Bergfahrten im Hoch-Dauphiné

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VON ALEXANDER VON WANDAU, WIEN

Mit 4 Bildern ( 91-94 ) Dauphiné ist der Name einer französischen Provinz, die einmal ein selbständiges Fürstentum war, hervorgegangen aus dem ehemals deutschen Königreich Burgund. Die nominell vom deutschen König abhängigen Lehensherrn des Landes wählten als Vornamen immer den Namen Dauphin, der schliesslich auf das von ihnen beherrschte Gebiet überging. Der letzte Dauphin soll ein arger Verschwender gewesen sein; er verkaufte sein Land 1343 gegen eine Rente dem französischen König, Frankreich ist damals erstmalig ins Hochgebirge und bis zur heutigen italienischen Grenze vorgestossen, geopolitisch und historisch gesehen ein Faktum von grösster Bedeutung. Das Dauphiné beherrscht im Osten den ( mit dem Brenner- oder Malojapass an Verkehrsbedeutung vergleichbaren ) Genèvre-Pass nach Italien, im Westen die Rhoneebene, während in der Mitte sich ein Granitgebirge bis zu 4100 m erhebt, ein gleich dem zentralen Kaukasus jäh herausgehobenes Massiv, in welches nur ein Tal hineinführt, das vom Vénéon durchflossene Oisans. Im Winter kaum passierbar führt am Hang der 300 m tief eingerissenen Vénéon-Schlucht eine gar nicht breite Autostrasse die Touristen bis nach La Bérarde, dem letzten Sommerdorf in 1700 m Höhe. Es gibt hier noch keine> Seilbahnen oder Skilifte, auch keine Grand-Hotels und Superkomfort. Die reichen Amerikaner scheinen das Oisans noch nicht entdeckt zu haben. Man hört fast nur französisch sprechen. Die « Alpinisten » werden vorwiegend von der französischen Jugend gestellt. Sie kommen in grösseren Trupps, alle praktisch mit den leichten französischen Daunen-Schlafsäcken ausgerüstet. Bei kleinen Seilgemeinschaften kann man auf welsche Schweizer tippen.

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u 88 Croda dei Torri Photo C. Prato.

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94 Dôwe de la Neige des Ecrins und der Glacier de la Bonne pierre Photos Siegfried Pfister. Humlikon

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95 Weidetörli im Justistal. Touristen, denkt daran: die Weidetörli sollen nach dem Passieren geschlossen werden, damit das Vieh der freien Weide nicht weglaufen kannphoto g. Howau, Urdorf zh Für ausländische Touristen, die von Osten her mit der Bahn kommen, besitzt unser etwa 22 km im Quadrat umfassendes Gebirge nur eine wichtige Einfallspforte: Briançon, angeblich die schönste französische Alpenstadt, deren wichtige strategische Lage Ludwig XIV. erkannt und festungs-mässig ausgewertet hat. Von hier verkehren im Sommer mehrere Autobuslinien über die Pässe zu den französischen und italienischen Schnellzugsstationen ( St-Jean-de-Maurienne bzw. Ulzio ) sowie nach La Grave im Norden und nach Ailefroide ( 1509 m ) im Osten des Gebirges. Als ich 1952 das erste Mal Ailefroide besuchte, standen dort nur ein Hotel und eine kleine Epicerie in einem prächtigen Lärchenwald. Jetzt ist schon eine Hotel- und Campingkolonie hier entstanden, und es fährt der Autobus noch 300 m höher bis zu dem ehemaligen Schutzhaus Pré de Madame Carle ( 1874 m ), wo die letzten Lärchen stehen. Derzeit ist an diesem Chalet-Hotel, eigentlich nur genannt « Refuge Cézanne », refugeartig eigentlich nur die Clo-Anlage, eine Bretterbude über dem Gletscherbach jenseits der Autostrasse. An warmen Tagen sieht man die Mädchen in Bikinis « gehüllt » die Hängegletscher bestaunen, welche der Mont Pelvoux von 3964 m aus nachweislich 2000 m relativer Höhe herunterschickt, so steil, dass man den Kopf zurücklegen muss, um richtig zu sehen. Das ungefähr ist das erste « alpine Erlebnis » der besagten Dauphinéwanderer aus dem fahrplanmässigen Autobus.

