Bei den Walsern im Sesiatal

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Von Emil Balmer.

Im malerischen Wallfahrtsstädtchen Varallo besteigst du den Autobus nach Alagna, dem deutschen Dorf zuoberst im Sesiatal. Wirf noch rasch einen Blick durch das ovale Fensterchen in der Rückwand: burgartig klebt die Cittadina am Abhang, und die vierzig Kapellen und Kirchen, die den Heiligenberg krönen, leuchten auf im Sonnenlicht! Doch nun rattert und pustet das moderne Postungetüm vorwärts. In unzähligen Bogen, vorbei an Kastanienhainen und Rebenpergolen, windet sich die Strasse durch das von Kuppenbergen umrahmte Tal. Die Vegetation wird spärlicher. Weiden und Erlengebüsch umsäumen die schäumende Sesia — kühn geschwungene Brücken kommen — jetzt, nach dem nächsten Rank, steht er schon vor dir, hoch und übermächtig, wie ein verirrter Riese im südlichen Land, der silberschimmernde Monte Rosa.

Riva ist da, das stolze Dorf mit den zwei Kirchtürmen — noch einige Kehren, und du fährst durch Alagna, ein langgestrecktes Dorf, mit grossen, massiven Häusern und Hotels, etwa mit unserem Kandersteg zu vergleichen. Auf dem Kirchenplatz ist die « erschütternde » Fahrt zu Ende. Du steigst aus, siehst dich um — und bist enttäuscht! Menschen stehen herum, aber wie du auch aufpassest, kein deutscher Laut tönt an dein Ohr. Die Aufschriften sind alle italienisch — du gehst auf die Post, trittst in einen Laden, aber vergebens horchst du nach « Alagnerditsch ». Es ist gerade, als ob sich die Alagner ihrer schönen alten Mundart schämten. Mit ihren « welschen » Landsleuten sind sie eben gezwungen, italienisch zu sprechen, denn es würde wohl keinem Mailänder oder Turiner, der dort oben in der Sommerfrische weilt, einfallen, diesen « brutto dialetto », wie die Walsersprache etwa drunten in der Ebene genannt wird, verstehen oder gar erlernen zu wollen. Doch sei nur getrost, wir finden die Spur der ennetbirgischen Brüder doch. Nicht im eigentlichen Dorf allerdings, aber darum herum, auf den Maiensässen, in den zehn braunen Weilern, die auf grünen Terrassen liegen oder an steilen Hängen kleben, da findest du die gemütlichen, bärtigen deutschen Mannen und die ernsten Walserfrauen. Und wenn du das Glück hast wie ich, in ihren Häusern aufgenommen zu werden, als Freund und Bruder und nicht als Fremder, wenn du mit ihnen leben, arbeiten, lachen und weinen darfst, da gehen dir die Augen auf, und du bist glücklich und gerührt zugleich ob der seltenen Gastfreundschaft, die dir da zuteil wird, und du entdeckst dort oben im unbekannten Piemont eine Kultur, ein Deutschtum, auf dem noch der goldene Hauch liegt einer guten, längst vergangenen Zeit. Die Leute, die du dort kennen lernst, sie mahnen dich unwillkürlich an die alten Eidgenossen, wie sie wenigstens in unserer Vorstellung einst gelebt haben.

