Begegnung mit Alpentieren

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99rVon Armin Rühl

( Zürich ) Leslie Stephen schrieb einmal: « Wären die Berge des Lebens beraubt, das in Jahrhunderten an ihnen emporwuchs, das zu ihnen gehört wie die Flechten, die die Steinblöcke überziehen, dann hätten sie die Hälfte ihres Reizes verloren. » Diese Binsenwahrheit haben viele, sogar sehr viele Alpinisten noch nicht erkannt. Für sie bestehen die Berge nur aus Fels und Eis; vor lauter Wänden, Gräten, Rissen und Verschneidungen sehen sie die lebende Natur am Berg und auf dem Wege zum Berg nicht mehr. Wer kein Auge für Fauna und Flora, für Sitten und Leben der Bergbevölkerung, für erdgeschichtliche Vorgänge hat, dem entgehen viele Dinge, die eine Bergfahrt erst recht genussvoll machen. Manche Tour wurde mir erst durch die Begegnung mit einem aus der immer kleiner werdenden Zahl von Alpentieren oder mit seltenen Blumen oder Mineralien zum unvergesslichen Erlebnis. Wahllos seien im folgenden ein paar Begegnungen mit Alpentieren erzählt.

Von der Sorredapasshöhe stiegen wir die geröllbedeckte, teilweise enge Kehle hinab gegen die obere Scaradraalp. Meine Frau, die vorausging, löste einen grösseren Stein aus seiner Unterlage. Sofort entstand eine kleine Steinlawine, die mit Krachen und Poltern, von den nahen Felswänden noch verstärkt, zur Tiefe fuhr. Wenige Augenblicke später, der Steinrutsch war noch nicht zur Ruhe gekommen, hörten wir ein Rauschen über uns. Mein Herz stand fast still, als ich einen grossen Steinadler gewahrte, der bis auf 15 bis 20 Meter vor und über uns regelrecht in der Luft stand, die krallenbewehrten Fänge nach vorne gespreizt, wie wenn er sich in der Luft abstemmen wollte. Noch heute sehe ich in der Erinnerung den mächtigen Vogel deutlich vor mir: die gewaltigen ausgestreckten Schwingen, den gebogenen Hals mit den gesträubten Federn, den gekrümmten Schnabel. Der Adler erholte sich vom Schrecken, mit sichtlicher Mühe gelang es ihm, zu wenden und aus der engen Schlucht herauszukommen. Während er schon lange unseren Blicken entschwunden war, standen wir immer noch wie angewurzelt an der gleichen Stelle.Von der Scaradraalp aus sahen wir ihn noch einmal hoch über dem Grat kreisen, der sich vom Plattenberg zum Garenstock hinzieht.

Wohl jeder, der hin und wieder in die Berge zieht, hat schon Gemsen gesehen, meist aber nur auf weite Entfernung oder kurze Augenblicke auf ihrer Flucht. In den Jagdbannbezirken der Ost- und Zentralschweiz konnte ich des öftern grössere Rudel verhältnismässig nahe beobachten. Bei einem nächtlichen Gang zur Leglerhütte, im Gebiet des ältesten Freiberges der Schweiz, habe ich einst im Schein des Vollmondes eine Herde von ca. 20 Gemsen in der Nähe des Hüttenweges äsen sehen, ein Erlebnis, das mit der nachfolgenden Kärpftour untrennbar verbunden ist. Eine grosse Überraschung bildete für mich die Begegnung mit Gemsen im Gebiete der Mythen. Erst glaubte ich Ziegen vor mir zu haben, da ich alles andere als diese sonst scheuen Grattiere in dieser häufig besuchten Gegend wähnte. Auch im Umkreis der Silberen und der Berge des Wäggitals habe ich oft « Tiere » gesehen und Namen wie Tierberg, Bockmattlistock, Bockruns, Gemsstaffel deuten auf das früher wohl noch häufigere Vorkommen der Gemsen in diesen Bergen hin. Das eindrücklichste Erlebnis mit einer Gemse hatte ich einmal beim Aufstieg zum Ruchi im Gebiet des Muttsees. Frühmorgens von der Hütte aufgebrochen, traf ich kurz unter dem Gipfel mit einer Gemse zusammen. Es war beiderseits ein ganz unverhofftes Treffen, und ich weiss nicht, wer im ersten Augenblick mehr erstaunt war über des andern Anwesenheit.

