Begegnung

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Aus dem Tagebuch eines Bergsteigers.

Es war Herbst geworden — tiefer Spätherbst. Noch zogen tiefrote bis ins Gold spielende Wälder an den Flanken der Berge hinauf, doch ihre leuchtenden Farben waren verblasst, welk hing das Laub von den Lärchen.

Hoch und steil stiegen über dem Bergdorfe Vättis die dunklen Wände des Calanda auf, grau und düster ragten die Felsenmauern in die klare Luft, bis zu den höchsten Höhen, auf denen das Weiss des Mondes lag. Am späten Nachmittag war ich von Vättis aus an den von Bergbächen zerfurchten Wänden des Calanda aufgestiegen. Als ich die Waldregion verlassen hatte, war hinter den zackigen Bergen des Calfeisentals die Sonne untergegangen, und grünlich-golden verklingender Tag ging hinter schwarzen Felsriesen zur Neige.

Früh und plötzlich war die Nacht hereingebrochen, der aufgehende Mond hatte die Bergspitzen mit blendendem Licht Übergossen. Auch auf dem Vorgipfel des Calanda flackerte das Licht auf, krönte den Berg mit leuchtender Kuppe, die sich von Minute zu Minute vergrösserte. In tiefes Dunkel gehüllt lag noch das Steintäli da, das ich durchquerte. Über dunkle Geröllhalden und spärliche, zerfurchte Grasbänder zog ich hinauf, dem Calandasattel entgegen.

Im Osten stieg majestätisch und mondübergossen die zackige Felsburg des Teufelskirchli auf, schrumpfte in sich zusammen, verschwand. Von Wildspuren durchsetzte Schneehalden leuchteten im Mondlicht auf, das jetzt, kurz unter dem Gipfelgrat, voll in mein Gesicht flutete. Nur noch wenige Schritte, rutschendes Gestein, verharschter Fels — der Grat war erreicht.

Ruhe hier oben, Ruhe und Frieden. Fahl und bleich lagen in der Ferne die Berge da, als dunkle Furchen zogen die Täler durch das tote, verklingende Weiss der Höhen. Durch das Rheintal wob ein feiner heller Nebelschleier bis zu Churs leuchtendem Lichterkranz. Und diese in der klaren Luft zitternden Lichter, Flämmchen gleich, waren es, die dem Tiefblick Wärme und Ruhe verliehen.

Auf mondübergossenem, schneedurchsetztem Grat stand ich traumver-sunken — vom Zauber dieser Nacht gebannt — regungslos — allein.

Allein? Über den Grat des Calanda kam eine hohe Gestalt geschritten, langsamen, festen Schrittes und doch fast lautlos in dem weichen Schnee.Von Sekunde zu Sekunde verkleinerte sich der Abstand zwischen uns. Zwei Augenpaare blitzten auf, trafen sich, hielten sich für einen Bruchteil von Sekunden fest — leuchteten auf in stillem Einverständnis. Herabfallendes Gestein, scharfer Klang des Pickels — ein einsamer Wanderer stieg gen Vättis ab.

Kein Wort hatten wir gesprochen, und noch bis heute kann ich mich des Gesichtsausdruckes des Fremdlings nicht entsinnen. Nur zwei Augen hat mein Gedächtnis festgehalten, zwei Augen, aus denen die Einsamkeit sprach.

Und als ich einige Stunden später in der heimeligen Calandahütte sass, während über den Bergen der Morgen dämmerte, gedachte ich dieser sonderbaren Begegnung — und mich beschlich, vielleicht zum erstenmal bei meinen Bergfahrten, das Gefühl der Einsamkeit.René Olinger

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