Auf dem Kirchenplatz endet auch die breite Landstrasse. Nun gehen wir aber weiter auf dem holperigen Weg, der ganz zu hinterst in den Talkessel, bis zur alten Goldmine, führt. Wir sind eben im Begriff, über den schmalen Steg die Sesia oder « Seescheru » zu überschreiten, da kommen eilig zwei Frauen daher, mit leeren Hutten auf dem Rücken. Sie kommen auf uns zu, schreien etwas — es ist die Freude des Wiedersehens — umarmen und küssen uns fest und lang, stellen die Carpiu ( Hutte ) auf den Boden, reissen dir buchstäblich das Gepäck aus der Hand, entledigen dich des Rucksackes und verstauen alles in ihren weiten, bauchartigen Körben. Das alles ist das Werk eines einzigen Augenblickes. Du bleibst sprachlos. Das braune, verwerkte Muehmi Anni rüttelt dich auf: « Nu chimm garing ( komm nun schnell ), nu gange wer zum Huusch z'San Nicloosch ( St. Nikiaus » Du willst dich wehren gegen die « unwürdige » Abnahme deiner Sachen. Es nützt nichts. Das lahme Muehmi Thildi hat die volle Hutte bereits wieder am Rücken und humpelt eilig voran, dem steinigen Bett der Sesia entlang und dann über einen schönen Wiesenpfad, dem Weiler San Nicloosch zu. Das immer noch jugendfrische Gesichtlein Thildis strahlt in heimlicher Freude, dass die « Schwyzer » gekommen sind. Es wendet sich rasch um, erhebt drohend die Hand und schaut mich herausfordernd an: « Ma ditz Mol standet er en Bitz im Land » ( aber diesmal bleibt ihr ein wenig lange hier im « Land » = Alagna ), sonst sei es schon besser, wir kommen gar nicht mehr, als nur so für kurze Zeit, ereifert es sich. « Wege wäisch, dos gid blouss e liggi ( klein, kurz ) Fräid und nosch es grousses Wei ( Schmerz ) I » Nun sind wir vor dem grossen braunen Haus angekommen, das mir längst zur zweiten Heimat geworden ist. Ich stehe einen Augenblick still und geniesse die wohltuende Ruhe, in die nur das Rauschen des Flusses und der Wildbäche und das Plätschern des grossen Brunnens tönt. Hoch steht der Mond am Himmel, und sein milder Schein beleuchtet die weissen Firnen im Hintergrund. Aus dem Fyrhus ( Küche ) fällt ein Lichtstrahl. Die Türe geht auf. « Nu chemet blouss inder! » ( Nun kommt doch herein ), sagt jemand oben auf der Steintreppe und zündet mit einer Kerze in die Nacht. Es ist die feine, zarte, ein wenig blasse Erminia, das dritte Muehmi von San Nicloosch. Sie breitet die Arme aus und umschlingt mich, lacht und weint in einem! « Worum hesch nid gbrunge dyni Wäte ( Schwester ) mit dir? Wege hie were gschy Wyti ( Platz ) gnueg fir allje! » So schilt sie mich, klopft mir auf die Schultern und führt mich ins Haus.

So war der Empfang bei meinem vorletzten Besuch bei den Waisern — nicht weniger herzlich und innig war er die frühern Jahre. Der Vater eines meiner Freunde ist aus Alagna gebürtig und mit ihnen bin ich erstmals über den Monte Moro- und Turlopass hinab ins Sesiatal gewandert. Nie werde ich das Wiedersehen vergessen, das ich miterlebte, als der « Brieder van der Schwyz » nach vielen Jahren wiederkam: Wir steigen zusammen von der Passhöhe des Turlo ( Türli ) hinab auf die Alagner Alpen. Der Vater Prato steht still und schaut lange hinab ins tiefeingeschnittene Tal der Sesia, wo unter grauen Steindächern die obersten Häuser von Alagna hervorgucken. Die Freude, nach vielen Jahren die alte Heimat wiederzusehen, macht sein Herz weich, und mehr als ein gläsernes Kügelchen rollt ihm unversehens über die Wange.

