Bergfahrten im Gebiet des Hinterrheins

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Aus den Erinnerungen eines Bergpfarrers.

Mit 2 Bildern.Von R. Lejeune

( Zürich, Sektion Hinterrhein ).

Nachdem ich vier Jahre — von 1915 bis 1919 — in Andeer, der stattlichen Gemeinde am Hinterrhein, als Pfarrer geamtet und auch seit jener Zeit mein liebes Schamsertal immer wieder zu kürzerem oder längerem Aufenthalt aufgesucht habe, wobei ich die Berge dieser Gegend kreuz und quer durchstreifte und wohl gründlicher als irgendein anderer kennen lernte, dürfte sich der Gedanke, einmal zusammenfassend von diesen Bergfahrten zu berichten, wohl rechtfertigen. Es ist ja auffallend, wie wenig bekannt die Berge des Hinterrheingebietes bisher geblieben sind: die recht zahlreichen Kurgäste, die im Sommer Andeer aufsuchen, scheinen es zumeist auf die heilkräftigen Bäder und die nahen Ruhebänklein abgesehen zu haben, höchstens dass sie etwa einmal einen Ausflug auf die Maiensässe, die hoch oben über den Waldhängen einen Kranz um das Tal bilden, unternehmen und dann freilich ganz überrascht sind ob der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Bergwelt, die sich dort oben vor ihren Augen auftut. Im Tale drunten sind es ja nur wenige Stellen, die einen etwas ahnen lassen von diesen Bergen: so, wenn man beim Ausgang der Viamala und dann nochmals kurz vor Beginn der Rofflaschlucht die Surettagruppe mit ihrem Gletscher erblickt oder bei Zillis und Sufers der Felstürme der Pizzas d' Annarosa gewahr wird oder zwischen Zillis und Andeer einmal für ganz kurze Zeit einen Blick auf die Timunkette erhascht; ferner wenn kurz vor der Einmündung des Avner Rheins die schöne Gestalt des Piz Grisch für einige Augenblicke auftaucht oder später auf der Rüti vor Splügen die prächtige Schneepyramide des Tambohorns sich vor einem erhebt, sonst aber bleiben all diese sehr beachtenswerten Gipfel dem, der lediglich der Talstrasse folgt, verborgen. Dass dieses ganze Gebiet aber auch von den eigentlichen Bergfreunden bisher wenig beachtet wurde, konnte ich schon daran erkennen, dass ich auf meinen zahlreichen Bergfahrten fast nie einem Menschen begegnete und dass ich öfters auch wenig oder keinerlei Spuren früherer Besteigungen bemerkte. Erst seitdem die junge Generation unter den Einheimischen selber Lust am Bergsteigen gefunden hat und seitdem in den letzten Jahren insbesondere der Schamserberg recht eigentlich für den Wintersport erschlossen wurde, ist eine spürbare Wandlung eingetreten, wofür zumal die seltsame Veränderung, die das einst so stille, weltabgeschiedene Bergdörflein Wergenstein erfahren hat, und die Erstellung der Cufercalhütte im Gebiet der Pizzas d' Annarosa Zeugnis ablegen.

Wenn ich nun mit den folgenden Ausführungen auf dieses bisher so wenig bekannte Gebiet unserer Alpenwelt aufmerksam machen und ihm neue Freunde werben möchte, so verzichte ich dabei auf eine systematische Darstellung — eine solche liegt ja bereits im Führer durch die Bündner Alpen vor —, vielmehr will ich ganz einfach von meinen eigenen Fahrten berichten, wie ich sie immer wieder, der Eingebung des Tages und der Stunde folgend, in den fünfundzwanzig Jahren meiner Verbundenheit mit dieser Gegend auf alten und neuen Pfaden unternommen habe. Man möge es mir dabei zugute halten, dass ich die alpinistische Literatur gänzlich unberücksichtigt lasse: wie ich meine Wanderungen meistens allein unternommen habe, so habe ich auch nie diese Literatur zu Rate gezogen, gerade das eigene Suchen und Finden der Wege hatte für mich besonderen Reiz, und so stellt denn auch die persönliche Vertrautheit mit diesen Bergen und die Erinnerung an meine Entdeckungsfahrten in denselben die einzige Quelle meiner Schilderungen dar.

