Berganemonen | Club Alpino Svizzero CAS

Berganemonen

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Von Mathias Ciger

Mit 1 Bild ( 188Thun ) Was wären viele unserer Berge ohne ihren lebendigen Schmuck, ohne die Blumen? Wohl sind das Grosse, die Kämme, Zacken und Grate, die Wolken und der tiefblaue Himmel und das wechselnde Licht des Tages und der Jahreszeiten das Herrschende der Berge. Wohl ist, was mancher dort oben sucht, die Einsamkeit, die Freiheit. Wie eigenartig warm berührt es ihn aber, wenn er aus Fels und Eis und Einsamkeit wieder hinabkommt in blühende Alpenhalden und Matten, wrenn der lichte Bergwald mit seinen Blumen ihn wieder aufnimmt! Wie leuchten aber auch in der Hochwelt im Sommer die kleinen Blumengesichter, manchmal mitten im trostlosen Geröll oder auf Graten, wo ewiger Wind herrscht, aber auch in jeder Spalte und Ritze im Gestein, wo ein wenig Erde hinkam. Wie ganz anders sind hier die Farben, leuchtender, froher als unten; wie zart, viel zarter noch als die Frühlingsblumen im Tale sind ihre Gestalten. Es ist ein tiefes Geheimnis um diese Zartheit und Farbenfroheit der Bergblumen, und mancher Bergsteiger, der im Tale die Blumen kaum achtet, entdeckt hier ganz plötzlich, dass er ein Blumenfreund ist.

Zu den zartesten und schönsten aller Bergblumen gehören die Anemonen.

Es gibt eine Zeit in den Voralpen, meist ist es Ende Mai, manchmal auch später, da sehen diese aus wie dunkelgescheckte Simmentaler Kühe.

In Mulden und Gräben liegt noch tiefer Schnee, während auf den apern, dunklen Stellen Millionen von weissen und lilafarbenen Krokussen blühen. In dieser Zeit blühen oben auf den Gräten, wo der Schnee im Winter immer wieder fortgeweht wird, die Pelzanemonen, Anemone vernalis. Der kurze Blütenstengel und die runden Knospen sind ganz in einen silbernen, feinen Pelzmantel eingehüllt. Die grossen Blüten sind innen schneeweiss, manchmal auch leicht gelblich-rosenrot und durchzogen von feinsten Äderchen, und aussen schimmert es blau und lilarot durch den feinen Pelzmantel. Die an der Sonne sich voll öffnenden Blumen bilden einen sechsteiligen Stern, dessen Weiss in der Mitte ein goldgelber Kranz seidener Staubfäden herrlich belebt. Solange sie auf kurzen Stielen noch in Knospen träumen oder mit ihren frisch aufgegangenen Sternen die Sonne grüssen, schauen sie geradeauf zum Himmel. Nach erfolgter Bestäubung nehmen sie allmählich Glockenform an und neigen sich zu Boden. Wenn sie in diesem Stadium truppweise zusammenstehen, sehen sie aus wie eine Herde kleiner, weidender Schafe, und ihr dichtes Haarkleid glänzt wie deren Rücken im Gegenlicht. Wenn man im spätem Sommer über die gleichen Grate wandert, haben sich ihre Blütenstengel verlängert, erreichen oft eine Höhe von 30 Zentimetern und mehr, und an Stelle der Blüte steht ein dichter, silberner Haarschopf, ein Haarmannli. Auf dem steinigen Boden liegen die feingezackten, winter-grünen Blätter glatt auf, die Wurzeln dringen metertief ins Geröll. Die Pelzanemonen führen ein hartes Leben auf den luftigen Gräten, aber Wind und Kälte gehören wohl zu ihrem Leben und formen ihre Gestalt, denn sie scheinen sich erst in Höhen von 1800 bis 2500 Metern wohl zu fühlen. Wer von oben herab einige Pflanzen in seinen Garten nimmt, wird nie seine Freude an ihnen haben, denn sie werden ihm bald sterben aus Sehnsucht nach den Höhen.