Zweieinhalb Stunden talabwärts ist das Dorf Vallouise mit malerischen engen Zickzackgassen, eine bekannte Sommerfrische. Hier steht man aber noch nicht im Bann des Mont Pelvoux. Um diesen Berg zu sehen und überhaupt die ganze Ecrins-Gruppe ( 4100 m ) aus guter Distanz auf mich wirken zu lassen, war es mein Plan, im Jahre 1952 von Vallouise zunächst einmal auf die 2900 m hohe Kalkkette zu gehen, welche das Granitgebirge im Osten begleitet und gleichsam vor dem Blick Unberufener verschliesst. Meine Tour misslang aber. Ich fand den in der Karte eingezeichneten Weg nicht - vielleicht existiert er auch nur auf der Karte - und kam bald in langweiliges Geschröf sonnenverbrannter Kalkhänge. Es wäre besser gewesen, den nächsten Ort namens Pel-voux-Les Claxux ( 1260 m ) als Ausgangspunkt zu wählen, wo sich, nebenbei bemerkt, ein neues Postamt befindet, neben dem in La Grave ( 1474 m ), das höchstgelegene des Gebietes.

Am Fuss des Mont Pelvoux ist ein ausgedehnter Nadelholzwald, in Südfrankreich, wo die Trockenheit einen derartigen Hochwald nicht leicht aufkommen lässt, etwas Besonderes und daher zum Nationalpark erklärt. Wir, das heisst Freund Pauli und ich, waren nach dem Mittagessen in Ailefroide aufgebrochen und wagten wegen der Hitze erst gegen Abend den Wald zu verlassen. Dann aber ging es rasch zum Refuge Lemercier ( 2704 m ) hinauf, das 1961 zu einem komfortablen Schutzhaus umgestaltet wurde und jetzt Refuge du Pelvoux heisst. Auch ein Landeplatz für Hubschrauber fehlt nicht! Nicht weit vom Haus sieht man einen Gletscher aus seiner Schlucht heraus-züngeln. Über die hohe rotbraune Granitwand zur Linken ( Rochers rouges ) soll der Normalanstieg zu dem obersten Firnrevier führen, dem die beiden Pelvoux-Gipfel halbkreisförmig entragen. Von diesem Felsenweg riet uns der freundliche Hüttenwart ab und empfahl die Route W. A. B. Coolidges, des Erschliessers der Dauhiné-Alpen, vom Jahre 1881, durch die Eisrinne in der Südwestflanke. Am nächsten Tag ( wolkenloses Wetterliessen wir vorsichtshalber in der Frühe ein paar ortskundige Seilschaften vorangehen - der Weg ( 1 x/i Std. ) zum « Coolidge-Couloir » ist übrigens leicht zu finden - und vom ersten Col der Führe hatten wir Einblick in die im obersten Teil sehr steile Eisrinne, die durch eine breite Randkluft, nicht ungefährlich gerade in der Mitte, geteilt war. Die eigentliche Gefahr lag aber anderswo. Es war gut, dass wir unangeseilt gingen und so die vorangehenden Partien einholen konnten. Kaum hatten wir mit ihnen das Eis des Couloirs nach links gegen eine Schuttzunge zu verlassen, als schon die Steine, von der obersten Seilpartie losgetreten, in das Couloir herunterprasselten. Wir gedachten nun als letzte Partie des Tages hier abzusteigen und hielten dementsprechend eine ausgiebige Rast auf den beiden Pelvoux-Gipfeln ( 3946 bzw. 3952 m ), nach- 12 Die Alpen- 1964 -Les Alpes177 dem die letzten leichten Schneehänge oberhalb des gefährlichen Schuttfeldes nur mehr ein Vergnügen waren, in Vorfreude auf den zu erwartenden weiten Gipfelblick. Der imposanteste Teil des Panoramas ist m. E. im Westen, wo man in die 6 km lange abschreckend steile Nordflanke der Pelvoux-Ailfroide-Kette zum gewundenen Glacier noir hinabsieht.