Nicht als Alpinist suchte ich seinerzeit Andeer und seine Berge auf, sondern ich hielt meinen Einzug ins Schamsertal als junger Pfarrer, der freilich auch die Freude an den Bergen mitbrachte, als die Andeerer ihn zu ihrem Prädikanten beriefen. Diese Verbindung von Pfarrer und Bergfreund fand schon einen geradezu symbolischen Ausdruck in dem Weg, der mich erstmals ins Schamsertal führte: während wohl alle meine Vorgänger im Amte seit Bestehen der alten Poststrasse durch die Viamala nach Andeer gekommen sind und meine Nachfolger sich dabei bereits des bequemen Postautos bedienten, habe ich das Schamsertal über den Carnusapass hoch oben zwischen Piz Beverin und Bruschghorn betreten, als ich zu meiner ersten Predigt nach Andeer gerufen wurde. Es war im Juni 1915, als ich — damals noch im kleinen abgelegenen Bergdörflein Tenna amtend — die Anfrage erhielt, ob ich nicht eine allfällige Berufung nach Andeer annehmen und mich der Gemeinde in einer Probepredigt vorstellen möchte. Nach kurzer Besinnung sagte ich wenigstens für das letztere zu, denn schon die unmittelbar bevorstehende Geburt unseres ersten Kindes mochte meiner Frau und mir den Gedanken an solch einen Wechsel nahelegen, wollten doch die 1200 Franken Jahresgehalt bei der fortschreitenden Teuerung jener Kriegsjahre auch für die beiden jungen, gewiss recht anspruchslosen Pfarrersleute auf die Dauer nicht mehr ausreichen. So machte ich mich denn am Morgen des 12. Juni auf den Weg, nachdem ich den langen Gehrock sorgfältig im Rucksack verstaut und die schwarzen Sonntagshosen vorsichtig in die schützenden Wadenbinden gezwängt hatte; denn dass ich den Weg über die Berge wählte, war für mich bei dem unerwartet schönen Wetter fast selbstverständlich. Hinten im Safientale schaute ich rasch noch nach meinem einsam hausenden Kollegen und stieg dann steil zur Verdusalp hinan, von wo mich eine mühsame Stapferei durch den tiefen, weichen Schnee über die Carnusaalp und am noch winterlich vereisten Schattensee vorbei zum Carnusapass ( 2603 m ) hinaufführte.Von dieser Höhe blickte ich zum erstenmal ins Schamsertal hinunter, das nun vielleicht für lange Zeit die Stätte meiner Wirksamkeit werden sollte, und es bewegten mich dabei Gedanken, wie sie wohl noch nie einem Touristen dort oben gekommen sind, es hat ja wohl auch noch nie einer in seinem Rucksack einen Gehrock mit sich getragen und während des Schneestampfens eine Probepredigt für den folgenden Tag in seinem Kopfe gewälzt! Gerade diese Gedanken liessen mich auf eine Besteigung des nahen Piz Beverin verzichten, wiewohl mich eine solche eigentlich gelockt hätte, nachdem ich diesen Berg schon während eines Vikariats in Flerden einen ganzen Winter lang stets vor Augen gehabt hatte und ihn auch von meiner Studierstube in Tenna aus so oft in den letzten Strahlen der Sonne hatte aufleuchten sehen. Dem Bergfreund, den ich ja auch jetzt in mir trug, machte ich aber wenigstens die kleine Konzession, dass ich rasch noch zum Piz Tarantschun ( 2767 m ) anstieg, der mir einen schönen Überblick über das Tal und seine Berge bot. Dabei blieben meine Blicke besonders an der trotzigen Kette der Pizzas d' Annarosa mit ihren Steilwänden und Grattürmen hängen, und auch der Gedanke an den nächsten Tag und seine Aufgabe konnte es doch nicht hindern, dass ich mir gleich einige Aufstiegsmöglichkeiten — zumal das grosse Schneeband in der Nordseite der mittleren Gruppe und das steile Couloir westlich des Hauptgipfels — merkte. Auch hinüber zum Piz Curvèr, Gurschus und Grisch, dahinter zum Piz Forbisch und Piatta, zurTimun- und Surettagruppe schweifte mein Auge, und wenn ich diese reiche Auswahl an prächtigen Gipfeln mit der einen Saninagruppe und ihrem « Bösen Fess » verglich, die sich dem Pfarrer von Tenna stets wieder als beinahe einziges Ziel darbot, dann konnte der Wechsel auch den Bergfreund nur locken! Doch — solche Gedanken traten rasch wieder zurück: eilends stieg ich über den schönen breiten Bergrücken, der den hübschen Signalpunkt 2406 m trägt, hinunter nach Wergenstein, und wenn ich auf jenem Rücken meine erste Begegnung mit Romanen und dem Romanischen hatte, so hiess mich in diesem winzigen Bergdörflein eine vom Leid verhärmte Bäuerin — noch hatte sie den Christbaum in ihrer Stube stehen, vor dem sie zum letztenmal mit ihrem verstorbenen Töchterchen Weihnachten gefeiert hatte — mit einer Feierlichkeit willkommen, die mich ganz eigenartig bewegte. Nach einer freundlichen Bewirtung in diesem ersten Dörflein des Schamsertales ging 's mit raschen Schritten vollends ins Tal hinunter, und bald langte ich denn über Casti und Clugin an meinem Ziele an und meldete mich bei Nachtanbruch im Andeerer Pfarrhaus. Was der folgende Tag alles mit sich brachte, gehört nicht in den Rahmen dieser Schilderung, an ihm fiel aber die Entscheidung, die dann im Spätherbst dieses Jahres unsere Übersiedelung nach Andeer nach sich zog.

