gletscherbehangenen Montagne des Agneaux im Hintergrund bietet ein milderes Bild, als man es im Dauphiné im allgemeinen findet, eine Landschaft, wie man sie im Engadin oder in den westlichen Berneralpen zu sehen bekommt.

Erst um 14 Uhr stieg ich zwischen zusammengerückten finstern Bergen durch Steinwüsten, über endlose Moränen und zuletzt über den kleinen Clot des Cavales-Gletscher hinauf zum Col du Clot des Cavales, 3128 m. Ich hielt mich nicht lange auf. 17 Uhr war schon vorüber und ich erwartete, beim Abstieg ins Etançontal noch ein hübsches Bild von der Meije zu bekommen. Ich kam gerade noch zum Sonnenuntergang. Kein streichender Nebel verhüllte das Bild. Die scheidende Glut belebte die starren Mauern mit einem weichen Rot. Der Grand Pic warf seinen Schatten weit in die Südwand zurück, bis fast unter den Pic Central. Beim Einbruch der Nacht langte ich am Etançonbach an und wanderte gemächlich unter dem sternbesäten Himmel das Tal hinaus nach La Bérarde. Rodiers erschraken nicht wenig, als ich allein kam. Von unserer gemütlichen Gesellschaft der letzten Tage war niemand mehr da; alles neue und weniger ansprechende Gesichter. Nach kurzem Abendbrot suchte ich mein Kämmerlein auf.

Am übernächsten Morgen betrat ich mein Heim in Meiringen.

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