Auf der Falleralp kehren wir ein. Die « Masseire » ( Sennerin ) kredenzt uns frische Milch in hölzernen Tassen und zeigt uns mit Stolz ihren « Cheisch-chalder » ( Käsekeller ). Die Sennhütten, aussen Blockhütten aus Stein, sind innen wohnlich und sauber. Der Vater meines Freundes hat keine Ruhe mehr, es treibt ihn hinab ins Tal — wie ein Junger hüpft er auf dem schmalen Pfad bergab. Die ersten Weiler kommen — San Nicloosch steht vor uns. An einem terrassenförmig aufgebauten Hang, auf kleinen Hanf- und Kartoffelfeldern, arbeiten Frauen in kleidsamer Tracht. Jetzt hat man uns erblickt! Ein Schrei! Und siehe, wie sie einer Gemse gleich, barfuss die steile Halde hinabeilt, die Alagnerin! Die Sichel in der Hand, das Steinfass umgebunden! Sie stürzt sich auf Herrn Prato und sinkt ihm an die Brust. « Ds Jaupi isch do — ds Jaupi ( Joseph ) isch do! », ruft sie, und wiederum umschlingt sie mit der einen Hand — in der andern immer noch die « Sichie » ( Sichel ) haltend — ihr Bruderherz«Und meinen Buben, erkennst du ihn nicht? » fragt das Jaupi und deutet auf meinen grossen Freund. Das Muehmi Anni stutzt. « Ma — dos isch ds Hanschuli? Ds ligge ( kleine ) Hanschuli! Ma der isch grousse cheme! » Und das Küssen geht von neuem los. « Und ditz? » Das Anni schaut mich fragend an. Man erklärt ihm, ich sei der Kamerad ihres Neffen. « Oh, dos isch ds Hanschulis Cumpagn! » Sie zaudert einen Augenblick. « Chimm », lacht sie dann herzhaft und schon umspannen mich ihre sehnigen ArmeAlsbald kommen auch die übrigen Verwandten herbei, alle lassen die Arbeit ruhen und begleiten uns jubelnd ins Haus. Ein späteres Mal kam ich mit einigen Freunden von Aosta her ins « Land ». Auf dem Colle d' Olen, jenem wunderschönen Hochpass, der das Sesiatal mit dem Val de Lys verbindet, überraschte uns ein dicker, brauender Nebel. In der grauen Finsternis tappen wir auf jäh abschiessendem Pfade vorwärts. Herdenläuten aus dem Nebel lassen uns eine nahe Alp ahnen — ich höre glockenreines Singen und — urplötzlich stehen wir vor einem haushohen Felsblock und droben sitzt und singt eine junge Hirtin. « Grüessech wohl! » So mein Gruss nach heimischer Sitte. Jetzt beginnt es aufzuleuchten in dem hübschen Gesichtlein, und die rehbraunen Äuglein flammen!

« Chemet Ihr van der Schwyz? » « Ja! » « Chemet Ihr van Bäru? » « Ja — warum?... » « Syd Ihr der Balmer? » « Ja, aber wie könnt Ihr nur meinen Namen wissen? » rief ich höchst erstaunt. Doch sie nahm sich keine Zeit zum Antworten. Blitzschnell sprang sie auf den obersten Fluhabsatz, reckte ihren schlanken Leib, formte die Hände vor dem Mund zu einer Muschel und schrie dann mit hoher, schriller Stimme in den Nebel hinab: « Chimm TonniAntoniachimm garing garing — d'Schwyzer sind do !» — Dann kam die Tonni auch heraufgekrabbelt, und alsbald ertönte ein Brillju und Huru ( Jauchzen ) von Alp zu Alp, bis hinunter ins Sesiatal. Die gute Erminia von San Nicloosch, die uns in diesen Tagen erwartete, hatte die Sennerinnen der Olenalpen beauftragt, auf die Passwanderer acht zu geben und ihr dann mit Rufen und Jauchzen unsere Ankunft kundzutun, damit sie uns entgegeneilen könne. So wurden wir angemeldet drunten im TalDas Walserhaus ist ganz aus Holz gebaut, mit Ausnahme des Erdgeschosses, in dem sich der « Gode » ( Gaden ), der Stall und das « Fyrhus » befinden. Der Gode ist ein grosser, viereckiger Raum zu ebener Erde, der nur im Winter bewohnt wird. Er wird von aussen geheizt. Seine Ausstattung ist höchst einfach. Ringsum an den Wänden laufen Bänke, und in einer