Berg- und Gletscherfahrten in den Berner Alpen : I. Erste Besteigung des Grosslohners

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Von C. Durheim, Vater.

Berg- und Gletscherfahrten in den Berner Alpen ( Sommer 1876. ) I.

Erste* ) Besteigung des Grosslohner.

( 3054 Meter. ) Gegen Ende Juni wollten einige Alpenclubisten der Sektion Bern den Grosslohner besteigen; ich hatte ebenfalls Lust dazu; nach eingezogenen Erkundigungen kam ich auf den Einfall, privatim mit 2 Führern diese Besteigung zu unternehmen und wo möglich den andern Clubisten der Sektion zuvorzukommen.

Grossïohner.

Ich verliess daher Bern am 30. Juni und ging nach Adelboden; aber das Wetter hinderte für dieses Mal die Ausführung meines Vorhabens, und ich begnügte mich mit einer Tour auf die Alp Furggi am Albrist. Ich war nur 3 Tage dafür abwesend, und war kaum nach B. zurückgekommen, als der Sonnenschein sich wieder einstellte. Es hielt mich nicht länger zu Hause, und schon am 5. Juli Abends traf ich wieder in Adelboden3005. Grosslohaer 3054.

Nünihorn 2713.

Mittaghorn 2680.

Der Grosslonner vom Niesen ans.

ein. Dieses Mal sollte die Partie gelingen; die Führer fanden sich bereit dazu, das schöne Wetter hielt an, und ich war disponirt zum Bergsteigen wie ein junger Mann von 20 Jahren; das waren drei nothwendige Faktoren, Ausdauer und Beharrlichkeit sollten das Ihrige dazu beitragen.

Das Grrosslohner-Massiv gipfelt in vier Spitzen: das Nünihorn ( 2715 m ) auf der Nordostseite; Mittaghorn 4 ( 2680 m ) auf der Westseite; die mittlere. Spitze ohne Namen ( 3005 m ) und die südwestlich gelegene höchste Spitze ( 3054 m ). Auf dem Blatt Adelboden ( 463 ) des eidgen. topogr. Atlas ist dieses Gebirgsmassiv nur Lohner genannt, in frühern Werken aber Grosslohner, im Gegensatz zum Kleinlolmer ( 2591 m ), welcher auf der Ostseite durch die Bonderkrinde von ersterem getrennt ist.

Der Grosslohner ist bis zur Höhe von circa 1900 m mit Alp weiden umgeben, welche namentlich auf der Nord- und Westseite durch Waldungen gegen Lawinen geschützt sind; der südwestlich von demselben gelegene Wildstrubel überragt ihn um circa 200 m. Von Adelboden aus wurde mir Chr. Egger, Vater, dermalen Hirt auf der Engstligenalp, der sich von Jugend auf in den Revieren des Wildstrubels und Lohners herumgetrieben, als zuverlässiger Führer empfohlen; dieser glaubte, dass die Besteigung von der Engstligenalp aus gemacht werden könne, jedoch seien damit lange und mühevolle Kletterpartien verbunden, bei genügender Vorsicht aber keine erhebliche Gefahr zu befürchten. Der Aufstieg von der Kanderstegseite sei ebenfalls möglich, sei jedoch viel gefährlicher und erfordere viel mehr Zeit.