In dem im Bergverlag R. Rother 1962 erschienenen Auswahlführer der bemerkenswerten Fahrten im Haut-Dauphiné sind die Nordwandrouten ausführlich beschrieben. Eine derselben verlangt 26 Stunden Aufstiegszeit. Wie ich hörte, werden sie aber wegen Steinschlaggefahr so gut wie nie gemacht. Am besten sieht man diese riesige Nordflanke - sicher eines der beachtlichsten Schaustücke der Alpen - gelegentlich einer Wanderung über den erwähnten Glacier noir zum Col de la Temple ( 3322 m ) mit Abstieg ( hier in der Regel Eispickel nötig !) zum Refuge-Temple-Ecrins ( 2410 m ), einem ebenfalls sehr beliebten Schutzhaus in der Nähe von La Bérarde. Ich habe leider diesen Übergang noch nicht gemacht, wohl aber vom Col de laTemple aus den Pic Coolidge ( 3774 m ), den man in anderthalb Stunden seilfrei erklettern kann. Nur würde ich raten, sich den Weg gut zu merken, damit man beim Abstieg nicht « wie der Esel am Berg steht ». Nächst der Grande Ruine ( 3765 m ) ist der Pic Coolidge m. E. unter den leichteren hohen Dauphiné-Gipfeln der lohnendste. Unvergleichlich ist der Anblick der Ecrins-Südwand, deren Erkletterung eine oft beschriebene « klassische » Tour der 3. Schwierigkeitsstufe ist - mit sieben Stunden Anstiegszeit in teilweise schlechtem Fels -, freilich nicht jedermanns Sache.

Ich machte mit Freund Pauli die Barre des Ecrins ( 4101 m ) über die Nordflanke von der Caronhütte aus. Es war dies unsere « Eingehtour » im Jahre 1962. Les Ecrins sind ein merkwürdiger Berg: gegen Süden zeigt er sich als ein überdimensionierter Felsmonolith, gegen NW ( Bonne Pierre-Tal ) verkleidet er sich mit einem geheimnisvollen Faltenwurf und von NO ( Caronhütte ) gesehen gleicht er einer riesigen Gletscherwanne, die, immer steiler werdend, die drei Spitzen trägt: Dôme de Neige, 4015 m, Pic Lory, 4086 m, und der ausserhalb der Wasserscheide liegende höchste Punkt. Wir waren am Vortag von der Cezannehütte aus aufgebrochen und hatten den Ausflüglerschwarm hinter uns gelassen, der sich mit dem Überqueren der gangbar gemachten Zunge des grossen Glacier blanc zur Tucketthütte begnügt. Über eine Steilstufe in das obere Firnbecken des Gletschers gelangt, glaubten wir uns in eine polare Welt versetzt, überraschend für jeden, der im Dauphiné nur Felstouren sucht. Mitten auf dem Eis, unweit des Caron-Refuge, das auf einem kleinen Felssporn steht, sahen wir zahlreiche Zelte einer französischen Gebirgstruppe. Wir dachten mit geheimer Freude, dass wir dank der Truppenhilfe morgen in der steilen Eisflanke der Ecrins ordentliche Stufen vorfinden würden. Unterdessen erglühte der weisse Berg, immer rosiger werdend, von kleinen Wölkchen eingehüllt in der untergehenden Sonne. Angenehm überrascht waren wir, dass der Hüttenwart in der kleinen, nur aus einem Raum bestehenden Caronhütte Bergsteigeressen abgab. Auch mit der Schönwettervoraussage sollten wir am nächsten Tag nicht betrogen werden. Die Besteigung der Ecrins ist, von den leichten Gipfelfelsen abgesehen, eine reine Eistour, daher von den jeweiligen Verhältnissen abhängig. 1962 war es eine schräg nach links zu querende hohe Eisbarriere, die ohne ausgemeisselte Griffe recht unangenehm gewesen wäre. Beim Abstieg waren wir hier Genfer Bergsteigern dankbar, die uns ihr langes « corde de rappel » benützen liessen. Beim weiteren Abstieg - es war am späten Nachmittag in der Nähe des nach La Bérarde führenden Col des Ecrins ( 3367 msahen wir von jenseits noch drei Bergsteiger heraufkommen, um den Gipfel zu stürmen! Ob sie ihn wohl noch erreicht haben? Von La Bérarde aus hatten sie wohl einen mühsamen fünf Stunden-Aufstieg bis zum Col gehabt.