Ecke steht ein grosser, massiver Tisch. Im Gode leben die Walser im Winter, da wird g'asse ( gegessen ), gbiezt ( genäht ), glismut, gsunge und gedorfet. Am schönsten sei es im Gode, wenn er voller Leute sei, meint das Thildi — « wege wäisch, mei mu isch, mei mu lachud! » ( je mehr da sind, desto lustiger geht es zu ). Eine halbhohe Wand trennt den Gaden vom Stall, und die Wärme des letztern hilft mit, dass dieser Raum nie erkaltet. Eine Treppe führt hinauf in den « Schopf » ( Laube ). Rings um das Haus herum führen die geräumigen Lauben; sie sind mit Lattenwerk verkleidet, und an diese Latten wird die Wäsche gehängt, sie dienen aber hauptsächlich zum Austrocknen von « Hampf », « Choure » ( Korn ), « Häi » und « Ommad » ( Emd ). Die Stuben werden wohl dadurch ein wenig düster, aber die Alagner leben ja meistens draussen in der freien Luft. Im Fyrhus suchst du vergebens einen Kochherd — auf der offenen Herdplatte oder « Trächu » prasselt lustig das Feuer und lodert an dem ehernen « Brunz » ( Kochkessel ) empor. Fast alle Gefässe und Tischgeräte sind aus Holz, und es ist mir eine besondere Freude, die « schuuri Bangadu » ( eine Art Minestra aus saurer Milch ) aus einem hölzernen Teller zu löffeln. « Guete Hunger », wünscht mir die Erminia und füllt meinen Teller zum drittenmal. Es freut sie herzlich, dass mir die einfache Kost so gut mundet. « Der isch guet z'Mundsch » ( der ist gut zu füttern !), lacht sie, « der isch käis Ding speichs ( wunderlich )! » Mein Freund Hans verzichtet gerne auf die saure Minestra und hält sich um so tapferer zum Giambung und zu den braungelben Mellindsche ( eine Art Küchlein ). Dreierlei Mellindsche hat uns das Muehmi Cacljena ( Katharina ) auf Boudema ( ein anderer Weiler ) in gewaltigen Fudern auf den Tisch gestellt, nämlich: gcheischutu ( mit Käse ), gsalbutu ( mit Butter ) und gwurschtutu ( mit Wursteinlage ). Aber es gibt noch mehr des Guten — das gebratene Huhn fehlt nicht auf der Tafel. Ds « ligge Hanschuli » macht grosse Augen, als es sieht, wie seine Tante Katharina sich eben anschickt, den Kopf des Huhns samt Kamm und Augen, zu verspeisen. Die Cacljena merkt es. « Wos hesch, SchilljeBub ), mach nid schette läide Birtsch ( schneide nicht so eine Grimasse )! Dos isch fascht guet, ds Haupt van der Hennje! » — Und mich ermuntert sie: « Du muesch lesche ( trinken ), chimm, nu walje wer stirre ( anstossen » Und wir lassen das Deutschtum ennet dem Monte Rosa hochlebenHinter der Küche befindet sich noch ein kleiner Vorratsraum. Da stehen auf den Laden in Reih und Glied in den verschiedensten Grossen die Holz-gofje ( Holzschüsseln ), die Töpfe mit dem « garande Ankje » ( geronnene Butter ), dem Mehlu, der Malga ( Mais ), dem Schmäru oder der Schwyfäissti ( Schweineschmalz ), den Fadelinga ( Teigwaren ), dem Cheisch und dem Molchi ( ge-salzener, geräucherter Ziger ). Ein zierlicher Korb birgt den Vorrat an Guggi ( Eiern).Nie habe ich so herrlich geschlafen wie droben im Sesiatal, wenn es auch nur ein Laubbett oder « Foorebett » ( Farn ) war. Die gute Erminia erklärt mir willig die Gegenstände in meiner Schlafkammer. « Was ist das? » — « Der Zeerer » ( Kamm ). « Und das? » — « Ds Bett » — « ds Lilachje » ( Lein-tuch«ds Vulziechi » ( Kopfkissen ), « d'Vulzieche » ( Deckbett«d'Lit-jera » ( Bettstatt ). In einer Ecke steht eine alte geschnitzte Wiege. « Und das? » — « Ds Legret. » — Die Erminia führt mich nun in ihre Schlafstube, sie möchte jetzt auch gerne etwas wissen. « Wäiss nid, wie der mu schegi » ( ich weiss nicht, wie