Trat schon bei dieser meiner ersten Fahrt ins Schamsertal eine gewisse Verbindung von Pfarrer und Bergsteiger in Erscheinung, so ergab sich eine solche bei einem Bergpfarrer eigentlich immer wieder ganz von selbst. Die 17 Kilometer Wegstrecke, die ich bei meinen sonntäglichen Predigten in Andeer, Pignieu und Ausserferrera regelmässig zurückzulegen hatte, und zwar zur Sommers- und Winterszeit, bei Sonnenschein und Schneegestöber, haben freilich mit Alpinismus noch nichts zu tun, wenn auch sportliche Leistungsfähigkeit einem Bergpfarrer mitunter recht zustatten kommt. In einem Winter, da das hochgelegene Avers ohne Pfarrer war, musste ich öfters zu Predigt und Unterricht oder zu einer Beerdigung auch nach Innerferrera und Cresta wandern, wobei ich an solchen Sonntagen nicht nur dreimal zu predigen und eine Kinderlehre zu halten hatte, sondern dazwischen immerhin noch 45 Kilometer im Schnee auf oft ungebahnter Strasse zurückzulegen hatte. Zu einem Bündner Prädikanten, der allen modernen Verkehrsmitteln zum Trotz alte Tradition hochhält, gehörte es damals auch, dass er den Weg zur alljährlichen Synode zu Fuss machte. War ich so schon von Tenna aus über den Albula zur Synode nach Samaden gewandert, so suchte ich nun Parpan über das Stätzerhorn auf und kehrte durch den alten Schyn in mein Tal zurück; die weite Strecke nach Ilanz über Hinterrhein und den noch in tiefem Schnee liegenden Valserberg legte ich gar an einem « Vormittag » zurück, wobei ich freilich Andeer schon um Mitternacht verliess und nach 13stündigem, strengem Marsch am Ziele anlangte. Fast schon touristische Bedeutung aber hatte meine Rückkehr von der Synode zu Fetan, wobei ich mit meinem Avner Kollegen früh in Sils-Baselgia aufbrach, den Lunghinpass über den Pizzo Lunghino ( 2784 m ) erreichte und vom Septimerpass aus erst noch das Forcellinahorn ( 2924 m ) traversierte, bevor wir zur Forcellina hinunterstiegen; da ich nach einem ausgiebigen Abendessen im Pfarrhaus von Cresta schliesslich noch den Weg nach Andeer hinaus zurückzulegen hatte, schloss diese Heimkehr von der Synode immerhin eine Marschleistung in sich, von der sich meine Zürcher Kollegen, die abends nach der Synode sich in den Eisenbahnwagen setzen, kaum eine Vorstellung machen werden. In ähnlicher Weise verband ich meine Freude am Wandern mit der Ausübung amtlicher Pflichten, wenn ich von einem Vortrag in Sarn über die « Lücke » hoch oben in dem vom Beverin ostwärts auslaufenden Kamm und das nahe Zwölf-horn heimkehrte, was einem schon durch den prächtigen Blick über das Schamsertal auf der einen Seite, über den Heinzenberg und das Domleschg auf der andern Seite reichlich gelohnt wird. Doch — genug solcher Andeutungen darüber, wie schon mein Beruf mich immer wieder in der nähern und weiteren Umgegend herumführte, der eigentliche Inhalt meiner Ausführungen soll ja eine Schilderung der Bergfahrten sein, die ich in all den Jahren im Gebiet des Hinterrheins unternahm. Wenn ich mich nun dieser eigentlichen Aufgabe zuwende, so möchte ich den reichhaltigen Stoff nach den verschiedenen Gruppen einigermassen ordnen, statt mich einfach an die zeitliche Reihenfolge der einzelnen Besteigungen zu halten, dürfte sich doch auf diese Weise eher eine gewisse Übersicht über dieses von mir durchstreifte Gebiet ergeben.