Als zweiten Führer engagirte ich Chr. Egger, Sohn, Lehrer in Adelboden; sein Vater hatte mit den Pferden bereits die Alp Unterwaiden im Wildenschwand bezogen, die Bergfahrt auf die Engstligenalp sollte am nächsten Samstag mit dem Vieh stattfinden; es blieb uns somit nur noch der Freitag zu unserer Expedition. Desshalb ging ich mit Egger, Sohn, schon am Donner- stag Nachmittag auf die l1/^ Stunden von Adelboden entfernte Alp im Laueli, auf der Nordseite des Mittaghorns. Die Hirten daselbst empfingen uns freundlich; der junge Egger ging noch am gleichen Abend in den Wildenschwand, um seinen Vater von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und versprach, mich am folgenden Morgen früh abzuholen. Ich blieb zurück, bezog mein Nachtquartier auf dem Heuboden und schlief bis um 2 Uhr. Der junge Egger kam schon vor 3 Uhr mit der guten Botschaft, dass sein Vater bereit sei, uns auf den Grosslohner zu führen, und uns auf dem Weg zur Artelenhütte erwarte. Wir nahmen Abschied von den guten Leuten im Laueli und schlugen den Weg südwärts durch die oberste Waldpartie gegen die letzten Ausläufer des Mittaghorns ein. Der Mond leuchtete noch eine Weile im fernen Westen; ein schmaler Fussweg führte zu einem tiefen Felseinschnitt, der noch mit Schnee bedeckt war und wegen seiner Steilheit behutsam traversirt werden musste. Bei der Morgendämmerung kam uns Egger, Vater, entgegen; um 6 Uhr hatten wir das Mittaghorn umgangen und stiegen nun in östlicher Richtung gegen die untersten Felsstufen des Grosslohners hinauf, inmitten eines reich rhit Alpenblumen bedeckten grünen Teppichs, wo Gentianen, Anemonen, Flühblumen, Bergviolen etc. in den schönsten Farben prangten. Die Engstligenalp, auf welcher wir uns befanden, ist ein Circus umgeben von Amertengrat, Fizer, Mittaghorn, Tschingellochtighorn, Kindbettihorn, Thierhörnli, Steghorn und Wildstrubel, dessen Gletscher- und Schneemassen heute im Sonnenglanze einen wundervollen Effekt machten. Immer aufwärts schreitend kamen wir bald zu den nackten Felsen-gebilden, die südlich vom jMittaghorn die Vorstufen des Grosslohners bilden. Hier hatten wir die Wahl, " entweder am Mittaghorn selbst hinaufzuklettern und dasselbe links zu umgehen, oder rechts von einem kleinen Wasserfall eine Art Felsengalerie zu übersteigen; letzteres war die direkte Richtung, die wir auch einschlugen. Wir mussten uns hier um eine Felsenecke hinaufwinden, wo es auf etwa 20 Schritte die grösste Vorsicht erforderte, indem an mehreren Stellen das Gestein sich unter der Hand löste und zudem der Fels auf ein paar Schritte etwas überhängend war. Selbstverständlich wurde diese Stelle nur mit kurz ange-strecktem Seile überwunden. Nach diesem etwas misslichen Uebergang hatten wir drei Stunden lang über Geröllhalden, Schneefelder und Felsstufen zu wandern, es war eine Lungen- und Knieprobe, die ich nicht erwartet und noch nie mit solcher Anstrengung gemacht hatte. Nahe am obersten Grat, der die Grenze zwischen der Engstligen- und Ueschinenalp bildet, gewahrten wir zwei Gemsen, die ein Schneefeld überschritten; auf einen Pfiff von Egger rannten dieselben seitwärts in die Felsen. Um 10 Uhr wurde dieser Grat erreicht, von wo wir bereits die Berner und Walliser Alpen übersehen konnten. Der Grat war sehr schmal und ungangbar; die östliche Seite stürzte als fast senkrechte Felswand gegen das Ueschinenthal hinab; wir hielten uns desshalb immer etwas an der westlichen Seite des Grates, bis wir zu einem Felskopf kamen, der uns zwang, ihn auf der Ostseite zu umgehen, und den wir zuerst als den eigentlichen Gipfel angesehen hatten; dieser lag aber noch etwa 20 Minuten höher; das Grätchen, welches zu ihm führte, war bei einer Steigung von ungefähr 30° kaum fussbreit und bestand aus bröckligem Kalkfels in scharfkantigen Stücken, und ich wäre bald versucht gewesen, den Grat zwischen die Beine zu nehmen und so hinauf zu rutschen; meine Führer riethen aber davon ab, Bergstock und Seil mussten helfen, das Gleichgewicht zu behalten, und wir kamen gottlob glücklich auf die Spitze, welche die Form eines circa 12 Fuss hohen abgestumpften Kegels hat; auf der Spitze selbst hatte nur ein Mann Platz; von da sahen wir gerade noch den nordöstlichen Theil von Adelboden bis zum grossen Ahorn neben der Kirche; weiter gegen Südwesten ist der Thalgrund durch das'Mittaghorn verdeckt. Die Rundsicht war bis auf einen Theil der Jurakette gegen Norden frei und klar; Egger, Vater fand sie ebenso schön und ausgedehnt, wie diejenige vom Wildstrubel. Sie umfasst die Savoyer Alpen mit dem Mont Blanc, die penninischen Alpen vom St. Gotthard bis zum Monte Rosa und den Mischabelhörnern, die Berner Alpen und das Lötschthaler Gebirge und dazwischen fast das ganze Lötschthal, die Niesen- und die Stockhorn-Kette, die Freiburger und die Waadtländer Berge und einen Theil des Lac Léman zwischen Vevey und St. Gingolf. Somit bietet der Grosslohner jedem Besteiger einen reichlichen Genuss für die beschwerliche Besteigung. Die Temperatur war an diesem Tage sehr mild. Spuren einer frühern Besteigung konnten wir unter dem Trümmergestein keine finden. Nach der Dufourkarte hat dieser Gipfel eine Höhe von 3054 m; der zweithöchste, namenlose Gipfel befindet sich nordöstlich in einer direkten Entfernung von circa einer Viertelstunde vom erstgenannten und hat eine Höhe von 3005™; auf diesem mittlern Gipfel sahen wir deutlich einen Steinmann, und ich ersuchte meine Führer, nun hierseits ebenfalls ein Steinmannli aufzurichten, wozu sie die grössten Stücke, die sie finden konnten, verwendeten. Ein Gewitter, das von Norden her im Anzüge war, beunruhigte die Führer; es waren kaum sji Stunden seit unserer Ankunft auf der Spitze verflossen, als sie zum Abstieg drängten; ich schrieb noch Namen und Datum unserer Besteigung nieder, man schob die Flasche damit in das blos circa 3 Schuh hohe Steinmannli und bedeckte dasselbe mit einem schweren Stein. Nachdem ich noch ein Stück des Gipfelgesteins mitgenommen, gingen wir mit der grössten Belmtsamkeit über das schmale Grätcben hinab; kaum hatten wir dieses hinter uns, als auch schon Wind und Regen uns begrüssten; der Regen war aber von kurzer Dauer, das Gewitter verzog sich in der Richtung des Gspaltenhorns und bald hatten wir wieder Sonnenschein. Ungefähr in der Mitte zwischen dem Grosslohner und dem Tschingellochtighore machten wir Halt, theils um nach dem Proviant zu greifen, theils weil Vater Egger, der sich der schlüpfrigen Kalkfelsen wegen nicht getraute den gleichen Rückweg einzuschlagen, einen andern Weg zum Abstieg ausfindig machen wollte. Er ging daher nach mehreren Seiten auf Recognoscirung aus und entschloss sich zuletzt für den Abstieg über die fast senkrechte Felswand auf der Ueschinenthalseite. Mit bangem Gefühl betrat ich die Schneide des Grates, wo abgewartet werden musste, bis Egger, Vater, am Seil gehalten, an der Wand irgend einen Halt finden konnte, worauf Egger, Sohn, mich am Seil hinabliess, und so avancirten wir während einer guten Stunde; Egger, Sohn, hatte die schwerste Aufgabe als der letzte Hinabsteigende. Nachdem wir zwischen einigen Felsköpfen hinabgekommen, betraten -wir steile Geröllhalden, traversirten dann in horizontaler Richtung bis zum Tschingellochtighorn und jenseits desselben erreichten wir den Grat, der auf der Westseite wieder zur Engstligenalp hinabführt.