Wir zwei wollten auch nach dem Bergsteigerzentrum La Bérarde. Den bequemsten Übergang von Osten bietet der Col du Clot des Cavales, dessen Pic Nord ( 3364 m ) mit netten Passagen III. Grades einen weiteren Anziehungspunkt bildet. Wir wählten aber den viel weiter südlich gelegenen Col du Sélé ( 3278 m ). Hinter dem erwähnten Nationalpark folgt am Fuss des Pelvoux ein ödes, steiniges Trogtal, das die schönen Gletscherspitzen in der Höhe kaum ahnen lässt. Es scheint durch eine glattpolierte Felswand gegen Westen abgeschlossen. Versicherungen machen aber die Passage ungefährlich. Oben angelangt ist es angesichts des breitstirnigen Sélé-Gletschers nicht mehr weit zum Refuge du Sélé ( 2699 m ), das durchaus an das Refuge Caron erinnert. Abgesehen von einem französischen Ehepaar war die Hütte voll von Jugendlichen, die am nächsten Tag auf die Ailefroide orientale ( Ostgipfel 3848 m ) gingen. Es ist das der « Hüttenberg ». Um zur westlichen Ailefroide zu gelangen, mit 3959 m der höchste in der ganzen Runde, muss man über den 200 m hohen Schutzhausfelsen zum Sélé-Gletscher hinabsteigen und hat im Aufstieg zum Hauptgipfel bei mässigen Schwierigkeiten - wie mir der Hüttenwart erklärte - einige Mühe mit der Wegfindung. Die hätten wir in Kauf genommen, wenn das Wetter besser gewesen wäre. So aber folgten wir -noch eine Weile hin und her überlegend - dem jungen französischen Paar, mit dem wir zu Abend gespeist hatten, auf den Col du Sélé. Auf dem steilen Teil des Sélé-Gletschers - im Rückblick traten die prächtigen an die Dolomiten erinnernden Spitzen der Ailefroide-Pelvoux-Kette immer majestätischer hervor, während im Vorblick der Col du Sélé sichtbar wurde -, sagte ich gerade zu meinem Kameraden: « Ich möchte trotz der guten Trittspuren lieber in der Gletschermulde links gehen », als vor uns Hilferufe ertönten. Die Kameradin des Franzosen war in eine Spalte gefallen. Der Sicherungspickel war wohl ordentlich in den Firn gerammt, aber es war eine tückische, nach unten sich verbreiternde Spalte, wo die Steigeisen der jämmerlich am Seil Hangenden nicht greifen konnten. Freund Pauli kroch, von mir gesichert, bis zum Rand der Spalte, und mit vereinten Kräften gelang es bald, die junge Frau herauszuziehen, die trotz der relativ kurzen Zeit bereits völlig erschöpft war. Ihre Kräfte reichten aber doch zum Rückweg zur Hütte, während wir auf breiter werdender Spur dem verschneiten Col zustrebten. Von diesem führen Kamine und Platten, die auch schon Opfer gefordert haben, zum mittleren Boden des grossen Pilatte-Gletschers hinab. Die moderne geräumige Pilattehütte ( 2572 m ) liegt jenseits der Gletscherzunge. Der Glacier du Pilatte verdankt seine Klassizität nicht der Ailefroide ( 3953 m ), der Herrscherin an der Ostseite, sondern dem vielzackigen Eisberg Les Bans ( 3669 m ), dem eigentlichen König des Gebietes, nordwärts mit einem gewaltigen Eisbruch prunkend. Diesem wandten wir besorgt den Feldstecher zu, zunächst ohne eine Durchschlupfmöglichkeit zu erkennen. Die Eisverhältnisse waren aber dieses Jahr nicht ungünstig. Gut ausgeruht standen wir am übernächsten Morgen bereits nach drei Stunden Aufstieg oberhalb der Eisklüfte auf dem 3402 m hohen Col, am Fuss der steilen Gipfelfelsen der Les Bans ( Schwierigkeitsstufe II + ), die ein vergnügliches Klettern in warmem Sonnenschein versprachen. Leider waren wir nicht allein. Alpin-Gendarmen, die in der Nacht aufgestiegen waren, verrichteten traurige Bergungsarbeit. Ein Professor aus Stuttgart, der vielleicht wegen einer momentanen Herzschwäche sich von seinem Kameraden losgeseilt hatte, aber dann doch noch weiterstieg, war in den Gipfelfelsen tödlich abgestürzt. Wir stiegen mit seinem Kameraden zu Tal nach La Bérarde. Unweit der ersten Häuser von La Bérarde sahen wir auf einer Wiese den Hubschrauber stehen, welcher den Toten vom Pilatte-Gletscher abholen sollte, aber unverständlicherweise über den Sélé-Gletscher herumgeflogen war. Wir dirigierten ihn zum Refuge Pilatte, da wir wussten, dass die Gendarmen die Leiche über den grossen Eisbruch von Les Bans heruntergeschafft hatten.

