Berge, Land und Leute im Vorderen Orient

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Markus Liechti, Liebefeld BE

Ausgefallene Überraschungen unter dem Himmel Allahs ORIENTALISCHES LEBEN Endlose, abgeerntete Kornfelder ziehen seit Stunden an uns vorbei, während unser Wagen eine dichte Staubwolke hinter sich zurücklässt. Wir sind eine kleine Gruppe, unternehmungslustig und gespannt, was uns der Orient alles bieten wird. In forschem Tempo geht es auf guter Naturstrasse durch die sehr spärlich besiedelte, ausgedörrte Landschaft nach Süden. Die Luft flimmert über der heissen Erde, doch plötzlich, am Ausgang eines seichten Tales, taucht ein riesiger Berg auf. Gestützt von klaren Linien, reckt er seinen weissen Gipfel in den tiefblauen Himmel: der Ercyes Dag. Beinahe unerreichbar scheint er über dem Dunst zu schweben.

Am Mittag erreichen wir Kayseri, die malerische, echt orientalische Provinzhauptstadt Kappadokiens im Herzen der Türkei. Emsiges Leben im Basar, herrliche Früchte und Gemüse, sengende Hitze und wohlbeleibte Frauen in Wintermantel und Kopftuch, denen es der strenge Islam verbietet, einem Mann ins Gesicht zu sehen. Doch ihre Neugierde und mein Blondschopfsiegen über dieses unnatürliche Gesetz. Immer wieder wenden sie sich betroffen ab, wenn ich sie beim Anblick meiner « ertappe ». Mein gelegentliches Schmunzeln kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie mir wirklich leid tun.

Aus dem Lautsprecher hoch oben am Minarett tönt ein melancholischer Gesang - der Mullah fordert seine Gläubigen zum Gebet auf, und hinter dem schlanken Turm, über den Dächern der Stadt, leuchtet in fast viertausend Meter Höhe der Gipfel des Ercyes Dag. Morgen sollen wir also dort oben stehen?

MORSCHER ZAHN AM ERCYES DAG Zwei Mitglieder des türkischen Bergsteigervereins begleiten uns, als wir die staubige Strasse nach Kajak Evi unter die Räder nehmen. Erstaunte Blicke verfolgen uns im letzten Dorf, auf der Fahrt zur Passhöhe. Die Stadt bleibt unter uns zurück, und der Blick schweift über sie hinweg, ohne einen Halt zu finden. Endlos ist das anatoli-sche Hochland und verschmilzt irgendwo im Dunst mit dem Himmel. Karge, steppenartige Berghänge säumen die Strasse und umgeben das stattliche Haus der türkischen Bergsteiger auf Kajak Evi. Zweitausend Meter hoch ist dieser Pass im Osten des Ercyes, dessen massige Gestalt uns der warmen Strahlen der Abendsonne beraubt. Unangenehm kalt wird es sogar.

Empfindlich kalt ist es auch am Morgen früh und finster wie in einer Kuh. Zwei Stunden lang gleitet der Lichtkreis meiner Stirnlampe aufwärts über ausgetrockneten Boden, verdorrte Gräser, Disteln und Steine. Am Eingang des Kraters erreicht uns endlich die Sonne, und mit einem Schlag sieht die Welt ganz anders aus. Bizarre Felsgebilde krönen den Kraterrand, der auf unserer Anstiegsseite schon bis auf den Grund des ehemaligen Feuerkessels erodiert ist. So treten wir ungehindert in dieses hellerleuchtete, überdimensionierte Amphitheater ein. Sitzreihen gibt es zwar keine, dafür eine neunhundert Meter hohe Fels- und Geröllwand. Unglaublich, dass dieses lose Zeug überhaupt aufeinander bleibt!

Unaufhörliches Poltern dröhnt aus dem Sa-tanscouloir. Ganze Schuttsalven sausen in weiten Sätzen über den gefrorenen Schnee herunter. Und hier sollen wir hinauf? Nein, danke! Weiter links geht es auch, aber trotz grosser Vorsicht brechen immer wieder Steine und Blöcke los. Nur gut, dass wir die einzigen sind. Immer wieder rutsche ich auf der lebendigen Unterlage zurück oder verliere das Gleichgewicht. Der Kraterrand bringt endlich die Erlösung. Ja nicht nur das, sondern auch das Gefühl, der Welt entflohen zu sein. Wir stehen jetzt rund dreitausend Meter über der weiten Umgebung, auf dem einzigen Berg hier. Nur fern im Süden sind die Ketten des mittleren Taurus zu erkennen. Sie sind aber so weit weg, dass sie unseren erhabenen Standort und die unbehinderte Aussicht nicht beeinträchtigen. Gewiss bin ich schon auf manch höheren und markanteren Gipfeln gestanden, doch das unmittelbare Gefühl, wirklich auf einem Berg zu stehen, hat mir noch keiner so geschenkt wie dieser. Einige kleine Sekundärvulkane drücken sich an den Fuss des Ercyes wie Kinder an ihre Mutter, sonst aber fällt der Blick hinunter ins Hochland Anato-liens und folgt der ausgedehnten Ebene bis zum Horizont.