Die Beveringruppe.

Schon auf meiner ersten Fahrt ins Schamsertal über den Carnusapass hatte ich die Beveringruppe berührt, und der in jenem Zusammenhang erwähnte Piz Tarantschun stellt einen — freilich recht unbedeutenden — Gipfel dieser Gruppe dar. Der Piz Beverin selbst ( 3002 m ), der schon für das Domleschg die dominierende Stellung einnimmt, ist auch als eigentlicher Beherrscher des Schams anzusprechen, wenn er auch dem Schams eine weit sanftere Seite zukehrt als dem Domleschg und Heinzenberg. Dieser beherrschenden Stellung zwischen den beiden Tälern und seiner leichten Zugänglichkeit verdankt er auch seine grosse Beliebtheit, dürfte er doch der weitaus am häufigsten besuchte Berg des ganzen Gebietes sein. Auf mich freilich hat er gerade wegen seiner sanften Art wenig Anziehungskraft ausgeübt; es verstrichen volle zwei Jahre, bis ich diesem Beherrscher des Tales endlich meine Antrittsvisite machte, und auch diese vollzog sich — wenigstens nach damaligen Begriffen — unter recht ungewöhnlichen Umständen. Es war am Abend des 28. Dezember 1917, als ich — die Skier auf der Schulter — bei wunderbarem Mondschein und 18 Grad Kälte aus dem Andeerer Schulhaus trat, das neben den Schulräumen, der Sennerei, dem Feuerwehrlokal und anderem auch noch die Pfarrwohnung enthielt. Die wackeren Männerchörler, die eben zur Probe anrückten, machten gar verdutzte Gesichter, als ich ihnen auf ihr erstauntes Fragen nach meinem Vorhaben erklärte, die schöne Winternacht zu einer Besteigung des Beverin benützen zu wollen; denn der Gedanke, zur Winterszeit eine Tour auf den Beverin zu unternehmen, hatte damals noch etwas fast Verwegenes an sich. Gerade in dieser Hinsicht hat sich ja wohl die auffallendste Wandlung vollzogen: heute zählen die Hänge des Beverin zu den beliebtesten Skigebieten der Gegend, und auch der Gipfel des Beverin dürfte heute an jedem schönen Tag zwischen Weihnachten und Neujahr Besuch erhalten. In Donath traf ich noch mit den beiden mir befreundeten Schulmeistern Stephan Loringett und Jakob Mani zusammen, die ich für mein Unterfangen hatte gewinnen können, und so stiegen wir denn zu dritt erst nach Mathon hinauf, wo Loringett erbarmungslos einen Freund aus dem Schlafe klopfte, damit er den späten Gästen noch einen wärmenden Kaffee koche. Dann ging 's in mitternächtlicher Stunde zu den Maiensässen von Tgoms hinauf, und da damals Lehrer Godlys schöne Skihütte noch nicht bestand, drangen wir in einen mit Vieh dicht gefüllten Stall ein, um etwas Schutz vor der schneidenden Kälte zu suchen. Ja, die Wärme war so ver- lockend, dass wir uns sogar ein kurzes Ruhestündchen erlaubten, wobei wir freilich mit der Futterkrippe als einzigem zur Verfügung stehenden Plätzchen vorlieb nehmen mussten. Doch vertauschten wir gerne nach einem Weilchen die schwüle Stallatmosphäre mit der klaren Mondnacht und stiegen in prächtiger Wanderung über die glitzernden Hänge zum dürftigen Hüttchen von Nursin hinan und erreichten bei beginnender Morgendämmerung die Einsattelung im Südwestgrat des Beverin, wo die beiden Wege von Glas und vom Schams zusammentreffen. Während im Sommer von hier ein ordentlicher Pfad unweit des Grates zum Gipfel führt, holten wir etwas weiter in die Ostflanke des Berges aus und gelangten ohne Schwierigkeit zum Gipfel. Trotzdem uns hier die Morgensonne begrüsste, liess die Kälte keine Lust zu längerer Gipfelrast aufkommen, und nach kurzem Aufenthalt kehrten wir erst zur erwähnten Einsattelung zurück, um dann in flotter Abfahrt das Tal zu gewinnen, wollte ich doch schon im Gedanken an meine Predigten für Silvester und Neujahr unbedingt zum Mittagessen in Andeer zurück sein.