Zum Kapitel Pilattehütte wäre noch nachzutragen, dass es dort auch einen leichten Hüttenberg gibt. Man steigt über gefahrlose Schnee- und Schutthänge westlich der Hütte zum Col du Gioberney hoch und in weiteren 20 Minuten auf den Mont Gioberney ( 3352 m ), ein trotz der geringen Höhe ganz ausgezeichneter Aussichtspunkt. Im August 1957 wollte ich vom Col ins jenseitige Muande- Bellone-Tal hinabsteigen, das tiefer ins Valgaudemar umbiegt. Romantische Namen! Ich konnte nicht sogleich die richtige Abstiegsscharte finden, als ich weiter unten Touristen heraufkrabbeln sah. Ihre Bewegungen schienen darauf zu deuten, dass sie mit den Eispickeln in der gerölligen, aus granitisiertem Schiefer bestehenden Wand einen Weg aushacken wollten. Merkwürdige Käuze, denn für die Weganlage hat bereits der französische Alpenklub gesorgt! 1957 bot im Muande-Bellone-Kessel die einzige gute Übernachtungsgelegenheit das Refuge Xavier- Blance in 1400 m Höhe, am Ufer eines steinigen Baches. 250 m weiter oben stand im Rohbau fertig das Hotel « Gioberney », bis zu dem eine Autostrasse gebaut werden soll. Eigentlich schade, denn es wird nunmehr keine Wanderer geben, die die prächtige Flora und die stilvollen, zum Teil bemoosten Hofe des Valgaudemar in Ruhe betrachten werden. Die Lage des Berggasthofes « Gioberney » ( 1650 m ), mit dem Blick auf die berühmte Nordflanke des Sirac, ist freilich einmalig.

Le Sirac ( 3440 m ) ist der am weitesten nach Süden vorgeschobene bedeutende Granitberg, in einer kontrastreichen Landschaft. An seinem Westfuss liegt inmitten sanfter Liasschiefer und Rhododendrongebüschen ein reizender kleiner See, mit dem vorzüglich eingerichteten, aber unbeaufsichtigten Refuge Vallon Pierre ( 2271 m ), von Norden grüssen die wilden Gesellen des Oisans herüber. Um auf den Sirac zu gelangen, muss man sich zunächst durch die groben Blöcke eines Bergsturzes, an der Westseite, durcharbeiten. Direkt durch die Nordflanke ( Schwierigkeitsstufe III ) soll es nicht viel länger sein als über den umständlicheren Normalweg ( 41/2 Std. von der Hütte ), doch letzteren wählte die Alpinistengruppe aus Innsbruck, der ich mich damals anschliessen durfte. Nach Überschreitung des harmlosen Glacier-Vallon Pierre, der einer Terrasse aufliegt, beginnt eine mässig schwierige Felskletterei über Wände und Grate, mit Blick auf die südliche Landschaft unter dem tiefblauen Dauphinéhimmel. Dennoch ist es schwer zu erklären, warum gerade diese Tour einen besonders starken Eindruck hinterlässt.