Die Gemse, ein stattlicher Bock, tat nun nicht, was ich erwartet hatte. Statt schleunigst die Flucht zu ergreifen, setzte sie sich nur auf etwa 20 Meter ab, blieb dann stehen, beäugte mich und — pfiff, pfiff regelrecht mehrere Male. Geraume Zeit standen wir uns so gegenüber, einander beobachtend. Unter Pfeifen liess sie mich dann näherkommen, um dann in ein paar eleganten Sätzen die ursprüngliche Distanz wieder herzustellen. Dieses Spiel wiederholte sich noch ein paarmal, und ich weiss nicht, wie lange es noch gedauert hätte, wenn nicht von dritter Seite eine Entscheidung herbeigerufen worden wäre. Tritte im Geröll waren zu hören, zwei Männer mit Gewehren tauchten auf. Ein leichter schriller Pfiff, und meine Gemse verschwand hinter einer Felsrippe. Es war der erste Jagdtag im September, und nach der nicht gerade freundlichen Begrüssung durch die Jäger hatte ich das Gefühl, meinem Bock, wenigstens für kurze Zeit, das Leben gerettet zu haben.

Manche Stunde habe ich schon verwendet, um dem possierlichen Treiben der Murmeltiere zuzuschauen. Über eine gute Stunde lag ich einmal in einer Bodenwelle, während die Sonne vom wolkenlosen Himmel brannte, und versuchte, einen « Munggen » zu photographieren, der auf einem flachen Felsstück sass und sich sonnte. Aber jedesmal, wenn ich den Apparat ein wenig hob und den Finger am Auslöser hatte, verschwand er unter dem Stein. Wie gesagt, eine gute Stunde währte der Spass, dann zog ich geschlagen ab.

Durch Buntschwingel und rotgefärbte Heidelbeerstauden, vorbei an kleinen mit Wollgras bestandenen Tümpeln stiegen wir an einem prachtvollen Herbsttag hinab zur Albignahütte. Ein paar genussvolle Feierstunden vor der Hütte standen uns noch bevor. Plötzlich krachte ein Schuss in der Nähe; schon weiter oben hatte hin und wieder ein Knall die feierliche Stille zerrissen, ohne dass wir die Schützen zu Gesicht bekommen hatten. Wie ich, bei der Hütte angekommen, die Tür zum Vorraum öffnete, bot sich uns ein Anblick, der uns den weiteren Aufenthalt in der Hütte ganz vergällte. Etwa ein Dutzend Murmeltiere, zum Teil arg zerschossen und blutig, waren an der Decke des Raumes aufgehängt! Gegen Abend erschienen dann die Schützen, Jäger aus Vicosoprano mit weiterer Beute!

Beim Übergang von der Campo-Tencia-Hütte zum Campolungopass nahm das Pfeifen kein Ende; überall sahen wir junge und alte Murmeli, manchmal über lange Strecken ihren Behausungen zueilend. Kurz vor der Morghirolaalp bemerkte ich, dass ein feister Kerl, der von uns plötzlich überrascht worden war, in einem gespaltenen Felsblock Zuflucht suchte. Wie ich nachsah, hockte er richtig im Spalt wie in einer Mausefalle. Ich zog den sich sträubenden Gesellen, der ganz nett kratzte, hervor. Er benahm sich dann ganz manierlich. Nach kurzer Zeit liessen wir ihn wieder laufen, und ich hoffe, dass er durch diese Begegnung keinen allzu schlechten Eindruck vom Menschen gewonnen hat!