Erst nach Jahren — am 13. Juli 1923 — suchte ich den Piz Beverin ein zweites Mal auf, und zwar wollte ich einen Aufstieg über den Nordostgrat versuchen, nachdem ich von der NoUenbrücke in Thusis aus eine Möglichkeit, die oberste Wandstufe zu überwinden, entdeckt zu haben glaubte. Um 5 Uhr von Andeer aufbrechend, wanderte ich recht gemächlich über Mathon zum prächtig gelegenen Plateau beim Li-bi hinauf und betrat den langen Kamm, der den Schamserberg abschliesst, in der bereits früher erwähnten « Lücke » ( 2204 m ). In hübscher Wanderung folgte ich dem. aussichtsreichen Kamm über P. 2458 m bis zu seiner höchsten Erhebung, dicht vor der eigentlichen Wand des Beverin. Wie ich es schon vom Tale aus beobachtet hatte, wird diese Wandstufe durch ein Couloir durchbrochen, das sich von der kleinen Einsattelung zwischen dem Gipfel und dem nördlich vorgelagerten, kühngeformten Vorgipfel herunterzieht. Unschwer stieg ich durch das Couloir hinan, benützte dann das rechts gelegene der beiden Kamine, in welche sich das Couloir im obern Teile spaltet, und erreichte bald über eingeklemmte Blöcke und einige wegen Vereisung etwas heikle Stellen das erwähnte Sättelchen, von dem mich wenige Schritte vollends zum Gipfel führten. Beim Abstieg folgte ich dem Weglein bis zur Lücke im Südwestgrat, setzte dann aber meine Wanderung über diesen Grat fort — einen grösseren Abbruch auf der Safierseite umgehend —, bis ich ohne nennenswerten Höhenverlust zum Carnusapass hinüber gehen konnte. Rasch ging 's nun zur Alp Curt-ginatsch hinunter, wo ich beim Sennen noch eine nette Rast hielt; dann kehrte ich über Promischur nach Andeer zurück. Diese Traversierung des Beverin von Osten her bietet — ganz abgesehen von der landschaftlichen Schönheit — immerhin auch für den touristisch Interessierten so viel Anregung, wie man es bei diesem gemütlichen Gesellen kaum erwarten würde.

Ein drittes Mal endlich besuchte ich den Beverin im Sommer 1927 von Präz am Heinzenberg aus, wo ich mit meiner Familie in den Ferien weilte. Diesmal nahm ich meinen 12jährigen Jungen mit mir und hielt mich drum ganz an die vielbegangene, recht lohnende Route über Glas. Dass wir den Abstieg über Promischur wählten und uns auf dem Heimweg noch zu kurzem Besuch in Andeer aufhielten, war für uns eine Selbstverständlichkeit. Diese Beverinbesteigung bedeutete nicht nur für meinen Jungen, der mit diesem « Dreitausender » überhaupt seine erste Bergtour unternommen hatte, ein grosses Erlebnis, sondern brachte auch mir, trotzdem ich mich dabei ganz auf altbekannten Wegen bewegte, eine Genugtuung, war es doch seit einem im Sommer 1924 beim Spiel mit der Andeerer Jugend erlittenen Unfall meine erste Bergfahrt: indem mein Knie sich der Strapaze dieser ordentlichen Tagestour gewachsen zeigte, öffnete sich mir die Bergwelt aufs neue, wenn ich auch mit grösseren Unternehmungen noch eine Reihe von Jahren aussetzte.

Zur Beveringruppe gehören auch das Gelbhorn und das Bruschghorn, zwei Berge, die von der Schamserseite aus im Sommer nicht gerade einladend aussehen, deren Besteigung aber gleichwohl recht lohnend ist, und die zumal im Winter hervorragend schöne Skiziele darbieten.