In leichter Kletterei gewinnen wir einen steilen Aufschwung und stehen dann endlich vor dem letzten Problem, dem Gipfelzahn. Mir läuft es kalt über den Rücken, wie ich dieses eigenartige Felsgebilde betrachte. Denn da sind Gesteinbrocken von erstarrter Lava zusammengeschweisst, als wären sie erst gestern aus dem Krater geschleudert worden. Unsere türkischen Freunde scheinen solches gewohnt zu sein und erklettern durch einen offenen Kamin diesen labilen Aufbau, ohne mit der Wimper zu zucken. Dennoch vermag das morsche Gestein die allgemeine Freu-denstimmung nicht zu dämpfen. Zu unseren Füssen liegen nun Kayseri, die erstarrten Lavaströme, ein seichter Salzsee und die eigenartige Pyramidenlandschaft im Westen. Was wollen wir noch mehr!

UNGEWOHNTE KLETTERFREUDEN Im türkischen Bad befreien wir uns am nächsten Tag vom Schweiss und Staub der Ercyes-Be-steigung und erreichen nach einer Stunde Fahrt die kleine Ortschaft Göreme, mitten in einer der ausgefallensten Landschaften unserer Erde. Denn da stehen einzeln oder in Gruppen Felstürme und Pyramiden von 20-30 Meter Höhe und drücken dieser Gegend ein ganz eigenwilliges Gepräge auf. Der Ercyes Dag, der Wind und das Wasser sind die Werkmeister dieser Mondlandschaft. Vor rund zehntausend Jahren schleuderte der damals aktive Vulkan gewaltige Mengen von Asche aus, die vom Wind nach Westen verfrachtet wurden und hier mit einer mächtigen Schicht die ganze Landschaft zudeckten. Diese Masse verfestigte sich im Laufe der Zeit zu sandsteinähnlichem Fels, der dann vom Wasser bearbeitet und zerfurcht wurde, bis nur noch einzelne Türme und Pyramiden übrigblieben. Vor gut tausend Jahren flüchteten Christen in dieses Gebiet, um sich im Labyrinth dieser Zinnen den feindlichen Angriffen zu entziehen. Das weiche Gestein wurde ausgehöhlt; es entstanden Wohnungen, Kirchen und Gemeinschaftsräume im Innern der Bastionen, ja ganze unterirdische Städte für mehr als zehntausend Bewohner.

Wahrlich, es ist nicht nur eine faszinierende Landschaft, sondern auch ein eigenwilliges Klettergebiet. Zwar bestehen keine eigentlichen Routen, dafür können wir nun zwei Tage lang in den verzweigten Gängen, Schächten und Schluchten herumklettern, über die Ideen und das handwerkliche Geschick dieser Bewohner staunen und immer wieder von einem andern Gipfel oder Fenster aus einen Blick auf diese unglaubliche Laune der Natur werfen.

ROLLENDE KÖPFE AUF DEM NEMRUT DAG Nach einigem Feilschen um den Fahrpreis willigt der einheimische Fahrer ein, die Gruppe am nächsten Tag mit einem Landrover zum Nemrut Dag zu führen. Auf seinem Gipfel sollen zehn Meter hohe Statuen von Königen und Göttern zu sehen sein, die als Grabmal König Antiochos'I .von Kommagene vor zweitausend Jahren errichtet wurden.