Wie erwähnt erblickt man im Norden den südlichen Begrenzungskamm des Hochdauphinés. Die drei auffallendsten Gipfel sind hier Les Bans, Les Rouies und weiter im Osten der Olan. Der zweitgenannte Berg ( Les Rouies, 3589 m ) hat eine zentrale Lage und entspechend ein gutes Panorama. Der Aufstieg von Süden ( vom Refuge Muande-Bellone, 2150 m, 5 Std. ) ist - von einem Firncouloir abgesehen - ungefährlich. Die letztgenannte ( unbewirtschaftete ) Hütte, 1% Stunden oberhalb des Gioberney-Hauses, ist in zweierlei Hinsicht überraschend: die Schlafstellen liegen ( durch eine Bretterwand geschützt ) unter einem Felsen, und das Ganze verdankt man der Forstaufsichts-behörde « Eaux et Forêts »!

Am meisten hätte mich eine Besteigung des Olan ( 3577 m ) gereizt. Er gehört zu den klassischen Dauphinébergen mit nur einem nicht zu schwierigen und nicht zu langen Aufstieg von SO, von der Olanhütte. Dieselbe war aber leider zerstört bzw. noch nicht wieder aufgebaut. 1962 wollte ich mit meinem Freund den klassischen N-Grat ( Stufe III ) machen. Von dem Ausgangspunkt für diese Tour, der Laveyhütte, sind es acht Stunden Aufstieg, und wir glaubten deswegen, Biwakausrüstung mitnehmen zu müssen. Diese hatten wir uns mit der Post nach La Bérarde ins Hotel « Des Glaciers » vorausschicken lassen, doch war hier nichts von unserem Gepäck zu entdecken, wohl aber im Verkehrsbüro ein Zettel des Postamtes Venose, wonach das Paket nicht die vorgeschriebenen Masse habe und daher nicht weiterbefördert werden könne. Dabei hatte der Beamte im Absendepostamt ( Pelvoux—Les Claux ) selbst den Packkarton gegeben! Also zogen wir ohne Biwaksack zum Refuge de la Lavey ( 1800 m ) im an die Hohen Tauern erinnernden Lavey-Tal und begnügten uns mit der Aiguille des Arias ( 3403 m, Aufstiegszeit 5 Std., davon 2 Std. Kletterei in einer Art Schluchtwand, dann über den Südgrat ). Vom Gipfel sieht man sehr schön die 1100 m hohe NW-Wand des Olan, eine berühmte « Vier»-Führe.

Der 1962 herausgegebene Dauphiné-Auswahlführer nennt unter den fünf besonders empfehlenswerten Touren nahe der III. Schwierigkeitsstufe den Grat Arias-Bec du Canard. Wir hatten Gelegenheit, eine französische Seilschaft bei dieser Gratüberschreitung zu beobachten. Es waren gewiss tüchtige Leute, aber die ganze Überschreitung war ihnen doch zu viel. Sie liessen den mittleren Teil aus, in dem sie sich bis zum Gletscher unter der erwähnten Schlucht abseilten und dann direkt den Anstieg auf den Canard ( 3269 m ) ausführten, von wo der Rückweg nur mehr mässig schwierig ist. Beneidenswert sind die .Hasen, Enten, Schweine usw. der Laveyhütte, die sich um Derartiges keine Sorge machen.