Das Gelbhorn ( 3039 m ) bestieg ich erstmals am 18. Juni 1917, und zwar hatte diese Tour für mich gewissermassen die Bedeutung einer « Frühlings-Useputzete » — galt es doch für mich vor allem, allerlei von mir abzuschütteln und aus mir herauszuschwitzen, was sich in der langen, strengen Winterszeit in mir angesammelt hatte. So scheute ich denn auch eine gehörige Schneestampferei keineswegs und brach gegen meine Gewohnheit schon geraume Zeit vor Tagesanbruch auf, um den Tag voll ausnützen zu können. In Promischur dämmerte kaum der Morgen, als ich wie ein Schatten an den lieben Hütten vorbeihuschte, und erst als ich auf der Alp Annarosa den Schnee betrat, begrüssten mich die ersten Strahlen der Sonne. Über die noch tief verschneite Alp stieg ich in hartnäckiger Frohgemutheit hinan zur Lücke 2960 m zwischen Gelbhorn und Bruschghorn, von wo ich ersteren Gipfel über den Nordgrat — den mächtigen Gratturm auf der Ostseite umgehend — erreichte. Nun folgte ich dem Gipfelgrat noch bis zu seinem südwestlichen Eckpfeiler, stieg dann dicht neben der ostwärts abfallenden Kante ab, bis sich die das Gelbhornmassiv begrenzende Mauer unschwer überwinden liess. Und wieder ging 's in hartnäckiger Schneestampferei erst zur Fuorcla dil Lai grand ( 2662 m ), dann unter den Wänden der Pizzas d' Annarosa hindurch zur Fuorcla dil Lai pintg ( 2594 m ) hinüber. Ein Skifahrer mag ja den Kopf schütteln ob solch stundenlanger, mühsamer Stampferei im weichen Schnee bei ausgiebiger Junisonne — doch kann mitunter auch eine solche ihren Reiz haben, und jedenfalls erfüllte sie bei mir ihren Zweck. Um aber etwas Abwechslung in die Sache zu bringen, wandte ich mich nun den apern Felsen des kleinen Gipfels nordöstlich der Fuorcla zu und folgte dem ostwärts sich hinziehenden Kamm zum Piz Calandari ( 2559 m ), die bei aller Harmlosigkeit doch recht hübschen Felsen dieser kleinen Erhebung der Länge nach überkletternd, und setzte dann meine Schneestampferei über P. 2543 und 2510 m fort bis zum Piz Vizan ( 2472 und 2372 m ), diesem nächsten, bei seiner das Tal beherrschenden Stellung sehr lohnenden Ausflugsziel von Andeer. Mittler- weile hatte ich Schnee und Sonne recht gründlich ausgekostet, und befriedigt stieg ich über Promischur zu Tale, von der Junisonne derart verbrannt, dass ich noch eine Woche später an der Synode zu Parpan beständig über mein arg mitgenommenes Gesicht interpelliert wurde.

Am 11. September des gleichen Jahres 1917 zog es mich nochmals in dieselbe Gegend. Trotzdem die schon recht kurzen Herbsttage eher zu zeitigem Aufbruch gemahnt hätten, verliess ich diesmal Andeer erst um 9 Uhr vormittags, da ich — um mit gutem Gewissen losziehen zu können — erst noch die Post abwarten wollte. Um Zeit zu gewinnen, benützte ich den kürzern alten Weg nach Promischur und beschleunigte meine Schritte derart, dass ich bereits nach zwei Stunden die Hütte von Nurdain erreichte und meine Mittagsrast schon oben in der Lücke 2773 m westlich des Piz Tuff halten konnte. Nun folgte ich westwärts dem Grat gegen P. 3054 m, der höchsten Erhebung der ganzen Beveringruppe, wandte mich dann aber zunächst über den Carnusagletscher dem Bruschghorn ( 3044 m ) zu, das mir von meiner Tenner Zeit her mit seiner markanten Form so vertraut war. Dann ging 's in hübscher Gratwanderung in der wundervollen Klarheit eines solchen Herbsttages über P. 3054 m zur früher erwähnten Lücke zwischen Bruschghorn und Gelbhorn. Trotzdem sich die Sonne bereits bedenklich dem Horizont zuneigte, konnte ich es mir nicht versagen, rasch noch zum nahen Gelbhorn anzusteigen, wobei ich den Gratturm diesmal westlich umging, da ich auf der Ostseite auf recht unangenehme, zeitraubende Eispartien stiess. Im letzten Abendschein hielt ich auf dem Gelbhorn noch eine wunderschöne Rast, um dann hart über der das Massiv nördlich begrenzenden Mauer ostwärts abzusteigen. Eben trieb der Hirt sein Vieh in der letzten Abenddämmerung zur Hütte, als ich wieder an Nurdain vorbeikam, und in stockfinsterer Nacht eilte ich auf dem mir wohlvertrauten Wege nach Promischur und langte nach genau zwölfstündiger Wanderung an diesem herrlichen Herbsttage wieder in Andeer an.Wird {orlgesetzL )

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