Drei Stunden fürchterliche Rüttelfahrt, vorbei an zwei armseligen Bergdörfchen, bringen uns zum Berg. Obschon der Standort nicht wesentlich'43 über zweitausend Meter Höhe liegt, ist es unangenehm frisch hier oben. Nur wenige hundert Meter muss noch bis zum Gipfel aufgestiegen werden. Verzweigten Wegspuren folgend, erreichen wir voller Erwartung das Plateau und blicken plötzlich direkt ins Gesicht eines der Könige. Hinter ihm stehen noch andere Riesenköpfe, ihren steinernen Blick auf die Berge und Täler des östlichen Taurus gerichtet. Still und erhaben bewachen sie das weite Land, und es scheint sie keineswegs zu stören, dass ihre Körper zehn Meter weiter hinten - enthauptet - am Fuss der Gipfelpyramide sitzen. Vermutlich muss sie ein Erdbeben entzweit haben; denn ein Lausbubenstreich kann das sicher nicht sein, der die mannshohen Steinköpfe ins Rollen gebracht hat. Der eine überragt mich gar noch um ein gutes Stück, und man fragt sich unwillkürlich, wie es damals möglich war, solch riesige Statuen aufzurichten und exakt zu bearbeiten. Tief beeindruckt steigen wir die letzten Meter zum Gipfel hinauf, um uns noch von der vorzüglichen Lage dieses ausgefallenen Grabmals überzeugen zu können. Mit der Gewissheit, wiederum einen aussergewöhnlichen Ort unserer Erde gesehen zu haben, fahren wir zurück nach Kata, unserem Ausgangspunkt.

EIGENWILLIGES KURDISTAN Unsere Fahrt geht weiter nach Osten. Der Euphrat wird überquert und zahlreiche Pässe von mehr als zweitausend Meter Höhe. Schlichte, aber beeindruckende Landschaften ziehen vorbei. Die spärliche Bevölkerung wird immer neugieriger und misstrauischer, je mehr wir uns der persischen Grenze nähern: Kurden — ein eigenwilliges, traditionsreiches Bergvolk. Geplagt von den Regierungen und in drei Teile zerrissen durch den willkürlichen Verlauf der Grenzen zwischen der Türkei, dem Iran und Irak. Mit Stein- und Stockwürfen gegen uns und unsere Wagen gibt die Bevölkerung ihrem Unmut deutlich Ausdruck. Das Übernachten unter freiem Himmel wird zum Problem, und mehr als einmal müssen wir vor der drohenden Gefahr eines Überfalls das Nachtlager fluchtartig verlassen. Kein Wunder, dass hier trotz traumhaft schöner Landschaften der Tourismus ein Fremdwort ist und Fremde sehr selten gesehen werden. Ob wir eigentlich le-bensmüde seien, fragen uns mehrmals nichtkurdi-sche Türken.

Und dabei sind wir mitten in einem beeindruckend wilden Gebirge. Eine richtige Herausforderung für Bergsteiger. Aber die Gipfel sind für Besteigungen durch Ausländer seit einiger Zeit gesperrt - sowohl der imposante Reschko als auch der legendäre Ararat und alle Gipfel östlich des Vansees. So kommt allein unser Auge in den Genuss dieser Berge, während wir auf staubiger Schotterstrasse durch tiefe Schluchten und über liebliche Hochebenen die iranische Grenze erreichen.

STURMISCHE TAGE AM DEMAWEND Erleichtert lassen wir den mörderischen Verkehr der Viermillionenstadt Teheran hinter uns zurück und folgen der Strasse nach Norden, Richtung Kaspischem Meer. Diese windet sich steil hinaufzum Polur-Pass, dem tiefsten Übergang im Elburs-Gebirge. Nach einer scharfen Biegung steht der Demawend überraschend in seiner ganzen Grösse vor uns. 5671 Meter hoch ist diese mächtige, kegelförmige Gestalt. Mit weisser Kappe und den ebenmässigen Hängen eines typischen Vulkans ist er der höchste Gipfel zwischen den Alpen und dem Hindukusch.

Über ein steiles Natursträsschen gelangen wir in zweitausend Meter Höhe zum Bergdorf Rei-neh, dem Ausgangspunkt für die Besteigung. Obschon sündhaft teuer, nistet man sich im Haus des iranischen Alpenklubs ein. Da in der Biwakschachtel auf 4100 Meter nur nackte Pritschen zu erwarten sind, muss allerlei Ausrüstung bereitgestellt werden, damit morgen wenigstens etwas Warmes in den Bauch kommt und angenehm geschlafen werden kann. Ein fürchterliches Gewit- ter zieht über die primitiven Lehmhäuser hinweg, während wir uns beizeiten zur Ruhe legen.

Am nächsten Tag zieht herrliches Wetter auf. Der Mulitreiber ist mit dem Aufladen der Lasten beschäftigt; die Gruppe macht sich bereit zum langen Aufstieg. Kinder schlendern zur Schule, bleiben stehen, staunen uns aus grossen, schwarzen Augen an und lächeln uns mit einem scheuen « Hallo, mister » zu, in der Hoffnung, mit diesen wohl einzigen Fremdwörtern in ihrem Sprachschatz einen Backschisch zu erhaschen.