Parallel zum Lavey-Tal führt nächst La Bérarde das Vallon des Etages südwärts. Zur Rechten hat man die Tête des Fétoules ( 3459 m ), ein von der Laveyhütte aus gern bestiegener, unschwieriger Gipfel, und im Hintergrund, über einem steilen Gletscher, die gewaltige N-Wand der Pointe du Vallon des Etages ( 3564 m ), laut Führer ein herrlicher vielbesuchter Aussichtsberg. Den wollten wir zwar nicht über die 600 m hohe N-Wand ( V. Schwierigkeitsstufe ), wohl aber über den Normalweg ( II. ) von Osten angehen. Auch aus dieser Richtung war uns der Berg wiederholt wie ein kleines Matterhorn erschienen. Wir nächtigten als einzige Besucher ( trotz des herrlichen Wettersin der Cabane Plan-du-Carrelet ( 1908 m ), welche die meisten wohl nur als Jausenstation am Weg von La Bérarde zur Pilatte- oder Templehütte kennen. Es bestätigte sich unsere Vermutung, dass die Pointe du Vallon nicht so oft gemacht wird. Dies aber zu Unrecht, denn es handelt sich um eine besonders abwechslungsreiche Tour. Man ist in einer gewissen Spannung, weil man gelegentlich des Aufstieges ( über drei Stockwerke von verschiedenen Gletschern ) zwar schöne Talblicke hat, der Gipfel selbst aber lange versteckt bleibt. Irreführend ist im neuen Führer die Empfehlung der S-Flanke. Wir waren dessenungeachtet zu Mittag oben und hatten wieder eine prächtige Aussicht, die ich sogar jener der oft besuchten Rouies vorziehen würde; auch die nahe Aiguille de La Bérarde ( 3419 m ) ist nicht so günstig. Dieser Berg ist laut dem « Guide bleu » eine beliebte « Eingehtour », aber meines Erachtens nichts für führerlose Anfänger.

Wer bereits etwas trainiert nach La Bérarde kommt, beginnt mit dem Pic Gény ( 3435 m ) im Etancon-Tal, II. Schwierigkeitsstufe, oder geht auf dem neu hergerichteten Weg - z.T. in wilder Schlucht - zur Soreillerhütte ( 2700 m ) am Südfuss der Aiguille Dibona ( 3130 m ). Ich kann bestätigen, dass diese « Nadel », sie trat beim Hüttenzustieg im zarten Rosa der untergehenden Augustsonne aus dem Nebel heraus, ebenso faszinierend wirkt wie die berühmte Guglia di Val Montanava in den cadorischen Dolomiten. Die vielen Tourenmöglichkeiten, welche das 1957 erbaute, aber oft überfüllte Refuge Soreiller bietet, haben sich in der Literatur noch nicht herumgesprochen. So erwähnt z.B. der im Rother-Verlag 1962 erschienene Führer nicht den Hauptgipfel der Gruppe, die Aiguille du Plat ( 3600 m ), ein besonders prächtiger, nicht ganz leichter Berg. Mit Recht viel bestiegen wird nächst den Vorgenannten die Aiguille Centrale du Soreiller ( 3340 m ), die nördlich der Aiguille Dibona aufragt. Die « Hier Stelle » des Normalweges ist wohl kurz, aber die Berufsführer tun gut, wenn sie für diese auf längere Sicht senkrechte Stelle in der Südwand 60 Meter Seil mitschleppen. Die ganze Gegend wirkt trotz der ( auch von Norden ) abweisenden Aiguille Dibona ( III. Grad ) viel freundlicher als andere Hüttengebiete, auch als das benachbarte Etancons-Tal ( mit der Promontoirehütte, 3092 m ) nordwärts von La Bérarde, welches Tal seinen Ruhm von der Meije-südwand bezieht. Diese verlangt schon überdurchschnittliche Ausdauer und Kletterfertigkeit ( III ). Wer sich mit dem Kennenlernen der Gegend begnügen will, mag zufrieden sein mit dem Pavé ( 3824 m, 4y2 Std. von der Promotoirehütte, II. Schwierigkeitsgrad ) oder mit dem noch leichteren Râteau ( 3809 m ). Von diesem sieht man eine charakteristische, aber eigentlich für das Dauphiné nicht kennzeichnende Landschaft: die weiten Gletscherflächen der Glaciers de la Girose und de Lans, jenseits des Romanche-Flusses bei La Grave die sanften Flyschhänge des Goléon-Massivs mit den merkwürdigen drei Arves-Spitzen und in der Ferne die glitzernde Mont Blanc-Kette; im Gegensatz hiezu der Nahblick auf die schrecklich zerfurchten N-Wände der Aiguille Plat und ihrer Nachbarn du Soreiller. Die Wanderung von La Grave über die idyllische Cabane de Chancel ( 2508 m ), die Gletscherkuppe, Dôme de la Lauze ( 3568 m ) mit wunderbarer Aussicht und entlang des S-Randes des grossen Mont-de-Lans-Gletschers zu den entzückenden kleinen Seen beim Refuge du Lac-Noir mit Abstieg über die grossen Stufenblöcke in die Gorge du Diable hinunter nach St- Christophe-en-Oisans ( 1500 m ), bereits im Vénéon-Tal, gehört mit zum Schönsten im Dauphiné.