Von der Engstligenalp hatten wir noch 3 Stunden bis nach Adelboden zu gehen; es war bereits 6 Uhr; wir benutzten den Viehweg, der sich rechts oberhalb der Engstligenschlucht und der- Wasserfälle gegen den Wildenschwand hinzieht. Hier war unlängst eine grosse Strecke Wald durch eine Schneelawine zerstört worden, die Baumstämme lagen noch wie schwache Hölzchen von der Hand geknickt und zersplittert am Boden.

Chr. Egger, Vater, blieb auf der Alp im Wildenschwand zurück, und ich ging mit seinem Sohn noch bis nach Adelboden, wo wir Abends um 9 Uhr wieder eintrafen.

Der Gefälligkeit des Herrn Prof. Isidor Bachmann verdanke ich nachstehende Notiz über das Handstück, welches ich von der Spitze des Grosslohners heimgebracht:

« Der grosse Lohner gehört zu derselben mächtigen Kalkmauer, wie auf der andern Thalseite das Massiv des Fisistocks und südlicher die Gemmi. Die hier auftretenden Formationen gehören vorherrschend der Juraperiode an. Die ganze obere schroffe Partie des Grosslohner besteht aus sogenanntem Hochgebirgskalk, d.h. oberem Jura. Das mir vorliegende Gipfelstück ist seiner Gesteinsart nach etwas eigenthümlich. Ein so viel als dichter gräulicher Kalkstein erscheint in eine Unmasse von eckigen und kantigen Stückchen und Splitterchen zerrissen und zerhackt, und darauf von weissem krystallinischem Kalk wieder verkittet. Durch dunklere Farbe und hornähnliches Aussehen treten einige Bruchstücke von Bivalven ( Muscheln ) deutlicher hervor. Diese Reste sind unbestimmbar und können auf den ersten Blick leicht zu der irrigen Meinung führen, dass man Nummuliten vor sich habe. Das Gestein ist eigentlich eine Kalkbreccie und dadurch in der That etwas auffallend. Es treten aber die Kalksteine in so zahlreichen und durch die allmäligsten Uebergänge miteinander verbundenen Abänderungen auf, dass man immer den Gesammtcharakter im Auge behalten muss. Berücksichtigen wir das Charakteristische, so gehört auch hienach das Gestein zu den obern Jurabildungen, wie sie in den Alpen eine so mächtige Entwicklung erreicht haben.

Die Lagerungsverhältnisse des Schichtengebäudes-des grossen Lohners erscheinen noch nicht recht aufgeklärt, namentlich was die Verhältnisse zu den Gesteinen der nördlich vorliegenden First betrifft. Immerhin lässt sich leicht beobachten, besonders von Kandersteg aus, dass die Schichten in langgestreckten Falten^ wie am Fisistock, mehrmals übereinander gelegt sind. » II.

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