An feuchten Grashängen in den Alpen, meist auf der Ost-, West- oder Nordseite bis hinab in den Bergwald begegnet dem Bergsteiger anfangs Juni bis in den Juli hinein die Alpenanemone, Anemone alpina. Weithin leuchten ihre schneeweissen, grossen Blütenglocken mit ihrem Schimmer von Himmelsblau auf der Aussenseite. Dieser blaue Schimmer, der besonders den Knospen und frischaufgeblühten Blumen eigen ist, scheint wie mit dünnen Aquarell-farben aufgemalt und ist manchmal so zart, dass man ihn mehr fühlt als wirklich sieht; ein Hauch des Himmels könnte nicht zarter sein. Die starken Stengel, ihre petersilienfeinen Blätter, die als feine Halskrause unter der Blüte stehen, und auch die Aussenseite der Blüten sind mit feinstem Flaum bedeckt. In der Blütenmitte hat auch sie ein Goldkrönlein aus seidenfeinsten Staubgefässen. Zu ihrer Blütezeit steht sie meist an ihren Standorten noch allein zwischen gelben und braunen Resten abgestorbener Gräser und Kräuter des Vorjahres. In dieser Umgebung wirken ihre vielen grossen Blütenglocken doppelt auffällig, so dass ihre Nachbarn, die zierlichen blauen Alpenglöcklein, bescheiden zurücktreten vor so viel Schönheit.

Während in den Gebieten der Kalkberge die weisse Alpenanemone wächst, findet sich auf Gneis und Granit die gelbe Anemone, Anemone sulfurea. Es gibt Gebiete, wo Kalk und Urgestein nahe zusammenkommen und sich auch das Schneeweiss und das warme Gelb der beiden Anemonen mischt. Auf Eisigalp im Frutigland und auf den Hängen der Gemmi und des Oeschinen-tales blühen beide Arten friedlich nebeneinander, und nicht selten findet man ganz blassgelbe Blumen darunter, ein gutes Zeichen dafür, dass Mischehen unter ihnen durchaus erlaubt sind. Die Alpenanemonen und mehr noch die Schwefelanemonen bevölkern vielerorts in solchen Mengen die Hänge, dass diese weithin schneeig oder golden schimmern. Ist ihr frohes Blütenfest vorbei, so noch nicht ihre Schönheit, glänzen doch bald darauf ihre Fruchtstände, die wilden Buben und Chutzen, in der Bergsonne!

An den gleichen Standorten wie die Alpenanemonen wächst auch die narzissenblütige Anemone, Anemone narzissiflora. Wunderlieblich sind ihre kleinen, innen weissen, aussen zartrosa Blüten, die in Büscheln von 3—6 Stück am Ende eines kurzen Stengels stehen. Wer diese Anemone noch nicht im Gegenlicht eines taufrischen Morgens auf einem Grate sah, darf über ihre Schönheit kein Urteil fällen. Wer noch nie eine frisch aufgeblühte Blume genau betrachtete, hat hier ebenfalls keine Stimme. Es ist so viel Schönheit und Zartheit in Form und Farbe in ihr vereinigt; der ganze Alpenfrühling spiegelt sich in ihr wieder. Wie verschieden sind bei ihr die Blumen der Grate und die der schattigen Grashalden: niedrig, über und über behaart mit dunkelrosa Knospen die erstem; höher, mit nur schwacher Behaarung und schneeweiss die Blumen der Schattenstellen.

In der Schweiz selten, finden wir im Wallis und den angrenzenden Gebieten ( Lämmernalp, Rawilpass ) eine kleine, hübsche Anemone, Anemone baldensis, die Tiroler Anemone. Sie ist die kleinste der Alpenanemonen, kaum grosser als unser Buschwindröschen. Wer aber diese, innen weissen, aussen purpurnen Blütensterne mitten zwischen ärgstem Geröll zum erstenmal sieht, ist beglückt von so viel Anmut. Ich weiss nicht, ob man ihrem Wesen mit dem Wort Anmut wirklich nahekommt. Alles an ihr ist Schönheit, Zartheit, und diese Zartheit wird durch ihren steinigen Standort noch unterstrichen. Die ganze Pflanze ist kaum 10 Zentimeter gross und fein bewimpert, ähnlich den Alpenanemonen hat sie am Stengel eine Halskrause aus feingeschlitzten Blättern. Die Blütenblätter, aussen rot, mit Übergängen in Rosa gegen ihre Spitze zu, innen schneeweiss mit einem Rosahauch im Innersten, gegen den gelben Kranz von Staubgefässen und dem gelbgrünlichen Narben-büschel. Die kleinen, dunklen, feingeschlitzten Blätter sind zwischen dem groben Geröll kaum zu sehen. Vielen Bergsteigern mag es schon ähnlich gegangen sein wie mir; nämlich, dass ich sie, nachdem ich mir ihre Standorte ein Jahr früher genau gemerkt hatte, nur mit Mühe wieder fand. Wie klein, schmal und unscheinbar waren doch diese Anemonen am frühen Morgen, bevor die Sonne ihre dünnen Knospen wachgeküsst hatte und die weissen Blütensterne aufgingen. Anemone baldensis kommt nirgends in Massen vor wie die übrigen Anemonen, man muss ihre Standorte immer suchen.

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