In St. Christophe ist das Grab des 1885 verunglückten Dr Emil Zsigmondy aus Wien, dessen Name immer mit der Besteigung der Meije verbunden ist, dieses « 13 000ers » der Alpen, so nennen die Engländer unsere « 4000er », der ebenso einmalig ist wie das Matterhorn, aber im Gegensatz zu diesem die Schwierigkeiten noch nicht durch fixe Seile vermindert hat. Hat man die S-Wand der Meije gesehen ( von La Bérarde ist es nicht weit ), so ist es unerlässlich, auch einmal den Sonnenuntergang in der NW-Seite bei La Grave zu erleben. Unter günstigen Verhältnissen ist sogar eine Besteigung des Ostgipfels der Meije ( 3891 m ) nicht besonders schwierig, aber jedenfalls eine lange Eistour. Ich hatte hier leider Missgeschick Einmalig soll der Blick vom Ostgipfel zum Mittelgipfel sein, den die Franzosen « Finger Gottes » nennen.

Nach einem Abstecher von La Grave zu der eingangs erwähnten Grande Ruine bei der Alphütte wollten wir noch eine andersartige Landschaft des Haut-Dauphiné sehen, die Grenzlandschaft gegen Savoyen, und hiezu die Aiguille Centrale d' Arves besteigen. Sie besteht - geologisch merkwürdig - aus tertiärer Nagelfluh. Eine alte Römerstrasse führt an romanischen Kapellen vorbei von La Grave nordöstlich durch das wohlbestellte Moriau-Tal hin. Aber damit war uns nicht genug geholfen, denn wir konnten die Kletterbeschreibung in unserem alten österreichischen Alpen-klubführer nicht verstehen. Ich befragte den Pfarrer in La Grave, einen richtigen Bergsteiger-Curé, dann den Monsieur Carraud in Les Hières ( 1788 m ), den Eigentümer der ( anstelle des durch eine Lawine zerstörten Refuge Lombard erbauten ) kleinen Unterkunft mit 33 Schlafplätzen im obersten Moriau-Tal ( 2480 m ). Es wurde uns von einem gefährlichen Eishang unter dem Gipfelgrat erzählt und für den Fall, dass wir auf die Aiguille méridionale d' Arves ( 3514 m ) steigen, wegen des herrschenden starken Windes vor dem berüchtigten, ausgesetzten « mauvais pas » gewarnt. Tatsächlich sind wir in dem argen Sturm nur auf den vorgelagerten Gletscherberg Goléon ( 3436 m ) gekommen Glücklicherweise war der Blick nach Süden frei. Er umfasste das ganze Oisans mit den wunderbaren Bergen, die dem bescheidenen Wanderer ebenso wie dem extremen « Felsmann » reichstes Bergerleben vermitteln können.

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