ihr dem sagt ), meint sie und deutet auf ihr grosses Bett, das von einem Baldachin überdacht ist. « Dem sagen wir Himmelbett! » — « Oh! Himmilbett, ma dos isch fascht hips », lacht sie, « wir andru schege en ingfassuti Litjera oder es Färichbett. » Nun war 's an mir, zu lachen«Und ds ganze ( immer ) tuet er stampiere vum Schrybbuech ( Heft ), dische Balmer! », schilt das Muehmi und versetzt mir einen scherzhaften Hieb. « Wäisch, wir schwätze, wie des nisch vorchimmtwir reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist ). » Das Cacali ( Kätheli ), die flotte Tochter der Cacljena, hat sich einmal zu uns gesetzt, als ich auf der Bank vor dem Hause mit ihrer Mutter « Sprachstunde » hatte. « Ma, dos isch fascht sältsam, » sagt es staunend, « wir schy allje under em schelbe Himmil und schette fascht vil Zunge! » — Trotzdem Alagna ungefähr 1200 m hoch gelegen ist, wächst allerlei dort oben, und Häuser und Gärten prangen zur Sommerszeit im schönsten Blumenschmuck. Darin zeigt sich so recht der deutsche Sinn und Geist der Walserin. « I ho d'Bliemme fascht gere, » sagt die Erminia, als ich mit ihr den Garten oder, wie die Alagner sagen, den « Ird » betrete. « Chimm, nu gange wer gei ( nehmen ) Chrut » ( Kohl, Lattich etc. ). Ausser dem Chrut gibt 's noch Pirre ( Lauch ), Ervis ( Erbsen ), Peterschrut ( Petersilie ) und Salott. Der Salat sei viel zu sehr in die Höhe gewachsen, jammert die Erminia: « Dos isch es läids Ding, der Salott isch allje verzeichnetu! » — In einer Ecke finden sich auch die Heilkräuter, die in jedem deutschen Garten anzutreffen sind: die Salbei, die Goldmelisse und die « Mäinte » ( Münze ). Ja selbst das « Mutter-kraut » fehlt nicht. Ob sie mir etwa eine Tasse Tee anbrühen solle, von dem bittern Kraut, fragt mich schelmisch die Walserin. « 0, warum nicht, » spasse ich, « ich habe das Bittere sehr gerne — man muss es schlucken lernen im Leben! » Die Erminia merkt den Sinn meiner Worte. « Jo, dos isch juscht, ds Erreicke ( Bittere ) muess mu lerre illoh im Lebe! » — Die Erminia und ich können 's gut zusammen. Da ihr das Hauswesen obliegt, während ihre beiden Schwestern, das Anni und das Thildi, das Vieh und die Feldarbeiten besorgen, findet sie immer Zeit für mich. Sie erzählt mir von ihrer Jugendzeit, wo im « Land » noch alles Alagnerditsch geschwätzt habe. Jetzt komme immer mehr « ds Wältschu » in die Mode, und die jungen Leute sprächen unter sich vielfach italienisch. Sie berichtet mir von ihren Eltern, vom Attu und von der Aiu ( Mutter ), vom Oltattu und der Oltaiu. « Wäisch, myni Aiu, die isch fascht es guets Lit ( hier im Sinne von Mensch ) gschy! » — Ich habe oft ein wenig Mühe, sie zu verstehen, meine Kenntnisse vom Lötschentalerdeutsch kommen mir jedoch sehr zugute. Da viele Wörter eine ganz andere Bedeutung haben als bei uns, kommen oft die lustigsten Verwechslungen vor. Eines Morgens, ich liege noch im Halbschlaf, da schleicht die Erminia in meine Stube und durchsucht meine Kleider. « Was willst du? », rufe ich plötzlich. Sie erschrickt. « Wo hesch d' Hauschi, i will dyni Hauschi wesche!»«Um Gotteswillen, lass mir doch meine Hosen sein! » Sie wollte aber nicht meine Hosen, sondern meine Socken haben. Den schönen soliden Alagnerfinken, die die Frauen im Winter selbst aus Tuchresten verfertigen, denen sagen sie dafür « Tschogge » — die Hose aber heisst ds Bruech, ds Bischt ist der weite schafwollene Rock der Frauen, ds Chuttje aber ist der Unterrock, und was bei uns landläufig Chutte bedeutet, das ist für sie das Rockje.