Unterbrochene Wegspuren führen durch eine spärliche, meist stachelige Vegetation die langen Hänge hinauf. In 3000 Meter Höhe begegnen wir noch Ziegen und Schafen und geniessen eine wohlverdiente Pause. Einem steilen Rücken folgend, geht es weiter. Kugelige Polster sind bald die einzigen Pflanzen und sorgen mit ihren Farben für Abwechslung im eintönigen Lavagestein. Der Aufstieg ist mühsam und lang, und niemand will glauben, dass der Gipfel noch zweitausend Meter über uns ist. Müde stapfen wir durch die ersten Schneeflecken und erreichen endlich die tonnenfòrmige Blechhütte.

Während die Mulis wieder absteigen, richten wir uns ein. Schnee muss geschmolzen werden, und dann dauert es eine halbe Ewigkeit, bis endlich die heisse Suppe genossen werden kann. Es ist unfreundlich in dieser kalten Behausung, und nur zu gern schlüpft man in den warmen Schlafsack. Mit der Dunkelheit bricht auch ein heulender Sturm los, der uns für den nächsten Tag keine grosse Hoffnung macht. Aber der verdiente Schlaf befreit vorläufig von dieser Sorge.

Eine lange Schneefahne zieht am Morgen von der Tür in den Raum herein. In den Basaltblöcken neben der Hütte orgelt noch immer der Sturm, und es ist kein Kunststück, den Wetterbericht von der Pritsche aus zu machen. Wir schlafen weiter! Erst am Mittag hat der Himmel Erbarmen und gestattet eine kleine Erkundungstour. Mit einem himmlischen Sonnenuntergang verabschiedet sich dieser Tag und lässt Hoffnungen für morgen zu.

Im Schein einer Kerze trinken wir den dampfenden Kaffee. Draussen ist Sternenhimmel und eisige Kälte. Gut eingepackt verlassen wir die Hütte und folgen dem Lichtkegel der Stirnlampe durch das Geröll aufwärts. Erst nach zwei Stunden monotonen Steigens kündet im Osten ein heller Streifen den neuen Tag an, und die ersten Sonnenstrahlen erreichen uns in 4800 Meter Höhe. Die Felsen, die wir manchmal in leichter Kletterei übersteigen, sind mit einer dicken Rauhreifschicht überzogen. Stürmische Böen überfallen uns immer wieder mit voller Wucht und eisigem Schneestaub. Langsam nur gewinnen wir an Höhe, und unter uns bleibt ein Nebelmeer zurück, aus dem bloss einige der höchsten Gipfel wie Inseln herausragen. Der Sturm greift immer kräftiger an und wirft uns fast zu Boden. Jeder Schritt muss erkämpft werden, auch wenn einen das feierliche Gefühl in dieser Erhabenheit fast beflügelt. Schwefeldämpfe steigen nun aus dem Boden auf, das Gestein nimmt eine gelbgrüne Färbung an und stinkt abscheulich. Trotz dem leichten Gelände verlangt das Steigen volle Konzentration, damit man nicht immer wieder zurückrutscht. Nicht für ein halbes Vermögen würde ich jetzt meine Skistöcke weggeben.

Mit richtigen Schwefelwolken will sich der Gipfel unserer Ankunft erwehren, was ihm jedoch nicht gelingt. Mit grosser Freude lege ich die letzten Meter zurück und bin überglücklich, wie mein Blick den kleinen Krater streift und weit im Norden auf die höchsten Gipfel des Kaukasus fällt. Alles andere wird vom Nebelmeer verschluckt — die Welt scheint verlorengegangen zu sein. Die Gesichter meiner Kameraden strahlen aus den Kapuzen, jeder ist glücklich und stolz auf die erreichte Höhe. Trotz grimmiger Kälte setzt man sich hin, um eine Kleinigkeit zu essen, und knipst ein paar Photos. Lange wollen wir zwar nicht verweilen; denn noch heute soll der Abstieg bis Reineh erfolgen, damit wir uns morgen in den Wellen des Kaspischen Meeres erfrischen können. Mit diesem anstrengenden Aufstieg haben wir das ehrlich verdient, und zudem ist es ein krönender 45 Abschluss unserer Besteigungen unter Allahs Himmel. Einsame Gipfel, eine unerschlossene Gebirgswelt und aussergewöhnliche Landschaften durften wir auf dem alpinistischen und abenteuerlichen Streifzug durch den Vorderen Orient entdecken. Ein Erlebnis, das uns eindrücklich in Erinnerung bleiben wird.

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