Und nun noch eine köstliche Geschichte von einem Murmeltier, die mir Hüttenwart Hosung, von der Keschhütte, erzählt hat. Mit Reinigungsarbeiten in der Hütte beschäftigt, hörte er draussen, dort wo sich die Abfallgrube befindet, auf einmal ein Klirren und Kesseln der Büchsen. Wie er hinaus-kommt, bietet sich ihm ein grotesker Anblick dar. Mitten unter den Konservenbüchsen sitzt ein fetter Mungg, den Kopf in eine Büchse gezwängt und versuchend, mit den Vorderpfoten das lästige Ding abzustreifen. Hosang nahm sich dann des Unglücklichen an und befreite ihn aus seiner fatalen Lage.

Mit Vergnügen erinnere ich mich stets an die einmalige Bekanntschaft mit einem Schneehasen: Am Spätnachmittag waren wir zur Grialetschhütte gekommen und stiegen noch gegen Abend mit den Ski zum Kilbiritzen hinauf. Als ich mich hinter ein paar aus dem Schnee herausragende Felsblöcke abseits begab, erschrak ich nicht wenig, als unter einem der Steine plötzlich ein Schneehase hervorsprang und in langen Sätzen einen neuen Zufluchtsort suchte.

Auch Auerhühner haben mir schon ein paarmal einen rechten Schrecken eingejagt. Diese grossen Vögel haben wie die Stein- und Schneehühner die Gewohnheit, einen manchmal sehr nahe, oft bis auf ein paar Meter, nahekommen zu lassen, um dann aber plötzlich geräuschvoll das Weite zu suchen. Im Abstieg von der Kilchlilimmi, im Rotlauital, dort, wo die ersten verkrüppelten Fichten stehen und Farne und dichtes Heidelbeergestrüpp den Boden decken, passierte es uns einmal, dass ein mächtiger Auerhahn nur wenige Meter von uns entfernt mit grossem Geräusch abstrich. Wenn man ganz ahnungslos des Weges zieht, kann einen dies im Moment recht erschrecken.

Das grösste noch lebende Wild unserer Alpen, den Hirsch, bekam ich nur einmal ganz aus der Nähe zu sehen, und ich kann den Anblick noch heute nicht vergessen. Im Stulsertal, ob Bergün, traf ich vor vielen Jahren eine Gruppe von Männern, Jäger und Bergbauern. Sie waren damit beschäftigt, einen frisch erlegten Hirsch auf einen der kleinrädrigen Wagen, die sonst zum Einbringen des Bergheues dienen, zu laden 1 Was für ein prächtiges Bild musste es sein, dieses grosse Tier mit dem mächtigen Geweih in einer Lichtung stehen zu sehen oder wenn es sich krachend einen Weg durch die Latschen bricht—und was für einen kläglichen Anblick bot es jetzt, wie es mit heraushängender Zunge und schweissbedeckt auf den Karren gezogen wurde. Mit Hilfe des Teleskops habe ich Jahre später im Nationalpark, vom Blockhaus Cluozza aus, lebende Hirsche gesehen, Rudel von acht bis zwölf Stück, die in den Legföhrenlichtungen am gegenüberliegenden Hang ästen.

Noch von vielen Begegnungen mit Tieren der Alpen, wie Wiesel, Fuchs, Reh und Dohle und selbst der Schlange könnte ich erzählen, die ich auf Bergfahrten traf. Keiner Schlechtwetterfahrt in den Schwyzer oder Glarner Voralpen kann ich mich erinnern, ohne dass ich dem schwarzen Alpensalamander begegnet wäre.

Durch die stets wachsende Technisierung, die auch vor dem abgelegensten Bergtal nicht halt macht, durch den.immer grosser werdenden Strom von Touristen und sonstigen Alpenbesuchern und durch vielerlei andere zeitbedingte Umstände ( Flabschiessplätze ) wird die ursprüngliche Natur der Alpen immer mehr auf kleinere und unzugänglichere Gebiete zurückgedrängt. Pflicht und vornehmste Aufgabe des ganzen S.A.C. sowie jedes einzelnen Mitgliedes ist es, das in seinen Kräften Stehende zu tun, um diese Relikte zu erhalten und wenn möglich zu mehren. Darum, C. Mitglied, schone und schütze Pflanze und Tier auf deinen Fahrten! Nicht nur Fels und Eis, auch die Lebewesen machen die Berge zu dem, was uns immer wieder zu ihnen hinzieht.

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