— Ich lasse hier eine Reihe von Wörtern folgen, die eine vollständig andere Bedeutung haben, z.B.: gfroure ( nicht gefroren, sondern neidisch, schalus ), uwwerd ( nicht unwert, aber böse ), lousche ( gehorchen ), gyttig ( nicht geizig, sondern arbeitsam ), org ( nicht arg, sondern geizig ), schwinge ( winken ), richtig ( schnell, plötzlich ), vernarre ( verplaudern ), Chundschaft ( Zeuge — i bin gschy Chundschaft ), zerre ( kämmen ), verberge ( ersparen ), verzerre ( unnütz ausgeben ), jutze ( rufen, aber nicht jauchzen ), chläin ( dünn, fein ), unterrichte ( Umstände machen — nu tiet n'uch nid unterrichte ), dingu ( einladen — der Britjing [Bräutigam] tuet dingu z'Hochzyt ), eiljends ( einfach ), usw.

Die Männer und Jünglinge von Alagna sind fast das ganze Jahr fort in der Fremde, um als Gipser und Maler ihr Leben zu verdienen. Sehnsüchtig warten deshalb die Frauen auf die Heimkehr der Gatten und Brüder, die ihnen neben allerlei schönen Geschenken meistens auch etwas Erspartes mitbringen, von dem dann die Familie den Winter hindurch zehren kann. Die Feldarbeiten und die Besorgung des Viehs wird daher von den Frauen und grossem Kindern besorgt. Was ich über Alagna und die Walser vernahm, wurde mir denn auch fast ausschliesslich durch Frauenmund vermittelt. Die gemachten Funde sind deshalb nicht weniger wertvoll. Wo hätte ich z.B. Witz und Spass besser lernen können, als bei der Angelo-Tonne, der alten « rouboutzigen » Alagnerin im Nachbarhaus von San Nicloosch! « Du, » schrie sie mich eines Tages an, als ich sie auf der Wiese aufsuchte, wo sie die blendend weisse Wäsche zum Trocknen ausbreitete —, « du, du tuesch nid reidu ( reden ), wie wir reidu, wir schege nid reidu, wir schege schwätzu! » Worauf ich ihr, ebenfalls schreiend, mit gleicher Münze zurückzahlte. Man hätte meinen können, ich hätte den grössten Streit mit der dicken alten Frau, deren Oberlippe ein ziemlich ausgebildetes Schnäuz-lein zierte. « Wäisch », fuhr sie fort, « i tue dir schege, du — du bisch wie myne Schuu ( Sohn )! » Nur den « Heir » ( Herr: Pfarrer ) tue sie ehren — « und der list d'Maasch ( Messe ) in der Chilchu! » — Ich erprobe nun meine Kenntnisse im Alagnerditsch: « Syd er sperz? » ( zweg, gesund ), frage ich. « 0, nid gare woul, i ho ds Herzgschlogne Tog und Nacht und nusch i h'on g'eicht der Ubergang ( Erkältungi bin gschy gläiti es Streichje ( ich habe mich ein wenig ausgeruht ). Wäisch Balmer, i tuen gere mit dir schwätzu, wäisch wir schind glychi ( wir bleiben einander nichts schuldig ). Wir bedi, wir häi trummu ds Aederlil verstäisch käis Ding? » — Nein, diesen Ausdruck verstund ich nicht. « Witte schäge mu? ( wie sagt man ) » — « Wir häi trummu ds Aederli, jo, schette schäge mu! » ( trummu = vertromen = zerschneiden; ds Aederli = das Häutchen unter der Zunge = wir haben die Zunge gelöst !). Ich wiederhole möglichst getreu das lustige Wortbild. « Ds ganze tuesch mi antru ( verspotten ), » schreit sie wieder, « nu tuen di erschnätzu ( verhauenNu tuen i jutze dem Chrytzereter ( Kreuzritter, hier: Landjäger ) und nosch muesch in d'Fangaschu ( Gefängnis )! », und drohend erhebt sie ihre Holzkelle. « Du, wie mängs Johr hesch? », fragt die Tonne nach einer Pause. Ich tue, als ob ich es nicht höre. « Du, du bisch sturne ( übelhörig ), du tuesch mer nid unchede ( antworten » — Und als ich ihr meine bald vierzig Lenze gebeichtet habe, da lacht sie mich wieder aus: « 0 du miete ( armer ) Mo! Du bischt en olte Schillju ( alter Junggesellehesch käis Holwyb? » ( holdes Weib = Geliebte ). « Nein! » — « Nu tue gei es hips Wyb und wann schi der nid gfallt, nosch jeg'sche weg und gibra en Tschorggetu ( Fusstritt»Schluss folgt. )

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